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In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli in der ersten Morgenstunde des neuen Tags - es war ein Sonntag - die ersten rund 600 von den mehr als 3000 Maschinen, die in dieser 10tägigen Schlacht zum Einsatz kamen, die Stadt anflogen und in einem zweieinhalbstündigen konzentrischen Angriff durch Abwurf von Phosphorkanistern und Spreng- und Brandbomben ihr Vernichtungswerk begannen.
Der Stadtteil Barmbek und die ihn umgehenden Teile am linken Alsterufer, sowie der Hafen wurden gleich anfangs schwer, das rechte Alsterufer, vor allem Hoheluft und Eimsbüttel dazu der Hagenbecksche Tierpark in Stellingen, Altona, St. Pauli und die Hamburger Innenstadt vernichtend getroffen. Großbrände brachen aus, die an einem Tage nicht mehr zu löschen waren . In der Mittagsstunde dieses Sonntags lastete über der Stadt eine riesenhafte, unheimliche Rauch- und Staubwolke, die trotz des klaren wolkenlosen Sommerwetters, die Sonne nicht zum Durchbruch kommen ließ. Die Zahl von 1500 festgestellten Gefallenen war im Vergleich mit früheren Angriffen bereits außerordentlich hoch, die Absicht des Feindes, einen vernichtenden Schlag zu führen, schon jetzt deutlich erkennbar. Dennoch hielten die eingetretenen Verluste und Schäden an diesem Tage und selbst nach dem zweiten, dritten und vierten Angriffen, die unter anderen Gebieten auch Harburg und Wilhelmsburg trafen, bis zum 27. Juli noch einigermaßen in den erwarteten und befürchteten Grenzen. Erst der in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli mit mindestens achthundert Maschinen geflogene zweite Großangriff (es war der fünfte der im Verlauf dieser Gesamtaktion gegen die Stadt geführten harten Schläge) schuf eine Lage, angesichts der sich alle Vorausberechnungen als menschliches Stückwerk erwiesen. Der Schwerpunkt lag diesmal in den Stadtteilen links der Alster, in Rothenburgsort, Hammerbrook, Hohenfelde, Borgfelde, Hamm. Eilbek und zum Teil erneut in Barmbek und in Wandsbek. Durch einen Bombenteppich von unvorstellbarer Dichte wurde eine fast völlige Vernichtung dieser Gebiete in kürzester Frist erreicht. Ausgedehnte Teile wurden in kaum einer halben Stunde in einziges Flammenmeer verwandelt. Als in der übernächsten Nacht vom 29. auf den 30.Juli durch den, gemessen an der Zahl der eingesetzten Flugzeuge und der abgeworfenen Munition schwersten und sechsten Angriff die Stadtteile Harvestehude, Rotherbaum, Eppendorf, St. Georg, Uhlenhorst und Winterhude und nochmals Barmbek das gleiche Schicksal traf, da schien es, als sei die Hölle über der Millionenstadt entfesselt. Der sonnenklare Tag war fast zur Nacht geworden, Grauen und Verzweiflung packte die Menschen, die sich in wenigen Tagen in allen ihren Hoffnungen und Planen übermeistert sahen. Das Schicksal. das Hamburg damals erlitt, übertraf an Umfang und Auswirkung – von der durch ein Erdbeben hervorgerufenen Feuersbrunst Tokios im Jahre 1923 abgesehen -jede Brandkatastrophe vergangenr Zeiten. "Der Hamburger Brand von 1842" so heißt es in dem Geheimbericht des hamburgischen Polizeipräsidenten vom 1. Dezember 1943, "muß, selbst unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse ein schwaches Abbild des Hamburger Brandes von 1943 bleiben. Die Brandkatastrophen von Chicago und San Francisco, der Brand der Pariser Oper, alle diese Ereignisse, über die durch Zeitgenossen Schreckensszenen fantastischer und grausiger Art übermittelt wurden. verblassen vor dem Ausmaß und dem Einmaligen des Hamburger Brandes von 1943. Seine Furchtbarkeit offenbart sich in dem Heulen und Toben der Feuerstürme, dem Höllenlärm der krepierenden Bomben und den Todesschreien gemarterter Menschen, wie in dem eisigen Schweigen nach den Angrriffen. Die Sprache versagt vor der Größe des Grauens, das zehn lange Tage und Nächte die Menschen schüttelte und dessen Spuren auslöschlich in das Gesicht der Stadt und der Menchen geschrieben wurden."
Nach gewissenhaften amtlichen Schätzungen sind in jenen Tagen mehr als 1.200 Minenbomben, 25.000 Sprengbomben, 3 Millionen Stabbrandbomben. 80.000 Phosphorbrandbomben bzw. amerikanische 100-lbs-Flüssigkeitsbrandbomben, 5000 Flüssigkeitsbrandbomben von 250 lbs und 500 Phosphorkanister über Hamburg abgeworfen worden. Ein Stadtteil nach dem andern sank mit unersetzlichem Kulturgut in Schutt und Asche, Die sich in de, sommerlichen Hitze und Dürre und durch den raschen Ausfall der Wasserversorgung in kurzer Zeit bildenden
Flächenbrände wuchsen sich bald zu riesenhaften Feuerglocken, in denen alles Leben wie in einer Falle gefangen war, aus. Über und in ihnen heulten, durch die sich jetzt steigenden Temperaturunterschiede von sechshundert, achthundert oder gar tausend Grad Celsius entfacht, tosende Feuerstürme, die endlich zu einem einzigen Orkan zusammenschlugen. Vor ihm ward jede Rettungsmöglichket zunichte. Was menschlicher Vernichtungswille begonnen, vollendete die entfesselte Natur. Dicke Bäume bis zu einem Meter Durchmesser wurden glatt entwurzelt, glühende, Balken flogen, neue Brandherde legend, schaurig durch die Luft. Kinder, durch die Naturgewalten von der elterlichen Hand losgerissen sah man wie Ast- und Laubwerk in das Feuer wirbeln, Menschen wie Fackeln auf dem Asphalt brennen, Frauen, Männer und Kinder, die sich nach oft furchtbaren Kampf noch aus der Hölle der glühend heiß gewordenen Keller und Bunker zu befreien vermocht hatten und sich nun auf der Straße gerettet glaubten, fielen von der alles vernichtenden Gewalt der Hitze betäubt zu Boden und starben in Augenblicken. Bald waren die Straßen mit hunderten von Leichen bedeckt. Was sich an Schreckensszenen in den in großer Zahl verschütteten Luftschutzräumen abspielte, das zu ermessen, oder zu beschreiben, wird keiner menschlichen Phantasie jemals gelingen. Auch in den wenigen nicht vom Feuer heimgesuchten Gebieten herrschte das Grauen. Alle Farben der mit feinstem Aschenstaub bedeckten Vegetation waren wie erstorben. Brandgeruch erfüllte die ganze Stadt. Als sich nach dem siebenten, infolge eines Gewitters mit wolkenbruchartigem Regen nicht voll zur Auswirkung kommenden letzten Angriff in der Nacht vom 2. auf den 3. August das große Schweigen endlich auf die in weiten Teilen verödete Stadt herabsenkte, waren von rund 558 000 Einzelwohnungen mehr als 250 000 vollständig zerstört, hatten rund 48 000 Menschen ihr Leben gelassen. Fast eine Million, das war mehr als das Zehnfache der Zahl, auf die man sich vorsorglich im äußersten Falle eingestellt hatte, befand sich alsbald auf der Flucht. Zahlen können eine auch nur annähernd richtige Vorstellung von der Größe dieser Katastrophe nicht vermitteln. Sie erlangen jedoch en gewisses Leben. wenn man weiß, daß die Verluste der britischen Insel durch Bomben und V-Waffen auf 60000 Personen geschätzt werden. Danach hatte Hamburg allein in dieser einen Schlacht in wenigen Tagen vier Fünftel aller Toten zu beklagen, die das gesamte englische Mutterland während des ganzen Krieges durch Luftangriffe und V-Waffen-Beuchuß verlor.
Die Aufgabe vor die sich die städtische Verwaltung
in Hamburg angesichts dieses maßlosen Unglücks gestellt sah,
überstieg das Menschenmögliche. Schon die Bereitstellung und
Verteilung der für die am Leben gebliebene Bevölkerung notwendigen
Lebensmittel mußte den allergrößten, dennoch mit bemerkenswerter
Energie und Umsicht gemeisterten Schwierigkeiten begegnen. Vor der Größe
des nun jäh aufgebrochenen Flüchtlingselends aber mußte
auch der härteste Wille versagen. Hunderttausende, mit ihrem Heim
zum größten Teil auch ihrer gesamten Habe beraubt, bevölkerten
alsbald die Ausfallstraßen der Stadt und wurden wie Spreu vor dem
Winde über das ganze Reichsgebiet zerstreut. Wohl ist damals vielen
auf der Flucht durch die deutschen Lande brüderliche Hilfe in reichem
Maße zuteil geworden, und es verdient, gerade angesichts der jetzigen
so ganz änderten Nachkriegssituation festgehalten zu werden, maß
die die Haltung der Deutschen jener Tage, der obdachlosen Flüchtlinge
wie der sie aufnehmenden Familien, im ganzen gesehen bewundernswert gewesen
ist. Der immer unerträglichere Formen annehmende Luftkrieg hat bei
der Masse der Bevölkerung in Hamburg wie anderswo und von Ausnahmen
abgesehen zunächst kein spürbares Nachlassen des Widerstandwillens
hervorgerufen. lm Gegenteil ist gerade er es gewesen, der in den Millionen
Heimatloser das begreifliche und durch die diabolische Goebbelsche Propaganda
genährte Bewußtsein aufkommen ließ, daß ein Endsieg
allein die Voraussetzungen zu einem jemals wieder menschenwürdigen
neuen Leben schaffen könne. Erst als im Verlauf dieses Ringens die
Hoffnung auf einen endlich doch noch günstigen Ausgang des Krieges
auch bei den Gutgläubigsten mehr und mehr dahinschwand, ist die seelische
Wirkung dieser Hamburger Katastrophe des Jahres 1943 entscheidend, dann
allerdings überwältigend in die Erscheinung getreten.
Copyright: Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg
1947 - Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Verlages