Marc von Bandemer - Die politische Publizistik Georg Kerners

4. ABKEHR VON FRANKREICH

4.1. "Ueber den Zustand Italiens"

Im Rahmen seiner politischen Aktivitäten in Hamburg vom Herbst 1795 bis Ende 1797 schrieb Kerner für die von ihm gegründete Philanthropische Gesellschaft eine Rede, die sich mit dem Zustand Italiens befaßte(1). Er unternahm den Versuch, die politische Lage in diesem Land zu analysieren. Da er aus der Ferne nicht mit der tagespolitischen Realität in Italien konfrontiert war und keine persönlichen Erlebnisse reflektieren konnte, wirft der daher eher theoretische Aufsatz ein Licht auf seine grundsätzliche Revolutionsinterpretation zu diesem Zeitpunkt.

Kerner wiederholte zunächst den Standpunkt, daß die Ursache der Umwälzungen großer Teile Europas das Ergebnis der Aufklärung war. Der entschiedene Wille der Menschen, die neuen Ideen nicht mehr nur als theoretisches Wissen zu würdigen, sondern ihre Grundsätze im Staatsgefüge umzusetzen, hatte zu diesen gewaltigen Veränderungen geführt(2). Die Ziele der Revolution dienten dem gesamten menschlichen Geschlecht. Auch wenn Vorurteile noch weiterbestanden und bestimmte Gruppen und Parteien versuchten, sich die Ergebnisse der Revolution zunutze zu machen, würden die Grundsätze der Aufklärung triumphieren.

Einem "höheren Gesichtspunkt" galt es in der Geschichte "alles Einzelne und Besondere und Vorübergehende" unterzuordnen(3). Dieser Gedanke war für Kerner ein Leitmotiv, um anhand des Beispiels Italien die Veränderungen zu dokumentieren, da sich hier wie nirgends die Verhältnisse gewandelt hatten.

Er stellte fest, daß die Aufklärung in allen europäischen Nationen in gleichem Maße Gewicht bekam und die Unterschiede zwischen Ländern geringer wurden. Wenn bisher nicht in allen Staaten die Revolution ausgebrochen war, durfte dies keineswegs als Zeichen für ein Fehlen der Aufklärung gewertet werden. Obwohl nach Kerner Revolutionen die Aufklärung voraussetzten, war es "eine gleich unleugbare Tatsache, daß durch sie allein keine veränderte Ordnung der Dinge geboren sein würde"(4). Frankreich war hier mit gutem Beispiel vorangegangen, andere Völker folgten, und nun war auch in Italien die Zeit für Veränderungen gekommen.

Gerade bei Italien handelte es sich um ein Land, das der besonderen Würdigung bedurfte: Für Kerner galten die römische Republik des Altertums wegen ihres Glaubens an Tugend und ihres ehrwürdigen Charakters sowie das Zeitalter der italienischen Renaissance aufgrund der Wiedergeburt der Wissenschaften und Künste als zwei der ehrwürdigsten Erscheinungen der Geschichte(5).

Für den auf diese Epochen folgenden Untergang Italiens machte Kerner den weltlichen und geistlichen Despotismus verantwortlich. Beide hatten die Denkkraft der Menschen verkümmern und für erhabene Begriffe unempfänglich werden lassen(6). Es herrschte der Aberglaube auf dem Thron der Päpste, durch die Italien "Jahrhunderte lang ein Sitz des Krieges und aller Greuel" wurde(7). Als Folge fielen ausländische Mächte über Italien her, was zur Konsequenz hatte, daß sich die Bevölkerung in verschiedene feindliche Parteien spaltete.

Die Kämpfe, in denen jede Seite danach strebte, die eigene Macht und den eigenen Vorteil zu vergrößern, zerstörten das Land(8), so daß sich in Italien keine mit anderen Staaten gleichwertige Macht bilden konnten(9). Als nach dem Aachener Frieden das Haus Habsburg und die spanischen Bourbonen das Land weitgehend unter sich aufteilten, wurde die Grundlage des gegenwärtigen Zustandes gelegt(10). Kerner verglich Italien mit Deutschland, das wie dieses für ihn nur in der Literatur als eine Nation bestand(11).

Als die Französische Revolution ausbrach, gab es in Italien zwar einige wenige Menschen, die sich für die Grundsätze der Revolution begeisterten, jedoch "die Volksmasse war noch zu sehr an das Joch des blinden Glaubens und des blinden Gehorsams gespannt"(12). Es hätte noch lange gedauert bis das Volk von selbst in der Lage gewesen wäre, dem französischen Vorbild nachzueifern(13). Erst die Revolutionskriege vermochten es, die Bevölkerung der italienischen Staaten wachzurütteln. Die Regierenden bekämpften den Einmarsch der Armeen Bonapartes, das Volk begrüßte ihn. Es erkannte, "daß die Sache, um die man stritt, eigentlich die Sache aller Völker sei, und daß ihre Fürsten und Beherrscher nicht sowohl wider einen auswärtigen Feind, als wider ihr eigenes Volk zu Felde zögen"(14).

Den Zustand der nach der Befreiung Italiens anhaltenden Besatzung und der Machtübernahme durch das französische Militär rechtfertigte Kerner mit der unzureichenden Vorbereitung des Volkes auf die Freiheit, zumal sich Aberglaube und Tyrannei noch nicht besiegt gaben. "Es bedurfte daher einer großen Gewalt, einer Gewalt, vor welcher alles sich beugte,... Wo war diese wohltätige Gewalt zu finden, wenn es nicht die Macht der französischen Regierung und ihrer Agenten war?"(15)

Kerner unterstützte das Vorgehen Frankreichs in den italienischen Staaten, denn es war bestimmt von der Notwendigkeit, die "ihre eigene Sicherheit und das Wohl der neuen Republiken vorschrieben". Daher ließ er auch an der Handlungsweise Frankreichs keine prinzipielle Kritik zu: "Die Grundsätze, wonach die französische Regierung handelte, waren gerecht: ihre Anwendung und Ausübung in den Händen einiger Agenten in den italienischen Republiken hat ungerecht sein können, [...], aber über das Einzelne das Ganze vergessen, zeigt entweder geringe Einsicht, oder ein Übergewicht des Gefühls über den Verstand an..."(16)

Für ihn stand außer Frage, daß die französische Vorherrschaft über die italienischen Republiken nur von begrenzter Dauer sein würde(17). Wann der Zeitpunkt einer endgültigen Unabhängigkeit gekommen sein würde, ließ sich nicht bestimmen. Eine wesentliche Voraussetzung war die Beendigung des Krieges mit Österreich(18). Solange nicht allein die Gerechtigkeit das Motiv im Umgang zwischen den Völkern darstellen würde, hielt Kerner die kleinen Staaten für schutzbedürftig(19). Er empfahl daher den italienischen Revolutionären, "ganz Italien zu einer einzigen Republik zu vereinigen, damit auch ihre Nation in dem europäischen Staatenbunde als eine ansehnliche Macht auftreten könne"(20).

Kerner zweifelte nicht daran, daß Italien auf die Hilfe Frankreichs angewiesen war. Allerdings zeigte er sich keinesfalls leichtgläubig gegenüber der Interessengebundenheit der Politik des Direktoriums. Er ahnte durchaus, daß die französische Republik die Einigung Italiens aus Furcht vor dem Entstehen eines weiteren mächtigen Staatengefüges nicht hinreichend unterstützten würde, da seine "Regierung sich noch nicht bis zum erhabenen Grundsatz emporgeschwungen hat, daß keine Macht größer und unerschütterlicher ist als die Gerechtigkeit"(21). Diesem Umstand verdankte beispielsweise der König von Sardinien das Fortbestehen seiner Monarchie.

Trotzdem beurteilte Kerner die politische Wiedergeburt Italiens als soweit fortgeschritten, daß er zuversichtlich den Freiheitsliebhabern Mut für die Zukunft zusprechen konnte: "Haben alle besonderen Staaten des Landes einmal die republikanische Verfassung angenommen, so ist ihre Vereinigung in ein großes Ganzes eine natürliche Folge davon.... das besondere Interesse wird dem Allgemeinen weichen müssen, und die eine, unteilbare italienische Republik das Ziel und der Triumph aller aufgeklärten Patrioten sein."(22)

Bei diesen Ausführungen war der Glaube Kerners an einen guten Ausgang der Revolution ungetrübt. Er war überzeugt, daß vom Triumph der Freiheit, die gesamte Menschheit profitieren würde.

Dieser Optimismus war darin begründet, daß Kerner nicht persönlich mit den realen Lebensbedingungen der Menschen konfrontiert war. Er übersah zwar nicht die Mißstände und Ausuferungen der Revolution in Italien, ordnete sie aber in der Argumentation seinen großen Zielen unter. Kerner dachte als Kosmopolit, wobei er sich mit den Zielen Frankreichs identifizierte. Er begrüßte die Italienpolitik des Direktoriums, da er die Befreiung der Menschheit als ihre höhere Bestimmung ausmachte. In Bonaparte erblickte er die Allmacht, die revolutionäre Ideale in militärische Kampfkraft umgesetzt verkörperte(23).

So schloß er seine Rede mit einem Appell an alle Freiheitsfreunde, der gleichermaßen als Rechtfertigung seines eigenen Handelns zu lesen ist:

"Die aufgeklärteste Nation, bei welcher sie [die Grundsätze der Aufklärung, (M.v.B.)] in unseren Zeiten herrschend werden möchten, ist noch lange nicht aufgeklärt genug, um nichts durch eine uneingeschränkte Anwendung derselben, noch viel aufgeklärter zu werden, das heißt, einen höheren Grad von Würdigkeit und Glückseligkeit zu erreichen. Dies ist die Ursache, warum ein jeder Freund von Wahrheit und Recht sich zu ihnen bekennt, sie für sein teuerstes Eigentum hält, für ihre Verbreitung alles anwendet, und für ihre Verteidigung lebt und stirbt. Dies, Bürger, sei unser aller unveränderliche Bestimmung; und auf immer bleibe es uns gleichgültig, was sie für uns selbst zur Folge habe, Wohl oder Wehe, Leben oder Tod!"(24)

Kerner erhielt bald die Gelegenheit, diesen Appell in Italien persönlich zu befolgen und sein Bild hinsichtlich des Zustandes von Italien anhand der Realität zu überprüfen.

4.2. Reise nach Italien

Ende 1797 erhielt Reinhard die Nachricht von seiner Ernennung zum Gesandten am Hof des Großherzogs der Toskana in Florenz. Kerner, der nach wie vor sein Privatsekretär war, begleitete den Diplomaten auch auf dieser Mission. In Paris bekam Reinhard Instruktionen für seine neue Aufgabe. Weitere Stationen der Reise nach Italien waren Rastatt, wo Reinhard mit Talleyrand und Treilhard Gespräche zu führen hatte, und ihre württembergische Heimat, wo Reinhard und Kerner die Gelegenheit nutzten, ihre Familien zu besuchen. Über Tirol, Verona, Mantua, Mailand, Parma, Modena und Bologna gelangte die Reisegesellschaft am 26. Mai 1798 in Florenz an(25). Publizistische Zeugnisse Kerners über diese Reise sind überliefert in der Zeitschrift "Die Geißel". Hierin hielt Kerner seine Erlebnisse aus Deutschland und Italien sowie die ersten Erfahrungen in Florenz fest(26).

4.2.1. Deutschlands Süden

Während des ersten Halts der Reisegesellschaft in Deutschland suchte Kerner die Verhandlungen des Rastatter Kongresses auf. Dabei verfolgte er das diplomatische Treiben mit äußerster Befremdung. Das Zusammentreffen von Vertretern der Monarchien des Deutschen Reiches und Frankreichs zeigte Kerner nicht den Weg, der zur Verwirklichung der Prinzipien der Freiheit für die Völker führen würde. Er bemängelte das getragene Zeremoniell: als "einfacher Republikaner" fühlte sich Kerner von dem "faden Geschwätz der bekreuzten und bandbehängten diplomatischen Ritter" und den "spazierenden und frisierten Hoffnungen und Stützen einer bedrängten Welt" abgestoßen(27).

Es war der französische General Bernadotte, dem Kerner das höchste Maß an Aufmerksamkeit und Bewunderung schenkte. Einmal mehr verkörperte für ihn ein Militär revolutionäres Durchsetzungsvermögen und republikanische Tugendhaftigkeit(28). Demgegenüber führte der Anblick der deutschen Diplomaten, deren Unterwürfigkeit und Unfähigkeit zum selbständigen Denken und Handeln, ihm schmerzlich vor Augen, wie wenig in Deutschland die Prinzipien der Revolution bisher Verwirklichung gefunden hatten. Kerner schloß seine Berichterstattung über den Rastatter Kongreß mit einem glühenden Revolutionsaufruf an das deutsche Volk:

"Brave Deutsche, wie lange bleibt ihr noch unempfindlich gegen die Schande, womit man euch niederdrückt, unempfindlich gegen die Stimme der Ehre, was sage ich, gegen die Stimme des Vaterlandes, die euch zu einem heiligen Aufruhr gegen die feige Herde von Herrschern aufruft, die ein einziger Blick und eine einzige Aufwallung von Volkssouveränität der Zernichtung übergibt, der sie entschlüpft sind, euch mit Ketten zu überladen, dem mächtigen zu verkaufen und euch in den Augen des über so viele ungestrafte Verbrechen und eure unwürdige Geduld erstaunten Europas - zum verächtlichsten aller Völker herabzuwürdigen."(29) Das Eintreffen in seiner württembergischen Heimat schilderte Kerner mit gemischten Gefühlen. Es war einerseits von der Enttäuschung bestimmt, einen weiterhin von einem Tyrannen beherrschten Staat vorzufinden. Eine Stippvisite nach Stuttgart zu den Gebäuden der ehemaligen Hohen Carlsschule, die 1794 vom Herzog Ludwig Eugen aufgelöst worden war, erfüllte ihn mit Trauer. Kerner träumte davon, eines Tages an diesem Ort mit seinen Jugendfreunden die Freiheit in Württemberg zu feiern(30). Andererseits aber stellte er lobend fest, daß das Bewußtsein der Bevölkerung Württembergs gegenüber einer politischen Umgestaltung gewachsen war(31).

Daß er von Württemberg und beim Übertreten der Grenze nach Tirol sogar von ganz Deutschland als "Vaterland" sprach, verdeutlicht Kerners Ambivalenz in seiner Haltung gegenüber Deutschland sowie eine fortschreitende innerliche Entfremdung von Frankreich(32). Bekannte er sich bisher allein zu seinem "Vaterland Frankreich", das er strikt vom "Heimatland Deutschland" abgegrenzt hatte, stellte sich Kerner nun losgelöst von Nationalitäten allein in den Dienst der Freiheit(33). Beim Verlassen Deutschlands erfüllte ihn die Hoffnung, seinen Aufruf verwirklicht und das Reich eines Tages frei und unabhängig zu sehen.

4.2.2. Italien

Die Reportage, die Kerner beim Durchqueren Tirols verfaßte, behandelt wie die Schilderungen über seine Reise durch die Niederlande die Stimmung des Volkes. Er stellte bei den Tirolern den Willen nach Unabhängigkeit sowohl von Österreich als auch von Frankreich fest. Die Bewohner hielten die französische Sache für richtig, zweifelten aber an der Aufrichtigkeit der Absichten ihrer Besetzter. Kerner lobte den Partisanenkrieg, den die Einwohner führten, da ihn die Vernunft eines nach Unabhängigkeit strebenden Volkes diktierte. Dem stellte er das österreichische Militär als eine durch den Despotismus herabgewürdigte Menschenmasse entgegen(34).

Kerner beschäftigte sich bisher in seinen Reisebeschreibungen mit den politischen, wirtschaftlichen und sozio-mentalen Verhältnissen in den Städten und Regionen. Bereits H.-W. Engels wies darauf hin, daß Schilderungen von Landschaften und Architektur bei Kerner im Gegensatz zu vergleichbaren Werken anderer Autoren nur bruchstückhaft auftreten(35). Umso bemerkenswerter ist es, in welchem Ausmaß Kerner seine Erlebnisse auf der Italienreise mit Berichten über Naturszenen anreicherte.

Als Kerner die Alpen im Steinacher Tal passierte, beeindruckte ihn das Schauspiel eines Flusses, der sich im Gebirge seinen Lauf suchte. Schroffe Felsen einerseits, sanfte Fruchtbarkeit der Landschaft auf der anderen Seite: "Wie soll ich ihn malen - diesen Wettkampf des Sanften mit dem Entsetzlichen - der höchsten Milde mit der höchsten Rauheit - in beiden groß bleibt die Natur - Siegerin in beiden - füllt das Herz mit sanftem Entzüken und reißt die Seele zu hohen Betrachtungen hin."(36) In den Naturszenen, "wo die Größe der Schöpfung in jedem Punkt Anbetung gebietet - Anbetung der hohen Natur, deren edelste Zierde der Mensch ist"(37) erblickte Kerner Freiheit und Größe und fühlte sich an den Sturz der Tyrannei erinnert.

Das Betreten italienischen Bodens riß Kerner aus diesen Schwärmereien. Seine Befürchtungen hinsichtlich der Verwurzelung und des Fortbestehens der christlichen Religion in Italien fand er bei weitem übertroffen. Anstatt den würdigen Nachfahren eines einstmals so großen Kulturvolkes traf er "Herden von Menschenvieh, das meilenweit hinter einem Kreuz herzieht und seine tägliche Litanei herblökt"(38). Den Einfluß der Priester bewertete er noch stärker als im deutschen Tirol.

So befriedigte Kerner die Lage in Norditalien trotz französischer Siege keinesfalls. Wider seinen Erwartungen fand er ein Land vor, daß weit davon entfernt war, sich vom Despotismus zu befreien. In den von Kriegshandlungen belasteten Regionen registrierte er eine Atmosphäre, die vom Haß auf die französichen und österreichischen Truppen sowie die Schikanen der Militärs gegen die Bevölkerung bestimmt war. Ferner machte er Konflikte und Neid unter den einzelnen italienischen Staaten insbesondere gegenüber der Cisalpinischen Republik aus. Hierin lagen für ihn die Ursachen einer fortwährenden Begünstigung der Tyrannei im Norden Italiens(39).

Je weiter Kerner ins Innere Italiens vordrang, desto häufiger nahm er Anstoß am Auftreten der Franzosen und des durch Frankreich installierten Regimes. In Mantua beklagte er die Gefängnisse, die einer Republik unwürdig waren. Er mußte mit anhören, wie ein französischer General sich dafür stark machte, die italienischen Monarchien zu erhalten, um den Gehorsam der Republiken zu sichern(40). Parma schien für Kerner lediglich aus "Bediente[n] mit und ohne Uniform, Pfaffen und Bettler[n]" zu bestehen(41). In der Cisalpinischen Republik wurde das Aussehen französischer Offiziere nachgeahmt, die "von Kopf bis Fuß mit Gold überdeckt" waren(42).

Die Zukunft der lediglich auf die französische Armee gestützten Cisalpinischen Republik war für Kerner ungewiß. Hatte er in den Niederlanden die Ergebnisse von Campo-Formio noch freudig als Befreiung dieses Landes begrüßt, so ließen ihn die Verhältnisse, die er in der Cisalpinischen Republik antraf, an der Richtigkeit des Vertrages zweifeln: "Wann wird man endlich nicht mehr genötigt sein, Friedensschlüsse zu schließen, in denen man mit Völkern wie mit einer toten Ware spielt?"(43) Kerner kritisierte die Einrichtung eines Staates, dem zwar Souveränität zugebilligt wurde, der aber von einer Besatzungsarmee belagert und vom Kommando der Generäle abhängig war. Die Verwaltung blieb einer unumschränkten Gewalt französischer Offiziere unterworfen. Dieses Vorgehen würde zwangsläufig die Bestrebungen der Patrioten unterdrüken und von den Anhängern Neapels und Österreichs, den Aristokraten und der Geistlichkeit zur Spaltung des Volkes genutzt(44).

Kerners Mißbilligung des Vorgehens Frankreichs in Italien, in dem er zunehmend die machtpolitischen Interessen erkannte und revolutionäre Ideale vermißte, wuchs: "Eine Schlacht gewinnen [heißt] noch nicht, Ketten der Völker brechen und die Freiheit auf den Trümmern des Despotismus gründen."(45) Er spürte wie sich die französischen Truppen von einer Befreiungs- zu einer Eroberungsarmee entwickelt hatten. Vor dieser geänderten Sinngebung der Revolutionsarmee, die für Kerner bisher die ideale Verkörperung der revolutionären Prinzipien dargestellt hatte, warnte er scharf: "wehe denen, die, statt jenes edle Feuer zu nähren, das in der Seele des fränkischen Soldaten glühte, es entweder absichtlich ersticken oder aus Nachlässigkeit erlöschen lassen - ihre Siege, einst der Freiheit Unterpfand, werden das Grab derselben in dem nämlichen Moment, wo den Waffen der Genius der Freiheit entweicht und Gefühllosigkeit und Beschränktheit an die Stelle eines Enthusiasmus traten"(46).

4.2.3. Toskana

Das Großherzogtum Toskana war für Kerner ein Land, das er fern seiner Erwartungen antraf. Nachdem der Hauptstadt Florenz der Ruf eines Ortes mit einer weisen Regierung und einem Volk, "das langsam der Aufklärung entgegenschreitet", vorauseilte, machte sich bei Kerner bereits nach dem ersten Tag die Ernüchterung breit: "auch hier im glücklich gewähnten Florenz - Scharen von Bettlern - und eine Armee von schwarzen Brüdern und Pfaffen !!!..."(47) Frustriert beobachtete er, mit welcher Hingabe eine große Menge des Volkes und selbst der Großherzog Ferdinand III. das Frohnleichnahmsfest beging(48).

In Pisa bot sich ihm ein ähnliches Schauspiel: Die Bevölkerung einer heruntergekommenen Stadt, deren Ruinen noch von der Größe ehemaliger Zeiten zeugten, gab sich der Heiligenverehrung hin. Als sich der Großherzog und sein Ministerpräsident Manfredi anläßlich von Feierlichkeiten auf dem Balkon des Palastes zeigten, empfand Kerner nur noch Spott für die Einheimischen: "niemand zog den Hut ab und die Menge gaffte mit offenem Mund diese beiden großen Männer Italiens an - eben so wie das Volk von Paris die in dem Pflanzengarten zu sehenden Bären aus Bern."(49)

Kerners Gefühle gegenüber der "mönchischen Lebensart der Toskaner"(50) sowie ihrer naiven Huldigung und fromm-demütigen Ergebenheit an das Christentum und die weltlichen Autoritäten waren mit Resignation und revolutionärem Elan gemischt: "Wahrlich man blieb zweifelhaft, ob das Herz dem Mitleid oder der Rache sich öffnen, ob das Aug' Tränen des Mitleids vergießen, oder der Arm mit dem Eisen sich waffnen solle, um den betrügerischen Pfaffen zu zernichten"(51).

4.2.4. Rom

Kerner veröffentlichte zwei Aufsätze über die junge Römische Republik, in der er sich im Juli 1798 im Auftrag Reinhards aufhielt(52), in den Zeitschriften "Journal der neuesten Weltbegebenheiten"(53) sowie "Neueste Weltenkunde"(54). Beide Reportagen spiegeln Kerners Desillusionierung über den Zustand der Republik in Rom wider. Anstelle des "geträumten italienischen Paradiese[s]", stieß er auf "alle Schrecken des bürgerlichen Krieges, alle Greuel des Fanatismus, seine Furienwut und sein Verzweiflungskampf, seine Giftmischerei und Dolche - kurz eine neue Vendée, noch gräßlicher, wie die erstere"(55). Dies schmerzte ihn umso mehr, da er in Rom den Ort sah, "wo das edelste mit dem größten, das Stärkste mit dem Schönsten sich vereinte"(56).

Kerner bedauerte, daß die Römer statt über die Einrichtung der Republik zu triumphieren, sich nur zurückhaltend äußerten. Als ein Fest zu Ehren der gefallenen Patrioten in Rom gefeiert wurde, beklagte er den geringen republikanischen Eifer der Römer. Er räumte aber ein, daß man angesichts der Zustände in der Römischen Republik unrecht tut, "dies unbedingt für Haß gegen die Republik zu nehmen, denn sehr eifrige Republikaner sind mißvergnügt"(57).

Verantwortlich für die Mißstände machte er einmal mehr die Priester und Mönche, die durch ihre Aktivität das Aufkommen von aufklärerischen Ideen im Keim erstickten und das Volk gegen die Freiheit aufwiegelten. Radikal forderte er auch in Italien Maßnahmen gegen die Kirche: "Italien kann durchaus nicht frei und glücklich werden, ehe alle Priester deportiert, ihre geheimen Tribunale aufgehoben, und ihre unterirdischen Versammlungsorte zerstört sind, ehe ihr großer Vereinigungspunkt zu Siena gesprengt, und der Papst entweder nach Rußland oder Spanien gesandt ist."(58)

In Rom war es aber nicht nur die Kirche, die Kerners Widerwillen hervorrief. Vielmehr stieß er sich grundsätzlich an der französischen Italienpolitik. Zwar würdigte er den Umstand, daß das Pariser Direktorium in Rom eine Republik geschaffen hatte und mit dieser auch in Beziehung trat. Er ignorierte nicht das schwere Erbe, das die römischen Konsuln anzutreten hatten. Doch Kerner durchschaute die hinter der Etikette stehenden Motive der direktorialen Politik sowie das Auftreten und Verhalten der Franzosen: "Rom hat viel gelitten, viel zu der großen Expedition nach Ägypten gesteuert, viel unter der nur zubekannten Habsucht einer Schar von Menschen leiden müssen, die wie Heuschrecken hinter den fränkischen Armeen herziehen, sich keiner Gefahr aussetzen, aber die Ernte fressen."(59)

Ein an Reinhard verfaßter Bericht über seine Eindrüke verdeutlicht, daß Kerner sich in den über die Römische Republik publizierten Artikeln mit seiner Kritik sogar zurückhielt(60). Die hier offen ausgesprochenen Angriffspunkte, sind eine schonungslose Anklage der französischen Politik: Die etablierte republikanische Verfassung war lediglich die Fassade, hinter der sich die französische Machtpolitik zu verbergen suchte. Die römischen Konsuln und der gesetzgebende Körper entschädigten sich für ihr Marionettendasein, indem sie sich auf Kosten der Allgemeinheit persönlich bereicherten. Das Volk wurde durch Kontributionen und Geldemissionen ausgebeutet. Um dies zu erreichen wurden die privilegierten Stände geschont, die Pressefreiheit unterdrückt und die Volksgesellschaften verboten. Die französischen Beamten drängten sich in die einträglichsten Ämter und das augenfälligste Merkmal der Verwaltung bestand in Korruption(61).

4.3. Das Konsulat und Bonaparte

Kerners Lebensweg blieb weiterhin an die diplomatischen Missionen Reinhards geknüpft. So begleitete er nach dem Aufenthalt in Italien den Gesandten Frankreichs auch in die Schweiz. Als Reinhard im Oktober 1801 nach Paris abberufen wurde, begab sich Kerner kurz darauf zu einem letzten Aufenthalt in die französiche Hauptstadt. Seine hier verfaßten Schreiben sind unter dem Titel "Auszüge aus den Briefen eines Deutschen in Paris" in der Zeitschrift "Frankreich" publiziert worden(62).

"Ich hatte mich zu lange in den Gebirgen der Schweiz, zu lange in diesem Lande aufgehalten, wo die Natur so unendlich schön, so mannigfaltig und so erhaben ist, als daß es mir in Paris gefallen konnte, wo man so majestätisch tut und es so wenig ist."(63) Diese Äußerung Kerners nach seinem Eintreffen deutet bereits an, daß seine letzte Reportage unter einem anderen Vorzeichen als bisher stand. Paris hatte sich seit seinem letzten Besuch zu sehr geändert. Der Staatsstreich vom 18. Brumaire des Jahres VII. hatte durch die Beseitigung der Republik die Revolution beendet und Bonaparte als ersten Konsul an die Spitze des diktatorischen Staates gestellt. In die Zeit Kerners Aufenthaltes fiel der zweite Jahrestag dieses Ereignisses, was er zur Gelegenheit nutzte, nicht nur die Feierlichkeiten zu beschreiben, sondern auch seine Haltung gegenüber Frankreich und diesem vorläufigen Resultat der Revolution zu resümieren.

Im Zentrum seiner Betrachtungen stand Napoléon Bonaparte. Kerner war von der Person des ersten Konsuls in gleichem Maße fasziniert wie abgestoßen. Zunächst konnte er nicht verbergen, wie sehr er die auf Fatalismus gegründete Intuition des Korsen bewunderte, die diesem eine derartige Karriere und militärische Erfolge ermöglichte(64). Insbesondere das Verhalten Bonapartes in Italien fand hier im Gegensatz zu früheren Äußerungen mehrfach die Rechtfertigung Kerners. Für Auswüchse und Exzesse machte er allein Verfehlungen des Direktoriums verantwortlich und lobte demgegenüber Disziplin, politische Gestaltungskraft und das militärische Geschick des Konsuls(65).

Doch schon die Prächtigkeit der Parade anläßlich des Jahrestages des 18. Brumaires, die "wie alle andere militärische Operationen von Bonaparte, den Charakter der Geschwindigkeit" trug(66), führte ihm die andere Seite der Persönlichkeit Bonapartes vor Augen. Denn viele der Zuschauer bewunderten, "den königlichen Glanz und Zuschnitt, ohne zu bedenken, daß diese Krondekorationen einen jungen Mann umgaben, der vor wenigen Jahren noch ein französischer Artillerie-Leutnant war..."(67).

Auch wenn der Staat versuchte, die Tradition der revolutionären Feste und ihrer Symbolik zu bewahren, ließ sich Kerner nicht täuschen, daß die Revolution mit der Machtergreifung Bonapartes beendet war. Anläßlich der Feierlichkeiten zum 18. Brumaire fühlte er sich an die ersten großen revolutionären Szenen erinnert. Deutlich gab er zu verstehen, was er sich von diesen Erfahrungen versprach: "Wenige mochten daran gedacht haben, daß bei dem ersten großen Bundesfest vom 14. Juli auf dem Marsfeld nach anhaltendem Regenguß die Sonne ebenfalls plötzlich aus den Wolken trat und den Altar beleuchtete, an dem die Franzosen im Angesicht der Welt für Freiheit zu leben, für Freiheit zu sterben schwuren. Damals leuchtete das erhabene Gestirn einem ganzen Volk ... gestern einem Menschen. --- Welcher Sonnenstrahl ist größer und herzerhebender, der gestrige oder der damalige? - ihn vermögen die Götter selbst nicht zum zweitenmal hervorzurufen!"(68)

Kerner war gegenüber den Ereignissen des 18. Brumaires, der als Resultat ein militärisch ausgerichtetes Regime hervorbrachte, nicht abgeneigt. Er hielt sich zu diesem Zeitpunkt in Paris auf und war Augenzeuge des Komplotts in den Kammern(69). Oft Genug hatte er früher nach einer durchgreifenden Gewalt verlangt, um der Revolution die von ihm gewünschte Ausrichtung zu geben. Mit dem "elende[n] Direktorium", dem es "an Ansehen, an Kraft und selbst an gutem Willen fehlte", hatte er bereits abgeschlossen(70). So hielt er einmal mehr eine starke zentrale Gewalt in Frankreich für erforderlich.

"Bonaparte betrachtet sich als Diktator, seine Konsulgewalt als Diktatur. Der Ursprung derselben rechtfertigt sich durch die verzweifelte Lage, in der er Frankreich nach seiner Zurückkehr aus Ägypten fand, ihre Dauer durch den wankelmütigen Charakter der Nation, die durchaus einer strengen Vormundschaft bedarf."(71) Für Kerner war Bonaparte derjenige, "der die schwere Bürde übernommen hat, ein revolutioniertes Volk wiederum in einen geordneten Staat zu verwandeln", was "eine notwendige Bedingung des ungehinderten Wachstums alles des Guten ist, was die Revolution ausgesät oder die republikanischen Institutionen gegründet haben."(72)

Wenn er das Vorgehen dabei in Frage stellte(73), so war es nicht das Konsulat an sich, das Kerner kritisierte, sondern vielmehr die Motive, die Bonaparte zu seinem Handeln führten: "Nach dem Außerordentlichen strebt er vielleicht mehr als nach dem wirklich Großen."(74) Kerner betrauerte, daß Bonaparte die Möglichkeit ausließ, seine Machtfülle zu nutzen, um Frankreich zu dem "wirklich Großen" zu führen. Denn sein Streben nach dem "Außerordentlichen" zielte für Kerner allein darauf ab, die Macht und Größe Frankreichs als "Grande Nation" auszubauen. Mit diesem revolutionären Glaubensbekenntnis, dem Appell an die Ehre Frankreichs, vermochte Bonaparte es, die sich widerstrebenden Kräfte im Land zu vereinigen und den Enthusiasmus der Armee zu weken(75). Kerner begrüßte zwar die Resultate der Religions- und Bildungspolitik Bonapartes, verurteilte aber, daß sie nicht aufgeklärten Grundsätzen, sondern rein politischem Pragmatismus entsprangen(76).

Kerner stellte resigniert fest, daß die gescheiterten Versuche der Völker, menschenwürdige Systeme zu erlangen, und die sich weiter "als bedürfnisreiche Bettler, als selbständigkeitslose Sklaven" darstellenden Menschen Bonaparte zu alten Maximen zurückgeführt hatten, "je mehr er durch ihre scheinbare oder wirkliche Annahme sich und seiner Nation Ruhe für den Augenblick und freieres Spiel für die Zukunft erkaufen konnte"(77). Doch diese Politik war für Kerner nichts als die "alte[...] Versailler Diplomatie ..., die nichts großes neben sich aufkommen lassen wollte, und das Werk eigener Größe so gerne auf die Kleinheit anderer berechnete"(78).

Obwohl Kerner bei Bonapartes Prachtliebe deutliche Tendenzen einer monarchisch-absolutistischen Machtdemonstration erkannte(79), wollte er die Anzeichen einer bevorstehenden Trennung von Josephine sowie einer Krönung bzw. der Instauration der Erblichkeit des Konsulats nicht wahrhaben: "Es kann unmöglich in den Planen von Bonaparte liegen, die Republik zu einem Schattenbild herabzuwürdigen; der Mann, der nach großen Taten geizt, darf nicht wie ein gemeiner Tyrann enden, wie die Geschichte sie uns zu hunderten aufweist.... In seinem weit umfassenden Ehrgeiz ist trotz allem, was etwa zu einer solchen Vermutung berechtigen könnte, sein Familieninteresse nur ein sehr kleiner Punkt."(80)

Nur noch Bitterkeit empfand Kerner gegenüber Talleyrand und Sieyès: zwei der großen Persönlichkeiten der Revolution, die er verehrt hatte. Obwohl er die diplomatischen Fähigkeiten Talleyrands, die Verdienste Sieyès um die Revolution sowie das Mitwirken beider am 18. Brumaire anerkannte, stießen Kerner nunmehr die Selbstsucht und der Opportunismus Sieyès' sowie Talleyrands ab: während Talleyrand sich seine Position zu nutze machte, um den eigenen Reichtum zu steigern ("Er gehört nun zu den reichsten Propriétaires von Frankreich")(81), war Sieyès "nicht mehr der Philosoph, der in bescheidener Wohnung lebt und bei irgend einem Pariser Restaurator vom zweiten und dritten Rang nach der Karte sich sein mäßiges Mahl zusammensetzt. Sie finden ihn jetzt in einem großen Hotel von Lakaien umringt mit allen Annehmlichkeiten und der ganzen Glorie des Reichtums. [...] Ob ihm die ökonomische Unabhängigkeit Verluste anderer Art ersetzt, kann ich ihnen nicht sagen;"(82)

Kerner ging nicht nur zu den Hauptfiguren des Konsulats auf Distanz, sondern beurteilte die Franzosen insgesamt aus einer geänderten Perspektive. Ihre Mentalität war ihm schwer durchschaubar geworden und die verschiedenen - während aller Etappen der Revolution an den Tag gelegten - Stimmungen waren ihm fremd(83). Mit Ernüchterung nahm er zur Kenntnis, daß "man in der Mitte einer großen Nation den Sauerteig alter Vorurteile wieder aufwärmen und die Religion abermals zum Gängelband herabwürdigen sieht"(84), was ihn keineswegs wunderte, da alle Versuche, "die kantische Philosophie auf fränkischem Boden zu versehen, so weit gekommen ist, in dieser Lehre alle Prinzipien des Despotismus und seine vollständige Verteidigung zu erkennen."(85)

Zwar erkannte er an, daß die "Grande Nation" gegenüber anderen Nationen militärisch überlegen war. Kerner führte dies auf die strukturellen, aus der Revolution resultierenden Unterschiede zwischen Frankreich und den anderen Staaten zurück(86). Seine innere Distanz zu den Verhältnissen in Frankreich brachte er bei einer Konversation mit einem Passanten auf den Punkt: "tout est possible aux Francais hormis une seule chose... - d'etre libre..."(87)

4.4. Der resignierte Revolutionär

Kerner hielt nach wie vor an den Grundsätzen der Aufklärung fest. Er glaubte ungebrochen, daß sie die Angelegenheit der gesamten Menschheit waren und ersehnte die Durchsetzung der Freiheit in allen Nationen. Für diese Ziele war er weiterhin bereit zu kämpfen. Nachdem er das Ringen um die Freiheit in Frankreich erlebte hatte, knüpfte er nun seine Hoffnungen an Italien. Hier erträumte Kerner, seine Ideale verwirklicht zu sehen, da er die Geschichte dieses Landes verehrte und ihn die jüngsten Umwälzungen zuversichtlich stimmten.

Um die Prinzipien der Revolution in die Tat umzusetzen, baute er auf die Unterstützung Frankreichs. Er wußte, daß Italien der Hilfe von Außen bedurfte, um den Zustand als Spielball der verschiedensten Interessen zu überwinden. Er sah Frankreichs Aufgabe, mit revolutionärer Kraft die Emanzipationsbestrebungen einer unterdrückten Nation zu unterstützen. Aus der Distanz interpretierte Kerner den Italienfeldzug Bonapartes nicht als Eroberung, sondern als Befreiung Italiens.

Ebenso wie in den Jahren 1791 und 1795, als die Realität des politischen Lebens Kerners revolutionäre Begeisterung einholte, hielt seine gehobene Stimmung nur solange an, bis er mit der Wirklichkeit in Italien konfrontiert wurde. Zuerst enttäuschte ihn die Haltung der Bevölkerung. Anstatt die Freiheit zu begrüßen und für sie zu kämpfen, registrierte er nur das Fortbestehen der Religion und von Vorurteilen sowie Teilnahmslosigkeit gegenüber den Veränderungen. Sehr schnell jedoch erkannte Kerner die Ursachen für dieses Verhalten, als ihm das Vorgehen Frankreichs in Italien deutlich wurde. Er verfolgte, wie die Revolutionsarmeen in Italien große Veränderungen vollbrachten, doch deren Bestimmung entsprach nicht seinen Vorstellungen: "Ich sehe jetzt die neuen Schöpfungen des großen Bonaparte; ich bewundere sie, aber sie entzücken mich noch nicht"(88). Je weiter er nach Italien vordrang desto mehr wurde ihm bewußt, wie sehr er sich in der Rolle Frankreichs getäuscht hatte. Nicht die Durchsetzung der Freiheit oder das Wohl Italiens war das Ziel der französischen Politik, sondern die Ausbeutung des Landes, um die eigene Macht zu vergrößern.

Die Politik der Machtmaximierung, wie er sie in Italien erlebt hatte, konstatierte Kerner auch im Paris des Konsulats. Von republikanischen Idealen, an die sich Kerner an den revolutionären Stätten erinnert fühlte, fand er kein Zeichen. Dies mußte ihn umso mehr deprimieren, da er sich mit der Installation des Konsulats eine Möglichkeit versprach, die Revolution in geordnete Bahnen zu lenken. Stattdessen dominierte die Prachtliebe des ersten Konsuls. Die Politik Frankreichs sowohl im Innern als auch nach Außen galt nur der Sicherung der Machtposition in Europa. Die Franzosen sowie die ehemals angebeteten Protagonisten der Revolution zeigten sich Kerner gleichmütig. So fragte er sich, ob unter diesen Umständen noch ein Unterschied zum Ancien Regime bestand.

Kerners Erfahrungen in Italien sowie während seines letzten Aufenthalts in Paris dokumentieren den Prozeß seiner Entfremdung von Frankreich. Es sind nicht die Ideale der Aufklärung, von denen er sich lossagte. Seine Gefühle zur Revolution wurden von einem Zwiespalt bestimmt, der seine Seele "mit sich fortreißt; sie bald tief in bodenlose Abgründe niederzieht, alsbald wieder mit elektrischer Lebenskraft gegen die Sterne hebt"(89). Verantwortlich dafür war das Scheitern seiner Hoffnungen in Frankreich.

Kerners revolutionäres Feuer war erloschen. Er fand sich mit der Situation ab. Waren seine Schreiben bisher immer auch als Beschwörungen an die Freiheit und engagierte Appelle zur Rettung der Menschheit zu lesen, findet sich in seinem letzten Aufsatz aus Paris kein Hinweis mehr auf die Hoffnung eines Sieges "der guten Sache". Anstelle des euphorischen Elans oder seiner haßerfüllten Tiraden früherer Berichte, beschrieb er die vorgefundene Situation nunmehr beobachtend und distanziert. In Ungewissheit und resigniert überließ er das Urteil über den gegenwärtigen Zustand Frankreich der Geschichte: "Der allerchristlichste Konsul steht auf der Zinne dieses neuen Systems als angebeteter Schöpfer einer neuen Welt; außerordentlich ist die Szene ... ihre revolutionäre Natur läßt sich wohl nicht widerlegen, und es entsteht nur noch die Frage, ob sie in der Tat das große Ende der Revolution, und der Anfang einer neuen dauernden Ordnung, oder ob sie nicht bloß unter einer neuen Form die Wiederherstellung des alten Spiels ist. Noch läßt sich hierüber nicht entscheiden."(90)

5. KERNERS POLITISCHE WELTANSCHAUUNG

So ruhelos wie Kerners Leben zur Zeit der Französischen Revolution verlief, so vielseitig waren die Gedanken, die sich in seiner Publizistik widerspiegeln. Die vorstehenden Kapiteln zeigen die Entwicklung, wie Kerner als Revolutionsenthusiast von der revolutionären Wirklichkeit enttäuscht wurde bis er sich schließlich resigniert von Frankreich abwandte. Neben seinen von persönlichen Stimmungen getragenen, ambivalenten Äußerungen zu einzelnen Themen lassen sich in der Publizistik dennoch einige Eckpfeiler seiner Gedankenwelt festmachen.

Kerners Glaube und sein Festhalten an der Sache der Freiheit als eine Angelegenheit des gesamten Menschengeschlechtes war die Basis seines Denkens. Von dieser Prämisse aus leiteten sich alle weiteren Überlegungen ab. Genährt wurde von dieser Idee vor allem Kerners kompromißloser Haß auf die alte Gesellschaftsordnung.

Für ihn stellte die vorrevolutionäre Monarchie eine auf willkürliche Gewalt gestützte Staatsform dar; ihr Ziel war das "glänzende Elend eines einzigen", das auf Kosten des "Glücks einer ganzen Nation" baute: es war die Aristokratie, die "den Schweiß der Bürger aus goldenen Pokalen soff und das Mark der Nation in üppigen Saufgelagen, in den Umarmungen schamloser Dirnen verzehrte"(91).

Dieses System funktionierte, da ein "Haufe von Knechten" für die Erhaltung des Monarchen und seiner Allgewalt arbeitete, während die Masse diesen Zustand schweigend duldete. Der wichtigste Helfer des Despotismus war die Kirche, die das Volk unwissend hielt und so sein Dasein akzeptieren ließ. Die Menschen hatten nicht die Stellung von Bürgern, sondern "die höchste Würde, die man erlangen kann, ist die - eines guten Hausvaters"(92).

Die Monarchie hinterließ ein durch das Kastensystem hervorgebrachtes versklavtes, erziehungsloses Volk. Die Wirtschaft war durch Verschwendung und heillose Kriege zerrüttet, die Kraft der wohlhabenden Volksklassen durch Egoismus und moralischen Verfall zerstört(93).

Kerner forderte die Regenten auf zu erkennen, daß in Europa das Zeitalter für eine erhabenere Ordnung der Dinge angebrochen war. Für ihn stellte eine Revolution nicht das zwangsläufige Mittel dar, gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Er akzeptierte Veränderungen über den Weg von Reformen. Wenn aber die Herrschenden nicht bereit sein sind, ihre Privatinteressen zu opfern, würden die Völker dem Königsdespotismus" seinen Eisenzepter mit Gewalt entreißen" müssen(94).

Da vor allem der Hof in Versailles dieses nicht erkannte und das Land zugrunde richtete, war die Revolution eine gerechtfertigte, logische Konsequenz. Sie war kein Zufallsprodukt, sondern mit ihren erhabenen und auch schrecklichen Auswirkungen ein notwendiges, aus der Ferne hergeleitetes Übel, das es zu billigen galt(95). Allein das Versagen der Monarchie war verantwortlich für die Revolution und folglich auch für die Exzesse. Für Kerner blieb zu hoffen, daß aus dieser Zerrüttung "die Grundsätze einer reinen Vernunft übrigbleiben und die Mutter einer besseren politischen Organisation sein werden"(96).

Als "bessere politische Organisation" strebte er einen bürgerlich verfaßten Staat auf der Basis des Naturrechts an. Dieser mußte der Aufklärung entsprechend auf die Prinzipien der Philosophie, "die vertrauteste Freundin der Natur und die Mutter der gesellschaftlichen Freuden"(97) gegründet sein. Der Staat hatte auf willkürliche Gewalt zu verzichten und durfte nicht mit ihrer Hilfe durchgesetzt werden(98). Eingenommen von Rousseaus politischer Theorie, sollte sein Ziel "das Wohl aller" sein(99). Die von den vormaligen Untertanen gewonnene Freiheit machte sie zu unabhängigen Bürgern. Doch diese Freiheit beinhaltete gleichzeitig Pflichten gegenüber dem "gemeinen Wesen"(100). Beim Neuaufbau des Staates mußten die Kräfte des Einzelnen "für das allgemeine Beste arbeiten"(101). Eine konkrete staatspolitische Theorie, in der die Frage nach der Volkssouveränität beantwortet würde, entwikelte Kerner allerdings nicht.

Kerner sah den Staat der bürgerlichen freiheitlichen Verfassung gescheitert. Die Bürger waren unfähig ihre Pflichten gegenüber der Allgemeinheit wahrzunehmen. Von den Aufgeklärten waren die einen noch zu eng mit dem alten System verbunden, die anderen zu sehr auf ihren Eigennutz bedacht oder aber zu gleichgültig eingestellt(102). Der Staat wurde lediglich als Mittel zur Förderung der Privatinteressen gesehen, die ihm entgegengebrachte Pflicht war passiver Gehorsam(103). Die Bürger unterließen es, die neugewonnene Freiheit für das Gemeinwesen zu nutzen. So waren gerade die Stützen der alten Gesellschaftsordnung - "Unwissenheit der einen, der Eigennutz der andern, der Egoismus der meisten" - die Ursache für den Untergang der neuen(104). Kerner leitete daraus ab, daß der Egoismus des Einzelnen für die bürgerliche Gesellschaft von allen Bedrohungen die gefährlichste war(105). Er machte das Gelingen der Revolution und den Triumph der Freiheit vom individuellen Verhalten der Menschen abhängig. Wie Rousseau maß Kerner dem Begriff der Tugend zentrale Bedeutung in seinem politischen Denken zu.

Da für das Scheitern der Revolution, so Kerner, der Egoismus und die Laster der Einzelnen verantwortlich waren, würde die Freiheit nur zu einem Erfolg führen, wenn auch die Tugend sich durchsetzten würde: "Siege allein können das letztere nicht vollkommen, niemals gründlich bewerkstelligen, sie müssen mit dem Triumph der Tugend gepaart sein, und das Laster muß in seinen verschiedensten Gestalten entlarvt sein."(106)

Aus dem Tugendbegriff leitete sich Kerners Zielvorstellung der sozialen Ausrichtung des Staates ab: "Ich werde in keinem Lande, ich werde nirgends aufhören, Tugend zu suchen, und ich bin zum voraus gewiß, daß ich sie niemals vergebens unter dem Strohdach suchen werde"(107). In einem Brief aus Vissoux formulierte er konkret sein Idealbild: "Es gibt nur zwei ehrenwerte Bürgerklassen in einem Lande: Bauern und Handwerker, Gelehrte, Advokaten, Schreiber, Kammerherren, Offiziere und dergleichen Pack machen, sobald sie nicht zu gleicher Zeit zu einer dieser Klassen gehören, das Unglück der Gesellschaft aus, sozusagen die gefräßigen Würmer, die an jenen beiden Klassen nagen. Das Glück eines Landes erfordert es, daß jeder wenigstens ein Handwerk auszuüben weiß, nur alsdann wird ein jeder unabhängig und alsdann alle, das heißt der ganze Staat frei sein."(108) Von Rousseaus politischer Theorie beeinflußt, sah Kerner das Kleinbürgertum als Klassenbasis der Republik vor(109).

Neben dem Kleinbürgertum sah Kerner die Tugend im Militär verwirklicht. In den Revolutionsarmeen Frankreichs fand er einen Lebensraum, dessen einziges Ziel darin bestand, für die Ziele der Freiheit zu kämpfen. In der inneren Struktur verehrte er die asketischen Lebensformen der Soldaten. Kerner plante mehrfach, der französischen Armee beizutreten. Nur Reinhard konnte ihn von diesem Schritt abhalten. Unterstrichen wird die Hinwendung Kerners zu militärischen Lebensformen zusätzlich durch sein äußeres Auftreten unterstrichen(110).

Als die Situation in Paris des Thermidor und Direktoriums Kerners Idealvorstellungen widersprach, ging aus seiner Huldigung der Tugend eine Radikalisierung der politischen Anschauungen hervor: Wer für die Tugend kämpfte, durfte nicht mit dem Verbrechen temporisieren war seine Konsequenz(111). Mit der Forderung nach revolutionärer Strenge und seinem moralischen Rigorismus übernahm Kerner unbewußt eine der Rechtfertigungen der Jakobiner des Jahres II für die Schreckensherrschaft(112).

Vor diesen Hintergrund spielten dann in der Publizistik Beurteilungen einzelner Persönlichkeiten eine größere Rolle als die Volksmassen. In den revolutionären Aktionen der Pariser vorproletarischen Bevölkerungsschichten der Faubourgs sah er keine Emanzipationsbestrebungen. Er verachtete die Massen und kriminalisierte ihre revolutionären Aktivitäten. Als Entschuldigung für ihr Handeln ließ er lediglich die Anstiftung und den Mißbrauch durch die Gegenrevolution gelten.

Kerner zeichnete Idealbilder von Personen, die das Tugendhafte auf der einen oder individuelle Verfehlungen auf der anderen Seite verkörperten. So beschrieb er Pache als Sinnbild der Charakterlosigkeit und Fouquier Tinville als das Verbrechen schlechthin. Sieyès hingegen zog er als das Vorbild republikanischer Tugend heran und Adam Lux wurde von ihm wegen dessen Verteidigungsschrift für Charlotte Corday zum Märtyrer und Symbol revolutionären Heldentums stilisiert(113).

Ein zentraler Punkt in der Gedankenwelt Kerners war seine Haltung zur Religion und der Institution Kirche. Für ihn waren Katholizismus und Aufklärung zwei unüberwindbare Gegensätze: Die Religion verschuldete die Unaufgeklärtheit des Volkes. Der Institution der Kirche schrieb er ausschließlich eine Unterdrükungsfunktion zu. Fast überall machte Kerner für angetroffene Mißstände die Kirche verantwortlich. Sein Haß auf alle Priester und praktizierte christliche Kulte nahm bisweilen paranoide Ausmaße an.

In der Tradition der Aufklärung war Kerner zunächst der Überzeugung, daß die Vorurteile und der Fanatismus der Kirche allein durch Erziehung zu bekämpfen sein würden. Je mehr seine Enttäuschung über den Stand der Revolution zunahm, desto radikaler verlangte er jedoch nach einer unnachgiebigen Zerschlagung der Institution der Kirche und nach der Verbannung der Priester.

In seiner Radikalität leugnete Kerner aber nicht die Existenz Gottes. Der Freiheitskampf der Franzosen offenbarte ihm eine höhere Vorsehung, "die nicht Resultat eines menschlichen Plans, sondern das Werk jenes großen Ungefährs ist, womit wir die unerklärbare Ratschlüsse des Lenkers der Welten bezeichnen."(114)

Grundsätzlich trat Kerner für Wirtschaftsfreiheit ein(115). Jedoch die Realität der wirtschaftlichen Lage ließ ihn diesen Leitsatz mit der Zeit unter einem geänderten Blickwinkel bewerten. Verurteilte er zunächst das Maximum als für Industrie und Handel verderblich und machte auf dem Lande die Aufhebung der Preislimitierung für den wirtschaftlichen Aufschwung verantwortlich, so stellte er in Paris die politische Richtigkeit dieser Operation in Frage(116).

Der Brotmangel und dessen soziale Folgen sah Kerner durch die Wirtschaftsfreiheit herbeigeführt. Heftiger noch kritisierte er den Mißbrauch der Wirtschaftsfreiheit durch Gewinnsucht und Eigennutz. Er machte für die Notlage breiter Bevölkerungsschichten die wegen Mangels an "öffentlicher Moralität"(117) gescheiterte Wirtschaftsfreiheit und den daraus resultierenden maßlosen Reichtum einzelner Profiteure verantwortlich. Wenn Kerner zunächst beklagte, daß sich nur wenige wohlhabende Bürger für die Revolution engagierten, trifft die These Grabs von Kerners Auffassung, daß "die Interessen der besitzenden Schichten mit denen der ganzen Nation identisch seien", nicht uneingeschränkt zu(118).

Im späteren Verlauf der Revolution nahm er immer mehr Anstoß am Wirtschaftsliberalismus: "Eine und die nämliche Ursache scheint sich nur deswegen in den Phänomenen, die sie zeugt, zu trennen, um sich in den Resultaten desto furchtbarer zu vereinigen: Schnelles Reichwerden hat selten gute Folgen; auch die Republik mußte diese Wahrheit erfahren. Die schnell Reichgewordenen gehören größtenteils zu ihren bittersten Feinden - und diese Menschen, die teils Städter, teils Landleute sind, gehen, je nachdem sie der einen oder anderen Unterabteilung zugehören, ihren eigenen Weg; beide Wege aber, so abweichend sie auch scheinen mögen, vereinigen sich am projizierten Grab der Republik."(119) In seiner Rede über den Zustand Italiens befand Kerner sogar, daß Vorurteile "unter dem Schutze des Eigentums" eine furchtbare Gewalt besaßen(120). Als er bei seiner Reise nach Italien Kempten passierte, war dieser Ort für ihn "eine kleine Reichsstadt ohne Patrizier und deshalb auch wohlhabender und glücklicher als viele andere Reichsstädte"(121).

6. GEORG KERNER, EIN JAKOBINER ?

Läßt sich Georg Kerner in den deutschen Jakobinismus einordnen? Diese Frage abschließend zu beantworten, zeigt, wie wenig die Kriterien, die die Forschung zur Definition deutscher Jakobiner erarbeitet hat, bei einer Beurteilung der politischen Position Georg Kerners greifen. Da seine Anschauungen, wie auch die anderer Augenzeugen, vom Verlauf und den unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Französischen Revolution beeinflußt waren, läßt sich eine umfassende definitive Aussage für ihn nur soweit treffen, als daß seine Haltung zur Revolution die gleiche Komplexität und Widersprüchlichkeit wie diese aufwies.

Bei Georg Kerner kommt die Problematik hinzu, daß er bei seinen kompromißlosen, übersteigerten Einstellungen, die häufig von der persönlichen Lebenssituation abhängig waren, auch zu unterschiedlichen Standpunkten gelangte. Seine idealistische Betrachtungsweise hinderte ihn, eine konkrete, differenzierte Analyse des politischen Geschehens vorzunehmen.

Kerners eigene Definition von Jakobinern war sehr weit gefaßt: Sie waren für ihn Menschen, "die, von der Morgenröte der Freiheit zu edlen Taten aufgeweckt, seit den ersten Augenbliken der Revolution ihre ganze Existenz dem Vaterland weihten, der Tyrannei die erste furchtbare Wunde schlugen und die erste Grundlage zu einer besseren Ordnung der Dinge schufen!"(122). Demzufolge mußte er sich selbst als Jakobiner verstehen.

Die Jakobinerdiktatur von 1793/94, die er als Werkzeug der Aristokratie und des monarchischen Auslandes interpretierte, lehnte Kerner strikt ab. Damit verurteilte er auch die Gewaltanwendung dieser Regierung. Seine an moralischen Werten orientierte, asketische Lebensweise sowie seine Auffassung des Tugendbegriffs rückten ihn andererseits in die ideologische Nähe der Jakobiner des Jahres II. Nachdem er das Scheitern des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus erlebt hatte, radikalisierten sich seine politischen Vorstellungen und er verlangte nach diktatorischen Maßnahmen. Damit legitimierte er auch Gewaltmaßnahmen einer Revolutionsregierung. Obwohl er sich zunehmend vom besitzenden Bürgertum als staatstragender sozialen Klasse löste, trat er dennoch nicht für die unteren Volksschichten ein.

Kerner war als Publizist kein Analytiker. Vielmehr ließ er sich in seinen Äußerungen spontan von der persönlichen Befindlichkeit lenken. Er ging nicht nach Frankreich, um die Revolution vor Ort zu verfolgen, sondern um aktiv an ihr mitzuwirken. Kerner ergriff jede Möglichkeit, in die revolutionären Aktionen einzugreifen, vor allem, wenn es darum ging, militärisch für die Ziele der Revolution einzutreten. Dieser Aktivismus spiegelt sich auch in seiner Publizistik wider, die daher immer auch als moralischer Appell zu lesen ist.

Obwohl Kerners Revolutionsverständnis und seine grundsätzliche Haltung zu Fragen wie Volkssouveränität und der Ausgestaltung des Staatsgefüges von Rousseaus Philosophie geleitet war, entwickelte er für sich keine politische Theorie. Sein idealisierender Kampf um Freiheit und die Verbesserung des Menschengeschlechtes, der Rigorismus seiner Urteile zeigen das Fehlen einer politischen Denkart(123).

Durch die Divergenz von Anspruch und Wirklichkeit in seine Auffassungen mußte er scheitern. Doch seine aufopfernde und selbstverleugnende Art, mit der er sich in den Dienst der Freiheit stellte, läßt ihm einen besonderen Stellenwert unter den deutschen Revolutionsanhängern zukommen. Seine historische Bedeutung liegt wie die vieler Persönlichkeiten und auch der Französische Revolution im langfristigen Wirken.

Um Georg Kerner gerecht zu werden, muß eine der Aufgaben der Kernerforschung darin liegen, sein Handeln und Eintreten für die Ideale der Freiheit in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. So bietet das Leben Kerners auch nach dem Ende der Revolution, seine Tätigkeit als Publizist, Diplomat und Armenarzt in Hamburg weitere Forschungsaufgaben insbesondere zur hamburgischen Geschichte(124).

Georg Kerner ist ein Beispiel für Persönlichkeiten, für die das aktive Handeln im Sinne ihrer Ideale im Vordergrund stand, wodurch sie sich nur schwer in theoretische Rahmen fassen lassen. Außergewöhnliche Stellung genießt Kerner auch heute noch, weil er als Journalist und Sekretär eines Diplomaten die Möglichkeit hatte, seine Beobachtungen, sein Denken zu veröffentlichen. Dies gepaart mit seiner Vorliebe für ungeschönte, prägnante Ausdrucksweise macht seine Publizistik zu ungewöhnlich eindrucksvollen Zeitzeugnissen.