COLLASIUS
Alina
Kuzborska
DAS BILD PREUSSISCH
LITAUENS IM 18. JAHRHUNDERT IM WERK VON K. DONELAITIS
Kristijonas Donelaitis
(1714-1780) wird heute für den Begründer der litauischen Nationalliteratur
gehalten. Er lebte und arbeitete in einer Region Ostpreußens, die
Preußisch Litauen bzw. Klein Litauen(1)
genannt wurde. Donelaitis hielt sich für einen Litauer, beherrschte
perfekt Litauisch, das im 18. Jahrhundert fast ausschließlich von
Bauern gesprochen wurde. Andererseits war er Ostpreuße, ein loyaler
Untertan des preußischen Königs. Auch seine Ausbildung verdankte
er dem preußischen Schulwesen. Er studierte Theologie an der Königsberger
Universität, war aber auch verpflichtet, als künftiger Pfarrer
einer litauischen Gemeinde die Kenntnisse seiner Muttersprache am Litauischen
Seminar (2)
zu erweiten. Deutsch war die Sprache, in der Donelaitis sich die Welt der
Bildung erschloß. Als Theologe beherrschte er außerdem Latein
und Griechisch. Mit seinem ausgeprägten Bekenntnis zur litauischen
Sprache und zur litauischen Ethnie schritt er ein Jahrhundert den Litauern
aus Groß Litauen voran, die erst Ende des 19. Jahrhunderts ihr nationales
Bewußtsein entdeckt und intensiv entwickelt haben.
Donelaitis nahm im
literarischen Kontext der Länder, die man heute als Mitteleuropa bezeichnet,
eine besondere Position ein. Er gehörte zur Epoche der Aufklärung,
deren Ideen sich auch in seiner Heimat, in Klein Litauen, verbreiteten.
Ein Nationalgefühl existierte jedoch in Preußen nicht mehr als
anderswo (3),
und in dieser Hinsicht erscheint Donelaitis' litauische Dichtung als ein
innovatives, zugleich aber auch widerspruchsvolles Werk. Neben einer bedingungslosen
Loyalität gegenüber dem König und der Tätigkeit als
Pfarrer einer deutschen und litauischen Gemeinde sprach der Dichter offen
Probleme der Koexistenz vieler Ethnien in Ostpreußen an. Er schrieb
litauisch in einem deutschen Staat (4),
seine Schriften waren die ersten literarischen Texte, die in dieser Sprache
entstanden. Das Werk von Donelaitis vereinigt Elemente aus verschiedenen
literarischen Epochen: seine deutsche Gelegenheitsdichtung wurzelt noch
stark in der Tradition der Barockliteratur, sechs litauische Fabeln gehören
zur Aufklärung. Sein Hauptwerk Die Jahreszeiten schrieb er
im Hexameter, dabei verwendete er aber ein neues metrisches Prinzip, das
in der für die litauische Sprache üblichen freien Akzentuierung
gründete.
I.
DONELAITIS - EINE PERSÖNLICHKEIT DER HETEROGENEN
KULTUR.
ZUM LEBEN UND WERK DES DICHTERS
Kristijonas Donelaitis
wurde 1714 in Lasdinehlen bei Gumbinnen in der Familie eines Kölmers
(Freibauern) geboren. Sein Leben und Werk wurde den Litauern erst ein Jahrhundert
nach seinem Tode bekannt. Das ganze 19. Jahrhundert dagegen interessierten
sich für das Werk von Donelaitis deutsche bzw. ostpreußische
Forscher: in dieser Zeit wurde seine Dichtung viermal in deutscher Sprache
herausgegeben(5).
Groß Litauen hat Donelaitis erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt,
seit dieser Zeit sieht man in ihm den Begründer der litauischen Nationalliteratur.
Der litauische Bauernsohn
Donelaitis bekam, was damals selten war, eine gute Ausbildung an deutschen
Lehranstalten. Die Grundschulbildung bekam er in Kneiphof an der Domschule,
in die er vermutlich 1731 eintrat. Am 27. September 1736 wurde er an der
Albertina immatrikuliert. Er wählte die Theologische Fakultät,
die sich damals unter einem starken pietistischen Einfluß befand.
An der Universität besuchte Donelaitis auch das Litauische Seminar,
das Pfarrer für die Kirchspiele ausbildete, in denen der Gottesdienst
neben der deutschen auch in der litauischen Sprache abgehalten wurde. Hier
soll er unter der Leitung von F. Schulz die Regeln der litauischen Grammatik
gelernt haben.
Nach dem Abschluß
des Universitätsstudiums begann für Donelaitis die berufliche
Tätigkeit in Stallupönen und später in Tollmingkehmen. Diese
preußisch-litauischen Kirchspiele wurden von Deutschen und Litauern
bewohnt, deswegen hielt Donelaitis den Gottesdienst in zwei Sprachen ab.
Er lebte in einer Umgebung von heterogenem Charakter: er sprach litauisch
mit den Bauern, deutsch mit den Vertretern der ostpreußischen Verwaltung
sowie mit den Freunden und zu Hause. Seine Frau war eine Deutsche. In den
"Allerley zuverlässigen Nachrichten...", die an einen Successor gerichtet
waren, schrieb Donelaitis über seine ersten Jahre nach dem Studium:
"Anno 1740 kam ich als Cantor nach Staluppenen; dieses geschähe mit
dem Ende des Julius. Anno 1742 wurde ich daselbst Rector und Ao. 1743 bekam
ich die Vocation nach Tolm. vor Pfingsten. Aus Mitleyden gegen die Schuljugend
blieb ich in Stalupp. bis an die Hundstage; und den ersten Hundstag ging
ich nach Königsberg. Den 17. Oktober wurde ich examiniert; den 21.
ordinirt; den 24 November am 24. Sonntag nach Trin. wurde ich in Tolm.
introducirt; den 1. Advent trat ich in der alten Kirche mein Amt an. Den
11. Oktob. 1744 heiratete ich. Ich hatte keine Kinder, worüber ich
mich immer gefreut habe, denn der Dienst ist mitelmäßig schlecht"(6).
Diese knappen Informationen erklären nur wenig aus dem Leben von Donelaitis
in Stallupönen, einem kleinen Städtchen, dem erst 1722 Stadtrechte
zuerkannt wurden. Während der großen Pest 1710-1711 starb der
größte Teil der Bevölkerung aus, die neuen Einwohner in
Stallupönen waren die Salzburger Emigranten (7).
Da in Ostpreußen die Stadtbevölkerung in der Regel aus Deutschen
bestand, kann man annehmen, daß Donelaitis zunächst drei Jahre
in einer deutschen Umgebung verbrachte.
Als Pastor einer deutsch-litauischen
Gemeinde blieb Donelaitis in Tollmingkehmen 36 Jahre bis zu seinem Tod.
Da in Ostpreußen das Amt des Pfarrers doppelt so lange wie in Westpreußen
bekleidet wurde (8),
war die lebenslange Anstellung von Donelaitis in der Gemeinde keine Ausnahme.
Donelaitis war eine
vielseitige Persönlichkeit. Außer der dichterischen und seelsorglichen
Tätigkeit, interessierte er sich für die praktischen Angelegenheiten
des Lebens: er machte Thermometer und Barometer, schliff optische Gläser,
baute Fortepianos, spielte auch darauf, war außerdem ein tüchtiger
Gärtner. Heute ist Donelaitis vor allem als Autor des Epos Metai
bekannt.
Der erste Herausgeber und Übersetzer ins Deutsche, Ludwig Rhesa, nannte
es "Das Jahr in vier Gesängen", der Untertitel lautete "Ein
ländliches Epos". Von dieser Ausgabe bürgerte sich der Titel
"Metai"
in
der litauischen Literaturgeschichtsschreibung ein. Donelaitis selbst gab
seinem Werk keinen Titel, die vier dargestellten Jahreszeiten hießen
bei ihm: Pavasario linksmybés (Frühlingsfreuden), Vasaros
darbai (Sommermühen), Ruderas gerybés (Herbstfülle), Ziemos
rüpescai (Wintersorgen). Es wird in der Forschung angenommen,
daß es in den Jahren 1760 bis 1775 entstand. Herausgegeben wurden
"Die
Jahreszeiten" jedoch erst 38 Jahre nach dem Tode des Dichters. Sie
müssen aber in Ostpreußen bereits vorher bekannt gewesen sein,
denn G. Pisanski erwähnte das Werk in seinem Entwurf einer preußischen
Literärgeschichte in vier Büchern. 1790: "Christian Donalitius,
Pfarrer in Tolmingkemen, der in einem, nachher in das Deutsche übersetzten
Gedichte von 659 Versen in ungereimten Hexametern, die vier Jahreszeiten
besungen, hat mit dieser Arbeit bey Kennern der Litauischen Sprache und
Poesie viel Beyfall gefunden" (9).
Das Schicksal der erwähnten 659 Verse ist bis heute nicht geklärt,
es ist zu vermuten, daß Donelaitis sein Epos viel früher abschloß
und es noch vor dem Tode herausgegeben sehen wollte.
Donelaitis schrieb
Gelegenheitsgedichte in deutscher Sprache, von denen nur drei erhalten
geblieben sind: Ihr Schatten schneller Zeit .... Der Gott der Finsterniß
.... Unschuld sei mein ganzes Leben .... Diese Gedichte sowie Donelaitis'
Briefwechsel (erhalten sind zwei Briefe: jeweils in deutscher und in litauischer
Sprache) sind ein Beweis für seine Anteilnahme am kulturellen Leben
Preußisch Litauens und Ostpreußens. Sechs Fabeln, die für
eine Vorarbeit am Hauptwerk gehalten werden, sind auch ein Teil der literarischen
Kultur der Region. Als Pfarrer und Dichter soll Donelaitis auch litauische
geistliche Lieder geschrieben bzw. aus dem Deutschen übertragen haben.
Anfang des 19. Jahrhunderts waren sie aber nicht mehr auffindbar. Erwähnt
wurden sie nur von Ludwik Rhesa im Vorwort zu dessen Ausgabe der "Metai".(10)
II.
"METAI", "DAS JAHR", "DIE JAHRESZEITEN"
EIN LITERARISCHES ZEITDOKUMENT DER PREUISSISCH LITAUISCHEN
KULTUR
1. Die Dorfgesellschaft in Preußisch Litauen
In den Jahreszeiten
wurden
Episoden aus dem Leben litauischer Bauern dargestellt. Es erschienen hier
Knechte, Mägde, Landarbeiter und Hirten, die bei den Gutsbesitzern
und Domänenverwaltern, im Text die "Herren" genannt, arbeiten müssen.
Neben der sozialen Differenzierung wurde im Text der Jahreszeiten die
ethnische hervorgehoben: die Herren waren Deutsche, die Scharwerker Litauer.
Donelaitis malte ein
realistisches Bild der preußisch litauischen Dorfgesellschaft, die
aus drei sozialen Schichten bestand: den größten Teil machten
die litauischen Scharwerker aus, zugleich waren sie die untersten in dieser
Gradierung. Zu der mittleren Schicht gehörten mehr oder weniger selbständige
Bauern, sie kamen in der Dichtung oft zu Wort, es waren Litauer. Die dritte,
am besten situierte Gruppe in den Jahreszeiten, bildeten die "Herren":
Amtsräte und Gerichtsherren, es waren ohne Zweifel Deutsche. Die wichtigsten
staatlichen Repräsentanten, die Amtsräte, wurden in der Dichtung
nicht immer positiv dargestellt. Damit wollte aber Donelaitis keine soziale
Verallgemeinerung vornehmen. Der amtierende Amtsrat in den Jahreszeiten
war
geizig und brutal - "Denn der Geiz dieses Amtsrats kannte keinerlei Grenzen"
(S. 106) (11)
er ließ den armen Prickus wegen Kleingeld totschlagen. Dies bedeutet
jedoch nicht, daß die Repräsentanten des preußischen Staates
die Untertanen straflos zum Tode verprügeln durften. In dieser Episode
kam zum Vorschein die bei Donelaitis beliebte Darstellungsweise - die Übertreibung:
da ein Schilling fürs verkaufte Getreide fehlte, ließ der geizige
Amtsrat den Bauern Prickus und auch andere, denen er am Verlust die Schuld
gab, verprügeln:
Daß
der Arme, nachdem kaum drei Tage verstrichen, dahinschied. Aber der Wachtmeister
auch, den schlug er aufs Ohr derart heftig, Daß er gleichfalls fünf
Tage lang krank im Bett liegen mußte (...) (S. 107-108).
Den verstorbenen Amtsrat
jedoch ließ der Dichter seine preußisch litauischen Bauern
beweinen. Aus ihren Mitteilungen erfahren wir, daß der selige Amtsrat
die Litauer niemals duzte, gut zu ihnen war., und wenn er sie loben wollte,
er das in ihrer bäuerlichen litauischen Sprache sagte. Die Erinnerung
an den guten Herrn blieb bei den Dorfbewohnern lebendig:
Ach, Herr Amtsrat, ach, warum bist du
uns vorjahrs gestorben! Ach, mit dir sind auch unsere Freuden alle gestorben!
(S. 42)
Anläßlich
des Prozesses gegen den frechen und faulen Docys, den die Bauern wegen
seiner dummen Taten und des ihnen zugefügten Schadens anklagten, wurde
zweimal eine staatliche Einrichtung, das Gericht mit den Gerichtsherren
in Königsberg, erwähnt. Der erste Streitfall wurde von den Gerichtsherren
bagatellisiert. Donelaitis sah die Ursache eines solchen Unrechts nicht
in der Arbeitsweise der preußischen Behörden, sondern in der
Verdorbenheit der Epoche: "...unsere Zeit jetzt/Alle vergossenen Tränen
mißachtet, höhnisch nur grinsend" (S. 83). Auch als Docys das
zweite Mal vor dem Königsberger Tribunal erschien, wurde trotz des
ordentlichen Prozesses mit den Zeugen kein Urteil gefällt. In seiner
"Verteidigungsrede" beschuldigte Docys die Herren, seine Worte klangen
wie ein sozialer Protest:
"Habt
doch ihr Herren uns Bauern öfter schon derart gepiesackt, Daß
wir künftighin Ratten und Mäuse zu fressen gezwungen".
(S. 104)
Im Zusammenhang mit
dem Gericht wurde auch mehrmals der preußische König als Staatsoberhaupt
erwähnt. In der Zeit der Tollminkehmer Lebensperiode von Donelaitis
regierte Friedrich der Große, der die Politik seines Vaters, Friedrich
Wilhelm I., fortführte. Der König erschien im Werk von Donelaitis
ausschließlich als guter Verwalter des Landes, der sich um dessen
wirtschaftliche Angelegenheiten kümmerte. Weiterhin wurde er auch
bei Abgaben erwähnt, die die Schulzen nach Königsberg bringen
sollten. Donelaitis zeigte eine echte, keinesfalls vorgetäuschte Treue
zum preußischen König: "die Geschäfte des Königs und
jeder gebotenen Arbeit/Soll ein jeder sich annehmen, wie es die Pflicht
ist der Dieners" (S. 42). Vom König hing auch die materielle Existenz
der Bauern ab:
Was aber wird dann aus uns, wenn wir nicht
mehr fürs Tagewerk taugen
Und für den König nicht
mehr, was nötig, zu schaffen vermöchten (S. 109).
Eine besondere Gruppe,
die in der Dichtung auftrat, wenn auch sehr klein und nur am Rande erwähnt,
war die Dorfintelligenz: die Lehrer und Pfarrer. Sie selbst kamen nicht
zu Wort. Über sie unterhielten sich einige Bauern, unsympatische und
ungebildete Leute. Ihre Kritik war jedoch unbegründet. Donelaitis
gab dem Leser zu verstehen, es seien Leute, die selbst nicht lesen konnten.
Zu den öffentlichen
Vertretern der Dorfgemeinschaft, die die oberste und mittlere Bauernschicht
bildeten, gehörten die Dorfschutzen, Förster, Forstwarte und
Wachtmeister. Der Schulze Prickus war einer der wichtigsten Personen der
Jahreszeiten.
Seine Amtspflicht bestand darin, die Scharwerker auf dem Feld zu beaufsichtigen,
ihnen Ratschläge und Anordnungen zu geben. Der Wachtmeister führte
die Befehle seines Vorgesetzten aus, gehörte zu den untersten Repräsentanten
des Staates.
Als die größte
gesellschaftliche Gruppe erschienen aber die Scharwerker. Das Scharwerk,
eine harte Fronarbeit auf Feldern und Wiesen, auch in Stall und Scheune,
die von den Männern und Frauen zu jeder Jahreszeit geleistet wurde,
bestimmte die Lebensweise der Preußisch Litauer. Jede Arbeit wurde
geleistet: Mist gefahren und gestreut, gemäht und gedreht - bei Hitze
und Kälte und noch beim kargen Essen. P.D. Girdzius äußerte
sich in einem Essay über die Lebensweise der Donelaitischen Bauern:
"Das Scharwerk war wie Elend, einheitlich und organisch. Aus dem Scharwerk
entstand Poesie. Das Scharwerk war das Leben"(12).
Donelaitis schilderte oft die Szenen des Essens: üppiges Mahl während
der Hochzeit bei Krizas, als 3 Kühe, 2 Ochsen, viele Schweine und
Schafe geschlachtet wurden und vom Geflügel kaum ein einziges Huhn
geblieben war (vgl. auch das Tauffest bei Plauciünas). Diese realistischen,
ja sogar naturalistischen Szenen wirkten als Kontrast zu dem kargen Essen
der Scharwerker, wenn während des schwierigen Arbeitstages wohl wegen
Hungers die Nahrungsmittel gestohlen wurden. Mit Ekel sprachen die litauischen
Bauern über die Eßgewohnheiten der Herren, die solche Speisen
wie Frösche (so nannten sie die Austern) und andere ihnen unbekannte
Tiere aßen. Mit Stolz ließ sie Donelaitis aber über ihre
litauischen Speisen sprechen, die zu Nationalgerichten geworden waren:
Kissel, Erbsengemenge, Alus, schmackhaftes Brot und Würste, die auch
die Ausländer zu schätzen wußten.
2. Die Preußisch Litauer und die Fremden in der
Dichtung
Donelaitis griff in
seinem Werk ein damals schon aktuell gewordenes Thema des Verhältnisses
der Litauer zu anderen Ethnien auf, in erster Linie zu den Deutschen, aber
auch zu den Schweizern und Franzosen, die als "Kolonisten" apostrophiert
wurden. In diesen "Fremden" sah der Dichter eine Bedrohung für die
einheimische litauische Bevölkerung. Es war für den Pfarrer Donelaitis
ein äußerst wichtiges Problem, darum vertraute er die Äußerungen
zu dieser heiklen Frage den positiven Helden der Dichtung: Selmas, Krizas,
Lauras u.a. Das litauische Volkstum wurde durch das stärkere deutsche,
das höher in der Zivilisationsgradierung stand, verdrängt.
Den Gegensatz zwischen
den preußisch litauischen Bauern und den Deutschen schilderte Donelaitis
auf zwei Ebenen: 1. auf der ethnisch-moralischen, geprägt durch
die Eigentümlichkeit der Sprache und der Sitten, 2. auf der sozialen,
die
sich in den Oppositionen Bauer-Herr und Dorf-Stadt äußerte.
Bei Donelaitis wurde
die Gefahr der Entnationalisierung der Litauer auf der unpolitischen Ebene
signalisiert, es hieß "sich von den Fremden nicht beeinflussen zu
lassen". Die Distanz zu den Fremden entstand also auf der sittlich-moralischen
Ebene, sie betraf die Sprache, Bräuche, Haus-, Kleidungs- und Eßkultur.
Die erste Gefahr bestand in der Annäherung der Litauer an die Deutschen,
wenn man bemüht war, ihre Sitten zu übernehmen. Hier bedeutete
der Verzicht auf litauische Trachten viel mehr als nur Mode, es war das
Aufgeben des Litauertums:
Aber als dann die Welt sich aufs Blenden
und Protzen verlegte
Und die Litauer sich mit den Deutschen
zu mischen begannen,
Sieh, da verwandelten sich in Nichts
alsbald auch die Sitten,
So daß die Litauer Burschen
die Bastschuh, die sorglich gefertigt,
Unsere Mädchen auch nicht die
bunten Marginnen mehr mochten. (S. 45-46).
Im strengen Konservatismus
erblickete Donelaitis die Rettung für die Litauer. Anstatt jeden Tag
Fleisch zu essen, sollten sie typisch litauische Speisen kochen. Der Bauer
Selmas sehnte sich auch nach den vergangenen "lieben Altlitauer Zeiten,
da die Pruzzen noch nicht die deutsche Sprache verstanden" (S. 85). Seiner
Ansicht nach ging das böse Beispiel aber nicht nur von den Deutschen
aus, sondern auch von den Schweizern und Franzosen. Die frühere Frömmigkeit
der Litauer, der Kirchenbesuch und das Leben nach religiösen Vorschriften,
wurden jetzt von der französischen bzw. deutschen Mode verdrängt.
Dazu rechnete Donelaitis Kneipenbesuch, Spiel, Tanz, Trunk, Zank und Streit.
Selmas sah den Grund des sittlichen Verderbens in der Zeit, "seit der Schweizer
und auch der Franzose Litaun bekamen" (S. S3). Besonders scharf wurden
aber Deutsche als Fremde in der preußisch-litauischen Heimat von
Donelaitis kritisiert. Prickus beschuldigte sie der Gottlosigkeit, wobei
manch Deutscher "sich erdreist, die Herrn wie die Bauern stets überzulegen",
es sei aber normale Sache für sie, denn "das steckt von Geburt her
in ihnen" (S. 97). Außerdem sahen sie auf die armen Litauer herab,
hielten sie für Lümmel. Selmas' Kritik war noch schärfer,
er beschuldigte die Deutschen, daß sie stehlen und fluchen (S. 88),
bezeichnete sie als "dumm" (S. 53). Diese Kritik wußte als ein Versuch
von Donelaitis gewertet werden, zur Selbstbehauptung der litauischen Bauern
beizutragen. Lauras warnte seine Landsleute, nicht den unchristlichen Gewohnheiten
der Deutschen zu folgen. Leider fand sich mancher Litauer,
Der zwar litauisch spricht, auch tanzt
nach Litauer Weise,
Aber gleich einem waschechten Deutschen
uns Schande bereitet.
Wohl gibts auch viele bei uns, die
wenn sie voll sich gesoffen,
Deutsche Lieder zu singen und deutsch
zu schimpfen gewohnt sind
Und wie Deutsche stets Tag für
Tag in die Kneipe spazieren. (S. 75)
So war die Gefahr,
die die Deutschen für die Litauer darstellten, nicht nur auf die Kultur
(Sprache) beschränkt, sie galt auch der Moral. Die Unmoral ging von
den Fremden aus. Fremd waren aus der Sicht eines Preußisch Litauers
diejenigen, die sich sprachlich unterschieden, sich anders kleideten und
eine andere Lebensweise führten. Die Distanz wurde immer größer,
wenn andere Gegensätze thematisiert wurden: das bäuerliche Litauertum
und die Deutschen als Herren und Stadtbewohner. Deutsche Bauern beschrieb
Donelaitis mit einer gewissen Zurückhaltung, aber nicht immer negativ.
Die Wertung der deutschen Bauernsfrauen war bei ihm zwiespältig: einerseits
sollten die Litauerinnen sie nicht nachahmen oder ihnen ähnlich zu
sein versuchen:
Ach wohin seid ihr geschwunden, ihr unsere
ehrwerten Zeilen,
Da die Litauer Frauen noch deutsche
Kleider nicht trugen
Und sie die deutschen Worte noch nicht
zu sprechen verstanden? (S. 54)
An der anderen Seite
war das Bild der deutschen Frauen, im Gegensatz zu dem der Männer,
positiv. An ihnen sollten sich die Litauerinnen Beispiel nehmen; sie halfen
bei der Feldarbeit, sie zogen fleißig Flachs und verarbeiteten ihn
im Winter am Spinnrocken und Webstuhl zu Hemden, Hosen und Röcken.
Sie verstanden es auch, die Gaben des Waldes zu sammeln, sie für den
Hausgebrauch richtig zu nutzen und mit manchem Profit in Königsberg
zu verkaufen.
Scharf kritisiert
wurden neben den Deutschen auch die Franzosen. Lauras nannte sie voll Wut
"Franzosengesindel", denn sie grinsten und scherzten ständig über
die biederen Litauer. Er warf ihnen Undankbarkeit vor, aßen sie doch
gerne litauisches Brot, Speck und geräucherte Würste und tranken
Bier. Am liebsten sähe sie Lauras, daß sie geblieben wären,
woher sie kämen, wo sie "Kröten und Frösche zu fressen"
lernten. Auch die Litauerinnen eiferten dem französischen Beispiel
nach, indem sie "auf Französischparlieren verfielen", wodurch sie
ihre Arbeit ganz vergaßen. Merkwürdigerweise erwähnte Donelaitis
die Salzburger Protestanten nicht, die in Preußisch Litauen angesiedelt
wurden. Sie konnten von Donelaitis nicht unbemerkt geblieben sein, man
kann aber vermuten, daß er sie wegen der Sprache für Deutsche
hielt.
Andere Nationalitäten,
wie Polen, Russen, Juden, wurden nur am Rande erwähnt, Donelaitis
kritisierte sie nicht, nur manchmal nannte er sie "Gauner". Sie waren keine
Einwanderer, sie trugen zusammen mit den Litauern zum eigenartigen Kolorit
der Region bei. Diese Gruppen waren nicht so zahlreich wie die Litauer,
konnten sie nicht beeinflussen, waren für sie also nicht gefährlich.
Fremd waren nicht
nur die ethnischen Nichtlitauer, sondern auch die Stadtbürger. Diese
soziale Differenzierung verstärkte die Tatsache, daß die deutschen
Städter auch einer Herrenschicht angehörten. In Preußisch
Litauen war das große Grundeigentum schwach vertreten. Die Litauer
kamen also vorwiegend mit der preußischen Verwaltung in Berührung,
die sie als "Herren" auffaßten. Der Schultheiß Prickus, der
in Ausübung seines Amtes oft in der Stadt war, erzählte über
sein Erlebnis in der Küche des obersten Rates, dem er einen Brief
überbringen mußte. Er war über die Eßgewohnheiten
der
Herren erschrocken, denn sie aßen verschiedene ekelhaften Speisen,
wie Kröten, Habichte, Hasen mit den Würmern u.a. Prickus konnte
es nichts anders als mit dem Ausruf bewerten: "Aufgedunsene Dickbäuche,
o ihr gottlosen alle" (S. 72). Von der Stadt ging die Verdorbenheit der
Menschen aus, die neue Mode, neue Ideen, die der lutherische Pfarrer nicht
verstand und deshalb heiß bekämpfte. Diese Übel bezeichnete
Donelaitis als Folge der "gottlosen Zeiten", wenn die Diener, dem Beispiel
der Herren folgend, "zur Hölle rannten". Mit der Epoche der Aufklärung
kam ein neues Denken und eine neue Lebensweise in die Häuser der gebildeten
Städter: die tradierte Frömmigkeit blieb im Schatten der Bildung
und der weltlichen Literatur, die Hofkultur ließ mehr Freiräume
für den einzelnen zu, die Rolle des Theaters wuchs. Den neuen Geist
der Zeit verurteilte Donelaitis besonders stark:
Gott
und sein Wort und alle die Schönheiten unserer Kirchen, Fromme und
liebe Lieder, dazu unsere guten Gebete, Stinken solch bösen Gesellen
wie der Gestank auf dem Misthof. L'hombrespiel und Komödien haben
die Herren verblendet, Und seine Diener lachen und freun sich bei zuchtlosem
Huren. (S. 72)
Das Bild der Stadt
erschien Donelaitis wie ein apokaliptisches Geschehen. Er glaubte den Grund
für zwei verheerende Brände in Königsberg genau zu wissen:
"Wegen des Übermuts, schweren Sünden des Volkes" (S. 101). Die
Stadt beeinflußte die Bauern nur negativ. Sie änderten ihr Aussehen
und ihre Lebensweise. Aus der Stadt kam die Mode der Gottlosigkeit. Die
Stadt übte auf die Bauern einen Reiz aus, es war aber nur ein äußerer
Glanz:
Denn
solche Maulaffen, wenn sie die bunten Häuser nur sehen Und die glänzenden
Chaisen sodann vorbeirattern hören, Denken, daß jeder Herr,
der stattlich gekleidet einhergeht, Wie ein Engel im Himmelsich täglich
würde vergnügen. (S. 19)
Die Dorfleute und
die Stadtbürger kannten sich kaum, doch schon entstanden die Stereotypen,
die die Distanz vergrößerten. Die Städtler ekelten sich
vor den Bauern, die ihnen dumm und schmutzig vorkamen. Donelaitis verteidigte
die Bauern, unter denen es manchmal einen gab, der "oft einen großen
Herrn überragt an Verstand, ja an Weisheit" (S. 51).
Die Litauer betrachtete
Donelaitis als einheimische Einwohner des Landes. Den autochthonen Charakter
der Litauer erklärte Selmas, indem er sie einmal in die Gruppe der
gebürtigen Preußen, ein andermal in die der Litauer einordnete.
Diese auf den ersten Blick zwiespältige Teilung erklärte sich
aus der regionalen Zugehörigkeit der Litauer. Sie waren Preußisch
Litauer, hier geboren, sie sprachen und beteten in der Kirche in ihrer
Muttersprache, waren dem König von Preußen ergeben und gegenüber
dem Staat völlig loyal. Prickus` Klage über das Verschwinden
der "Altlitauer Zeiten" war ein Protest gegen Wandlungen, die sich in ihrer
tradierten Lebensweise vollzogen, gegen fremde Elemente, die alte Sitten
und Bräuche der Litauer verdrängten und die Menschen demoralisierten.
Donelaitis selbst identifizierte sich, trotz seiner deutschen Bildung,
aber wohl dank seiner litauischen Herkunft, mit den Litauern. Er sprach
von "unserem Litauen", "uns Litauern", in den Ansprachen nannte er sie
"liebe Litauer Landsleute und Freunde", emotionell gefärbt - "Herzensbrüder".
Zusammenfassend muß
gesagt werden, daß die Kritik an den Fremden und den Litauer zur
Warnung vor einem Leben diente, das die christlichen Gebote verletzte.
Die Unmoral der Litauer und der Deutschen war verschieden: den Litauern
eigneten Merkmale des materiellen Übels (Sauferei, Fluchen, Faulheit,
u.a.), während die Deutschen sich starke "geistige Sünden" zuschulden
kommen ließen: wegen der "Freigeisterei" und der Gottlosigkeit. Der
Hauptgedanke der Dichtung war das moralische Regulativ des Lebens. Im letzten
Abschnitt der Wintersorgen hielt der weise Selmas eine Art AbschluBpredigt,
in der man Donelaitis selbst erkennt, der hier seine Gedanken über
Gott, den Menschen und das Leben formulierte:
Aber
ohne Dich, Du unser liebe Vater der Himmel Können wir nichts empfangen,
was wir vom Frühling erwarten. (...) Sorg weiter, Vater im Himmel,
für alles, was wir bedürfen, Sorg wie ein Vater, wenn nur der
Frühling wieder zurückkehrt Und wir wieder auf Feldern redlich
schuftend uns quälen. (S. 114).
So schilderte Donelaitis
das Leben der preußisch litauischen Bauern. Das ganze Jahr arbeiteten
sie, kämpften gegen Hunger und Kälte, denn sie waren größtenteils
arm, sie gingen zur Kirche, weil sie fromm waren. Manchmal feierten sie
die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens, wie Hochzeit bzw. Taufe, wobei
man unangemessen viel aß und trank. Sie kritisierten die deutschen
Herren und gleichzeitig waren sie dem preußischen König ergeben.
Versuchten sie sich von den "Fremden" zu isolieren, waren sie doch von
ihnen stark beeinflußt. Die fremde (nicht litauische) Kultur war
für die Preußisch Litauern sehr attraktiv: sie konnten deren
Teil werden, denn sie begannen die Sprache der Fremden zu beherrschen.
Gleichzeitig bereuten sie den Untergang der alten litauischen Traditionen.
Die Sichtweise von Donelaitis war die eines Konservativen. Er dokumentierte
das unpoetische Leben der Litauer, denn er gehörte selbst dieser Ethnie
an. Er gehörte aber auch zu den "Fremden" durch die Bildung und den
Freundeskreis. Die Dichtung von Donelaitis ist im ideellen Sinne sehr wichtig:
Der Dichter spricht in einer vornationalen Zeit über nationale Gegensätze,
die erst Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Teil Europas zum Vorschein
kommen werden.
ANMERKUNGEN
1
Preußisch Litauen bzw. Klein Litauen
ist
eine historische Region in Ostpreußen, die sich immer durch einen
großen Anteil der litauischen Bevölkerung auswies. Diese Region
entwickelte ihre eigene Kultur, insbesondere das litauische Schrifttum.
Die Bezeichnung enthält aber auch eine gewisse Opposition zum eigentlichen
Litauen,
das
als Groß Litauen (das GroBfürstentum Litauen) bzw. Russisch
Litauen genannt wurde: nach der Teilung des polnisch-litauischen Staates
wurde Grob Litauen Rußland einverleibt. Die beiden Teile Litauen
verband nur die gemeinsame Sprache; Unterschiede waren zu verzeichnen nicht
nur im politischen Bereich, sondern auch in der Denk- und Lebensweise.
2
Das Litauische Seminar wurde 1718, das Polnische
Seminar 1728 an der Theologischen Fakultät der Albertina gegründet;
beide Seminare haben fast bis zum Ende der Universität Königsberg
bestanden.
3
H. Brunschwig, Gesellschaft und Romantik in Preußen
im 18. Jahrhundert, Frankfurt/M - Berlin-Wien 1976, S. 24.
4
Es sei dabei vermerkt, daß die Litauer in
Großfürstentum Litauen sich für Polnisch als Literatursprache
entschieden.
5
L. Rhesa, Das Jahr in vier Gesängen, Königsberg
1818; A. Schleicher, Christian Donelaitis Littauische Dichtungen, St.
Petersburg 1865; G.H.F. Nesselmann, Christian Donalitius Littauische
Dichtungen nach Königsberger Handschriften, 1869; L. Passarge,
Christian
Donalitius Littauische Dichtungen, Halle 1894.
6
Allerley zuverlässige Nachrichten, in:
Kristijons Donelaitis, Ras"tai, Vilnius 1977, S. 412-413.
7
V. Kuzmickas, Kristijonas Donelaitis, Vilnius
1983, S. 110.
8
Vgl. L. Rhesa, Kurzgefaßte Nachrichten
von allen seit 1775 an den evangelischen Kirchen in Ostpreußen angestellten
Predigern als die Fortsetzung der Arnoldtschen Presbyterologie auf Veranstaltung
des Königlichen Consistorium, Königsberg 1834, Vorbericht,
S. IV: "Wenn in Ostpreußen während 300 Jahren etwa 15 bis 20
Prediger bei einer Kirche gestanden haben, so beläuft sich die Zahl
der Geistlichen bei mancher Gemeinde in Westpreußen während
derselben Zeit auf 30 bis 40 Prediger".
9
G.C. Pisanski, Entwurf einer preußischen
Literârgeschichte in vier Büchern, Königsberg 1886,
S. 663.
10
L. Rhesa, Das Jahr... Vorbericht, S. XIX:
"Es befanden sich noch vor einigen Jahren derer
Einige in der Hand eines Freundes in Litthauen,
dem sie aber durch Ausleihen verloren gegangen
sind".
11
Kristijonas Donelaitis, Die Jahreszeiten, Nachdichtung
von Hermann Buddensieg, Wilhelm Fink Verlag München 1966. Die weiteren
Zitate stammen aus dieser Ausgabe.
12
P. D. Girdzius, Tos
pacios motinos sùnùs. Trys graudulingi essai - Kristijonas.
Antanélis. Adomas, Chicago 1981, S. 27.
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Universität Warschau, Erstveröffentlichung
XLIII, 2/96 KWARTALNIK NEOFILOLOGICZNY
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