Nach dem Abzug der Franzosen zeigte Hamburg ein merkwürdiges Bild. Maire und Munizipalität, lauter Hamburger, behielten ihre französischen Ämter, aber ohne davon Gebrauch zu machen. Denn das Volk hielt die französische Regierung für abgeschafft und bewahrte auch ohne Behörden eine musterhafte Ordnung. Nur eine Art militärische Kommandantschaft von fünf Männern stand dem Maire zur Seite. Darunter war Dr. von Heß, der in der Erhebung Hamburgs eine bedeutungsvolle Rolle spielen sollte.
Sobald die Franzosen weg waren, schickte von Heß eine Botschaft den Russen entgegen. Am 20. Februar hatten ihre Vortruppen unter dem Oberst von Tettenborn bereits einen Streifzug nach Berlin unternommen, am 11. März hatte Wittgenstein seinen feierlichen Einzug gehalten. Sechs Tage darauf folgte ihm York mit seinem Korps, der erste preußische General, der auf die Seite der Russen getreten war. Am selben Tage erschien in Breslau der Aufruf des Königs Friedrich Wilhelm III. "An mein Volk" und erregte in ganz Preußen eine ungeheure Begeisterung. Am 14. März rückte ein russisches Streifkorps unter Tettenborn in Ludwigslust ein und gewann den Herzog Friedrich Franz zum Anschluß an die Verbündeten. Tettenborn erhielt hier auch die Botschaft des Dr. von Heß und schickte den Eilboten sofort nach Hamburg zurück mit der Versicherung, er würde sich mit seinen Truppen sogleich in marsch setzen und aus allen Kräften den Einmarsch des Generals Morand nach Hamburg abzuwehren suchen. Dann würde er sich selbst hineinwerfen, der Stadt ihre alte Selbstständigkeit im Namen seines Monarchen zurückgeben, sie gegen jede feindliche Macht verteidigen und nie zugeben, daß französische Adler wieder auf ihre Wälle gepflanzt würden. Die Hamburger konnten es gar nicht aushalten vor Erwartung. Das Hilfskorps wurde auf 7000 Mann angegeben. Mit glühender Sehnsucht wünschten sie die Russen herbei. Die Behörden dagegen waren vorsichtiger: St. Cyr stand noch am Zollenspieker, Morand war im Anmarsch begriffen. Wie leicht konnten sie sich vereinigen und sich von neuem in Hamburg festsetzen! Doch wurden zwei Deputierte nach Bergedorf geschickt, Dr. Knorre und Bartels, um mit den Russen zu verhandeln. Am 15. März überschritt Tettenborn die französische Grenze und besetzte Lauenburg an der Elbe. St. Cyr ging über die Elbe nach Winsen und hielt nur den Zollenspieker mit 240 Mann und sechs Kanonen besetzt. Morand kam am 16. in Bergedorf an und wollte gleich nachmittags um 5 Uhr weiterrücken und St. Cyr folgen. Aber bei der Holtenklinke mußte seine Vorhut umkehren; denn die Curslacker hatten die Brücke über die Brokwetter abgebrochen. So mußten die Franzosen die Nacht in Bergedorf verbringen. Draußen vor der Stadt "am Sande" biwakierten die Dänen und sperrten die Schiffbeker Straße nach Hamburg ab. Der 17. März fand die Hamburger in größter Erwartung. In den Gassen hörte man die Frage: Wo bleiben die Russen? Warum kommen die Russen denn nicht? Man wollte sogar in der Nacht von Bergedorf her Kanonendonner gehört haben. Unterdes brach Morand von Bergedorf auf zum Zollenspieker. Auf dem Marsch wurde er von den Kosaken heftig angegriffen. Es gelang ihm zwar, über die Elbe zu kommen, aber sechs Kanonen blieben in der Hand der Russen. Gegen Abend kam der siegreiche Tettenborn nach Bergedorf.
Hier fand er von Heß in seinem Gasthof "Zur Stadt Lübeck" vor. Die beiden Deputierten aber wollte er nicht sehen, solange sie noch französische Beamte wären. Zuvor sollten sie wieder eine deutsche Verwaltung einführen, sonst würde er die Stadt als eine französische behandeln. Ihm kam es vor allem darauf an, daß Hamburg ein weithin wirkendes Signal der Erhebung gebe. Heß fuhr mit den beiden Herren im selben Wagen zurück und empfahl ihnen eifrig, fürs erste einige tüchtige Männer an die Spitze des Staates zu stellen und dann die Verfassung zu revidieren. Er hielt mit vielen Patrioten die alte Verfassung für zu schwerfällig und glaubte, daß diese ernsten Zeiten vor allem rasches Handeln forderten. Noch in der Nacht fand eine Sitzung des Munizipalrates statt. Hier siegte die Liebe zu dem Althergebrachten. Die Behörde verwarf den Vorschlag des Dr. von Heß und legte die Regierung in die Hände des alten Senats zurück. Sofort trat dieser zusammen und zwei Senatoren ab, dem Obersten entgegenzufahren.
Inzwischen war die freudige Erwartung in der Bevölkerung aufs höchste gestiegen. Am 17. waren die ersten Kosaken in die Stadt geritten.
Der erste Kosak,
der in Hamburg einzog
Die Bürgerwache am Steintor hatte ihnen feierlich den Schlüssel überreicht. Die fremden Reiter wurde mit Geschenken überschüttet, der Rittmeister im Theater mit Hurra empfangen und nachher köstlich bewirtet. Das war aber nur eine kleine Vorfreude. Man wünscht den kommenden Tag herbei. Es war eine milde Frühlingsnacht. Die Bürger hatten ihre Häuser freiwillig erleuchtet, und die Stadt strahlte schon im voraus in einem Licht der Wonne.
Tettenborns
Einzug in Hamburg am 18.März 1813
Am 18. März, nachmittags um 3 Uhr, hielt der Oberst Baron von Tettenborn an der Spitze von 1500 Kosaken und zwei Geschützen seinen Einzug in Hamburg. Solange Hamburgs Wälle standen, war solch ein Tag der Freude nicht erlebt worden. Nur die Befreiung von einem so langen und schmählichen Joch konnte solch unendlichen Jubel erzeugen. Die Russen wählten den Weg durch Billwärder, um das neutrale dänische Gebiet nicht zu berühren. Jedoch hinter Bergedorf kamen ihnen gegen 30 Bürger entgegengeritten, um ihre Führer zu sein. Nach und nach, als der Zug der Stadt näher kam, vermehrten sich die Begleiter und zogen unter Juchzen und Hurra vor der Kolonne her. Am "Letzten Heller", wo der Nebenweg sich wieder mit der Hauptstraße vereint, stand die Bürgergarde zu Pferde aufmarschiert und setzt sich an die Spitze der Kolonne, und in einiger Entfernung von da schloß sich die Schützengilde dem vormarschierenden Ehrenzuge an.
Bis zur Hammer Kirche waren die Einwohner den Truppen entgegengekommen und füllten rechts und links alle Wege, Häuser und Gärten. Ein fortwährendes Hurra begleitete den Zug, während die Kosaken ihre fröhlichen Nationallieder sangen. An der Landwehr, beim Hammerbaum, war eine Bürgerwache aufgestellt. Die Deputierten des Senats bewillkommneten dort den Oberst und überreichten nochmals feierlich die Schlüssel der Stadt. In dem Landhause des Senators Koch fand ein längerer Aufenthalt statt. Endlich setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Alle Glocken von den hohen Kirchtürmen läuteten, die Schiffe im Hafen hatten geflaggt, und von den Giebeln der Häuser in den engen Gassen flatterten Bürgerfahnen herab. Im Tore überreichten weißgekleidete Mädchen dem Oberst eine Lorbeekrone und huldigten ihm als dem Boten einer glücklichen Zeit. Die freundliche Begrüßung und die lauten Beifallsrufe steigerten sich zu einem nicht endenwollenden Jubel. Bald kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Die Befreier wurden umdrängt, geliebkost, geküßt. Man trocknete sogar den Pferden im allgemeinen Entzücken den Schweiß ab. Mütter reichten zarte Kinder den rauhen Kriegern
Mütter
reichten zarte Kinder den rauhen Kriegern zum Küssen hin
zum Küssen hin. "Vivat Kaiser Alexander, unser Erretter, unser Erlöser!" und "Hurra, Vivat Wittgenstein!" und wieder "Hurra!" riefen viele tausend Stimmen ohne Aufhören, daß die Luft erzitterte. Unzählige Tücher wehten aus allen Fenstern und von allen Wagen. Die voranziehenden Zünfte schwenkten ihre bunten Fahnen. Hüte mit grünen Zweigen sah man auf hohen Standen und auf Degenspitzen getragen oder jauchzend durch die Luft geschleudert. Alle Glocken läuteten. Überall Freudenschüsse aus Flinten und Pistolen, und immer Hurra und Vivat von tausend und abertausend Stimmen. Von allen Seiten drängte das Volk heran und schmücke die Pferde der voranreitenden Offiziere mit grünen Zweigen. Die Damen warfen ihnen Blumen und Kränze zu; viele sah man vor Freude weinen. Bekannte und Unbekannte umarmten sich und wünschten sich Glück, diesen Tag erlebt zu haben. Alles schien verbrüdert und in Entzücken berauscht. In allen Straßen waren Büsten des Kaisers Alexander ausgestellt und mit Lorbeer bekränzt. Vor jeder Büste hielt der Oberst von Tettenborn still und brachte seinem Monarchen ein Hurra, das jedesmal vom Volke jauchzend wiederholt wurde..
Des Abends war die Stadt bis zum letzten Winkel erleuchtet. Im Theater wurde Tettenborn eine wahre Huldigung dargebracht. Als er nach Schluß der Vorstellung wegfuhr, spannten ihm die Bürger die Pferde aus und zogen ihn nach Hause; dann trugen sie ihn im Triumph auf den Schultern aus dem Wagen. Die Beleuchtung währte bis gegen Mitternacht. Musik und Hurra wechselten bis dahin unausgesetzt ab.
Doch bei allem Jubel des Volkes blieben die Bedenken derer, die weiter blickten, bestehen. Statt der versprochenen 7000 Mann waren nur 1500 gekommen, lauter Kavallerie mit zwei leichten Geschützen. Jeder meinte, dies sei nur der Vortrupp, und die Infanterie werde in den nächsten Tagen folgen – es kamen aber nur noch 500 brave Mecklenburger. Man ahnte, daß die Franzosen ihren Stützpunkt an der Elbe nicht so leichten Kaufs preisgeben würden, wie es St. Cyr in seiner Kopflosigkeit getan hatte. Man fürchtete ihre Rache. Deshalb hielt es der Senat für seine Pflicht, noch am 18. März öffentlich bekannt zu machen, daß er nur auf Befehl der Russen sein Amt wieder angetreten habe. Und auch fernerhin wahrte er den Schein, daß er nur fremden Zwange gehorche. Natürlich versöhnte diese diplomatische Zurückhaltung die Franzosen nicht. Auf die Russen wirkte sie verstimmend, auf die Bürger hemmend. Leider fehlt in der Bürgerschaft eine überragende Persönlichkeit, die den allgemeinen Freiheits- und Opferdrang rasch, klug und tatkräftig zu einem guten Erfolge leiten konnte. Dr. von Heß, der von Tettenborn an die Spitze der bewaffneten Bürger gestellt wurde, war trotz aller Begeisterung nichts weniger als volkstümlich. Es fehlt ihm das Vertrauen des Senats und die Fähigkeit, seine bedeutende Stellung durch hervorragende Leistungen zu rechtfertigen. Endlich Tettenborn, ein geborener Badener, der sich bereits in österreichischen Diensten ausgezeichnet hatte, war wohl ein vom besten Willen beseelter, kühner Reiterführer; aber weder Charakter noch militärische Begabung befähigte ihn zum Feldherrn, wie er zur Ausrüstung und Verteidigung eines so wichtigen, weit vorgeschobenen Postens durchaus notwendig war. Diese Mängel hafteten von vornherein an der Erhebung Hamburgs und trugen mit dazu bei, daß sie schon nach zwei Monaten ein trauriges Ende fand.
Dem beunruhigten Senat bezeugte Tettenborn auf seinen dringenden Wunsch schriftlich, "es sei des russischen Kaisers Wille und Befehl, daß die Stadt Hamburg ihre alte Freiheit und Unabhängigkeit wieder erhalte und zu ihrer vorigen Verfassung zurückkehre, besonders, daß der Rat ungesäumt wieder in Aktivität trete." Aber gleichzeitig erließ er am 19. März eine öffentliche Proklamation, die mit dem Satze anfing: "Hamburger! Ihr löstet die unter französischer Regierung bestehenden Autoritäten auf, noch ehe die russischen Truppen euer Gebiet betraten, und setztet die alten herkömmlichen Behörden wieder ein."
Dann forderte er mit schwungvollen Worten die Bürger auf, diesem ersten großen Beispiel der Vaterlandsliebe das zweite folgen zu lassen, Mann für Mann die Waffen zu ergreifen gegen den Feind und die Fremdlinge vom deutschen Boden zu verjagen. Schroffer konnte der Widerspruch nicht hervortreten zwischen der Vorsicht des Senats und dem kühnen Begehren Tettenborns, unter allen Umständen im Norden Deutschlands eine Volkserhebung zustande zu bringen und diese Gegenden der Aussaugung Napoleons zu entziehen. Aber welcher Leichtsinn, eine große Handelsstadt ohne militärische Kräfte, die noch eben zu Frankreich gehörte und ganz nahe dem französischen Machtbereich lag, offen zum Aufruhr zu entflammen! Die einzige Entschuldigung war, daß die Verbündeten damals im Vorrücken waren und Tettenborn bestimmt große Verstärkungen erwartete. Außerdem wollten Dänemark und Schweden helfen, zum Unglück zwei Todfeinde, deren gegenseitiger Haß Hamburgs Verderben wurde. Aber auch ohne Hilfe von außen hätte doch am Ende bei richtiger Führung die edle todesmutige Opferwilligkeit der braven hamburgischen Bevölkerung über alle Schwierigkeiten gesiegt und die Freiheit der Stadt erhalten.
Am 20. März wurde die Bürgerschaft von den Bürgermeisterdienern an den Ecken zusammengerufen; das zwar zuletzt am 20. Dezember 1810 geschehen. Die Versammlung bestand aus 310 Personen. Hier wurde vom Senat ein Brief des Obersten verlesen, die Stadt solle ein Korps freiwilliger Jäger errichten, das mit den Lübeckern und Bremern zusammen, "Hanseatisches Korps" heißen und zur Nordarmee der Verbündeten gehören müsse. Dazu seien 200000 Taler erforderlich. Der Senat schlug vor, den Namen abzulehnen (er klang zu herausfordernd) und die verlangte Summe auf die Hälfte zu reduzieren. Er fürchtete natürlich die Verantwortung vor den Franzosen. Die Bürgerschaft dagegen beschloß, "alle Anträge des kommandierenden Obersten als einen Beweis der Bereitwilligkeit der Bürger Hamburgs zur Befreiung Deutschlands ohne alle Einschränkung anzunehmen." Die ebenfalls beantragte Errichtung einer Bürgergarde von 7200 Mann wurde auch angenommen, nur sollte keine Zahl festgesetzt und die Garde nicht außerhalb der Stadt verwandt werden. Zum Chef der Bürgergarde hatte der Obers den Dr. von Heß ernannt. Noch am selben Tage erließ Tettenborn die Bekanntmachung, daß jeder wehrhafte Hamburger, der sich dem Dienst des Vaterlandes weihen wolle, ohne Verzug in das Hanseatische Korps eintreten möge als Jäger zu Pferde oder zu Fuß. Die Ausrüstung konnte auf eigene Kosten erfolgen. Gleichzeitig gab er den Handel mit England frei und konfiszierte alles französische Eigentum. Das letztere hätte aber dem hamburgischen Eigentum in Frankreich verhängnisvoll werden können, daher wurde die Verfügung auf das Regierungseigentum beschränkt.
Die Bewaffnung der Bürger ging Tettenborn nicht rasch genug vorwärts. Der Senat hatte auch erwartet, daß der Oberst die Stadt verlassen und die Franzosen weiter verfolgen würde. Doch dieser dachte gar nicht an Weitergehen, sondern drängte den Senat zum eifrigeren Handeln. Er wollte, daß die Bewaffnung nicht als seine sondern als Hamburgs Sache hingestellt und Fürsorge für die Verwundeten und Hinterbliebenen versprochen würde. Hamburg sollte eben auch etwas für seine Befreiung tun. Deshalb schrieb er am 23. dem Senat das beherzigenswerte Wort: "Durchdringen Sie sich von dem Grundsatze, daß halbe Maßregeln demjenigen stets verderblich werden, der sie wählt, und daß nur der entschiedenste, auf Untergang oder Freiheit gestellte Wille zur Freiheit führt." Am 24. schlug er sogar einen sehr entschiedenen Ton an und wies den Senat an, sich "auf der Stelle" zu versammeln und mit der Bürgerschaft geeignete Beschlüsse zu fassen. Dabei berief er sich mehrfach auf die Instruktionen seines kaiserlichen Herrn. Unter solchem Druck erließ der Senat denn ein "Publikandum", das trotz der vorsichtigen Abfassung gleichsam wider Willen der allgemeinen vaterländischen Begeisterung einen schönen Ausdruck verlieh: "jetzt reißt uns der mächtige Strom der Begebenheit im unaufhaltsamen Gange fort. Und wenn wir, die wir einzeln dastehend auch nicht das kleinste Gewicht in die große Waagschale der Weltbegebenheiten werfen konnten, eine freie Wahl hätten, wollten wir nicht die edelste Partei ergreifen, die selbst einer feindlichen Nation nur Achtung abgewinnen kann: die Teilnahme an der hergestellten Ehre einer großen, einst getrennten Nation freier deutscher Männer?"
Der Aufruf hatte einen glänzenden Erfolg. Schon nach einer Woche hatten sich 2000 Männer und Jünglinge in die Hanseatische Legion gemeldet. Für die Unbemittelten verschaffte der Aufruf einer edlen Hamburgerin, Wilhelmine Behrmann, in kurzer Zeit große Summen zur Ausrüstung. Allein die weiblichen Dienstboten sammelten 10316 Mark. Rührende Gaben liefen ein: Schmuck, Ohrringe, Perlen, Sparbüchsen, Denk- und Sparmünzen. Die Innungen und Zünfte gaben silberne Schilder und Pokale her. Aber die hanseatische Infanterie ließ leider viel zu wünschen übrig. Es wurde unter den Freiwilligen nicht genug gesichtet: mancher Douanier, Polizeispion oder sonstige Taugenichts stellte sich ein und verleidete seinem ehrlichen Nebenmann das Dienen. Major von Pfuel war zwar ein tüchtiger Kommandant – er wurde später preußischer Kriegsminister; aber es mangelte an tüchtigen Offizieren und Unteroffizieren, an einem Stamm gedienter Soldaten und vor allem an – Waffen. Auch der ungewohnte scharfe Drill, der beim Exerzieren auf dem Domplatze geübt wurde, schreckte viele Zuschauer von dem Eintritt in die Legion ab, andere kamen nicht wieder. So erkaltete der edle Eifer bei vielen, und das 3. Bataillon kam nicht mehr zustande. Die Kavallerie dagegen unter dem Major Graf von Westfalen machte sich vortrefflich.
Schlachtermeister
Hanfft
Der Hamburger Schlachter Hanfft rüstete sogar eine eigene Schwadron aus und diente selbst als Rittmeister. Mit deren Kosaken vereint unternahmen die hanseatischen Reiter bald Streifzüge über die Elbe bis nach Rotenburg. Auch eine hamburgische Artillerie wurde vom Hauptmann Sporemann gebildet.
Hamburg bekam ein ganz militärisches Aussehen. Major von Schill sammelte diejenigen, welche bei dem Korps seines unglücklichen Bruders gestanden hatten. Oberstleutnant von Ebstorff warb für den König von England, der zugleich Kurfürst von Hannover war. Vor seinem Hause konnte man lesen: "Hier wirbt Georg Soldaten für seine deutschen Staaten!" Weil er noch keine Pferde hatte, ließ er seine Husaren zuerst auf Stöcken reiten.
Die Erhebung pflanzte sich rasch in der ganzen Umgegend fort, so daß auch von auswärts allerlei Hilfe nach Hamburg kam: das Lübecker Bataillon, das einen trefflichen Stamm von 200 gedienten Preußen hatte, stand schon im Anfang April am Zollenspieker. Aus Lauenburgern wurde ein Infanterie-Bataillon und ein Jägerbataillon
gebildet. Das letztere unter dem Grafen Kielmanssegge, 200 Mann stark, bestand aus Förstern und gebildeten jungen Freiwilligen. Die Lauenburger standen in Bergedorf und weiter westlich in Allermöhe beim "Eichbaum", einem Wirtshaus am Übergang der Dove-Elbe. Außer diesen beiden wurden von hannöverscher Seite noch 4 Freiwilligen-Korps errichtet, von denen das Bremen-Verdensche Feldjäger-Bataillon, 300 Mann stark, in Hamburg am Deichtor mitwirkte. Aus Mecklenburg kam ein schönes Gardebataillon von etwa 500 Mann zur Hilfe und wurde am Grasbrook aufgestellt.
Inzwischen zog das französische Unwetter von neuem herauf. Napoleon, mit den umfassendsten Kriegsrüstungen beschäftigt, hatte am 18. März in Trianon den Marschall Davout, der in Sachsen stand, wiederum zum Kommandanten der 32. Militärdivision ernannt und beauftragt, das aufrührerische Nordwestdeutschland zurückzuerobern. General Vandamme sollte mit zwei Divisionen neu ausgehobener Truppen von Wesel her zu ihm stoßen. Am 24. verließen Cara St. Cyr und Morand die Gegend von Bremen und trieben den hannoverschen Landsturm vor sich her. Der russische General Dörnberg sah sich gezwungen, wieder über die Elbe zurückzugehen. Deshalb drängte Tettenborn den Senat, endlich auch die Bürgergarde zu errichten. Doch der Rat beobachtete ängstlich das erneute Vordringen der Franzosen und wartete lieber noch. Am 1. April rückte Morand in Lüneburg ein; aber Dörnberg und Tschernitscheff kamen heimlich herbeigeeilt. Beim nächsten Morgengrauen zeigten sich im Süden und Osten der Stadt Kosaken, eine entgegengeschickte Abteilung wurde zurückgeworfen. Die Pommern unter Borke stürmten das Lüner Tor, die Russen warfen die sächsischen Truppen beim Altenbrücker Tor über den Haufen. In dem folgenden Handgemenge wurde Morand auf dem Markte das Pferd unter dem Leibe erschossen. Schleunigst zog er sich durch das neue Tor westlich nach Reppenstedt zurück. Da erkannte er die Schwäche des preußischen Fußvolkes und versuchte, das neue Tor zurückzuerobern. Zwei Stunden dauerte der Kampf. Ein Lüneburger Dienstmädchen, Johanna Stegen, trug unerschrocken in ihrer Schürze den preußischen Jägern Patronen zu. Um 5 Uhr war alles beendigt: Gegen 2200 Franzosen und Sachsen wurden gefangen genommen, während die Verbündeten nur geringe Verluste hatten. Der verwundete Morand starb am 5.April in Boizenburg und wurde mit allen Ehren bestattet. Indessen war die Siegesfreude nur kurz, schon am 4. zog Davouts Vortrab unter Montbrun wieder in Lüneburg ein. Er ließ sofort die 100 angesehensten Bürger verhaften, um es Vandamme gleichzutun, der gerade in und um Bremen mit Feuer und Schwert wütete. Aber Dörnberg droht, daß er an den französischen Gefangenen Rache nehmen würde, und rettete so zum zweiten Male die Stadt.
In Hamburg proklamierte der Senat endlich, alle Bürger von 18 bis 45 Jahren sollten sich in die Register der Bürgergarde einschreiben. Die Bürger meldeten sich scharenweise; ihre Zahl stieg auf 6000. Die Garde hatte bereits seit dem Einzug der Russen unter Heß auf dem Bauhof exerziert. Jetzt mußte sie nach der Wiese vor dem Dammtor übersiedeln, so groß wurde der Zulauf. Es wurden nach und nach 6 Bataillone gebildet unter Godefroy, Mettlerkamp, Perthes, Prell u.a. Auch hier war die Bewaffnung ganz ungenügend. Es fehlte sogar ein Reglement zum Exerzieren. Am 11. April wurde die Bürgergarde auf dem Walle dem General Sir Charles Stuart vorgestellt. Zehn Tage später fand in der großen St. Michaeliskirche die feierliche Weihe der hanseatischen Fahnen statt, die von Hamburger Frauen gestickt waren. Der Senior D. Rambach verrichtete trotz seines hohen Alters die ewig denkwürdige Feier. Er erzählte von der Schlacht bei Roßbach, die er in seiner Jugendzeit mitgemacht hatte. Die Fahnen waren alle weiß. Auf der einen Seite waren die Wappen der drei Hansestädte mit der Inschrift; "Gott mit uns!" auf der andern Seite ein Kreuz mit denselben Worten. Auf den Fahnenbändern stand: "Fest steht der Einzelne, das Ganze zu erhalten" – "Eine feste Burg ist unser Gott" – "Dem Vaterlande treu bis in den Tod" – "Freiheit und Vaterland". An demselben Tage stellte auch Herr von Heß seine Stabsoffiziere dem General von Tettenborn vor.
General von
Tettenborn
Dabei sprach dieser zu den Herren die inhaltsschweren Worte, daß sie wohl einmal in den Fall kommen könnten, ohne seine Hilfe ihre Vaterstadt verteidigen zu müssen. Er hoffe, daß sie alsdann ihre Schuldigkeit tun würden, wie es braven Leuten gezieme. Sofort an diesem selben Tage wurden fünf Wachen in der Stadt von der Bürgergarde übernommen und mit 150 Mann besetzt. Der gute Mut, der alle beseelte, war das beste. Er sollte bald auf die Probe gestellt werden.
Als die Franzosen unter Davout und Vandamme in bedrohliche Nähe kamen, dachte Tettenborn auch an die Befestigung der Stadt. Die Grüben vor den Stadttoren wurden wiederhergestellt; vor dem Steintor und Deichtor noch Außenbefestigungen angelegt. Auch die Veddel erhielt eine Schanze. Auf dem Grasbrook errichtete man drei Batterien mit 15 Kanonen, auf dem Hamburger Berge eine mit drei Kanonen. Der Reiherstieg wurde durch ein Schiff gesperrt, die Schleusen von Branshof und Tiefstack von dem hannöverschen Ingenieur-Offizier Schäfer mit Schanzen und Batterien befestigt. Durch den Besitz der Schleusen war es möglich, den ganzen Hammerbrook zu überschwemmen und die unbefestigte rechte Flanke von St. Georg gegen einen Angriff von Südosten zu decken. Die Bürgergarde besetzte die weitläufigen Befestigungen am Stadt- und Elbdeich bis Rothenburgsort täglich mit 800 Mann. Der Major vom Stabe Dr. Beneke, stellte mit Umsicht die Vorposten aus. Die Exerzierübungen hörten damit auf. Endlich am 29. April kamen von Cuxhaven die langersehnten englischen Gewehre mit Zubehör. 3000 wurden der Hanseatischen Legion zugeteilt, je 2000 waren für Hannover, Mecklenburg und die Bürgergarde bestimmt. Die übrigen 1000 wurden auf dem Bauhof sorgfältig aufbewahrt, obwohl 2000 Freiwillige noch ohne Gewehre waren. Wunderbare Gewissenhaftigkeit des Kommandanten!
In der Stadt sah es trübe aus. Der Senat sah düsterer denn je in die Zukunft. Das Vertrauen zu Tettenborn war im Schwinden begriffen. Er vergeudete seine kostbare Zeit mit Gastmählern, die seiner Umgebung von allerhand zweifelhaften Abenteurern nur allzu sehr behagten. Über die einlaufenden Liebesgaben wurde keine Rechnung abgelegt, und manches böse Gerücht blieb unwiderlegt. Als ihm die Ernennung zum General zukam, ließ er sich in verschiedenen Stellungen malen. Sein Adjutant aber deutete bei dieser Gelegenheit Herrn von Heß an, es sei doch mehr als sonderbar, es sei ungemein auffallend, daß die Stadt sich ihrem Befreier noch gar nicht erkenntlich erwiesen haben. Der Baron habe doch wenigstens 10000 Friedrichsdor erwartet. Das sei nicht zu viel im Vergleich zu den Tafelgeldern der französischen Offiziere. Die Stadt hätte mit dieser Belohnung lieber gewartet, bis die Rettung ganz vollendet gewesen wäre; aber wohl oder übel bequemte sie sich, am 24. April dem General das Hamburgische Bürgerrecht mit goldener Kapsel und 5000 Friedrichsdor zu überreichen. Außerdem erhielt jeder Adjutant 500 Goldstücke. Das machte im ganzen 90000 Mark! Doch das wäre zu ertragen gewesen. Aber Tettenborn trat als Diktator auf und behandelte die Hamburger Herren oft mit russischer Grobheit. Gleich den Franzosen ließ er nur Siegesnachrichten drucken und allbekannte Niederlagen der guten Sache beharrlich totschweigen. Er verstand auch nicht, die neu gebildeten hamburgischen Truppen militärisch zu erziehen und ihre Übungen durch seine Gegenwart zu beleben. Kaum, daß er sich die Garde einmal zeigen ließ. Ein andermal sagte er eine Parade an, ließ die Soldaten stundenlang warten und kam endlich überhaupt nicht. Ohne Grund ließ er Sturm läuten und die Bürger von ihrem Gewerbe zu den Waffen rufen. Die ausgesandten Abteilungen wurden nicht abgelöst noch genügend verproviantiert, die vorhandenen Kräfte nicht geschont, sondern immer alle zu gleicher Zeit angestrengt. Unverzeihlich war, daß der die militärische Bedeutung der Elbinseln nicht erkannt und weder das Harburger Schloß noch den Schwarzen Berg daselbst besetzen ließ. Die Insel Wilhelmsburg, die den Schlüssel von Hamburg bildete und auf ihren Deichen überaus leicht zu verteidigen war, hat er überhaupt nie betreten. Dazu kam, daß er an der Rose litt und oft das Bett hüten mußte. Wohl hatte Tettenborn den ehrlichsten Wunsch, Hamburg zu helfen, und er entwickelte ein großes diplomatisches Geschick im Verkehr mit den verschiedensten Mächten, um die Stadt zu retten, die sich ihm so vertrauensvoll ergeben hat. Statt aber die vorsichtige Bedächtigkeit des Senates zu verstehen und auf den guten Geist der Bürger zu bauen, verlor er bald alles Vertrauen zu den eigenen Kräften und spähte nur noch nach Hilfe von außen. Diesen Pessimismus teilte der Kommandant der Bürgergarde, Dr. von Heß. Er war nicht zum Feldherrn geboren. Statt zunächst die Bürger nach ihren Quartieren in Bataillone zu ordnen, suchte er sich eine Schar zum Exerzieren heraus und überließ den andern Haufen sich selbst. Statt mit den übrigen Bataillonsführern rasch die nötigsten Exerzierübungen zu verabreden, grübelte er über einem neuen bahnbrechenden Reglement, das nie zustande kam. Statt vor allem das Schießen zu üben, verbot er es, bis er die nötigen Gewehrgriffe festgestellt hätte. Statt die zahllosen Leute, die noch kein Gewehr hatten, mit Piken zu bewaffnen und doch wenigstens exerzieren zu lassen, überließ er sie dem Nichtstun. Er überlegte lieber, ob er seinen Eid dem Senat oder dem russischen General leisten sollte. Seine soldatische Mittelmäßigkeit war daran schuld, daß die Bürgergarde die hanseatische Legion draußen im Felde nicht genügend ergänzte. An Kampfesfreude fehlte es den wackeren Bürgern nicht. Später nach dem Verlust der Veddel meldeten sich 600 Freiwillige, um die Insel zurückzuerobern. Aber v. Heß lehnte dies heldenmütige Anerbieten als unausführbar ab und meinte, so etwas zu erlauben, würde gewissenlos sein. Niemals sahen die Bürger ihn an ihrer Spitze gegen den Feind. Am 8. Mai war endlich das Reglement der Bürgergarde mit sechs Bataillonen zu je acht Kompanien fertig. Die Vorstädte hatten ihre eigene Organisation. Da fing es aber auch an, sehr ernst zu werden.
Die Franzosen hatten sich eine Zeitlang bis hinter die Aller zurückgezogen. Am 22. April begannen sie wieder ihren Vormarsch: Davout gegen Ülzen, Vandamme von Bremen aus gegen Rotenburg. Sein Vortrab, 3000 Mann mit sechs Kanonen, traf bei Ottersberg auf Hanseaten und Kosaken. Diese zogen sich nach Rotenburg zurück. Dort hatte Benkendorf seine Truppen vereinigt und zwei Kanonen aufgestellt. Kaum näherten sich die Franzosen, so machten die Hanseaten einen wütenden Angriff. Die Feinde hielten nicht stand, sondern flohen bis vor die Tore von Bremen. Viele Verwundete und Gefangene fielen in die Hände der Sieger. Selbst der jüdische Marketender Levi blieb nicht müßig dabei erbeutete er sich mit dem Säbel in der Hand eine Menge französischer Medikamente. 50-60 Sachsen gingen völlig bewaffnet zu den Hanseaten über. Erst fünf Tage später wagte Vandamme wieder vorzurücken. Einen Tag lang wurde er bei Rotenburg aufgehalten, dann zogen sich die Hamburger ohne Verlust in Ordnung auf die Elbe zurück. Am 29. April kam Vandamme in Harburg an und nahm ohne Schwertstreich von dem stark befestigten Schloß und dem Schwarzen Berge Besitz. Es war eine schwere Unterlassung Tettenborns, daß er diese vorzügliche Stellung ohne weiteres preisgab. Die Hamburger mußten ein Fahrzeug, das mit acht Kanonen bewaffnet war, wegen der Ebbe in der Süderelbe am feindlichen Ufer zurücklassen. Sie schossen es allerdings später von Wilhelmsburg aus in Brand. Ein anderes bewaffnetes Fahrzeug mußte bei Ochsenwärder im Stich gelassen und verbrannt werden. Die nächste Zeit arbeiteten die Franzosen eifrig daran, Flöße zu zimmern, um über die breite Süderelbe nach der Insel Wilhelmsburg hinüberzukommen. Dort auf der Südspitze, gerade dem Harburger Schloß gegenüber, hatten die Laufenburger und Hanseaten eine Schanze mit einem 24 Pfünder und zwei acht pfündigen Kanonen. Sie schossen nach Harburg hinüber, aber hinderten die Franzosen nicht, in aller Muße ihre Flöße zu bauen. Diese besetzten auch einige kleine Elbinseln im Westen von Wilhelmsburg und holten sich alle kleinen Fahrzeuge, deren sie habhaft werden konnten, aus der Seeve, Oste, Twiele, oft sogar von weiter über Land zusammen. Planmäßig bereiteten sie ihren Übergang vor; aber am 6. Mai nahmen die Mecklenburger unter ihrem Oberst von Both durch einen kühnen Handstreich vom jenseitigen Elbufer 26 Boote fort, welche die Franzosen schon zusammengebracht hatten.
Am folgenden Tage erhielt man die Nachricht von der Schlacht bei Groß-Görschen (2.Mai.). Der Jubel über diesen vermeintlichen Sie der Verbündeten war unbeschreiblich. Als Heß auf dem Bauhof seiner Garde die Nachricht vorlas, wurde der kleine Herr auf die Schultern gehoben und im Jubel fast totgedrückt. Ein Gefühl der Erleichterung überkam alle: Neun würden die Franzosen die Elbe wieder verlassen. Eine gefährliche Selbsttäuschung! – In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai schliefen die Posten auf Wilhelmsburg, und die Franzosen landeten in großer Überzahl und überrumpelten die Schanze. Eilig drangen sie auf den Deichen vor, um auch die Hauptabteilungen abzufangen. Aber diese waren durch die Schüsse gewarnt und leisteten Widerstand. Von Hamburg wurden die Mecklenburger zur Hilfe geschickt. Sie kamen im Sturmschritt herbei. Die Franzosen wurden auf dem Deiche, der einzigen Straße auf der ganzen Insel, zurückgedrängt. Unter dem Schutze ihrer drei eigenen Kanonen, die von Harburg her den Deich bestrichen, schifften sie gegen Mittag ihre Truppen wieder ein, die eroberten Kanonen mit sich nehmend. Ein ähnlicher Angriff auf Ochsenwärder war gleichzeitig abgeschlagen worden. Der Kanonendonner war in Hamburg gehört worden und hatte großen Schrecken hervorgerufen. Um 5 Uhr morgens wurden die Bürger von der Lärmtrommel geweckt, und die Bürgergarde versammelte sich auf ihren Alarmplätzen. Es wurden 400 Mann nach Rothenburgsort und dem Eichbaum geschickt, um dem Feinde den Übergang von Ochsenwärder nach dem Elbdeich zu wehren. 200 Mann wurden nach der roten und blauen Brücke an der Bille geschickt. Außerdem wurde der Stadtdeich, der Grasbrook und der Hamburger Berg besetzt. Am besten wäre es gewesen, wenn Heß seine Garde einmal selbst gegen den Feind geführt hätte; sie hatte Mut genug dazu. In der Verwirrung mußten einige Abteilungen drei Tage lang fast ohne Lebensmittel auf ihren Posten bleiben.
So war eine große Gefahr von Hamburg noch glücklich abgewendet worden. Ein großes Glück kam scheinbar noch hinzu: die Dänen kamen endlich Hamburg zu Hilfe. Oberst von Haffner brachte diese Nachricht den Franzosen persönlich und geriet auf Wilhelmsburg gerade in jenes Gefecht hinein. Er kam zwischen zwei Feuer, und es fehlt nicht viel, daß er erschossen wäre. Haffner überbrachte dem französischen General die Mitteilung, sein König werde nicht zulassen, daß Hamburg ein Leid geschehe. Vandamme stellte sich ganz unschuldig, er wolle nur die Neckereien der Russen zurückweisen. Darauf verabredeten beide einen Waffenstillstand, der binnen 24 Stunden von Tettenborn bestätigt werden sollte.
Die Insel Wilhelmsburg wurde für neutral erklärt. Der Waffenstillstand kam beiden Teilen gelegen: die Dänen hatten noch 2000 Matrosen, die aus Frankreich heimkehrten, in französischer Gewalt. Sie setzten richtig bei Stade über die Elbe. Die Franzosen dagegen wollten neue Kräfte sammeln und an verschiedenen Punkten den Übergang nach Hamburg erzwingen. In Hamburg herrschte große Freude, als die tüchtige dänische Infanterie den Hamburger Berg und die Höhen im Norden der Bille bei Steinbek, Schiffbek und Horn besetzte. Dadurch, beherrschte sie die Niederungen des Billwärders und Hammer Brooks. Die dänischen Kanonenboote waren einige Tage vorher von Glückstadt heraufgekommen und lagen vor Altona. Jetzt setzten sie sich in Bewegung, um verschiedene von den Franzosen bedrohte Punkte zu decken. Das dänische Bündnis war für Hamburg also endlich eingetreten: die Stammverwandten Holsteiner ringsum haßten die Franzosen gerade so kräftig, wie es nur irgend einer in Hamburg tat. Wie natürlich, daß sie, wenn auch unter dänischen Fahnen, ihren hanseatischen Brüdern zu Hilfe kamen! Nur wenige wußten, daß dies Bündnis bereits den Todeskeim in sich trug. Die Verbündeten stießen die freundlich angebotene Hilfe Dänemarks schroff zurück; Rußland hatte 1807 unter Napoleons Schutz den Schweden Finnland weggenommen, aber 1812, als der Krieg mit Napoleon ausbrach, Schweden zum Ersatz das dänische Norwegen versprochen. Nun erwarteten die Verbündeten 1813, daß die Schweden unter Bernadotte landen und in Norddeutschland entscheidend eingreifen würden. Sie hofften Dänemark auch noch zu gewinnen. Aber der schlaue Franzose auf Schwedens Thron war weit entfernt, gemeinschaftlich mit den Dänen gegen seine alten Freunde vorzugehen. Vielmehr bewirkte er zunächst, daß Dänemark aus dem Bunde ausgeschlossen und in Napoleons Arme getrieben wurde. Dadurch hatte er den herrlichsten Vorwand, ihm Norwegen zu rauben. Napoleon gegenüber aber schonte er seine Truppen aufs äußerste und hielt die ihm unterstellten preußischen und russischen Generale nach Kräften zurück.. Er fürchtete zu sehr die Überlegenheit seines früheren Meisters und wollte es nicht mit ihm verderben. Gerade am 10. März kam der dänische Gesandte Bernstorff, schnöde zurückgewiesen, aus London zurück und eilte nach Kopenhagen. Nun hatte der russische Gesandte dort dem König vorgespiegelt, er brauche gar nicht auf Norwegen zu verzichten oder man würde ihn mit den Hansestädten, Lauenburg und Mecklenburg entschädigen. Tettenborn hörte davon und argwöhnte, Dänemark würde trotz seiner heiligen Beteuerungen Hamburg nur zu gern einstecken. Deshalb war er gegen das dänische Bündnis und verwarf den Waffenstillstand mit Vandamme. Hamburgs Freiheit ging ihm wirklich nahe. Er schrieb an seinen Kaiser und erreichte, daß der russische Gesandte in Ungnade fiel und anstatt der dänischen Hilfe die schwedische versprochen wurde.
Während so die Diplomatie, ohne daß die Bürger viel davon ahnten, über Hamburgs Schicksale entschied, vollzog sich in seiner Verteidigung ein neuer folgenschwerer Schritt. Statt die südliche Hälfte von Wilhelmsburg neu zu verschanzen und einen zweiten Übergang den Franzosen durch bessere Wachsamkeit gründlich zu verleiden, ließ Tettenborn diese unvergleichliche Stellung hinter dem festen Deiche im Laufe des 10. Mai freiwillig räumen. Dafür besetzte er den nördlichsten, Hamburg zunächst liegenden Teil der Insel, die Veddel und bezog dort aufgeworfene leichte Verschanzungen. Die Veddel bildete damals eine von Wilhelmsburg ausgehende Halbinsel und glich einer besonderen Insel, da sie mit dem Hauptteil nur durch zwei Dämme zusammenhing, sonst aber überall von den Armen der Elbe oder von tiefmorastigem Wiesengrund umgehen war. Die Verschanzungen auf der Veddel lieferten für den äußersten Notfall einen sicheren Rückzug über die Elbe nach Hamburg; aber allein waren sie nicht gegen die Feinde zu behaupten, die hinter den Deichen Schutz suchen konnten. Die freiwillige Räumung von Wilhelmsburg schien Tettenborn wohl aus irgend einem diplomatischen Grund geboten; aber militärisch war sie ein so großer Fehler, daß der russische Kommandeur mit Recht alles Vertrauen in der Stadt verlor. Mochte Hamburg auch von den Dänen wieder im Stich gelassen und hernach von Bernadotte verraten werden, es war noch nicht verloren, solange Tettenborn die vorhandenen Streitkräfte und die überaus günstige Lage Hamburgs ausnützte. Er hat weder das eine noch das andere getan.
Am 11. Mai vormittags setzten die Franzosen ihre Truppen von Harburg nach Wilhelmsburg über. Niemand leistete ernstlichen widerstand, zum größten Erstaunen der zahlreichen Hamburger, die von den Wällen und Türmen die Elbe und die Elbinseln gespannt beobachteten. Man hätte die Franzosen immer noch zurückwerfen können; denn sie hatten so wenig Fahrzeuge, daß der Übergang nur langsam vonstatten ging. Aber man ließ sie ruhig gewähren; und die Truppen, die noch in der Mitte der Insel gestanden hatten, kamen abends in ziemlicher Unordnung auf der Veddel an. Unter ihnen befanden sich auch Abteilungen der Bürgergarde. Sie wurden nicht nur an ihrer Führung irre, sondern sie erhielten auch nicht das Geringste an Proviant nachgeschickt. Und auf der Insel war für Geld und gute Worte nichts zu haben.
So kam der verhängnisvolle 12. Mai, der dem unglücklichen Hamburg den Todesstoß geben sollte. An diesem Tage war ein allgemeiner Angriff auf die Franzosen geplant. Man wollte den Fehler also wieder gut machen. Die Hanseaten rückten von der Veddel aus gegen die Deiche der eigentlichen Insel Wilhelmsburg vor und warfen die Feinde anfangs zurück. Als sie aber auf das Hauptkorps der Franzosen stießen, wandte sich das Glück. Die natürliche Beschaffenheit des Bodens machte Reiterei ganz unnütz und beschränkte die Wirkung des Geschützes. Von allen Seiten drangen die Franzosen in Übermacht herbei. Entweder in Schützenschwärme aufgelöst, decken sie sich hinter Deichen, Gräben, Bäumen und Häusern vor dem Feuer, oder sie stürmten in geschlossener Ordnung auf den Deichen vor. Die Verteidiger Hamburgs sahen sich von allen Seiten überflügelt und durch die überlegenen Feinde zurückgedrängt. Tapfer dämpfend zogen sie sich zurück und näherten sich der Veddel. Bis dahin war die Ordnung noch immer ziemlich gewahrt. Hier stand eine Kanone, die auf den Feind geschossen hatte und jetzt den Rückzug hätte decken können. Aber sie war so ungeschickt aufgestellt, daß sie Freund und Feind gleicherweise bedrohte. Neben dem Deich, der Wilhelmsburg mit der Veddel verband, war auch eine Schanze begonnen, die bestimmt war, den Deich zu schützen. Aber statt mit Geschützen und Truppen war sie mit Arbeitern besetzt, die noch an ihrer Vollendung arbeiteten. Man hatte also planlos den Kampf dieses Tages begonnen, ohne ihn recht vorbereitet zu haben. Natürlich drängten sich jene Leute, als der Kampf näher kam, aus der Schanze und rissen sie mit in ihre Flucht fort. So wurde alle Ordnung aufgelöst und jeder dachte nur an seine eigene Rettung. Mit der Möglichkeit einer Flucht jedoch hatte die Oberleitung nicht gerechnet. Es waren weder Kanonenboote da, die Überfahrt zu decken, noch genügend Schiffe, um die Fliehenden aufzunehmen. Die gegenüber wohnenden Schiffer machten aus eigenem Antrieb ihre Boote los und kamen zu Hilfe. Die Schiffe wurden überladen, konnten nur langsam fahren und waren dem feindlichen Feuer ausgesetzt. Viele Flüchtige blieben zurück und wurden gefangen, verwundet oder getötet. Manchen erreichte die Kugel noch in den Fluten der Elbe.
Inzwischen fingen in der Stadt die Glocken an, Sturm zu läuten. Die Bürger stellten sich mit ihrem gewöhnlichen Eifer auf den Sammelplätzen ein. Außer den mit Waffen Versehenen standen in und um den Bauhof ein paar Tausend, die noch immer nicht bewaffnet worden waren und nun bei der drohenden Gefahr stürmisch Waffen forderten – die 1000 Gewehre lagen ja noch unberührt in ihren Kisten. Früher waren sie immer mit dem braven Grunde abgewiesen worden: Man dürfe über fremdes Eigentum nicht verfügen, wie gern man auch Gewehre an die Kampflustigen verteilen wolle. Jetzt aber, wo der Feind vor den Toren stand und seine Kugeln schon herüber pfiffen, wurde es anders. Noch hielten Dr. von Heß und Perthes die Menschen von den Gewehrkisten ab. Da rief man ihnen zu, ob es nicht besser sei, daß die Bürger die Gewehre erhielten, als daß die nahen Franzosen sie vorfänden. Der General Tettenborn schickte einen Adjutanten nach dem andern und ließ so viele Mannschaften als möglich nach dem Stadtdeich und dem Grasbrook entsenden. Der Kanonendonner rollte, die Sturmglocken läuteten fort. Da gab es kein Halten mehr. Sobald 50 Mann ihre Gewehre hatten, erhielten sie einen Gardisten als Anführer und wurden abwechselnd zum Grasbrook oder zum Elbdeich weggeführt. Die Angst war bereits mit dem Kopfe davongegangen.
Gefecht auf
der Veddel am 12. Mai 1813
An diesem Gefecht auf der Veddel hatten 200 Dänen teilgenommen. Es blieb, wie so manches unbegreiflich, weshalb Tettenborn von der dänischen Hilfe, die ihm damals noch zur Verfügung stand, nicht mehr in Anspruch genommen hatte. Am schlimmsten war, daß weder er selbst, noch von Heß sich auf dem Kampfplatze gezeigt hatten. Am selben Tage hatte das zweite handseatische Bataillon von Ochsenwärder aus den Versuch gemacht, auf Wilhelmsburg vorzudringen. Sie waren gelandet, etwa eine Stunde vorgedrungen, dann aber vor der feindlichen Übermacht zurückgewichen. Bei dem Rückzug und dem Versuch, sich einzuschiffen, war dies Bataillon fast gänzlich aufgerieben.
Am 13. Mai verhielten sich die Franzosen auf der Veddel ruhig. Dagegen machten sie am Zollenspieker einen Versuch, die Elbe zu überschreiten. Etwa 200 Mann landeten in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai von dem gegenüberliegenden Hoopte aus auf einer kleinen Insel welche am nördlichen Ufer, ein paar Schritte unterhalb des Zollenspiekers, liegt und nur durch einen schmalen Arm von dem hamburgischen Ufer getrennt wird. Aber die hier aufgestellten Lauenburger und Lübecker, die das dritte hanseatische Bataillon bildeten, waren wachsam. Der Major von Berger ließ eine starke Abteilung übersetzen und den Feind angreifen. Dieser hatte die Kähne zurückgeschickt, um Nachschub zu holen. Plötzlich sah er sich angegriffen. Einige wehrten sich wie Verzweifelte, andere warfen vor Schrecken die Waffen weg, suchten sich im Gebüsch zu verbergen oder durch Schwimmen zu retten. Umsonst, was von Franzosen auf der Insel war, kam um oder wurde gefangen genommen. So scheiterte der Angriff der Franzosen auf die Vierlande und Ochsenwärder an der Wachsamkeit und guten Führung der dortigen Hanseaten.
Die Franzosen trafen alle Vorkehrungen, um von der Veddel aus Hamburg zu beschießen. Aber es trat Regenwetter ein, die Schanzen wurden aufgeweicht und die Deichwege auf der Insel unergründlich, so daß die Kanonen weder fortgeschafft noch aufgestellt werden konnten. Diese Witterung schadete aber auch den Verteidigungsarbeiten auf seiten der Stadt. Auf dem Grasbrook wurden Batterien errichtet und Truppen aufgestellt. Auf diesem niedrigen, sumpfigen, oft überschwemmten Boden mußten die Truppen und Arbeiter Tag und Nacht zubringen, ohne abgelöst zu werden. Übrigens ließen die Franzosen ihre Schanzen durch die Landleute errichten, so daß die Belagerten ihre eigenen Freunde hätten treffen müssen. Aus diesem Grund und auch aus Mangel an Pulver schwiegen die Kanonen auf dem Grasbrook zu den Rüstungen der Franzosen. Der Stadtdeich wurde gemeinschaftlich von Dänen und der Bürgergarde besetzt. Aus Vorsicht wurden die Teermagazine auf dem Stadtdeich und Grasbrook ausgeleert, die Teertonnen ins Wasser geworfen, die Gebäude mit Erde, nassen Häuten und härenen Decken geschützt.
Am 18. Mai erhielt der dänische General Wegener den Befehl, Hamburg zu räumen. Aus Teilnahme für die Stadt ließ er sich von Tettenborn erbitten, mit dem Abmarsch noch 24 Stunden zu warten. Dieser benutzte die Zeit und bat den schwedischen General von Döbeln in Wismar um Hilfe. Diese Aussicht mußte den Mut der Bevölkerung neu beleben. Daher sollte am Abend die Bürgergarde auf dem Bauhof zu einer Parade antreten und von Tettenborn zum Ausharren ermutigt werden. Aber nach mehrstündigem Warten kam nur der Herzog von Braunschweig-Öls, um den Gardisten etwas Lebendes zu sagen. Endlich mußte von Heß die Ungeduldigen selber auf nahen Entsatz hinweisen und dann entlassen.
Die Bestürzung war allgemein, als am Abend des 19. (Mai) bei Dunkelwerden die dänischen Truppen den Grasbrook, Hamburg und den Hamburger Berg räumten und an ihre Stelle die Abteilungen der Bürgergarde einrückten. Dazu kam noch, daß die Kanonade in dieser Nacht, zum erstenmal, mit großer Heftigkeit einsetzte. Sie richtete zwar keinen großen Schaden an; aber die Furcht vor einem nächtlichen Angriff und das Gefühl, jetzt fast ganz auf die eigene Kraft angewiesen zu sein, erhöhte für die vielgeprüften Bürger die Schrecken dieser furchtbaren Nacht. Doch ließen sie den Mut nicht sinken, sondern wachten auf allen Posten und beantworteten nach Kräften das feindliche Feuer. Am nächsten Tage forderte Herr von Heß in einem kräftigen Tagesbefehl die Bürgergarde zum Aushalten auf und versprach, daß nach 24 Stunden sieben schwedische Bataillone zur Hilfe einrücken würden. Bernadotte war nämlich endlich in Stralsund gelandet und man erwartete Wunder von seiner Ankunft.
Am Mittag des 21. Mai rückten zwei Bataillone Schweden mit sechs Kanonen unter dem General Boye in Hamburg ein. Das dritte und vierte blieb in Bergedorf zurück. Ein Bataillon wurde auf dem Hamburger Berg, das andere auf dem Grasbrook aufgestellt. Aber gleichzeitig traf ein Adjutant aus dem schwedischen Hauptquartier ein mit dem Befehl, die Truppen sollten sofort halt machen und nicht weiter vorrücken. Es war also nur Zuall, daß sie bis Hamburg gekommen waren. In der Nacht erfolgte heftiger Kanonendonner. Die Franzosen beschossen die Stadt von der Veddel aus, ohne viel Schaden anzurichten. Vom Hafen hörte man Gewehrfeuer; dort lag ein kleines Kriegsschiff, die Hamburger Admiralitätsjacht, vor Anker, um die dortige Gegend zu schützen. Im Dunkel der Nacht hatten sich die Feinde in kleinen Booten herangeschlichen, die Besatzung überwältigt und waren im Begriff, das Schiff zu entführen. Aber sie wurden vom Hamburger Berge, als sie vorbeifuhren, bemerkt. Sofort eröffneten die Schweden ein heftiges Feuer auf das Schiff, Als es sogar auf Grund geriet, war es um seine Besatzung geschehen. Sie suchte sich zu retten; aber nur wenige entkamen den nachgeschickten Kugeln.
Dieser kleine Erfolg schien ein glückverheißender Anfang der schwedischen Hilfe zu sein. Allein bald stellte sich heraus, daß auch sie nicht von Dauer war: die letzte schwere Enttäuschung in dieser tragischen Erhebung Hamburgs. Dänemark fühlte sich durch die Nähe der feindlichen Schweden aufs äußerste bedroht und schloß sich noch enger an die Franzosen an. Täglich sah man von Harburg die französischen Unterhändler nach Altona hinüberfahren. Andrerseits mißbilligte Bernadotte das eigenmächtige Vorgehen seines Generals auf höchste und stellte diesen Freund Hamburgs vor ein Kriegsgericht. Am 26. Mai mußten die Schweden, die ja von den Dänen und Franzosen beinahe umzingelt waren, Hamburg verlassen und bis nach Mecklenburg zurückgehen. Außerdem verbreitete sich die traurige Nachricht, daß die große dreitägige Schlacht bei Bautzen abermals mit dem Rückzuge der Verbündeten, diesmal bis tief nach Schlesien hinein, geendet habe. Der im Norden Deutschlands kommandierende General Wallmoden konnte auch nur ein preußisches Bataillon, unter von Borcke, abgeben. Trotzdem erklärte Tettenborn dem Senat, daß er die Stadt noch halten wolle, und so mußte der freundschaftliche Rat der Dänen, sofort unter günstigen Bedingungen zu kapitulieren, abgelehnt werden. Bernadotte ließ der Stadt auch allerhand freundliche Versicherungen geben – er war durch eine besondere Gesandtschaft in Stralsund flehentlich um Hilfe gebeten worden – ja, er ließ noch am 29. seine Hilfe versprechen, wenn die Dänen ihre Feindseligkeiten 48 Stunden vorher anzeigen würden. Allein es wurden nur zwei Stunden zugestanden, und bei einem letzten Versuch der Verständigung konnte der schwedische Unterhändler die dänischen Behörden nirgends finden. Der Fall Hamburgs war entschieden.
In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai griffen die Franzosen von Wilhelmsburg aus Ochsenwärder an. Dort standen die Lauenburger, ohne wegen des Nebels etwas zu merken. Sie zogen sich vor der Übermacht nach dem Eichbaum zurück und hielten diesen wichtigen Übergang, bis die Preußen unter Borcke ihnen zu Hilfe kamen. Der General von Tettenborn verlegte an diesem Morgen sein Hauptquartier in das Pastorat neben der Kirche von Billwärder. Sein Entschluß stand fest, Hamburg zu verlassen. Das russische Gepäck, das bei seinem Einzuge noch nicht existiert hatte, war schon auf 94 Wagen nach Ratzeburg vorausgeschickt worden. Nochmals fragte der Senat bei ihm an, ob Hilfe von seiten der Schweden erwartet werden könne. Endlich, nachts um ½ 12 wurde dem Senat mitgeteilt, daß die Russen die Stadt räumen müßten und der Senat das Nötige für das Beste der Stadt tun möge. Eine Verhandlung zugunsten der Stadt sei unmöglich, es sei keine Zeit zu verlieren. Eine Stunde vorher war dasselbe dem Herrn von Heß eröffnet worden. Major von Pfuel war in sein Zimmer getreten: "Die Sache ist aus, um 12 Uhr ziehen wir ab. Wollen Sie sich retten, so finden Sie sich um 12 Uhr bei der Billwärder Kirche ein." Die große Eile entsprang der Furcht vor den Dänen, die einen Handstreich zu beabsichtigen schienen. Heß hatte noch gerade Zeit, die schon bereitgehaltenen gedruckten Tagesbefehle, in welchen er eigenmächtig die Bürgergarde auflöste, an die verschiedenen Unterbefehlshaber zu adressieren. Um 1 Uhr sollten diese Befehle abgegeben werden. Den Bürgern selber die Waffen abzunehmen, fehlte es ihm an Zeit und Mut. Er brachte sich, nachdem er noch einen Imbiß genommen hatte, schleunigst über Wandsbek in Sicherheit und überließ die Stadt ihrem Schicksal. Der Senat verbot, den Tagesbefehl wörtlich bekannt zu machen, weil darin vom "Haß gegen die Unterdrückung" geredet wurde. Er setzte sich noch in derselben Nacht mit den dänischen Behörden in Verbindung, damit sie den Feind am ferneren Beschießen der Stadt hindern und die Unterwerfung anzeigen möchten. Das Anerbieten des edlen Mettlerkamp, die Stadt mit Hilfe der Bürger weiter zu verteidigen, wurde abgelehnt. Die Dänen wurden gebeten, um Blutvergießen zu vermeiden, einstweilen die Stadt zu besetzen.
Bleidecker Mettlerkamp
So war denn eingetreten, was niemand für möglich gehalten. Tettenborn hatte die Stadt, die sich ihm bis zuletzt vertrauensvoll überlassen hatte, ohne irgend welche Kapitulationsverhandlungen der Gnade und Ungnade eines erbitterten Feindes überliefert. Unbeschreiblich war der Zorn und Schmerz der Tapferen, die bis zuletzt in der Bürgergarde ausgehalten hatten, als sie von der schmählichen Flucht ihres Führers und der plötzlichen Preisgabe ihrer Vaterstadt hörten. Die meisten aber wollten zuerst gar nicht daran glauben, sondern forderten stürmisch die Fortsetzung des Kampfes. Besonders das vierte Bataillon konnte kaum von seinem Führer Mettlerkamp aufgelöst werden. Endlich als die Übergabe der Stadt Gewißheit wurde, warfen sie ihre Gewehre von sich. Manche zerbrachen ihre Waffen oder schleuderten sie in die Fleete hinein. Viele aber folgten dem Beispiel der hanseatischen Legion und verließen die Stadt, um unter Mettlerkamp für die heilige Sache des Vaterlandes weiter zu kämpfen.