Stefan Winkle

Roger Bacon,
ein Märtyrer der Wissenschaft



"Ja, was man so erkennen heißt!
Wer darf das Kind beim Namen nennen?
Die wenigen, die was davon erkannt,
die töricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
hat man von je gekreuzigt und verbrannt."

(Goethe, Faust I, 588-593, Nacht.)


Die ephemere Frührenaissance unter Friedrich II. (1212-1250) mit der Umwertung aller Werte war wie ein blendendes Feuerwerk. Das grandiose Schauspiel war aber nur möglich, da der unbeugsame Wille eines genialen und mächtigen Kaisers dahinter stand. Da aber die Macht seines Reiches noch nicht gesichert war, erlosch mit seinem unerwarteten Tode auch die verfrühte Renaissance der Künste und Naturwissenschaften. Wie weit Friedrich seiner Zeit voraus war, ist am deutlichsten daraus zu ersehen, wie es einem gewöhnlichen Sterblichen - ohne Macht und Einfluß - erging, wenn er sich wagte ähnliche Gedanken zu äußern, wie sie der Kaiser z.B. in seinem "Falkenbuch" zum Ausdruck gebracht hatte. Als Beispiel diene das tragische Schicksal des gelehrten englischen Franziskanermönches Roger Bacon (1214-1294).

Nach beendetem Studium in Oxford und Paris forderte der ungestüme Feuergeist, alle Wissenschaft müsse sich auf Erfahrung und Beobachtung gründen statt, wie dies in der Scholastik Brauch war, auf abstrakt logische und syllogistische Schlußfolgerungen. Auch machte er geltend, daß es notwendig sei, die Natur durch zielbewußtes Experimentieren unmittelbar zu befragen. Physikalische und chemische Versuche waren daher seine Leidenschaft. Da er mit qualmenden Chemikalien experimentierte, geriet er in den Verdacht der schwarzen Magie (1).

1252, im Jahre da die Heilige Inquisition offiziell die Folter einführte, kehrte Roger Bacon nach Oxford zurück (2). Seine Hörer bewunderten ihn, und schon bald erhielt er den Ehrentitel "Doctor mirabilis" (der wunderbare Doktor), ein Epitheton ornans, das vielleicht schon etwas von seinem wundersamen Tun ahnen ließ. Denn die Universität bewilligte ihm einen ehemaligen Wachturm als Forschungsstätte. Hier richtete er im Erdgeschoß sein Laboratorium, im Dachgeschoß eine Sternwarte ein. Und wieder begann er Versuche mit Salpeter, Holzkohle und Schwefel und sagte voraus, man werde einmal imstande sein, mit solchen Stoffen ganze Städte in die Luft zu sprengen (3). Zugleich beobachtete er durch ein selbstgebasteltes Fernrohr die Sterne. Hier errechnete er den Abstand des Mondes mit 102 000 km. Den Durchmesser der Erde, die er in Anlehnung an altgriechische Autoren für eine Kugel hielt, errechnete er mit 12 661 km (richtiger Wert: 12757 km) (4).

Wie in der Antike der Trotz des Prometheus gegen die Götter als Hybris, so wurde im Mittelalter das Experiment als teuflisch empfunden. Mit der scientia experimentalis, wie Bacon die Naturforschung definierte, mit der gewaltsamen Befragung der Natur durch Hebeln und Schrauben war jene feine Grenze überschritten, wo für die scholastische Frömmigkeit die Sünde begann. Für einen Mönch, der in der Klosterzelle unter Beten und Fasten Gott seine Geheimnisse abrang, bestand die faustische Gefahr, daß der Teufel seine Hand im Spiel hatte, um ihn im Geist auf jenen Berg zu führen, von wo er ihm alle Macht der Erde versprach. Eine ähnliche Befürchtung beschlich wohl Bacons Zeitgenossen bei der Lektüre seiner visionären Frühschrift "Epistola de secretis operibus, artis et naturae et de nullitate magiae", die die Überschrift trägt: "De instrumentis arteficiosis mirabilibus".

"Und so berichte ich", schreibt darin Bacon, "von den (künftigen) Werken der Technik und der Natur ..., an denen nichts Magisches sein wird --- Es wird nämlich Fahrzeuge zur Schiffahrt ohne Ruderer geben, so daß große Schiffe, dem Flusse oder dem Meer angepaßt, von einem einzigen gelenkt, schneller dahingleiten können, als wenn sie von vielen gerudert werden. Auch Wagen können hergestellt werden, die ohne Zugtier mit unglaublichem Schwung ("cum impetu inaestimabili") dahinrollen werden, so wie wir von den Sichelwagen der Alten hörten. Und Flugmaschinen sind möglich, in deren Mitte der Mensch sitzt und eine sinnreiche Vorrichtung handhabt, durch die künstliche Flügel die Luft gleich einem fliegenden Vogel schlagen. Ferner sind Instrumente möglich, die, obgleich selbst klein, zum Heben oder Senken der schwersten Gewichte ausreichen ... Auch sind Maschinen möglich, mit denen man ohne körperliche Gefahr auf den Grund eines Meeres oder Flusses hinabtauchen kann. Und es können zahllose andere Dinge konstruiert werden, wie Flußbrücken, die keine Pfeiler oder andere Stützen haben.

Diese Zeilen, die wir wie eine Vision neuzeitlicher Erfindungen empfinden, müssen seine Zeitgenossen mit Angst und Schrecken erfüllt haben. Als Bacon dann noch mit Hilfe des Magnetismus ein perpetuum mobile zu konstruieren versuchte, erschien das in den Augen seiner abergläubischen Mitmenschen als ein Unterfangen, Gott die Allmacht zu entreißen. Er wurde der Magie und Ketzerei verdächtigt. Bald danach denunzierte man ihn beim franziskanischen Ordensgeneral Bonaventura. In seinem Rechtfertigungs-schreiben bezeichnete Bacon die Denunziation als haltlos. Er besäße keinen "sprechenden Kopf" (ein magisches Gerät, das, gestaltet wie ein menschlicher Kopf, Antworten auf alle denkbaren Fragen geben soll). Dessen Erfindung sei eine dumme Wanderlegende, die man zuvor schon Papst Silvester II. und Albertus magnus angehängt habe (5). Auf diesen nicht sonderlich devoten Brief hin erhob Bonaventura Anklage gegen Bacon. 1257 wurde er aufgefordert, nach Paris zu reisen und sich dort in Klosterhaft zu begeben. Bacon gehorchte. Elf Jahre dauerte diese erste Inhaftierung. Während der ersten sieben Jahre durfte er keine Zeile schreiben (6).

Nach siebenjähriger Haft (1264) wünschte der päpstliche Legat in England, Guido Fulcodi, Bacon möge ungeachtet anderslautender Befehle eine Darstellung seiner Vorschläge zur Reform des theologisch- philosophischen Studiums für den Papst aufzeichnen. Doch der Inhaftierte erhielt von seinem Ordensgeneral keine Schreiberlaubnis. Doch bald danach starb (1264) Papst Urban IV., und in Perugia wurde ein neuer Papst gewählt. Er hieß Clemens IV., alias Guido Fulcodi. Er befahl die Aufhebung des über Bacon verhängten Schreibverbotes. Vor allem interessierte ihn die Lehre von der Rolle der Mathematik und des Experiments in der Wissenschaft. In fieberhafter Eile versuchte nun Bacon dem Befehl des Papstes nachzukommen.

Nach gut achtzehn Monaten hatte er sein Hauptwerk, das Opus maius, das "große Werk", vollendet. Die vielen Abschweifungen und die aufgeregte Unordnung in dieser Schrift, die schmeichlerische Umwerbung des Papsttums, die ängstlichen Beteuerungen des rechten Glaubens sind verständlich bei der Zielsetzung und dem Umfang (8000 Seiten) dieses Werkes, das in aller Eile geschrieben wurde, um einen Überblick zu bieten und die päpstliche Unterstützung zur wissenschaftlichen Forschung und Lehrtätigkeit zu gewinnen. Doch Bacon war sich dessen bewußt: der wissenschaftliche Fortschritt bedurfte der Förderung eines reichen Mäzens, um für die nötigen Bücher, Instrumente, Aufzeichnungen, Experimente und Hilfskräfte aufkommen zu können.

Zugleich überlegte Bacon, daß der Papst vermutlich wenig Zeit haben dürfte, und faßte daher die wesentlichen Themen des "großen Werkes" in einem "Opus minus", dem "kleinen Werk" zusammen.

Das "Opus maius", das nur als Vorarbeit gedacht war und 7 Bücher bzw. Abhandlungen enthält, handelt:
1. Von den Irrtümern, die eine echte Wissensvermittlung verhindern,
2. Vom Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie,
3. Von der Notwendigkeit, die biblischen Sprachen zu studieren, um sich endlich von dem verstümmelten Vulgata-Text
     lösen  zu könne
4. Vom Nutzen der Mathematik für die Geographie, Astronomie, Astrologie und die Verbesserung des Julianischen Kalenders,
5. Von Perspektive und Optik,
6. Von den Experimentalwissenschaften und
7. Von der Ethik und Moralphilosophie.
Am Anfang seines Werkes führt Bacon für das menschliche Irren und die Unwissenheit vier Gründe an: "Das Beispiel einer unzureichenden und unwürdigen Autorität, die Macht der Gewohnheit, die Meinung der ungebildeten Masse und die Gepflogenheit, seine Unwissenheit hinter vorgetäuschtem Scheinwissen zu verbergen." (7)
Da das Werk für den Papst bestimmt war, fügte er vorsichtshalber hinzu, daß unter unzureichender und unwürdiger Autorität nicht die Kirche gemeint sei. Er bedauerte die Bereitwilligkeit, mit der seine Zeitgenossen jeden Satz für erwiesen annahmen, wenn er nur von Aristoteles stammte, und erklärte:
"Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich alle Bücher des Aristoteles verbrennen, denn ihr Studium bedeutet nur Selbstverlust, erzeugt Irrtum und vermehrt die Unwissenheit." (8)

Im dritten Buch des Opus maius schlug er vor, an den Universitäten Lehrstühle für Hebräisch, Griechisch und Arabisch zu gründen. In "Opus minus" empfahl Bacon die Berufung eines Kollegiums von Gelehrten, die des Hebräischen, Griechischen und Lateinischen mächtig wären, um den Vulgata-Text unter Auswertung aller sprachlichen und historischen Gesichtspunkte kritisch zu überprüfen und zu revidieren. (9)

Im vierten Buch des Opus maius pries Bacon die Mathematik als die einzige (nicht geoffenbarte) Quelle der Gewißheit:

"Nur in der Mathematik", erklärte er euphorisch, "gelangen wir zur vollen, irrtumlosen Wahrheit, zu einer Gewißheit ohne Irrtum. In allen anderen Wissenschaften sind ohne Mathematik von Seiten des Menschen so viele Unsicherheiten wie Meinungen und Irrungen. Nur mit Hilfe der Mathematik kann man wirklich wissen und alle anderen Aussagen verifizieren; denn in jeder Wissenschaft ist nur soviel an Wahrheit enthalten, wie in ihr Mathematik steckt. "

Sogar für die Astrologie hielt er die Mathematik für unentbehrlich. (10) Mit Hilfe der Mathematik fand er die Fehler des julianischen Kalenders und empfahl die Korrektur, die dann erst 1582 durch Papst Gregor XIII. vorgenommen wurde. (11)

Durch Experimente mit Linsen und Spiegeln suchte Bacon die Gesetze der Lichtbrechung, der Spiegelung, der Vergrößerung und der Teleskopie zu ergründen. Angesichts der Fähigkeit einer konvexen Linse, viele Sonnenstrahlen an einem Brennpunkt zu sammeln und die Strahlen über diesen Punkt hinaus zu einem vergrößerten Bild auszubreiten, schrieb er:

"Wir können transparente Körper (Linsen) so gestalten und auf solche Weise zwischen unser Auge und das betrachtete Objekt einschalten, daß die Strahlen in jeder gewünschten Richtung gebrochen und abgelenkt werden; und unter jedem gewünschten Winkel werden wir den Gegenstand nahe oder fern sehen. Auf diese Weise können wir aus einer unglaublichen Entfernung die kleinsten Buchstaben lesen ... Solcherart könnte eine ferne Armee mehr groß ... und nah erscheinen ... Wir könnten es auch so einrichten, daß Sonne, Mond und Sterne dem Schein nach sich uns näherten ..." (12)

Während die scholastischen Philosophen von Abälard bis Thomas von Aquino ihr Vertrauen auf die Logik setzten und aus Aristoteles beinahe eine Person der Dreieinigkeit gemacht hatten, betonte Bacon im Gegensatz dazu die eminente Bedeutung der Erfahrung und des Experimentes. Denn die strengsten Schlüsse der Logik lassen uns in Ungewißheit beharren, solange sie nicht durch die Erfahrung erhärtet werden: "Nur der Gebrannte ist wirklich davon überzeugt, daß das Feuer brennt. "

"Wer sich ohne Zweifel an den Wahrheiten, die den Erscheinungen zugrunde liegen, erfreuen möchte, muß sich dem Experiment zu widmen verstehen."

"Experiment, Experiment" ist das Leitmotiv seiner Schriften. Besonders eindringlich klingt diese Forderung aus dem 6. Buch seines "Opus maius".

"In den Naturwissenschaften kann man ohne Erfahrung und Experiment kein zureichendes Wissen ermitteln. Das Argument als Rückgriff auf eine Autorität bringt weder Sicherheit, noch beseitigt es Zweifel. Denn nur das Experiment verifiziert, nicht aber das Argument." (13)

In der abschließenden Abhandlung seines Opus maius klingt bereits die Befürchtung an, der Mensch könne vielleicht in ethischer Hinsicht mit der technischen Entwicklung nicht Schritt halten:

"Nur von der Moralphilosophie kann man sagen, sie sei ihrem innersten Wesen nach praktisch, denn sie befaßt sich mit dem menschlichen Verhalten, mit Tugend und Laster, mit Glück und Unglück ... Alle anderen Wissenschaften zählen nichts, solange sie nicht zum rechten Tun anhalten. In diesem Sinne sind die "praktischen" Wissenschaften, wie das Experiment, die Chemie (alkemia) und die übrigen als spekulativ anzusehen, wenn man sie mit Betätigungen verbindet, die mit der moralischen Wissenschaft zusammenhängen. Diese Wissenschaft der Ethik ist Herrin über alle Zweige der Philosophie." (14)

Beide Werke (Opus maius und Opus minus) ließ Bacon Ende 1267 durch einen Schüler "Jean" dem Papst nach Rom überbringen. Anfang 1268 wurde er endlich aus der Haft entlassen. Aus Angst, die beiden Manuskripte könnten unterwegs verloren gegangen sein, schrieb er in aller Eile eine weitere kurze Zusammenfassung seiner Reformvorschläge, das Opus tertium, und sandte die Schrift, der er eine Linse zum Lesen (!) beilegte, Ende 1268 durch einen besonderen Boten an den Papst. Doch diese Schrift sollte den Papst nicht mehr am Leben erreichen. (15) Einige Monate, nachdem die ersten zwei Schriften (Opus maius und Opus minus) in Rom angekommen waren, starb Clemens IV. am 29. November 1268, ohne Bacon geantwortet zu haben. Man weiß nicht, ob er jemals dazu gekommen ist, sie zu lesen, zumal die Manuskripte, die in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt wurden, keine Glossen des Papstes aufweisen.

Als Bacon in Paris die Todesnachricht erfuhr, war er zutiefst deprimiert. Er hatte das Gefühl, vergeblich so hektisch gearbeitet zu haben. Der gemaßregelte Mönch hatte gehofft, von dem mächtigsten Mann seiner Zeit aus der Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu werden, doch die Vorzeichen verkehrten sich. Der Umstand, daß man auf sein Programm und Appell nicht einging, dürfte Bacons Geist verdüstert und seine Sprache verbittert haben. Er ließ jegliche Vorsicht missen und übte schärfste Kritik an den angesehensten Gelehrten seiner Zeit: vor allem behauptete er, die Übersetzer aus dem Griechischen und Arabischen verstünden nicht das Geringste. Als nach langer Sedivakanz 1271 Teobaldo Visconti, Archidiakon aus Lüttich, als Gregor X. zum Papst gewählt wurde, war sein wichtigster Berater Bonaventura, Bacons Ordensgeneral. Der Schwergeprüfte sah dunkle Wolken heraufziehen, dennoch schrieb er weiter. (16) In seinem "Compendium studii philosophiae" unterzog er fast jede Facette der Kirche einer vernichtenden Kritik: den päpstlichen Hof wegen seiner Korruptheit, die hohe Geistlichkeit wegen des von ihr betriebenen Nepotismus und die Mönchsorden wegen ihrer Entartung und Habgier:

"In unserer Zeit ist eine größere Sündhaftigkeit am Ruder als je zuvor ... Der Heilige Stuhl ist das Opfer der Täuschung und des Betruges ungerechter Menschen ... Der Hochmut regiert, die Begierde brennt, der Neid nagt alles an; die ganze Kurie wird durch Ausschweifungen entehrt und die Schlemmerei herrscht über allem ... Steht es so mit dem Haupte, wie soll es dann mit den Gliedern sein? Schaut nur die Prälaten, wie sie dem Geld nachrennen, die Pflege der Seelen vernachlässigen, ihre Neffen und andere weltliche Freunde und schlaue Rechtsanwälte, die mit ihrem Rat alles zugrunde richten, auf hohe Posten bringen ... Betrachtet die religiösen Orden; ich nehme keinen aus; seht nur, wie sie allesamt gesunken sind; und die neuen Orden (der Bettelmönche) sind von ihrer ursprünglichen Würde bereits wieder abgefallen. Die gesamte Geistlichkeit ist nur noch auf Wollust, Hochmut und Habgier ausgerichtet ... Kein vernünftiger Mensch kann den geringsten Zweifel hegen, daß die Kirche geläutert werden muß! " (17)

Nur wenige Wochen nach Bekanntwerden dieser Schrift verdammte der neue Ordensgeneral 1278 Bacons Bücher und ließ ihn abermals einkerkern. Inzwischen waren Bonaventura und Gregor X. gestorben. Die Zeit verging. Andere Päpste kamen und gingen (Innozenz V., Hadrian V., Johannes XXI., Nikolaus III., Martin IV., Honorius IV.) - sie alle zeigten sich uninteressiert am Schicksal des Mönchleins. Erst nach fünfzehnjähriger Haft, während der er keine einzige Zeile schreiben durfte, wurde der 78jährige Bacon als gebrochener Geist freigelassen. (18) Am 11. Juni 1294 starb er nach einem Leben des Kampfes in dem bitteren Bewußtsein, daß sein Wirken keinen Einfluß auf die Nachwelt haben dürfte. (19) Die gigantischen Gedankenblöcke seines Werkes wurden nicht in die Grundmauern seiner Zeit eingefügt, sie blieben als erratisches Gestein fern vom Strom der Entwicklung unbeachtet liegen.

Erst das 20. Jahrhundert hat die vermessene Genialität in den Aussagen des großen Franziskaners erkannt. Doch was wir infolge des über zwei Jahrzehnte währenden Schreibverbotes von Roger Bacon kennen, sind um mit Goethe zu sprechen - nur "Bruchstücke einer großen Konfession" .

Anmerkungen

(1)
Acht Jahre nach dem Mongoleneinfall erwähnt Bacon erstmalig in einem 1249 geschriebenen Brief das Schießpulver. (Stephan F. Mason, Geschichte der Naturwissenschaft. Stuttgart 1961, S. 132).(2)

(2)
Im gleichen Jahr (1252) wurde bei Como der Dominikaner Petrus von Verona als Inquisitor von dem über seine Grausamkeit empörten Volk erschlagen. Bei seiner Heiligsprechung erhielt er das Epitheton "Martyr" und galt seither als Schutzpatron der Inquisition.

(3)
Im 6. Buch, Absatz 12 des "Opus maius" schrieb er etwa 15 Jahre später in bezug auf das Schießpulver: "Wichtige Kunstmittel gegen Feinde des Staates sind erfunden worden, so daß man ohne Schwert oder sonstige Waffe, welche eine körperliche Berührung erfordert, alle vernichten kann, die Widerstand leisten wollen ... Aus der Kraft des Salpeter genannten Salzes wird beim Zersprengen eines so kleinen Dinges wie eines Stückchens Pergament ein so gewaltiger Ton erzeugt, daß ... er lauter ist als das Rollen eines heftigen Donners, und das Aufflammen stärker ist als die große Helle des Blitzes, der den Donner begleitet. "

(4)
Rupert Lay, Die Ketzer. Von Roger Bacon bis Teilhard. München/Wien. o. J. S. 29.

(5)
Ebenso wie der gelehrte Papst Silvester II (t 1003) lebte auch der wegen seines Wissens "Doctor universalis" genannte Dominikaner Albertus Magnus (1193-1280) in der Sage als großer Zauberer fort. (F. Strunz, Die Geschichte der Naturwissenschaften im Mittelalter. 1910, S. 88).

(6)
Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes. Darmstadt 1951, S. 385. Lay (wie Anm. 4) S. 31 ff.

(7)
Opus maius, 1. Buch, Absatz 1. Compendium studii philosophiae. Herausgg. von S. Jebb, London 1733.

(8)
Compendium studii philosophiae (wie Anm. 7). -Wenn wir z.B. ein Werk des Thomas von Aquino aufschlagen, so finden wir auf Schritt und Tritt den Verweis auf die Autoritäten: "wie Augustin sagte" oder "wie bei Aristoteles steht". Ähnlich findet man in medizinischen Werken jener Zeit fortwährend Hinweise auf Galen und Avicenna. Über Thomas von Aquino schrieb Bacon spöttisch, er habe dicke Bücher über Aristoteles geschrieben, ohne griechisch zu verstehen. Er forderte, man müsse die Originalquellen studieren und daher Hebräisch, Griechisch und Arabisch lernen, wenn man die Bibel, Aristoteles und die Araber wirklich verstehen wolle. Bei Thomas von Aquino amüsierten ihn besonders die langen Erörterungen über Sitten, Eigenschaften und Verstandeskräfte der Engel. (H. O. Taylor, The Medieval Mind. London 1927, Bd. II, S. 530).

(9)
Opus minus (in Opera quaedam hactenus inedita) hersg. von J. S. Brewer, London 1859.

(10)
In mancher Hinsicht steckte Roger Bacon noch tief im Mittelalter, so z.B. wenn er die Notwendigkeit der Mathematik zum Begreifen der Astrologie betonte, die er, der Vater der modernen Empirie, noch für eine Erfahrungswissenschaft hielt. Das Ansehen der Sterndeutung war zu jener Zeit aber noch so groß, daß selbst ein Rationalist wie Kaiser Friedrich II. an astrologische Weissagungen glaubte. Als er sich 1235 zu Worms mit einer englischen Prinzessin vermählte, ließ er die Stunde des Beischlafs von seinem Hofastrologen bestimmen.

(11)
Im Laufe der Zeit wurden die Fehler des julianischen Kalenders immer offenkundiger. Am Ende des 16. Jahrhunderts nach dem Vorstoß von Bacon wurde entschieden, daß der 5. Oktober zum 15. werden sollte. Gregor XIII. strich die alle hundert Jahre wiederkehrenden Schaltjahre, mit Ausnahme derjenigen, deren Jahreszahl durch 400 teilbar ist. So entstand also der Gregorianische Kalender, wie er heute noch immer gilt. Er weist eine leichte Ungenauigkeit von einem Tag in 4000 Jahren auf; augenblicklich ist er dem julianischen Kalender um 13 Tage voraus.

(12)
Opus maius, 5. Buch, Absatz 4. - Bacon schwebte eine Art von Planetarium vor: "Der Himmel könnte in seiner ganzen Länge und Breite auf einer körperhaften Figur abgebildet werden, die seiner täglichen Bewegung folgt und das wäre für einen Weisen ein ganzes Königreich wert ... Eine Unzahl anderer Wunder könnte bewirkt werden." ("De secretis operibus" in C. Singer, Hrsg. Studies in the History and method of Science. Oxford 1917, Bd. II, S. 397.

(13)
Opus maius, 6. Buch, Absatz 1. -Hier schreibt er auch "Ich will mich mit den Grundsätzen der Experimentalwissenschaft befassen, denn ohne Experimente kann man sich über nichts genau genug ins Bild setzen. Es gibt zwei Wege, Wissen zu erwerben: durch rationale Ableitung und durch Experimente. Der erste Weg führt zu Schlußfolgerungen, die wir für unumstößlich halten, doch vermag er den Zweifel nicht zu überwinden; der Geist ruht erst dann im Licht der Wahrheit, wenn er über das Experiment zu ihr gelangt. Viele halten die Beweise für das, was man wissen könnte, in der Hand; doch da sie ohne Experimente arbeiten, übersehen sie die Beweise und gehen dem Schädlichen nicht mehr aus dem Weg, als sie dem Sinnvollen folgen ...".

(14)
Opus maius, 7. Buch, ad initium.

(15)
Diese Linse wurde vermutlich niemals benutzt. Bereits in seinem 1267 an Papst Klemens IV. gesandten "Opus majus" (11.466) erklärte der Eingekerkerte, daß die konvexe Seite einer Linse dem Auge zugekehrt schwachsichtigen Personen beim Lesen als Vergrößerungsglas dienen könnte. Aus dieser Erkenntnis begann man gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Italien vor allem für die lesenden und schreibenden Mönche Brillen herzustellen. Bis man die von Roger Bacon ebenfalls schon 1267 erwogene Kombination von einer Bikonvexlinse (Sammellinse) und einer Bikonkavlinse (Zerstreuungslinse) zur Steigerung der normalen Sehfähigkeit im Sinne eines Mikroskops zu nutzen lernte, vergingen noch weitere dreihundert Jahre.

(16)
Bei manchen Sätzen aus jener Zeit muß man es verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen: "Es ist schwierig, das Bellen der Hunde zu verstehen. Wer aber kennt sich in der Schweigsamkeit seiner Mitmenschen aus?" Meinte Bacon mit den Hunden die domini canes, die Hunde des Herrn? Bezog er die "Schweigsamkeit der Mitmenschen" auf das Lauern der Denunzianten? Ebenso doppelsinnig wie der vorhin zitierte Satz ist ein Stoßseufzer Bacons, bei dem man nicht weiß, ob er sich auf die irdische Zukunft oder aufs Jenseits bezieht. "Das Beste, was die Welt bietet, ist die Sehnsucht nach einer anderen." (R. Walz, Roger Bacon, der erste Naturforscher des Mittelalters. Leipzig 1930, S. 41).

(17)
Compendium studii philosophiae, in G. G. Coulten, Life in the Middle Ages. Cambridge University Press. 1939. Bd. II. S. 55 f.

(18)
Russell (wie Anm. 6) S. 385.- Der italienische Kulturphilosoph Benedetto Croce (1866-1952), der die "ohnmächtige Qual" des Rede- und Schreibverbotes nur zu gut kannte, schrieb in einem Brief während der Mussolini-Ära: "Eine Strafe von ohnmächtiger Qual, die wir in Dantes Höllenkreisen vermissen, ist das einem ungeduldigen Feuergeist auferlegte Schreibverbot ... Die Unduldsamkeit gleicht einem Lavastrom, der alles, was er berührt, versteinert." (C. Stephen, Benedetto Croce. Ein Denker ohne Furcht und Tadel. Frankfurt a.M. 1958, S. 45.

(19)
In den nachfolgenden Jahrhunderten wird sein Name kaum erwähnt und wenn ja, so als Prototyp eines Hexenmeisters, Magiers und Alchemisten, der auf den Scheiterhaufen gehört. Als 1627 eine erste Biographie: "Die berühmte Historie vom Mönch Bacon, enthaltend die wunderbaren Taten, die er während seines Lebens verrichtete" erscheint, enthält sie gleichzeitig die "Lebensbeschreibung der beiden Geisterbeschwörer Bungey und Vandermast." Erst 1733 veröffentlichte der englische Mediziner Samuel Jebb, M.D., die erste fünf Teile des Opus maius. 1750 erschien dann in Venedig der vollständige Text, 456 Jahre nach Bacons Tod. 1859 edierte J. S. Brewer zum erstenmal das Opus tertium, das Opus minus (nicht ganz vollständig), das Compendium studii philosophiae sowie die frühe Schrift Epistola de secretis operibus, artis et naturae et de nullitate Magiae: Lay (wie Anm. 4) S. 39.


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