Geschichte

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Umfeld

Die politisch-militärischen Vorgänge, die im Mai des Jahres 1945 zur Kapitulation Hamburgs geführt haben, gehören der im eigentlichen Sinne hamburgischen Geschichte nur zum Teil an, in ihrer Gesamtheit stellen sie sich dem rückschauenden Blick als letzten Akt der großen deutschen Tragödie dar, die mit dem Untergang des Reiches schloß. Wie die bedingunslose Übergabe der Stadt die Gesamtkapitulation Deutschlands unmittelbar eingeleitet und in wenigen Tagen nach sich gezogen hat, so ist dieses Ereignis auch in seinen letzten Ursachen fast ausschließlich durch die gesamtdeutsche, ja europäische Kriegsentwicklung der vorangegangenen Jahre bedingt gewesen. Jene entscheidungsvollen Tage bilden nach Ursache, und Folge einen Teil der Geschichte des zweiten Weltkrieges und sind daher letztlich nur vor diesem weiten Hintergrunde historisch faßbar und begreiflich zu machen. Diese Aufgabe ist indes in ihrem vollen Umfange zur Zeit noch nicht zu lösen. Die Geschichte des zweiten Weltkrieges ist noch nicht geschrieben worden und sie wird auch, wenigstens von deutscher Seite, nicht so bald geschrieben werden können; keinesfalls eher als die dokumentarischen Unterlagen des Nürnberger Prozesses gedruckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht sein werden. Diese Prozeßakten müssen der historischen Forschung als Ersatz für die am Ende des Krieges eingetretenen Riesenverluste an amtlichen deutschen Quellenmaterial dereinst von höchstem Werte werden. Erst sie und diein den deutschen staatlichen Archiven verwahrten Reste der amtlichen Akten werden es dem künftigen Forscher zusammen mit der bis dahin erschienenen privaten Memoiren-Literatur ermöglichen, die letzten Ursachen und innersten Zusammenhänge dieser Vorgänge zu erkennen und zu schildern. Dem hier gemachten ersten Versuch, einen bedeutsamen Abschnitt unserer jüngsten Vergangenheit schon jetzt geschichtlich zu erfassen. sind demnach vom erwünschten gesamtdeutschen Standpunkte aus betrachtet große, zum Teil unüberwindliche Schwierigkeiten aufgerichtet, sichthemmende Grenzen, die - bildlich gesprochen - den Blick in die Tiefe der Landschaft hindern und den Punkt, von dem das Unheil seinen Ausgang nahm, nicht eindeutig klar erkennen lassen. Dennoch wird, selbst von einem notgedrungen ortsgebundenen Blickpunkt aus gesehen, zweierlei als von überragender geschichtlicher Bedeutung bereits heute ganz deutlich: Erstens, daß der, man kann nur sagen, verbrecherische Befehl der obersten deutschen Reichsführung, Hamburg noch im Frühjahr des Jahrs 1945 his zum äußersten zu verteidigen(1)und damit das längst unabwendbar gewordene Schicksal des Reichs um eines kurzen Aufschubs willen mit dem sicheren und völligen Untergang seiner drittgrößten(2) Stadt zu besiegeln, damals infolge des Widerstandes der örtlichen Führung nicht zur Ausführung kam. Und zweitens, daß die Hamburger Brandkatastrophe des Jahres 1943 als ein besonders gewichtiges Glied in der langen Kette der geschichtlichen Ereignisse zu bewerten ist, die insgesamt schließlich zum Zusammenbruch im Mai des Jahres 1945 geführt haben. Diese beiden Tatsachen sind Angelpunkte der jüngsten vaterstädtischen Vergangenheit; sie sind auch reichsgeschichtlich von erheblichem Gewicht. Im Jahre 1943 ist Hamburg fast zur Hälfte zerstört worden, und dieses Ereignis hat die Schlagkraft des Reiches schon damals physisch und seelisch empfindlich gelähmt. Wäre zwei Jahre später der Plan Hitlers zur Ausführung gekommen, man müßte aufhören über das Jahr 1945 hinaus von einer hamburgischen Geschichte zu sprechen. Deutschland aber wäre um ein großes Kultur- und Wirtschaftszentrum ärmer gewesen.

Anmerkungen der Redaktion
(1) Dem Nachfolger Hitlers, Karl Dönitz, wollte durch die Verteidigung Hamburgs erreichen, mehr Flüchtlinge aus dem Osten des Reiches in den noch unbesetzten Teil (Schleswig-Holstein, Dänemark) zurückführen zu können, d.h. Menschenleben zu retten. Hierzu der Zeitzeugenbericht
"Untergang der Gustloff"

(2)Dieser Hinweis ("drittgrößten") mag den heutigen Leser überraschen, aus damaliger Sicht ist er jedoch ganz normal, da Österreich bis zum Kriegsende Bestandteil des Deutschen Reiches war, so war Hamburg nach Berlin und Wien die drittgrößte Stadt des Reiches.