Georg Kerner wurde am 9. April 1770 im württembergischen Ludwigsburg geboren. Er entstammte einer protestantischen Beamtenfamilie. Vater wie Großvater übten als Juristen die Position des Oberamtmannes in Ludwigsburg aus. Über Kerners Jugend ist wenig bekannt. Doch anhand der spärlichen Überlieferungen aus dieser Zeit lassen sich einige Charaktereigenschaften ableiten, die auch später seine Persönlichkeit bestimmten.
Die Angehörigen erkannten in ihm einen intelligenten Jungen, der temperamentvoll veranlagt war(1). Nachdem er von Privatlehrern unterrichtet worden war, besuchte Kerner zunächst die deutsche, dann die lateinische Schule in Ludwigsburg. Allerdings war er kein guter Schüler. Der Vater, der große Erwartungen in seinen erstgeborenen Sohn setzte, erzog ihn streng(2). Noch später klagte Kerner über die wegen schlechter Zeugnisse erfahrenen körperlichen Züchtigungen. Da er gebrechlich erschien, sollte Kerner durch physische Übungen diese Unvollkommenheit ausgleichen, wobei er sich beim Reiten hervortat.
Gemäß der Familientradition war für ihn eine juristische Laufbahn vorgesehen. Seinen persönlichen Vorlieben entsprechend favorisierte er jedoch eine militärische Karriere. Immerhin konnte Kerner sich dem Vater widersetzen, der dann ein Medizinstudium als Alternative für seinen Sohn akzeptierte(3). Er plante den Beruf des Schiffsarztes auszuüben(4).
Kerner zeigte sich bereits in seiner Jugend als eine unangepaßte, intelligente Persönlichkeit. Der bürgerliche Hintergrund seiner Familie erlaubte ihm eine für diese Zeit priviligierte Ausbildung(5).
2.2. Ausbildung und erstes revolutionäres Engagement
Am 14. Juni 1779 wurde Georg Kerner Eleve der Hohen Carlsschule in Stuttgart. Dieses Institut war von Herzog Carl Eugen - der Regierungspraxis des aufgeklärten Absolutismus entsprechend - als elitäre Bildungseinrichtung 1770 gegründet worden(6). Als Student der Medizin erhielt Kerner hier auch seine historisch-politische und literarische Bildung. Während dieser Jahre wurde sein Enthusiasmus für die Grundsätze der französischen Revolution entfacht.
Wie Kerner in einem Aufsatz später mitteile, bekamen die Schüler trotz der despotisch-militärischen Disziplin, die an der Carlsschule herrschte, ein Wissen vermittelt, das den Prinzipien der Aufklärung entsprach(7). Dem Philosophieunterricht wurde eine grundlegende Bedeutung im Erziehungssystem zugewiesen. Kerner zufolge zeichneten sich die ausgezeichneten Lehrer dafür verantwortlich, daß "die noch mit gesundem Menschenverstand begabte Jugend von dem Subordinations-Pol nach dem Wissenschafts-Pol, von der Finsternis zum Licht hindurchdrang"(8).
Lehrer wie Christoph Friedrich Cotta oder Friedrich Christian Franz machten die Heranwachsenden mit der antiken Welt sowie dem zeitgenössischen aufgeklärten Staatsrecht bekannt: Die Prinzipien des modernen Staates sind Philosophie und Vernunft. Gesetze werden vom allgemeinen Wohl diktiert, denn der Staat ist das Mittel zur Erreichung einer möglichst gleichen Glückseligkeit aller. Privilegien und Vorrechte widersprechen der Volkswohlfahrt. Die Regierungsform der Monarchie wurde nicht in Frage gestellt(9).
Der Widerspruch zwischen der gelehrten Theorie und den als tyrannische Willkür empfundenen Verhältnissen im eigenen Lande sowie der Kontakt zu den aufgenommenen ausländischen Studenten, die "durch keine ängstliche Rücksichten zu Furcht und Zittern gestimmt, zu einer freiern Ansicht sich bekannten" führte dazu, daß die Carlsschüler "verderbliche Keime des Oppositionsgeistes in ihrem Busen entwickelten"(10).
Die Carlsschule war für Kerner die erste Plattform, sich für die Ideale der Französischen Revolution zu engagieren und seine weltanschaulichen Überzeugungen zu artikulieren. Von hier aus unternahm er Ostern und im Herbst des Jahres 1790 heimlich zwei Reisen nach Straßburg, wo er in den Bann der französischen Revolution gezogen wurde. Er fand in Frankreich "ein Land, wo jeder seinen eigenen Wert in der Gesellschaft bestimmen wird, das Land der Freiheit"(11), das in einem so krassen Gegensatz zu seiner Erfahrungswelt in Deutschland stand.
Die idealisierende Symbolik der Revolution adaptierend verbrannte Kerner in jugendlichem Überschwang den Adelsbrief seiner Familie bei einer Feier am 14. Juli 1790, die Revolutionssympathisanten der Carlsschule zum Jahrestag der Erstürmung der Bastille veranstalteten(12). In einer Rede, die Kerner am 4. November 1790 in der Carlsschule zum Namenstag des Herzogs in dessen Beisein hielt, äußerte er seine Gedankenwelt erstmals öffentlich. Im Rahmen seiner Ausführungen "Über den wichtigen Einfluß gut eingerichteter Kranken-Anstalten und Armen-Häuser auf das Wohl eines Staates" unterließ er es nicht, neben den medizinischen Aspekten des Themas auch seine gesellschaftlichen Vorstellungen zu formulieren: "Existenz der möglichst-größten Anzahl von Geschöpfen und möglichst-größte Glückseligkeit dieser existierenden Wesen, dies ist das große Gesetz, welches mit unverkennbaren Zügen in der ganzen Natur geschrieben steht."(13) Er forderte von einem Staat und seinen Bürgern, "daß der Geist eines allgemeinen Wohlwollens in dem schönsten Glanze sich zeige, und daß die Einzelnen Glieder dieser Gesellschaft, begünstigt durch die Mittel, vermöge deren sie zum Glück des Ganzen und seiner Teile etwas beitragen können, dieses Vermögen in ihren Handlungen nicht verleugnen, sondern dasselbe auf die einem solchen himmlischen Wohlwollen angemessene Art anwenden werden"(14). In der Tradition des deutschen aufgeklärten Absolutismus verlangte Kerner vom Fürsten, dafür Sorge zu tragen, daß "alle Glieder des Staats sich vereinigen, um nach ihrem Vermögen zur Ausführung solcher menschenfreundlichen Absichten etwas beizutragen"(15). Es sollte Aufgabe der Reichen im Staat sein, die Armut zum Wohle des Ganzen zu mindern.
Kerner versäumte keine Möglichkeit, seine Sympathie für die Französische Revolution zum Ausdruck zu bringen. Er war maßgeblich an zwei symbolischen Aktionen in der Carlsschule beteiligt, die für großes Aufsehen sorgten(16). Als Reaktion auf die Ankunft des Prinzen Condé in Stuttgart wurde von einer Gruppe Carlsschüler am 31. Januar 1791 anläßlich eines Maskenballs die Abschaffung des Adels durch die französische Nationalversammlung dargestellt. Kerner kleidete sich mit seinen Freunden in die französischen Nationalfarben rot, weiß und blau. Die drei entrissen einem mit Wappen geschmückten, den Adel verkörpernden, vierten Teilnehmer seine Kleidung und jagten ihn vor den Augen der französischen Prinzen aus dem Saal.
Ein weiterer Maskenball am 7. März 1791 bot den Revolutionsanhängern der Hohen Carlsschule die Gelegenheit, reolutionäre Parolen unter die Gäste zu bringen. Es trat eine Saturnmaske, die eine Urne mitsichführte, auf. Nach einem Tanz ließ sich diese Maske mit der Urne nieder und verließ kurz darauf den Saal. Kerner war es dann, der das Gefäß umstieß und in ihr beschriebene Zettel verteilte.
Für die Schüler stellte der Ausbruch der Französischen Revolution die Verwirklichung der durch ihre Bildung vermittelten, an aufgeklärten Leitmotiven ausgerichteten Ideale dar. Diese standen im Gegensatz zu der strengen tyrannischen Disziplin an der Carlsschule und der als Despotismus und Willkürherrschaft erlebten politischen Ordnung im Deutschen Reich. Daher nahmen die Carlsschüler alle Informationen über die Ereignisse jenseits des Rheins begeistert auf; durch die Maskeraden und einen politischen Klub demonstrierten sie ihre Sympathie für die Revolution. Ob Kerner Mitglied einer klandestinen Verbindung an der Carlsschule war, ist nicht geklärt. Wohlwill(17) und Lang(18) gehen davon aus, für Kuhn(19) ist dies fraglich, da Kerner zum Zeitpunkt der belegten Existenz des Klubs nicht mehr in Stuttgart war. Es ist aber wahrscheinlich, daß er zum engeren Kreis der Initiatoren einer solchen Verbindung zählte oder zumindest mit ihnen in Kontakt stand. Der an der Carlsschule unter den Eleven herrschende revolutionäre Geist, dessen offene Darstellung nicht unerheblich mit Gefahren verbunden war, läßt sich als einmalig bezeichnen(20). Kerner war einer der dafür verantwortlichen Akteure.
Nach Erlangung des Titels "Doktor der Medizin" beschloß Kerner, seine Studien im Mai 1791 an der Universität von Straßburg fortzusetzen. Bei der Wahl des Studienortes gab der Gedanke, den Fortgang der Französischen Revolution unmittelbar erleben zu können, den Ausschlag. Zumal es sich bei Straßburg um die Hauptstadt der Revolution im benachbarten Elsaß sowie um eines der Zentren der revolutionären Propaganda in Richtung Deutschland handelte(21). Von der Carlsschule aus hatte Kerner bereits zwei Reisen nach Straßburg unternommen und erste Kontakte zur revolutionären Szene in der Stadt knüpfen können. Er mußte sich erneut gegenüber seinem Vater behaupten, der die Absichten seines Sohnes durchschaute. Erst nachdem er den Eifer bezeugen konnte, mit dem er sich seiner weiteren Ausbildung widmete, erlangte Kerner die Zustimmung sowie eine herzögliche Unterstützung(22).
Am 25. Juni 1791 trat Kerner in den Jakobinerklub Straßburgs ein und legte einen Eid auf die französische Verfassung ab. Von dort aus versorgte er seine Freunde an der Hohen Carlsschule in Stuttgart mit Informationen über die Französische Revolution(23). Über sein weiteres Engagement ist bekannt, daß er eine Rede vor dem Klub hielt, die ihm das Amt des deutschen Sekretärs einbrachte(24). In dieser Funktion unterzeichnete er am 17. Juli 1791 die Aufnahmeurkunde von Christoph Friedrich Cotta, seinem Lehrer an der Hohen Carlsschule(25). Der Staatsrechtsdozent Cotta hatte selbst in Stuttgart eine revolutionäre Verbindung ins Leben gerufen und die elsässische Metropole als Erscheinungsort für sein "Straßburger politisches Journal" gewählt.
Zur Umgebung Kerners aus dem Kreis der Straßburger Jakobiner zählten neben Cotta u.a. Friedrich Dietrich, der Bürgermeister und Führer der Straßburger Revolution, der Bonner Professor und Revolutionär Eulogius Schneider und auch der Straßburger Andreas Meyer, Mitherausgeber des Blattes "Geschichte der Gegenwärtigen Zeit". Dieses Organ stellte Kerners erstes bekanntes publizistisches Betätigungsfeld dar. Wie Helmut G. Haasis herausfand, wurde in dieser Zeitschrift ein Bericht Kerners über eine Reise nach Baden-Baden am 3. August 1791 veröffentlicht(26).
Kerner schilderte hier seine Begegnung mit französischen Emigranten sowie deutschen Militärs und Adeligen. Mit enthusiastischen und pathetischen Tönen stellte er die französischen Verhältnisse dem Despotismus Deutschlands gegenüber. Dabei begriff er die Revolution nicht als nationales Problem der Franzosen, sondern als eine "das Wohl des ganzen aufgeklärten Europas"(27) betreffende Angelegenheit. Er glaubte, daß in Deutschland eine nicht geringe Anzahl von Menschen auf ein Übergreifen der Revolution bauen würde.
Wie Haasis bereits bemerkte, argumentierte Kerner aus einem deutschen Selbstverständnis(28). Er identifizierte sich mit der Haltung derjenigen Deutschen, die revolutionäre Umbrüche auch für ihr eigenes Vaterland wünschten. Da ihm aber bewußt war, daß das Erreichen dieses Zieles nur mit Unterstützung der Franzosen zu erreichen war, beschloß Kerner, in Frankreich für das Gelingen der Revolution einzutreten. Sollte die Entscheidung mit Waffengewalt durchgesetzt werden müssen, wußte Kerner, auf welche Seite er sich zu schlagen hatte. In seiner kompromislosen Haltung war für ihn die Revolution eine Frage von Leben und Tod. Er war "für die gerechteste Sache zu sterben" bereit(29).
Mit diesem Ausschnitt aus der frühen Publizistik von Kerner findet auch die Beweisführung von Monika Neugebauer-Wölk Bestätigung(30), die sich mit der These Hölzles kritisch auseinandersetzt, Kerner und Cotta seien Anhänger einer reformatorischen Wandlung und Gegner eines gewaltsamen Umsturzes der Verhältnisse in Deutschland(31). Wenn Kerner sich zu diesem Zeitpunkt nicht gleichermaßen differenziert wie der Staatsrechtler Cotta mit verfassungspolitischen Voraussetzungen für einen Umbruch im Heimatland auseinandersetzte, so zeigen die Vehemenz, mit der er Frankreich den deutschen Verhältnissen gegenüberstellte und seine persönliche Identifizierung mit Frankreich, wie sehr er auch für Deutschland einen radikalen Bruch der bestehenden Ordnung erhoffte.
Sein revolutionäres Wirken blieb in seiner Heimat nicht verborgen: Der Herzog entzog Kerner am 6. September das Stipendium und der Vater beabsichtigte, ihn zur Fortführung der Studien nach Wien zu schicken. Doch der Einundzwanzigjährige wollte nicht in einem despotisch regierten Land leben. Er nahm die schwierigen persönlichen Lebensverhältnisse in Kauf und verließ Straßburg in Richtung Paris, um "freier, als in jedem anderen Lande, mitwirken zu können zum Ganzen"(32).
Kerners Denken bei dieser Entscheidung war typisch für die in den ersten Jahren der Revolution nach Paris reisenden Deutschen(33). Kam bei ihm noch jugendlicher Überschwang und Aktionsdrang hinzu, so war die Anziehungskraft des Ausgangspunktes der Revolution begründet in abstrakt theoretischen Vorstellungen, hier die Verwirklichung von aufklärerischen Idealen anzutreffen.
Real auftretende politische und gesellschaftliche Konfliktpotentiale, die dazu im Widerspruch standen, waren in diesem idealtypischen Denken ausgeklammert.
Ende November 1791 traf Kerner mittellos in der französischen Hauptstadt ein. Er schloß sich dem Jakobinerklub der "Section de l'Abbaye" an. Hier tat er sich unter den Rednern hervor. Nach seiner Ankunft nahm Kerner Kontakt zu schwäbischen Landsleuten auf und wurde in den Salon des schlesischen Grafen Gustav von Schlabrendorff, der zum Versammlungsort der deutschen Revolutionäre in Paris avanciert war, eingeführt. Hier verkehrten Männer wie Archenholz, Forster, Lux, Oelsner und Reinhard, mit denen Kerner Freundschaft schloß. Er war über diesen Kreis hinaus mit der Malerin Ludovike Simanowitz und der Sängerin Helena Balletti bekannt. Über Reinhard hatte Kerner auch Kontakt zu den führenden Girondisten und wurde ihr kritischer Anhänger(34). Seinen Unterhalt bestritt Georg Kerner von spärlichen Einnahmen als Arzt am Schwedischen Krankenhaus sowie von seiner journalistischen Tätigkeit.
Von seinen Aktivitäten ist bekannt, daß er sich der Nationalgarde anschloß und in dieser Funktion am 8. August die Anhänger Lafayettes gegenüber der aufgebrachten Volksmenge schützte. Am 10. August kämpfte er in den National-Farben unter Einsatz seines Lebens an den Tuilerien für Ludwig XVI(35). Es ist davon auszugehen, daß Kerner seinem Naturell und seinem Beruf als Korrespondent entsprechend die großen revolutionären Ereignisse direkt miterlebte. Er war bei den wichtigen Sitzungen im Konvent wie beim Prozeß des Königs, den Faktionskämpfen oder der Eliminierung der Girondisten bei. Dazu besuchte er regelmäßig den Jakobinerklub sowie die Sektionsversammlungen anwesend.
Die Installation und Auswirkungen des Terreurregimes und die Septembermorde berührten ihn derart, daß sie einen physischen Einbruch verursachten(36). Die Verhaftung und Hinrichtung von Adam Lux, den er aus der Straßburger Zeit kannte und der mit Forster in einer Mission der Mainzer Republik in Paris weilte, machte ihn tief betroffen. Da er öffentlich die Meinungen seiner verhafteten Freunde vertrat, zu denen auch der ehemalige Bürgermeister von Straßburg Dietrich zählte, brachte Kerner sich selbst in Gefahr. Nur der Hilfe seines Landsmannes Reinhard, der eine Stellung am Außenministerium hatte sowie den häufigen Aufenthalten auf dem Landgut des Marquis de Lacoste, dem Ehemann seiner Bekannten Balletti, in Vissoux, verdankte er es, einer Verhaftung entgangen zu sein.
Seiner privaten Korrespondenz dieser Zeit lassen sich zwei Grundtendenzen in der Einstellung zu den angetroffenen und wahrgenommenen Ereignissen in Paris entnehmen: Am 18. Dezember 1791, bereits einen Monat nach seinem Eintreffen, sah Kerner "die Lage der Umstände [...] gegenwärtig sehr zweifelhaft"(37). Ihm ist jäh bewußt geworden, daß er in Paris nicht die erwartete Verwirklichung der Freiheitsideale vorfand, sondern einen komplexen politischen Prozeß, in den verschiedene Kräfte eingebunden waren, die um die Durchsetzung ihrer Interessen rangen. Ferner fürchtete er in einen bevorstehenden Krieg eher eine reale Gefahr für die Verfassung Frankreichs, als ein Instrument zur der Befreiung der Völker(38).
In dem Maße, wie sich die Lage in Paris zuspitzte, intensivierte Kerner die Kritik gegen jene Personen und Parteien, die seiner Ansicht nach aus Tugendlosigkeit und Fanatismus die für ihn bedrohlichen Situationen verursachten. Am 7. April 1793 erkannte er, daß "die gegenwärtige Lage der Dinge in Frankreich [...] nicht mehr mit meinen Grundsätzen überein[stimmt], ich liebe die Freiheit, die man hier nicht mehr zu kennen scheint"(39).
Der entscheidende Punkt in Kerners Denken war, daß diese Enttäuschung seiner Erwartungen keine Abkehr von der revolutionären Idee oder den freiheitlichen Idealen zur Folge hatte: "So gräßlich verzerrt so blutig auch die Sache Frankreichs sein möge, so sei sie noch besser als die Sache der Tyrannen Europas. Noch sei es menschenwürdiger, unter den Greulen der Anarchie zu leben, als ruhig unter dem Fuß eines schwindsüchtigen Kaisers, eines elenden Königs von Preußen ..."(40) Kerner zog die Konsequenz, daß es aufgrund der schwierigen Lage, in der sich Frankreich und damit die Verwirklichung der Freiheit befand, seine bürgerliche Pflicht darin bestand, sich verstärkt in den Dienst der Revolution zu stellen.
Kerner sah nun den Ausbruch des Krieges in einem anderem Licht. Er übernahm die Positionen der girondistischen Kriegsbefürworter und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, daß durch den Waffengang die inneren Angelegenheiten Frankreichs zu einer Lösung finden würden. Außerdem setzte er große Erwartungen in die französische Armee, was die Revolutionierung Deutschlands betraf(41). So erarbeitete Kerner im Oktober 1792 - zu einem Zeitpunkt, an dem er über die revolutionären Exzesse in Paris konsterniert war - einen dezidierten Revolutionsplan für Württemberg und übersandte ihn dem damaligen französischen Außenminister der Gironde Lebrun-Tondu(42).
Darin schilderte er seine Landsleute als aufgeklärte Freiheitsliebhaber, die nur auf Hilfe von außen warteten, um sich vom Joch des Despotismus zu befreien(43). Kerner forderte von der französischen Armee, den Krieg fortzuführen und die Völker beim Kampf gegen die Monarchen zu unterstützen(44). Nach dem Vorbild der französischen Generalstände schlug er vor, durch die Franzosen eine Generalversammlung aus Deputierten der württembergischen Städte und Dörfer einzuberufen, dort die Klagen der Bevölkerung vorzutragen sowie eine neue Regierung zu bestimmen(45). Desillusioniert teilte Kerner Reinhold zwei Monate später mit, daß sich die französischen Waffen in erster Linie gegen die Niederlande richteten und nicht eingesetzt wurden, "um deutsche Fürsten niederzuschlagen und das deutsche Reichssystem in tausend Trümmer zu zerschmettern"(46). Trotz seiner Erfahrungen während der Schreckensherrschaft blieb er den Idealen der Freiheit verbunden und sah in der Revolution die einzige Alternative die bestehenden Verhältnisse vor allem auch in Deutschland zu ändern.
2.4.1. Korrespondent für die "Hamburgische Neue Zeitung"
Adolf Wohlwill und Wilhelm Lang stellten fest, daß Georg Kerner vom Herbst 1792 bis zu seiner Flucht im Mai 1794 in die Schweiz seinen Lebensunterhalt - neben der Tätigkeit am Schwedischen Krankenhaus - als Korrespondent der in Hamburg erscheinenden "Adress Comptoir Nachrichten" bestritt. Hedwig Voegt übernahm diese Feststellung und bedauerte wie ihre Kollegen, daß die Artikel Kerners heute nicht mehr auszumachen sind(47). Bei den wenig zahlreichen Berichten aus Frankreich in dieser Zeitung während des in Frage kommenden Zeitraums handelt es sich fast ausnahmslos um Protokolle der Sitzungen der Nationalversammlung, öffentliche Akten und Auszüge aus französischen Blättern(48). Ab Mitte 1793 enden sogar die Berichte aus Paris.
Verschiedene Gründe sprechen dafür, daß Kerner nicht der Verfasser dieser Artikel war. In einem Aufsatz von Johann Wilhelm von Camerer(49) heißt es: "Außerdem hatte er [Kerner (M.v.B.)] seit dem Herbst 1792 den Auftrag erhalten, für die Hamburgische Zeitung (Adress-Comptoir-Nachrichten), die damals auf Kosten des dortigen Handelskaufmannes Klopstock, eines Bruders des Dichters herauskam, wöchentliche Nachrichten aus Paris einzuschicken."(50) Georg Forster, dessen engstem Bekanntenkreis der "junge Schwabe" angehörte, notierte, daß Kerner "für die Hamburger Zeitung hier Nachrichten schreibt"(51).
Kerner selbst erwähnte nie die "Adress Comptoir Nachrichten" und sprach lediglich von "Hamburger Korrespondenz"(52) sowie in einem Brief an Louise Breyer von "Zeitung für Hamburg"(53). In demselben Schreiben berichtete er vom Erhalt eines höheren Honorars, da aufgrund seiner Berichterstattung die Zeitung eine Auflagensteigerung erfuhr. Zu dieser Zeit hatten die Berichte aus Paris in den "Adress Comptoir Nachrichten" schon deutlich abgenommen.
Bei allen Hinweisen auf Kerners Korrespondententätigkeit sind als einzige konkrete Hinweise die "Adress Comptoir Nachrichten" sowie eine "Zeitung für Hamburg", "Hamburger Zeitung" oder "Hamburger Korrespondenz" genannt. Es drängt sich der Verdacht auf, daß infolge dieser unpräzisen Titulierungen der verschiedenen Zeitungsobjekte bei Camerer, Forster und Kerner übersehen wurde, daß Victor Ludwig Klopstock neben den "Adress Comptoir Nachrichten" auch die "Hamburgische Neue Zeitung" herausgab. Wenn der Adressat Kerners Berichte aus Paris der Herausgeber der "Adress Comptoir Nachrichten" war, konnten sie auch in der "Hamburgischen Neuen Zeitung" abgedruckt worden sein, zumal es sich um eine politische Zeitung handelte - im Gegensatz zu den "Adress Comptoir Nachrichten", deren redaktionelles Konzept auf dem Informationsbedürfnis des Hamburger Handelsgewerbe nach Wirtschafts- und Börsennachrichten basierte(54).
Sicherheit über Kerners Mitarbeit können nur die Artikel in der Zeitung geben. Welche der Beiträge im Einzelnen von ihm stammten, läßt sich nur schwer bestimmen. Stilistische und begriffliche Eigenheiten können dafür Hinweise geben wie auch Mitteilungen über Personen aus Kerners Umfeld. Inhaltliche Andeutungen auf die Person des Autors deuten darauf hin, daß Kerner tatsächlich einer der Korrespondenten der "Hamburgischen Neuen Zeitung" war. In einem Schreiben vom 28. März 1793, das Straßenpatroullien in den Pariser Sektionen zum Gegenstand hat, berichtete der Autor von Kontrollen seiner Person, "weil man daran zweifelte, daß die Karte mir gehöre, indem ich etwas jünger aussah, als ich meinem Alter nach, das in der Karte bezeichnet war, hätte aussehen sollen, und indem man nicht glauben wollte, daß ich schon Arzt sein könne, welches auch in der Karte angezeigt ist"(55). Diese Andeutung auf die weitere berufliche Tätigkeit des Journalisten als Arzt ist die Bestätigung für Kerners Verfasserschaft dieses Artikels.
Klagen über die schlechte Gesundheit des Autors(56), Hinweise auf Karl Friedrich Reinhard(57) sowie die Beurteilungen von Graf Schlabrendorff(58) oder Adam Lux(59) anläßlich deren Verhaftung bzw. Hinrichtung erweisen Georg Kerner als Urheber der Artikel. Auch ein Bericht, in dem der Journalist heftige Kritik an den hygienischen Zuständen in den Pariser Gefängnissen und die medizinischen Folgen übte(60), läßt sich aufgrund seines beruflichen Hintergrunds Kerner zurechnen.
Wenn Erlebnisberichte in der ersten Person vorgetragen wurden und über die Volksmassen auf den Rängen des Konvents als "Auswurf von Paris"(61) berichtet wurde, bei Plebejerinnen von "weiblichen Furien"(62), "Frauenzimmern" oder "einem Haufen frommer Weiber"(63) die Rede war, läßt sich dies auf Formulierungen Kerners zurückführen.
Bei den Berichterstattungen der "Hamburgischen Neuen Zeitung" aus Frankreich handelt es sich fast ausnahmslos um Nachrichtenübermittlung. Den Autoren blieb wenig Spielraum ihre persönliche Meinung zu äußern oder die Ereignisse zu kommentieren. Um aus den Artikeln, die sich eindeutig Kerner zuschreiben lassen, direkte Rückschlüsse auf seine Positionen zu ziehen, bedarf es einer sehr komplexen Analyse, die die Inhalte der Reportagen in Beziehung zu der historischen Wirklichkeit setzt. Dieses ist bei dem Umfang der in dieser Zeitung veröffentlichten Berichte aus Frankreich im Rahmen dieser Untersuchung nicht zu leisten. Dennoch hilft der Nachweis, daß Kerner für eine Vielzahl von Artikeln vom Herbst 1792 bis zum Frühjahr 1794 in der "Hamburgischen Neuen Zeitung" verantwortlich war, ein Licht auf seine Haltung dieser Zeit zu werfen, da die wesentlichen Charakteristika dieser Zeitung bekannt sind.
Die "Hamburgische Neue Zeitung" wurde 1766 zusammen mit den "Adress Comptoir Nachrichten" mit kaiserlichem Privileg als Konkurrenz zum "Hamburgischen Correspondenten" gegründet. Sie erschien als Tageszeitung viermal wöchentlich an denselben Tagen wie der Correspondent. Die "Hamburgische Neue Zeitung" stand dem Büsch-Klopstock-Kreis nahe und war ein Organ der Hamburger Aufklärung(64). Als Tageszeitung war das Blatt der Zensur des Hamburger Senats stärker unterworfen als Periodika. So mußten lokale politische Ereignisse wie beim Correspondenten aus der Berichterstattung ausgeklammert und auf Anweisung des Senats persönliche Stellungnahmen in politschen Artikeln unterlassen werden(65).
Obwohl die Neue Zeitung politisch nicht so vorsichtig agierte wie der Correspondent, kamen Konflikte mit der Hamburger Obrigkeit nur dann zustande, wenn die auswärtigen Mächte Anstoß an ihren Artikeln nahmen. 1788 fühlte sich der preußische Hof vom Abdruck des Wöllnerschen Religionsediktes unter dem Titel "Pour le rétablissement de l'insipidité" und 1798 vom Bericht über den Rastatter Kongreß provoziert(66).
Die "Hamburgische Neue Zeitung", die im Jahr 1798 eine Auflagenstärke von ca. 5.000 Abonnenten erreichte, stand im Schatten des Correspondenten(67). Dennoch galt sie als eines der wichtigsten Journale der Zeit, was auf die profunden, von den Korrespondenten aus Frankreich übermittelten, Informationen zurückzuführen war(68). Die Schreiben aus Paris nahmen einen überproportionalen Stellenwert im redaktionellen Konzept des Blattes ein. Den Großteil der Berichterstattung machten dabei Meldungen aus dem Nationalkonvent sowie von Sitzungen der Sektionen und politschen Clubs aus. Unter der Rubrik "Vermischte Nachrichten" wurden Neuigkeiten sowie Anekdoten, die einzelne Personen und Ereignisse betrafen, übermittelt. Welches Bild wurde den Lesern der "Hamburgischen Neuen Zeitung" von der Französischen Revolution vermittelt?
Helga Boulay, die die Hamburger Presse in ihrer Haltung gegenüber der Französischen Revolution untersuchte, unterschied vier Gruppen: revolutionsfeindliche Presse, berichtende Presse, "bürgerlich-liberale" Positionen vertretende Presse sowie eine "demokratische" Positionen vertretende Presse(69). Neben dem "Hamburgischen Correspondenten", dem "Altonaischen Mercurius" und den "Adress-Comptoir Nachrichten" zählte sie die "Hamburgische Neue Zeitung" zu den allein die Ereignisse widerspiegelnden Medien(70).
Zu Beginn der Revolution zeigten die Artikel Sympathie für die Ereignisse in Frankreich. Der kaiserliche Gesandte, Baron Binder v. Kriegelstein, drohte mit Entzug des kaiserlichen Privilegs, da er glaubte, die Herausgeber der "Hamburgischen Neuen Zeitung" und des Correspondenten seien den französischen Ideen zugeneigt(71). Preußische Proteste beim Senat provozierte ein Artikel aus der 58. Nummer vom 11. April 1792, in dem der Redakteur Position für Frankreich ergriff und seine Hoffnung zum Ausdruck brachte, daß dieser Staat aus seiner Konstitution den größten Nutzen zieht, selbst wenn dies den Interessen der ausländischen Mächte zuwiderlaufen würde. Am 12. Dezember des gleichen Jahres forderte die preußische Regierung erneut vom Hamburger Senat, ohne Nachsicht insbesondere die Journalisten der "Hamburgischen Neuen Zeitung" zum Unterlassen von Berichten zu bewegen, die von Frankreich gesandt wurden, um zu Revolte und Aufruhr anzustiften(72). Im Jahr 1792 war die "Hamburgische Neue Zeitung" in Preußen zeitweilig in beschlagnahmt(73).
Es läßt sich jedoch nicht behaupten, daß die "Hamburgische Neue Zeitung" ein reines Organ der Revolutionsbefürworter war. Gedruckt wurden ebenso Artikel, die konservative Positionen der europäischen Höfe und der Emigranten wiedergaben(74). Nach dem Sturz der Monarchie nahm die Kritik in der "Hamburgischen Neuen Zeitung" an den Vorgängen in Frankreich zu. Die Jakobinerdiktatur und die Terreur wurden verurteilt. Georg Kerner prägte durch seine Korrespondententätigkeit diese politische Ausrichtung der Zeitung während jener Phase entscheidend mit.
Nachdem die Terreur mit dem Schlag nach links gegen die Hébertisten und nach rechts durch die Eliminierung der Dantonisten ihren Höhepunkt erreichte, wurde auch Kerner auf die Proskriptionsliste gesetzt. Mit einem von Reinhard ausgestellten Paß gelang ihm die Flucht in die Schweiz. Nach einer Zwischenstation in Basel verbrachte er drei Monate in Zürich. Von Reinhard war er mit einem Empfehlungsschreiben an Barthélemy, den französischen Gesandten in der Schweiz, ausgestattet worden. Durch Zahlungen aus einem geheimen Etat der Gesandtschaft konnte Kerner seinen Lebensunterhalt bestreiten, indem er Kurieraufgaben nach Deutschland erledigte.
Den 9. Thermidor nahm er mit Begeisterung auf, denn er begriff die Jakobinerdiktatur nicht als ein aus den sozialen und politischen Widersprüchen der Revolution hervorgegangenes Regime, sondern lediglich als den mißlungenen Versuch von Verbrechern und "verlarvten Aristokraten" die Freiheit zu zerstören(75). Daher vertrat Kerner die Ansicht, daß mit dem Sturz dieses Regimes nun wieder freiheitliche Staatsprinzipien in Frankreich einziehen würden. Seine Identifikation mit der französischen Republik war ungebrochen.
Auch in Deutschland sah er in der Revolution das einzige Mittel, die Freiheit zu erringen. Die Voraussetzungen hielt Kerner für gegeben. Da aber weder die Fürsten zu "moralische[n] und politische[n] Besserung[en]" bereit waren, noch die Philosophen über die Mittel verfügten, diese davon zu überzeugen, befürchtete er, daß die Revolution auf die Macht der Volksmassen angewiesen sein würde. Dies brachte aber die Gefahr, daß Ablauf und Ziel der Revolution nicht mehr von ihren eigentlichen Initiatoren zu kontrollieren sein würde(76).
Dieser Gedanke wurde hier von Kerner erstmals artikuliert. Er ist auf seine konkreten Erfahrungen in Paris während des Juni und August 1792 sowie im Mai 1793 zurückzuführen, als er erlebte, daß die Volksmassen durchaus nicht als ein einfaches Instrument der bürgerlichen Revolution eingesetzt werden konnten, sondern eine soziale Dynamik entwickelten, deren Zielrichtung mit seinen Anschauungen nicht übereinstimmten.
Im Herbst 1794 erhielt Kerner zwei Aufträge von der französischen Gesandtschaft zu Spionagereisen in das heimatliche Württemberg. Am 30. September 1794 begab er sich für 14 Tage nach Stuttgart, um die Stimmung für einen Seperatfrieden zu erkunden, Württemberg für Handelsbeziehungen mit Frankreich zu gewinnen und um militärische Informationen zu sammeln. Die zweite Mission hatte die Aufgabe, eine amtliche Bestätigung einzuholen, daß in Schwaben keine Viehseuche grassierte(77).
Anläßlich dieser beiden Reisen entstanden drei Zeugnisse Kerners, in denen er sich gemäß seiner Aufträge mit dem Verhältnis zwischen Frankreich und Württemberg auseinandersetzte(78). Diesmal drückte er sich über die konkreten Verhältnisse in seinem Geburtsland moderater aus als in seinen bisherigen Attacken gegen das Reich. Der seit einem Jahr herrschende Fürst Carl Eugen erfüllte nicht die Erwartungen und konstitutionellen Zusicherungen seines Vorgängers. Kerner hielt ihm dabei keinen bösen Willen vor, sondern Unfähigkeit, die Interessen des Landes gegen die Aristokratie durchzusetzen. Er forderte, mit Frankreich einen Separatfrieden zu schließen, um die bestehenden Verfassungsverhältnisse in Württemberg nicht zu gefährden. Kerner sah die Gefahr, daß der Herzog die ständischen Rechte einschränken werde, damit das Land geschlossen die militärische Lage bewältigen konnte(79).
Frankreichs Aufgabe sah er darin, die kleinen Staaten des Reiches gegen die Großen, in erster Linie gegen Österreich zu schützen. Denn Österreich versuchte durch den Krieg, einen militärischen Despotismus in Württemberg herzustellen, während sich die Bevölkerung zu drei Vierteln die Republik als Staatsform wünschte(80). Weiter baute er auf die Durchdringung von freiheitlichen Idealen. Um dies hier zu erreichen, erarbeitete Kerner im Anschluß an seine Reisen den Plan, Geheimagenten an die deutschen Universitäten zu entsenden(81). Sie sollten die revolutionären Ideen zugeneigten Studenten und Professoren um sich sammeln, den Nachrichtenfluß und antidespotische Vorlesungen organisieren sowie die Positionen Frankreichs verbreiten. Als Zentrum dieser Aktivitäten sah Kerner die Universität Tübingen vor(82). Dieser Plan wurde allerdings zur Makulatur.
Als Kerner im Januar 1795 wieder in Paris eintraf, war er ein 24 Jahre alt. Er hatte an der Hohen Carlsschule eine priviligierte Ausbildung genossen, die den Schülern die Ideen der Aufklärung vermittelte. Auf Rousseau lassen sich die Prämissen seines Denkens zurückführen, die das Staatsziel in einem "allgemeinen Wohlwollen" und der "möglichst-größte[n] Glückseligkeit" aller sahen. Die Revolution im Nachbarland erschien Kerner als bestmögliche Verwirklichung dieser Vorstellungen. Daher ließ er keine Gelegenheit aus, seine Sympathie für die französische Nation zum Ausdruck zu bringen.
Kerner war von diesen Idealen derart eingenommen, daß zum französischen Staatsbürger wurde. Er sah in der Revolution eine Frage, die das ganze aufgeklärte Europa betraf. So mußte er sich von seinem "Wahlvaterland", Frankreich, aus mit der Verfassung seines "Geburtslandes", Deutschland, auseinandersetzen. Er empfand die Staatsform im Deutschen Reich als Despotismus. Nachdem er die Zerschlagung dieser Zustände in Frankreich erlebt hatte, trat Kerner für die Revolutionierung Deutschlands ein. Doch je tiefer er in die Realität der revolutionären Praxis hineingezogen wurde, desto mehr relativierte sich sein polarisiertes theoretisches Denken. Frankreich war aus Kerners Sicht noch weit davon entfernt, das Ideal der Freiheit verwirklicht zu haben. Dem Versuch einer sozialen Revolution während der Jakobinerherrschaft stand Kerner, der sich in seiner Haltung der Faktion des besitzenden Bürgertums, den Girondisten, verbunden fühlte, mit strikter Ablehnung gegenüber und interpretierte diese Entwicklung als eine Fortführung der vormals besiegten Tyrannei.
Dennoch blieb er den Grundgedanken der Revolution treu und zog aus deren Exzessen nicht die Konsequenz einer Abkehr von Frankreich. Diese Ausartungen forderten im Gegenteil sogar Kerners persönliches Engagement zunehmend heraus. Seine größte Hoffnung setzte er in die militärischen Erfolge der französischen Armeen, von denen er sich vor allem die Unterstützung für einen Umbruch in Deutschland versprach. Doch seine konkrete Erfahrung der internationalen Politik während seines Exils haben Kerner die Situation realistischer sehen lassen: Zwar war er weiterhin davon überzeugt, daß die Monarchen in Deutschland zu keiner Besserung fähig waren. Dennoch erschien es ihm angesichts der militärischen Lage sinnvoller, zunächst die kleinen deutschen Staaten - und damit auch deren Status-Quo - gegenüber den großen Monarchien zu schützen.
Kerners Einstellungen waren von einigen festen idealistischen Grundannahmen
bestimmt, die durch die Erfahrung der politischen und sozialen Wirklichkeit
beeinflußt wurden. Wie er den Fortgang der Revolution in seiner politischen
Publizistik reflektierte, ist Gegenstand der folgenden Kapitel.