Die Belagerung Hamburgs - (Dezember 1813 bis Mai 1814)

Am 3. Dezember 1813 stand Davout mit seiner ganzen Heeresmacht, 33000 Mann, wieder in Hamburg. Ein dänisches Dragoner-Regiment lag noch in Wandsbek und geriet in Gefahr, von dem übrigen dänischen Heere abgeschnitten zu werden; denn General Woronzow, der mit seinen 10000 Mann gegen Hamburg operieren sollte, nahm am 6. Dezember sein Hauptquartier in Ahrensburg. Am Spätabend dieses Tages unternahm General Vichery einen Vorstoß gegen die Vorposten der Verbündeten längs der großen Lübecker Heerstraße. Die Kosakenposten in Tonndorf und Rahlstedt wurden überrumpelt, ein Teil zu Gefangenen gemacht und die übrigen auf das Dorf Siek zurückgeworfen. Dort kam das Gefecht zum Stehen durch die Russen und Lützower, und die Franzosen und Dänen mußten zurückgehen. In Siek fiel der Oberst Bonnichsen und wurde mit zwei Kosaken von dem Lützowschen Fußvolk auf dem Kirchhof mit allen Ehren bestattet. Die Dänen aber verließen am 8. Dezember Wandsbek und schlugen sich glücklich zu den Ihrigen nach Rendsburg durch. Der General Woronzow überschritt die Alster, so daß er am 13. Dezember Hamburg völlig eingeschlossen hielt und sein Hauptquartier in Pinneberg nahm. Die Lützower standen an der Alster, Eppendorf gegenüber, und behaupteten seit dem 20. das Dorf Lockstedt. Gegen Ende des Monats zog der General von Bennigsen mit seinem Heeresteil, der sog. "russischen Armee von Polen", gegen die Niederelbe heran und löste Woronzow in der Belagerung ab.

Davout hatte den festen Willen, Hamburg bis aufs äußerste zu halten, damit der Kaiser einst einen günstigeren Frieden schließen könne. Er besetzte deshalb einen möglichst weiten Kreis, um die Belagerer von der Festung fernzuhalten. Dann sorgte er dafür, daß die angeordneten Verschanzungen schleunigst zu Ende geführt wurden.

Am Anfang der Belagerung, als die Befestigungsarbeiten mit größtem Eifer betrieben wurden, pflegte er mehrmals täglich nach den allerentlegensten Punkten der Werke zu reiten – ein Gegenbild zu Tettenborn! Er wollte sehen, wie weit man gekommen sei, und die Arbeiter durch seine Gegenwart anfeuern. Die Festungswerke konnten aber erst zur Geltung kommen, wenn das vorliegende Gelände von Gebäuden und Bäumen befreit wurde. Es war das traurige Schicksal aller damaligen Festungen, daß im Fall einer Belagrung die Vorstädte vor den Wällen "rasiert" werden mußten. In den Abständen von 250 Toisen (=1500 Fuß) war dies bereits in den ersten Wochen des August geschehen. Jetzt wurde befohlen, vor allen Toren noch mehrere hundert Toisen weiter abzubrechen – und als dies zu langsam vonstatten ging, abzubrennen. Vom 5. Dezember bis zum 15. März ungefähr verging kein Tag, an dem nicht zehn bis zwölf Stellen in Flammen auflodern. Die herrlichen Gartenhäuser vor dem Steintor wurden abgebrannt, und zwar so plötzlich, daß man nur einen geringen Teil der Mobilien retten konnte. So ging es nun täglich fort vor allen Toren. Der größte Teil von Hamm – über 400 Häuser – wurde zwischen dem 7. Dezember und 16. Januar eingeäschert. Nur die Kirche, fünf Häuser unten am Kirchhügel, zwei Gartenhäuser und zwei Wohnhäuser blieben verschont. (5) Zwei Tage vorher wurde den Bewohnern die Zerstörung angekündigt, ohne daß diese Frist eingehalten wurde; zuletzt waren es nur vier bis sechs Stunden. Aufschub gab es nicht. Die Soldaten legten oft Feuer an, während die Bewohner noch in den Häusern waren. Dann schleppten sie das Gerät mit hinaus, nicht um es zu retten sondern zu verkaufen. Die schönsten Mobilien wurden verschleudert: ein Fortepiano für 2 Mark. Wer hier etwas von seinen Sachen retten wollte, mußte es den Soldaten abkaufen. Auch die eigenen Nachbarn stahlen oft, was sie "aus dem Feuer retteten". Fast unmöglich war es, die Sachen fortzuschaffen: wohin und womit? Leere Wohnungen gab es nicht, und die Wagen waren unerschwinglich teuer. Davout ritt persönlich in die Vororte hinaus und bezeichnete die Stellen, die zerstört werden sollten. Seine gebieterische Gestalt hoch zu Roß war für die geängstigten Einwohner ein Bild schrecklichster Vorbedeutung. Er gehorchte selbst der eisernen Notwendigkeit des Krieges; denn er sollte Hamburg unangreifbar machen.

Eine gewisse Fürsorge zeigte der rauhe Krieger für die armen Waisenkinder. Er schrieb an seinen Freund Chaban: "Die Menschlichkeit sträubt sich dagegen, in einer belagerten Stadt eine Waisenanstalt zu haben. Man kann die Kinder nach Holstein schicken, vielleicht ist es vorzuziehen, sie in Lübeck unterzubringen. Man muß ihnen aber passende Lokalitäten bestimmen, ihnen ihre Einnahmen erhalten und die nötige Hilfe leisten." Man suchte lange nach einem geeigneten Platz, bis der Marschall selber die Häuser in Eppendorf bezeichnete, die für die Kinder geräumt werden sollten. Am 15. Dezember wurden sie auf 70 Wagen hinausgefahren. Die Anstalt bekam zur Deckung der Kosten noch einen Silberbarren geschenkt. Die Waisen blieben dort von allen Kriegswirren verschont und hatten es gut.

Sehr wichtig war es bei einer Belagerung, daß die Truppen ihre gefüllten Magazine hatten. Für die erste Zeit genügten die beim Rückzuge mitgenommenen Vorräte. Leider kam viel Vieh bei dem kalten Wetter und dem Mangel an Stallungen und Nahrung auf den Niederungen des Grasbrooks um, auch verdarben große Vorräte an Nahrungsmitteln, weil sie schlecht aufgespeichert waren. Die nächste ländliche Umgebung der Stadt blieb einstweilen noch verschont, sie wurde gleichsam als Speisekammer bis zuletzt aufgespart. Durch die Einrichtung der droits réunis wußte Davout, wieviel Wein, Branntwein usw. in den Privathäusern war; denn jeder mußte seine Vorräte angeben. Die Magazine enthielten sechs Millionen Flaschen Wein, die man von Lübeck, Stade und anderen Orten herbeigeschafft hatte; aber diese sollten bis zum letzten Augenblick aufgespart werden. Da in einer belagerten Stadt kein Handel mit diesen Waren stattfinden darf, so war jedes Packhaus und jeder Weinkeller sein Magazin, aus dem er den täglichen Bedarf für die Armee und die Hospitäler ausschreiben ließ. Die Lieferung der übrigen Bedürfnisse wurde auf dieselbe Weise organisiert, und Reis, Salz, Sago, Apothekerwaren und Feuerung nach und nach geliefert. So mußten die Eigentümer allmählich ihre Sachen abliefern, was für sie doppelt schmerzlich, aber für die Verpflegung der Armee zweckmäßig war.

Aber auch die Einwohner sollten für die Belagerung versorgt sein. Unnütze Mäuler konnten nicht mit durchgefüttert werden. Deshalb befahl Davout schon Ende Oktober und erneut am 12. und 22. November allen Bürgern, sich zu verproviantieren oder die Stadt zu verlasen. Die Einwohner wurden verpflichtet, sich sogleich mit Korn und Mehl, mit frischem oder gesalzenem Fleisch, getrocknetem oder frischem Gemüse, Salz, Feuerung, Talg- oder Wachslichtern zu versehen. Der Ungehorsame erhielt nach Gutdünken des Maire Arme ins Haus. Alle zwei Tage sollten Polizeikommissare dem Maire Verzeichnisse de Vorräte zustellen. Die Händler mit Feuerung, Fett, Fleisch, Butter, Mehl, Branntwein, Gemüse und Talglichtern sowie die Wurstmacher sollten sich für sechs Monate (!) mit Vorräten versehen. So verständlich diese Befehle sein mochten, so unmöglich waren sie zu erfüllen; denn woher den Proviant nehmen und womit bezahlen? Gleichviel, es wurden Zettel ausgeteilt, welche die Frage an jeden enthielten: was er schon gesammelt habe und was er täglich ferner aufbringen könne. Für den Kopf wurde gerechnet: täglich 1 Pfund Mehl, 3/8 Pfund Fleisch, ½ Pfund Gemüse, 1/18 Flasche Branntwein oder Wein, 1/64 Pfund Salz, außerdem Feuerung: Holz oder Torf. Was sollte ein Familienvater auf solchen Zettel schreiben? Mancher erbot sich, mit dem was er nach äußerster Anstrengung zusammengebracht, sparsam zu wirtschaften und bis zum Juli auszukommen. Die meisten nahmen die Verproviantierung leicht, als ob es nicht ernst gemeint sei und die Befreiung vor der Tür stehe. Sie schrieben daher auf den Zettel nur das Wenige, was sie hatten, und erklärten, daß sie mehr anschaffen würden. Oder sie machten allerlei witzige Bemerkungen: sie wurden sich verproviantieren, wenn ihnen ihr Bankgeld wieder erstattet würde. Andre: "Sorget nicht für den andern Morgen!" Noch andere spotteten über den Ausdruck "sammeln": sie wüßten nichts zu "sammeln" als Holz und Späne oder alte Lumpen, aber sie hätten nichts "gesammelt", sondern alles für bares Geld eingekauft. Zum Überfluß verbreitete sich noch das Gerücht, der gesammelte Proviant würde den Privatpersonen schließlich doch genommen und von den Behörden zu gleichen Teilen verteilt werden. Dem wurde von höherer Stelle entschieden widersprochen.

Die Lage der Stadt wurde bedrohlicher, als die Elbe zufror und die Belagerer sich leichter nähern konnten. Deshalb wurde am 19. Dezember die Tore geschlossen und jeder Verkehr mit dem Feinde untersagt. Alle, die sich nicht für einen halbes Jahr mit Lebensmitteln versorgt hatten, sollten binnen 48 Stunden die Stadt verlassen. Ihr Eigentum konnten sie mitnehmen oder die Zurückbleibenden anvertrauen. Alle unbemittelten Ausländer, Studenten, Handwerksburschen mußten ebenfalls unverzüglich die Stadt verlassen Eine Ausnahme machten nur die Schanzarbeiter, die eine Sicherheitskarte erhielten. Die Zurückkehrenden verfielen dem Schicksal, als Spione vor ein Kriegsgericht gestellt oder erschossen zu werden. Jetzt ergriffen viele den Wanderstab, und an den beiden festgesetzten Tagen sah man um die Mittagsstunden Tausende von Menschen aus der Stadt ziehen. Die jungen Leute lachten und schrieben, daß sie zu den Russen gehen und ihre Vaterstadt befreien würden. Mancher ehrliche Handwerker zog, von einer zahlreichen Familie begleitet, sorgenvoll dahin und vermochte nicht, seine trauernde Frau zu trösten, die voll Angst auf die kleinen Kinder und den Säugling in ihrem Arm blickte, ungewiß wo sie im rauhen Winter Obdach und Nahrung finden würden. Fröhlichen Sinnes gingen die Kinder einher, sich am Spaziergang und der bunten Menge freuend, unbesorgt wie die Sperlinge und die Lilien auf dem Felde, jedes ein Bündelchen in der Hand und auf dem Arm. Auch Wicherns Eltern mußten damals Hamburg verlassen, wie sich der Stifter des Rauhen Hauses noch in späten Jahren erinnerte.


Gewaltsame Austreibung der Bürger Hamburgs durch die Franzosen.

Dennoch blieben viele zurück, die sich von der Heimat nicht trennen konnten. Nun wurde den Zurückbleibenden Wegnahme ihres Eigentums und sogar Stockprügel angedroht. Der Termin wurde bis zum 24., ja, durch "den letzten Beweis von Nachsicht" bis zum 26. Dezember verlängert. Das war das traurigste Weihnachtsfest, welches Hamburg wohl je erlebt hat. Gerade in der heiligen Nacht mußten die sog. Kantonsbürger mit Soldaten die Armen ihres Bezirkes aufsuchen und in die St. Petri-Kirche führen. Diese füllte sich mit lauter Unglücklichen, die vor Tagesanbruch aus der Stadt geführt wurden. Es ist erstaunlich, mit welcher Zähigkeit die Ärmsten der Armen trotz aller Drohungen und Überredungsdversuche an ihrem Wohnsitz festhielten. Es war klar, daß sie bei einer Belagerung verhungern mußten. Die Maßregel des Marschalls war ja notwendig. Umsonst, sie wollten lieber in der Stadt als draußen umkommen. Und es bedurfte noch Wochen, ehe die 25000 Armen die Stadt verlassen hatten!

Die Vertriebenen wurden in Altona treulich aufgenommen. Sobald der Zug der Auswanderer am Morgen des ersten Weihnachtstages nach Altona kam, eilten ihnen die Bewohner entgegen und nahmen sich der Unglücklichen liebreich an. Doch die Häuser der Stadt, die damals nur 36000 Einwohner hatte, waren bald voll. Viele fanden kein Obdach und waren froh, wenn sie nur ihre Kinder bei sich hatten. Wie manche Kinder hatten sich in dem Trubel verlaufen! Nun mußte Raum geschafft werden. Der eine gab seine Scheune her, der andere räumte seine Badeanstalt ein. Das Krankenhaus und ein Teil des Waisenhauses wurde eingerichtet, der Betsaal der Brüdergemeinde diente als Hospital, ein Fabrikgebäude als Kochanstalt. Bis zum 5. Januar wurden 18000 Portionen Rumfordscher Suppen ausgeteilt. Kinder bekamen nur eine halbe Portion. Die Gesunden und Starken wurden gleich weitergeschickt. Viele taten ihre milde Hand auf: Hamburger, die in Altona wohnten, Schleswig-Holsteiner, auch Bernadotte in Kiel. Eine "Kasse zur Unterstützung der hilfsbedürftigen Einwohner aus Hamburg" nahm die Beiträge auf. Otto von Axen, seit Bestehen der allgemeinen Armenanstalt Vorsteher, stand an der Spitze, Mutzenbecher ihm zur Seit. eine unermeßliche, aber segensreiche Arbeit lag auf diesen Männern.


Otto von Axen

Trotz aller edlen Bemühungen erlagen doch viele den schrecklichen Entbehrungen. Noch heute erinnern zwei Grabstätten die nachfolgenden Geschlechter an das Unglück ihrer Vorfahren. In Barmbeck liegt an der Dehnheide ein kleiner Begräbnisplatz. Vier Linden beschatten einen schlichten Stein, unter dem 50 Vertriebene ruhen.

Ein anderer Gedenkstein steht in der Jungiusstraße am Südende des Zoologischen Gartens auf den Friedhöfen: "An dieser Stätte ruhen die Gebeine von 1138 Hamburgern, welche mit vielen Tausenden ihrer Mitbürger von dem französischen Marschall Davout im härtesten Winter 1813/14 aus dem belagerten Hamburg vertrieben mit menschenfreundlicher Milde in Altona aufgenommen, von dessen edlen Einwohnern sowie von ihrem früher ausgewanderten Landsleuten in ihrem Elende unterstützt und verpflegt, demungeachtet aber Opfer ihres Kummers und ansteckender Krankheiten wurden. – Im Jahre 1841 ist dieses Monument mit den Gebeinen von Ottensen hierher verlegt." Das Grab in Ottensen hat Friedrich Rückert ergreifend besungen:

In Ottensen auf der Wiese
Ist eine gemeinsame Gruft,
So traurig ist keine wie diese,
Wohl unter des Himmels Luft.
Darinnen liegt begraben
Ein ganzes Volksgeschlecht,
Väter, Mütter, Brüder, Töchter, Kinder, Knaben,
Zusammen Herr und Knecht.

Die Geißel des Krieges zerfleischte die unglückliche Stadt. Am Abend der Weihnachtsfeiertage rötete sich der Himmel im Norden und Westen. Die Häuser vor dem Dammtor, 4000 Fuß im Umkreis, wurden niedergebrannt; an der Alster, in Pöseldorf, am Rothenbaum, am Grindel sah man die Flammen zum Himmel lodern. Die Leute am Jungfernstieg blieben stehen, um über die Palisaden der Lombardsbrücke hinweg das schreckliche Schauspiel zu betrachten. Sie wurden auseinander gejagt; denn es durften ja keine Versammlungen auf der Straße oder daheim stattfinden. Nun näherten sich die Russen Eimsbüttel und Eppendorf, als wollten sie Altona besetzen. Da drohte Davout, die Nachbarstadt zu bombardieren, und ließ zum Beweis die trennende Vorstadt Hamburger Berg (St. Pauli) in Flammen aufgehen. Vier Tage wurde den schon früher gewarnten Bewohnern noch Zeit gelassen, ihre Sachen zu bergen. Da sah man auf den Straßen Leute mit Türen und Fenstern auf dem Rücken. Ein Obdachloser zog selbst auf dem Schlitten das Bett, in welchem die kranke Frau lag, mit Koffern und Kisten. Am 3. Januar, morgens 8 Uhr, zogen einige Bataillone mit klingendem Spiel zu dem Zerstörungswerk hinaus. Beim Pinnasberg wurde der Anfang gemacht: 484 Häuser mit 624 Sälen, 297 Buden, 112 Kellern und 14 kleinen Nebengebäuden wurden verbrannt. Nicht einmal die St. Pauli-Kirche wurde verschont. Die Altonaer mußten ihre Grenzstraßen schleunigst abreißen, damit die Flammen nicht hinübergriffen. Sogar der Pesthof, so hieß damals das allgemeine Krankenhaus, entging nicht dem Verderben. Er lag am Schulterblatt beim Heiligen-Geist-Felde und stand den französischen Kanonen im Wege, wenn die Russen sich von Eimsbüttel näherten. Der Vorsteher Senator Bartels hatte die schwere Aufgabe, die 800 Kranken, unter denen sich auch 60 Wahnsinige befanden, nach Eppendorf hinauszuschaffen. Der Transport war bei den schlechten Wegen in der strengsten Winterkälte überaus schwierig. Die Altonaer halfen mit Fuhrwerk aus. Trotzdem kostete die Fahrt auf offenen Wagen vielen Kranken das Leben. Der leer zurückbleibende Krankenhof mit seiner Kirche ging in Flammen auf. Eppendorf aber geriet schon am folgenden Tage (5. Januar) in die Hände der Russen. Die Kranken in der Stadt wanderten fortan ins Hospice de Charité an der Hermannstraße, das ehemalige Werk- und Zuchthaus, das natürlich gar nicht für die Krankenpflege eingerichtet war. Nicht einmal in ihren Betten konnten die Hamburger ruhig schlafen; denn Bettzeug, Leinen, Matratzen, wurden beständig für die Hospitäler requiriert. Die Leinenlager der Kaufleute waren längst in dem Abgrund des nimmersatten Belagerungskrieges verschwunden Die Franzosen schonten übrigens nicht das Altonaer Gebiet. Am "dänischen Schulterblatt" wurden 50 Häuser abgebrannt. Das es ihnen nicht schlimmer erging, verdankten die Altonaer ihrem vortrefflichen Präsidenten von Blücher, den sie später durch ein Denkmal geehrte haben. Er setzte durch, daß Altona von den Russen und Franzosen als neutrales Gebiet behandelt wurde. Die Tore nach Altona wurden in der ersten Zeit der Belagerung für Inhaber von Pässen geöffnet. Sie mußten aber noch am selben Abend zurückkehren. Diese Erlaubnis aber war mißbraucht worden, um Zeitungen und politische Nachrichten (manchmal in Brot gebacken) einzuschmuggeln. Seitdem herrschte strenge Sperre.


Szenen auf dem Jungfernstieg während der Belagerungszeit

Das Los der Zurückgebliebenen war um wenig besser als das der Vertriebenen. Sie hatten nicht einmal mehr das Recht, zusammenzukommen und sich ihr Leid zu klagen. Alle Versammlungen waren strenge verboten. Am Tage durften nur sechs, am Abend acht Personen sich beieinander sehen lasen: Nur Gottesdienste und besonders erlaubte Schauspiel und Festlichkeiten machten eine Ausnahme. Sobald ein Kanonenschuß ertönte, mußte jeder die Straße verlassen und das nächste Haus aufsuchen. Sonst konnte er von jeder Patrouille erschossen werden. Die Festungswerke und Wälle, sowie das Eis ringsherum durfte niemand betreten. Zuwiderhandelnde bekamen 50 Stockprügel und wurden im Wiederholungsfalle aus der Stadt gejagt. Da es den Russen gelungen war, in der belagerten Stadt Proklamationen anzubringen, die zum Abfall aufforderten, setze Davout eine Prevotal-Kommision ein; diese mußte über Desertion, Spionage und Aufruhr richten und innerhalb 24 Stunden das Todesurteil vollziehen. An der Spitze stand Oberst Charlot, der den Grundsatz hatte, eher einen Unschuldigen zu bestrafen als einen Schuldigen entkommen zu lassen. Im französischen Heere befanden sich mehrere Tausend Deutsche, Holländer, einige Polen und Italiener. Manche von ihnen desertierten, indem sie sich verkleidet unter die Auswanderer mischten. Besonders die holländischen Offiziere verließen den französischen Dienst, wo sie konnten. Einmal bot Davout denen, die in ihre Heimat zurückkehren wollten, Pässe an. Es meldeten sich – alle! Natürlich wurde nichts aus der Abreise. Um so eifriger spürte man den Spionen und Deserteuren nach. Die Gemeinen wurden angewiesen, ihre Offiziere zu beobachten. Auf den bloßen Verdacht hin wurde mancher erschossen. Ein früherer Zolloffizier, der seit langem in Altona wohnte, wurde nachts von zwei verkleideten Gendarmen über die Grenze geholt und erschossen. Doch blieb es bei einigen Exempeln, die der Marschall für nötig hielt. Er konnte auch gnädig sein.

Ein biederer Handwerker wurde zum Tode verurteilt, weil man in seinem Hause eine Flinte gefunden hatte. Umsonst beteuerte er, daß er nichts von dem Mordinstrument gewußt habe; ein kürzlich entlassener nichtsnutziger Geselle müßte es ihm aus Schabernack hingelegt haben. Er wurde trotzdem nach dem Wortlaut des Gesetzes verurteilt. Aber selbst Charlot trat beim Marschall für die Begnadigung ein, die auch erfolgte. – Ein andermal kam eine Witwe zu ihm, ein hübsches Frauenzimmer in den besten Jahren. Sie betrieb ein Fuhr- und Sattlergeschäft, war aber nach der neuesten Verordnung ihrer 14 Pferde und aller Fourage beraubt worden und stand vor dem Ruin. Davout hatte eine große Schwäche für das schöne Geschlecht: aber in dienstlichen Angelegenheiten blieb er hart. Da erzählte die Frau, die mit ihren Tränen nichts ausrichten konnte, daß ihr Mann einst den General St. Cyr bei seiner Flucht über die Elbe gefahren habe und dabei mit dem Boote umgekippt und ertrunken sei. Nun billigte der Marschall der Witwe eine Entschädigung zu.


Hamburgs Bürger beobachten vom Jungfernstieg aus das Abbrennen der Gegend vor dem Dammtor

Der Prinz von Eckmühl hatte nur wenige Untergebene, denen er völlig vertraute. Zu diesen gehörte Graf Chaban, ein alter, uneigennütziger, liebenswürdiger Mann, der seine Finanzgeschäfte mit möglichster Schonung ausführte. Er prüfte selbst die milden Stiftungen, besuchte die Soldaten auf Vorposten, unterstützte viele Einwohner aus seinem Beutel oder mit seinem eigenen Proviantvorrat, ging oft in die Hospitäler, wo er denn auch später vom Lazarettfieber ergriffen wurde. – Ganz das Gegenteil von Chaban war der General Hogendorp, ein Holländer, der sich durch Kriecherei den Posten eines Kaiserlichen Adjutanten erworben hatte. Als Gouverneur von Hamburg suchte der neidische Höfling seinen Vorgesetzen zu schikanieren; aber dieser wies ihn in seine Schranken zurück und nahm ihm alle Selbständigkeit. Als Hogendorp die Taktlosigkeit beging, dem Marschall keine Neujahrsvisite zu machen, blieb dieser die Antwort nicht schuldig. Er löste die Bürgergarde auf, die Hogendorp eingerichtet hatte, und befahl, daß die Gardisten ihre Degen wieder abliefern sollten. Die Garde hatte von Anfang an nur zu lächerlichen Unzuträglichkeiten geführt. Das beweist folgende lustige Geschichte.

Ein Bürger auf dem Steinhöft, der auch in die Garde gewählt war, bekam einen Degen ohne Scheide, und man sagte ihm dabei, daß der das fehlende Stück selbst ergänzen müsse. Gehorsam ließ er sich bei seinem Schuhmacher eine lederne Scheide anfertigen. Als er sich nach einigen Tagen den fertigen Degen Abholte, wurde er von einem Gendarmen trotz aller Vorstellungen arretiert. Vor den Platzkommandanten gebracht, erzählte er sein Erlebnis. Dieser lachte von Herzen und hieß ihn in Gottes Namen nach Hause gehen. "Nein," erwiderte er, "allein gehe ich nicht mit dem Degen; denn ich muß mir ja vorstellen, daß ich das Unglück zum zweitenmal bekomme." – "So stecken Sie die Kokarde an den Hut! Ich stehe dafür, man wird Sie gewiß nicht anhalten." – "Was die Kokarde anbetrifft, Herr Kommandant," antwortete er, "die wird weder vom Bürger und noch weniger vom Soldaten geachtet. Sonst hätte dieser Gendarm mich nicht arretieren dürfen, da ich sie ihm zeigte und anstecken wollte." – "Wohlan," sagte der Kommandant, "ich will Ihnen einen Sicherheitsschein geben." Darauf ging der Kaiserlich französische Gardist mit seinem Degen und Sicherheitsschein. Er hielt ihn hoch in der Hand und zeigte jeder Schildwache, an der er vorbeikam, die Worte: "Vorzeiger dieses, ein Gardist, kann frei und ungehindert mit seinem Degen gehen, wo er will." So kam er glücklich nach Hause.

Als die Stadt enger belagert wurde, fehlte es an Magazinen und Stallungen. Die französischen Gewalthaber hatten wenig Respekt vor der Religion und legten daher die geräumigen Kirchen mit Beschlag. (6) Schon im Jahre 1806 war die Kirche im Hiobshospital in eine Kaserne verwandelt worden, die Kirche des Krankenhofes diente als Lazarett. Seit 1811 war die Kleine St. Michaeliskirche den Katholiken eingeräumt und die auf einem Schiff befindliche Kirche für Seefahrer aufgehoben. Als die Franzosen 1813 zurückkehrten, machten sie auch die St. Johanniskirche zu einem Magazin. Bald darauf wurde die St. Gertrudkapelle zu einem Futterspeicher und die Kirche zum Heiligen Geist zu einem Heumagazin eingerichtet. Diese Kirchen sind später nach der Befreiung nicht wieder zu Gottesdiensten benutzt worden!

Am 15. Dezember wurden die Kirchen des Waisenhauses und des Werk- und Zuchthauses geräumt und als Hospitäler in Gebrauch genommen. Diesen Dienst der Barmherzigkeit wird jedermann in Kriegszeiten einem Gotteshause gern zumuten. Aber am 5. Dezember, als gerade in den Kirchen ein Tedeum zum Krönungstage des Kaisers gesungen werden mußte, kam von dem Maire Rüder die schriftliche Nachricht, daß der Gouverneur Hogendorp die drei Hauptkirchen St. Katharinen, St. Nikolai und St. Jakobi zu Pferdeställen verlangt habe. Es sollte für 2200 Pferde ein Unterkommen geschaffen werden. Die dringendsten Vorstellungen fruchteten nichts, nur St. Jakobi wurde noch geschont. In zwei Tagen mußten die Kirchen geräumt werden. Kanzel, Altar und Orgel wurden notdürftig verkleidet und soweit wie möglich abgebrochen. Die Soldaten räumten dann auf ihre Weise. Sei zerbrachen und nahmen weg, was ihnen im Wege war. Aus den Orgeln wurden Pfeifen entwendet, Gemälde und Monumente geraubt und zerstört, Gräber erbrochen und mutwillig mit Pferdedung gefüllt. Nichts war ihnen heilig. Es war ein wahrer Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte. Am 19. Dezember mußte die St. Jakobikirche das Schicksal ihrer Schwestern teilen. Die Katharinengemeinde versammelte sich nun am Steckelhörn im Hause eines Arztes, Dr. Boutin, die Nikolaigemeinde in der Börsenhalle, die Jakobigemeinde i m Hauptpastorat. Auch die Petrikirche wurde nicht verschont. Am 16. Januar wurden die Gottesdienste in die Prima des Johanneums verlegt, das damals im alten Johanniskloster am Plan lag. Nur die Große St. Michaeliskirche blieb den Gottesdiensten erhalten, weil Pastor Tönnies den Franzosen anderweitig genügend Stallräume nachweisen konnte. Die Hammer Kirche konnte zum Weihnachtsfeste 1813 dem Gottesdienste nicht mehr dienen; denn viele arme obdachlose Menschen hatten in ihr Unterkunft gesucht. In den Gängen, im Gestühl, am Altar, auf dem Lektor und der Orgel hatten sich Männer, Frauen und Kinder mit ihrem Hausgerät hingelagert. Am 15. Januar mußte die Kirche geräumt werden für Soldaten. Bald sah die Kirche mit ihre leeren, zerlöcherten Mauern, aufgewühlten Gräbern, umherliegenden Totenschädeln und mit den vom Rauch der Biwakfeuer geschwärzten Fenster mehr einer Räuberhöhle als einer Kirche ähnlich. Auch die Johanniskirche in Eppendorf war dem Gottedienste entzogen. Sie diente den Kranken, die aus dem Pesthof gebracht waren, als Aufenthalt.


Die Petrikirche als Pferdestall

Es fehlte in der belagerten Stadt nicht nur an Stallungen für die Pferde, sondern auch an Futter und Stroh. Die gesammelten Vorräte gingen auf die Neige. Daher wurden den Bürgern alle Pferde und die vorhandene Fourage abgenommen. Die Pferde wurden großenteils auf dem Grasbrook abgestochen und das Fleisch gegessen. Die Soldaten überwanden ihren Widerwillen, als der Marschall, der sehr einfach lebte, ihnen die Vorzüge des Pferdefleisches erklärte und versicherte, daß er selbst sich davon ernähre. Viele Bürger folgten dem Beispiel der Soldaten und holten sich fortan heimlich vom Grasbrook ihr Fleisch. Auch Kühe durften die Hamburger nicht mehr halten, die Milch wurde eine große Seltenheit. Marianne Prell, deren Vater Offizier in der Bürgergarde gewesen war und seit der Rückkehr der Franzosen als Vorsteher vieler milder Stiftungen höchst segensreich wirkte, erzählte später ihren aufhorchenden Schülern aus der Franzosenzeit (7) u.a. auch, wie die Gendarmen in ihr Elternhaus kamen, um die Kuh fortzuführen. Daß sie geschlachtet sei, wollten sie nicht glauben. Bevor sie den Hof betraten, hatte die Magd die Kuh aus ihrem Stall in ein Torfschauer geführt und ihr sorgfältig das Maul mit der Schürze zugebunden. Nun fanden die Gendarmen also einen leeren Kuhstall. Aber sie wollten auch das Torfschauer besichtigen. Da lud der Hausherr sie ein, mit in sein Zimmer zu kommen, um den Schlüssel zu holen und zugleich eine Flasche Wein zu trinken. Das ließen sich die strengen Herren nicht zweimal sagen. Mittlerweile wurde aber die Kuh wieder in ihre alte Behausung zurückgeführt. Als die Gendarmen nach einiger Zeit wieder den Hof betraten, fanden sie das Schauer leer und konnten nun mit gutem Gewissen weitergehen.

Auch das Brot wurde rar. Deshalb verbot Davout den Bäckern, für die Bürger Weißbrot zu backen. Ihre Mehlvorräte wurden genau festgestellt und ausschließlich für die Soldaten und Beamten bestimmt. Die Bürger sollten von ihren eigenen Vorräten leben. Natürlich wurde diese Vorschrift möglichst umgangen. Auch mit den Brotkarten der Beamten ging es oft unredlich zu. Eines Morgens wurde der Maire-Adjunkt Jencquel zum Präfekten Breteuil gerufen. Dieser lag noch im Bett und fuhr entrüstet auf, das sei kein Wunder, daß sie alle verhungern würden, wenn der Kaiser so ungetreue Beamte habe. Da sei ein Mann, der esse täglich 24 Pfund Brot! Jencquel fragte, wer das sei. Als er den Namen hörte, sagte er ruhig: "Nun der! Der hat auch vierundzwanzig Kinder!" "Vingt-quatre enfants? Quel malheur!" schrie der Präfekt und – fing von etwas anderem an. Der Genannte hatte zwar nicht so viele Kinder, aber zahlreiche Verwandte, für die er gern als Beamter mehrerer Behörden zahlreiche Brotkarten annahm, damit sie auch mitunter Weißbrot kaufen könnten. Jencquel aber hatte Geistesgegenwart genug, durch seinen Scherz dem Freunde einen Dienst zu erweisen.

Auch an Brennmaterial fehlte es in Hamburg. Die strenge Kälte, die ja in jenem Winter zum Glück den Ausbruch von Epidemien verhinderte, forderte allzuviel Holz und Torf für die Öfen – Steinkohlen gab es damals wenig. Die Soldaten schleppten von allen Seiten Holz herbei: aus den zerstörten Häusern, von den abgeholzten Alleen und sogar von Schiffen. Als Perthes nach der Befreiung seine Wohnung wieder betrat, fand er in seiner Wohnstube einen ganzen Baumstamm aus dem Ofen ragen, an dem die Fremden sich gewärmt hatten. Die Franzosen, an ein anderes Klima gewöhnt, konnten nicht warm werden und holten sich zur Feuerung das wertvolle Stabholz, die sogenannten Pipenstäbe, die zu den Weinfässern gebraucht werden. Die Hospitäler und Kasernen verbrauchten Mengen davon, Millionen an Wert.


Die Baschkiren auf dem Hamburger Berg (31.Mai. 1814)

Auf den Straßen der Stadt sammelten sich ganze Berge von Unrat. Monatelang gab es keine Straßenreinigung. Von den Brücken wurde der Kot massenhaft auf die Eisdecke der zugefrorenen Fleete geschüttet. Dort blieb er liegen, bis endlich Tauwetter eintrat und das Wasser allmählich den Schmutz fortschwemmte. Am 4. Juni (also fünf Tage nach der Befreiung) machte die Polizei bekannt, daß 14 Tage lang täglich zehn Wagen mit drei bis vier Pferden nötig seien, um die Hauptstraßen zu reinigen. Und acht Tage darauf forderte die Polizei fremde Bauern auf, aus den Gängen und Twieten den angehäuften Gassenkummer abzuholen.

Am 31. Dezember 1813 hatte Dänemark sich zu einem Waffenstillstand bequemt, dem 14 Tage später der Friede von Kiel folgte. Die Dänen traten Norwegen an Schweden ab und stellten sich auf die Seite der Verbündeten. Damit verlor Napoleon seinen letzten Bundesgenossen und sah sich im Herzen Frankreichs immer mehr in einen Verzweiflungskampf verwickelt. Auch in Hamburg verbreitete sich das Gerücht von der günstigen Wendung der Dinge im Norden. Der Marschall zeigte sich allerdings im Theater möglichst auffällig in freundlichstem Gespräch mit dem dänischen Gesandten, als wäre alles in bester Ordnung. Auch ließ er glänzende Bälle geben, um seinen Offizieren Abwechselung zu bieten. Eines Tages wurden die Damen der besten Hamburger Gesellschaft von Davout zu einem Ball geladen. Sie erteilten jedoch eine abschlägige Antwort und entschuldigten sich damit, daß keine Wagen zu bekommen seien. Der Marschall ließ seine Einladung durch Nachtwächter und Gendarmen wiederholen und stellte seine eigene Equipage zur Verfügung. Nun waren die Damen alle plötzlich krank geworden. – So erzählt man sich in Hamburg.

Es wäre nun die Pflicht Bernadottes gewesen, dem General von Bennigsen zu Hilfe zu kommen und endlich etwas Ernstliches gegen Davout zu unternehmen. Wenigstens mußte er ihm Belagerungsgeschütze zur Verfügung stellen. Aber der Kronprinz tat nichts von alledem, er hatte nur glatte Worte und höfliche Versprechungen. So mußte Bennigsen denn allein mit Davout fertig werden. – Die Russen hatten folgende Stellungen inne: Vom rechten Alsterufer bis zur Elbe kommandierte General Markof, sein Hauptquartier war in Rellingen. Vom linken Alsterufer bis Ochsenwärder befehligte General Dotorof. In Bergedorf stand auch die hamburgische Bürgergarde unter Mettlerkamp. Wandsbek war von den Franzosen geräumt worden. In Billwärder und Ochsenwärder waren zur Zeit eines hohen Wasserstandes der Elbe die Schleusen geöffnet worden, so daß alles Land, die wenige höher liegenden Stellen bei den Deichen ausgenommen, überschwemmt wurde später hatte man die Schleusen geschlossen, um die Insel unter Wasser zu halten. Dies dauerte noch den ganzen Frühling hindurch und fügte dem Lande unsäglichen Schaden zu. Die Russen hielten die Deiche von Ochsenwärder besetzt und verteidigten sie mit großer Tapferkeit, als der Feind von Moorwärder und Moorfleth aus wiederholte Angriffe machte. Moorfleth und Billwärder waren noch bis zur blauen Brücke in französischen Händen. Vor Harburg kommandierte General Stroganof. Später löste ihn General v. Arentsschildt mit der russisch-deutschen Legion ab. Gleichzeitig kam General Rossi von Magdeburg an und stellte sich bei Wandsbek auf.

Nun beschloß Bennigsen einen allgemeinen Angriff auf die vorgeschobenen französischen Stellungen und ersah dazu den 26. Januar, den Geburtstag der Zarin. Die Posten bei Moorfleth und im Billwärder Ausschlag (zwischen Bille und Elbe) wurden mit dem Bajonett erobert. In der ersten Wut wurden dabei alle Franzosen von den russischen Grenadieren niedergestochen. Das Dorf Hamm wurde bei Tagesanbruch erstürmt, obwohl der Schnee teilweise mannshoch lag. Ein lächerlicher Umstand kam den Russen zu Hilfe. Die französische Schildwache, die auf der Grenze von Hamm und Horn hinter einem Verhau stand, hatte sich von den Tapeten irgend eines abgebrannten Hauses einen großen Hut über den Kopf gemacht, um sich gegen den kalten Wind zu schützen. So konnte der Soldat wohl geradeaus die Horner Landstraße überblicken; aber ward nicht gewahr, daß russische Abteilungen nachts zu beiden Seiten ihn umgingen. Eine andere Abteilung ging auf die Kirche los. Auf dem Kirchhof leisteten die Franzosen Widerstand; doch wurden sie teils niedergemacht, teil gefangen genommen und die übrigen in den Hammerbaum hineingejagt. Die ganze Straße war bedeckt mit Mützen und Kokarden, weggeworfenen Flinten, Bajonetten und Degen. Die Einwohner nahmen sich manches davon und trugen es als Trophäe nach Hause. Bei der Kirche sah es schlimm aus: da lagen mehrere tote Franzosen, die Züge vom Todeskampfe entstellt. Die Häuser auf dem Hammer Deiche an der Bille ging an diesem Abend in Flammen auf, und die Bewohner mußten sich über das Eis der Bille auf weiten Umwegen zu den Russen retten. – Auch von Wandsbek aus und auf der Altonaer Seite wurde an diesem Tage blutig gestritten.

Wie gern hätte Bennigsen nun einen entscheidenden Schlag gegen Hamburg unternommen! Allein er hatte nur 24000 Mann vor Hamburg, und Bernadotte stellte nicht einen Schweden noch eine Kanone zur Verfügung. Vielmehr ließ er sein Heer bei Lauenburg und Blankenese in kleinen Abteilungen über die Elbe gehen. Er selbst stattete dem General von Bennigsen in Pinneberg einen kurzen Besuch ab, um – seinen Truppen zu folgen und an den Rhein zu gehen. Er sah sich bereits im Geiste auf dem Thron der Bourbonen. Auch die hanseatische Legion marschierte von Rendsburg geradewegs nach Blankenese. Unterwegs traf sie in Holstein zahlreiche aus Hamburg Vertriebene, und es gab manch rührendes Wiedersehen. Die braven Leute hatten sogar, obwohl sie in Lumpen gingen und an allem Mangel litten, einen ganzen Monatssold für die Unterstützungskasse geopfert. Das hat ihnen der Kronprinz allerdings später ersetzt. Im Alten Lande erfreuten sich die Hanseaten eines Ruhetages. Dann ging’s nach Bremen; denn die Legion stand nun in hannoverschem Solde und mußte neu ausgestattet werden.

Am 9. Februar griffen die Russen Wilhelmsburg an, den schwachen Punkt in Davouts riesiger Befestigung. Die erste Kolonne drang noch vor Tagesanbruch von Ochsenwärder über die zugefrorene Elbe und eroberte mit dem Bajonett die entgegenstehende Batterie. Die zweite Kolonne sollte vom Billwärder Ausschlag her die Elbe überschreiten und sich in der Mitte von Wilhelmsburg mit der ersten Kolonne vereinen. Die hamburgische Bürgergarde hatte die Führung, weil sie am besten die Wege kannte. Allein auf dem Eise zeigte sich starkes Tauwetter, und der russische General wollte ohne bestimmten Befehl nicht den Umweg machen, den ihm die Hamburger anrieten. So verstrich die kostbare Zeit, und die erste Kolonne wartete vergeblich auf die versprochene Unterstützung. Die dritte Kolonne, bei der sich auch Graf Bennigsen befand, marschierte von Teufelsbrück auf der zugefrorenen Elbe, umging die feindlichen Posten auf den Inseln Dradenau und Waltershof und richtete ihren Hauptstoß gegen die Inseln Roß und Neuhof. Sie erstürmte mit dem Bajonett eine feindliche Batterie – es sollte nicht geschossen werden; denn einige Abteilungen machten gleichzeitig von der Landseite einen Scheinangriff auf Hamburg und zogen die Aufmerksamkeit der Besatzung auf sich. Nun erreichte die erste Kolonne die große Verbindungsstraße und vereinigte sich mit der dritten Kolonne. Der Feind aber, inzwischen gewarnt, kam von Hamburg und Harburg heran. So wurde der Kampf des Abends abgebrochen, und die Russen kehrten in ihre Quartiere zurück. Sie hatten 15 Offiziere und fast 400 Mann verloren. Die Franzosen beklagten die Generale Osten und Romé sowie drei Obersten, viele Offiziere und etwa 1000 Mann. Außerdem verloren sie zahlreiche Gefangene und 12 Kanonen. Die Russen freuten sich am meisten über sechzig Oxhof Wein und andere Lebensmittel, die ihnen zur Beute fielen.

Am 17. Februar unternahmen die Belagerer einen ganz ähnlichen Angriff auf die Wilhelmsburger Verbindungsstraße. Diesmal waren die Vorposten auf der Hut und alarmierten durch Feuersignale die Besatzungen. Dennoch konnten sich die Verbündeten vereinigen und den Feind unter die Kanonen seiner beiden Festungen zurückwerfen. Umsonst leitete der Marschall Davout wie immer persönlich einen Ausfall. Er kam nicht über die Deiche der Veddel hinaus. Nach Harburg zu glückte es den Russen sogar, einen Teil der Brücke abzubrennen. Dort wurden sie von Moorburg und Neuland her durch die Truppen des Generals Arentsschildt kräftig unterstützt. Seitdem verlief kaum ein Tag, an welchem nicht Plänkeleien stattfanden, die den Franzosen immer empfindlichen Schaden zufügten. Solange das Eis hielt, konnten die Russen ungehindert die weite Fläche zwischen Norder- und Süderelbe durchziehen. Durch ihre fortgesetzten Neckereien verminderten sie die französischen Streitkräfte und hielten sie beständig in Atem.

Während sich die Russen draußen wacker abmühten, der Stadt Herr zu werden, stieg bei den Belagerten die Not immer höher. Die Lieferungen an die Franzosen nahmen kein Ende und sollten mit größter Geschwindigkeit geleistet werden. Auch das Eigentum der Ausgewanderten wurde nicht geschont. Die Austreibungen hörten nicht auf. Nur Arbeitsfähige waren gesucht, um Schnee zu schaufeln und die Festungsgräben vom Eise freizuhalten. Auch mußten sie in den Hospitälern die Kranken pflegen. Die Soldaten durften nicht mehr das Holz, dessen sie sich bemächtigten, an die Bürger verkaufen. Diese mochten sehen, wie sie warm wurden. Ja es kam so weit, daß die Bürger von ihrem mühsam gesammelten Proviant abgeben mußten. Die Vorräte schmolzen zusammen, und die Preise der Lebensmittel wurden bei dem völligen Geldmangel unerschwinglich: Ein Spint Roggenmehl kostete 5 Mark (= 6 M. nach heutigem Gelde), Kartoffeln 2 Mark 8 Gr., ein Pfund Butter 4 Mark, Weizenmehl 1 Mark 2 Gr., ein Pfund Butter 4 Mark, Weizenmehl 1 Mark 2 Gr., Ochsenfleich 2 Mark, Pferdefleisch 8 Gr., ein Hühnerei 8 Gr., eine Steckrübe 6 Gr., Milch war überhaupt nicht zu bekommen.

Der Engel des Todes schwebte über der Stadt. Keine Laterne erhellte mehr abends die Straßen. Keine Kirchenglocke noch Glockenspiel ertönte mehr über den Dächern. Nur wenige Leidtragende durften durch das Steintor einem Sarge das letzte Geleit geben. (8) Die Zahl der verwundeten und sterbenden Krieger wuchs. Sobald Kanonendonner ertönte, mußte jeder Bürger die Straße verlassen. Der Gendarmen-Oberst Charlot ließ am Jungfernstieg ein altes Weib bei Wasserholen prügeln und einem armen Krüppel seine Bierflasche zerbrechen, weil sie nicht rasch genug nach Hause eilten. Man erzählte sich auch von mehreren verwundeten Männern und Frauen, die den Patrouillen zum Opfer gefallen waren. Schwieg der Kanonendonner, dann kamen die langen Züge der Verwundeten zurück, und die Bürger mußte selbst mit Hand anlegen, um sie zu reinigen und fortzuschaffen. Die Genesenden wurden den wohlhabenden Bürgern ins Quartier gelegt, damit sie sich dort besser wärmen und pflegen könnten. Auch mußten mehrere Häuser am Wall wegen der besseren Luft für diese Kranken sofort geräumt werden. Der Marschall nahm selbst vier Mann in sein Haus. Einen Hospitaldirektor ließ er wegen Veruntreuungen erschießen. In den Hospitälern wütete das Nervenfieber. Täglich wurden 60-70 Tote auf dem St. Jacobi-Kirchhof in St. Georg bestattet. Mancher kranke Soldat versteckte sich in der Kaserne, um der Todesstätte zu entgehen. Die Hamburger Ärzte mußten ihre Dienste den Bürgern entziehen, und mancher von ihnen erlag selbst der Ansteckung. Es war ein großes Glück, daß die Stadt von Seuchen ziemlich verschont blieb.

Zwei Begräbnisse erregten besonderes Aufsehen. Am 18. März erlag der General von Osten seiner Wunde, die er vor einem Monat auf Wilhelmsburg empfangen hatte, und wurde mit großem Gefolge beerdigt. Am 24. starb Graf Chaban am Hospitalfieber, das er sich bei einem Besuch der Verwundeten geholt hatte. Der Prinz schickte seinem Freunde im eigenen Wagen einen Arzt; aber es war zu spät. Schon am dritten Tage fand die Beerdigung statt. Um 6 Uhr morgens erdröhnten die Kanonen von den Bastionen der Alster und den Außenwerken. Um 11 Uhr versammelten sich 2500 Mann auf dem Gänsemarkt. General Vichery, hoch zu Roß, führte das Kommando. Gleichzeitig erschienen alle Behörden in der A-B-C-Straße vor dem Sterbehause, um dem Verstorbenen das Geläute zu geben. Als der Zug sich in Bewegung setzte, fielen einige Kanonenschüsse. Neben der Bahre schritten der Marschall, die Generale Loison, Vatier und Thiebault, in der Hand je einen Zipfel des Leichentuches. Die ganze Prozession bewegte sich durch die Fuhlentwiete zur Kleinen St. Michaeliskirche. Beim Eintritt und am Schluß hörte man starke Salven. In der irche wurde das Totenamt gesungen. Der Sarg mit dem einbalsamierten Leichnam blieb dort in einer Gruft, bis er später in Frankreich beigesetzt wurde. Der Prinz von Eckmühl konnte sich der Tränen nicht erwehren, er wandte sich eiligst vom Grabe ab und suchte seinen Wagen auf.

Unter der Belagerung hatte auch die Stadt Harburg unendlich zu leiden. Sie lag als Zankapfel zwischen den feindlichen Parteien und wurde vom Schwarzen Berge und vom Schlosse aus völlig beherrscht. Als der Frost eintrat, mußten die Harburger jeden Tag 200, jede Nacht 60 Menschen stellen, um das Eis in den Gräben des Schlosses zu zersägen und wegzuschaffen. Am 20. Januar kamen die Befreier bis in die Stadt, und beim Rückzug besetzen sie die umliegenden Dörfer. Dagegen zündeten die Franzosen an den beiden folgenden Tagen das unterhalb gelegene Elbdorf Lauenbruch und das oberelbische Neuland an. Alle Häuser und Straßen in der Stadt, die das Vordringen der Russen begünstigt hatten, wurden niedergerissen. Das Dorf Heimfeld am westlichen Abhang des Berges dicht vor dem Walde, der Haake, ging in Flammen auf. Auch die späteren Kämpfe um Wilhelmsburg vermehrten nur die Leiden der Stadt, die Verwundeten wollten verpflegt, die 4000 Mann Besatzung beherbergt werden. ein Flügel des Schlosses war durch Unvorsichtigkeit abgebrannt, und von den 450 Häusern der Stadt stand nicht mehr viel. Dazu fehlte es an Lebensmitteln. Nur drei Kühe waren noch vorhanden, die ihre Milch den Kranken lieferten. Man fing an, Pferde, ja Hunde und Katzen zu essen. Ein ungeborenes Kalb, das sich in einer geschlachteten Kuh fand, wurde für 13 Taler 8 Gr. verkauft. Hunger und Elend nahmen überhand, und im Gefolge davon ansteckende Krankheiten.

Ende März trat Tauwetter ein, und der Eisgang begann auf der Elbe. Dadurch war Davout die ewige Sorge los, auf seiner Verbindungsstraße bedroht zu werden. Er wählte nun selber die Rolle des Angreifers und unternahm eine Reihe von Ausfällen in die Harburger Umgebend, bei denen ihm seine Brücke vorzüglich zustatten kam. Die Verbündeten meinten, er wolle gleichzeitig mit der Magdeburger Besatzung durchbrechen und mit dieser vereint an den Rhein vordringen. In Wirklichkeit kam es ihm darauf an, die Umgebung von Proviant zu entblößen. So grausam seine Mordbrennereien auch waren, er ergänzte dadurch seine erschöpften Magazine und nahm den Belagerern Quartiere und Vorratskammern.

Am 29. März erfolgte der erste große Ausfall nach Süden hin. Die Dörfer Eißendorf, Marmsdorf, Appelbüttel, die Häuser an der Seeve und was von Wilstorf noch übrig war wurden angezündet, nachdem alle Lebensmittel und Fourage in größter Eile geraubt worden waren. Die Einwohner konnten nur ihr Leben retten. Der folgende Tag führte die französischen Helden noch weiter in die Dörfer Sinstorf, Rönneburg, Meckelfeld, Glüsingen. Hier setzten sie dem Bauern wenigstens nicht den roten Hahn aufs Dach, sondern hielten sich an seine bewegliche Habe. Nun wollte Davout das Magazin der Verbündeten in Hittfeld nehmen; aber diesmal fand er heftigen Widerstand, so daß er vor dem Kattenberge umkehren mußte.

Jetzt richtete er sein Augenmerk auf das hamburgische Marschdorf Moorburg, das westlich von Harburg versteckt hinter dem Elbedeiche liegt. Ein Bataillon Lüneburger Jäger lag in dem Dorf seit dem Ende des Januar. Der äußerste Posten stand auf dem Deich nahe der Grenze und deckte sich hinter der sogenannten Moorburger Schanze, einer leichten Brustwehr, die aus zusammengefahrenem Miste und losgehauenem Rasen errichtet war. Der französische Posten stand, ähnlich geschützt, auf demselben Deiche, etwa 500 Schritt näher nach Harburg heran. Das Verhältnis der beiden Parteien war zeitweise ganz gemütlich gewesen: sie wechselten Zeitungen, Brief und tauschten Tabak für Wein. Doch waren die Moorburger den Kanonen des schwarzen Berges und der Blockhäuser auf der Brücke ausgesetzt. Davout hätte sie in der Frostzeit mit Leichtigkeit umgehen können. Als er am 1. April den Angriff unternahm, war die Elbe offen und die Wiesen schwer zu durchwaten. Nachmittags gegen 3 Uhr begann der Angriff, zu dem drei Bataillone von General Pecheux ins Gefecht gebracht wurden. Aber die braven Lüneburger unter Major von Klenke hielten die Brustwehr und ließen keinen Franzosen herüberkommen. Die Dorfbewohner brachten reichlich Erfrischungen für die Wackeren, die ihnen Plünderung und Brand fernhielten. Endlich in der Nacht schlichen 60 Freiwillige auf einem Umwege über die Wiesen und fielen den Franzosen in die Flanke. Moorburg war gerettet.

Nun bereitete Davout einen neuen Angriff vor. Er warf am Fuß des Schwarzen Berges eine Schanze auf uns legte ein paar Kanonenboote auf die Elbe. Dann führte er am 4. April selbst eine Kolonne auf dem Deich heran, eine andere unter General Vichery marschierte vom Schwarzen Berge aus. Allein die Russen hatten die Moorburger Schanze mit zwei Geschützen besetzt. Diese brachten die Kanonenboote zum Schweigen und empfingen die Kolonne auf dem Deiche mit Kartätschen. Auch die andere Kolonne wurde zurückgeworfen. Die Russen sahen es nunmehr energisch auf Harburg und Wilhelmsburg ab. Da erlebten die Harburger noch ein schreckliches Unglück. In der Osternacht vom 10. auf den 11. April durchstachen die Franzosen den Elbdeich oberhalb Harburgs. Die Fluten wälzten sich mit furchtbarer Gewalt über den großen, fruchtbaren Landstrich, der zwischen der Elbe und Seeve liegt. Auch die Schloßbrücke wurde von der Gewalt des Stromes zerstört.

Doch gerade als in den belagerten Städten das Maß des Leidens erfüllt war, verbreitete sich das Gerücht von dem großen Umschwung in Frankreich, Napoleons Abdankung und dem Einzug der verbündeten Herrscher in Paris.