Am Vormittage des 30. Mai – es war der Sonntag vor Pfingsten – besetzten zunächst die Dänen die Stadt. Die Bürger hatten ihre Waffen niedergelegt. Die am meisten Gefährdeten, darunter Perthes, waren in Sicherheit. In der Masse des Volkes entstand damals die begreifliche Meinung, die Dänen seien als Freunde in die Stadt gekommen und hätten sie dann an die Franzosen verraten. Tatsächlich glaubten viele dänische Soldaten, daß sie die Stadt wieder schützen wollten. Beim Abzug erschien ihnen selbst ihre Rolle verächtlich. Nach 5 Uhr rückte General Vandamme vom Eichbaum her in die Stadt. Diesen wichtigen Übergang hatten die wackeren Preußen, als alle abgerückt waren, freiwillig geräumt. Sie waren dann die Dove-Elbe aufwärts gezogen und nach einem glücklichen Gefecht bei der Nettelnburger Schleuse in Bergedorf zu den anderen gestoßen. Gleichzeitig setzten die Franzosen von Harburg über. Auch die Senatoren hatten Hamburg verlassen, und die Munizipalität trat wieder ihr schweres Amt an. Zwei Deputationen wurden an den Marschall Davout und den General Vandamme geschickt. Davout wurde zuerst in Harburg aufgesucht, fand sich aber erst in Ochsenwärder. Er trat ihnen mit den Worten entgegen: "Ah, sind Sie da! Sie haben lange auf sich warten lassen!" Dann überhäufte er die Gesandten mit Vorwürfen, daß man sich nicht früher unterworfen, jede Annäherung vermieden, die Sendung von Deputierten abgelehnt habe. Von Unterhandlungen mit Rebellen könne nicht die Rede sein. Das Schicksal der rebellischen Stadt Hamburg hänge lediglich von der Gnade des Kaisers ab. Der General Vandamme betrug sich sehr rücksichtslos und empfing die armen Deputierten mit heftigen Scheltworten: "Ihr sagt, der Pöbel habe den Aufruhr erregt; ihr selbst seid der Pöbel und die Meuterer! Der große Haufe sieht immer nur auf die Ersten im Volke! – An jedem eurer Haar hängt ein Tropfen Blut; denn ihr habt eure jungen Leute gegen die französische Armee, gegen den Kaiser geschickt! – Ihr habt den Ruf gehabt, daß ihr gut rechnen könntet; den Ruf habt ihr verloren; ihr, eine Handvoll Menschen habt euch empören können gegen den Beherrscher von 40 Millionen! – Der Kaiser ist euer Richter; er wird euch euere Strafe bestimmen. Wenn ich zu befehlen hätte – ich – alle eure Köpfe würden fallen!" Es war anzunehmen, daß die Stadt dem Ärgsten entgegenging.
Die Franzosen fürchteten noch immer die Wut des Volkes. Daher wurden sie nicht einquartiert, sondern sie lagerten vor den Toren, auf den Wällen und den Hauptplätzen in großen Massen beieinander. Es war befohlen worden, ihnen doppelte Rationen hinauszubringen. Später, als sie in die Häuser einquartiert waren, ließen sie die Bürger zuerst von den Speisen kosten: sie konnten ja vergiftet sein! Noch in der ersten Nacht wurden die Bürger geweckt und aufgefordert, ihre Häuser zu illuminieren: bei den Russen hätten sie es ja auch getan! Dieser Befehl war nicht ganz so roh, wie er empfunden wurde. Die Stadt sollte eben als eine zurückgewonnene französische Stadt gelten, die ihre Befreier freudig willkommen heißt.
Die 35 Bataillone, mit denen Davout angeblich einrückte, zählten höchstens 7-10000 Mann. Es waren jungendliche, eben konskribierte Leute, halb verhungert und ohne Begeisterung für diesen elenden Krieg. Es war ein Jammer, daß man vor ihnen die Waffen gestreckt hatte, ohne die reichen Verteidigungsmittel der Stadt zu erschöpfen. Nur noch acht Tage Widerstand, und Hamburg und Lübeck wären in den Waffenstillstand eingeschlossen gewesen, der zwischen Napoleon und den Verbündeten zustande kam. In Lauenburg soll Tettenborn den Befehl seines Kaisers erhalten haben, die Stadt um jeden Preis zu halten. Wahrlich, die wackeren Bürger unter einem Mettlerkamp hätten ihr Herzblut willig vergossen. Jetzt war es zu spät, und die Stadt, die hochherzig und begeisterungsvoll das Signal der Erhebung gegeben hatte, ging einer beispiellosen Leidenszeit entgegen. Diese Leiden aber waren nicht umsonst. Die Hamburger galten im deutschen Vaterlande als Märtyrer der guten Sache und erhielten beim Friedensschluß ihre voll Unabhängigkeit zurück. Auch hielten sie ein französisches Korps mit einem kriegsgeübten Marschall vom Kriegsschauplatz fern. Endlich mußten sie sich zum Troste sagen, daß ihre "Rebellion" für Napoleon nur der willkommene Vorwand war, sie auszuplündern. Er hätte auch ohne das die vorhandenen Reichtümer in seiner schwerbedrängten Lage ausgebeutet, wenn nur die Stadt in seinen Händen war. Der Abzug des Generals St. Cyr war wider seinen Willen geschehen. Er hatte Hamburg als einen festen Stützpunkt ausersehen. Die Heerstraße von Wesel bis Harburg war bereits damals vollendet, die Pläne der künftigen Befestigung gezeichnet. Die Russen hatte sie in einem zurückgelassenen Reisekoffer gefunden und mitgenommen. Die Hamburger hatten daher keinen Grund, ihre Erhebung als verfrüht und schädlich zu bereuen. Sie mußten jetzt das Unglück, das über sie hereingebrochen war, dem großen Ganzen zuliebe mannhaft tragen. Der schwerste Teil ihrer Aufgabe war gekommen.
Bereits am 2. Mai hatte Napoleon durch den Generalstabschef Berthier an Davout den Befehl gerichtet, sich augenblicklich der Stadt Hamburg zu bemächtigen: "Sie werden sofort alle diejenigen Subjekte Hamburgs, welche unter dem Titel Senatoren Hamburgs Ämter bekleidet haben, festnehmen lassen. Sie werden dieselben einer Militärkommission überweisen und die fünf Schuldigsten erschießen lassen. Sie werden die übrigen unter guter Eskorte nach Frankreich schicken, damit sie in einem Staatsgefängnis untergebracht werden... Sie werden die Stadt entwaffnen, alle Offiziere der hanseatischen Legion erschießen lassen und diejenigen, welche sonst in dieser Legion Dienste genommen, nach Frankreich schicken, damit sie dort auf die Galeeren gebracht werden." Davout antwortete umgehend: "Ich werde die Absicht Sr. Majestät buchstäblich vollstrecken." Aber als er nun im Besitz der Stadt war, sah er, daß alle Schuldigen geflüchtet waren. Sie hielten sich meist in dem neutralen dänischen Gebiet in der Umgebung auf. Daher riet er dem Kaiser, sie zur Rückkehr aufzufordern; denn "solange diese Leute ungestraft vor den Toren Hamburgs weilen dürfen, werden sie stets in den unteren Volksklassen falsche Hoffnungen und Aufruhrgeist unterhalten." Nun wurden alle, die bei der Rückkehr der Franzosen in öffentlichen Ämtern gewesen und ausgewandert waren, aufgefordert, innerhalb von vierzehn Tagen zurückzukehren bei Strafe der Konfiskation ihres Vermögens. Um recht viele von den reicher und angesehenen Hamburgern zur Rückkehr zu bewegen, empfahl Davout, nur mit Geld zu strafen und "was das übrige betrifft, Schwamm darüber zu machen." Die Hamburger seien "übelwollend um ihres Vorteils willen, aber nicht bösartig.". Am 24. Juli erfolgte denn auch der Amnestieerlaß. Nur 28 Personen in der 32. Militärdivision waren für ewige Zeiten verbannt und ihrer Güter beraubt. Acht davon waren Hamburger, darunter Syndikus Gries, Dr. von Heß, Mettlerkamp, Hanfft und Perthes. Auch die Senatoren Abendroth, Bartels, Schulte und Koch, die mit Syndikus Gries die "fünf Schuldigsten" waren, wurden begnadigt und durften heimkehren.
Am 31. Mai erschienen zwei Bekanntmachungen des General-Polizeidirektors d’Aubignosc. Zuerst sollten alle Bücher, Schmähschriften, fremde oder nicht erlaubte Zeitungen, Karikaturen, Kupferstiche, Verse, die seit dem 24. Februar erschienen waren, bei der Polizei abgeliefert werde. Es gab eine Unmenge von Broschüren voll des bittersten Hasses gegen Napoleon, die von dem Volke begierig gekauft wurden. Napoleon wurde unter allen möglichen Zerrbildern verhöhnt, z.B. im Himmel und in der Hölle. Der Senat hatte sogar dagegen einschreiten müssen. Jetzt standen die ungenannten Verfasser und Verleger am Rande des Verderbens. Ferner wurde befohlen, daß jeder Fremde sich anzumelden und Erlaubnis zum wohnen zu suchen habe. Endlich forderte der neue Präfekt des Departements der Elbmündungen, Breteuil, daß alle Waffen, Waffenstücke und Munition ausgeliefert werden sollten.
Davout verzichtete zunächst darauf, Tettenborn zu verfolgen und das Wallmodensche Korps nach Mecklenburg zurückzuwerfen. Er ließ vielmehr Lübeck durch dänische Truppen besetzen und schickte eine französische Abteilung nach Bergedorf. Sonst beschränkte er sich auf Hamburg, dessen Widerstandskraft er offenbar fürchtete. Er sah mit Staunen die in so kurzer Zeit ausgeführten Herstellungsarbeiten an den alten Befestigungen und sagte: "Die Hamburger scheinen gern eine Befestigung haben zu wollen; den Anfang haben sie sehr gut gemacht, ich werde für den Fortgang zu sorgen wissen." Natürlich stand dieser Entschluß schon vorher fest. Ihm zu Seite trat als Intendant der Finanzen wiederum Graf Chaban, als Präfekt der Baron Breteuil, als Maire der Oldenburger Rüder, ein verächtliches Werkzeug der französischen Gewalthaber. Acht Tage nach dem Einzug der Franzosen kehrte der Eilbote von Napoleon mit folgendem Dekret zurück: Die Stadt Hamburg wird als Strafe eine außerordentliche Abgabe von 48 Millionen Franks auferlegt. Diese Summe soll vom 12. Juni bis 12. Juli in sechs Raten entrichtet werden. Die drei ersten Raten müssen bar bezahlt werden, die anderen in Wechseln auf Paris, die in drei Monaten fällig sind. Gleichzeitig wurde eine Kommission aus angesehenen Hamburgern ernannt, die ihre eigenen Mitbürger einschätzen und die Steuer auf sie verteilen sollten.
Viele atmeten auf, daß von keinen Hinrichtungen die Rede war. Die Summe war ja eine bare Unmöglichkeit! Aber die Wohlhabenden zitterten bei dieser gewaltigen Strafsumme. Nach den ungeheuren Geldopfern der letzten sechs Jahre, denen kein Verdienst gegenüberstand, war dies der allgemeine Ruin. Außerdem hatten die Reichsten schon beizeiten ihre Habe in Sicherheit gebracht. Besonders zu bedauern war die unglückliche Steuerkommission, die den Zorn ihrer Freunde und die Strafe der Regierung fürchten mußte. Die Verteilung wurde für die ganze Stadt in der größten Eile gemacht. Witwen und Waisen wurden nicht verschont. Ale und kranke Leute, die vielleicht während der ganzen russischen Zeit das Bett nicht verlassen hatten, mußten zur Strafkontribution beitragen. Die Ärmeren waren wohlweislich von der Kontrebution befreit worden. Sie konnten sogar für einen Frank Tagelohn an den Festungswerken Beschäftigung finden. Es war unmöglich, dem festgesetzten Tage (12. Juni) die erste Rate zu bezahlen. Kaum der siebte Teil war gezeichnet. Da wurden am 15. Juni 40 der angesehensten Kaufleute ins Waisenhaus geladen. Einige blieben vorsichtig weg. Die Anwesenden sollten sich schriftlich verpflichten, den fälligen Rest zu bezahlen. Da sie sich weigerten, wurden sie noch am selben Abend trotz des herrschenden Sturmes auf einem offenen Schiffe nach Harburg gebracht. Sie wurden in dortigen Gasthöfen wie Gefangene untergebracht. Kaum daß sie ihren Angehörigen ein kurzes Lebenszeichen schicken durften. Für schweres Geld mußten sie losgekauft werden. Jetzt wurde das Geld (acht Millionen) zusammengebracht. Eine Deputation durfte sogar nach Dresden zum Kaiser gehen, wurde aber nicht vorgelassen. Indes gab der Kaiser doch zu, daß 20 Millionen in Waren und Bons gegeben werden könnten. Die Stadt wurde noch für weitere drei Monate außer dem Gesetz erklärt und mußte die Ausgaben des Krieges tragen.
Es ist schon gesagt, daß Davout die hamburgischen Schanzarbeiten bewunderte. Er ließ sie sogleich nach seiner Ankunft fortsetzen und verlangte von der Stadt 4000 Arbeiter; die Vororte mußten 2000 stellen. Doch sein Eifer wurde bald aufs äußerste angespornt.
Die Schanzarbeiten
am Walle neben dem Brooktor
Gleich in seinem ersten Befehl entwarf Napoleon, obwohl er selbst Hamburg nie gesehen hatte, das Bild einer großartigen Befestigung und trieb zur größten Eile an: 10000 Arbeiter sollten binnen 24 Stunden an der Arbeit sein! Davout war der recht Mann, die Befehle seines Herrn genau zu erfüllen. Als sich nicht genug freiwillige Arbeiter meldeten, wurden viele oft weither vom Landgebiet oder von Lübeck requiriert. Sie mußten sich gleich auf acht bis vierzehn Tage verpflichten. Der geringe Tagelohn reichte eben, um das Leben zu fristen; dabei verloren sie noch ihre Zeit. Natürlich mußten vor allem die Hamburger selbst mitarbeiten. Doch die Zahl war unvollständig. Die Ärmeren blieben weg, damit die Wohlhabenden sie als Stellvertreter mieten sollten. Da schlug man Davout vor, in jedem Stadtteil die zehn vornehmsten Bürger zum Schanzen zu zwingen und für jeden fehlenden Mann täglich zehn Franks zahlen zu lassen. Der Marschall wollte aber die Männer, die bereits ihr Vermögen geopfert hatten, vor dem äußersten bewahren. Er ließ dem Maire mitteilen, daß, wenn am anderen Morgen die Arbeiter, welche die Stadt zu stellen habe, nicht in Tätigkeit seien, die Soldaten mit bewaffneter Hand auf der Straße und in den Häusern alles, was zu schanzen imstande sei, ohne Unterschied des Standes, Alters und Geschlechts zusammenraffen sollten. So geschah es denn auch in den ersten Tagen. Männer, Frauen und Kinder wurden aufgegriffen, um die Zahl der Schanzarbeiter voll zu machen.
Leichter noch löste man die Schwierigkeit: woher die Materialien zu nehmen seien. Da mit aller Gewalt nicht einmal zwei Sechsteile der Strafsumme aufgebracht waren, so wurde einfach alles zum Schanzen- und Brückenbau nötige Material an Stelle des schuldigen Bargeldes konfisziert, auch wenn der Wert viel größer war. Gleich im Anfang mußten viele tausend Schaufeln und Schiebkarren für den Festungsbau geliefert werden. Am Stadtdeich, im sogenannten Holzhafen, lag eine Menge Holz. Das beste davon wurde für die Brücke genommen. Alles Eisen und Kupfer, Steinkohlen, die zum Ausfüllen der Löcher gebraucht wurden, kurz, alles was zu diesen Arbeiten erforderlich war, wurde genommen, wo man es fand. Die Bürger wurden aufgefordert, ihre Vorräte an Teer, Pech, Terpentin, Schwefel, Talg, Eisen und Hanf anzugeben. Von diesen Artikeln waren ungeheure Vorräte da. Man nahm schließlich nach Gutdünken davon. Talg und Baumwolle wurde für die Lichtfabrikanten requiriert, nachdem man ihnen ihre Steinkohlen genommen hatte. Was wurde nicht alles requiriert! Nachdem das verfügbare bare Geld weggenommen war, folgte alles, was Geldeswert besaß. Dem Festungsbau fielen auch die herrlichen Bäume zum Opfer. Vor den Festungswällen wurde im Abstand von 150 Klaftern alles der Erde gleichgemacht, damit der Feind sich nicht unbemerkt nähern könne. Mehrere uralte ehrwürdige Kastanienbäume am Wall wurden zuerst gefällt. Nach ihnen die unvergleichlichen schattigen Alleen, die damals vom Steintor und Dammtor weit in die Umgegend führten. Die Wiesen wurden ihres Rasens beraubt, um den Wall damit zu belegen. Vor dem Altonaer Tor verschwand fast die ganze Reeperbahn, d.h. mehrere breite Alleen zwischen Hamburg und Altona, unter deren Schatten im Sommer die Seiler arbeiteten. Wie blutete den Hamburgern das Herz, als das Blätterdach ihrer prächtigsten Promenaden dahinsank und deine kahle Wüste die Stadt umgab! Selbst die Friedhöfe vor dem Dammtor wurden demoliert und ihres Baumschmucks beraubt.
Das Befestigungswerk bot schließlich folgendes Bild. Die beiden Bastionen Albertus und Casparus nebst dem vorgelagerten Hornwerk wurden durch Palisaden und erhöhte Wälle zu einer Zitadelle vereinigt (die heutige Elbhöhe). Von hier aus konnte jeder Aufruhr im Hafenviertel unterdrückt werden. Die andere Zitadelle wurde zwischen der "Großen"- und Binnenalster angelegt. Die Bastionen Vincent (und Ferdinandus), David und Diedericus waren vereinigt. Auch hier war der Zusammenhang mit dem Stadtwall unterbrochen und Kanonen und Mörser nach der Stadt hin gerichtet. Die Zugänge von der Stadt waren gesperrt und verschanzt. Die innere Seite des Walles war mit Palisaden gespickt und die Lombardsbrücke mit hohen Bretterbohlen verkleidet, in denen sich Schießscharten befanden. Man konnte also von der Stadt aus die Truppenbewegungen in der Zitadelle nicht beobachten und war vollständig den französischen Kanonen preisgegeben. So dienten die beiden Zitadellen nicht nur als Trutzburgen gegen den Feind, sondern auch als Zwingburgen gegen die Bürger Hamburgs. Vor den vier Haupttoren (N. Dammtor, W. Millerntor, S. Brooktor, O. Steintor) wurden noch außerhalb des Stadtgrabens Wälle aufgeworfen. Den Oberhafen am Stadtdeich schützte ein Blockhaus. Die Sternschanze und das Hornwerk wurden wieder instand gesetzt, die Große Alster vom Schulterhof in St. Georg bis nach der Rabe in Pöseldorf durch eingerammte Pfähle gesperrt. Am rechten Alsterufer wurden vor den Bastionen Joachimus, Rudolphus und Petrus in Abständen von 1500, 700 und 600 Fuß drei Redouten aufgeführt. Auf dem linken Alsterufer schützten die Festungswerke von St. Georg die Stadt. In Borgfelde und Hohenfelde lagen sechs Schanzen. Auch die Landwehr wurde neu hergestellt, und die beiden Durchgänge, Lübscher- und Hammerbaum, verschanzt. Die Brücken über die Bille, die grüne, blaue und rote Brücke, der Eichbaum und die Elbinseln hatten ihre Verschanzungen.
Das bedeutendste Werk des Marschalls Davout war aber die Elbbrücke zwischen Hamburg und Harburg, die von dem Ingenieur Jousselin in 83 Tagen fertiggestellt wurde.
Hamburg und
der nördliche Teil der Elbbrücke
Sie hatte eine hohe militärische Bedeutung, weil sie Hamburg auf geradestem Wege mit der Heerstraße von Wesel verband und auch jederzeit Verstärkungen von und nach Harburg befördern konnte. Auch für den Handelsverkehr konnte sie von Vorteil werden. Wenigstens sagte Davout einmal zu Senator Schulte zur Zeit der größten Not: "Laß Hamburg verarmen, in der Brücke nach Harburg habe ich mir ein Denkmal errichtet, wodurch der Reichtum nach Hamburg bald wiederkehren und alles jetzige Unglück vergessen werden wird." Diese Brücke war folgendermaßen angelegt: Es wurde eine schnurgerade Linie gezogen vom Brooktor, an der Südseite des Hamburger Walles, bis zu dem nördlichen Glacis des Harburger Schlosses eine Länge von 15173 Fuß.
Das Brooktor
im Jahre 1812,13
Sowie man aus dem Brooktor heraustrat, begann eine Brücke, die über den niedrigen, hin und wieder sumpfigen Weidegrund des Grasbrooks bis zum Ufer der Norderelbe führte. Sie ruhte auf unbehauenen, in den Grund gerammten Tannen- und Eichenpfählen. Am Ende lag ein Brückenkopf: rechts und links ein Blockhaus, durch Torflügel verbunden, einer kleinen Festung gleich. Von den beiden Toren des Brückenkopfes liefen zwei Abfahrten zum Fluß hinunter, so daß gleichzeitig eine Fähre landen und abfahren konnte. Auf dem andern Ufer befand sich eine Auffahrt, wieder ein Brückenkopf und eine Brücke, die über das sumpfige Vorland bis zum Deiche von Wilhelmsburg führte. Diese Brücke war eine gute halbe Stunde lang. Sie hatte Schießscharten gegen landende Feinde. An der Stelle, wo die Brücke endete, war der Deich verschanzt. Von diesem nördlichen Deiche lief quer über die Insel bis zum südlichen Deiche eine schnurgerade, ganz neue Straße, mit breiten Gräben versehen und mit jungen Bäumen bepflanzt. In der Mitte an einem Kreuzungspunkt war eine Verschanzung. Ebenso am südlichen Deich, wo die dritte Brücke anfing. Dort waren gleichfalls zwei Fähren über die Süderelbe. Endlich die vierte und kürzeste Brücke endigte am Glacis des Harburger Schlosses.
Der Bau der Brücke war übrigens denkbar einfach, und sehr dürftig. Viele Pfähle waren nicht tief genug gerammt. Von Querverbindungen, Strebepfeilern, Grundbefestigungen und noch mehr von Eisstößen und Eisbrechern war nichts vorhanden. An mehreren Stellen sank sie ein. Ein starker Eisgang würde sie zerstört haben, obwohl die beiden Flußarme selbst ja nicht überbrückt waren. Deshalb wurde sie gleich nach der Befreiung für Lastwagen überhaupt gesperrt. Später, als sie baufällig geworden war, wurde sie abgebrochen.
Während die Franzosen sich so in Hamburg von neuem einnisteten und mit den Mitteln der Bürger die friedliche Stadt zu einer Trutzfeste der Fremdherrschaft an der Niederelbe umwandelten, herrschte sei dem 1. Juni zwischen Napoleon und den Verbündeten Waffenstillstand. Für den Kriegsschauplatz der 32. Militärdivision, d.h. also für unsere Gegenden, war bestimmt worden: was beide kriegführenden Teile am 8. Juni um Mitternacht inne hätten, dürften sie behalten. Man wußte im fernen Sachsen im Hauptquartier noch nichts von Hamburgs Schicksal. Die Linie der Vorposten sollte während des Waffenstillstandes die Grenze zwischen den Feinden bilden. So wurde denn in dem Dorfe Gülzow bei Lauenburg die Trennungslinie festgesetzt. Die Franzosen behielten Lübeck, das sie noch am 7. Juni mit ihren Truppen besetzt hatten. Eine dänische Abteilung, die am folgenden Tage einen Vorstoß nach Ratzeburg gemacht hatte, war aus Furcht vor den Kosaken umgekehrt. So genoß das Herzogtum Lauenburg das Glück, daß seine westliche Hälfte für neutral erklärt und die östliche von den Verbündeten besetzt gehalten wurde.
Beide Heeführer, Davout und Wallmoden, benutzen den Waffenstillstand, um nach Kräften zu rüsten. Davout mußte sein erstes Armeekorps an den General Vandamme abtreten und zur großen Armee nach Dresden senden. Dafür hatte er in Hamburg ein neues 13. Armeekorps zu errichten. Es waren meist unerfahrene, schwache junge Leute, die letzte Nachlese aus Frankreich, aber auch Holländer, Deutsche und Polen, die wider Willen auf die Schlachtbank geliefert wurden. Ihre Zahl betrug beim Ende des Waffenstillstandes etwa 18000 Mann, die dann im folgenden Monat noch sehr verstärkt wurde. Dazu kam noch das dänische Hilfsheer unter dem Prinzen Friedrich von Hessen, etwa 12000 Mann.
Dagegen hatte Wallmoden höchstens 20000 Mann ins Feld zu stellen, die aus den verschiedenartigsten Nationen und Stämmen zusammengewürfelt waren. Es war aber ausgemacht worden, daß die Truppen des schwedischen Generals Vegesack hauptsächlich zum Schutze von Schwedisch-Pommern dienen sollten. Und au die wirksame Unterstützung durch Bernadotte, der die ganze Nordarmee "befehligte", d.h. in unerhörter Weise beständig lahmlegte, war nicht zu rechnen. Ein Trost für das unglückliche Hamburg war es, daß seine tapferen Söhne später durch englische Hilfsgelder in Stand gesetzt wurden, an der Befreiung ihrer Heimat kräftig mitzuwirken. Das war ein Verdienst des Dr. von Heß, der in London eifrig für seine Landsleute sammelte.