Die Fortsetzung des Krieges

Am 10. August um 12 Uhr Mitternacht lief der Waffenstillstand ab. Der Geburtstag des Kaisers mußte deshalb schon fünf Tage früher gefeiert werden. Die Soldaten wurden auf dem Walle und in den Bastionen nachmittags um 4 Uhr bewirtet. Abends wurde auf der Alster bei schönstem Wetter ein Feuerwerk abgebrannt und von den Soldaten kräftig Vive l’empereur" gerufen. Der Beginn der Feindseligkeiten verzögerte sich noch fünf Tage. Erst am 16. August brach Davout mit seinem Heere auf. Gleichzeitig schickte der Kaiser als Gouverneur von Hamburg seinen Generaladjutanten Graf Hogendorp, einen überaus brutalen Menschen. Dieser erließ sofort den Befehl: Alle Versammlungen in den Straßen sind aufs strengste verboten; sie sollten durch bewaffnete Macht auseinandergetrieben werden. Wenn sie nicht auf die erste Aufforderung auseinandergehen, so sollen die Schuldigen arretiert und erschossen, Frauenzimmer mit Ruten gepeitscht und eingekerkert werden. Das Zusammenstehen von mehr als vier Personen soll als eine Versammlung betrachtet werden. Er ließ sich vor seinem Hause auf dem Gänsemarkt ein Gerüst erbauen und sah nach dem Frühstück, wenn die Strafen vollzogen wurden, den Prügeleien zu. Die Bevölkerung vergalt ihm seine Grausamkeit mit glühendem Haß, und auch Davout verachtete ihn und behielt während seiner ganzen Abwesenheit die Leitung der Stadt in Händen.

Dem Marschall war von seinem Kaiser wiederholt und klar vorgeschrieben werden, daß er sofort und energisch den Gegner zurückwerfen und den geplanten Vorstoß gegen Berlin kräftig unterstützen sollte: "In der Ihnen gegenüberstehenden Armee befindet sich viel schlechtes Gesindel, da, einmal angegriffen und geschlagen, sich zersteuen wird, z.B. die Landwehr, die hanseatische Legion und dergleichen, so daß ein Feldzug von acht Tagen, selbst ohne großen Erfolg, doch das feindliche Heer um die Hälfte vermindern wird." Ein Brief Napoleons vom 17. wurde unterwegs aufgefangen und erreichte sein Ziel nicht. Darin hieß es: "Der Herzog von Reggio ist heute früh mit 80000 Mann aufgebrochen. Ich setze voraus, daß Sie heute oder morgen das, was Ihnen gegenübersteht, angegriffen haben werden, wenn der Feind schwächer ist. Lassen Sie sich nicht durch eine kleine Anzahl und ein solches Lumpenpack wie die Hanseaten, die Legion (4) und die Truppen von Wallmoden irre machen. Sie haben keine anderen guten Truppen gegen sich als die Schweden und etwa ein Viertel von dem, was Bülow hat und welches Linientruppen sind."

Man sieht, welchen Wert Napoleon auf die Kriegsführung seines Marschalls auf dem nördlichen Kriegsschauplatz legte. Allein Davout enttäuschte die Erwartungen völlig. Er rückte zwar in der ganzen Linie von Lübeck, Mölln und Lauenburg gegen Osten vor. Aber schon in Lauenburg hielten ihn zwei Bataillone des Lützowschen Freikorps drei Tage lang auf, vom 17. bis 19. August. Dann brauchte er, um acht Meilen bis nach Schwerin gegen den langsam weichenden Wallmoden zurückzulegen, fünf Tage. Inzwischen erlitt der Marschall Oudinot, den er hätte unterstützen wollen, am 23. August die furchtbare Niederlage bei Groß-Beeren, und zwar nicht durch die "guten Truppen" der Schweden (die keinen Finger rührten), sondern durch das "Gesindel" und "Lumpenpack" Bülows. Auch der Vorstoß, den der linke Flügel der Franzosen gegen Wismarund Rostock machte, wurde zurückgenommen, so daß Vegesack wieder vorgehen konnte, und auf dem rechten Flügel unterließ es der Marschall, die Festung Dömitz zu besetzen. So wurde ihm dieser Elbübergang versperrt und Davouts Verbindungen nach Magdeburg bedroht. Er trat daher am 2. September nach Ratzeburg. Bei der Verfolgung fiel vor den Toren LübecksMajor von Arnim, der tapfere Anführer der hanseatischen Reiterei. Bei einem Scharmützel der Lützowschen Reiter war auch in der Nähe von Gadebusch der edle Theodor Körner gefallen.


Marschall Davout
(von den Hamburgern auch "Marschall Wut" genannt)

Der französische Oberbefehlshaber wurde seit dem 16. August von seinem Kaiser ganz ohne Befehle gelassen. Deshalb hielt er es für seine Aufgabe, Hamburg und Holstein zu decken. Seine Generale und Offiziere zeichneten sich zum Teil durch nichtswürdige Grausamkeit aus. Als eine Patrouille aus dem Dorf Mustin zurückkehrte und einen Mann vermißte, nahm man ohne weiteres an, daß er beim Plündern erschlagen sei. General Loison schickte daher eine Abteilung in das Dorf und ließ drei Tagelöhner aufgreifen und erschießen. Am anderen Tage fand sich der vermißte Franzose wieder ein; denn er war betrunken im Walde liegen geblieben. Loison schickte nun einen Boten an die drei unglücklichen Witwen und ließ ihnen sagen: sie möchten sich trösten, ihre Männer wären unschuldig gestorben. General L‘Allemand, der unter Loison eine Brigade kommandierte, ließ beim Rückzug aus Schönberg nicht nur die Brücke abbrechen, sondern auch alle angrenzenden Häuser mit Teer bestreichen und anzünden. Zwecklose Grausamkeit: Die ganze Kriegsführung war eine Geißel für das Land. Die Kommissäre bereicherten sich mit Bestechnungsgeldern; aber schließlich mußten ihre Forderungen doch noch erfüllt werden. Die Offiziere trieben oft rücksichtslos von den unglücklichen Einwohnern verschwenderische Abgaben für ihre eigene Tafel ein, nötigenfalls mit Prügeln und Einquartierungen. Die Soldaten nahmen aus den Häusern und Gärten, was sie irgend gebrauchen konnten. Ihre Roheit war grenzenlos. In einem verlassenen und geplünderten Dorf fanden die nachrückenden Dänen ein vier- bis fünfjähriges Kind, das mit einem Bajonett durchstochen war und noch lebte! Davout war machtlos gegen die Verwilderung seines Heeres. In Lauenburg hieb er eigenhändig auf die Plünderer ein. Umsonst, das Fouragieren wurzelte zu tief im französischen Heere. Bedenklich war der Gesundheitszustand der französischen Truppen. Der Marschall hatte nämlich den unglücklichen Gedanken, seine Truppen abzuhärten, indem er sie fortgesetzt biwakieren ließ, eine Torheit, da das Wetter meist feucht war und die wenigen trockenen Tage eine ungewöhnliche Hitze entwickelten. Die Folge waren häufige Erkältungen, aus denen sich Lungenentzündung, Durchfall und Nervenfieber entwickelte. Dagegen wurden nun große Portionen starker Weine und Gewürze, besonders Pfeffer, verabreicht. Natürlich verschlimmerten sich die Krankheiten, und die Lazarette in Hamburg füllten sich. Während die Verbündeten, die nicht so gut gefüttert wurden und viel weniger unter Krankheiten litten, ihre Kranken über das ganze Land verteilten und so das verderbliche Hospitalfieber vermieden, waren in Hamburg schon seit dem Juli beim Kornhause und den Kohlhöfen Häuser für Kasernen und Hospitäler eingerichtet worden, die eine wahre Brutstätte ansteckender Krankheiten wurden. Die Bürger mußten das Inventar liefern: Leinwand und Scharpie, Strohsäcke, Betten, wollene Matratzen, Bettücher, wollene Decken, Hemden, leinene Bandagen und Bruchbänder. Wiederholt wurden später den Säumigen diese Lieferungen anbefohlen. Zum Transport der Kranken wurden täglich Wagen und Pferde gefordert. Die langen Züge der Kranken führten eine beredte Sprache.

Die Siegesnachrichten der Zeitungen von dem großen Kriegsschauplatz fanden in der Stadt keinen Glauben. Und von dem Korps des Prinzen von Eckmühl hörte man überhaupt nichts. Dafür sickerten langsam die Gerüchte von den Niederlagen Napoleons und seiner Marschälle durch. Denn die Verbündeten, jetzt durch Österreich verstärkt, kämpften bei dem neuen Waffengange mit ganz anderem Erfolge als vor dem Waffenstillstand. Innerhalb von vierzehn Tagen erfochten sie sechs glänzende Siege: am 23. August bei Groß-Beeren, am 26. schlug Blücher an der Katzbach den Marschall Macdonald, am 27. vernichtete die märkische Landwehr bei Hagelberg die jungen Truppen des Generals Girard. Dagegen kam Napoleons Erfolg bei Dresden nicht an. Am 29. August schlugen die Russen den Angriff Vandammes auf das von Dresden nach Böhmen zurückgehende Hauptheer glänzend zurück, und am folgenden Tage vollendeten die Preußen unter Kleist bei Nollendorf die Niederlage und nahmen den französischen General mit seinem Korps gefangen. Eine frohe Botschaft für die Norddeutschen, daß ihre Blutsauger von dem verdienten Schicksal ereilt waren! Endlich besiegte Bülow am 6. September bei Dennewitz drei französische Armeekorps, die unter dem Marschall Ney den zweiten Vorstoß gegen Berlin machten. Napoleon hatte in diesen Schlachten mindestens 100000 Mann verloren, die er nicht mehr ersetzen konnte. Seine Gegner aber, die ihm nun an Zahl überlegen waren, wurden mit Siegeszuversicht erfüllt und in ihrem Bündnis gestärkt. Auch das gequälte Hamburg durfte wieder hoffen.

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Die weitere Umgebung Hamburgs im Jahre 1812/13 (Zum Vergrößern anklicken)

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Ausschnitt aus der Karte oben (Zum Vergrößern anklicken)

Der Marschall Davout behauptete sei seinem Rückzuge aus Schwerin die feste Stellung von Ratzeburg. Sein linker Flügel stützte sich auf Travemünde und Lübeck. Der Ratzeburger See und die Wakenitz bildeten einen natürlichen Schutz dieser Linie. Der rechte Flügel reichte von Mölln bis Lauenburg und wurde von der Delvenau (Stecknitz) und den vorgelagerten sumpfigen Wiesen vortrefflich gedeckt. Das Zentrum zwischen Ratzeburg und Mölln bildete ein stark befestigtes Lager auf der Hochebene am östlichen Ufer des Küchensees zwischen der Ratzeburger Vorstadt Dermin und dem Dorfe Zieten. Die Verbündeten standen wieder: General Vegesack bei Grevesmühlen, General Wallmoden bei Hagenow und Wittenburg mit den Vorposten bei Zarrenthin und Boizenburg. Da erfuhr Wallmoden am 12. September durch einen aufgefangenen Brief, daß der General Pecheux beim Zollenspieker über die Elbe gehen sollte, um das Lüneburgische vom Feinde zu säubern. Unverzüglich setzte Wallmoden mit dem größten Teil seiner Truppen bei Dömitz über die Elbe. Auf die Untätigkeit des Marschalls bauend, ließ er in dessen Front nur den rechten Flügel unter Vegesack und die genannten Vortruppen zurück. Am 16. September wurden die Franzosen angegriffen, als sie gerade auf dem Marsch von Dahlenburg nach Dannenberg einen ausgedehnten Forst, die Göhrde, erreichten. Die Vorhut Tettenborns warf den Feind vom Jagdschloß Göhrde zurück, der linke Flügel unter General von Arentsschildt entriß ihm Oldendorf, der rechte Flügel umklammerte von Lüben aus die feindliche Stellung auf dem Steinker Hügel. Die Übermacht und Tapferkeit der Verbündeten entschied die Niederlage der Franzosen, deren Überreste sich in der anbrechenden Nacht über Bleckede retteten. Sie verloren gegen 1000 Tote und Verwundete und 2000 Gefangene, sowie 18 Geschütze und 15 Pulverwagen. Nach dem heißen Tage taten die Sieger sich in dem nahen Jagdschloß gütlich. Ein weiteres Verfolgen schien nicht ratsam, weil von Boizenburg ferner Kanonendonner ertönte. Dort wurde ein Angriff von den Lützowern und Hanseaten zurückgeschlagen. Am 18. rückte Davout endlich gegen Zarrenthin am Schaalsee vor. Die dort stehenden schwachen Truppen, ebenfalls Hanseaten und Lützower, leisteten heldenmütigen Widerstand und zogen sich in vorzüglicher Ordnung vor der Übermacht hinter die Schaale zurück. Da Wallmoden inzwischen wieder in Hagenow eingetroffen war, so war die gefährliche Lücke vor Davouts Stellung wieder geschlossen. Tettenborn aber war auf dem linken Elbufer zurückgeblieben und behauptete es fortan mit Ausnahme der französischen Stellungen in Harburg und Hoopte.

Nun herrschte wieder gleichsam Waffenruhe, Davout rührte sich nicht, außer daß er vom 25. bis 28. September seine erste Reise nach Hamburg und Lauenburg machte, um nach dem Rechten zu sehen. Er traute Hogendorp nichts zu und leitete auch vom Lager aus alles selbst. Am 1. bis 4. Oktober reise er wieder nach Hamburg und Hoopte. Er ritt zum erstenmal mit seinem Gefolge über die neue Brücke nach Harburg. Auch besichtigte er die Befestigungswerke und ließ sie nachdrücklich fortsetzen. Die Verbündeten spotteten über seine Untätigkeit. Im Hauptquartier Tettenborns zu Lüneburg erschien eine "Zeitung aus dem Feldlager". Diese sollte nicht nur die Bevölkerung über die Fortschritte des Freiheitskrieges aufklären, sondern sie verhöhnte auch den Marschall Davout, indem sie ihn bald als "Robinson", bald als Eremiten von Ratzeburg" bezeichnete.

Davouts Stellung war uneinnehmbar und die Zahl seiner Truppen den Verbündeten überlegen. Am 5., 6. und 7. Oktober versuchten die Generale Vegesack und Dörnberg vergeblich, gegen Ratzeburg und Büchen Vorteile zu erringen. Es waren nutzlose Plänkeleien. Das linke Elbufer lockte zu besseren Erfolgen. In der letzten Woche des September war Braunschweig von Marwitz‘ Landwehrreitern und Cassel von Tschernitschefs Kosaken überfallen worden. Napoleons Schöpfungen zerfielen wie Kartenhäuser. Warum sollte nicht Bremen im Rücken Davouts weggenommen werden? Zu diesem kühnen Wagestück ward Tettenborn ausersehen. Mit 2000 Mann, Reitern und Fußvolk, und vier Geschützen brach er von Bleckede auf und erschien am Morgen des 13. Oktober vor den Toren der alten Hansestadt, die wohl besfestigt und von 1100 Mann besetzt war. Im Fall der Niederlage konnte er durch Davout in seinem Rücken zermalmt werden. Allein er warf die feindlichen Truppen in die Stadt zurück und begann sie zu beschießen. Der französische Kommandant wurde, als er auf dem Wall Ausschau hielt, von der Kugel eines Lützower Jägers getötet. Das drohende Auftreten Tettenborns tat ein Übriges. Schon am 15. erfolgte die Übergabe. Die Geschütze und Kriegsvorräte fielen wie in Cassel den Verbündeten zu. Unter unendlichem Jubel des Volkes hielt Tettenborn abermals seinen Einzug in eine erlöste Stadt. Er hatte viel gelernt. Da er die Stadt nicht halten konnte, vielmehr sein Fußvolk an Wallmoden zurückschicken mußte, so ließ er die französische Verwaltung bestehen und schütze die Diener der Fremdherrschaft gegen die Volkswut. Auch befahl er, die Befestigungswerke abzutragen. Seine Reiter aber durchstreiften das Land, verrichteten manchen glücklichen Handstreich und kündigten ihm auch rechtzeitig das Nahen einer starken französischen Abteilung an. Diese besetzte am 22. die Stadt ohne die geringsten Feindseligkeiten gegen die Bevölkerung zu wagen; Tettenborn zog sich nach Verden zurück. Aber wenige Tage darauf, als sich die Nachricht von der entscheidenden Völkerschlacht bei Leipzig verbreitete, verließen die Franzosen für immer die Stadt. Sofort begannen die Bürger, eine Schwadron und ein Bataillon für die hanseatische Legion und eine Bürgerwehr zu errichten. Jetzt konnte Tettenborn zurückkehren und den Bürgern ihre alte Verfassung wiederschenken.

Während Napoleons Stern immer tiefer sank, drückte in Hamburg das Joch der Fremdherrschaft. Viele Einwohner entzogen sich den Drangsalen durch die Flucht oder Auswanderung. Die Zurückbleibenden sahen endlosen Quälereien entgegen. Am 5. September wurde die Lieferung von 12000 wollenen, baumwollenen und kattunenen Bettdecken befohlen. Wer seine bestimmte Anzahl nicht rechtzeitig einreichte, sollte für jede fehlende 20 Frank Strafe zahlen. Die Fuhrleute durften ihre Wagen nicht aus der Stadt entfernen und dem Gebrauch der Behörden entziehen. Sonst bekamen sie 15 Tage Arrest, und die Wagen wurden auf ihre Kosten gemietet. Der Gouverneur liebte es auch, plötzlich die Lärmtrommel zu rühren und das Militär unter die Waffen zu rufen. Die Brücken zwischen der Altstadt und Neustadt wurden besetzt, und alle Häuser an diesen Brücken für das Militär requiriert. Am 8. September erließ der Präfekt von Breteuil einen merkwürdigen Aufruf an die Unterpräfekten des Elbdepartments. Er erinnere an die längst befohlene Errichtung einer kaiserlichen Ehrengarde. "Begebenheiten, deren Andenken die Bewohner der Elbmündungen auszulöschen suchen müssen," hätten die Ausführung verzögert. Er sei überzeugt, daß die Untertanen "nur die Gelegenheit erwarteten, nicht allein ihre Ergebenheit, sondern zugleich ihre Reue an den Tage zu lagen.". Gleichzeitig wurden die Personen namhaft gemacht, die noch mit ihrem Beitrag für die Strafsumme im Rückstand waren, und ihre beweglichen und unbeweglichen Güter zum Verkauf bestimmt. Doch kam es nicht zum äußersten, wahrscheinlich weil sich kein Käufer fand. Die Räumung vieler kleiner Wohnungen an der kleinen Drehbahn und des ganzen Konerthofes, eines übelberüchtigten Häuserblocks am Valentinskamp, für neue Hospitäler traf die Bewohner schwer, die nun obdachlos waren. Damals erschien auch der Marschall in der Stadt und verließ sie nach 24 Stunden wieder, nachdem er alle öffentlichen Kassen geleert hatte. Um diese wieder zu füllen und weiter alles Nötige requirieren zu können, wurde die Stadt noch bis zum 14. Januar außer dem Gesetz erklärt. Gegen die Selbstverstümmelungen der Rekruten, die sich durchaus dem verhaßten Dienste entziehen wollten, wurde strenge Bestimmungen erlassen.

Die Nachricht von der Niederlage Vandammes war der erste Unglücksfall, den die Hamburger Zeitungen (allerdings erst vierzehn Tage später) veröffentlichen durften. Der Unfall in der Göhrde wurde durch ein ungemessenes Lob auf den General Pecheux versüßt. Die Niederlage bei Dennewitz konnte auch nicht verheimlicht werden. Das Fortwährende Stillstehn des Kaisers bei Dresden wurde durch die klassische Bemerkung entschuldigt: "Bis jetzt hat das beständige Regenwetter viele Sachen verhindert, die späterhin gelingen werden." Am 22. Oktober erschien auch die "wahrscheinliche" Nachricht, daß der "Parteigänger Tettenborn" Bremen genommen habe. Fünf Tage später mußte auch der Leipziger Schlacht Erwähnung getan werden: Nach verschiedenen Gerüchten sollte es scheinen, daß vom 16. bis zum 19. Oktober eine große Schlacht vorgefallen sei. "Der Feind singt dieselben Siegeslieder wie zur Zeit der Schlacht von Lüzen und Bautzen."

Die Erpressungen nahmen so zu, daß die Landleute sich nicht mehr mit ihren Fuhrwerken in die Stadt wagten. Da die Lebensmittel knapp wurden, stellten die Behörden den Bauern Sicherheitskarten aus, auf die sie sicher ein- und ausfahren konnten. Schonungslos wurde das nötige Vieh requiriert. Die Landleute mußten es selbst in die Stadt bringen und dafür noch im Tore Oktroi bezahlen. Mehrere Bauern auf Wilhelmsburg kauften Vieh, um ihre schönen Herden zu schonen. Man nahm des andere Vieh, forderte aber bei der nächsten Requisition das verschonte nach. Das Geld in der Stadt wurde so knapp, daß die Schanzarbeiten mehrere Tage und Wochen ohne Löhnung blieben. Ihr Mißvergnügen äußerten sie mehrere Abende, wenn sie von der Arbeit heimkehrten, durch das Singen von Volksliedern, und besonders auch das sogenannte "Abendlied der Schanzer":

Es leb‘ Alexander, der wackere Held!
Er stellt Kosaken uns ins Feld;
Juchheisasa! Kosaken sind da!
Kosaken sind tapfer, das wissen wir ja.
Es stehen die Kosaken wie Mauern so fest,
Und geben den Franzosen den letzten Rest.
Juchheisasa! Kosaken sind da!
Kosaken sind tapfer, das wissen wir ja.

Dieses Lied konnte man in den Toren oft von hundert Menschen aus vollem Halse singen hören. Das klang den Franzosen so unangenehm in die Ohren, daß sie bald einen Teil des Geldes bezahlten.

Nach der Schlacht bei Leipzig, an der er nur widerwillig und gleichsam passiv teilgenommen hatte, wandte sich der Kronprinz von Schweden mit dem größten Teil der Nordarmee gegen Norden, um endlich die Dänen zur Abtretung von Norwegen zu zwingen. Die Preußen unter Bülow waren froh, ihn los zu sein, und die tapferen Lützower hätten sich gar zu gern ihren Brüdern angeschlossen, die schon ganz andere Lorbeeren gepflückt hatten. Nun war der Marschall Davout von seinen Landsleuten völlig abgeschlossen. Am 11. November erreichte ihn sei drei Monaten wieder der erste kaiserliche Befehl. Er sollte in Hamburg eine Besatzung zurücklassen und mit der Hauptmasse seiner Truppen nach Holland gehen. Dieser Befehl erschien ihm mit Recht unausführbar. Er räumte aber in der Nacht des 12. November sein Lager vor Ratzeburg und zog sich durch die Stadt auf das westliche Ufer des Sees und in den Forst Tangenberg (zwischen Ratzeburg und Mölln) zurück. Die Brücke, welche Ratzeburg mit dem östlichen Seeufer verband, suchte er hinter sich zu verbrennen. Allein die Hanseaten, die sich seit kurzem mit der Bürgergarde vereint hatten, folgten ihm auf den Fersen und versuchten sogar am 14. einen Angriff auf Mölln. Sie verloren dabei 84 Mann, darunter sechs Offiziere. Ein schlichtes Denkmal ziert das Grab der Tapferen. Doch der Marschall, der sein Hauptquartier in Schwarzenbek am östlichen Rande des Sachsenwaldes hatte, behauptete zunächst noch die Stecknitz-Linie von Lübeck bis Lauenburg. Hier ließ ihm Bernadotte heimlich unter den günstigsten Bedingungen den freien Abzug nach dem Niederrhein anbieten. Dort mochte Bülow allein mit Davout fertig werden, wenn er sich nur seine Aufgabe gegen Dänemark erleichterte! Zum Glück wies der Marschall dies schnöde Anerbieten kurzerhand wütend von sich. Er hatte sich einmal auf Hamburg verbissen, obwohl dies doch ein ganz verlorener Posten geworden war, und erklärte, daß er sich unter den rauchenden Trümmern begraben lassen wolle.

Nun ging Bernadotte am 29. November bei Boizenburg über die Elbe. Ein Korps unter General Woronzow blieb zurück und vertrieb die Franzosen aus Stade. Eine kleinere Abteilung nahm Cuxhaven mit Hilfe der englischen Flotte. Davout ließ es an der Stecknitz nicht zum Kampfe kommen. Sobald sich Frostwetter einstellte und der Fluß für seine Gegner passierbar wurde, zog er sich in der Nacht auf den 1. Dezember hinter die Bille zurück und verlegte sein Hauptquartier nach Bergedorf, am 2. nach Schiffbek, am 3. nach Hamburg. Die Verbündeten Dänen überließ er ruhig ihrem Schicksal, statt ihnen gegen den Kronprinzen zu helfen oder sie wenigstens rechtzeitig von seinen Plänen zu benachrichtigen. Er verlangte sogar von den Dänen, sie sollten Lübeck noch einige Tage besetzt halten und die Feinde beschäftigen, bis er in Sicherheit sei. Wenn Dänemark dann Friedensverhandlungen anknüpfte hätte er nichts dagegen. Lübeck fiel am 5. Dezember, und die Dänen wurden langsam zurückgetrieben und aus Holstein hinausgedrängt. "Sie erwarben sich auf ihrem Rückzuge großen Ruhm, und ernteten dennoch bittere Früchte."

Davout hätte gern noch einige Tage in dem Lauenburgischen zugebracht, um es nämlich gänzlich ausleeren zu können. Nur der plötzliche Aufbruch rettete das Land vor gänzlicher Verheerung. Man benutzte jedoch die letzte Novemberwoche gut, um alles Korn, Mehl, Fourage, Schlachtvieh, Federvieh, Pferde und Wagen, deren man habhaft werden konnte, zusammen zu schleppen und nach Hamburg abzuführen. Nun hatten die Kommissare ein weites Feld für ihr Handwerk. Von Mölln bis Lauenburg, die ganze Gegend zwischen der Bille und Elbe, Altengamme, Neuengamme, Curslack und Kirchwärder, wurden ausgeplündert, um die Hamburger Magazine für die Zeit der Belagerung zu füllen. Aber diese reichen, von der Natur gesegneten "Vierlande" hatten eine so große Menge von Erzeugnissen, daß es an Transportmitteln fehlte, um sie wegzuschaffen. Die Verbündeten sollten nichts mehr vorfinden, womit sie ihren Unterhalt fristen konnten. Deshalb wurde befohlen, daß sich jeder General, jeder Offizier, jede Kompanie auf einige Monate selbst verproviantieren sollte. Man stelle sich die Freude und den Eifer vor, womit dieser Befehl erfüllt wurde. Futter, lebendiges Vieh, gedroschenes und ungedroschenes Korn: alles wurde durcheinander nach Hamburg getrieben und geschleppt. Die Pferde und Wagen der Bauern, die man dazu benutzte, kamen größtenteils nie wieder. Es gab Generale und Stabsoffiziere bei der Armee, denen man zwei bis drei große Häuser in Hamburg zu ihren eigenen Magazinen angewiesen hatte, aber denen es dennoch an Platz für ihre Vorräte gebrach. Ganze Kompanien wurden Viehtreiber. Herden von Ochsen, Kühen, Schweinen, Gänsen zogen durch die Straßen der Stadt, und mancher findige Bürger öffnete seine Kellertür, um das Verirrte liebevoll in Empfang zu nehmen. Hätte die Ausleerung einige Tage länger gedauert, so wäre das Land auf ein Jahrzehnt verheert gewesen. übrigens war das Beste dabei, daß die fleißigen Soldaten dennoch betrogen wurden; denn als sie ihre Beute in Sicherheit gebracht hatten, mußten sie alles an die Magazine abliefern und sich mit ihren Portionen begnügen.

Der November hatte den Hamburgern genug Ungemach gebracht. Verschiedene Hinrichtungen wurden über Bürger verhängt, bei denen Waffen gefunden waren. Andere, die an der Empörung des 18. März teilgenommen, wurden in ihrer Abwesenheit zu Zwangsarbeit verurteilt. Aber auch die Franzosen saßen in schweren Verlegenheiten: sie hatten kein Geld. Schon Mitte Oktober hatte Graf Chaban dem Marschall erklärt, er könne kein Geld mehr beschaffen, um die Verwaltung aufrecht zu erhalten. Lange schreckte Davout vor der unerhörten Maßregel zurück, den Privatbesitz der Bürger in der Hamburger Bank anzutasten. Schließlich, als kein Geld mehr aufzutreiben war, blieb ihm nichts anderes übrig. Der Direktor Pehmöller mußte in der Nacht vom 4. auf den 5. November die Bank versiegeln. Die umliegenden Straßen (neben dem alten Rathause, wo jetzt das Patriotische Gebäude liegt) waren militärisch besetzt. Die Handelskammer konnte die Bank nicht retten: die Forderungen Davouts waren zu hoch. So wurden denn am folgenden Tage die Gewölbe geöffnet, die Beutel, die Silbergeräte, die Barren gezählt und protokolliert. Die letzten Proteste der Handelskammer blieben unbeachtet. Abends wurde das erste gemünzte Geld (774108 Mark Banko) auf sechs vierspännigen Wagen weggefahren. In den folgenden Nächten fuhr man fort, unter starker Bedeckung Geld wegzubringen. Am 23. November nahm man 48 Silberbarren heraus für die dänische Regierung, die das Privatvermögen ihres Königs reklamierte. Chaban richtete eine Münze ein und ließ von dem Silber Zweimarkstücke prägen. Sie wurden "Chabans" genannt und waren wegen ihres hohen Silbergehaltes sehr beliebt. Seitdem waren die Silberbarren in der Bank die Schatzkammer, aus der unermüdlich bis zum Friedensschluß von den französischen Gewalthabern geschhöpft wurde: im ganzen 7.1/2 Millionen Mark. Als nichts mehr da war wurde das Bankgebäude von den Franzosen mit der ausdrücklichen Bemerkung zurückgegeben, "daß sie die Bank ebenso wieder überlieferten, wie sie solche caissiert hätten, mit Ausnahme der herausgenommenen Summen." Die Wegnahme der Bank, dieses für unantastbar geltenden Eigentums, erregte bei allen Hamburgern große Empörung. Napoleon selbst hatte sie für ein "geheiligtes Depot" erklärt. Besonders manche Ausgewanderte, die ihr Geld in der Bank sicher gewähnt hatten, erhoben ein großes Geschrei und meinten, die Welt würde Einspruch erheben. Davout blieb ganz gelassen und rechtfertigte sich damit, daß die Gelder der Bank für den unbezahlten Rest der großen Kontribution rechnen sollten. Die Ansprüche Hamburgs wurden später anerkannt und nach dem Friedensschluß mit zehn Millionen Franks entschädigt.

Der traurige Eindruck dieses Raubes wich der Freude, als die Zeitung vom 14. November, freilich in sehr verblümter Sprache, die Katastrophe von Leipzig zugab: "Die siegreiche Armee kam wie eine geschlagene in Erfurt an (!), und am 23. folgte ihr der Kaiser."

Nur einzelne Hamburger erhielten auf heimlichen Wegen Briefe und Zeitungen mit den zuverlässigen Nachrichten, Die französischen Offiziere suchten sich die feindlichen Zeitungen zu verschaffen. So z.B. fand einige Zeit hindurch im Dorfe Büchen ein förmlicher Zeitungsaustausch statt. Bei Tage hielten die Verbündeten diesen Ort besetzt; wenn sie abzogen, ließen sie im Posthause ihre Zeitungen zurück. Die Franzosen kamen des Nachts, nahmen die Zeitungen und legten die ihren wieder dafür hin, welche am Morgen die wieder einrückenden Verbündeten jedesmal richtig fanden. Einst hatten die Verbündeten ihre Zeitungen zurückzulassen vergessen. Da fanden sie am Morgen einen Zettel, der es in fast freundschaftlichem Ausdrucke rügte, daß man das schon zur stillschweigenden Übereinkunft gewordene versäumt hätte. Auf solchen Wegen kam manches ins große Publikum. So blieb es denn kein Geheimnis, daß Napoleon über den Rhein gegangen sei, von den Verbündeten verfolgt, und daß Bernadotte in unsere Gegenden heranrücke. Man hatte diesen arglistigen Gascogner noch nicht durchschaut und sah in ihm den nahenden Befreier. Doch der dachte nur an seine Angelegenheiten, für die er unsere wackeren Freiheitskämpfer fechten ließ, und ohne den geringsten Vorstoß gegen Davout zu machen, verriet er Hamburg zum zweitenmal und überließ es den Schrecken und Nöten einer langen Belagerung.