Hamburg, "eine gute Stadt" Frankreichs - (1811 -1813)

Am 20. Dezember 1810 überreichte der neue französische Generalkonsul Le Roy dem Senat ein amtliches Schreiben aus Paris, in welchem die Vereinigung der Hansestädte mit dem französischen Kaiserreich verkündigt wurde. Bei dem gegenwärtigen Zustand Europas, so wurde gesagt, könnten sich die Städte durchaus keinen Vorteil von der Erhaltung ihrer Unabhängigkeit versprechen. (Napoleon war nämlich 1803 und 1806 nachdrücklich für ihre Freiheit eingetreten.) Die Schuld wurde natürlich auf England gewälzt, das einen ewigen Krieg gegen alle Mächte des Kontinents erklärt habe. Deshalb müßten diese nach neuen Handelswegen suchen und die binnenländische Schiffahrt begünstigen. Es sollten Wasserstraßen zwischen dem Rhein und der Ostsee angelegt werden. Um die Arbeiten zu erleichtern, mußten die Hansestädte, Oldenburg, einige Teile Hannovers, Westfalens, das Großherzogtum Berg und das Königreich Holland Frankreich einverleibt werden. Obwohl dieser letzte Angriff auf Hamburg nach allem vorangehenden Unrecht kaum noch Wunder nehmen konnte, war der Senat doch völlig überrascht und zu Boden gedrückt. Man weinte in Wahrheit redliche Tränen. Die Stadt hatte alle Gewalttätigkeiten ruhig ertragen und war den Franzosen immer zu Willen gewesen; nun sollte sie auch noch ihre altehrwürdige Verfassung opfern, durch die sie glücklich und groß geworden war! Das war ein trauriges Weihnachtsgeschenk. Allein es galt, dem Übermächtigen zu gehorchen. Am selben Tage ging die Antwort nach Paris, die von der Klugheit diktiert war. Unumwunden wurden die schmerzlichen Gefühle ausgesprochen, aber zugleich das ehrfurchtsvollste und vollkommenste Vertrauen in die erhabene Weisheit und die großmütigen Gesinnungen des großen Kaisers der Franzosen versichert. Von seiner Gnade und Weisheit erhofften die Hamburger, daß unter seinem Zepter ihr früheres Glück wieder erstehen möge.

Das ganze neuerworbene Gebiet wurde in zehn Departements geteilt. Die vier Departements der Ost-Ems, Ober-Ems, Weser- und Elbmündungen erhielten in Hamburg einen kaiserlichen Gerichtshof. Amsterdam, Rotterdam, Hamburg, Bremen und Lübeck wurden für "gute Städte", d.h. Städte ersten Ranges (bonnes villes) erklärt. Ihre Maires hatten das Recht, den großen kaiserlichen Festen in Paris (Thronbesteigung, Eidesleistung, Taufe usw.) beizuwohnen. Das Departement der Elbmündungen bildete die nördlichste Spitze des französischen Reiches und zerfiel in vier Arrondissements: Hamburg umfaßte das alte hamburgische Gebiet, Lübeck mit dem Herzogtum Lauenburg trennte das dänische Holstein und das zum Rheinbund gehörende Mecklenburg, Lüneburg enthielt das Viereck Artlenburg, Soltau, Rotenburg, Buxtehude, Stade das alte Land, Hadeln, das (vormals hamburgische) Amt Ritzebüttel und die Insel Neuwerk. Die Neuerung vollzog sich in Hamburg erst allmählich. Sylvester wurden die Staatskassen mit Beschlag belegt, die Schulden aber nicht mit übernommen. Am 13. Februar 1811 legte der Senat sein Amt nieder, und neun Tage später begann die französische Verwaltung ihre Funktion. Es wurde genau nach französischem Muster eine neue Stadtverwaltung eingerichtet. Einige Senatoren nahmen in dieser "Munizipalität" Stellen an im Interesse ihrer Stadt; andere zogen sich grollend zurück und warteten auf bessere Zeiten, so z.B. die beiden Bürgermeister von Graffen und Amsinck. An der Spitze stand ein Maire (Bürgermeister). Dazu wurde der frühere Senator Abendroth ernannt, der sich als Amtmann von Ritzebüttel ausgezeichnet hatte. Er war als Maire Mitglied des gesetzgebenden Korps zu Paris, desgleichen Senator Jenisch und Syndikus Doormann.
 
 


Bürgermeister Abendroth.

Diese beiden nahmen als Vertreter Hamburgs ihren Wohnsitz in Paris und blieben dort, bis im Frieden 1814 die genannten Departements von Frankreich förmlich abgetreten wurden. Die Vertreter der französischen Staatsregierung waren natürlich Franzosen. Eine französische Regierungskommission hatte die neue Verwaltung eingerichtet. Graf Chaban, ein wohlgesinnter milder Greis, leitete die Finanzen. Baron de Coningk, ein guter rechtlicher Mann, war Präfekt der Elbmündungen. Der vormals lauenburgische Intendant d‘Aubignosc wurde Generaldirektor der Polizei, eine Stelle, für die er eigentlich zu gut war. Er durfte in Hamburg nicht fehlen; denn als französischer Verwalter des kleinen hannöverschen Herzogtums Lauenburg hatte er seinen Kaiser darauf aufmerksam gemacht, daß dies französische Gebiet Hamburg und Lübeck berühre und diese Städte einmal mit dem Kaiserreiche verbinden könne. Napoleon hatte diesen Wink befolgt und das kleine Land nicht seinem Bruder Jérôme für das Königreich Westfalen hergegeben..

Als Generalgouverneur der hanseatischen Departements erschien Anfang Februar der Marschall Davout, Herzog von Auerstädt, Prinz von Eckmühl. (2) Der Ruf unerbittlicher Strenge und finsterer Gewalt ging vor ihm her. Sein Name war in Deutschland wie der eines zweiten Alba gefürchtet und gehaßt. Die Hamburger haben ja später den "Marschall Wut" von seiner furchtbaren Seite kennen gelernt. Doch sein ganzes Verbrechen war eigentlich eine grenzenlose Hingabe an das Genie Napoleons, dem er uneigennützig, eifrig und gerecht diente. "Ich würde meinen Bruder töten, wenn der Kaiser es geböte," soll er gesagt haben. Äußerlich war er ein ansehnlicher, feister Mann mit breitem Rücken, weichem glattem Gesicht, das mit einer spiegelblanken Glatze bis zum Hinterkopf in Verbindung stand, Glotzaugen und einem eher freundlichen und behaglichen als strengen Ausdruck. So schildert ihn der Legationsrat Johann Georg Rist, der in jenen Jahren als dänischer Konsul fast täglich mit Davout zusammenkam und uns ein höchst interessantes lebensvolles Bild der damaligen Zustände entworfen hat. (3)

Die "gute Stadt" Hamburg hätte mit ihren französischen Beamten wohl zufrieden sein können, wenn diese nicht nach oben hin willenlos, feige und kritiklos gewesen wären. Denn die von Napoleon geschaffene Polizei-, Zoll- und Zensurwirtschaft, die sie vertraten, war für die an Freiheit gewöhnte, vom Seehandel lebende Stadt eine unerträgliche Zwangsjacke. Sämtliche Einkünfte der Stadt fielen in die bodenlose Kasse ihres neuen Herrn, die Zinsen für ihre Schulden blieben also unbezahlt. Viele wohlhabende Leute, die ihr Eigentum dem Staat anvertraut hatten, sanken dadurch zur Armut herab. Die alten Beamten wurden großenteils stellenlos und verloren ihre Einnahmen. Der Handel war so gut wie verschwunden. Die Bevölkerung von 100000 Seelen sah die Quelle ihrer Ernährung versiegt und sollte doch immer neue Abgaben zahlen. Mit dem Handel hörten auch die Fabriken auf. Von 428 Zuckersiedereien waren nur noch einige wenige übrig; die Kattundruckereien hatten sämtlich aufgehört. Die Tabakfabriken waren durch die Regie verdrängt. Im Hafen faulten unbenutzt 320 Seeschiffe, die 12 Millionen wer waren. Die Verluste der letzten Jahre durch Ernährung der Truppen, Lieferungen aller Art, Beschlagnahme und Vernichtung der Waren und sogar von Schiffen auf offener See hatten der Stadt schon gegen 80 Millionen Mark gekostet. Kein Wunder, daß für die milden Stiftungen kein Geld mehr da war. Das Waisenhaus, der Krankenhof, die zahlreichen Gotteswohnungen, die allgemeine Armenanstalt waren beinahe aufgelöst. Es war ein Glück daß England sich gegen die unglückliche Stadt großmütig zeigte und weder ihre Schiffe, noch ihr sonstiges Eigentum antastete. Es verwaltete sogar den Londoner Stahlhof, der seit dem 14. Jahrhundert der Hansa gehörte für Hamburg und zahlte 1814 nach der Befreiung beinahe 1000 Pfund Sterling aus.

Natürlich fehlt es nicht an Franzosenfreunden. Manche waren mit dem heimischen Regiment unzufrieden gewesen und bewunderten in Napoleon den großen Sohn der französischen Revolution. Sicherlich hat die neue Verwaltung auch manches Veraltete und Verkehrte weggeräumt. Andere fanden durch die zahlreichen Bedürfnisse des Heeres einen neuen Broterwerb. Welche Aussichten auf Beförderung eröffneten sich ferner! Es war ja Napoleons Grundsatz, die eroberten Länder durch ihre eigenen Landeskinder regieren zu lassen. Wie mancher charakterlose Streber suche nun in die Höhe zu kommen! Viele Familien wurden auch durch Heiraten ihrer Töchter mit französischen Offizieren verschwägert und so für die "große Nation" gewonnen. Dem niederen Volke aber mußte der Schmuggel verbotener Waren einen Ersatz für den rechtmäßigen Erwerb seines Lebensunterhaltes bieten.

England hatte Dänemark1807 die Insel Helgoland weggenommen. dort wurde ein ungeheures Magazin verbotener Waren angelegt. Täglich kamen und gingen 3-400 Schiffe, und ein riesiger Schmuggelverkehr entwickelte sich seitdem an der Küste. Einmal, im Juli 1809, als Cuxhaven von Truppen entblößt war, landeten die Engländer dort ganz offen und nahmen die Batterien. Ein unermeßlicher Warenstrom ergoß sich für kurze Zeit ins Land, bis die Franzosen eiligst die gefährliche Lücke wieder schlossen. Hamburg war rings von dänischem Gebiet umgeben, in welchem die Kontinentalsperre auf zahllosen verbotenen Wegen eifrig umgangen wurde. Das nahe Altona, in dem alle Kolonialwaren 50 Prozent billiger zu haben waren, lud förmlich zum Schmuggeln ein. Deshalb wurde die Douane gegen Altona verstärkt. Schmale gewundene Gänge, von Palisaden geschützt, mußten vor den Toren einzeln passiert werden: Männer und Frauen wurden genau visitiert. Trotzdem wußte die List den Zoll zu umgehen. Altonaer Krämer mieteten gegen hohen Lohn sog. "Kaffeeträger". Das waren Männer, Frauen und Kinder, die zwischen beiden Städten verkehrten und die verbotenen Waren in Stiefeln und Strümpfen, unter Kleidern und Hüten, Halsbinden und Haarwülsten, künstlichen Höckern vorne und hinten versteckten. Manche Jungens füllten ihre Hosen mit Pfeffer oder gossen Sirup in ihre weiten Stiefel. Frauenzimmer schütteten Kaffeebohnen in ihre Strümpfe oder verbargen Zucker in ihrem Haar. Gemeinsam traten sie dann ihren Marsch an. Eine Schwerbeladene wurden wohl an die Spitze gestellt und geopfert, während die übrigen im Sturmschritt zur großen Erheiterung der Umstehenden passierten. Was glücklich hereingebracht war, wurde auf dem Walle oder auf dem Zeughausmarkt in Empfang genommen. Die Träger gingen sofort wieder durch die Sperre und holten neue Ladungen. Mancher wurde natürlich abgefaßt; aber der Schaden war förmlich versichert. Und die Douane drückte zu dieser sog. "Filtration des Handels" mehr als ein Auge zu, da sie nach Belieben konfiszieren konnte und ihr reichliche Bestechungssummen zuflossen. Ein einziger Schmuggler soll nach und nach der Douane 16 bis 20000 Dukaten bezahlt haben; ein einträgliches Gewerbe, das aber die betreffenden Volksschichten moralisch verdarb. Wenn ein Armenpfleger einmal Bittsteller nach dem Erwerb der Kinder fragte, so antworteten die Eltern seelenruhig: "Hee" oder "see drigt."

Napoleon versuchte eben Unmögliches, als er reindeutsche Gebiete französisch machen und von ihren altgewohnten, natürlichen Verbindungen abschneiden wollte. Es wurden direkte (Grund-, Tür- und Fenster-) Steuern und indirekte (Stempel- und Schreibgebühren) erhoben. Wein, Bier, Branntwein und Tabak waren der Regie zugefallen und wurden mit Abgaben belegt. Die Konskription wurde gefürchtet: Gleich nach der Geburt wurden alle Knaben in Listen aufgeschrieben, um später als Soldaten dem Kaiser zu dienen. Aber niemand wollte als Matrose oder Soldat den Fremden Dienste tun, noch seine Söhne auf der großen Schlachtbank opfern. Die Polizei mit ihrem Spionenwesen, das leider zahlreiche Angeber unter den Deutschen erkaufte, war bitter verhaßt. Buchhandel und Druckerpresse wurden kleinlich beaufsichtigt. In den Schulen durfte nicht Hamburgische Geschichte gelehrt werden. Stücke von Schiller, Kotzebue und Shakespeare waren im Theater verboten. Von Vaterland, Freiheit, Tyrannei, Unterdrückung durfte öffentlich nicht geredet werden. Die liebsten Verbrauchsgegenstände waren unerschwinglich. Nichts hat der Napoleon-Schwärmerei damals solchen Abbruch getan, als daß er seinen Verehrern ihren Kaffee und Zucker so maßlos verteuerte. Die schwersten Strafen bedrohten den Schmuggel, und jederzeit konnte ein Exempel statuiert werden. Auf Schmuggeln stand öffentliche Brandmarkung und mehrjährige Zwangsarbeit, auf Widerstand gegen den Zollbeamten der Tod. Und das Prevotalgericht fackelte nicht, wenn ein Unglücklicher abgefaßt und angezeigt wurde. Es war ein Segen, daß Männer wie Abendroth in der Stadtverwaltung das Schlimmste abwenden und manche Härten mildern konnten, daß Geschäftsleute wie der Buchhändler Friedrich Perthes (am alten Jungfernstieg) klug und mutig allen Stürmen trotzen und die Hoffnung nicht senken ließen.


Buchhändler Friedrich Perthes.

Es war auch klug, daß Abendroth, Bartels und Knorre als Deputierte der "guten Stadt" zu den Tauffeierlichkeiten des Thronerben, am 11. Juni 1811, nach Paris gingen. Zwischen den Maires von Grenoble und La Rochelle wurden die von Hamburg dem Kaiser vorgestellt, zwölf Tage später auch der Kaiserin in St. Cloud. Doch Napoleon hatte endlich den Gipfel seiner Macht erreicht.

Gerade die grundlose, brutale Wegnahme des nordwestlichen Deutschland hatte die deutschen Fürsten erschreckt. Der abgesetzte Oldenburger war überdies mit dem Zaren Alexander verwandt, der diese Gewalttat seinem Tilsiter Freunde Napoleon nicht vergeben konnte. Zum Thronfolger in Schweden war der schlaue Marschall Bernadotte 1810, gegen den Willen seines Meisters, gewählt worden. Alexander versprach ihm für das verlorene Finnland das dänische Norwegen und entzog ihn dadurch mehr und mehr dem französischen Einfluß. Rußland und Schweden traten mit England in Verhandlungen und milderten die Kontinentalsperre. Napoleon rüstete zum Kriege mit Rußland.

Der Marschall Davout, Prinz von Eckmühl, setzte mit gewohnter Umsicht sein Armeekorps von 30000 Mann in stand und brachte es durch Aushebung auf das Doppelte. Er hatte seinen Wohnsitz in dem Schimmelmannschen Schloß in Wandsbek genommen, wo er ungestört arbeiten und sich seiner Familie widmen konnte. Die Prinzessin, eine schöne und kluge Frau von edlen Sitten, und seine Kinder waren seine einzige Zerstreuung. Die Töchter haben später das Andenken des vielgeschmähten Vaters tapfer und geistvoll, wenn auch reichlich ausschmückend, verteidigt. Der König von Dänemark hatte als Landesherr zum Schutz des Prinzen Infanterie und Dragoner nach Wandsbek gelegt. Außerdem dienten 100 französische Grenadiere als Schloßwache. Als der Krieg nicht mehr zweifelhaft war, hatte Rist mit dem Marschall eine denkwürdige Unterredung auf dem Schloßhof, die uns wie eine Prophezeiung anmutet. Der General, mit den Händen auf dem Rücken auf und abgehend, zählte seinem Besucher die ungeheuren französischen Streitkräfte auf und fragte dann mit einem schlauen Blick: "Und welchen Feldzugsplan, glauben Sie, wird der russische Feldherr befolgen?" – "Niemals Ihnen eine Schlacht liefern, sich zurückziehen und Sie hinter sich herziehen," erwiderte Rist. Davout schüttelte den Kopf und sagte: "Ihre Plan taugt nichts. Man läßt nicht so seine Städte und Länder im Stich. Wir würden ihre Stellungen abschneiden und nicht weiter als nötig gehen, wenn wir die Hauptstädte einmal haben." – "Nehmen Sie sich in acht," antwortete Rist, "Rußland ist groß!" Da brach die Unterredung ab. Der Winter 1811/1812 verging den französischen Offizieren aufs glänzendste. Während die Divisionen sich langsam durch Mecklenburg und Pommern nach Osten schoben, verlief in Hamburg die Zeit bis Mitte März in Saus und Braus. Als viele Generale schon beim Heere waren, versammelte Davout noch einmal die Gesellschaft bei sich zu einem fröhlichen Maskenball. In der Frühstunde des nächsten Tages war er unerwartet abgereist. Hamburg atmete auf; denn es hatte dem Marschall nichts zu verdanken, wohl aber viel zu vergeben. Er war ein strenger und harter Herr gewesen, ohne eine Spur von Wohlwollen für die schwergeprüfte Stadt.

Das Jahr 1812 nahm seinen Verlauf, zuerst reich an Siegesnachrichten aus Rußland, die von den wenigen zurückgebliebenen Franzosen genügend ausposaunt und von ihren Freunden nachgebetet wurden. Aber nach dem Einzug in Moskau (14.Septemer) wurden die Nachrichten seltener und lauteten nüchterner. Die russische Hauptstadt ging in Flammen auf, und die Drangsale des Heeres wuchsen immer mehr. Während des Rückzuges, der erst am 19. Oktober angetreten wurde, war man in Hamburg wohl einen Monat lang ohne direkte Nachrichten. Schon neigte sich das Jahr zum Ende, also gerade am heiligen Abend das 29. Armee-Bulletin bekannt wurde, in welchem Napoleon die völlige Vernichtung der großen Armee mit verblüffender Offenheit zugab. Die Welt jubelte auf, daß die Zuchtrute so langer schwerer Jahre zerbrochen war. Man vergaß die Unglücklichen, die in Rußlands Schneesteppen dem Schnee und Frost zum Opfer gefallen waren – eine halbe Million Menschen! - und dankte Gott, dem Herrn, daß er dem unersättlichen Ehrgeiz des übermütigen Weltbezwingers ein Ziel gesetzt hatte. So fröhlich war in Hamburg lange kein Weihnachtsfest gefeiert worden. Wer nicht daran gedacht hatte, den Seinen ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen, änderte den von der Not gebotenen Vorsatz und schenkte nach Kräften. Jubel und Frohlocken erfüllte die Bürgerhäuser. Man begrüßte schon von ferne die teure Freiheit.

Die Franzosen hatten höchstens noch 2000 Mann in der Stadt und ihrer Umgebung. Der alte General Cara St. Cyr, der sie befehligte, war im Gegensatz zu Davout durchaus kein Verehrer Napoleons. Die russische Katastrophe war nach seiner Überzeugung der Anfang vom Ende. Seinen Leuten mußte auch bange werden beim Anblick der allgemeinen unverhohlenen Schadenfreude, die sie überall umgab. Das Beste schien, durch doppelte Strenge sich den Anschein von Mut zu geben. Ein Arbeitsmann hatte ein paar Pfund Indigo zwischen mehreren Sachen von Altona nach Hamburg getragen. Er wurde zum Pranger und fünfjähriger Kettenstrafe verurteilt. Einige hannoversche Bauernknechte, die eine Schiebkarre mit Tabaksblättern von der westfälischen Grenze hereingebracht hatten, wurden von dem Prevotalgerichtshof ohne Gnade und Barmherzigkeit zum Tode verurteilt. Sie hatten Knüppel bei sich gehabt; damit hätten sie den Zollbeamten Widerstand leisten können – hieß es. Die Verurteilten dachten nicht daran, daß es ernst gemeint sei, und ließen sich ganz munter nach Lüneburg abführen. Dort mußten sie mit Gewalt aufs Schafott gebracht werden.

Diese Roheiten erhöhten die Wut des Volkes. Das Gefühl der eigenen Stärke wuchs, als Ende Januar die armseligen Trümmer der vormals so glänzenden Armee ihren traurigen Einzug hielten. Französische Offiziere mit erfrorenen Gesichtern, Armen und Beinen, nebst den Resten eines bayerischen Dragoner-Regiments machten die fürchterliche Niederlage offenbar. Die Bayern erzählten Entsetzen erregende Einzelheiten. Dann hörte man von dem Vordingen der Russen, schon las man ihre verheißungsvollen Proklamationen, die Vorbereitungen von Preußens Erhebung wurden bekannt. Keine ruhmredige Phrase von Napoleons unerschöpflichen Hilfsmitteln konnte den zerstörten Ruf seiner Unbesieglichkeit wiederherstellen. Anfang Februar erschien der General Lauriston von Paris in Hamburg. Er wußte seine Landsleute zu ermutigen, nahm aber alles, was in dem Elbdepartement an französischen Soldaten noch vorhanden war, mit nach Magdeburg und ließ nur noch 4-500 Mann zum Schutz der Stadt zurück: Douaniers, Invaliden, einige Gendarmen und Rekruten. Es bedurfte nur einer Kleinigkeit, um den Unwillen gegen die verhaßten Franzosen loszulassen.

Der 24. Februar 1813 ist der denkwürdige Tag, der die "gute Stadt" Frankreichs in offenem Aufruhr sah. Wahrscheinlich war der Tumult geplant, jedenfalls war gerade die Nachricht angekommen, daß die ersten Russen in Berlin eingezogen seien. Des Morgens wollten die Franzosen am Baumhause Fässer mit gestohlenem Geld einschiffen und zugleich einige junge Hamburger von der Präfekturgarde, die nur innerhalb der Stadt zu dienen brauche, nach Harburg schleppen. Die umstehenden Arbeitsleute machten ihrem Unwillen in Spott- und Schimpfreden Luft und gingen schließlich zu Tätlichkeiten über. Die Douaniers und Gendarmen wurden angegriffen und verjagt. Der Volksauflauf pflanzte sich durch die nächsten Gassen fort. Einige Zöllner und "Franschgesinnte" wurden unter lautem Gelächter in die Fleete geworfen, einzelne auch mißhandelt. Einer wurde nackend ausgezogen und ihm mit derbem Humor zugerufen: "So, nu bist du wedder en Minsch!" Offiziere und Gendarmen durften sich nicht sehen lassen, sonst wurden sie geprügelt. Die französischen Adler – vom Volke längst "Aasvögel" geschimpft – waren willkommene Zielscheiben für einen Hagel von Steinen, bis sie von den Häusern herabgenommen und zertrümmert wurden. Schilder mit französischen Inschriften wanderten ausnahmslos in den Ofen. Die französischen Kokarden verschwanden von den Mützen.

Ungefähr eine Stunde später als am Hafen brach ein ähnlicher Sturm am Millerntor gegen die Zollwachen und Steuerboden los. Dort wollte ein junger Wundarzt mit einem Hospitaldiener die Sperre passieren. Er hatte wegen seiner täglichen Besuche draußen im Krankenhof sonst freien Durchgang genossen. Diesmal wurde er von dem Zollbeamten angehalten und visitiert. Der junge Arzt widersetze sich, der Beamte zog das Seitengewehr. Das brachen die Umstehenden, meist sog. "Kaffeeträger", die Pallisaden nieder, stürmten die äußere Zollwache und jagten die Insassen zum Fenster hinaus. Die Wachthäuschen und die Hauptwache wurden niedergerissen. Die nahe Militärwache, sächsische Soldaten, den Zöllnern ohnehin feind, sah regungslos zu. Die verbotenen Waren fluteten ungehindert in die Stadt hinein.

Brüllende Volkshaufen zogen durch die Straßen. Der Maire Abendroth, auf sein Ansehen bauend, wagte es, sich ihnen Ruhe fordernd entgegenzustellen. Doch seine Amtsschärpe reizte die Volkswut noch mehr, und er mußte sich in ein Haus flüchten. Der verhaßte Polizeikommissar Nohr, ein Hamburger, wurde schwer mißhandelt, sein Haus in der Breitenstraße angesichts der Wache geplündert und demoliert. Truppen waren nicht zu sehen. Eine Rotte drang sogar ins Rathaus, wo gerade Rekruten ausgelost wurden. Diese wurden befreit, die Angestellten fortgejagt. Nun packten viele Zöllner und Beamte ihre Sachen und machten sich bereit zur Flucht. Mehrere hatten bei dem Tumult das Leben gelassen.

Es wäre den Franzosen schlecht ergangen, wenn die führenden Patrioten sich gegen sie an die Spitze des Volks gestellt hätten. Diese aber fürchteten mit Recht die Gefahren einer solchen Volksbewegung für Besitz und Ordnung. Ihnen lag vor allem daran, die Ruhe wieder herzustellen. Die Führung übernahm der Mediziner Dr. Ludwig von Heß. Er war ein geborener Pommer und hatte einst als Fähnrich in schwedischen Diensten gestanden. Seit 30 Jahren wohnte er in Hamburg und genoß als geistvoller Verfasser einiger gelehrter und unterhaltender Werke einen glänzenden Ruf. Er ließ im Einvernehmen mit dem Buchhändler Besser eine eilige Aufforderung an alle Bürger verteilen, sich so gut bewaffnet wie möglich an den Ecken der Gassen zu versammeln. Bereits gegen 3 Uhr war eine Menge geachteter Männer mit Jagdflinten, Pistolen und Degen an verschiedenen Orten versammelt. Zugleich bracht er den Maire und Stadtkommandanten dazu, daß die alte Bürgerwache wieder zusammengerufen wurde. Bald rasselten die altbekannten Trommeln durch die Quartiere der Stadt, und gegen Abend sah man mehrere Bürgerkompagnien ihre alten Wachen seit sieben Jahren zum erstenmal von neuem beziehen. Außerdem hatte der General St. Cyr noch veranlaßt, daß von Altona eine dänische Husarenschwadron einrückte und durch die Straßen ritt. Sie wurde vom Volke mit Jubel empfangen; denn der Anblick ihrer eigenen Mitbürger hatte den Tumult bereits völlig beruhigt. Auch die paar bayrischen Dragoner und einige angesehene junge Hamburger hatten sich beritten gemacht und zeigten sich auf den Straßen.

Leider erfuhren die Patrioten einen übeln Dank. Die Franzosen, von General Lauriston aus Magdeburg scharf gemacht, durch einige zusammengeraffte Truppen verstärkt, benutzen plötzlich hergestellte Ruhe zur Rache.

Genau acht Tage später, in der Nacht vom 2. auf den 3. März, wurden 20 Personen, die angeblich an jenem Aufstand beteiligt waren, aus den Betten geholt. Sechs von ihnen wurden mittags von einem Kriegsgericht, dessen Sprache sie überhaupt nicht verstanden, verurteilt und zwei Stunden später auf dem Heiligengeistfeld erschossen. Unter ihnen war ein 24jähriger Bauer aus Vierlanden, Johann Gerbers. Er hatte sich in einer Schenke gegen einen Gendarmen, der sein Jugendfreund war, damit gebrüstet, daß er dessen Kameraden am 24. Februar den letzten Rest gegeben habe. Das war eitel Großsprecherei. Dennoch mußte er trotz heiligster Eide seine Dummheit mit dem Leben büßen, ein Opfer elendester Angeberei. Obendrein vollzog sich die Hinrichtung durch die Unfähigkeit der Schützen mit empörender Grausamkeit. Noch drängten sich eine Menge jämmerlicher Angeber zu den Franzosen, und es wären noch mehr Opfer gefallen, wenn nicht der edle Maire Abendroth sich ganz entschieden ins Mittel gelegt hätte: Er könne für die Ruhe des Volkes nicht mehr bürgen. Da erst hörten die schrecklichen Gewaltmaßregeln auf. Den redlichen Präfekten de Coningk hatten sie um den Verstand gebracht.

Den Franzosen war der Schreck aber so in die Glieder gefahren, sie fühlten ihre eigenen Kräfte so ungenügend, daß sie die Errichtung einer Bürgergarde zuließen. Der Plan war im Anfang des Jahres aufgetaucht, als einige Konskribierte aus dem Kornhause entsprangen und sich gerade während des Frühgottesdienstes in die Katharinenkirche flüchteten. Die Meuterei war rasch unterdrückt worden; aber man hatte die Unzuverlässigkeit der aus allen Ländern zusammengewürftelten Besatzung erkannt. Bald nach dem 24. Februar wurde gestattet, ein Reservekorps von 500 Bürgern zum Schutze der Stadt zu bilden. Fünf Kompanien unter Dr. Beneke, Ewald, Mettlerkamp, Perthes und Prell wurden dem Kommando des Dr. von Heß unterstellt. Es fehlte nicht an lebhafter Beteiligung. Bald entstand aber in der Stadt das Gerücht, vor allem durch die Eifersucht der alten Bürgerwache und unvorsichtige Äußerungen des Obersten veranlaßt, die neue Bürgerbewaffnung sollte sich sowohl im Notfall die Stadt gegen die Franzosen, als die französische Herrschaft gegen die eigenen Landsleute schützen. Daraufhin löste Heß das Korps schon nach wenigen Tagen wieder auf. Im geheimen setzte er jedoch mit Perthes und Prell das Exerzieren in einzelnen Bürgerhäusern fort und bildete dadurch einige Offiziere heran, welche später die neu entstehende Bürgergarde kommandieren konnten.

Die Stellung der Franzosen in Hamburg war erschüttert. Der General St. Cyr hatte trotz aller Mühe keine 1200 Mann – und was für Truppen! – zusammengebracht. Seine holländischen Seesoldaten bohrten eigenmächtig 20 Kanonenboote an und versenkten sie mit den Kanonen in die Elbe. Das Beispiel Hamburgs hatte auch in den andern Städten des Departments, Lübeck, Stade, Lüneburg Nachahmung gefunden. Das Bündnis mit Dänemark wurde täglich lockerer: der König Friedrich VI. weigerte sich, Hamburg für die Franzosen zu verteidigen. Die Hauptmacht der Russen unter Wittgenstein näherte sich Berlin. Der König von Preußen weilte in Breslau, bereit, sich jeden Augenblick an die Spitze seines Volkes zu stellen. Da beschlossen die Franzosen den Abmarsch: die Kassen und Archive wurden verpackt, die Behörden machten sich reisefertig. Noch zuletzt wurde allerdings das amtliche Märlein verkündigt, "der Kaiser werde stündlich in Münster auf seiner Durchreise nach Hamburg erwartet, um in der Nähe dieser Stadt über eine Armee von 100000 Mann Revue zu halten." Das Rathaus sollte für seinen Empfang unverzüglich instand gesetzt werden. Auch verlautete aus bester Quelle, daß der General Morand mit 2500 Mann und 16 Kanonen von Stralsund herbeieile. Allein St. Cyr wollte nicht mehr warten, der Boden brannte ihm unter den Füßen. Er ermahnte die Hamburger noch, "Sr. Majestät dem Kaiser auch fernerhin treue Anhänglichkeit zu bewahren." Dann leerte er die Staatskassen bis auf 180 Mark. Das Arsenal mit 323 Kanonen und hinreichender Munition ließ er zurück, die Präfekturgarde wurde aufgelöst, die Bürgerwache bezog die französischen Posten an den Stadttoren und Schlagbäumen. Tausende von Neugierigen besetzten am Morgen des 12. März die Wälle des Steintors und harrten in tiefer Stille auf den Abzug der Franzosen. Auf dem Schweinemarkt formierte sich der Zug, die Geldwagen in der Mitte, einige Bürger ritten nebenher. So wälzte sich die dunkelgraue Masse langsam durch das Tor. Die ersehnte Freiheit war da. Aber wie lange? D’Aubignosc hatte, als er zu Pferde stieg, den Umstehenden freundlich zugerufen: "Adieu, meine Herren auf Wiedersehen in zwei Monaten!"