Die Besetzung Hamburgs durch die Franzosen - (1806 -1810)

Am 14. Oktober 1806 wurde die Doppelschlacht von Jena und Auerstädt geschlagen, und damit zerbrach das letzte Bollwerk, das sich Napoleon in Deutschland entgegengestellt hatte. Blücher gelang es, mit seinem kleinen Korps bis Lübeck zu entkommen; aber nach heldenmütigem Widerstand überließ er die unglückliche Stadt ihrem Schicksal und kapitulierte mit seinen 8000 Mann am 7. November in Ratekau. Neun Tage später zeigte sich ein französischer Streifkorps mit preußischen Gefangenen auf hamburgischem Gebiet in Hamm und versteigerte die in Lübeck gemachte Beute. Mit Schrecken hörte man in Hamburg von der Plünderung der benachbarten Hansestadt, die doch gänzlich unschuldig daran war, daß sich die Preußen in ihr festgesetzt hatten. Gern zahlte man dem drohenden französischem Obersten, was er forderte: wenn nur das Unwetter an Hamburg vorüberzog.

Aber Napoleon dachte nicht daran, an der reichen Handelsstadt mit seinen hungrigen Heeren und leeren Kassen vorbeizugehen. Am 19. November schrieb der Marschall Mortier aus Bergedorf einen ebenso höflichen wie entschiedenen Brief an den Senat, daß er im Auftrage seines Kaisers die Stadt in Besitz nehmen, im übrigen auf strenge Mannszucht halten werde. In höchster Aufregung berief der Senat die Bürgerschaft. Noch standen die alten Wälle um die Stadt, aber ohne Brustwehren und Kanonen. Die alten Stadttore lagen offen; denn aufgeschüttete Dämme führten quer durch die Stadtgräben zu den Vorstädten. Durch das Altonaer- oder Millerntor kam man nach der Vorstadt Hamburger Berg (später St. Pauli genannt). Das Steintor führte nach St. Georg. Diese Vorstadt war nach Osten befestigt. Breite Wälle und Gräben verbanden die Alster mit dem hohen Geestrücken, auf welchem die alte Berliner Heerstraße lief. Das Lübecker und das Berliner Tor (Nr. 1 und Nr. 4 genannt) nahmen die beiden großen Landstraßen auf. Das weite Marschland zwischen dem Geestrücken und der Bille, der sog. Hammer Brook, konnte leicht unter Wasser gesetzt werden. Daher wurden jene Befestigungen nur durch eine Brustwehr, die vom Berliner Tor quer durch das Bruchland bis zur Bille lief, fortgesetzt. Die Stadt hatte sich aber auch über die Wälle von St. Georg ausgedehnt: Hohenfelde und Borgfelde waren schon etwas bebaut. Eine niedrige Landwehr zog sich zum Schutz dieser Vororte von der Eilbeck, einem Nebenflüßchen der Alster, bis an den Geestrücken. Die Durchgänge der Lübecker und Berliner Straße durch die Landwehr bezeichnete der Lübsche und der Hammer Baum. Die Straße nach Berlin führte an der Hammer Kirche vorbei durch das Dorf Horn. Dort beim "letzten Heller" gabelte sich der Weg nach Bergedorf. Der nähere führte auf dem Geestrücken weiter über Schiffbek und Steinbek durch dänisches Gebiet. Der weitere Weg überschritt auf der blauen Brücke bei einer Verschanzung die Bille und führte, den vielen Windungen des Flüßchens folgend, durch das langgestreckte hamburgische Marschdorf Billwärder bis Bergedorf. Auch die Mündung der Bille in die Elbe, Brandshof genannt, war befestigt. Diese schwachen Verteidigungsmaßregeln verschleierten nur in gefährlicher Weise, daß Hamburg in Wahrheit eine offene Stadt war. An Widerstand war nicht zu denken.

So zogen denn die fremden Gäste am 19. November, nachmittags 3 Uhr, in langen Marschkolonnen über Billwärder in Hamburg ein, 2600 Mann, zur allgemeinen Verwunderung Italiener und Holländer. Die Einquartierung machte zuerst nicht geringe Schwierigkeiten; erst im Lauf der Jahre sollten die Bürger es besser gewohnt werden! Die Bürgerkapitäne hatten ihre liebe Not, die 2000 Italiener vor Nacht in der Stadt unterzubringen. Die Holländer konnten sich in der Vorstadt St. Georg mit ihren breiten niederdeutschen Mundart selber zurechthelfen. Die Italiener wurden übrigens bald durch echte Franzosen abgelöst. Von jetzt an hörte die nächtliche Besetzung der Wälle durch die Bürgerwehr auf. Die Franzosen ernannten einen Oberst zum Platzkommandanten. Ein General stand als Gouverneur an der Spitze. Senat und Bürgerschaft führten von nun an nur noch ein Scheinregiment. Was der Franzose forderte, hatte der Senat vorzuschlagen und die Bürgerschaft in ihren einzelnen Kollegien zu bewilligen. Widerrede gab es nicht.

Zwei Tage später wurde bekannt gemacht, was jeder Soldat von seinem Quartierwirt täglich zu verlangen hatte: Ein halbes Pfund Fleisch, anderthalb Pfund Brot, Gemüse oder Reis, eine Flasche Bier und ein Glas Branntwein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Indes wären diese Forderungen den Bürgern als besondere Ausnahme ein Geringes gewesen; aber es stellte sich bald heraus, daß diesmal nicht wie sonst ein vorübergehende Einquartierung sondern eine dauernde Besetzung der Stadt geplant war.

Der Grund dieser Maßregel sollte bald klar werden. Es war die Feindschaft des Kaisers Napoleon gegen England. Am 21. November erließ er aus Berlin das Dekret, das die Kontinentalsperre gegen England verfügte. Weil er zur See gegen die Königen der Meere machtlos war, wollte er seine Übermacht zu Lande benutzen, um den Kontinent vollständig dem englischen Handel zu verschließen. Dies ungeheuerliche Verbot mußte vor allem diejenige Stadt treffen, die in erster Linie den Handel mit England vermittelte und deshalb von Napoleon verächtlich als "englische Stadt" bezeichnet wurde. Am selben Tage wurde in Hamburg bekannt gemacht, der Kaiser wolle alle englischen Waren konfiszieren und versiegeln. Innerhalb 24 Stunden müßten die Dokumente über Gelder und Waren aus England in der Registratur eingereicht werden. Da das natürlich unmöglich war, wurde am 23. eine neue zweitägige Frist geboten und mit Haussuchungen und schweren Strafen gedroht. Am 27. kam ein neues Dekret heraus, in welchem der ganze Handel mit England verboten und allem, was von dort herstammte, der Krieg erklärt wurde. Die Wirkung dieser Bekanntmachungen war, daß in den ersten acht Tagen aller Postverkehr aufhörte. Es durften überhaupt nur Waren abgehen, die von den Franzosen eine Bescheinigung ihres nicht englischen Ursprungs erhalten hatten. Das war natürlich eine Quelle endloser Bestechungen. Die Franzosen bemächtigten sich sogar der Posten. Nicht einmal die dänische Post, die doch einem befreundeten Staate angehörte, wurde geschont. Dazu kam das unerträgliche Paßwesen: Keine Person und keine Ware durfte ohne Paß die Stadt verlassen. Es mußte sogar extra befohlen werden, daß leere Wagen die Tore frei verlassen dürften. Eine pedantische Polizeiherrschaft legte sich lähmend auf Verkehrt, Handel und Gewerbe. Die Engländer bleiben die Antwort auf diese Zwangsmaßregeln auch nicht schuldig und legten bei Cuxhaven eine Blockadeflotte vor die Elbmündung; sogar bis Stade drangen ihre Kaper vor. Die unglücklichen Hamburger hatten den Schaden; denn kein Schiff konnte ungefährdet die Elbe verlassen. Selbst der Handel mit Holland und Frankreich war lahmgelegt. Daher wagte bald kein Reeder mehr, ein Schiff wegzusenden, und die meisten Schiffe lagen abgetakelt im Hafen. Vergebens suchte eine Deputation Napoleon in Warschau auf, wo er den Krieg gegen Preußen fortsetzte. Endlich am 9.Juli 1807, wurde der Friede zu Tilsit geschlossen. Alle atmeten in Hamburg auf und hofften, nun, wo der Krieg zu Ende sei, von der Besatzung befreit zu werden; aber im Friedensvertrag war von den Hansestädten keine Rede, und der Krieg mit England dauerte fort. Zwar hatte England kurz vorher seine strengen Maßregeln gegen den hamburgischen Seehandel gemildert und für einige bestimmte Waren auf ganz kleinen Schiffen die Wattenfahrt nach Bremen und Tönning freigegeben; aber nun schloß sich Dänemark der Kontinentalsperre an. Es wollte seine Flotte nicht freiwillig den Engländern überlassen, die in Napoleons Nähe keine Flotte dulden mochten. Daher wurde am 2. September unversehens Kopenhagen von Nelson beschossen und die dänische Flotte gewaltsam fortgeführt. Seitdem hielten die Dänen es mit Napoleon und sperrten Hamburg zu Wasser und zu Lande von England ab. Noch war es unentschieden, was aus den englischen Waren werden sollte, die seit dem vorigen Herbst schriftlich angegeben waren und doch nicht ausgeführt werden durften. Da zeigte am 21. August der Senat an, daß es den Eigentümern gestattet werde, sie für 16 Millionen Franken von den Franzosen loszukaufen. Schweren Herzens übernahm die Stadt diese Erpressungssumme.

Die Zeit verging. Ein Gouverneur folgte dem anderen: Mortier, Lavatte, Michaud, Brune, Bernadotte. Dieser letztere, Prinz von Ponte Corvo genannt, gewann sich durch seine Gutmütigkeit die Herzen, obwohl seine Tafel der Stadt Unsummen kostete. Er residierte in dem Senator Güntherschen Hause (jetzt Große Bleichen Nr. 21). Unter ihm rückte am 8. August 1807 ein ganzes spanisches Armeekorps ein, das Napoleon möglichst weit von Spanien entfernen wollte. (1) Die spanischen Soldaten gewannen sich durch ihr freundliches, zutunliches Wesen die Herzen der Hamburger, die ebenso wie sie unter Napoleons Joch seufzten. Ihr General, der Marquis de la Romana, sorgte für gute Mannszucht. Am 15. August wurde zur Feier von Napoleons Geburtstag eine große Truppenschau auf dem Heiligengeistfelde abgehalten, ein glänzendes Schauspiel für die Bevölkerung. Abends gab die Stadt im Apollosaal den Offizieren ein großes Festmahl mit folgendem Ball. Auch der Geburtstag des spanischen Königs wurde festlich begangen. In Hamburg erlebten die Spanier, die noch nie in ihrem Leben Schneeflocken gesehen hatten, die ersten Winterfreuden, und lustig tummelten sie sich mit der Jugend im Schnee und auf dem Eise. Im März 1808 verließen die gern gesehenen Gäste Hamburg und rückten nach Jütland vor, um Dänemark gegen Schweden und England zu helfen. Welche freudige Erregung ergriff die Hamburger, als im August die spanischen Truppen mit unerhörter Kühnheit auf englischen Schiffen in ihre Heimat entführt wurden und dort mit ihren Brüdern den Freiheitskampf aufnahmen. Die Franzosen versteigerten in ihrer Wut die in Hamburg zurückgelassene Habe des Marquis de la Romana auf einer Bastion zwischen dem Millern- und Dammtor. Leider fand dieser tapfere Held drei Jahre später in Spanien ein frühes Ende. Übrigens war die spanische Besatzung durch Franzosen ersetzt worden.

Im Frühjahr 1809 erfolgte Österreichs Erhebung. Die Franzosen, unter Ponte Corvo, verließen Hamburg und zogen nach der Donau. Dort stand der unbeugsame Davout, der Sieger von Auerstädt, mit 30000 Mann bei Eckmühl und erwartete Napoleon, der aus Spanien herbeieilte. Während im Süden der Erfolg noch schwankte, wurde in Norddeutschland der Aufstand des preußischen Majors Schill von dem holländischen General Gratien, der mit einem Bataillon in Hamburg geblieben war, und dem dänischen General Ewald aus Altona niedergeworfen. Das erhöhte in Hamburg den Widerwillen gegen Dänemark. Dem Herzog von Braunschwei-Öls erging es besser; englische Schiffe nahmen ihn in Elsfleth auf und trugen seine Tapferen nach Spanien. Die Dänen hatten das Nachsehen. Sein Bild und das des Märtyrers Schill wurde zu Tausenden verkauft und stärkte die Hoffnung auf eine bessere Zeit.

Indessen siegte Napoleon über Osterreich und rückte einstweilen jede Besserung in die weiteste Ferne. Es kamen neue Truppen nach Hamburg und erpreßten wieder Unsummen für Einquartierung und Verpflegung. Auch die Gouverneure wechselten beständig: Graf Molitor, Morand, und endlich kündigte General Compans die Ankunft des Marschalls Davout an, der seit dem letzten Feldzuge Prinz von Eckmühl heiß. Wie sollte die Stadt aber neue Abgaben aufbringen, da ihr Handel nunmehr den letzten Todesstoß empfing?

Am 5. August 1810 dekretierte Napoleon von seinem Lustschloß Trianon, im Park zu Versailles, daß sämtliche Kolonialwaren mit 50 Prozent verzollt werden sollten, auch wenn sie nicht aus englischen Häfen kämen. Nun waren in Tönning von amerikanischen Schiffen ungeheure Warenvorräte aufgespeichert worden. Napoleon erlaubte für deine gewisse kurze Zeit, diese Waren zu Lande einzuführen. Dänemark half getreulich nach, indem es die Agenten in Tönning zwang, die Waren vom dänischen Gebiete auszuführen. Infolgedessen wurde die Straße von Tönning nach Hamburg nicht leer von Frachtfuhren. Die Bauern von halb Holstein verdienten dabei mit ihren Gespannen ungeheure Summen. Tausende gingen unterwegs durch Eile oder Unredlichkeit verloren. Während der Nacht hielten Hunderte von beladenen Frachtwagen auf dem Hamburger Berg und warteten auf die Öffnung der Tore. Die Flocken der Baumwolle lagen verstreut umher wie Schnee. Von der Höhe des Einfuhrzolls kann man sich einen Begriff machen, wenn man liest, daß z.B. 24000 Pfund Rohzucker 8000 Taler Zoll, oder 500 Pfund Vanille ungefähr 300000 Taler Zoll kosteten. Ein genauer "Warentarif" schrieb diese Zölle vor. Statt des baren Geldes nahm die Douane (Zollbehörde) auch Waren als Bezahlung an: Kamen z.B. 60000 Pfund Zucker, Kaffee oder Baumwolle an, so nahm sie davon zwei Drittel oder 40000 Pfund für sich. Diese wurden in Magazinen, d.h. geraubten Speichern, vorläufig gelagert und dann gelegentlich über Wesel nach Frankreich gefahren. So verschaffte der Kaiser der Regierung bedeutende Einnahmen, und seine Beamten füllten sich außerdem ihre Taschen, indem sie für entsprechende Summen ein Auge zudrückten. Der französische Generalkonsul Bourienne, ein Jugendfreund des Kaisers, sammelte sich Millionen in Hamburg, und der Generaldirektor der Zölle, Eudel, kehrte später als reicher Mann in sein Vaterland zurück.

Als dies Geschäft beendigt war, erschien am 19. Oktober 1810 das Edikt von Fontainebleau, daß alle noch vorhandenen englischen Waren weggenommen und verbrannt werden sollten. Die Waren in den Zollmagazinen, die dem Staate gehörten, wurden natürlich ausgenommen; aber die Bürger sollten ihr Eigentum, das sie vor drei Jahren für schweres Geld freigekauft hatten, herausgeben. Man schleppte allerhand schlechte Ware zusammen.

Die Verbrennung der englischen Waren durch die Franzosen am 16. November 1810

Ein großer Leichenzug, 100 Mann Infanterie und 25 Dragoner nebst vielen Polizisten, brachte mit klingendem Spiel das zum Feuertode Geweihte nach dem Grasbrook. Dort auf dem flachen Vorland im Süden der Stadt, am Elbufer, wurde unter großem Zulauf von Menschen das Feuer angezündet. (16.November.) Dabei kam es wohl vor, daß ein kecker Bürger dem französischen Polizisten ein Warenstück unter dem Arme wegzog, das sich dieser heimlich entwendet hatte. Da nach Ansicht der Regierung noch nicht genug verbrannt war, wurde nach diesem Scheiterhaufen bald noch ein zweiter angezündet, und die feierlich eingeladenen Bürger konnten bei dieser Gelegenheit sehen, daß statt ihrer weggenommenen Waren Ballen mit Stroh verbrannt wurde. Die Franzosen brachten es nämlich nicht übers Herz, so wertvolle Gegenstände zu verbrennen: sie behielten sie lieber selbst. Übrigens fiel Bourienne, der den Hamburgern manches durchgesehen hatte, bald in Ungnade und wurde abgerufen.

Das Maß des Leidens schien voll zu sein; allen selbst der Schatten von Hamburgs Selbstständigkeit war Napoleon noch zu viel. Die Durchführung der Kontinentalsperre schien ihm zu fordern, daß die ganze Nordseeküste dem französische Reiche einverleibt werde.