Marc von Bandemer - Die politische Publizistik Georg Kerners


1. EINLEITUNG

1.1. Georg Kerner als Publizist

Georg Kerner gehörte einer Generation an, die wie keine zweite von den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen in Europa vom 18. auf das 19. Jahrhundert bestimmt wurde. Sein Werdegang war auf das engste mit der Französischen Revolution verknüpft. Er war Augenzeuge der Ereignisse in Paris und engagierte sich auch außerhalb Frankreichs für die Ziele der Revolution. Kerner hinterließ neben seinem Briefwechsel eine umfangreiche politische Publizistik, die die Geschehnisse und Zusammenhänge der Französischen Revolution aus seiner Sicht widerspiegelt und somit sein Denken dokumentiert. Die systematische Analyse dieser Publizistik ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

1.2. Die Bedeutung Georg Kerners

Die Interpretation Kerners journalistischer Tätigkeit ist für die Erforschung dieser Epoche relevant, da sie zeigt, wie das Revolutionszeitalter von einem Angehörigen dieser Generation erfahren wurde. Anhand seiner Texte wird das politische Denken Georg Kerners beleuchtet, zumal er, wie bereits Adolf Wohlwill feststellte, "unter den deutschen Parteigängern der großen französischen Bewegung von einer gewissen typischen Bedeutung ist".(1)

Es waren jene Publizisten, zu denen neben Kerner Augenzeugen der Revolution zählten wie Johann Wilhem von Archenholz, Anton von Halem, Konrad Engelbert Oelsner oder Johann Friedrich Reichhardt, über die der Informationstransfer nach Deutschland verlief. In den Bann der Geschehnisse in Paris gezogen, prägten diese Korrespondenten das Bild von der Französischen Revolution in Deutschland. Sie nahmen entscheidenden Einfluß auf das politische Bewußtsein ihrer Leserschaft. So schreibt die Analyse der zeitgenössischen Publizistik auch ein Stück Mentalitätsgeschichte Deutschlands am Ende des 18. Jahrhunderts.

Für dieses Forschungsfeld bietet sich Georg Kerner an, da in jüngster Zeit eine Reihe von Veröffentlichungen zu Teilaspekten seines Lebens erschienen sind, die hier zusammengefaßt die biographischen Kenntnisse vertiefen. Die Untersuchung bisher unveröffentlichter Berichte dieses Publizisten steht in ihrer Gesamtheit noch aus.

1.3. Was ist der Deutsche Jakobinismus ?

Die Frage nach der publizistischen Rezeption der Französischen Revolution und deren Auswirkungen auf das politische Leben im Nachbarland wirft zugleich das Problem des sogenannten "deutschen Jakobinismus" auf. Dieses Phänomen ist erst seit Ende der sechziger Jahre ein eigenständiges Objekt der bundesrepublikanischen geschichts- und literaturwissenschaftlichen Forschung.

1.3.1. Deutscher Jakobinismus in der Forschung

War bereits in Deutschland die zeitgenössische Deutung des Jakobinerbegriffs sehr problematisch (2), so sind bis zum 2. Weltkrieg die Vertreter des deutschen Jakobinismus von der Historiographie ignoriert, verfemt oder als Marginalie (3) betrachtet worden. Die deutschnationale Geschichtsschreibung, die in der von oben vollzogenen Reichseinigung den Höhepunkt der nationalen Geschichte sah, glaubte in demokratischen Traditionen ein dem "Deutschen" wesensfremdes Staatsprinzip zu erkennen(4). Jüngere Arbeiten zur deutschen Geschichte haben dem Jakobinismus wenig Bedeutung geschenkt und behandelten ihn als eine Randerscheinung(5). Wissenschaftler aus England, Amerika, Frankreich und der Schweiz(6) machten zwar den Einfluß der Französischen Revolution auf Deutschland zum Gegenstand ihrer Forschungen. Ihr Interesse war aber geistesgeschichtlich orientiert und galt den Auswirkungen auf Philosophie und Literatur. Soziale Bestrebungen und Emanzipationen wurden nicht berücksichtigt(7).

Die Forschung in der Bundesrepublik während der 50er und frühen 60er Jahre brachte wenige Studien über den deutschen Jakobinismus hervor. Es handelte sich um Arbeiten biographischen oder lokalgeschichtlichen Charakters sowie um jene Werke, die Erscheinungsformen und Zusammenhänge von demokratischen, liberalen und frühkonservativen Strömungen in Deutschland auszumachen suchten(8). Neben Autoren, die der deutschen Jakobinerbewegung weiterhin mit konservativen Ressentiments gegenüberstanden, kam die Forschung nun zu Ergebnissen, die Leben und Werke der deutschen Jakobiner würdigten, da sie die Ereignisse unter dem Gesichtspunkt des gesellschaftlichen Fortschritts beurteilten(9).

1.3.2. Die moderne Jakobinismusforschung

Der Impuls zur modernen Erforschung des deutschen Jakobinismus ging aus der damaligen DDR von Heinrich Scheel mit seinem Werk über die süddeutschen Jakobiner aus(10). Die Arbeit Walter Grabs über norddeutsche Jakobiner lieferte wenige Jahre später die westdeutsche Entsprechung(11). Die Ansätze beider Autoren waren von den jeweiligen gesellschaftlichen Prämissen ihrer Staaten bedingt.

Scheel beabsichtigte "ein Stück Geschichte des Klassenkampfes der feudal ausgebeuteten und unterdrückten Volksschichten gegen die bestehende und für die Errichtung einer bürgerlichen Gesellschaftsordnung"(12) zu schreiben, um damit "den Kampf der deutschen Arbeiterklasse um eine demokratische Entwicklung Deutschlands nach innen und außen durch die Aufdeckung der revolutionären und demokratischen Traditionen des deutschen Volkes zu unterstützen"(13). Gemäß des Forschungsansatzes einer historischen Demokratieforschung Grabs steht in der Bundesrepublik das Aufdeken dieser Traditionen "im Interesse der demokratischen Bewußtseinsbildung"(14).

Die bundesrepublikanische Forschung brachte keine konsensfähige Interpretation des deutschen Jakobinismus hervor. Die Erfassung des Gegenstandes über idealtypische Klassifizierungen einzelner Protagonisten oder Personengruppen, ließ ein vielschichtiges Bild von der Ausprägung des Jakobinismus in Deutschland entstehen. Aus unterschiedlichen Rezeptionsansätzen setzte sich ein komplexer Kriterien- und Definitionskatalog zusammen, der Theorie und Praxis der deutschen Jakobiner beleuchtet(15).

Die Definitionen erfolgten über eine grundsätzliche Differenzierung der deutschen Jakobiner in "liberale Reformer" und "revolutionäre Demokraten"(16). Die Einstellung zu einzelnen Aspekten wie die revolutionäre Auslegung der Theorie der Volkssouveränität mit der Legitimierung von Gewalt, der Verteidigung der jakobinischen Diktatur von 1793/94 oder die Forderung nach Befreiung der Völker, lieferten Deutungsmuster für die deutschen Jakobiner(17). Die Identifikation mit dem französischen Jakobinismus und die Organisation in politischen Klubs wurde ebenso zur Bestimmung des deutschen Jakobinismus herangezogen(18).

1.4. Welche Position nahm Georg Kerner ein ?

Obwohl einer sich stärker an Personen orientierten Ideengeschichte ein methodischer Traditionalismus vorgeworfen wird, da sie "auf die Diskussionsergebnisse des Problemzusammenhanges zwischen Gesellschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Strukturgeschichte und soziologischer Theoriebildung nicht tiefer"(19) eingeht, ist es nötig, die Aktionsbereiche des Jakobinismus zu erfassen und inhaltlich zu analysieren. Daß heißt, es muß für jeden einzelnen der Akteure individuell untersucht werden, wie die Ereignisse in Frankreich erfahren und interpretiert sowie welche Einstellungen gegenüber Einzelfragen eingenommen wurden.

Dazu ist es notwendig, Parallelen und Unterschiede zwischen Auffassungen und Gesinnungen in dieser Personengruppe herauszuarbeiten, um einzelne Persönlichkeiten in dieses Feld einzuordnen und das Bild des Jakobinismus' weiter zu differenzieren. Für Georg Kerner ist diese Fragestellung von der Jakobinismusforschung noch nicht ausreichend überprüft worden.

1.5. Georg Kerner in der Forschung

Bereits Karl August Varnhagen von Ense erkannte die Außergewöhnlichkeit von Georg Kerners Persönlichkeit und Leben: "Es wäre der Mühe wert, daß dieser Mann sein eigenes Leben schriebe, wozu doch seine praktische Rastlosigkeit ihn schwerlich gelangen läßt."(20) Erste biographische Arbeiten über Kerner entstanden in seiner Verwandtschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die zuerst über Kerners Leben handschriftlich verfaßten Aufzeichnungen von seiner Gattin Johanna Friederike Kerner, geborene Duncker, befinden sich noch heute in Familienbesitz(21).

Im Rahmen seiner Jugenderinnerungen "Bilderbuch aus meiner Knabenzeit" räumte Justinus Kerner seinem 16 Jahre älteren Bruder breiten Raum ein(22). Wie wenig der Dichter in dem Porträt, das er von seinem Bruder zeichnete, Georg gerecht wurde, hat bereits Adolf Wohlwill dargelegt(23) . Justinus arbeitete unkorrekt und nachlässig(24). Dazu läßt sich hinter dem bewußten Streichen von explizit auf deutsche Verhältnisse bezogene, fürstenfeindliche Aussagen Georg Kerners politische Rücksichtnahme vermuten(25).

Die erste Monographie zu Georg Kerner, deren Veranlassung in wissenschaftlicher Erkenntnis lag, stellt das Werk Adolf Wohlwills dar(26). Es ist zugleich die bisher einzige umfassende Biographie über ihn. Wohlwills Verdienst besteht darin, den Lebensweg Kerners nachgezeichnet zu haben: Er erschloß den Privatnachlaß, der ihm vollständig zur Verfügung stand. Damit wird dieser Arbeit vor allem wegen der vielen Quellenhinweise ein unverzichtbarer Rang beigemessen. Wohlwill unterließ es jedoch, das politische Wirken seines Protagonisten zu analysieren und wertete die ihm bekannte Publizistik Kerners nur unter dem Gesichtspunkt des biographischen Interesses aus(27).

Die fast zeitgleich mit Wohlwills Werk erschienene, ausführliche Studie Wilhelm Langs über Georg Kerner berücksichtigte weiteres Quellenmaterial(28). Lang kam aber genausowenig wie Wohlwill über eine Beschreibung Kerners Charakters und seiner Persönlichkeit hinaus. Beide Autoren stellten ihn als begeisterten Revolutionsanhänger dar. Sie registrierten seine Nähe zu den Girondisten sowie seinen Haß sowohl auf die Jakobinerherrschaft als auch später auf Bonaparte. Eine detaillierte Analyse des politischen Denkens Georg Kerners durch die quellenkritische Interpretation seiner journalistischen Schriften unternahm keiner der Autoren.

Auf der Basis der Arbeiten von Wohlwill und Lang fand Kerner in der Folgezeit in einigen Werken mit unterschiedlichen Thematiken auf wenigen Seiten Berücksichtigung(29). Heinrich Scheel präsentierte in seiner Studie über Süddeutsche Jakobiner keine neuen Forschungsergebnisse, sondern referierte bereits Bekanntes(30). Erst Walter Grab stellte Kerner als Initiator der "Philanthropischen Gesellschaft" in Hamburg mit neuen Ergebnissen vor(31).

Anhand der Buchausgabe von Kerners in der Zeitschrift "Klio" abgedruckten Briefen(32) schilderte Grab ihn als aktiven Republikaner und Demokraten. Er arbeitete heraus, wie feindselig der Revolutionsanhänger sowohl der Monarchie, dem Klerus als auch der Jakobinerdiktatur gegenüberstand. Dazu hob Grab Kerners Affinität zum besitzenden Bürgertum und seine Distanz zu den unteren Volksklassen hervor. Diese pointierte Charakterisierung, die auf einem Ausschnitt Kerners Veröffentlichungen beruht, wird dem Anspruch einer umfassenden Interpretation der politischen Positionen in der Publizistik Kerners nicht gerecht.

Die erste moderne Vorstellung des Lebens und Werks Kerners durch Hedwig Voegt(33) zeigt zugleich die Problematik des Deutschen Jakobinismus auf. Mit der Herausgabe von zahlreichen Lebenszeugnissen rückte die Wissenschaftlerin Georg Kerner in das Bewußtsein der Historiker. Doch im Hinblick auf die aufgezeigte Problematik der Jakobinismusforschung blieb Frau Voegt die Erklärung schuldig, warum sie im Titel ihrer Quellendokumentation Kerner schlicht als "Jakobiner" einstufte, obwohl sich Kerner zu den "Girondisten" zählte(34). In ihrer einleitenden Kommentierung der veröffentlichten Publizistik stellte Voegt zwar einen Widerspruch in Kerners Haltung fest(35), kam aber nicht über die inhaltliche Zusammenfassung der Texte hinaus.

Jüngere Arbeiten befaßten sich mit einzelnen Episoden aus Kerners Leben. Axel Kuhn(36) widmete ihm ein Kapitel über sein Wirken an der Hohen Carlsschule. Helmut G. Haasis(37) ging auf die Straßburger Zeit sowie die Aktivitäten während seines Schweizer Exils ein. Uwe Schmidt(38) und Uwe Jens Wandel(39) entdeckten Kerners Ideen und Projekte zur Revolutionierung Württembergs und stellten diese vor.

In seinem Werk über die Frankreich-Reiseliteratur behandelte auch Thomas Grosser Kerners Erfahrungen mit der Französischen Revolution(40). Grosser stützte sich wie Grab auf Kerners Artikel in den Zeitschriften "Klio" und "Frankreich", die bereits durch Wohlwill bekannt sind. Grosser betonte Kerners Festhalten an der revolutionären Idee, obwohl ihm die Schwierigkeiten der Lage in Paris durchaus bewußt waren. Gemäß Kerner zeichnete sich dafür vor allem die Schwäche des Bürgertums verantwortlich. Er erkannte einen Prozeß im Denken Kerners, in dem die positive Grundeinstellung mehr und mehr von Skepsis bestimmt wurde(41).

Am weitesten über eine Etikettierung Georg Kerners kam Hans-Werner Engels mit seinen Arbeiten durch die bisher differenziertesten Zugriffe auf diese Persönlichkeit hinaus. Neben einer Untersuchung der Philanthropischen Gesellschaft(42) in Hamburg sind hierbei vor allem seine Aufsätze über Kerners Reisen zu nennen(43).

Engels Anspruch war es, die Grundmuster und Eigenarten im kernerschen Denken zu erkunden. Der Autor bewies weit über die bisherigen Kenntnisse hinausgehend, wie sehr ein "unerschütterlicher Glaube an die Verbesserung des Menschengeschlechts"(44) Texte und Handeln dieses Revolutionärs bestimmten. Er stellte ihn in die Tradition der Aufklärung und zeigte, wie schwierig es ist, Kerners Position eindeutig zu bestimmen: obwohl er sich zunehmend für strengste revolutionäre Disziplin aussprach, war er doch im engsten Sinne kein Jakobiner, wenn er die Volksmassen des politischen Handelns für unfähig hielt(45). Engels wies darauf hin, daß es den Blick über Kerner hinaus zu anderen Persönlichkeiten des deutschen Jakobinismus bedarf, um zu einer abschließenden Interpretation seiner Publizistik gelangen zu können(46).

1.6. Vorgehen

Kerner erlebte die Revolution in allen zeitlichen Etappen. So waren seine Einstellungen und deren Entwicklung abhängig vom historischen Ablauf der Revolution. Daher nimmt in diesem Zusammenhang der chronologische Zugriff auf Kerners Publizistik das richtungsweisende Element im Gliederungsaufbau ein.

Um die persönlichen Voraussetzungen der politischen Publizistik darzulegen, werden im ersten Kapitel die Herkunft, Bildung sowie die frühen Berührungen Georg Kerners gegenüber der Französischen Revolution auf der Basis der bekannten Forschungsergebnisse erörtert.

Bei der Analyse Kerners Schriften stellt die Strukturierung nach inhaltlichen Aspekten ein maßgebliches Vorgehenskriterium dar. Daher erfolgt hier zur Systematisierung der Interpretation die Auswertung der Publizistik unter zwei primären Gesichtspunkten. Zunächst werden in einem ersten Schritt die Entwicklungslinien in Kerners Rezeption der Tagespolitik und -ereignisse aufgezeigt. Darauf aufbauend gilt es, die Leitmotive seiner politischen Weltanschauungen herauszuarbeiten.

1.7. Georg Kerners publizistische Produktion

Georg Kerners bisher bekannte politische Publizistik ist weit verstreut, war aber in den meisten Fällen für diese Untersuchung verfügbar. Unter "politischer Publizistik" werden jene schriftlichen Zeugnisse verstanden, die Kerner selbst zur Veröffentlichung vorgesehen hatte. Neben den Artikeln, die ausschließlich im Sinne einer journalistischen Tätigkeit verfaßt wurden, gab Kerner auch Teile seiner privaten Korrespondenzen, insbesondere an den Jugendfreund Johann Gotthard Reinhold, heraus.

Ein erster veröffentlichter Bericht von Kerner aus seiner Straßburger Zeit vom 30. Juli 1791 findet sich in der Zeitschrift "Geschichte der gegenwärtigen Zeit" über eine Reise nach Baden Baden(47). Helmut G. Haasis hat dieses Zeugnis entdeckt und veröffentlicht(48).

Kerners Korrespondententätigkeit in Paris bis zu seiner Flucht in die Schweiz für die Zeitschrift "Hamburgische Neue Zeitung" wird in dieser Arbeit nachgewiesen. Sechs "Briefe aus Paris", geschrieben nach Kerners Rückkehr aus dem Exil, wurden erstmals in der Zeitschrift "Klio" abgedruckt(49). Die im Anschluß verfaßten sieben "Briefe, geschrieben auf einer Reise von Paris nach den Niederlanden" veröffentlichte er in der Zeitschrift "Frankreich"(50).

Beide Brieffolgen erschienen darüber hinaus unter dem Titel "Briefe über Frankreich, die Niederlande und Teutschland. Geschrieben in den Jahren 1795, 1796 und 1797" als vierteilige Buchausgabe in Altona(51). Die beiden ersten Bände enthalten die Reportagen aus der "Klio" und wurden von Hedwig Voegt wiederveröffentlicht. Das Original des ersten Bandes, der die ersten vier Briefe aus Paris beinhaltet, konnte für diese Arbeit herangezogen werden. Laut Voegt gelten die Bände drei und vier als verschollen(52), doch zumindest ist der dritte Teil durch Hans-Werner Engels nachgewiesen(53). Da Kerner die Briefe der Buchausgabe "durchlesen und, [...] mit einigen Verbesserungen und mehreren Noten bereichert"(54) hat, werden sie quellenkritisch überprüft und inhaltliche Abweichungen der beiden Ausgaben vermerkt.

Zwei Parisaufenthalte im März 1796 sowie vom August bis November 1797 waren Anlaß für Kerner, seine auf den Rückreisen nach Hamburg entstandenen Schreiben zu veröffentlichen. In der Zeitschrift "Die Geißel" wurden "Neue Briefe, geschrieben auf einer Reise durch Deutschland, Holland und Frankreich" abgedruckt(55). Über einen Vergleich mit einem Schreiben Kerners an Talleyrand vom November 1797(56) konnte Hans-Werner Engels rekonstruieren, daß Kerner der Verfasser der "Briefe, geschrieben auf einer Reise von Paris nach Deutschland" in der Periodika "Frankreich" war(57).

Auch während seiner Hamburger Jahre von 1795-1798 war Kerner publizistisch tätig. 1797 trat Kerner als Übersetzer und Herausgeber einer Rede von Honoré Riouffe vor dem Jakobinerklub in Paris in Erscheinung(58). Im Rahmen seines Engagements für die von ihm gegründete Philanthropische Gesellschaft entstanden zwei Veröffentlichungen. Es handelt sich um eine Rede Kerners "Ueber den Zustand Italiens, im Sommer 1798" aus der Publikation "Die Geißel"(59) sowie um ein "Moralisches Glaubensbekenntnis der Philanthropen"(60). Das "Moralische Glaubensbekenntnis" war für diese Arbeit nicht zugänglich, wurde aber bereits ausgewertet(61).

Die publizistischen Spuren Kerners Aufenthalts in Italien vom Mai 1798 bis Juli 1799 spürte Hans-Werner Engels auf. Er fand Kerners "Tagebuch eines Republikaners auf seinen Reisen durch Deutschland und Italien, im Jahr 98 und 99" in der "Geißel"(62) sowie zwei weitere Aufsätze aus dieser Zeit auf(63).

Abschließend wird eine Quelle aus der napoléonischen Ära herangezogen, in der Kerner neben den aktuellen tagespolitischen Ereignissen die Ergebnisse der Revolution reflektierte. Es sind die in dem Journal "Frankreich" nach seiner letzten Parisreise vom November 1801 bis Ende Januar 1802 erschienenen "Auszüge aus den Briefen eines Deutschen in Paris"(64). Von Kerners in Hamburg im Jahre 1802 herausgegebener Zeitschrift "Der Nordstern"(65) befinden sich von den 19 erschienenen Ausgaben des Blattes heute lediglich die Stücke 1-8 sowie Stück 19 im Hamburger Staatsarchiv. Obwohl die Mehrzahl der Artikel Kerners Feder entstammen(66), finden sie hier keine Berücksischtigung mehr, da sie unter dem Eindruck der nachrevolutionären Epoche entstanden sind und nur noch am Rande auf die Revolution eingehen.