Mark von Bandemer - Die Politische Publizistik Georg Kerners

3. REPUBLIKANER ZWISCHEN ZUVERSICHT UND SKEPSIS

3.1. Das Paris des Thermidor (Januar - September 1795)

3.1.1. Historischer Hintergrund

Um Kerners Interpretation der Politik der Thermidorregierung sowie der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu beurteilen, wird im folgenden der historische Hintergrund der Situation, die er in Paris im Frühjahr 1795 vorfand, skizziert(1).

Die Akteure der Ereignisse des Thermidor waren wie die Träger der Jakobinerdiktatur Revolutionäre. Sie gehörten ebenso zu den Zerstörern der alten Gesellschaftsordnung wie auch zu den Königsmördern. Aber die Motivation ihres Handelns lag weniger in dem Bestreben, eine gesellschaftliche Utopie zu verwirklichen, als vielmehr darin, den wirtschaftlichen und sozialen Stellenwert des besitzenden Bürgertums in der Gesellschaft durch eine Dominanz auch im politischen System zu untermauern. Nach dem Sturz der Schreckensherrschaft beabsichtigten die Thermidorianer daher nicht, die Republik in ihrer Existenz zu gefährden, sondern deren soziale Ausrichtung zu korrigieren. Das Ziel war Wiederherstellung von politischer und wirtschaftlicher Freiheit. Ihre Politik war dahin ausgerichtet, die "Republik der Tugend" durch eine "Republik der Interessen" zu ersetzen.

Der Sturz Robespierres verkörperte mit den darauf folgenden Änderungen in der Regierungsstruktur den Untergang des Jakobinerregimes. Das Personal des Regierungsapparates mußte von nun an periodisch ausgetauscht werden, die Ausschüsse der öffentlichen Wohlfahrt und Sicherheit verloren an Kompetenz und Unabhängigkeit gegenüber dem Konvent. Die Instrumente des Schreckenssystems wurden eliminiert. Mit der Entmachtung der Exekutive ging die politische Vorherrschaft auf den Konvent über, was eine chronische Instabilität der Regierung zur Folge hatte. Im Konvent selbst büßten sowohl die Bergpartei als auch die Rechte an Einfluß gegenüber der "Plaine" ein.

Das Verbot der Jakobinerklubs und die Entwaffnung der Sektionen sollte der Linken die revolutionäre Schlagkraft nehmen. Mit dem Öffnen der Gefängnisse setzten die Verfolgungen der ehemaligen Terroristen und der "Weiße Terror" ein. Schließlich fand die Auseinandersetzung im Konvent zwischen Thermidorianern und Montagnards auf der Straße ihre Entsprechung durch die Konfrontationen unter Sansculottes und Muskadins.

Wirtschaftlich hatte die Revolutionsregierung ihren Nachfolgern ein relativ gesundes Erbe hinterlassen. Doch die auf Zwangsmaßnahmen und Schrekensherrschaft gestützte Wirtschaftspolitik wurde von den neuen, nach politischer und wirtschaftlicher Liberalität strebenden, Machthabern nicht fortgesetzt.

Die wiedererlangte ökonomische Freiheit konnte so den Druck auf die Volkswirtschaft, der zusätzlich von einer schlechten Ernte im Sommer 1794 sowie der extremen Kälte im darauffolgenden Winter forciert wurde, nicht ausgleichen. Die Lage verschärfte sich verheerend. Mit der definitiven Abschaffung der Preiskontrolle am 24.12.1794 brach der Kurs der Assignaten endgültig zusammen, die Preise explodierten und die Lebensmittel verknappten sich drastisch. Im Winter des Jahres 1794/95 war das Ausmaß der Misere vergleichbar mit den Jahren zu Beginn der Revolution.

Die Einkünfte der Pariser Arbeiter waren 1795 niedriger als 1793/94 und zum Teil erreichten sie das fatale Niveau der ersten Monate des Jahres 1789. Zum ersten Mal seit Herbst 1791 erschienen der Brotpreis und die allgemeine Versorgungslage in Paris als soziales Problem.

So war das Klima in der Kapitale im Frühjahr 1795 bestimmt von politischer Reaktion sowie einer katastrophale Ausmaße annehmenden sozialen und wirtschaftlichen Zerrüttung. Der Überlebenskampf der Jakobiner und Sansculotten sowie das Wiedererstarken einer Rechten, die sich aus alten Royalisten und den Profiteuren der Wirtschaftsfreiheit zusammensetzte, spiegelten das gesellschaftliche Konfliktpotential wider. Die Probleme, denen die institutionell geschwächte Thermidorregierung nicht gerecht werden konnte, sowie vom die vom Hunger bedingte Unzufriedenheit der Volksmassen ließen in Paris erneut gewaltsame Eskalationen erwarten.

Im April und Mai 1795 fand diese Stimmung jeweils ihren Ausbruch in einem Aufstand der Pariser Massen. Frauen und Teile des Kleinbürgertums der Vorstädte besetzten den Konvent mit der Forderung nach Brot und der Anwendung der Verfassung von 1793. Durch den Mangel eines klar umrissenen Zieles und einer Strategie waren die Aufständischen nicht in der Lage, aus einer kurzen Bedrohung des Konvents Vorteil zu schlagen. Ohne Ergebnisse wurde die Versammlung geräumt und die Demonstrationen in den Straßen von der Nationalgarde nach zwei Tagen zurückgeschlagen. Diese letzten Versuche der Montagne und der Jakobiner, die Macht im Konvent und den Sektionen wiederzuerobern, endeten mit einem Sieg der bestehenden Ordnung und dem Verlust der revolutionären Kraft der Pariser Massen.

3.1.2. Die Haltung zu Beginn des Parisaufenthaltes

Hinter der Jakobinerherrschaft, deren Personifizierung für ihn Robespierre war(2), sah Kerner ein Instrument der Aristokratie und des Auslands(3), deren einziges Ziel es war, die Monarchie in Frankreich wiederherzustellen. Die Jakobiner, "die das öffentliche und individuelle Wohl lange genug zu Boden traten und in allen ihren Handlungen das geflissentliche Bestreben zeigten, die Wiederkehr der Ordnung, das einzige Rettungsmittel der Republik, unmöglich zu machen"(4), strebten an, mit Verbrechen und Greueltaten "unter der Maske des wilden Republikanismus" die "betäubte Nation von einer Stufe des Elends zur anderen und so rückwärts in die Arme des Königtums zu schleudern"(5). Kerner war überzeugt, der Auftrag der Jakobinerherrschaft würde darin bestehen, die Republik in ein gesellschaftliches Chaos zu stürzen, um diese Staatsform in Mißkredit zu bringen und eine Rückkehr zur Monarchie als wünschenswerten Ausweg erscheinen zu lassen. Der Weg, um dieses zu erreichen, war der Ruin des Wirtschaftssystems sowie staatlicher Terror(6).

Dieses Ziel würde dann erreicht sein, wenn das Regime der "Demagogen" entmachtet ist, bevor das Agrargesetz zu Anwendung kommt(7). Bei einem Weiterbestehen der Regierung Robespierres wäre die Wiederherstellung der Monarchie unausbleiblich gewesen(8). Der Grund dafür, daß es soweit nicht kam, war derselbe, der bereits den Fall der ersten Republik verursachte hatte: der Egoismus Einzelner. Die neue Tyrannei konnte nur gestürzt werden, weil "man der Unwissenheit zu viel aufbürdete, der Eigennutz mit sich selbst entzweite und der Egoismus in allen seinen Punkten bedroht wurde..."(9).

Kerners Haß richtete sich gleichermaßen gegen die Tyranneien der Monarchie und der Jakobinerherrschaft. Vertreter beider Regime waren für ihn "Kreaturen des Tyrannen", "bösartige Unmenschen" oder "Kannibalen"(10). Erst mit dem Sturz Robespierres waren "die schrecklichsten Nachwehen der Königsmacht [...] vorüber, und die pestilenzialischen Ausdünstungen ihres Leichnams haben den erquikenden Düften Platz gemacht"(11). Auch Georg Forster hatte wie Kerner einen Vergleich zwischen den Schrecken der Jakobinerdiktatur und denen der Tyrannei der Monarchie gezogen(12). Doch Kerner unternahm nicht wie dieser den Versuch, zwischen den sozialen und politischen Hintergründen des Ancien Regimes und der Radikalisierung der Revolution während der Jakobinerdiktatur zu differenzieren. Da Kerner die Exzesse der Terreur den Bestrebungen der Aristokraten anlastete, die vorrevolutionären Monarchie zu reinstallieren zu wollen, blieb er aber den Idealen der Freiheit und Frankreich treu.

So begrüßte er das Ende der Jakobinerherrschaft als Triumph der Freiheit Frankreichs und sogar Europas(13). Als er nach acht Monaten Exil französischen Boden betrat, hoffte er, daß die Freiheit durch "eine weise und durch die Erfahrung klug gemachte Regierung mit eben dem Erfolg über eine große Nation wie der Frühling über Weltteile verbreitet" würde(14). Euphorisch wie bei seinem ersten Parisaufenthalt reiste er in das Zentrum der Revolution. Seine Genugtuung über die wiedergewonnene Freiheit knüpfte sich dabei jedoch mehr an das Ende der Tyrannei, als an konkrete Vorstellungen, wie die Zukunft Frankreichs praktisch gestaltet werden sollte. So erfuhr Kerners hohe Erwartung an die neue Regierung bereits erste Relativierungen, als er in Paris eintraf und mit der Realität konfrontiert wurde.

Diese Verhältnisse beschrieb Kerner als ein "furchtbares Labyrinth"(15): Die Republik stand vor einer Zerreißprobe mit ungewissem Ausgang, die zwischen Anarchie oder Royalismus auf der einen und menschlicher Glückseeligkeit auf der anderen Seite entschieddn werden mußte. Ursachen hierfür sah er in Intrigen, Immoralität und fanatischer Dummheit des Volkes, die zusätzlich durch die Gewalttätigkeiten der Vergangenheit, Verletzung von Eigentumsrechten oder der Bevorzugung von Paris gegenüber den Departements angeheizt wurden. Dazu vermißte Kerner im Staat die Präsenz einer festen Verfassung mit kategorischen Gesetzen und machte eine verfehlte Finanzpolitik für die gegenwärtige Situation verantwortlich. Die schlechte Versorgung der Kapitale, war dabei nicht der Grund, sondern die Folge der politischen Umstände(16).

3.1.3. Ursachen für Bedrohungen

Die Gefahren, denen sich die Republik nach Kerners Ansicht ausgesetzt sah, gingen von Angriffen einzelner Personen aus. Das Streben dieser Feinde der Republik war dahin ausgerichtet, die Monarchie wiederherzustellen, da sie erwarteten, ihren Reichtum vermehren zu können. Kerner schätzte nicht staatstheoretische Überzeugungen, die in der Monarchie die bestmögliche Regierungsform sahen, als Ursache für den vorherrschenden Royalisums ein, sondern lediglich "die süßen Erinnerung an die Freuden von ehemals" der durch "wahre Seelenerschlaffung" und "Egoismus" gezeichneten Aristokraten(17). Nachdem sie sich schon der Jakobinerherrschaft als Instrument bedient hatten, versuchten sie nun über die Volksversammlungen Unruhe und Mißtrauen in den Nationalkonvent zu tragen und gegen das republikanische System zu konspirieren.

Kerner fürchtete vor allem eine Gruppe: "Unter allen Royalisten, unter allen Feinden der Republik sind ohne Zweifel diejenigen die gefährlichsten, die sich durch alle Faktionen hindurcharbeiten und beständig die Maske der Siegenden tragen."(18) Zu diesem Kreis der Opportunisten zählte er namentlich, Jean Henry Hassenfratz, Joseph Garat, Bertrand Barère sowie Jean Nicolas Pache, der sich seinen ganz besonderen Haß zuzog, da Kerner ihn als einen der Hauptverantwortlichen für das bisherige Mißlingen der Revolution erachtete(19). Obwohl auch Konrad Engelbert Oelsner besonders Pache angriff(20), zeigt der Stellenwert, den Kerner jenen Männern beimaß, die abgesehen von Barère nicht in die Reihe der revolutionären Hauptprotagonisten gehörten, wie sehr er den Ausgang der Revolution von individuellem Verhalten abhängig machte.

3.1.4. Tagespolitische Fragen im Konvent

In den ersten Monaten des Jahres 1795 standen im Konvent zwei Fragen auf der Tagesordnung, die alle weiteren Themen überwogen: der Prozeß gegen Billaud-Varenne, Collots, Barère und Vadier sowie die Diskussionen um die Verfassung von 1793. Zu beiden Gegenständen bezog Kerner klar Stellung. Da er um den Einfluß wußte, den die Angeklagten noch auf große Teile der Bergpartei hatten, und er durch lange Diskussionen eine Verunsicherung des Konvents befürchtete, verlangte Kerner ihre sofortige Verurteilung. Für ihn war dies durch die Feststellung gerechtfertigt, daß allein die Regierenden verantwortlich für die Verbrechen der Jakobinerdiktatur waren. Damit ließ sich durch deren einfache Bestimmung leicht ihr Urteil fällen(21).

Auch hinsichtlich der Beratung um die Anwendung der Konstitution von 1793 nahm Kerner eindeutig Stellung. Obwohl diese Verfassung für ihn nur ein "Werk politischer Charlatans" war(22), argumentierte er für ihre Beibehaltung unter den gegebenen Umständen und ließ ihren Inhalt außer Betracht. Er befürchtete, daß Auflösung und Neuwahl des Konvents die politische Unsicherheit ansteigen lassen würde, was eine Wiederherstellung des Königtums zur Folge haben mußte(23).

Trotz dieser Kritik an den Zuständen in Paris sah Kerner zu Beginn seines Aufenthalts die Republik nicht in Gefahr. Er gestand zwar ein, daß der aufkeimende Royalismus ihn zunächst irritiert hatte und es immer noch Kräfte gab, die allein auf die Zerstörung der Republik bedacht waren(24). Die Erinnerung an die Schrecken der Tyrannei wähnte er als zu stark, als daß diese wieder hätte errichtet werden können. Nur ein zeitgleiches Zusammenbrechen der inneren Angelegenheiten mit Angriffen auf die Republik von außen würde die Wiederauferstehung des Royalismus bewirken(25). Aufgrund der siegreichen Armeen und dem "Mut weniger echter Republikaner, die Proviant- und Polizei-Anstalten des Gouvernements" sah Kerner die Situation optimistisch(26). Er vertraute ungebrochen auf die französische Nation.

Mit dem Wachsen gesellschaftlicher Spannung verschärfte sich Kerners Sicht der Dinge. Seine Skepsis bezogen auf die weiteren Entwicklungen nahm zu, denn Ungewißheit und "tausend traurige Ahnungen" bestimmten nun mehr und mehr sein Denken(27). Die Ereignisse vor und während des Germinalaufstandes ließen Kerner an der Thermidorregierung und der Existenz der Republik zweifeln.

3.1.5. Germinal

Kerner schilderte sowohl die Unruhen im Vorfeld des Aufstandes als auch die Szenen, die sich im Konvent und auf den Straßen abspielten sehr lebhaft und detailliert(28). Er berichtete über die Germinalereignisse nicht als ein außenstehender Beobachter, sondern beschrieb die Geschehnisse als Augenzeuge, der in die Kämpfe verwikelt war und Partei ergriff: am 12. Germinal schlug Kerner sich im Konvent auf die Seite der Verteidiger und half bei tätlichen Auseinandersetzungen, das Eindringen der Volksmassen in den Sitzungssaal zu verhindern(29). Tags darauf schloß er sich der Nationalgarde in der "Section des Moulins" an, um die Ruhe in der Stadt wiederherzustellen(30).

Für den Germinalaufstand machte Kerner nicht die sozialen Probleme oder die Nahrungsmittelmisere verantwortlich, sondern er stellte die These einer politischen Verschwörung auf(31).Urheber der Aktionen sei die Bergpartei gewesen, die die ehemaligen Terroristen zum Führer eines Aufstandes gegen die bestehende Ordnung machen wollte.

Unter dem Vorwand Brot von der Regierung zu fordern, seien die Volksmassen von den "Royalisten und Anarchisten" veranlaßt worden, vor dem Konvent zu erscheinen mit dem Ziel diese Institution zu unterwerfen(32). Dafür seien der "tobenden Menge" von der Bergpartei die Forderungen nach der Verfassung von 1793 und die Freilassung der seit dem 9. Thermidor verhafteten Terroristen in den Mund gelegt worden(33).

Die aufständischen Massen handelten also nicht aus eigenem Antrieb, sondern waren lediglich Werkzeuge dieser Verschwörung. Kerner berichtete, wie er persönlich erlebte, als ein "junger Bursche" erzählte, er sei gezwungen worden an dem Aufruhr teilzunehmen(34). Kerner zeichnete die Volksmassen in dunkelsten Zügen als "wilder Haufen besoffener Weiber und Männer, denen das Verbrechen aus jedem Gesichtszug hervorblickte"(35).

Allein wegen der Unentschlossenheit der Aufrührer konnte der Konvent vor einer schwerwiegenden Niederlage bewahrt werden: "Wenn diese Bürger minder feig gewesen wären, wenn sie es gewagt hätten, einen entscheidenden Gewaltstreich auszuführen, so würde weder die schwache Wache ihnen Widerstand geleistet noch irregeführte oder strafbare Bürger ermangelt haben, sich mit ihnen zu vereinigen."(36) Dem Konvent reichte allein zum Sieg aus, den Forderungen der Rebellen nicht nachgegeben zu haben und standhaft geblieben zu sein(37). Kerner erkannte, daß die Aufständischen leicht ihre Ziele erreicht haben würden, wenn sie strategisch geschickter gehandelt hätten: "Sie hatten ferner einen Hauptfehler begangen, daß sie durch ein regellosen Haufen, an dessen Spitze keine der öffentlichen Gewalten, auch nicht irgendeine mit einem öffentlichem Amt bekleidete Person stand also keinen sichtbaren und einleuchtenden Mittelpunkt hatte ..."(38)

3.1.6. Nach dem Germinal

Noch am 13. Germinal (2. April) vertrat Kerner die Ansicht, daß Republik und Freiheit während des Aufstandes nur äußerst knapp einer Niederlage entronnen waren: "niemals hat der Schutzengel der Freiheit mehr über Frankreich als in diesen wenigen Stunden gewacht"(39). Obwohl ihn der Ausgang der Ereignisse zufriedenstellte, sah er mit Bedenken in eine ungewisse Zukunft. Kerner begriff diesen Aufstand als einen der denkwürdigen "Pariser Tage"(40), in denen das Volk bzw. "der angreifende Teil [...] seit dem Anfang der Revolution immer Sieger geblieben" war(41). Seine Befürchtungen nährten sich aus einem Vergleich, den er mit der Rebellion des 2. Juni 1792 zog. Hier konnte zwar der König noch dem Druck der Massen widerstehen, da er aber keine Konsequenzen aus seiner Situation zog, provozierte er den Sturz der Monarchie am 10. August 1792 unweigerlich selbst(42). Damit dem Konvent nicht das gleiche Schicksal widerfahren würde, forderte Kerner für die Zukunft die "strenge Handhabung der ganzen Nationalgewalt", um die Republik zu retten(43).

Einen Tag später, nachdem Kerner unmittelbar in den Reihen der Nationalgarde für den Erhalt der Ordnung gekämpft hatte, wich seine Skepsis der Hoffnung, daß die Nationalrepräsentation nun in die Lage versetzt sein würde, "eine endliche Ruhe und feste Ordnung der Dinge zu gründen"(44). Es war sein persönlicher Einsatz, der ihn zu der Überzeugung kommen ließ, daß die Freiheit Bestand haben würde, solange die Republikaner "zu jeder Stunde, zu jeder Minute für die Freiheit zu kämpfen, für sie zu sterben bereit sind"(45).

Trotz des - aus seiner Sicht - positiven Ausgangs der Revolte wurde für Kerner nach seinen Erfahrungen während des Germinalaufstandes der Konvent zunehmend zur Zielscheibe der Kritik. Er würdigte zwar den Willen der Abgeordneten, die Grundsätze der Freiheit wiederherzustellen, sprach ihnen aber die dafür nötigen Mittel und die Energie ab(46). Kerner vermutete dahinter gleichermaßen Ermüdungserscheinungen der Konventsmitglieder als auch das Handeln der Gegner der Republik, um die Regierbarkeit des Staates unmöglich zu machen(47).

Kerner erkannte, daß das politische System der Jakobinerdiktatur, wie es jetzt in der nur gering umstrukturierten Organisation mit den geänderten Maßgaben von den Thermidorianern angewandt wurde, in der gegenwärtigen Situation ein untaugliches Instrument zur Sicherung von Freiheit und Republik darstellte: Der Konvent befaßte sich weiter mit Detailfragen, war gezwungen, selbst in Fragen der Administration einzugreifen, als die Probleme anwuchsen(48). Gerade in diesen Zeiten kam es seiner Ansicht nach darauf an, die Unverletzlichkeit der Regierung zu sichern, sie auf einen unerschütterlichen Grund zu stellen. Doch der Konvent vermischte die Kompetenzen zwischen Gesetzgebung und -vollstreckung und verurteilte damit den Staat zur Handlungsunfähigkeit(49).

Kerner kritisierte die unentschiedene Haltung der Regierung: sie richtete die Politik im Sinne der Freiheit aus, ohne zu bedenken, daß sie sich in der gegenwärtigen Situation damit selbst in Gefahr brachte. Die Gesetze des Konvents seit dem 9. Thermidor waren Gesetze des Friedens und der Reue. Gegenüber den Feinden der Republik übte sie Nachsicht. Alle Maßnahmen der Mildtätigkeit wie die Abschaffung der Todesstrafe setzten eine erprobte Verfassung, eine feste Regierung, bestimmte Sitten und einen prononzierten Nationalcharakter voraus. An diesen Dingen ermangelte es jedoch Frankreich zu diesem Zeitpunkt. Für Kerner befand es sich im Kriegszustand(50).

3.1.7. Welche Konsequenzen zog Kerner?

Die Gefahr, die Kerner durch den Germinalaufstand für die Republik sah, hatte für ihn nur eine Konsequenz: die Konsolidierung der Revolution. Den wesentlichen Grund für die derzeitige Schwäche der Republik sah er in der Tatsache, daß nach dem 9. Thermidor das System der Revolutionsregierung beibehalten wurde, dieses aber nicht mehr revolutionär handelte. Die notwendigen Maßnahmen, die das öffentliche Wohl geboten, konnten nicht getroffen werden. Daher forderte Kerner im Gegensatz zur Regierungspraxis, radikale Maßregeln zum Schutz der Freiheit und zum Erhalt der Republik einzusetzen: "Jetzt, wo das Interesse der Republik, wo die Gerechtigkeit, wo die zu Boden getretenen Gesetze, wo die öffentliche Sicherheit, wo die Existenz des Senats große Maßregeln erforderten, wo alles davon abhing, die Donnerkeule der Revolution, die man den Händen des Verbrechens entrissen hatte, endlich gegen das Verbrechen selbst zu schwingen, überließ man sich plötzlich einer Ohnmacht, von der ich nicht weiß, ob man sie, wie vielleicht viele wünschen, Menschlichkeit und Gerechtigkeit nennen kann."(51)

Kerner interpretierte die Lage in Paris als Ausnahmesituation und forderte zur Erhaltung der Republik nicht nur eine entschlossene Regierung, sondern auch diktatorische Zwangsmaßnahmen(52). Damit rechtfertigte er eine Gewaltherrschaft und reduzierte im nachhinein seine Verurteilung des Jakobinerregimes auf die gesellschaftspolitischen Zielsetzungen. Die diktatorische Ausrichtung der Terreur mit der Unterdrückung von persönlicher Freiheit konnte bei dieser Argumentation nicht den Ausgangspunkt seiner Kritik darstellen.

Die Erfahrungen, die Kerner bei seinem Aufenthalt 1795 in Paris machte, waren nicht neu. Wie im Herbst 1791 brach er mit euphorischen Gefühlen nach Paris auf und traf eine Situation an, die seinen Vorstellungen nicht entsprach. Doch auch dieses Mal schlug die Ernüchterung nicht in Resignation um. Bereits kurz vor der Eskalation der Verhältnisse in Paris bekräftigte er seinen Willen, weiter mit "republikanischem Eifer" an der "Sache der Freiheit" festzuhalten(53).

Für ihn war dies von zweierlei Bedeutung: Kerner hielt es für notwendig, "vergangene Gefahren aufzuzählen, kommende zu berechnen und mit einem selbst durch erlittene Niederlagen unerschütterten Mut zu neuem Kampfe - zu endlichen Siegen sich zu rüsten"(54). Er umriß damit die Motivation seines Engagements als Schriftsteller. Indem er "republikanischen Eifer" als aktives kämpferisches Eingreifen für die von ihm favorisierte Partei, d.h. die bürgerliche Republik, vertreten durch den Konvent der Thermidorianer, auslegte, ging Kerner über die Rolle eines Interpreten wie Oelsner hinaus.

3.2. Die erste Reise durch die Niederlande

Im Juni 1795 war Karl Friedrich Reinhard, mit dem Kerner in Paris eine enge Freundschaft verband, zum Botschafter Frankreichs bei den Hansestädten nach Hamburg berufen worden. Als dessen Privatsekretär brach Kerner mit ihm am 7. September 1795 zu dieser Mission auf(55). Über Brüssel, Antwerpen, Den Haag, Amsterdam und Hannover gelangten die Diplomaten am 29. September in Hamburg an. Während dieser Reise verfaßte Kerner sechs Schreiben, die unter dem Titel "Briefe, geschrieben auf einer Reise von Paris nach den Niederlanden" in der Zeitschrift "Frankreich" abgedruckt wurden(56). Diese Texte, die Kerner ebenso in der Buchausgabe "Briefe über Frankreich, die Niederlande und Teutschland"(57), veröffentlichte, wurden für diese Untersuchung in der Ausgabe von Hedwig Voegt herangezogen(58).

3.2.1. Rückblick auf Paris

Neben Schilderungen der Erlebnisse und Zustände der durchreisten Städte und Regionen nahm Kerner die sechs Schreiben zum Anlaß, die Situation im zurückgelassenen Paris zu reflektieren. Seine erste Feststellung, daß die Kapitale sich "mitten unter den Zurüstungen des Royalismus"(59) befand, zeigt eine gewandelte Haltung, in der er die politische Lage in der Hauptstadt einschätzte. Im Gegensatz zu früheren Äußerungen sah er jetzt das Fortbestehen der Republik durch ein Erstarken des Royalismus in Gefahr(60).

Ein zentraler Punkt war der sozial-mentale Zustand, in der sich die Pariser Gesellschaft bei seiner Abreise befand. Kerner wurde vor allem die moralische Verwahrlosung der Revolution während des Thermidorregimes bewußt. Er geißelte die Zurschaustellung von Luxus, ausschweifenden Lebensweisen der neuen Reichen und gesellschaftliche Ereignisse der Bohème. Anstelle bürgerlicher Tugenden dominierten Stolz, Reichtum, Ehrgeiz und Eitelkeit(61). Hatte er noch zu Beginn des Germinalaufstandes in den Reihen der Jeunesse Dorée gekämpft und sie als "mutvolle Jünglinge"(62) im Kampf gegen die Tyrannei gelobt, so machte er nunmehr in diesem "Haufe von royalistischen Laffen" den unpolitischen Charakter der in Mode gekommenen, bourgeoisen Jugendbanden aus(63). Dazu waren große Teile des Volkes in Lethargie und Resignation verfallen und nahmen keinen Anteil mehr an den öffentlichen Angelegenheiten(64).

Kerner befürchtete, daß sich die Opposition von rechts schließlich diese Situation zunutze machen würde. Durch ihre Intrigen und Agitationen hatte sie bereits erste Siege über die Republik errungen. Diese Opposition, die Kerner mal als Aristokratie, mal als Royalismus bezeichnete, setzte sich vor allem aus drei Gruppen zusammen: 1. Agenten des Auslandes, Priestern, zurückgekehrten Emigranten und vormaligen Adeligen. 2. Bankiers, Händlern, Spekulanten und Profiteuren der Wirtschaftsfreiheit sowie der aufkeimenden luxuriös-mondänen Lebensweise einzelner Kreise in Paris sowie 3. aus unteren Volksschichten, Kleinkriminellen und sozial Abgerutschten, die dem Royalismus wie ehemals dem Jakobinismus anhingen(65). Das Ziel der Anstrengungen dieser Gegner der Republik bestand darin, eine Regierung zu errichten, die ihnen den nötigen Freiraum garantierten, um den eigenen materiellen Profit zu erhöhen. Dafür sollten Gerechtigkeit und Freiheit unterdrückt und das Volk wieder versklavt werden(66).

Hatte Kerner in Paris zuvor auf drastische Maßnahmen zum Erhalt der Revolution gedrungen, so ging er jetzt über diese Forderungen hinaus, um einerseits den Royalismus und andererseits die Apathie des Volkes zu überwinden: "Das einzige Mittel, um diesem beunruhigenden Phänomen entgegenzuwirken, wäre eine Erschütterung; sie allein kann dieses chronische Übel zerteilen und den Übergang der Stockung in Fäulnis, die die Gebärmutter der Royautät ist, am gewissesten verhüten."(67)

Für diese "Erschütterung" setzte Kerner auf den Mut der wenigen aufrichtigen Republikaner. Da er weiterhin den Ausgang der Revolution als eine Frage erachtete, von der das Schicksal des kultivierten Europas abhing, forderte er diese Republikaner zum Kampf um die Freiheit auf(68). Daß er sich dabei nicht äußerte, wie ein solcher Kampf und gegen wen, ob auf innen- oder außenpolitischen Feld, geführt werden sollte, machte seine Forderung keinesfalls zu einer Floskel. Vielmehr war sein Denken hier nicht an pragmatischen Zielen der Tagespolitik ausgerichtet, sondern an einer stereotypen Gegenüberstellung der von ihm favorisierten bzw. abgelehnten Partei. Eine Entscheidung über Frankreichs Zukunft würde nur in einem Kampf fallen können, aus dem eine der beiden Seiten kompromißlos als Sieger hervorgeht.

Daß Kerner kein rein politisch denkender Mensch war, wird an der folgenden Stelle besonders deutlich, da er die Debatte um Frankreichs Verfassung lapidar abhandelte: "Die Annahme der Verfassung scheint von Gut- und Übelgesinnten schon zum voraus beschlossen."(69) Lediglich bei der Diskussion um das Dekret vom 22. August 1795, welches vorsah, zwei Drittel der Abgeordneten in der neuen Volksvertretung aus dem Konvent zu wählen, bezog Kerner Stellung. Er trat hier für die Übernahme der Konventsabgeordneten ein. Wie bei den Initiatoren dieser Verordnung war Kerners Überzeugung nicht zu unrecht von der Erfahrung der 1791er Verfassung bestimmt, als eine der Schwächen der Legislative darin bestand, daß die erfahrenen Repräsentanten der konstituierenden Versammlung nicht wiederwählbar waren. Aber auch der Vorsatz, der royalistischen Partei einen legalen Einzug in das Parlament nicht zu ermöglichen, spielte eine wichtige Rolle bei den Überlegungen der Verfassungsväter, denen sich Kerner anschloß(70). Die soziale Ausrichtung oder die staatsrechtliche Folgen dieser Verfassung überging Kerner.

3.2.2. Zwischen Paris und Hamburg

Die Beschreibungen der Reise Kerners durch Frankreich, die Niederlande und Holland behandeln seine Begegnungen mit den Menschen, sowohl auf dem Land, als auch in Städten, das Aufeinandertreffen mit dem Militär sowie seine persönlichen Erlebnisse wie etwa bei Besuchen von Kirchen, Theatervorstellungen oder politischen Gesellschaften. Kerner beschrieb die Landschaften und erzählte Anekdoten. Sein primäres Anliegen war dabei, die bei der Bevölkerung vorherrschenden Stimmungen gegenüber der Republik wiederzugeben und die jeweilige Wirtschaftslage mit ihren Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild der Regionen darzulegen.

Kerner nahm auf der Reise eine ambivalente Haltung der Menschen gegenüber Frankreich wahr und führte diese auf die jeweiligen ökonomischen Umstände und der daraus resultierenden Bedrohung durch die Aristokratie zurück. Je schlechter es den Menschen ging, desto größer war die Aufgeschlossenheit für gegenrevolutionäre Ideen und der Haß auf die Republik.

Dabei wurde Kerners Bild einerseits geprägt von Verhaltensmustern der Bevölkerung aus der Zeit des Ancien Regime, die die Tabula Rasa der Revolution überdauert hatten, wie etwa bei Feiern zu Ehren des Königs oder religiösen Kulten. Andererseits durchreiste Kerner auch prosperierende Städte, beispielsweise St. Quentin, wo er den höchsten Grad an Patriotismus ausmachen konnte(71). Dementsprechend waren auf dieser Reise seine eigenen Haltungen auch wechselhaft von sowohl hoffnungsvollen als auch pessimistischen Emotionen bestimmt.

3.2.3. Erneuerung des Bekenntnisses zu Frankreich

Mit dem Übertritt der Grenze nach den Niederlanden, wo er als Folge der französischen Kriegszucht einen relativen Wohlstand und zufriedene Menschen antraf, erneuerte Kerner, sein Bekenntnis zur französischen Republik. Die Tatsache, daß Frankreich als Sieger und Verkünder der Freiheit Elend und Leiden ausgesetzt war, während das unterlegene Land im Überfluß lebte, ließ seine bisherige Kritik und Mißbilligung an den Fehlentwicklungen der Revolution in bedingungslosen Zuspruch zur französischen Nation umschlagen(72).

Als Kerner weniger persönlich in den unmittelbaren Revolutionsablauf in Paris einbezogen war, nahm seine Einstellung eine neue Tendenz an. Jetzt fühlte er sich gezwungen, Frankreich zu verteidigen. Nicht mehr die Exzesse der Revolution waren Angriffspunkt, sondern lediglich deren propagandistische Ausnutzung, von denjenigen, die "aus Greuel und Elend ein Phantom zusammenflicken, es fränkische Freiheit nennen und so den erschrockenen Völkern, [...], zum warnenden Beispiel vorhalten"(73). Dabei wurden diese Greuel - Kerner zählte dazu an dieser Stelle die Hinrichtung Marie Antoinettes sowie den 31. Mai 1793 - in den "auswärtigen Kabinetten von unseren Feinden selbst entworfen [...], von Ausgewanderten, denen, nachdem sie mit dem Degen in der Faust nichts auszurichten vermochten, nichts als das Banditenmesser und die gedungene Hand des verworfenen Haufens übrigblieb, den uns der Königsdespotismus in seinem schauderhaften Testament vermacht hatte"(74).

Um die Revolution auch weiterhin zu verteidigen, ließ Kerner von der Argumentation ab, die Thermidorregierung für die schwierige Lage verantwortlich zu machen. Er zog nun als Ursachen für die gegenwärtigen Probleme Frankreichs allein die von außen hereingetragenen Verschwörungen der Emigranten sowie der ausländischen Höfe heran.

Im Gegensatz zu seiner Einschätzung der Lage in Paris gaben seine ersten Erfahrungen in Belgien Kerner sogar wieder einigen Anlaß, die Hoffnung auf einen positiven Ausgang der Revolution nicht aufzugeben. Denn obwohl die Menschen durch die Monarchie bessere Zustände erwarteten, stellte für Kerner der Royalismus keine Alternative dar, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen(75).

Er bemerkte, daß in den Regionen, in denen der Krieg mit besonders verheerenden Auswirkungen gewütet hatte, die Einwohner die Verantwortung ausschließlich den Soldaten des Auslandes und damit den Verteidigern des Despotismus anlasteten(76). Außerdem hielt er die Armee in den durchreisten Gegenden, deren inneren Zustand Kerner abermalig zu lobender Anerkennung veranlaßte, für ausreichend stark, jegliche Versuche eines Aufstandes leicht unterbinden zu können(77).

3.2.4. Die Kritik überwiegt

Doch bald sah Kerner sich zunehmend mit einer ablehnenden Grundhaltung der niederländischen Bevölkerung gegenüber dem französischen System konfrontiert. Er führte diese Stimmung nicht auf die wirtschaftlichen oder sozialen Zustände zurück, die das Ergebnis der Revolution für die Bewohner auf dem Land darstellten, sondern auf die Intrigen der Aristokratie sowie die Naivität der Menschen(78).

Einen Hauptverantwortlichen für diese Abneigung gegenüber der Republik sah Kerner in der Institution der Kirche. Seine Erlebnisse mit Priestern und Gläubigen auf seiner Reise durch Belgien nehmen darum einen breiten Raum ein. Kerner stellte wiederholt klar, daß für ihn Aufklärung und Katholizismus zwei unüberwindbare Gegensätze waren und die Kirche den Untergang menschlicher Vernunft sowie Energie repräsentierte(79). So ließ er keine Gelegenheit aus, den negativen Einfluß der Kirche und von emigrierten Priestern auf die Niederlande ausführlich zu beschreiben. In verschiedenen Anekdoten, die er selbst erlebte oder aus zweiter Hand erfuhr, machte Kerner Kirche und Geistliche wegen ihrer Boshaftigkeit und Selbstsucht verantwortlich für Fanatismus und Unwissenheit weiter Teile der Bevölkerung. Er befand, daß die Kirche sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert hatte und die Gegenrevolution mit dem Ziel der Wiederherstellung der Monarchie in Frankreich planen würde(80). Um diesen Standpunkt zu unterstreichen, nahm Kerner auch Bagatellen zum Anlaß seiner satirisch-bissigen Polemiken gegen die Unternehmen der Religion(81).

Die Probleme der Steuererhebungen und insbesondere deren Auswirkungen auf die französische Armee in den besetzten Gebieten blieben Kerner auf der Weiterfahrt nicht verborgen(82). Der Verfall der Assignaten nach Aufgabe des Maximums machte dabei für den Staat einen großen Schaden aus. Dem kam hinzu, daß große Teile der Requisitionen, die in barem Geld und Naturalien zu begleichen waren, im Verwaltungsapparat verlorengingen. Obwohl Kerner die Anwendung und das Maß, der im besiegten Land auferlegten Kontributionen befürwortete, ließen die Methoden der Steuerverwaltung seine Auffassung hinsichtlich des Zustandes des republikanischen Staatsgefüges aufs Neue deutlich werden: Die Beamten und Agenten der Regierung waren in Pariser Boudoirs bestellt worden; sie stellten sich nicht in den Dienst für das "gemeine Beste", sondern ihr Egoismus, ihr persönliches Gewinnstreben sowie ihre Lasterhaftigkeit machte sie zu "Dieben am Nationaleigentum". Damit standen sie mit der Aristokratie auf einer Stufe(83). Für Kerner war diese Erfahrung der Beweis, daß sich Freiheit zu Laster, Raffgier und Eigennutz widersprechen.

Neben den Intrigen und Verschwörungen des Royalismus machte Kerner erneut den Nährboden der Gegenrevolution in der individuellen Lethargie und Bequemlichkeit der Menschen aus. In Antwerpen angekommen mußte, Kerner feststellen, daß sich die Bevölkerung dieser Handelsstadt vom Einzug der Freiheit und der republikanischen Verfassung einen wirtschaftlichen Aufschwung versprach, jedoch niemand bereit war, dafür Opfer zu bringen(84). In Amsterdam prangerte Kerner den Reichtum des Handels- und Bankkapitals an. Er sah in der Anhäufung der Vermögen kein Ergebnis der Freiheit. Kerner war der Ansicht, daß dieses System zur Unfreiheit und zur Sklaverei der Menschen führen würde, da diese Erscheinungen auf Egoismus und Geldgier der Menschen beruhten und somit den republikanischen Voraussetzungen wie Mut, Stärke und Patriotismus widersprachen(85).

Gerade der Reichtum dieser holländischen Großhändler war ein Jahr später auch für Georg Friedrich Rebmann auf einer Reise von Altona nach Paris Gegenstand einer ähnlichen Kritik. Rebmann sah in der Großbourgeoisie den Kern des Aristokratismus. Ihr Egoismus war verantwortlich für eine "despolitische Regierung", die ihnen erlaubte die armen Volksklassen auszurauben(86).

Ein Aufenthalt in Brüssel bewegte Kerner zu einer depressiven Stimmung. Seine anfängliche Hoffnung auf dieser Reise war gänzlich gewichen. Er wurde damit konfrontiert, wie den Emigranten die Möglichkeit geboten wurde, in Scharen heimzukehren, wie sie ihre Güter zurückerhielten und ihre Unkosten erstattet bekamen. Der Anblick eines verdorrten Freiheitsbaumes mit einer phrygischen Mütze - eines der großen Symbole aus der Anfangszeit der Revolution, veranlaßte ihn dazu, seinen Standpunkt neu zu bestimmen. Kerner kam zum Schluß, daß die Sache der französischen Nation nur noch geringe Chancen haben würde, zum Erfolg zu gelangen, da schon frühzeitig die ausländischen Mächte alles daran gesetzt hatten, den Despotismus in Frankreich wieder zu etablieren.

Diese Indizien einer fortschreitenden Ausbreitung der Gegenrevolution, verschärftenseine Argumentation. Kerner machte die in Frankreich wiedergewonnene Freiheit, das "System de la douceur", verantwortlich für eine drohende Niederlage der Revolution(87). Die von ihm in dunkelsten Zügen geschilderten Auswirkungen, in die dieser Zustand die Menschen versetzte, waren mindestens so verwerflich wie die Verbrechen des Terreuregimes(88).

Wie sehr ihn die Verfehlungen individueller Handlungsweisen erregten, zeigt sich dadurch, daß Kerner bei seinen Tiraden auf biblische Metaphern zurückgriff. Er machte diese Konspiratoren des Staatswesens zu Sündern an der freiheitlichen Idee. Wenn er sich auf die Vorstellung stützte, daß sie "an dem Tage des republikanischen Gerichts" zur Rechenschaft gezogen würden, wird nicht zuletzt seine nahezu religiös republikanische Emphase deutlich(89). Aber von dieser Denkweise nährte sich auch ein weiterhin ungebrochener Optimismus, daß die gerechte Sache siegen würde und ihre Feinde sowohl in Frankreich, als auch Ausland, die "auf die Drangsale einer großen Nation spekulieren und bei stürmischer politischer Witterung die entnervten Glieder in goldene Lappen steken" der verdienten Strafe anheimfallen(90).

3.2.5. Die Armee als Retter?

Ein weiterer Gesichtspunkt in Kerners Denken trat im Verlauf der Reise immer deutlicher hervor: seine Affinität zum Militär sowie seine auf die französischen Waffen gestützten Hoffnungen. Bereits in Paris hatte Kerner andeutungsweise damit gerechnet, daß das Überleben der Republik allein in kämpferischen Auseinandersetzungen zu sichern sein würde.

Daß er dabei die Unfähigkeit der Aristokratie zum offenen Kampf hervorhob, entsprach seiner Haltung, in der Armee seine Ideale verwirklicht zu sehen. Wie andere Augenzeugen pries er die Disziplin der französischen Soldaten, die nicht zuletzt trotz der Kriegshandlungen den Wohlstand in den Niederlanden garantierten(91). Gemessen an dem von ihm inzwischen als fast aussichtslos empfundenen Überlebenskampf der Republikaner in Paris suchte Kerner Trost an den militärischen Erfolgen der Revolutionsarmeen und begrüßte als Zeichen der republikanischen Lebenskraft den Übergang der Franzosen über den Rhein(92).

Die französische Revolutionsarmeen interpretierte Kerner als den "starke[n] Arm freier Männer"(93), der allein eine Niederlage zu verhindern wissen wird. Es waren die französischen Soldaten, die "ihr Blut im Kampf fürs Vaterland vergießen" und "für die Erhaltung der republikanischen Freiheit wachen"(94). Endgültig schätzte er die Armee als letzte Stütze der Republik ein.

Der politische und soziale Hintergrund der französischen Heere, die Identifikation der Volontärs von 1791/92 mit dem republikanischen Staat und vor allem ihre bisherige Resistenz gegenüber den tagespolitischen Interessenkonflikten und antirepublikanischen Strömungen an den von Paris entfernten Fronten hatte wie bei keinem anderen sozialen Organismus einen höheren Grad an revolutionärem Geist und Patriotismus erhalten. Nach außen war sie so für Kerner durch ihre physische Gewalt ein Bollwerk gegen die Aristokratie und die ausländischen Mächte. In ihrer inneren Struktur verkörperte sie im Unterschied zur zivilen Bevölkerung das Modell für asketische und tugendhafte Verhaltensformen, die Kerner zufolge Voraussetzungen für die Existenz der Republik darstellten.

Er bemerkte auch, daß bei der französischen Armee Plünderungen, Disziplinlosigkeit und Desertationen auftraten. Jedoch stellte er nicht die militärische Organisationsform in Frage, sondern sah dahinter die verräterische Regierung in Paris, die wissentlich die Armee verelenden ließ, um Siege in Niederlagen umzuwandeln(95).

3.2.6. Vom moderaten Republikaner zum radikalen Revolutionär

Je weiter sich Kerner von Paris, dem politischen Zentrum der Revolution entfernte und sich hin zu den französischen Grenzen, d.h. zu den Fronten und zum militärischen Lebensraum bewegte, desto mehr bewirkte diese gewandelte Erlebniswelt ein Umdenken in seinen Anschauungen. Als Kerner in Antwerpen nach seinen Erlebnissen in Brüssel die französische Armee in einem desolaten Zustand antraf, führte er diese Erscheinung auf einen Verschwörungsplan von Aristokraten und Royalisten zurück. Doch diese Erfahrungen sowie seine zunehmende Affinität zum Militär ließen Kerner in der Entwicklung seiner Positionen jetzt zu Schlußfolgerungen kommen, die unter einem stark veränderten, radikalen Vorzeichen standen:

"Die unter dem so verschriehenen Schreckenssystem eingeführte Kriegszucht der Armeen wird dem Geschichtsschreiber der Revolution nicht entschlüpfen; und wenn auf der einen Seite das mißbrauchte Beil der Guillotine tausend darniedergestürzt hat, so erhielt diese durch dieses System bewirkte Kriegszucht auf der andern ganze Länderstrecken und Millionen Leben und Wohlstand. Anstatt die Mißbräuche abzuschaffen und die Vorsichtsmaßregeln zu nehmen, die die Möglichkeit der Ausartung erfordern, hat man das ganze System über den Haufen geworfen, und das so gerühmte Sanftmutssystem war in jedem Munde und in keinem mehr als in dem der Aristokraten und Royalisten. Dieses schändliche Sanftmutssystem bringt uns mit jedem Tage einem furchtbaren Abgrund näher, und ich behaupte zuversichtlich, daß es uns mehr Blut kosten wird, als uns jemals der Terrorismus gekostet hat. Dieses System ist mit anderen Worten eine förmliche Lossprechung von allen Pflichten gegen republikanische Gesetze und republikanische Beamte; ein Aufruf zur vollkommensten Anarchie; ein großer Schritt zum Königstume... "(96) Hatte schon zuvor sein Haß auf das Terreurregime aufgrund dessen republikanischer Strenge eine Milderung erfahren, so nahm Kerners Denken durch die hier zur Sprache gebrachte Interpretation eine beträchtlich erweiterte Dimension an. Er leugnete zwar nicht die Ausartungen der Jakobinerdiktatur, doch am Beispiel der Militärdisziplin sah er jetzt vielmehr in ihr die konsequente Umsetzung von republikanischen Leitmotiven durch eine auf Zwangsmaßnahmen gestützte Staatsform. Bisher war dieses Regime für ihn das Instrument der Gegenrevolution, um den Despotismus wiederherzustellen. Diese Rolle schrieb Kerner nunmehr dem "Sanftmutssystem" der Thermidorregierung, deren Amtsantritt er zuvor als Rettung der Freiheit in Frankreich und Europa euphorisch begrüßt hatte, zu.

Als konkrete Konsequenz aus seiner Umdeutung in der eigenen Revolutionsinterpretation, verlangte Kerner "ganze durchgreifende Maßregeln" gegen die Führer der aristokratischen oder royalistischen Faktionen. Jeglicher Versuch, einer Rückkehr zum alten System mußte ausgeschlossen bleiben. "Revolutionsmänner, die sich auf ihr Fach verstehen und denen die Sache der Freiheit am Herzen liegt, wissen sich und andere in die Notwendigkeit zu setzen, entweder das einmal vollkommene Werk zu vollenden, zu siegen oder mit den Waffen in der Hand zu sterben. Sind sie einmal über den Rubikon geschritten, so brechen sie jede Brüke hinter sich ab. Der Blick rückwärts ist eine halbe Niederlage; der Blick vorwärts das Beginnen des Triumphes."(97)

Hatte Kerner aus dem Germinalaufstand die Forderung abgeleitet, die bisherigen Errungenschaften der Revolution zu konsolidieren, so sah er jetzt die Revolution als noch nicht vollendet an. Der Kampf bis zur Entscheidung mußte weitergeführt werden, der Bruch mit der Vergangenheit total sein. Mehr als drei Jahre nachdem er am 10. August 1792 in den Tuilerien für Ludwig XVI. gekämpft hatte, machte Kerner sich die Argumentation von Philippe Le Bas zu eigen, der nach der Hinrichtung des Königs äußerte: "Nous voilà lancés, les chemins sont rompus derrière nous; il faut aller de l'avant, bon gré, mal gré, et c'est à présent surtout qu'un peut dire: vivre libre ou mourir!"(98)

3.3. Zwei Reisen nach Paris

Von Hamburg aus unternahm Georg Kerner zwei Fahrten nach Paris. Der Anlaß seiner ersten Reise war die offizielle Anerkennung Reinhards von den Hansestädten als Gesandter Frankreichs. Die Hamburger Kaufmannschaft hatte beschlossen, Georg Heinrich Sieveking zu Unterhandlungen mit dem Direktorium nach Paris zu entsenden(99). Um dem Ministerium vorab Informationen über dieses Vorhaben mitteilen zu können, wurde Kerner von Reinhard mit einer Mission nach Paris beauftragt(100). Er verbrachte im März 1796 mehrere Wochen in der französischen Hauptstadt.

Von August bis November des Jahres 1797 fand Georg Kerner erneut Gelegenheit zu einem Aufenthalt in Paris. Diese zweite, private Reise hatte für ihn zum Ziel, eine feste Anstellung bei der französischen Republik zu erlangen(101). Die Eindrücke über beide Reisen, die durch die gleichen Staaten führten wie auf der Route, die er im September des Jahres 1795 zurückgelegt hatte, sowie über seine Aufenthalte in Paris hielt Kerner in mehreren Briefen fest. Zwei dieser Schreiben wurden unter dem Titel "Neue Briefe, geschrieben auf einer Reise durch Deutschland, Holland und Frankreich" in der Zeitschrift "Die Geißel" abgedruckt(102).

Seine Impressionen aus Paris sowie über die Stationen der Reise aus dem Jahr 1797 hielt Kerner fest in "Briefe, geschrieben auf einer Reise von Paris nach Deutschland", die 1798 in der Zeitschrift "Frankreich" publiziert wurden(103).

3.3.1. Paris

Kerners Aufenthalte im Zentrum der Revolution veranlaßten ihn weniger, die aktuellen politischen Tagesereignisse zu kommentieren, als vielmehr zu allgemeinen Betrachtungen aus seinen persönlichen Erlebnisse. In Paris eingetroffen, verkehrte Kerner im Hause der langjährigen Freundin Lacoste, wo er mit einem ehemaligen Staatsanwalt sowie einer Lebensmittelspekulantin, Bekanntschaft machte. Die überhebliche Äußerung der Frau während einer Diskussion um die Rolle der Kirche, daß die Volksmassen durchaus einer Religion bedürfen würden, versetzte Kerner derart in Rage, daß er sich veranlaßt sah, seine grundsätzliche Einstellung zur Revolution an dieser Stelle zu artikulieren.

3.3.1.1. Resümee der Revolution

Zunächst stellte Kerner klar, daß nach seiner Auffassung die Kirche "diesen Leuten" lediglich zur Unterdrükung des Volkes diente. Sie entriß den Menschen den Lohn der Arbeit und erhielt die Unwissenheit, die das Volk vom Aufbegehren abhielt(104). Er beschrieb das Ancien Regime als ein System, das an der eigenen Strukturschwäche zugrundeging, womit auch eine Wiederherstellung des Despotismus unmöglich sein würde.

Für die innere Instabilität des royalistischen Staatssystems machte Kerner verschiedene Ursachen verantwortlich: ein Auseinanderdriften von Kirche und Staat, denn die Fürsten konnten sich nur solange auf den Priesterdespotismus stützen, "als er ihr nicht mehr schaden und bloß gegen das Volk dienen kann"(105). Dazu zerriß die zum Bestreiten der eigenen Verschwendung von der Tyrannei geförderte "wissenschaftliche Aufklärung [...] den Schleier, der die Schandtaten des Despotismus und die Schmach der Völker verhüllte"(106). Schließlich erzwang ein Grundpfeiler des Despotismus, die stehenden Armeen und die daraus resultierenden Kriege, eine stete Erhöhung der Abgaben, um die Staatsmittel zu decken. Als der Druck von diesen drei Seiten zu mächtig wurde, brach die Revolution aus.

Obwohl Kerner sich selbst außerstande sah, die Erscheinungen objektiv zu analysieren, die der folgende Kampf zwischen dem "Keim aller Tugenden" und dem "vollendetste[n] Laster", hervorrief, war er überzeugt, daß die Revolution mit dem Triumph der Freiheit enden würde(107).

Im Anschluß ließ Kerner einen weiteren Angriff auf die Kirche und die Religion folgen:

"Priester! wie konntet ihr frech genug sein, den armen Unglücklichen auf dem leidenden Heiland zu verweisen, den ihr da in der erbärmlichen Sündergestalt - ihn den energischen Widersacher des Pfaffen- und Königsdespotismus - ihn den Athleten Jerusalems - in Form eines gekreuzigten ausgemergelten Missetäters den Augen des Volks aussetzt? ohne Zweifel damit es, weil einmal ein so genannter Gott so erbärmlich aussah, vor seiner eigenen abgemergelten Gestalt desto weniger erschrecken soll! - Priester! wie konntet ihr dieses unglückliche Volk an die Weinsuppen eines künftigen Lebens verweisen, - da eure eigene Tafel aufs beste besetzt, eure Keller gefüllt, eure Beutel gespickt sind, da ihr wohl wißt, daß das Elend nicht Bestimmung des Menschen ist, sondern Wohlstand, Vergnügen und Freude sein irdisches Los sein soll; - da ihr die Ursachen seines Elends, da ihr diejenigen kennt, deren Üppigkeit und Schwelgerei, deren Gefräßigkeit und Laune zu gefallen, die große Volksmasse so manchen physischen Genuß entsagen muß, der nicht selten eine Stufe zur moralischen Verelendung ist. - Aber nein ihr lenktet und lenkt das Aug des unglücklich Unterdrückten auf ein anderes Leben, damit er in seinem fanatischen Taumel sein gegenwärtiges Elend vergesse, damit es ihm nicht endlich einfalle auch gut und vergnügt leben zu wollen, nicht bloßes Tier zu sein, sondern denkendes Wesen zu werden nicht bloßes passives Stück Fleisch zu sein, sondern selbständiger Geist zu werden, nicht bloß durch euch sondern durch sich selbst zu denken, zu sprechen und zu handeln, und endlich über das Hundegesindel hinwegzuschreiten, das sich zwischen ihn und das große Urbuch der Menschenrechte, zwischen ihn und die Gottheit, als unberufener Zwischenträger wirft. - Allein euer aller Reich geht zu Ende - über eure Kronen und Hüte, und Münzen und Hostien, und Kelche und Diplome, und Pergamente und Ordensbänder und Sterne, über eure Sklaven und Henker hinweg ruf ich im Angesicht des Himmels und der Erde - E u er  R e i c h  g e h t  z u  E n d e ! und tausend Echos und hunderttausend Stimmen hallen - zu
E n d e!!!"(108)
Diese Ansichten Kerners fügen seinen bisherigen Urteilen keine weiteren Blickwinkel hinzu. Es handelt sich aber bei diesem Exkurs, der gleichermaßen den Abgesang auf die alte Zeit, einen Aufruf zur Befreiung der Menschheit sowie ein Bekenntnis zu aufgeklärtem Denken darstellt, um einen Höhepunkt der kernerschen Argumentation, der durch seine Vehemenz und Intensität der Sprachkraft besticht(109).

3.3.1.2. Sièyes als Vorbild

Eine positive Erfahrung war für Kerner in Paris ein Zusammentreffen mit Emmanuel Joseph Sieyès. Er war wie Oelsner, Schlabrendorff oder Reinhard mit dem Ex-Abbé sehr gut bekannt und stand mit ihm im Briefwechsel(110). So ließ er es sich nicht entgehen, diese große Figur der Französischen Revolution gleich nach seiner Ankunft in Paris aufzusuchen.

Kerner schätzte Sieyès als Person, die sich als "Repräsentant der französischen Nation" in den Dienst der Republik stellte und dabei über Parteiinteressen stand. Er hob dessen Verdienste bei praktischer politischer Tätigkeit hervor(112). Kerner rühmte die Haltung Sieyès' während der zweiten Gesetzgebenden Versammlung, als dieser erklärte Gegner des Hofes dafür eintrat "langsamen Schrittes, und nicht im wilden Sturme, dem großen Ziele republikanischer Freiheit entgegenzugehen"(113). Daß diese politische Potenz im Direktorium gleichwohl nur wenig Einfluß nehmen konnte, schrieb Kerner der öffentlichen Propaganda und Intrigen gegen die Person von Sieyès zu.

Kerner rügte die Tatsache, daß die Vorschläge Sieyès zur Konstitution des Jahres III abgelehnt wurden, obwohl er deren Inhalt überging. Darin kommt die Essenz in seiner Haltung zu dem Ex-Abbé zum Ausdruck. Kerner erwähnte zwar, daß Sieyès Empfehlungen zur Modifizierung der Verfassung durch die Etablierung einer Art Verfassungsgerichtsbarkeit gemacht hatte, konnte deren staatsrechtlichen Folgen jedoch nicht einordnen(114).

Sieyès Vorschläge, die Exekutive zu schwächen, um den Einfluß des Staates weiter einzuengen sind vor dem Hintergrund zu sehen, daß er den Gedanken Rousseaus einer sich aus dem "volonté generale" ableitenden uneingeschränkte Souveränität des Volkes als Umkehr des Absolutismus der Monarchie und damit die "pouvoirs illimités" der Repräsentanten ablehnte. Der öffentlichen Macht sollte nur so viel Gewalt erlaubt sein, wie es der Erhalt der Rechte des Einzelnen bedurfte(115).

Seine Idee bei der Neugestaltung der Verfassung bestand darin, daß die Regierung ihre Gesetzentwürfe zur Überprüfung einem Tribunat vorzulegen hatte und die Legislative diesen nur zustimmen oder ablehnen brauchte. Dieser konkrete Vorschlag sah die Trennung der Gewalten und die Etablierung einer Verfassungsgerichtsbarkeit vor. Als diese Vorschläge nach langer Diskussion abgelehnt wurden, zog sich Sieyès zunächst aus dem politischen Leben zurück(116).

Angesichts der schwierigen Lage, in der sich die Republik aufgrund der Wirtschaftskrise, einer offenen sozialen Frage und eines auf unabsehbare Zeit fortzuführenden Krieges befand, waren die Propositionen des Ex-Abbés, die weit über die in der verabschiedeten Verfassung des Jahres III etablierten schwachen Exekutive hinausgingen, kritisch(117). Kerner, der zuvor vehement für eine starke Regierung eingetreten war, sogar diktatorische Maßnahmen befürwortet hatte und es als Problem ansah, daß das Direktorium an eine Konstitution gebunden war, und nicht wie die Revolutionsregierung notwendige Entscheidungen aus freier Hand treffen konnte, hätte den Leitmotiven, die hinter Sieyès' Eingaben standen, seinen bisherigen Äußerungen gemäß strikt ablehnend gegenüberstehen müssen. Es konnte ihm bei seiner Einschätzung von Sieyès also nicht darum gegangen sein, ein getreues Bild vom politischen Wirken und der Persönlichkeit des Ex-Abbés zu zeichnen und es in den Kontext der politischen Realität zu setzen, sondern ihn vielmehr als Musterbeispiel der revolutionären Elite darzustellen, der die positivsten republikanischen Eigenschaften wie Selbstverleugnung, Voraussehungskraft oder Bescheidenheit verkörperte.

3.3.1.3. Die Republik am Abgrund

Eine zunehmende Heftigkeit in Kerners Äußerungen ist darauf zurückzuführen, daß kurz nach der Abreise aus Paris im September 1795, das er "unter den Zurüstungen des Royalismus" verlassen hatte(118), seine Befürchtungen durch einen offenen Aufstand der Royalisten ihre Bestätigung fanden.

Nachdem durch die Annahme der Verfassung und das Dekret der zwei Drittel den Royalisten die Möglichkeit genommen wurde, auf legalem Wege politischen Einfluß zu nehmen, eskalierte die in Paris vorherrschende royalistische Agitation zu einem offenen Aufstand gegen den Konvent, der am 13. Vendémiaire (5. Oktober 1795) militärisch zurückgeschlagen wurde. Obwohl Kerner das Blutvergießen bedauerte, begrüßte er das Resultat dieses Vorgehens als Sieg der Republik, die kurz vor dem Untergang stand(119). Mehr noch aber erfüllten ihn diese Ereignisse mit Bitterkeit, wenn er über das revolutionäre Engagement der Patrioten feststellte: "Auch schwiegen damals die Republikaner; nur denn als die Gegenpartei in ihrer Trunkenheit das Zeichen der Schlacht gab, sprangen auch sie, die Republianer, gleichsam aus der Erde hervor"(120).

In die Zeit von Kerners Parisaufenthalt im Jahr 1797 fiel der Staatsstreich vom 18. Fructidor des Jahres V. Aus den Kammerwahlen im April 1797 war die monarchische Rechte als deutlicher Sieger hervorgegangen, was den Staat in eine schwere Verfassungskrise manövrierte. Die Reaktion im Land nahm zu, dem gespaltenen Direktorium stand ein nunmehr royalistisch gesinntes Parlament gegenüber, das diese Politik nicht mehr ratifizierte. Als der Konflikt hinsichtlich der Besetzung von Ministerämtern zu eskalieren drohte, entschlossen sich die unter dem Namen "Triumvirn" gemeinsam agierenden Barras, La Revellière-Lapeaux und Reubell zu einem auf die Armeen Hoches und Bonapartes gestützten Staatsstreich. Am 4. September 1797 besetzten deren Truppen die Kapitale, die Wahlen des Aprils wurden annuliert und drastische Ausnahmebestimmungen gegenüber der rechten Opposition, den Emigranten und Priestern verhängt(121).

Wie Kerner spontan in einem Brief äußerte, gehörte für ihn der Tag des 18. Fructidor, in dessen Ereignisse er einmal mehr persönlich einbezogen wurde, "zu den größten der Revolution, er hat die Republik gerettet"(122). Nach seiner Abreise aus Paris setzte er sich detaillierter mit Frankreichs Lage vor und nach dem Staatsstreich auseinander. Zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Paris erlebte Kerner ein unaufhaltsames Fortschreiten der Reaktion, was er am Wahlsieg der Royalisten im Germinal, dem Einzug von Royalisten (Barthelemey) ins Direktorium, an den Amnestien und der Rückkehr von Emigranten Priestern, der Verfolgung von Käufern der Nationalgütern und bekennenden Republikanern sowie dem Wiederaufkommen des christlichen Kultes festmachte(123).

Für ihn bedeutete der 18. Fructidor ein jähes Ende dieses Zustandes. Kerner begrüßte die Entfernung von Royalisten aus öffentlichen Ämtern, sah den Gemeingeist wiedererwacht und die Würde der Nationalrepräsentation reetabliert. In dem ihm eigenen Pathos schloß er die Gegenüberstellung der Verhältnisse vor und nach dem Staatsstreich: "... Frankreich [ist] wiederum leuchtendes Gestirn am republikanischen Himmels-Gewölbe; [...] das Königsgespenst verschwunden; die Göttin der Freiheit erscheint in niegesehener Schönheit - die lorbeerumwundene Friedenspalme in der Rechten - ihre Linke auf dem Altar der Wahrheit gestützt"(124).

Vor allem in Belgien machte Kerner die Erfahrung, welche Auswirkungen der Staatsstreich für die republikanische Idee hatte. Denn gerade die wenigen engagierten Revolutionäre, die er hier antraf, waren wegen des in Paris vorherrschenden Royalismus einer Angliederung an Frankreich abgeneigt. Erst die "Rückkehr der lorbeerbekränzten Krieger in das innere der Republik" ließ den Freiheitsenthusiasmus und eine profranzösiche Stimmung wieder aufleben(125).

Anders als die Gutheißung der Ereignisse des vorjährigen 13. Vendémiaire ist Kerners Beurteilung des Staatsstreichs im gleichen Maße problematisch zu beurteilen, wie das vom Direktorium praktizierte Verlassen der verfassungsrechtlichen Basis. Indem der auf legalem Wege zunehmende Einfluß einer wiedererstarkten Opposition von rechts ausgeschaltet wurde, konnte sich die Republik der drohenden Reinstauration der Monarchie entledigen, jedoch widersprach dieses Vorgehen allen staatsrechtlichen Grundsätzen und der republikanischen Idee von Freiheit.

Für Kerner allerdings hatte der 18. Fructidor den Stellenwert einer neuen Revolution, die er voll und ganz unterstützte. Reinhard, der von Hamburg aus die Ergebnisse dieses Tages ebenso als Rettung der Republik begrüßte, machte sich die Mühe, den Verfassungsbruch durch die Ausnahmesituation in Frankreich zu rechtfertigen(126). Auch Karl Woyda, der während des Staatsstreichs in Paris war, und den 18. Fructidor billigte, überging dennoch nicht die Problematik dieses verfassungsunkonformen Vorgehens(127). Daß Kerner diese Tatsache ignorierte, verdeutlicht seine typisierende Sichtweise der Geschehnisse, indem er einem übergeordneten Ziel, der Erreichung von Freiheit, alle praktischen Formen der politischen Umsetzung beugte.

3.3.2. Reisen von und nach Paris

3.3.2.1. Batavische Republik

Gegenstand Kerners Reportagen der Reisen von und nach Paris, durch die Batavische Republik sowie die niederländischen Departements war wie auf seiner ersten Reise der Grad der jeweils erreichten Freiheit. Maßgebliches Kriterium dafür stellte für ihn die sozial-mentale Grundstimmung des Volkes gegenüber der Republik dar. Handelte Kerner dabei das nördliche Deutschland als Region ab, "wo man einige Reichsstädte und das dänische Gebiet ausgenommen, keine Spur weder von Freiheit noch Bürgerglück findet"(128), so zeichnete er vom Zustand der Batavischen Republik ein differenzierteres Bild.

Er bemerkte unter den Holländern gegenüber anderen Staaten ein hohes Ausmaß an selbstbewußtem Patriotismus, den sie gemäß ihres Nationalcharakters jedoch mit einer gewissen Zurückhaltung zum Ausdruck brachten. Obwohl sie die Republik durch französische Waffen erlangten, waren die Holländer ein Volk, das mit freiheitlichen Prinzipien Erfahrung hatte. Kerner führte dies auf die geographischen Gegebenheiten des Landes zurück, da die Bewohner seit jeher gezwungen wurden, durch Geschick, Fleiß und Sparsamkeit gegenüber der Natur sowie den mächtigen Nachbarstaaten zu bestehen. Auch die "aufs äußerste getriebene Ökonomie der Holländer"(129), die Kerner auf der letzten Reise als eine Verkörperung des Egoismus Einzelner angeprangert hatte, entschuldigte er diesmal durch die geschilderten Umstände(130).

Einen Beweis für den in Holland vorherrschenden Republikanismus fand Kerner in der Trauer der Bevölkerung um den Tod von Pieter Paulus, dem Regierungsvertreter der Batavischen Republik, den Kerner und Reinhard während ihrer letztjährigen Reise in Den Haag als glühenden Revolutionär kennengelernt hatten(131). Der individuelle Einsatz und die Energie dieses Mannes war für Kerner Garant des Funktionierens des Staates. Er war es, der die nötige republikanische Strenge durchzusetzen vermochte. Nach Paulus' Tod befürchtete Kerner, daß die Bataver, das abschreckende Beispiel des französischen Terrorregimes vor Augen, zu große Nachsicht gegenüber den Oraniern walten lassen und dadurch die Republik gefährden würden(132).

Das Sterben von zweien der ersten Männer der Revolution in zwei Nationen - Kerner zog hier den Vergleich zu Mirabeau - ließ ihn zu der Erkenntnis kommen, "daß das Resultat der Revolutionen weniger durch das Genie des einzelnen als dem Fort- oder Rückschritt - durch die Natur der Masse bestimmt werden soll, wozu freilich der einzelne unendlich viel und um so mehr beitragen kann, je mehr er wirklich zu nützen, und um so weniger er bloß zu glänzen sucht"(133). Es ist einem Aufkeimen von Resignation zuzuschreiben, wenn Kerner hier an der Möglichkeit einer bewußt gestalterischen Steuerung und Umsetzung von Erfordernissen mittels politischer Führung zweifelte. Trotzdem drang er weiter auf den Beitrag des Einzeln, in der Masse positiv zu wirken.

3.3.2.2. Niederlande

Obwohl Kerners Erfahrungen und deren Auslegung beim Durchqueren der niederländischen Departements sich mit denen der Reise sieben bzw. zwanzig Monate zuvor gleichen, stand seine allgemeine Stimmung unter einem anderen Vorzeichen. Verbanden seine Erfahrungen während der ersten Reise ihn noch enger mit Frankreich und der Revolution, so ließen die jetzigen Erlebnisse in Belgien seine Resignation hinsichtlich der Umsetzung republikanischer Ideale weiter ansteigen.

In den Niederlanden wurde ihm jetzt "der Unterschied des Bodens, der Religion und der Verfassung" gegenüber Holland kraß vor Augen geführt(134). Für Kerner war dies eine Folge des propagandistischen Einflusses und der Unruhestiftung durch Aristokraten, Priester sowie Agenten Österreichs und Englands. Dies ließ beim Volk die Abneigung gegenüber Frankreich und dem republikanischen System steigen sowie ein Bild des Aufruhrs und des Umsturzes entstehen, das allerdings nicht der Realität entsprach. Noch sah Kerner die Vollstreckung der französischen Gesetze nur auf militärische Gewalt gestützt, war aber der Überzeugung, daß "die Niederländer noch dem Himmel dafür danken, daß wir sie in unserem großen Familienbund aufgenommen haben"(135).

Als eine Ursache für die geringe Identifikation der niederländischen Bevölkerung mit der Republik machte Kerner erneut das Fortbestehen der Religion und kirchlicher Kulte aus. Er zeigte sich brüskiert, als er eine rege Teilnahme an Gottesdiensten feststellen mußte und bekräftigte daraufhin erneut seinen Haß auf die Kirche als Gehilfe des Despotismus(136). Allerdings warnte Kerner im gleichen Gedankengang auch vor dem Versuch einer gewaltsamen Zerschlagung und einem Verbot von religiösen Institutionen, um die Menschen von der Macht der Kirche zu befreien. In seinem durch die Aufklärung geprägten Denken gab er vielmehr der Vorstellung den Vorzug, die Menschheit durch Erziehung und Überzeugung "auf dem heiligen Altar der Publizität" zu einer Morallehre zu führen(137). Daß er dabei dem "Krieg, den man dem Pfaffentum mit Feder macht, [...] die Guillotine des Narren von Arras"(138) entgegenstellte, veranschaulicht Kerners Fehlinterpretation der Rolle Robespierres, da dieser sich entschieden gegen die radikale Entchristianisierung der Hébertisten im Jahre 1793 eingesetzt hatte.

Der Frieden von Campo Formio am 17./18. Oktober 1797 zwischen Österreich und Frankreich, der Belgien endgültig der französischen Republik zugehörig erklärte, war kurz vor der Reise, die Kerner im Jahre 1797 durch Belgien führte, geschlossen worden. Das Zustandekommen dieses Vertrages versetzte ihn in gleichem Maße in Euphorie wie der 18. Fructidor: "Von dem Tage an, wo dieser Friede geschlossen ward, tritt Europa in ein neues Zeitalter jetzt noch von der Freiheit Morgensonne erleuchtet, die mit jeder Stunde ihrem hohen Mittag näher rückt, dessen senkrechte Strahlen das goldenen Zeitalter der Wahrheit und des Rechts in unsere Mitte zurückführen wird."(139) Entsprechend enttäuscht äußerte sich Kerner daher über die Reserviertheit und Ablehnung, die dem Friedensschluß von Campo Formio in mehreren belgischen Orten entgegengebracht wurde(140).

Sein Urteil über die Belgier wurde geprägt von deren Identifikation mit den vorrevolutionären Verhältnissen, die Sympathie für den Kaiser und den weiterhin praktizierten christlichen Kulten sowie der mangelnden Bildung und Lethargie des Volkes. Brüssel, das ihm schon zwei Jahre zuvor als Hort der Gegenrevolution aufgefallen war, veranlaßte Kerner auf dieser Reise erneut, herbe Kritik an dem geringen Ausmaß von Republikanismus zu üben(141). Wieder sah er hier der französischen Republik und ihren Errungenschaften eine Fülle von Unwissenheit, Fanatismus, Propaganda und Vorurteilen entgegengestellt. Die Kirche und die unter einem Deckmantel verborgenen Übel wie Laster, Neid, Habgier machte er dafür verantwortlich.

Daher erlangten seine Forderungen, daß "... nur republikanische Strenge in der ganzen Fülle des Wortes [...] in diesem Teil der Republik Ruhe und Ordnung erhalten"(142) würde, durch die Zustimmung zur konsequenten Deportation von eidverweigernden Priestern jetzt deutlich an Schärfe(143). Die volkserzieherische Aufklärung, die Kerner auf der vorherigen Reise als Kampfmittel gegen die Religion einsetzen wollte, war hier vergessen: "Unter solchen Umständen reiße man das Gebäude von Grund auf nieder, und auf seinen Trümmern errichte man republikanische Institute, begleitet von Wohltaten, aber auch bewaffnet mit den Donnern der Republik."(144)

In Löwen erkannte Kerner dann im Mangel an Bildung eine weitere wesentliche Ursache für die Ressentiments der belgischen Bevölkerung gegenüber der Republik. Zwar konnte er die Klagen der dortigen Bewohner, die wegen der Auflösung der dortigen Universität um ihre Existenz fürchteten, nachvollziehen, jedoch nicht gutheißen. Daß die Menschen nicht auf den durch die Freiheit zu erwartenden wirtschaftlichen Aufschwung vertrauten, sondern zu sehr an ihren unmittelbaren und kurzfristigen Vorteil dachten, sich dadurch in ihrem Urteil beeinflussen ließen und daher auf notwendige Entscheidungen mit Unverständnis reagierten, schrieb Kerner dem geringen Bildungsgrad in der Bevölkerung zu. Konsequent forderte er daher an dieser Stelle von Regierungen, durch Unterricht und Ausbildung, das zur Förderung des Volkswohlstandes nötige Wissen zu garantieren: "Ausbildung des Verstandes, mit einem Wort Volkserziehung, ist offenbar die ergiebigste Finanzquelle."(145)

Schließlich konnte Kerner kurz vor dem Verlassen Belgiens noch positive Erfahrungen sammeln. Als Kontrast zu dem vorher Erlebten fand er in Lüttich eine prosperierende Industriestadt, deren Bürger sich für ihn durch Fleiß, Ehrgeiz und Geschick auszeichneten. Ihre tugendhaften Charaktereigenschaften hatten sich gegen die Laster und Gebrechen von Kirche und Despotismus durchzusetzen vermocht. Das öffentliche Gemeinwesen in der Stadt war intakt und die Bürger versprachen sich eine Erhöhung ihres Wohlstands durch Frieden und Freiheit(146).

Kerner sah die Bürger Lüttichs vom Geist der Freiheit und Republikanismus beseelt und zeigte sich beeindruckt von der Konsequenz, mit der sie sich den Idealen der Revolution widmeten: "Sie begnügen sich nicht, wie man anderwärts getan, mit Umwerfen von Bildsäulen, sondern die Kathedralkirche war der ersten Entrüstung zum Opfer gebracht. Schon ist ein großer Teil dieser ungeheuren Steinmasse abgetragen, und der große Götzentempel jetzt mehr eine alte Ruine, wird in kurzer Zeit der Erde gleich gemacht, nicht länger mehr das Werk das Auge des Republikaners beleidigen..."(147).

Die Schwärmerei für diese Stadt war nicht nur eine Laune oder eine vorschnelle Schlußfolgerung Kerners aus dem persönlich Wahrgenommenen. Bereits 1790 hatte es auch Georg Forster im Rahmen seiner "Ansichten vom Niederrhein" als bemerkenswert empfunden, das besondere republikanische Engagement der Lütticher und ihre Abneigung gegen Aristokratie und Geistlichkeit hervorzuheben(148).

3.4. Der enttäuschte Republikaner

In Georg Kerners publizistisch reflektierten Revolutionserfahrungen zur Zeit der Thermidorregierung sowie dem Direktorium lassen sich trotz seiner zu Einzelfragen verschiedenen und widersprüchlich geäußerten Positionen einige wesentliche Leitgedanken feststellen. Diese werden im folgenden auch anhand von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu den Anschauungen anderer deutscher Augenzeugen der Ereignisse der Französischen Revolution umrissen.

Das Frankreich, das Kerner nach seiner Rückkehr aus dem Exil antraf, entsprach in keinster Weise der euphorischen Erwartung von einem Durchbruch der Freiheit, die er an den Sturz der Jakobinerdiktatur geknüpft hatte. Aus der Undurchschaubarkeit der politischen Verhältnisse kristallisierte sich schnell seine primäre Kritik heraus. Die politische Unsicherheit war dabei der zentrale Punkt, den Kerner verurteilte. Er stellte den Erhalt der Republik in den Vordergrund der Argumentation. Kerner sah die Republik und mit ihr die Errungenschaften der Revolution permanent bedroht. Wie Carl Friedrich Cramer empfand er die Verhältnisse als Anarchie und Chaos. Beide begrüßten die Installation des Direktoriums sowie dessen autoritäre militärische Interventionen am 13. Vendémiaire bzw. 18. Fructidor als Siege der republikanischen Ordnung. Sie machten das mangelnde politische Interesse und das geringe Engagement der einzelnen Bürger für ununterbrochene Gefährdung der Republik verantwortlich(149). Doch während sich Cramer enttäuscht von der politischen Szene, hin zu künstlerischen Themen wandte, radikalisierten sich die Anschauungen Kerners.

Jedoch fand bei seiner polarisierenden Sichtweise eine politisch-soziale Differenzierung der Angriffe auf die Republik, sei es von den Aufständischen des Prairials und Germinals oder während des 13. Vendémiares und 18. Fructidors nicht statt. Alle gegen die Republik gerichteten Bestrebungen faßte er unter den Begriffen Aristokratismus und Royalismus zusammen. Zu dieser "Coalition von Aristokraten, Pfaffen, Neugeadelten, Schurken, Verrätern und Dummköpfen"(150) gehörten für ihn das Volk, rechte Propagandisten, Spekulanten, sowohl die organisierten konstitutionellen Royalisten, als auch Anhänger des Ancien Regime.

Als eine wesentliche Ursache für die Verfehlungen Einzelner machte Kerner die soziale Ausrichtung des Thermidorregimes bzw. des Direktoriums verantwortlich. Die Immoralität sowie das soziale Klima in Paris war auch für Rebmann Gegenstand der Kritik am Zustand der Revolution. Vor allem der Widerspruch zwischen dem Reichtum einer kleinen Gruppe von Profiteurenu der wiedergewonnenen wirtschaftlichen Freiheit und deren zur Schau gestellten mondäne Lebensweise sowie die dem gegenüberstehende Armut und die politische Teilnahmslosigkeit der breiten Massen, widersprach ihren Vorstellungen von der Republik. So forderten Kerner und Rebmann anstelle einer Politik der abwechselnden Zugeständnisse an Jakobiner und Royalisten von der Regierung rigorose, durchgreifende Maßnahmen gegen alle sich der bestehenden Ordnung widersetzenden Tendenzen. Augenfällig ist dabei die Ähnlichkeit selbst in der Wortwahl zu Rebmann in der Forderung nach strengen revolutionären Maßnahmen(151).

In dem Maße wie sich Kerners Kritik an der bürgerlichen Republik steigerte und sein Denken sich radikalisierte, wird der Widerspruch in seiner Einstellung gegenüber der Jakobinerdiktatur evident. Je mehr er nach eiserner Disziplin und rigorosem Durchgreifen verlangte, desto entschiedener rechtfertigte er damit die Instrumente der Jakobinerdiktatur. Seinen höheren Zielen ordnete er die Mittel unter: "der Zweck und die Motive sind das Gepräg, an dem man den Wert der Handlung erkennt"(152).

Auffallend ist die Konvergenz bei der Entwiklung der Anschauungen Kerners mit denen Wilhelm Henslers, einem Stiefsohn von Johann Friedrich Reichardts, der aus seiner Konfrontation mit dem französischen Militär analoge Konsequenzen zog. Auch dieser Sympathisant der Gironde hatte zunächst den Sturz Robespierres bejubelt. Der Zustand der Revolutionsarmeen, den er an der französisch-spanischen Front erlebte, korrigierte jedoch seine Meinung: "Das Schrekenssystem hatte bei allen seinen Abscheulichkeiten auch das Gute, daß zu seiner Zeit die Armeen sehr gut versorgt, diszipliniert und allenthalben geachtet waren als sie jetzt verachtet sind. Es ließ sich ja einschränken und durch sichere gesetzliche Formen, die strenge hätten gehalten werden müssen zum Besten der großen Sache und selbst zur Sicherheit der Einzelnen handhaben, bis Ruhe und Frieden von außen und innen hergestellt wäre."(153)

Kerner wurde zu einem immer radikaleren Verfechter der revolutionären Praxis. Wenn er diesen Gedanken auch nicht explizit aussprach, läßt sich aus einem Bündel von Äußerungen schließen, daß er wie Konrad Engelbert Oelsner zwar zunächst das Ende der Jakobinerdiktatur willkommen hieß, es ihm wie diesem nach den Erfahrungen während des Thermidorregimes aber darum ging, das revolutionäre Systems beizubehalten und lediglich das Regierungspersonal zu ersetzen(154).

Während Oelsner eine konkrete Perspektive zur staatspolitischen Ausgestaltung Frankreichs entwickelte und auf politischer Ebene einen Konsens im Repräsentativsystem suchte, definierte sich Kerners politisches Programm rein negativ. Aus seiner Kritik an den bestehenden Verhältnissen resultierte allein die Forderung nach drastischen Maßnahmen gegen alle gegenrevolutionären Tendenzen.

Besonders wird der Unterschied der beiden in ihrem politischen Denken in den Haltungen zu der Person Sieyès' deutlich. Beide waren leidenschaftliche Bewunderer des Ex-Abbé und beide setzten ihre Hoffnungen in diesen Revolutionär der ersten Stunde(155). Doch während Oelsner seine Theorie zur Lösung der französischen Staatskrise an die Vorschläge Sieyès', die "Autorität des Konvents als des alleinigen Repräsentativorgans des Volkes wiederaufzurichten"(156), anlehnte, bestach Sieyès Kerner als ein Vorbild der staatspolitischen Führungselite aufgrund seines persönlichen Verhaltens.

Trotz aller Enttäuschungen, wechselhaften Stimmungen und Anflügen von Resignation, hat Kerner in dieser Phase von 1795 bis 1798 sein Bekenntnis für die Ideale der Freiheit, den Glauben an den guten Ausgang der Revolution für alle Völker sowie seine Anhänglichkeit an die französische Nation nicht verloren. Stets beschwor er für den guten Ausgang der Revolution einzutreten. So ist Kerners Anliegen bei seiner Publizistik immer auch geprägt von dem Willen die Revolution argumentativ zu rechtfertigen. Trotz aller berechtigter Kritik an den inneren Verhältnissen Frankreichs, lag Kerners Intention darin, mit seinen Schriften zu verhindern, daß die Revolution von außen ungerecht verurteilt würde, zumal für ihn von der richtigen Beurteilung der Revolution auch die Wohlfahrt und Zukunft Europas abhing.