St. Winkle

Paris am Vorabend der Französischen Revolution
Städtehygienisches und Sozialmedizinisches aus Merciers "Tableau de Paris"
 



Herrn Prof. Dr. med. Egill Snorrason (Kopenhagen) zum 70. Geburtstag in freundschaftlicher Verbundenheit gewidmet.

"Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."
Georg Wilh. Friedr. Hegel: Aus der "Vorrede" zur "Philosophie des Rechts" (1820).
Hegels subtile Worte charakterisieren besonders treffend die Situation des ancien régime. Zu den "Vögeln der Minerva", die damals in der hereinbrechenden Dämmerung zum Flug ansetzten, gehörte auch Louis-Sebastian Mercier (1740-1814). Fast zur gleichen Zeit, als Johann Peter Frank (1745-1821) sein mehrbändiges Lebenswerk "System einer vollständigen medicinischen Polizey" in Angriff nahm, hatte er in Paris an einem ähnlich umfangreichen Werk zu arbeiten begonnen: dem zwölfbändigen "Tableau de Paris", das zwischen 1781 und 1788 entstanden ist (1). Obwohl es sich fast nur auf soziologische Phänomene der französischen Metropole bezieht, ist es ebenso wie das enzyklopädische Werk des großen deutschen Arztes eine wahre Fundgrube für Kulturhistoriker und Sozial-, Städte- oder Gewerbehygieniker. Gleichzeitig ist es ein grandioses Sittengemälde der französischen Hauptstadt am Vorabend der großen Revolution.

"Wie ein Mosaik aus unzähligen bunten Steinchen", sagte einmal Taine, "so besteht auch sein (d. h. Merciers) Oeuvre aus zahlreichen genau beobachteten Details, die erst durch ihr Zusammenwirken dem Gesamtbild die verblüffende Leuchtkraft verleihen"(2).

In dem Vorwort hat Mercier seine Intentionen so präzisiert:

"Ich will von Paris sprechen - nicht von seinen Gebäuden, Kirchen, Denkmälern und Sehenswürdigkeiten: darüber haben sich genügend andere ausgelassen. Ich werde von seinen eigentümlichen Sitten reden, von allem, was mir in dieser bizarren Anhäufung verrückter und vernünftiger, dabei stets wechselnder Gebräuche aufgefallen ist; ich will ferner von seinem anstößigen Luxus sprechen . . . Ich habe Nachforschungen in allen Bevölkerungsschichten angestellt und keine ausgelassen - stehen sie auch noch so tief unter dem stolzen Überfluß - um durch solche Gegensätze die moralische Physiognomie dieser gigantischen Hauptstadt um so treffender zu zeichnen. . ." (3).

Mercier interessierte sich für alles: für Wasserversorgung und Abfallbeseitigung, Märkte und Gaststätten, Baugrundspekulation und Wohnungsnot, Hebammen und Findelkinder, Milchfrauen und Wasserverkäufer, Metzger und Wundärzte, Trödler und Spezereikrämer, Bettler und Diebe, Dirnen und Zuhälter, Krankenhäuser und Gefängnisse, Friedhöfe und Abdeckereien und was es sonst noch an mehr oder weniger Bemerkenswertem im Pariser Alltag gab. Nichts entging seinem scharfen Blick, und er notierte jahrelang, was er Tag für Tag beobachtete. Der kaleidoskopartige Charakter seines Oeuvres mit dem sprunghaften Wechsel der Themen von einem Kapitel zum andern spiegelt in Wirklichkeit nur die "anarchische Vielfalt der Riesenstadt" (G. Metken). Und wenn sein geistreicher, aber erzkonservativer Zeitgenosse Rivarol etwas abschätzig meint, das Werk sei "auf der Straße ersonnen und auf einem Prellstein geschrieben", dann hatte er damit garnicht so unrecht, denn Mercier, dieser "rasende Reporter des ancien régime", den seine "Neugier Tag und Nacht durch die Metropole trieb", meinte selbst: "Für das ,Tableau de Paris' bin ich so viel herumgelaufen, daß ich getrost behaupten kann, es mit den Beinen geschrieben zu haben"(4).

Als 1781 die ersten beiden Bände anonym im damals noch preußischen Neuchätel erschienen und man den Drucker wegen illegaler Einfuhr einer Anzahl von Exemplaren in Paris festnahm, gab sich Mercier sofort als Autor zu erkennen (5). Obgleich man auf eine Anklage gegen den damals schon weit über die Grenzen Frankreichs bekannten Schriftsteller und Dramatiker verzichtete, schrieb Mercier die übrigen Bände dieses überaus erfolgreichen Werkes vorsichtshalber in der Schweiz und kehrte erst mit der Revolution nach Paris zurück (6).

Wer war nun dieser ungewöhnliche Mensch, dessen programmatische Schrift "Neuer Versuch über die Schauspielkunst" (Goethe ließ sie 1776 von seinem Straßburger Freund Leopold Wagner ins Deutsche übertragen) einen so beachtlichen Einfluß auf die Dramaturgie der Sturm- und Drang-Zeit ausübte und dessen bürgerliches Schauspiel "La Brouette du Vinaigrier" ("Der Karren des Essighändlers") in deutscher Übersetzung nicht weniger als 13 Auflagen erlebte und noch 1798 von Goethe in Weimar (mit Iffland in der Titelrolle) aufgeführt wurde? (7). Mercier stammte ebenso wie Diderot aus dem Handwerkerstand. Er wurde 1740 als Sohn eines Waffenschmieds in Paris geboren. Bereits 1768 schrieb er den utopischen Roman: ,,L'an Deux mille quatre cent quarante, rêve s'il en fut jamais" ("Das Jahr 2440, der kühnste aller Träume"), den er zwei Jahre später anonym in Amsterdam veröffentlichen ließ (8). Als er diese Schrift, in der die Abschaffung von Adel und Privilegien, die Aufhebung von Leibeigenschaft und eine gleichberechtigte Behandlung aller vor dem Gesetz geschildert wird, im Jahre 1798 neu auflegte, konnte er im Vorwort mit Recht behaupten, er habe in diesem Buch die Französische Revolution vorausgesagt.

Der Held des Romans, 1768 in tiefen Schlummer gesunken, stellt beim Erwachen fest, daß er ein Greis geworden ist und fast sieben Jahrhunderte verschlafen hat. Befriedigt nimmt er zur Kenntnis, daß die Ideale der Aufklärung inzwischen verwirklicht worden sind. Es herrschen Vernunft und Toleranz, die Bastille ist bis auf die Grundmauern niedergerissen, das Feudalsystem abgeschafft. Aber auch in städtehygienischer Hinsicht hat sich der zivilisatorische Fortschritt überaus positiv auf den Pariser Alltag ausgewirkt: die Straßen sind breiter und sauberer, überall herrscht "mustergültige Ordnung", kein Verkehrswirrwar behindert mehr den Fußgänger, die Luft ist reiner; statt des rauchenden Dächerwaldes mit seinen Steilkaminen sind die Häuser mit flachen Dachgärten bedeckt, "voller Blüten und Duft". Das Buch ist der erste utopische Roman, der in der Zukunft spielt. Dieser Kunstgriff erlaubte es Mercier, seinen Lesern anhand des ihnen so vertrauten Paris den Kontrast zwischen der Gegenwart und der ersehnten Gesellschaftsreform besonders deutlich zu machen. Daraus erklärt sich auch der sensationelle Erfolg des Buches. Denn bis dahin hatten die Autoren utopischer Romane ihre Idealstaaten in noch unerforschte Gegenden der Erde verlegt (Thomas Morus, Campanella, Bacon) oder waren in den planetaren Raum ausgewichen (Godwin, Cyrano de Bergerac). Erst durch den Fortschrittsglauben der Aufklärungszeit entdeckte man die Zukunft als "vierte Dimension" der Utopien.

Doch wir wollen uns hier auf Merciers chef d'oeuvre "Tableau de Paris" beschränken, in dem er zehn Jahre nach dem Erscheinen seines utopischen Romans zu notieren begann, wie es damals tatsächlich in Paris aussah und was sofort zu verbessern wäre. Dabei sollen allerdings nur einige jener Kapitel erwähnt werden, die von städtehygienischem oder sozialmedizinischem Interesse sind.

"Wer sich von Paris ein Bild machen will", empfiehlt Mercier zu Beginn seines "Tableau", "der besteige die Türme von Notre-Dame... Ich übergehe die topographische Lage von Paris, desgleichen die Beschreibung von Baulichkeiten, Denkmälern und Sehenswürdigkeiten jeglicher Art . . . Ich interessiere mich nur für das menschliche Zusammenleben, für die Gesellschaft; um das übrige zu sehen, braucht man nur die Augen aufzumachen" (M. S. 9).

Es ist eine Stadt, die nicht nach Art des Hippodamos am Reißbrett geplant wurde, sondern im Laufe der Jahrhunderte "chaotisch gewuchert" ist.

"Man sieht es auf der Cité-Insel", erklärt Mercier von den Türmen der Notre-Dame, "daß diese Stadt wie zufällig aus dem planlosen Zusammenkommen einer Vielzahl von Häusern entstand. Jeder hat sich zunächst einen Platz im Umkreis der öffentlichen Gebäude, Kirchen und Plätze ausgesucht; niemals hat man an die Ausrichtung der Straßen und damit an die künftige Ausdehnung der Stadt gedacht. Daher die engen Plätze, die Winkel und Krümmungen, die schmalen Gassen . . . in denen Wagen kaum wenden können" (M. S. 29).


"Le Stryge".

"Der Teufel, der vom Turm der Notre Dame seit Jahrhunderten verächtlich und schadenfroh auf das Gewimmel in den engen Gäßchen unserer Stadt herabblickt, dürfte schon im voraus seine Freude daran haben, was uns noch erwartet"

(Delacroix in einem Brief vom 14. Juni 1849).

Obgleich es eine Verordnung gab, wonach die Gassen so breit sein mußten, "daß zwei Karossen aneinander vorbeifahren können", vermochte man sich, wenn plötzlich der Ruf "Platz da! Platz da!" erscholl, kaum in Sicherheit zu bringen. Was Mercier mit sarkastischem Seitenhieb auf die unfähige Verwaltung und sinnlose Rechtsprechung von den Verkehrsunfällen berichtet, wirkt unheimlich aktuell. "Das Fahren und Reiten", schreibt er, "verursacht zahlreiche Unglücksfälle, denen die Polizei mit größter Gleichgültigkeit zusieht.. . Ich verlor beinahe mein Leben.. . Dreimal bin ich zu verschiedenen Zeiten aufs Pflaster geschleudert worden und war in Gefahr, lebendig gerädert zu werden . . . Trotz täglicher Unfälle . . . kommt es zu keiner Besserung, da alle hochgestellten Beamten in Kutschen fahren und folglich die Klagen der Fußgänger mißachten. Die bedrohlichen Räder tragen daher den Reichen noch immer gleich schnell über das Pflaster dahin, das gerötet ist vom Blut unglücklicher Opfer. Das Fehlen der Gehsteige macht fast alle Straßen gefährlich . . . Hat euch ein Kutscher lebendig zermahlen, so untersucht die Polizei, ob mit dem Vorder- oder dem Hinterrad; der Kutscher steht nur für das Vorderrad ein. Kommt man unter die Hinterräder, gibt es keine Geldentschädigung für die Erben. Arme, Beine, Schenkel haben ihren genauen vorherbestimmten Preis..." (M. S. 41-42).


Jaques Callot
Bettler mit Krücken

Viele Krüppel und Beinamputierte, die als Bettler auf den Straßen herumlungerten, waren Opfer von solchen Verkehrsunfällen. Die meisten Überfahrenen starben nach Tenon an Erscheinungen, die auf Sepsis, Gasbrand oder Tetanus schließen lassen, was bei Verletzungen auf dem mit Pferdekot verunreinigten Straßenpflaster auch kein Wunder war.

"Im krassen Gegensatz zur Enge der (Pariser) Gassen", schreibt Mercier, "die so schmal sind, daß es durch den Wagenverkehr zu ständigen Stauungen kommt" (M. S. 28), stünde die "atemberaubende Höhe" der Mietskasernen. Nur zu berechtigt erscheint daher seine Frage: "Sollte man nicht solche Architekten verbannen, die eher für Schwalben statt für Menschen bauen?" (M. S. 34).

Sein Groll gegen "das maßlose In-die-Höhe-Schießen der Pariser Häuser" (9) ist um so verständlicher, da diese weder an eine zentrale Wasserleitung noch an eine Kanalisation angeschlossen waren.

"In manchen Vierteln haben die unglücklichen Bewohner weder Licht noch Luft. Andere beklagen sich, weil sie täglich viele Treppen zu steigen haben, so hoch wie die Jakobsleiter. Arme, die aus Sparsamkeit dort wohnen, müssen für das Herauftragen von Wasser und Holz teuer bezahlen. Andere zünden beim Mittagessen (am helligten Tag) Kerzen an" (M. S. 27).

Als der zweiundzwanzigjährige Mozart 1778 mit seiner Mutter nach Paris kam und dort - da der Zauber des Wunderkindes inzwischen verflogen war - zum ersten Mal "mit der nackten Not konfrontiert" wurde, hat seine Mutter die "Elende Unterkunft" in einem Mietshaus, mit der sie "Vorlieb nehmen" mußte, in einem orthographisch skurrilen Brief nach Salzburg so beschrieben:

". . wie in arest, welches noch darzue so dunkel ist, das man den ganzen tag die sohn (Sonne) nicht sehen kann und nicht ein mahl weis, was für ein wetter ist. Der Eingang und die stiegen ist so öng, das es ohnmöglich wahr, ein Clavier hinauf zu bringen. Der Wolfgang mues außer haus bey Monsieur le Gros componieren, weil dorth ein Clavier ist. Ich sehe ihn also den ganzen tag nicht und werde das reden völlig vergessen. ."(10)

Die Verschmutzung der Luft durch den Rauch und Qualm aus Tausenden von Schornsteinen muß damals schon erheblich gewesen sein; denn Mercier klagt, daß die Figuren an den dunklen Fassaden der Kirchen und Palästen schwarz wären, "als hätte man sie mit Ruß beschmiert" (11).

"Ich steige auf die Türme," berichtet er, "oh, welch eigenartigen Anblick bietet doch das gewaltige Paris von diesem hohen Blickpunkt her! Es atmet Rauch aus, als sei alles nur noch Rauch. Der gotische Charakter des Baues, seine geschwärzten Portale, die gewundenen Treppen, die von der Zeit zerfressenen Statuen: all das ruft mich in verflossene Jahrhunderte zurück." (M. S. 330) (12).

Auch was Mercier über die "Bauwut" in Paris berichtet, erweckt den Eindruck, als sei es heute geschrieben: "In den letzten fünfundzwanzig Jahren ist ein Drittel der Hauptstadt neu aufgebaut worden. Die Grundstücksspekulation blühte. Ganze Heerscharen von Maurern wurden aus dem Limousin angelockt . . ." (M. S. 30) (13). Die Spekulanten rufen Unternehmer herbei, die -den Plan in der einen, den Kostenvoranschlag in der anderen Hand, das Gemüt der Geldleute erhitzen. Die Gärten sind zu Stein geworden. Man erblickt hohe Häuser an Stellen, wo früher Gemüse wuchs . . . Aber trotz dieser Vielzahl neuer Gebäude sind die Mieten nicht gesunken . . ." (M. S. 31).... Denn der Zustrom aus den Provinzen ist sehr viel stärker als früher" (M. S. 32).

Die durch merkantilistische Maßnahmen bedingte Verelendung und Landflucht der Bauern im 18. Jahrhundert führte zu einem sprunghaften Anwachsen unbemittelter Massen in den Städten, die von den Saturierten als Mob, Pöbel oder Canaille bezeichnet wurden. Eine vom städtehygienischen Standpunkt aus verhängnisvolle Konsequenz dieser Entwicklung war die Zunahme verseuchter Elendsquartiere und die Entstehung übervölkerter Slums. Mercier ergeht sich aber nicht nur in der Schilderung von Mißständen, sondern er fordert auch ganz offen ihre Abschaffung.

Ein typischer alter Straßenzug im 2. Arrondissement von Paris

"Der Justizpalast", schreibt er, "wird jetzt neu gebaut. Oh, könnte man doch gleichzeitig die Kunst der Rechtsprechung erneuern, könnte doch mit diesen gotischen Mauern auch das verschlungene Gesetzbuch und jener barbarische Formelkram verschwinden, aus dem sich die Prozedur speist" (M. S. 32) (14).

In dem Kapitel über Bauwut und Bodenspekulation beanstandet Mercier das mangelnde Interesse am Krankenhauswesen:

"Während überall neue Theater aus dem Boden schießen man hat die Oper, die Comédie Française und das sogenannte Italienische Theater neu erbaut - bleibt das Hotel-Dieu zwischen seinen ungesunden Mauern eingezwängt" (M. S. 30) (15).

Am Beispiel des eher berüchtigten als berühmten "Hotel-Dieu", wo sich die Ärzte "morgens beim Eintreten einen essiggetränkten Schwamm vor die Nase halten mußten, um den pestilenzialischen Gestank der Krankensäle zu ertragen," erfahren wir, wie verheerend sich der Hospitalismus in den überfüllten Krankenhäusern des ancien régime ausgewirkt hat (16).

"Welch grausame Mildtätigkeit in unseren Krankenhäusern! Ein Tod, hundertmal trauriger und schrecklicher als jener, der den Bedürftigen erwartet, wenn er, sich allein überlassen, unterm eigenen Dach liegt. Haus Gottes wagt man es zu nennen! Die Verachtung der Menschheit scheint zu den Gebrechen hinzuzukommen, an denen man dort leidet. Man bettet den Kranken neben einen Sterbenden oder Toten . . . Die verschiedensten Krankheiten befinden sich unter derselben Decke, das geringste Unwohlsein verwandelt sich in ein grausames Leiden. Wer wagte den Fuß in ein Haus zu setzen, wo das Bett der Barmherzigkeit hundertmal schrecklicher ist als das nackte Lager des Notleidenden?" (M. S. 255-256).

Besonders schlimm war es um die Wöchnerinnen bestellt. Johann Hunczowsky, ein bekannter Wiener Arzt, der im Auftrag Josephs II. die Pariser Krankenhäuser besichtigte, sah bei einem Rundgang durch das Hotel-Dieu oft drei Wöchnerinnen in einem Bett, in einem Fall sogar eine Tote neben zwei Sterbenden. In 67 schmalen Betten zählte er 175 Patientinnen. Die Sterblichkeit der Wöchnerinnen war sehr hoch und betrug mitunter "zwei Drittel der Entbundenen". Der Pathologe Jaques Roué Tenon schilderte in seiner Denkschrift "Memoires sur les Hopitaux de Paris" (1788) für die königliche Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er war, auch die Geburtsabteilung am Hotel-Dieu. "Die schmalen Durchgänge zwischen den Betten machten die Reinigung unmöglich. Früh morgens um vier Uhr (die Zeit des "Bettenmachens") wurden auch in den Kreißsälen unter ungeheurer Staubaufwirbelung(!) die schmutzigen Strohsäcke zurechtgerüttelt oder auch mit frischem Stroh gefüllt(17).

"Man hatte gehofft, der letzte Brand des Hotel-Dieu würde sich zum Vorteil der Kranken auswirken und die Anlage eines geräumigen, gesünderen Gebäudes an anderer Stelle zur Folge haben. Aber fast alle früheren Mißstände blieben bestehen. Das Hotel-Dieu in Paris besitzt alle Voraussetzungen, um pestilenzialisch zu sein. Wegen seiner feuchten, selten erneuerten Luft gehen die Wunden hier rascher in Brand über . . . Skorbut und Krätze befallen den Kranken, sobald er länger bleibt. Die einfachsten Krankheiten führen infolge miasmatischer Ansteckungen zu schweren Komplikationen. Aus dem gleichen Grund sind geringfügige Wunden am Kopf oder an den Beinen in diesem Krankenhaus tödlich. Nichts beweist meine Behauptungen besser als die Zahl der Unglücklichen, die jedes Jahr im Hotel-Dieu von Paris und in Bicétre zugrundegehen. Ein Fünftel aller Kranken stirbt, und diese erschreckende Rechnung wird mit der größten Gleichgültigkeit hingenommen. Die Praxis und die Beobachtungen der Wissenschaftler haben erwiesen, daß jedes Hospital mit mehr als hundert Betten die schlimmste Pest ist" (M.S.55-257).

Noch schlimmer als im Hotel-Dieu sollen die Zustände in dem außerhalb von Paris gelegenen riesigen Krankenhaus "Bicêtre" gewesen sein, das ursprünglich als ein Heim für Invaliden errichtet, dann aber als verschärftes Gefängnis benutzt wurde. Mercier bezeichnete es mit Recht als ein "scheußliches Geschwür auf dem Leib der Gesellschaft".

"Niemand", klagt Mercier, "kann das Wort Bicêtre ohne ein Gefühl des Abscheus, des Schreckens und der Verachtung aussprechen, da es die Sammelstelle all dessen ist, was die Gesellschaft an Schmutzigem und Häßlichstem enthält" (M. S. 278).

Neben "Betrügern, Spitzeln, Gaunern, Dieben und Falschmünzern befinden sich in Bicêtre Dirnen und Geisteskranke" (M. S. 278). Noch ehe Pinel (1755-1826), der an der Salpêtriére (18) tätige Irrenarzt beim Konvent die "Befreiung der Geisteskranken von den Ketten und von der Gemeinschaft mit Verbrechern" beantragt und durchgesetzt hatte, protestierte Mercier in seinem Buch gegen die "rohe Behandlung" dieser Unglücklichen (19).

"Es ist empörend, am gleichen Ort neben Strolchen und Dirnen auch Epileptiker, Schwachsinnige und Geistesgestörte vorzufinden. Man bezeichnet sie als, ,gute Arme', aber man sollte sie doch von jenem verworfenen Haufen trennen, der mehr Widerwillen als Mitleid einflößt"(20) (M. S. 278).

Mercier berichtet, wie erschüttert Madame Necker, die Frau des Finanzministers, war, als sie selbst die Krankensäle besuchte:

"Im Franziskus-Saal herrschte ein Gestank, der den wohltätigsten Besucher würgte und zu betäuben drohte. Sie sah, wie die Unglücklichen hilflos in ihren Exkrementen zu sechst in einem Bett lagen . . . Es gab hier einen schauerlichen Saal, in dem sich fünf bis sechshundert zusammengepferchte Männer gegenseitig mit ihren Gebrechen ansteckten. Das Essen konnte nur mit aufgepflanztem Bajonett hereingebracht werden. Es war der abscheulichste, verderbteste und ruchloseste Ort, den es je gab . . . In diesem Abgrund der Verderbnis, wo die Lebenden Mund an Mund mit den Toten lagen, wurden die Unglücklichen scharenweise durch Infektionen dahingerafft" (M. S. 281-282).

Fast gleichzeitig mit dem Engländer Howard setzte sich Mercier für eine Reform des Strafvollzuges ein:

"Unsere Gefängnisse", schrieb er, "sind eng, ungesund, muffig und überfüllt. Will der Gefangene allein sein, muß er monatlich sechzig Franken für eine winzige, zehn Quadratfuß messende Zelle bezahlen. Alles ist doppelt so teuer wie draußen, und es scheint, als würde am Gitter eine Sondersteuer erhoben, um die Gefangenen noch tiefer ins Elend zu stürzen" (M. S. 315).

Mercier behauptete, man könne Bicêtre auf 400 Klafter Entfernung riechen (21). Der Gestank der Gefängnisse, dieser "unmenschlichen Modergruben", ließ erkennen, daß die Häftlinge in ihrem eigenen Unrat bei lebendigem Leibe verfaulten (22).

",Strohdrücker' nennt man jene Elenden, die in diesen unter irdischen Kammern vegetieren . . . Am Gefängnistor steht ein Dienstsarg für die verstorbenen Häftlinge. Die Barmherzigkeit des Staates gewährt ihnen keinen eigenen Sarg. Sie erhalten nur ein Bahrtuch. Dieser dickwandige und kräftige Sarg nimmt jeden Tag ohne Unterschied alle Toten auf. Manchmal - wenn es Halbwüchsige sind - enthält er ihrer zwei. Der Dienstsarg des Chätelet-Gefängnisses ist seit über 80 Jahren in Betrieb. Die Strohdrücker nennen ihn Pastetenkruste" (M. S. 316).

Aufgegriffene Freudenmädchen in Paris werden ins Hospital eingeliefert
(Kupferstich von Etienne Jeaurat).

Da "jede Pfarrei ihre Toten mit eifersüchtiger Sorge für sich beansprucht und man eines Dispenses bedarf, um etwas weiter weg zu verwesen", wie Mercier ironisch bemerkt (M. S. 274), leuchtet es auch ein, warum sich der Klerus so verbissen gegen eine Verlegung der "Kirchhöfe" vor die Stadtmauern sträubte. Er weist auf den berüchtigten Friedhof "Clamart" (23) hin, auf dem sich die Massengräber für die Armen "nie schließen, als wollten sie ganz Paris verschlingen" (M. S. 261). Dorthin werden die "Leichen, welche das Hôtel-Dieu täglich ausspeit, gebracht . . . Die Verstorbenen haben keinen Sarg. Man näht sie in Packleinen ein. Man holt sie sehr eilig aus dem Bett, und mehr als ein Totgeglaubter erwachte unter der hastigen Hand, welche ihn in das grobe Bahrtuch schlug, oder auf dem Karren, der ihn zum Friedhof brachte. Dieser schauerliche Karren fährt täglich um vier Uhr morgens vom Hôtel-Dieu ab und rollt in der Stille der Nacht dahin. Die Glocke an der Spitze weckt im Vorbeifahren die Schläfer auf. In Zeiten hoher Sterblichkeit rattert er zuweilen viermal in vierundzwanzig Stunden vorbei: er kann bis zu 50 Leichen aufnehmen. Man wirft die Leichname in einen breiten und tiefen Graben und streut ungelöschten Kalk darüber" (M. S. 260).

Mercier stellt eine Berechnung an und hofft, daß sie in einer Zeit, da man die Entstehung von Miasmen auch auf die Leichenverwesung zurückführte - ihre Wirkung nicht verfehlen würde.

"Binnen hundert Jahren", gibt er zu bedenken, "müssen zweimillionenfünfhunderttausend Menschen ihr Fleisch und ihre Knochen an einem Ort mit nur sechstausend Klafter Umfang betten, da es (in Paris) nur dreißig Friedhöfe zur Aufnahme dieser großen Anzahl von Leichen gibt" (M. S. 274).

Da man aufgrund der Miasmalehre die Massengräber der Schlachtfelder seit jeher für eine gefährliche Infektionsquelle hielt und befürchtete, "das andauernde massenhafte Verscharren von Leichen an begrenzten Orten", insbesondere in Epidemiezeiten, könnte die gleichen Folgen haben, forderte er eine Trennung von Kirche und Friedhof (24).

"Gewiß", warnte er, "hier gibt es keine Schlachtfelder, auf denen der Tod mit schrecklicher, durchdringender Stimme die Schlachtrufe vernehmen läßt: ,Soldaten, schließt die Reihen'. Aber die Reihen werden jeden Augenblick durch ebenso rasche und unsichtbare Schüsse gelichtet wie die von Kanonen" (M. S. 234).

Dabei verfiel er einem weitverbreiteten Irrtum seiner Zeitgenossen, indem er richtige Beobachtungen von CO2-Erstickung im Sinne der Miasmalehre mißdeutete und dabei "drei unlängst in Montpellier erfolgte Todesfälle nach dem Betreten einer Gruft" erwähnt (25).

Mit schonungslosem Sarkasmus enthüllte Mercier die Kommerzialisierung des Bestattungs-wesens durch den Klerus, was dessen verbissenes Festhalten an den Beerdigungen in den und um die Kirchen erklärt.

"Kondukt, Messe und Beisetzung werden der Kirche im voraus bezahlt. Es wird einem ein gedruckter Tarif vorgelegt, in dem man auswählt, wie viele Priester, Kerzen, Fackeln und Leuchter man will; ob man das kleine oder das große Geläut wünscht, alles ist genau berechnet. Fünfzig Franken für die Eröffnung eines Grabes, soundsoviel für die Sänger, soundsoviel für den Schmuck und die Decken des Hochaltars, soundsoviel für den kleinen oder den großen Chor, soundsoviel für den Seelsorger oder seinen Stellvertreter, soundsoviel für seine weißen Handschuhe . . . Man holt den Verstorbenen erst, wenn das Geld bezahlt ist. Es ist nicht erlaubt, Särge beim Händler selbst zu erstehen. Die Kirche hält sie auf Lager und nur sie allein darf sie verkaufen. Dies ist ein Wuchergeschäft, da sie allein an den Särgen fast die Hälfte des eigentlichen Preises verdient" (M. S. 276).

Während Thomas Morus in seiner "Utopia" den Schlachthöfen ihren Platz vor der Stadtmauer anwies, hatte sich in Paris wie auch in anderen europäischen Großstädten in dieser Beziehung nichts geändert.

"Die Schlächtereien", klagt Mercier, "liegen keineswegs außerhalb der Stadt oder an ihrer Peripherie, sondern genau in der Mitte. Das Blut fließt durch die Straßen und gerinnt unter den Schritten der Passanten, deren Schuhe gerötet werden. . . Das unter dem Hackmesser zerteilte Schlachttier wird Ladenschild und Ware zugleich" (M. S. 226-223) (26).

Der Friedhof Eglise des Innocents mit dem Beinhaus im Hintergrund.

Dieser übelriechende Friedhof, dieser "schreckliche Fleischfresser", den bereits Francois Villon in einer seiner Balladen erwähnt hat, diente während fünf Jahrhunderten wenigstans zwanzig Pfarreien.

Auf den Mauern konnte man, außer dem berühmten Totentanz, der sich über zehn Arkaden erstreckte, das Marmorskelett von Germain Pilon (1535-90) sehen, das sich heute im Louvre befindet.

Lithographie von Bayalas nach F. Hoffbauer.

Man denkt dabei nicht nur an das "provokante" RembrandtGemälde im Louvre "Der geschlachtete Ochse", sondern auch an die vielen Ratten, Mäuse und Fliegen, von denen damals besonders die Schlachthöfe wimmelten und gegen die weder die Katzen noch Giftköder etwas nützten. Von den erwähnten Schädlingen und Ungeziefern, die in der Epidemiologie der bakteriellen Lebensmittel-, insbesondere Fleischvergiftungen eine so große Rolle spielen, seien nur die Ratten erwähnt, denen Mercier nicht umsonst ein besonderes Kapitel gewidmet hat. Es heißt dort:

"Die Zahl der Ratten in Paris übersteigt die Vorstellungskraft. Den Winter über sind sie meist in den Holzstapeln längs der Seine-Kais verborgen . . . Wenn der Fluß steigt, dringen sie in die Keller ein und zernagen alles, was sie darin finden" (27). "Daher bedarf es in den am Wasser gelegenen Vierteln einer ganzen Katzenarmee, um dies Rattenheer zu bekämpfen" (M.S.217) (28).

Jean Marat (1744-93), der von Beruf Arzt war und sich seine (nur durch warme Bäder zu lindernde) Hautkrankheit in den Kloaken von Paris zugezogen haben will, wo er sich vorübergehend vor den Häschern des ancien régime verbergen mußte, erwähnt in einem Brief, daß in Paris die Kanalarbeiter und Kellerbewohner auffallend häufig an fieberhafter Gelbsucht leiden würden (29). Da wir heute wissen, daß Ratten meist mit hochinfektiösen Leptospiren verseucht sind und sie in ihrem Harn ausscheiden, ist es nicht schwer, in der von Marat erwähnten Gelbsucht eine Leptospirose, die sog. "Weil'sche Krankheit", zu erkennen.

Unter Hinweis auf die weitverzweigte Kanalisation Roms, deren berühmtester Teilabschnitt die Cloaca maxima war, übt Mercier heftige Kritik an der unzulänglichen Abwasserbeseitigung von Paris. Abgesehen von dem meist in der Straßenmitte verlaufenden offenen Rinnsal, in dem übelriechende Abwässer stagnierten, ergossen sich aus den zahlreichen Dachtraufen nicht nur bei Regen Sturzbäche von Wasser in die belebten Straßen, sondern oft auch Flüssigkeiten, die nach ihrer Beschaffenheit eher für die Gosse bestimmt waren.

"Die Bewohner der Mansarden und Speicher", berichtet er, "bedienen sich der Dachtraufen, um bequem ihren Unrat auszuleeren. Ohne daß ein "Gare l'eau!" ("Achtung, Wasser!") ertönt, wird man bei schönstem Sonnenschein plötzlich von oben durchweicht. Am üblen Geruch ist zu erkennen, welch unreine Flüssigkeit da herabregnete. Doch wenn dieser Unflat einmal durch die Dachrinne geflossen ist, hat es keinen Sinn, sich beim Kommissar zu beschweren. Es sei nicht aus dem Fenster geschüttet worden, antwortet er, folglich habe auch niemand Strafe zu zahlen" (M. S. 45-46).

In einer Zeit, als die Miasmatiker durch Geruchswahrnehmung der Infektionsgefahr auf die Spur zu kommen glaubten, beschrieb Mercier Paris als "ein Amphitheater von Latrinen, die eine über der anderen, ihren Platz gleich neben den Treppen, den Türen, den Küchen haben und allseitig den schlimmsten Gestank verbreiten"(30). Der größte Teil von Paris besaß damals noch keine Kanalisation (31), und der Inhalt überfüllter Fäkalgruben aus den Straßen und Stadtteilen, die an die Kanalisation nicht angeschlossen waren, wurde Woche für Woche nachts in Tonnenwagen nach den an der Peripherie errichteten Fäkaldepots (Dépotoirs au voiries) abgefahren, die "die Lichtstadt wie ein Kranz übelriechender Pestbeulen umsäumten" (Th. Gautier) und die berüchtigten "Odeurs de Paris" erzeugten. Die Wälder um Paris, die heute ihren Bewohnern zur Erholung dienen, waren bis zur Französischen Revolution Jagdrevier des Königs und des Hochadels und durften von Unbefugten unter Androhung drakonischer Strafen nicht betreten werden. Die verbliebenen, weder König noch Adel gehörenden Grünflächen in der unmittelbaren Umgebung von Paris waren mit den erwähnten übelriechenden Sammelgruben verunziert. Das älteste dieser Fäkaldepots war jenes von Montfaucon, wo sich im Mittelalter auch die Richtstätte und noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Pferdeschlächterei "für die Besitzlosen" (!) und die Abdeckerei befand (32). Von dieser berichtet Mercier:

"Einen scheußlichen, unerträglichen Gestank, schlimmer noch als das Ausleeren von Kotgruben, verbreiten die Pferdeabdeckereien. Es ist ein abstoßender Anblick von toten und abgehäuteten Pferden oder anderen Tieren, von Fellen, Gedärmen, Knochen und Fleisch, auf die sich ganze Hunderudel stürzen" (M. S. 228).

Alain Corbin, der in seinem 1982 in Paris erschienenen Buch, ,,Le Miasma et la Jonquille. L'odorat et l'imaginaire social XVIIIe-XIXe siècles", in epischer Breite eine Genealogie der berühmt-berüchtigten Gerüche von Paris zu entwerfen versucht, zitiert auch aus Merciers "Tableau de Paris" die wohl sarkastischste "Geruchsanalyse":

"Wenn man mich fragt, wie es ein Mensch hier aushält, in diesem dreckigen Schlupfwinkel aller nur denkbaren Laster und Übel, die sich vielschichtig übereinander häufen, inmitten einer von tausend fauligen Dämpfen vergifteten Luft, zwischen Schlachtereien, Totenäckern, Hospitälern, Abzugsrinnen, Urinbächen, Kothaufen, Fischläden, Färbereien, Lohgerbereien und Lederwerk-stätten, umgeben von dem dauernden Rauch unglaublicher Holzmassen und dem Dunst der verbrannten Kohle, von arsenik-, schwefel- und pechhaltigen Teilchen, die laufend aus den kupfer- und metallverarbeitenden Werkstätten ausgestoßen werden; wenn man mich fragt, wie ein Mensch in diesem Abgrund leben kann, wo die stickige, stinkende Luft so dick ist, daß man die Atmosphäre auf mehr als drei Meilen im Umkreis spüren und riechen kann; wo die Luft keinen Abzug hat und sich im Labyrinth der Häuser um sich selbst dreht; wenn man mich fragt, wie ein Mensch freiwillig in diesem Gefängnis verrotten kann, während doch jedes nach den Ansprüchen seines Herrn zurechtgestutzte Tier, wenn er es laufen ließe, allein vom Instinkt geleitet, zu den offenen Feldern entfliehen würde, um Luft, Grün und einen freien, nach Blumen duftenden Boden zu finden, so würde ich antworten, daß die Gewohnheit uns Pariser mit den feuchten Nebelschwaden ebenso vertraut macht wie mit den schädlichen Dämpfen und dem fauligen Schlamm"(33).

Doch mit der Geruchsbelästigung war das umweltfeindliche Sündenregister der Metropole noch nicht erschöpft. Zu einer Zeit, als es noch keine Motorräder, Autohupen, Preßlufthämmer, Düsenflugzeuge und Lautsprecher gab, empfand man vor allem das Peitschenknallen der Kutscher und das Glokkengeläut der vielen Kirchen als Lärmbelästigung.

"Welch ein Getöse!" klagt Mercier, "das Leben ist dort (in der Nähe von Kirchen) für einen Leidenden so gut wie unmöglich. Die meisten Glocken, die man zur Beerdigung, Messe oder anläßlich einer schlechten Predigt anschlägt, haben einen grellen, durchdringenden Klang. Man muß sich Watte in die Ohren stopfen, denn welcher geistig rege Kopf könnte bei solchen Mißtönen noch lesen oder schreiben? Des Küsters Kinder vergnügen sich damit, die Glocken zu läuten, obschon die Kirche leer ist. Währenddessen quält sich ein Kranker, weil ihm die Ruhe fehlt. Doch niemand wird die Sakristanssöhne bei ihrem Spiel stören. Selbst ein armseliger Sterbender würde beim Erzbischof vergeblich um eine friedliche Stunde des Schlafes einkommen. Da aber die Kirchenglocken getauft sind, sollten sie auch christlich sein und die Ruhe der Gläubigen nicht böswillig stören" (M. S. 338-339) (34).

Sein Kapitel über die Zunft der "Wasserträger" eröffnet Mercier mit den Worten: "On achète Feau ä Paris." ("Man kauft zu Paris das Wasser"). "Die öffentlichen Springbrunnen sind so selten und so schlecht unterhalten, daß man zum Flußwasser seine Zuflucht nehmen muß. Kein einziges Bürgerhaus ist genügsam mit Wasser versehen. Zwanzigtausend Wasserträger tragen von morgens bis abends zwei volle Eimer vom ersten bis zum siebten Stockwerk und oft noch höher hinauf. Der Eimer Wasser kostet zwei Sous (35). Wenn der Kerl kräftig ist, so macht er den Gang ungefähr dreißigmal des Tages . . . Das Wasser der Seine führt ab, sobald man nicht darangewöhnt ist. Die Fremden müssen daher fast durchwegs eine kleine Diarrhöe aushalten" ("Porteurs d'eau"(35a).

Die unzureichende Wasserversorgung war ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige Grund für die mit einer gewissen Hydrophobie verbundenen körperlichen Unsauberkeit der Barock- und Rokokozeit. Wenn man an die lächerlich kleinen Rokoko-Waschschüsseln von der Größe eines Suppentellers denkt, wenn man weiß, daß abgesehen von dem übermäßigen Schminken und Pudern das Baden und Waschen sogar am Hofe nicht üblich war (36), und daß selbst die Hofdamen in ihren turmartig hohen Frisuren lange Nadeln trugen, mit deren Herumstochern sie den läusebedingten Juckreiz zu beheben versuchten, so kann man sich vorstellen, wie ungeheuer erst die Verlausung bei den ärmeren Volksschichten sein mußte. Die Infektionsgefahr, die sich aus dem Geschäft des Trödlers und Lumpenhändlers ergab, war seit den Pestepidemien des Mittelalters bekannt, obwohl man von der Übertragung durch Rattenflöhe und Kleiderläuse noch nichts ahnte. Auch nach dem Verschwinden der Pest war die Rolle der Trödler und Lumpenhändler bei dem Verschleppen des fast ebenso gefährlichen Fleck- und Rückfallfiebers während der letzten Jahrzehnte des ancien régime nicht minder offenkundig. Deshalb wies Mercier besonders auf die Infektionsgefahren hin, die sich aus dem Pariser Trödlermarkt ergaben:

"Gegenüber jener prachtvollen Colonnade des Louvre", schrieb er, "die jeder Fremde bewundert, erblickt man an Bindfäden hängend eine Menge alter Lumpen, die im Winde schaukeln und ein scheußliches Aushängeschild darstellen. Es ist nachgewiesen, daß sich die Erreger verschiedener ansteckender Krankheiten vor allem durch Wollstoffe verbreiten. Anstatt sie zu verbrennen, verkauft man hier die alten Sachen derjenigen, die an Schwindsucht und anderen Übeln gestorben sind. Der Trödler erwirbt die Kleider zum Weiterverkauf, und das verpestete Gewand umschließt nun den gesunden Körper eines Unglücklichen, der sich durch die Berührung mit dem Stoff eine Krankheit zuzieht, die er vorher nicht hatte. Dieser unvorsichtige Kleiderwechsel hält im Volk eine Menge verborgener Übel am Leben, deren Herkunft man nicht einmal ahnt . . . Hier wäre eine segensreiche Polizeiverordnung angebracht, welche diesen ganzen Plunder einer Art Desinfizierung durch Räucherwerk unterzöge. Aber die Armut macht sich jene Fetzen streitig, die anderen Armen gehört haben, und der Handel mit solch elenden Kleidungsstücken hat wegen der niedrigen Preise starken Zulauf. Man kann sich davon überzeugen, wenn mehrere Käufer zugleich für ein bestimmtes unentbehrliches Kleidungsstück auftreten; selbst das dem Auge widerwärtigste bleibt nicht liegen" (M. S. 128-130).

In Zusammenhang mit den Tafelfreuden der Pariser weist Mercier mit feiner Ironie auf den ungeheuren Austernkonsum hin:

"Wenn Paris einst im Laufe der Jahrhunderte zerstört und kein Stein mehr auf dem andern geblieben ist, werden ein paar Forscher, die hier auf engstem Raum eine riesige Menge Austernschalen vorgefunden haben, die Auffassung vertreten, daß früher das Meer unser Gebiet bedeckte; und es wird viel Tinte darüber vergossen.. ." (M. S. 188).

Jean-François de Troy: Das Austernfrühstück
(Musée Condé, Chantilly)

Doch dann erhebt er den Zeigefinger und warnt vor den gesundheitlichen Gefahren:

"Obgleich gute Austern köstlich munden, können solche, die nicht mehr ganz frisch sind, zu Gift werden, und man sollte sie daher nicht vor dem ersten Frost, d. h. nicht vor November, nach Paris liefern. Hört man dort im Oktober ausrufen: ,Aus der Barke', könnte man genauso gut ,In die Charonsbarke' sagen"
(M. S. 190) (37).

Da sich die Austernbänke an den Meeresküsten gewöhnlich in den Mündungsgebieten von Flüssen befanden, nahmen diese Schalentiere aus dem mit menschlichen Abwässern verunreinigten Milieu Darmbakterien, darunter auch Typhusund Paratyphuserreger, auf. Bei warmer Witterung vermehrten sich diese Keime in den Austern schnell und führten dann bei den Konsumenten oft zu akuten Vergiftungen mit letalem Ausgang (38), worauf Mercier mit der Redewendung "In die Charonsbarke" anspielt. Während man bei akuten Fällen, bedingt durch massive Infektionen, den Kausalnexus zwischen Austerngenuß und Intoxikation mühelos erkennen konnte, war das bei geringfügigeren Infektionen der Schalentiere wegen der langen Inkubationszeit von Typhus bzw. Paratyphus kaum möglich. - Eine ähnlich verhängnisvolle Rolle wie der Austernhändler hat wohl auch der "Lakritzwasserverkäufer" gespielt.

"Er trägt", schreibt Mercier, "einen Kanister aus Weißblech auf dem Rücken. Seine Mütze ist mit Metallplättchen geschmückt, und er steckt in einer weißen Schürze . . ." (M. S. 60). "An seinem Gürtel sind zwei Becher angekettet . . . Er braucht seinen Hahn nur in regelmäßigen Abständen zu öffnen und zu schließen, und alle trinken aus dem gleichen Gefäß. Es auszuspülen, wäre zeitraubend und überflüssig . . . Langsam trinken ist nicht gestattet. Der Händler zieht dann an seiner Kette und mahnt auf diese Weise, daß noch andere warten . . . Es ist nicht die Schuld des Verkäufers, daß er lügt, wenn er sein "Frisch! Frisch!" ruft. Solange es geht, bewegt er sich im Schatten der Mauern. Doch ist es weit vom Fluß bis zu den öffentlichen Promenaden, und er kann nichts dafür, wenn die Sonnenstrahlen sein Lakritzwasser zum Kochen gebracht haben . . ." (M. S. 60-62).

Zweifellos enthielt das aus der Seine geschöpfte Wasser oft Krankheitserreger, die sich zwar bei höheren Temperaturen vermehrten, aber doch nicht so sehr, um eine akute Intoxikation auslösen zu können. So war man bei einer Typhus- oder Parathyphuserkrankung infolge der 2-3 Wochen währenden Inkubationszeit nicht mehr in der Lage, einen triftigen Verdacht bezüglich der Infektionsquelle anzugeben. In Anbetracht der Beschaffenheit des Seinewassers kann man sich vorstellen, welche Infektionsgefahren die damals aufkommende Eisherstellung umlauerten.

"Dieses künstlich Gefrorene", schreibt Mercier, "ist eine köstliche, belebende Erfindung: Eiskonditoren sind wahre Künstler . . . Herr Dubuisson, der Nachfolger von Procope (39), hat als erster den Einfall gehabt, Eis zu machen und das ganze Jahr über zu verkaufen. Während der glühenden Hundstagshitze wird an einem Tag im Palais Royal für dreihundert Louisdor Eis verkauft, die Tasse zu zwölf Sous" (M. S. 196).

Die langwierigen, unglücklichen Kriege Ludwigs XIV. und Ludwigs XV. mit England und Österreich (Spanischer Erbfolgekrieg) sowie mit Preußen (Siebenjähriger Krieg) und England (Kanada, Indien) brachten keine "Gloire", hinterließen aber eine Schuldenlast, die um so schwerer auf das Land drückte, als auch die Verschwendung des Hofes, die Mätressenwirtschaft und das schlechte Finanzgebaren den Staatshaushalt zerrütteten und immer größere Anforderungen an die Steuerkraft der Massen stellten. Genau hundert Jahr vor der Französischen Revolution schrieb La Bruyère:

"Es gibt eine Art menschenscheuer Tiere, Männchen und Weibchen, schwarz, fahl und sonnverbrannt; sie finden sich auf dem Lande und sind an den Boden gekettet, den sie mit unbesiegbarer Ausdauer aufwühlen und umgraben. Sie haben etwas wie eine artikulierte Stimme und zeigen, wenn sie auf die Füße zu stehen kommen, ein menschliches Gesicht. In der Tat, es sind Menschen, die sich des Nachts in Löcher zurückziehen, wo sie von Schwarzbrot, Wasser und Wurzeln leben. Sie ersparen den übrigen Menschen die Mühe des Säens, Ackerns und Erntens und sollten wohl an dem Brot, das sie Besäet, nie Mangel leiden."(40)

Dennoch litten sie daran während der nächsten hundert Jahre großen Mangel und starben scharenweise. Die Landflucht der entwurzelten Bauern nahm von Jahr zu Jahr zu. Mochte auch eine Ordonnanz von 1364 das Betteln mit dreijähriger Galeerenarbeit bestrafen, 1773 zählte man doch 1 200 000 Bettler.

"Die Stadt, die man die Prächtige nennt", klagte Mercier, "wimmelt von Bettlern! Der Fremde ist durch ihre Zahl unangenehm betroffen und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Denn so viele Bettler, so viele Makel in der Gesetzgebung eines Landes! Um sich der Bettler zu entledigen, darf man sie allerdings nicht einfach, wie es geschehen ist, in sogenannten Depots verschwinden lassen. Das ist eine willkürliche Grausamkeit. Die Elenden wurden in den Jahren seit 1779 derart unmenschlich behandelt, daß dies ein unauslöschlicher Schandfleck für unser als aufgeklärt geltendes Jahrhundert bleiben wird. Es hatte den Anschein, als wolle man die ganze Sippe einfach ausrotten.. . Die Bettler starben fast alle in den Depot-Gefängnissen, wo die Armut wie ein Verbrechen geahndet wurde. Auf Geheimbefehle hin erfolgten nächtliche Aushebungen. Greise, Kinder und Frauen verloren plötzlich ihre Freiheit und wurden in stinkende Gefängnisse geworfen . . . Als Grund wurde angegeben, daß die Not dem Verbrechen benachbart sei und es zu Unruhen immer zuerst bei diesen Menschen käme, die nichts zu verlieren hätten. Und da der Kornhandel blühte, befürchtete man eine Verzweiflungstat dieser vielen Bedürftigen, denn das Steigen des Brotpreises war vorauszusehen. Man beschloß daher, die Bettler vorbeugend unschädlich zu machen. Eine andere Lösung fiel den Verantwortlichen nicht ein.. ." (M. S. 289-290).

Bei allem Mitleid waren ihm aber auch die Auswüchse des Bettlerunwesens nicht entgangen:

"Um Almosen zu erhalten", berichtet er, "täuschen die Bettler oft Krankheit und Verstümmelung vor . . . Sie bedecken sich mit scheußlichen Wunden, um das Volk zu rühren . . . Oft lassen sie sich von Kindern begleiten, um Mitleid zu erregen. Sie scheuen auch nicht davor zurück, fremde Kinder zu entführen. Dann verrenken sie diesen unschuldigen Wesen die Glieder, um ihnen, wie es heißt, ,Arme und Beine Gottes' zu geben" (M. S. 291).

Die Bettler gründeten "Schulen", die sich Morcandiers","Sabouleux" und "Coquillards" nannten und in denen man die Gutgläubigkeit der Menschen auszunutzen lehrte. Sie alle gediehen im Schoße dieses Infernos. Callot zeigte in seinen "Gueux", der Bettlerfolge, die Elenden mit einem ergreifenden Realismus. Die einen sind verunstaltet, ihre Gesichter spiegeln Entbehrungen und Resignation, andere haben Geschwüre, die sie vorweisen, um Erbarmen zu erwecken. Daneben stellte Callot in der Folge der "Misères de la Guerre" den Zug der Amputierten und Verkrüppelten dar, wie sie aus den "ruhmreichen Kriegen" heimkehrten. William Blake sah in diesen dem Leben nachgezeichneten Schilderungen Callots die "Handschrift der Hölle" (40a)

"Man zählt in Paris dreißigtausend Prostituierte, die in der Öffentlichkeit promenieren, und etwa zehntausend weniger anstößige, die ausgehalten werden und jedes Jahr in andere Hände übergehen" (M. S. 238) (41).

Besonders traurig war das Los derjenigen, die schwanger wurden: "Man bringt sie in das Gefängnis der Rue Saint-Martin. Am letzten Freitag des Monats werden sie der Polizei vorgeführt, das heißt, sie empfangen knieend den Richtspruch, der sie dazu verurteilt, in der Salpêtrière eingesperrt zu werden. Am nächsten Tag läßt man sie in einen langen, ungedeckten Wagen steigen, in dem sie eng beieinander stehen. Diese weint, jene seufzt, eine andere verbirgt ihr Gesicht. Die Dreistesten unter ihnen halten den Blick des Pöbels aus, der sie beschimpft. Sie zahlen mit gleicher Münze heim und trotzen dem Hohngelächter, das sich auf ihrem Weg erhebt. Nach der Ankunft im Hospital untersucht man sie und sondert die Angesteckten ab, die nach Bicêtre geschickt werden, um dort Heilung oder den Tod zu finden" (M. S. 239-240).

Pariser Straßenleben
Lavierte Zeichnung von Gabriel de Saint-Aubin.
Um 1760.

Wie überall, waren auch in Paris Kindesaussetzungen die Folge von Not und Prostitution:

"Sechs- bis siebentausend Kinder", schreibt Mercier, "werden im allgemeinen pro Jahr von ihren Eltern aufgegeben und ins Findelhaus gesteckt, während die Neugeborenen der restlichen Bevölkerung vierzehn- bis fünfzehntausend nicht überschreiten. Was spräche alarmierender vom Elend der kleinen Leute? Was bleibt aber nach zehn oder zwölf Jahren von diesen sechs- bis siebentausend Kindern? Erschaudert! Höchstens einhundertachtzig - und darin wird hier nicht übertrieben: nach zuverlässigen Auskünften können wir bestätigen, daß der Tod (sollen wir ihn mitleidig oder erbarmungslos heißen?) solche gewaltige Zahl von Findlingen zu sich holt..." (M. S. 247).

Neben dem Typhus spielten an der "natürlichen Auslese" in den Findlingsheimen auch noch andere epidemisch auftretende Infektionskrankheiten, wie Pocken, Fleckfieber, Scharlach, Diphtherie etc., eine Rolle. Doch an der hohen Säuglingssterblichkeit in Paris jener Zeit dürfte vor allem die "mit Seinewasser gepanschte Milch" Schuld gewesen sein. Viele Mütter zwang nämlich die Not, wie es bei Mercier heißt, "ihre Brüste zu verkaufen". Er beschrieb das "Büro für die Ammen" als einen "Markt für menschliche Milch".

"Selten", so führt er weiter aus, "entfaltet die Macht des Geldes ihre fatale Zwangsherrschaft deutlicher als an diesem Ort, wohin so viele Frauen mit geschwelltem Busen eilen und Kinder suchen, die sie nicht kennen . . . Sie verkaufen den Saft ihrer Brust, um billigere (mit Wasser gepanschte) Milch für das neun Monate in ihrem Schoß getragene Kind zu erwerben! Dieser offen geduldete und sogar geschützte Handel offenbart ein ungemeiner Not ausgeliefertes Volk, das gezwungen ist, unmenschlich zu sein, um leben zu können" (M. S. 247-249).

"Das Milchpanschen mit Seinewasser" trug viel dazu bei, daß der Typhus bis in das vergangene Jahrhundert für die Pariser als eine Kinderkrankheit galt, analog den heutigen Masern, zumal er bei den Überlebenden eine dauernde Immunität hinterließ. (Neuankömmlinge mußten sich äst "akklimatisieren", d. h. "durch eine mehr oder weniger schwere Darminfektion immunisieren".)

Der Mensch des Rokoko war ein Geschöpf des Spiegels. Es war eine Zeit der Selbstbespiegelung, eine Zeit der Memoiren, des Schmeichelns. Der Spiegel war aber nicht nur, wie die Preziösen ihn nannten, ein "Ratgeber der Schönheit", ("Conseilleur de la beauté"), sondern auch ein unbequemer Mahner an die Vergänglichkeit. Nicht umsonst ließ Maria Theresia nach einer überstandenen Pockenerkrankung die Spiegel in ihren Räumlichkeiten verhängen, um nicht überall mit ihrem narbenentstellten Antlitz konfrontiert zu werden. Denn der Spiegel zeigte unerbittlich auch das, was Schmeichler zu verschweigen pflegen: die Spuren des Alterns, des Verfalls. In Zusammenhang mit der "Königlichen Spiegelmanufaktur" spannt Mercier den Bogen seiner Überlegungen und Beobachtungen von der Ethik bis zur Gewerbehygiene.

"Wenn sich eine Kurtisane", heißt es dort, "auf dem Sofa liegend, zur Vervielfältigung ihrer Reize im Spiegelkabinett einschließt, oder ein Stutzer sich zwischen vier Spiegel stellt, um zu überprüfen, ob ihm die Hose eng an der Haut anliegt, dann denken diese der Ausschweifung und dem süßen Nichtstun hingegebenen Wesen nicht an den blutigen Schweiß, der den Glanz jener Spiegel ermöglichte" (M. S.117).

Merciers Bericht über die gewerbehygienischen Zustände in der Spiegelmanufaktur weist auf die Vergiftungsgefahren hin, denen die Amalgamarbeiter ausgesetzt waren und erwähnt den "Tremor mercurialis":

"Man möge mit mir die Werkstätten besuchen, wo Menschen Arbeiten verrichten, zu denen sie kein Tyrann verurteilen würde. Die Halle überrascht durch ihre Größe und die vielen Räder und Schleifsteine, die mehr als vierhundert Arbeiter in Reihen nebeneinander stehend - zum Polieren auf den Spiegeln kreisen lassen. Angesichts der lärmend in Bewegung gesetzten Räder und der Arbeiter, die sich keuchend, stöhnend und schwitzend damit abplagen, einer aus Sand gewonnenen Glasmasse Glanz und Durchsichtigkeit zu verleihen, wird auch das verhärtetste Gemüt von Mitleid erfaßt . . . Beim Auflegen der Spiegelfolie müssen die Arbeiter jedesmal den Atem anhalten, weil sonst das unmerklich verdampfende Quecksilber durch die natürlichen Öffnungen reichlich in den Körper eindringt. Um diese Gefahr abzuschwächen, müssen sie jedesmal Mund und Augen mit frischem Wasser waschen und solches auch durch die Nasenlöcher einziehen. Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen werden bald alle Glieder von einem ständigen Zittern erfaßt. Neugierige, die in der Sommerhitze die Manufaktur besichtigen, halten es nicht länger als eine Viertelstunde in den Werkstätten aus. Ein lauwarmer, schwerer, dicker und stinkender Brodem verschlägt ihnen den Atem. Sich die Nasen zuhaltend, verlassen sie diese übelriechenden Kloaken, in denen die Luft so knapp ist, als befände man sich unter der Glocke einer Vakuummaschine. Ein kräftiger Mann, der nach dem Eintritt in die Manufaktur drei Livres pro Tag verdient, büßt innerhalb von sechs Monaten die Hälfte seiner Kraft ein, und seine Gesundheit verschlechtert sich zusehends infolge erschöpfender Arbeit und ungesunder Luft" (M. S. 118-120).

Um sich und seine Umwelt zu täuschen, griff der von Spiegeln umgebene Rokokomensch nach dem Puder, das ihm nicht nur als Kosmetikum, sondern auch als Tarnung diente, denn es verlieh dem Antlitz etwas gewaltsam Jugendliches. Selbst das Gesicht einer Greisin erschien infolge der Pudermaske faltenlos. Das Pudern ersetzte daher immer mehr das Waschen. Die Herstellung von Puder aus Reis- und Weizenmehl wurde zu einem wichtigen Industriezweig (42). Aber nicht nur durch das Pudern des Gesichts, sondern auch das der Haare versuchte man den Altersunterschied zu verwischen.

Beim Coiffeur. Anonyme Karikatur auf die hohen Frisuren vor der Revolution.
Um 1785.

Es wirkt skurril, daß die Flucht des französischen Königspaares an Marie-Antoinettes Eitelkeit scheiterte, die die Fahrt an die rettende Grenze trotz aller Beschwörungen ihrer Begleitung unterbrach, weil sie auf ihren Hofcoiffeur warten wollte, der sich verspätet hatte.

Da bei gepudertem Haar ergraute Häupter nicht mehr auffallen, nahm die gepuderte Perücke ihren schnellen Siegeszug (43). Und da der Puderstaub nicht haftet, sondern täglich zu erneuern ist, mußten die Coiffeure ihren Salons eigene Puderkabinette anfügen, in denen sie mit kleinen Handblasebälgen die Bestäubung vornahmen, indessen der Puder gegen die Zimmerdecke geblasen wurde, von wo er fein verteilt auf die Perücken herabrieselte, während die Kleider der Kunden mit seidenen oder batistenen Pudermänteln geschützt wurden. Hier die Schilderung eines der vielen Friseursalons aus Merciers Feder:

"Man stelle sich alles an einem Punkt vereinigt vor, was die Unreinlichkeit an Schmutzigstem versammeln kann. Die mit Puder oder Pomade verschmierten Fensterscheiben fangen das Tageslicht ab. Bohlen und Balken sind mit einer dicken Puderschicht bedeckt. Spinnen hängen tot in ihren langen, weißbestäubten Netzen. Sie sind in der Luft durch den ständigen Vulkanausbruch der Puderdosen erstickt. Betretet diese stinkende Höhle niemals, aber betrachtet sie mit mir durch eine zerbrochene Scheibe. Da sitzt ein Mann unter dem Umhang aus Wachstuch - schäbiger Frisiermantel, der ihn ganz einhüllt. Man hat ihm ein gutes Hundert Lockenwickler an seinen Kopf gesteckt. Dicht daneben ist ein Gesicht mit Seifenschaum beschmiert. Etwas weiter sucht ein Kamm mit langen Zähnen vergebens in einen dichten Schopf einzudringen. Man bestreut ihn bald mit Puder . . . Vier blasse, bleichgesichtige Friseurgehilfen mit bis zur Unkenntlichkeit gepuderten Zügen hantieren geschickt mit Kamm, Rasiermesser und Quaste. Ein ,Major' genannter Badergeselle, der gerade aus der Anatomie kommt, wo er seinen Arm in die menschlichen Eingeweide versenkt hat, und dessen stinkende Hand noch nach verdächtiger Salbe riecht, bearbeitet alle diese nach Pflege rufenden Gesichter . . ."(44). In jedem Salon gelangen sechzig Pfund Stärke auf die Hinterköpfe . . . Mit einer weißen Maske vor dem Gesicht kommen die Gepuderten unter der Quaste hervor. Der Kittel wiegt dreimal so viel wie zu Beginn. Klopf ihn aus: Ich wette, es fällt für sechs Livres Puder herunter! Und vier Unzen hat der Friseur sicherlich während der Arbeit geschluckt, vor allem deshalb, weil er gerne schwatzt" (M. S. 122-123).

Die Plünderung der Bäckerläden in Paris während des sogenannten Mehlkrieges 17'75

Von den Neureichen haßte Mercier vor allem die Getreidehändler und Kriegsgewinnler: "Ein Dieb muß sterben", argumentiert er, "der Mann aber, der ein ganzes Heer dem Schrecken der Hungersnot preisgab, der den Soldaten des Vaterlandes schlimmer zugesetzt hat als Waffen und Feuer des Feindes, der Mehlwagen verschwinden ließ und die Krankenhäuser bevölkerte: dieser Mann errichtet einen Palast vor dem Standbild des Monarchen, den er betrogen und bestohlen hat . . . Seine Räubereien sind legitimiert durch Eintragungen bestochener Rechtskundiger . . . Gefälschte Aufstellungen lassen ihn unschuldig erscheinen. Sein niederträchtiges Geschäft wird sozusagen geläutert und verschafft ihm eine Stellung in der geldgierigen Gesellschaft der Neureichen . . . Meine Verachtung gilt den Gesetzen, die es nicht vermögen, solche schändlichen Handlungen zu unterbinden oder zu bestrafen!" (M. S. 318-319).

Als man sich einmal in einem Pariser Salon Geschichten über Betrüger und Diebe erzählte und die Reihe auf Voltaire kam, fiel seine Geschichte am kürzesten aus: "Es war einmal ein Kornhändler"(44a).

Der oft zitierte Ausspruch Marie Antoinettes, den sie auf die Bemerkung, das Volk habe kein Brot, getan haben soll: "dann sollen sie doch Kuchen essen!", mag erfunden sein, aber er kennzeichnet die Kluft zwischen der Lebenshaltung der oberen und der unteren Schichten (45).

"Die Umgebung von Paris", schreibt Mercier, "ist abwechslungsreich, reizend und köstlich . . . Doch haben die Jagdgehege des Königs und die Besitzungen der Fürsten alles an sich gerissen. Die auf diesem Gebiet erlassenen Gesetze zeichnen sich durch eine besondere Strenge, ja Grausamkeit aus . . . Ein Rebhuhn zu töten, gilt als Verbrechen, von dem nur die Galeere reinwaschen kann.. ." (S. 10) (46). Nur unter diesem Aspekt kann man die bitteren Worte verstehen, die einst der deutsche Philosoph und Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1399) prägte: "Es ist kein witziger Einfall, es ist die lautere Wahrheit, daß vor der Revolution die Jagdhunde des Königs von Frankreich mehr Gehalt hatten als die Akademie der Wissenschaften. Die Hunde 40 000, die Akademiker 30 000 Frcs. Hunde waren 300, Mitglieder der Akademie 30"(47).

In den elf Jagdrevieren (Capitaineries) in der Nähe der Hauptstadt richtete das Wild so viele Verwüstungen an wie die "Einquartierung von elf feindlichen Kavallerieregimentern"(48). Die Bevölkerung war darüber so erregt, daß sie in Petitionen eine Lockerung des Jagdverbotes verlangte. Sie fand aber weder bei den zuständigen Behörden noch bei dem jagdbesessenen Ludwig XVI. das nötige Verständnis. Wie wenig Interesse der an und für sich gutmütige König, der bei den Kronratssitzungen einzuschlafen pflegte, für öffentliche Angelegenheiten hatte, geht nicht nur daraus hervor, daß er, als man 1789 die Generalstände einberufen wollte, als Versammlungsort nur "wegen der Jagd" Versailles wählte, sondern vor allem aus seinen Tagebuchaufzeichnungen. Ludwig XVI. war einer der wenigen Herrscher, der sich dem Zwang unterzog "Tag für Tag niederzuschreiben, was er erlebte". Er hinterließ eine Anzahl von Heften (21 cm hoch und 17 cm breit), angefüllt mit einer engen pedantischen Schrift. Sie umfassen die Jahre von 1766-1792 und enthalten Privates (49), Jagdnotizen und Abrechnungen.

Carle van Loo
Picknick auf der Jagd (1737)
Louvre

Ludwigs Hauptinteresse galt jedoch der Jagd. Er führte in seinen "Jagdstatistiken" die Hirsche separat an, zählte das Damwild, die Hündinnen, die Rehe, die Eber zusammen, übertrug auf die nächste Seite und brachte es fertig, festzustellen, daß er im Verlauf von dreizehn Jahren 189 254 Stück Wild erlegt und 1274 Hirsche zu Tode gehetzt hat. Selbst Schwalben jagte er - am 28. Juni 1784 hat er ihrer zweihundert geschossen. Wenn es weder Jagd noch Messe noch Krankheit gab, beschränkte er sich auf die Notiz: "Rien!" (Nichts!). Und dieses "Rien" kehrt während der Versammmlung der Notabeln und während der Generalstände sehr häufig wieder. Denn die Politik interessierte ihn nicht.

Am 20. Juni 1789, dem Tag des Schwurs im Ballhaussaal, notierte er: "Hirschjagd im Butard, einen erlegt." Am 14. Juli 1789, als das Pariser Volk die Bastille stürmte, hatte er auf der Jagd nichts geschossen. Das war ihm an diesem Schicksalstage das einzig Bemerkenswerte. Seine Tagebucheintragung lautet lakonisch: "Rien"(50). Am 4. August, dem Tag der Erklärung der Menschenrechte: "Hirschjagd in Marly, hin und zurück zu Pferd." Am 5. Oktober 1789, als das Volk von Paris jenen Zug nach Versailles unternahm, der die königliche Familie in die Gefangenschaft führte, vermerkte er: "An der Pforte de Chätillon gejagt. 81 Stück erlegt, durch die Ereignisse unterbrochen . . ." Seine Aufzeichnungen sind von einer bürokratischen Monotonie: "Rien, rien, rien". Das verhängnisvolle Wort kehrt auf jeder Seite zehnmal wieder. Der einzige Reiz dieser ermüdenden Lektüre besteht darin, die Daten dieser "Riens" mit den Daten der Revolution zu vergleichen. Während die Nationalversammlung, nur wenige Schritte von den Tuilerien entfernt, ihre stürmischen Sitzungen abhält, macht er Berechnungen und stellt Statistiken auf. In vierzehn Regierungsjahren kommt er auf 33 Hetzjagden mit Hunden, 104 Eberjagden, 1207 Hirschjagden, 266 Rehjagden und 1025 Pirschgänge (51).

Die mosaikartige Mannigfaltigkeit von Merciers Oeuvre ist bedingt durch die Fülle des Stoffes, den die zahlreichen Kapitel enthalten und von denen ich - um den mir gebotenen Rahmen nicht zu sprengen - nur einen geringfügigen Bruchteil berühren konnte. Abschließend noch einige Zeilen aus Merciers "Einleitung", in denen er klar präzisiert, was er mit seinem Werk "Tableau de Paris" beabsichtigte: "Ich habe manche Mißbräuche aufgedeckt. Man beschäftigt sich heutzutage mehr als bisher mit ihrer Beseitigung. Sie aufzeigen, heißt ihre Abschaffung vorzubereiten . . . Wenn ich beim Stoffsammeln in den Mauern der Hauptstadt auf mehr abstoßendes Elend als gediegene Wohlhabenheit, auf mehr Gram und ängstliche Unruhe als Freude und Unbeschwertheit gestoßen bin, so schreibe man das Überwiegen des Obskuren nur ja nicht mir zu: ich wollte lediglich wahrheitsgetreu wiedergeben, was ich gesehen habe . . ." (52).
 


Anmerkungen

(1)
Da das zwölfbändige "Tableau de Paris", erschienen 1781-88, die zweibändige Ergänzung "Le Paris nouveau" von 1798-1800, sowie die achtbändige "Verdeutschung" von Walch "Paris ein Gemählde" (1783-84) und die zweibändige Übersetzung von Reichard "Neuestes Gemählde von Paris" 1789-90 von den wenigen Bibliotheken, die sie besitzen, nur schwer zu erhalten oder nur an Ort und Stelle zu benutzen sind, habe ich auch die für jeden Interessierten leicht erwerbbare Auswahl von Aufsätzen in der Übersetzung von G. Metgen "Paris am Vorabend der Revolution", Karlsruhe 1967, benutzt und alle von mir zitierten darin enthaltenen Texte in den entsprechenden Anmerkungen mit M signiert. Einige Textstellen, die bei Metgen nicht enthalten sind, habe ich aus der Originalausgabe zitiert.

(2)
A. de Margerie, Hyppolyte Taine. Sa vie et sa correspondence, Paris 1893, S. 52.

(3)
Louis-Sébastien Mercier, Tableau de Paris. Amsterdam, 1782. Bd. I. S. V. - "Je vais parler de Paris..." In diesem ersten Satz des Vorwortes erklingt der Grundakkord des ganzen Werkes. "Je vis par curiosité" ("Ich lebe aus Neugierde"). Dieser knappe Satz von Mercier charakterisiert seine Persönlichkeit besser als langatmige Abhandlungen.

(4)
A. de Margerie (wie Anm. 2) S. 58. - An der gleichen Stelle warf Rivarol Mercier vor, er hätte in seinem "Tableau de Paris" nur die Keller- und Dachwohnungen, nicht aber die dazwischen liegenden Salons geschildert. Doch gerade darin liegt der Städte-hygienische und sozialmedizinische Reiz und Wert des Werkes.

(5)
In Hamburg, Amsterdam und in der Schweiz druckte man Neuauflagen des Werkes, von dem annähernd 100 000 Exemplare verkauft wurden; ein für die damalige Zeit einmaliger Erfolg, zumal das Werk 2500 Seiten umfaßte. Am 27. November 1788 schrieb Friedrich Schiller nach der Lektüre des zwölfbändigen "Tableau de Paris": "Wer Sinn und Lust für die große Menschenwelt hat, muß sich in diesem weiten, großen Element gefallen. Wie klein und armselig sind unsere bürgerlichen und politischen Verhältnisse dagegen! Aber freilich muß man Augen haben, die von großen Übeln, die unvermeidlich mit einfließen, nicht geärgert werden. Der Mensch, wenn er vereinigt wirkt, ist immer ein großes Wesen, so klein auch die Individuen und Details ins Auge fallen. Paris dürfte auch dem philosophischen Beobachter vielleicht einen widrigen Eindruck geben, aber einen kleinen gewiß nie, denn auch die Verwirrungen einer feingebildeten Stadt sind groß. Ich habe einen unendlichen Respekt für diesen großen drängenden Menschenozean..."

(6)
Während der Revolution gehörte Mercier als Abgeordneter des Konvents dem Kreis um Danton an, fungierte als Trauzeuge von Camille Desmoulins, stimmte jedoch in der entscheidenden Sitzung nicht für den Tod des Königs. Er protestierte auch gegen die Festnahme der Girondisten. Im Oktober 1793 selbst verhaftet, verdankte er seine Rettung lediglich dem Sturz Robespierres. Unter dem Direktorium gehörte er dem Rat der Fünfhundert an und blieb auch unter Napoleon seinen republikanischen Idealen treu.

(7)
Mercier lehnte noch heftiger als Diderot die schon von Aristoteles geheiligten "Regeln der klassischen Tragödie" (Einheit von Handlung, Zeit und Ort) ab und pries im Gegensatz zu Racine und Corneille als Vorbilder Shakespeare, Calderon und Goldoni. Die erste deutsche Übersetzung seines "Essighändler" erfolgte bereits 1775 auf Veranlassung von Goethe durch den Autor der "Kindsmörderin": Ludwig Wagner. Weniger begeistert als die deutschen "Stürmer und Dränger" war Rivarol: "Der Geschmack, den die Franzosen für eine Weile den Dramen von Mercier bezeugt haben, erinnert an Tischgäste, die eine erlesene Mahlzeit mit Branntwein abschließen."

(8)
Von der Behörde wurde das Buch als Schmähschrift betrachtet und der Verkauf verboten, ohne daß es gelang, den Autor ausfindig zu machen. Die Kritik der Zeit reagierte dagegen positiv und lobte besonders die Sorge des Autors um das öffentliche Wohl, wie sich überhaupt in diesem Buch schon die soziologischen Bestrebungen andeuten, die im "Tableau" offenbar werden.

(9)
Schon Montesquieu beanstandete, daß die Pariser Mietskasernen aus gewinnsüchtigen Gründen sechs bis sieben Stockwerke betrugen. In seinen "Lettres persanes" (1721) schreibt Rica an Ibben: "Die Häuser sind so hoch, daß man schwören möchte, sie wären nur von Sterndeutern bewohnt. Du kannst dir leicht vorstellen, daß eine in die Luft gebaute Stadt, wo sechs oder sieben Häuser übereinander liegen, überbevölkert ist, und daß, wenn alle Welt gleichzeitig auf die Straße käme, es ein schönes Gedränge geben müßte."

(10)
Fred Hamel, Mozart. Berlin 1932, S. 46. - Ob die tödliche Typhusinfektion, der Mozarts Mutter in Paris zum Opfer fiel, auf die unzulänglichen sanitären Einrichtungen der dortigen Mietshäuser oder den Genuß von Seinewasser bzw. infizierter Lebensmittel zurückzuführen ist, läßt sich retrospektiv nicht mehr klären. Das Nichterkranken Mozarts, der seine Mutter vierzehn Tage lang aufopfernd gepflegt hatte, erklärt sich in erster Linie wohl daraus, daß er schon als Kind vierzehn Jahre zuvor auf dem Wege zu einer Konzertreise nach England in Lille selbst schwer an Typhus erkrankt und somit gegen eine erneute Infektion gefeit war (Op. cit. S. 41).

(11)
"Bauwerke leiden durch SO2 und Rußverschmutzung. Von Steinen verwittern besonders die kalkhaltigen; aus CaCO3 entsteht CaCO4, und diese Gipsbildung bewirkt ein Abblättern. Auch ist Gips wasserlöslich. Nasser Stein saugt geradezu SO2-Spuren aus der Luft an . . . So zerbröckelt der Sandstein des Kölner Doms in der Nähe des rauchigen Bahnhofs, während in reiner Alpenluft der gleiche Stein des Schlosses Neuschwanstein unversehrt ist. Die ,Nadel der Kleopatra' hat seit 1877 in London mehr gelitten als in tausenden Jahren in Ägypten" (R. Müller, Allgemeine Hygiene. München/ Berlin 1942, S. 67).

(12)
Schon vor Malrauxs Aktion gab es damals in Paris eine "weiße Welle der Säuberung". Mercier berichtet darüber: "Ich habe mit Bedauern bemerkt, daß der Dom frisch geweißt worden ist. Er gefiel mir viel besser, als seine Mauern noch die ehrwürdige Patina des Alters trugen. Ihr dämmriges Zwielicht lud die Seelen zur Sammlung ein . . . Nun erblicke ich im Innern nichts weiter als ein neues Gebäude; Gotteshäuser aber sollten alt sein" (E. S. 330).

(13)
Limousin: Landschaft im westlichen Mittelfrankreich, aus der billige Arbeitskräfte, vor allem Handwerker und Maurer, nach Paris kamen.

(14)
Im selben Kapitel spricht Mercier mit einer solchen Begeisterung von der Gotik, daß man unwillkürlich an Goethes Studie über das Straßburger Münster ("Von deutscher Baukunst") denken muß: "Ich liebe die gotische Architektur", erklärt Mercier, "sie ist schlank, kühn und setzt mich in Erstaunen. Gibt es ein schöneres Bauwerk als das Straßburger Münster? Welch ein Wagemut, welche Leichtigkeit! Mit welch kunstvoller Abstufung hat sich der Mensch hier in die Lüfte erhoben und beherrscht die weiteste, üppigste der Ebenen!" (E. S. 33)

(15)
Der düstere Gebäudekomplex des "Hotel-Dieu", mit dessen Bau bereits unter Ludwig dem Heiligen begonnen wurde, lag gegenüber dem Hauptportal der Notre Dame und dehnte sich über zwei Brücken bis aufs linke Seine-Ufer aus. Dieses Hotel-Dieu des Mittelalters weckt die Erinnerung an verheerende Epidemien, an die anästhesielosen und nichtantiseptischen Operationen; es war ein Krankenhaus mit langen Bettreihen, in dem oft jedes Bett drei Kranke aufnehmen mußte. Das heutige Hotel-Dieu, das Zentralkrankenhaus von Paris, stammt aus der Zeit Napoleons III. und liegt gegenüber dem Palais de la Justice.

(16)
Wie die "Krankenvisite" damals in den überfüllten Hospitälern zu verlaufen pflegte, erfahren wir von J. P. Frank, der als angehender Arzt in Straßburg Gelegenheit hatte, an dieser Molièreschen Farce teilzunehmen. "Ich erhielt Erlaubnis", schreibt er, "den geschickten französischen Arzt bei seinen Krankenbesuchen im Spitale zu begleiten. Zur rechten Seite stand ihm ein Wundarzt, zur linken ein Apotheker; dann folgte der wachhabende Krankenwärter. Der Wundarzt führte das Verzeichnis der Aderlässe, Klistiere, Blasenmittel usw., der Apotheker das der Abführungsmittel und übrigen Arzneien. Bei Bett No. 1 sah der Arzt links und rechts auf beide geschriebene Verzeichnisse. ‚Jean‘, sagte er, ‚comment vous portez-vouz?‘ – ‚Très mal, Monsieur le médicin‘, war die Antwort – ‚Avez vous été saigné?‘ – ‚Oui, Monsieur!‘ - Mittlerweile legte der Arzt seine zwei Finger einen Augenblick auf die Pulsader und rief laut: ‚Saignée! Médicine évacuante!‘ - Wundarzt und Apotheker schrieben den Befehl in aller Eile nieder, als der Arzt schon am zweiten Krankenbette stand und eben jene Fragen und Befehle wiederholte. So ging es weiter. In einer halben Stunde waren wir mit dem Besuche von allen unsern 200 Kranken zu Ende." (Hellmut Haubold, Johann Peter Frank. München/Berlin 1939, S. 20).

(17)
Joseph Frank (1771-1842), der Sohn des berühmten Johann Peter Frank, hatte 1803 anläßlich einer Studienreise in Paris auch das Hotel Dieu, aus dem man inzwischen die "Geisteskranken und Gebärenden entfernt hatte", besichtigt: "Der schreckliche Zustand dieses Krankenhauses", berichtet er, "dem man während der Revolution noch den vielversprechenden Namen ‚Hospice d'Humanite' beilegte, ist hinlänglich durch die Abhandlungen von Tenon, Bailly und Liancourt bekannt . . . Man kann sich nichts Unregelmäßigeres denken als dieses Gebäude. Zugleich ist es sehr baufällig, so daß die Reparaturkosten, die erforderlich sind, nur um das Einstürzen zu verhindern, bedeutende Summen ausmachen. Durch die Notwendigkeit, beständig Arbeitsleute in dem Haus zu haben, wird auch größtenteils die nötige Ruhe, Ordnung und Reinlichkeit desselben ohnmöglich gemacht."

(18)
Ursprünglich eine Salpetersiederei.

(19)
Das Pflegepersonal, "bei dessen Auswahl es vor allem auf die Körperkraft ankam", gehörte zum Abschaum der Menschheit. Gern stellte man entlassene Sträflinge als Wärter ein, weil sie "billig" und "gefürchtet" waren. Der Übersetzer des Buches von C h i a r u g i über Irrenheilkunde schrieb: "... Es muß für jeden Menschenfreund ein schauderhafter Anblick sein, in vielen Irrenhäusern die unglücklichen Opfer in finsteren, feuchten Löchern auf unreinem, selten gewechseltem Stroh in ihrem eigenen Kot, mit Ketten gefesselt, liegen zu sehen." (Erwin H. Ackerknecht, Kurze Geschichte der Psychiatrie. Stuttgart 1963. S. 29).

(20)
Die grauenhaften Zustände in dieser "Irrenmenagerie" veranlaßten Mirabeau im Jahre 1788 zu folgender Schilderung: "Die Neueingetroffenen werden wahllos in diese tobende Schar von Irrsinnigen geworfen, und von Zeit zu Zeit zeigt man sie wie wilde Tiere dem ersten besten Lümmel, der dafür einige Sous bezahlt." Noch fünfundzwanzig Jahre nach Pinels Reformversuch sah sich sein Schüler und Nachfolger Esquirol zu einer Eingabe an das französische Innenministerium genötigt, in der es heißt: "Unsere unglücklichen Geisteskranken werden auch jetzt noch ärger mißhandelt als Sträflinge, ihre Lage ist schlimmer als die des Viehs. Die Anstaltskost ist ungenießbar, es fehlt an Trinkwasser, die stickige Luft macht einem das Atmen unmöglich und die Wärter gleichen echten Kerkermeistern. Die Kranken sind in Höhlen angekettet, in denen man sich scheuen würde, wilde Tiere unterzubringen."

(21)
Mercier (wie Aura. 3) Bd. VIII, S. 1. - Als Alain René Lesage (1668-1747) in seinem Roman "Histoire de Gil Blas" schon Anfang des 18. Jahrhunderts die durch Umweltverschmutzung bedingte unerträgliche Atmosphäre Madrids beklagte, meinte er selbstverständlich die von Paris.

(22)
Kennzeichnend für die Zustände ist der Ausruf, den Struensee getan haben soll, als er nach monatelanger Einzelhaft zur Hinrichtung aus dem Verlies geholt wurde: "Welch eine Wonne, frische Luft zu atmen!" (John Howard, Etat des prisons, des höpitaux et des maisons de force. Paris 1788, Bd. 1, S. 214). Dieser Ausruf, den Howard während seines Aufenthaltes in Kopenhagen zu hören bekam, erinnert an den Chor der Gefangenen in Beethovens "Fidelio", der ebenfalls von den gleichen strafrechtlichen Mißständen zeugt.

(23)
Ehemaliger großer Friedhof in der Rue du Fer-à-Moulin im Faurbourg Saint-Marcel, "dessen Schlund ständig offenstand" (M. S. 260).

(24)
Die Trennung von Kirche und Friedhof erfolgte erst nach der Französischen Revolution mit der Trennung von Kirche und Staat.

(25)
Vermutlich meinte er damit einen Bericht der Pariser "Gazette sanitaire" aus dem Jahre 1761: "Die fauligen Dünste der Leichen haben etwas Giftiges an sich, das die Gesundheit der Einwohner in großen Städten schädigen kann, und das sogar in kurzer Zeit tödlich wirkt. Drei Personen, sagt der gelehrte Arzt Dr. de Hauenot in Montpellier, kamen sogleich um, als sie am 10. B. 1744 in eine Gruft in der Kirche zu Unserer lieben Frau hinabstiegen. Es erhob sich aus der Gruft ein stinkender Dunst. Die Flammen von einem Stückchen Papier und einer Fackel erlöschten sofort. Kaum hatte man verschiedene Tiere wie Katzen, Hunde, Vögel hinabgelassen, so schienen sie Beklemmungen zu fühlen; diesen folgten zuckende Bewegungen, und in zwei bis drei Minuten verloren auch die stärkeren, wie die Katzen, ihr Leben. Die Vögel starben in wenigen Sekunden . . . Daraus geht klar hervor, wie gefährlich faulige Dünste der Leichen sind, weshalb man die Friedhöfe vor die Stadtmauern verlegen sollte, wie es im alten Rom durch das Zwölftafelgesetz seit jeher bestimmt war." (Zitiert nach J. D. Johns, Die medicinische Polizey und gerichtliche Arzneywissenschaft. Prag 1796.)

(26)
Während der Französischen Revolution berichtete Germain Garnier (1793) in einer ausführlichen Denkschrift über die hygienischen Mißstände, unter denen die Kranken und Wöchnerinnen in den Hospitälern zu leiden hatten. Er wies darauf hin, daß gerade unterhalb des Hôtel-Dieu Schlachtereien lägen, "wodurch sogar die Straße in unvorstellbarer Weise mit Blut und Exkrementen (vor allem von der Kuddel - d. h. Darmwäsche) frisch geschlachteter Tiere verunreinigt würde." (Die Därme benötigte man bei Wurstherstellung als Hülle.)

(27)
Die Rattenplage wirkte sich besonders erschütternd in der Salpêtrière, einem Gefängnishospital für Prostituierte, aus, wo oft über 4000 dieser unglückseligen Geschöpfe einsaßen. Die baufälligen niedrigen Häuser des "Basses Loges" enthielten einfache Zellen, finstere, feuchte Löcher ohne Fenster, nur mit Türen, die so nahe an der Seine lagen, daß sie bei Hochwasser überschwemmt wurden. Die an die Wand geketteten, auf selten gewechseltem, mit ihren eigenen Exkrementen verunreinigtem Stroh liegenden Frauen (Prostituierte, Kriminelle, Geisteskranke) konnten sich dabei kaum der eindringenden Ratten erwehren, die so manche Leiche, ja sogar auch Sterbende annagten (Karl Friedrich Helling, Krankenhäuser in England und Frankreich. Leipzig 1819, S. 42).

(28)
"Auf dem ,Cimetière des Innocents‘" (Friedhof der unschuldigen Kinder), schreibt er "wo fünfzigtausend Totenschädel im Kreis aufgestapelt sind, passieren manchmal wunderliche Dinge: ein Totenkopf bewegt sich oder rollte ganz allein fort, und scheu laufen die Leute herbei. Es war aber nur eine Ratte, die sich in dem Schädel eingenistet hatte und nicht mehr so leicht heraus konnte, wie sie hineingekrochen war. Unter diesem Knochenspeicher, dessen Anblick der schrecklichste im ganzen Weltall ist, hausen die Ratten zwischen den menschlichen Gebeinen, werfen sie durcheinander, heben sie hoch und scheinen dies Volk der Toten zu beleben" (M. S. 218).

(29)
Klaus Köhler, Arztebriefe aus vier Jahrhunderten. Wien 1892, S.176.

(30)
Mercier (wie Anm. 3) Bd. Xl, S. 54. - Auch an einer anderen Stelle warnt Mercier, daß die Häuser auf Abgründen stehen. Die Metropole sei von undichten Fäkalgruben unterminiert, die eine dauernde Luftverderbnis zur Folge haben (Mercier [wie Arrm. 3] Bd. I, S. 21. - Siehe auch J. N. Hallé, Recherches sur la nature et les effets du méphitisme des fosses d'aisances. Paris 1785.)

(31)
Obwohl Victor Hugo in seinem Roman "Les Misérables" nach den blutigen Unruhen am 5. Juni 1832 Jean Valjean mit dem schwer verwundeten Marius auf den Schultern stundenlang durch die unterirdischen Kanäle, die "Kloaken von Paris", stapfen läßt, wobei er "dem Gefälle der Abwässer wie einem Ariadnefaden folgt", um aus dem dunklen "Labyrinth des Kotes" an das Ufer der Seine zu gelangen, war das Abwassernetz, das zum Teil noch aus der Zeit Ludwigs XIII. stammte, in seiner Ausdehnung recht kümmerlich.

(32)
Details über Montfaucon in Parent-Duchatelet, Hygiène publique. Paris 1836, Bd. 2, S. 251. - Nachdem man dieses Depot 1761 an den damaligen Stadtrand (und zwar in die Nähe der Buttes Chaumont) verlegt hatte, nahm es noch 1832 einen Raum von 10 Hektar ein und bestand aus zwei Reihen großer, offener Gruben, die auf zwei stufenförmig übereinander angeordneten Terrassen (mit einer Höhendifferenz von 15 Metern) angelegt waren. Man warf die angefahrenen Fäkalien in die Gruben der oberen Terrasse, wo sich allmählich die festen Bestandteile absetzten, während die Flüssigkeit in Form übelriechender Jauchekaskaden in die unteren Bassins überfloB, um dort teils zu verdampfen, teils in das Erdreich zu versickern. Als während der Choleraepidemie 1832 der Polizeipräsident Gisquet das Depot revidierte, sah er, "wie zerlumpte Menschen aus diesen mit Fäkalien gefüllten Bassins von der Polizei konfiszierte und zur Vernichtung in das Depot entleerte Fische" sammelten, um sie nachher zu verkaufen oder selbst zu verzehren. Bei diesem Bericht muß man an Mercier denken, der einmal schrieb: "Der Pariser ist darin einzigartig auf dieser Welt, daß er ißt, was schon beim Riechen Übelkeit erregt" (Mercier [wie Anm. 3) Bd. I, S. 267).

(33)
Mercier (wie Anm. 3) Bd. I, S. 137. - Da Paris "nur noch eine riesige Kloake war", ist es weiter nicht verwunderlich, daß die dort aufblühende Parfümindustrie später sogar den Duftstoff frischen Menschenkotes, das Skatol (C9H9N), als synthetisches Methylindol in starker Verdünnung als "Jasminduft" in ihr exquisites Sortiment mit einbezogen hat.

(34)
Der gute alte Schopenhauer, der noch keine Ahnung von Preßlufthammer - oder Düsenmotorenlärm hatte, ereiferte sich über das für uns geradezu idyllisch wirkende Peitschenknallen der Kutscher und Hirten: "Nichts gibt mir vom Stumpfsinn und der Gedankenlosigkeit der Menschen einen so deutlichen Begriff wie das Erlaubtsein des Peitschenklatschens. Dieser plötzliche, scharfe, hirnlähmende, alle Besinnung zerschneidende und gedankenmörderische Knall muß von jedem, der nur irgend etwas einem Gedanken Ähnliches im Kopfe herumträgt, schmerzlich empfunden werden; dem Denker aber fährt er durch seine Meditationen so schmerzlich und verderblich wie das Richtschwert zwischen Kopf und Rumpf. Kein Ton durchschneidet so scharf das Gehirn wie dieses vermaledeite Peitschenklatschen: man fühlt geradezu die Spitze der Peitschenschnur im Gehirn." (Parerga und Paralipomena. "Über Lärm und Geräusch".)

(35)
Über die Preisschwankungen des Wassers im Zusammenhang mit Nachfrage und Angebot erzählten die Pariser eine köstliche Anekdote: Während einer Belagerung bot ein Wasserträger - die Querstange über den Schultern - in den Straßen der Stadt Wasser feil. "Sechs Sous der Eimer", rief er fortwährend. Eine Bombe flog herein und zertrümmerte den einen Eimer. Er nahm den anderen von der Stange und rief: "Zwölf Sous der Eimer"!

(35a)
Mercier (wie Anm. 3) Bd. I, S. 82.

(36)
Aus einem Brief des schwedischen Botschafters ist bekannt, daß man es z. B. in der Nähe des Sonnenkönigs nur mit einem stark parfümierten Taschentuch unter der Nase aushalten konnte, da er nach den Worten seiner Geliebten (Montespan) wie ein Aas - "comme une charogne" - stank (v. Fossel, Hygiene einst. Leipzig 1904, S. 63). - "Den lieben Gott könne man nicht riechen. Also kann der Mensch mit seinem Fäkalgeruch nicht nach dessen Ebenbild geschaffen sein", spöttelte noch Voltaire im Artikel "Déjection" seines "Dictionnaire philosophique portatif" (Amsterdam 1765).

(37)
Als Herzog Philipp von Orléans (1747-93), genannt "Egalité", vor seiner Hinrichtung ein Austernfrühstück wünschte, hieß es, er wolle unter Umgehung der Guillotine die Charonsbarke besteigen. Auch J. P. Franck warnte vor der Giftigkeit der Miesmuscheln:

"Vermuthlich sind es verschiedene Krankheiten, welchen die Muscheln zu gewissen Jahreszeiten mehr unterworfen sind, und welche an den giftartigen Wirkungen Theil haben, die nach deren Genuß öfters beobachtet werden. Die Polizey kann hier nichts thun, als daß sie wenigstens in den heißen Monaten den Genuß der Muscheln untersagt" (J. P. Franck, System einer vollständigen und medicinischen Polizey. Mannheim 1783, Bd. III, S. 179).

(38)
Wie gefährlich infizierte Schalentiere für die Ausbreitung typhöser Infektionen sein können, ist schon daraus zu ersehen, daß man bei künstlich infizierten Austern eine Überlebensdauer von Typhusund Paratyphusbakterien bis zu 20 Tagen feststellen konnte. 1937 schätzte Belin (Tours), daß in den vorangegangenen 15 Jahren nach dem Genuß von rohen Schal- und Weichtieren allein in Frankreich mehr als 100 000 Menschen an Bauchtyphus erkrankten, von denen etwa 25 000 starben. Zugleich berichtete er, daß zu den Opfern viele Jungvermählte aus der Lyoner Gegend gehörten, die ihre Flitterwochen meist an der Cöte d'Azur zu verbringen pflegten. Die Muscheln, die man zu Tausenden von Tonnen jährlich an der Mittelmeerküste, vor allem in den Abwässern von Marseille, Cette und Toulon züchtet, werden, falls sie es nicht schon sind, bei der "Frischhaltung" im Schmutzwasser total verseucht (M. Belin, La fièvre des jeunes maries. Presse méd. 1937. 357-358).

(39)
Das Café Procope wurde 1685 als eines der ersten Kaffeehäuser an der heutigen Stelle, Rue de l'ancienne Comédie Nr. 13, eröffnet und blieb bis in die neueste Zeit ein beliebter literarischer Treffpunkt. "Procope", schreibt Mercier, "änderte die Gewohnheiten der Höflinge und Literaten zur Zeit Ludwigs XVI., die sich in Wirtshäusern zu berauschen pflegten. Er servierte ihnen Kaffee, und die schändiiche Neigung zur Trunksucht verschwand. Heute gibt es tausendacht-hundert Kaffeehauswirte; das beweist, daß die Schänken entvölkert werden können" (M. S. 196).

(40)
Pierre Masson, La Bruyère, critique des conditions et des institutions sociales. Paris 1912, S. 43. - Allein 1715 ging ein Drittel der Bevölkerung - sechs Millionen - an Hunger und Elend zugrunde. La Bruyères Gemälde ist noch zu schwach und wird bis zum Tode Ludwigs XV. immer düsterer.

(40a)
A. de Margerie (wie Anm. 2) S. 59.

(41)
"Welche Hierarchie im selben Gewerbe" ruft Mercier aus, "von der hochmütigen Lais, die in glänzender Equipage nach Longchamp fährt - einem Wagen, den man ohne seine lasterhafte Insassin einer Herzogin zuschreiben würde - bis zur Straßendirne, die des Abends endlos am Randstein ausharrt! Was für Unterschiede, wieviel Nuancen, wie viele Namen, um ein und dasselbe zu bezeichnen! Das für die Freudenmädchen aller Spielarten vergeudete Geld kann mit jährlich fünfzig Millionen geschätzt werden; die Almosen bringen gerade drei Millionen ein: ein Mißverhältnis, das zu denken gibt" (M. S. 240-241).

(42)
"Der enorme Verbrauch von Weizenmehl für Puder", polterte Mirabeau, "verteuert den armen Leuten das Brot."

(43)
Reiche Leute besaßen Dutzende, ja Hunderte von fertiggepuderten Perücken, die sie zu den verschiedensten Anlässen schnell aufsetzen oder wechseln konnten. Graf Brühl, der sächsische Premierminister, soll 1500 Perücken besessen haben, was Friedrich den Großen bei der Besetzung von Dresden zu der bissigen Bemerkung veranlaßte: "Etwas zu viel für einen Mann, der keinen Kopf hat."

(44)
Die Barbiere gehörten damals noch zur Chirurgengilde und nahmen in dieser Eigenschaft auch an Sektionen teil.

(44a)
G. Lanson, Voltaire, sa vie et son Oeuvre. Paris 1919, S. 49.

(45)
"Das Dürrejahr 1788 brachte eine schlechte Ernte die überdies durch einen furchtbaren Hagel geschmälert wurde, der bisher nicht nur in der Umgebung von Paris, sondern auch auf der ganzen Strecke zwischen der Normandie und der Champagne niederging, fruchtbare Landstriche verheerte und einen Schaden von hundert Millionen Franken verursachte . . . Kein Wunder, wenn im Frühling 1789 die Hungersnot allgemeiner wird denn je; und sie wächst von Monat zu Monat wie ein mit dem Austritt drohender Fluß . . . Im tiefsten Frieden gleicht Paris einer ausgehungerten Stadt, die soeben eine lange Belagerung überstanden hat" -"Jeder Bäckerladen", sagt ein Augenzeuge, "war von einer Menge umgeben, an die man das Brot mit ängstlicher Genauigkeit verteilte . . . In der Regel war das Brot erdig, schwärzlich, bitter; der Genuß desselben verursachte Unterleibsschmerzen" (Taine, Les origines de la France contemporaine. Paris 1876, Bd. 1, S 17, 527).

(46)
Kaum 40 km vor den Toren von Paris beginnen die gewaltigen Wälder von Chantilly und Compiègne im Department Oise, von Villers-Cotterets im Departement Aisne, wovon altersher die Hetzjagd gepflegt wird. Das Jagdrecht ging an vielen Orten so weit, daß die Landsleute zu gewissen Zeiten nicht jäten und ackern, ja überhaupt nicht auf ihr Land kommen durften, um die jungen Rebhühner nicht zu verscheuchen. "Bis zu einem gewissen Grade", meinte Mirabeau, "gleicht das Elend einem kalten Brand, bei dem die gesunden Teile allmählich von den kranken angesteckt werden."

(47)
Adolf Damaschke, Geschichte der Nationalökonomie. 10. Auflage, Jena 1918. Bd. 1, S. 232.

(48)
Taine (wie Anm. 45), S. 74. - "Der Stallhof des Königs", schreibt Taine, "umfaßte vor der Reduzierung des Haushalts 3000, nach derselben 1857 Pferde, ferner 217 Wagen, 1458 Mann Personal, deren Livreen alleinjährlich 540 000 Franken kosteten, 38 Ehren- und gewöhnliche Stallmeister . . . Vor den Reformen von 1786 gab man jährlich nahezu eine halbe Million, nach derselben noch immer 150 000 Franken für neuangekaufte Pferde aus . . . Die Pferdeliebhaberei des Königs war eng verknüpft mit seinem liebsten Zeitvertreib: der Jagd. Sie kostet ihn jährlich 1 100 000 bis 1 200 000 Franken und nimmt zweihundertachtzig Pferde in Anspruch . . . Allein 1783 kommt die Ernährung der Jagdhunde- und Pferde auf 233 000 Livres zu stehen."

(49)
In 26 Jahren nahm er nur einige Bäder, von denen er pünktlich berichtet, ebenso wie von seinen Magenverstimmungen. - Der aristokratische Lebensstil war über Reinlichkeitsfragen erhaben, und zur despektierlichen Charakterisierung eines Emporkömmlings wie Napoleon, genügte der spöttische Hinweis, daß er "täglich in die Badewanne steige".

(50)
In Versailles hatte König Ludwig XVI. sich schon zur Ruhe begeben, als der Herzog von Liancourt auf schäumendem Pferd heransprengte, um ihm die Nachricht von dem Bastillesturm zu überbringen. Trotz des Widerstandes der Kammerdiener erlangte er Zutritt zum Schlafgemach und stattete erregt seine Meldung ab. "Das ist ja eine Revolte", meinte der König. Liancourt erwiderte: "Nein, Sire, das ist eine Revolution."

(51)
von Stockmar, Tagebuchaufzeichnungen Ludwigs XVI. Leipzig 1894, S. 34-41.

(52)
Mercier (wie Anm. 3) Bd. I, S. V.


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Hamburger Ärzteblatt" Heft 39 1985
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