COLLASIUS

Biowaffen, Biokrieg und Bioterror

Stefan Winkle


"Ungeheuer ist viel, und nichts ungeheurer als der Mensch."
Sophokles: Antigone
Der Antigone-Chor, der das Ungeheuerliche der menschlichen Macht besang, war nie aktueller als in unserer Zeit: Neben den Atomwaffen gehören die toxikologischen und biologischen Waffen zum Gefährlichsten, was menschliche Gehirne ausgeklügelt haben. Irn Jahre 1972 wurde die Präambel der Konvention über das Verbot biologischer und toxikologischer Waffen von 140 Staaten unterzeichnet, darunter auch von der Sowjetunion. Die Verpflichtung lautet:

"...um der gesamten Menschheit willen sind wir entschlossen, die Möglichkeit auszuschließen, daß bakteriologische Stoffe und Gifte als Waffen benutzt werden. Wir sind überzeugt, daß ein solcher Gebrauch mit dem Gewissen der Menschheit unvereinbar ist und wir keine Anstrengung scheuen sollten, dieses Risiko zu minimieren. Wir verpflichten uns, keine offensiv einsetzbaren biologischen Kampfstoffe zu entwickeln, zu produzieren und zu lagern."

Doch die Biowaffen-Konvention ist "ein Abkommen ohne Zähne", wie Kritiker bemängeln. Die Erlaubnis, B-Waffen für "defensive" Zwecke zu erforschen, um sich gegebenenfalls gegen ihren Einsatz schützen zu können, habe "dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet".

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Die Biowaffenprogramme aller Staaten, die angeblich nur auf Bioabwehr eingestellt sind, werden überall so streng, geradezu hermetisch nach außen abgeschirmt, dass die gewieftesten fremden Geheimdienste nichts eruieren können. Nicht umsonst hat das zur Zeit wohl gründlichste Werk über Biowaffen den Titel "Anthrax und das Versagen der Geheimdienste". Bei den Mannschaften geheimer Biowaffenbetriebe handelt es sich um streng ausgelesene und ideologisch zusammengeschweißte Einheiten, bei denen man entweder Rad sein muss oder unter die Räder gerät.

Der sowjetische Biowaffenexperte Ken Alibek (von den Russen Kanatjan Alibekow genannt), der von 1988 bis 1992 Erster stellvertretender Direktor der mächtigen sowjetischen Biowaffen- Tarnorganisation "Biopräparat" war, ist im September 1992 mit seiner Familie in die USA geflohen. Dort wurde er monatelang vom amerikanischen Geheimdienst verhört. Sieben Jahre später hat er in einem Buch "Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg" darüber berichtet, wie Russland unmittelbar nach Beitritt zum Internationalen Biowaffenabkommen im Jahre 1972 insgeheim das größte und fortgeschrittenste Biowaffenarsenal der Welt errichtet hat und daß zugleich in den geheimen Anlagen in der Nähe Moskaus und in anderen Großstädten Hunderte Tonnen Milzbrandsporen und Dutzende Tonnen Pest- und Pockenerreger lagerten, um sie - falls nötig - gegen die USA und ihre westlichen Verbündeten einsetzen zu können. Was Alibek über die Auswahl und Ausbildung der Biowaffenexperten und über ihre Tätigkeit in den verschiedenen Laboratorien von Biopräparat berichtet, zählte zu den bestgehüteten Geheimnissen des kalten Krieges. Mit Alibeks Buch wird zum ersten Mal das mörderische Bioprogramm einer Großmacht enthüllt, die während des gesamten kalten Krieges bereit war, neben Atomwaffen zugleich auch noch Biowaffen gegen den Westen einzusetzen (1).

Nach beendetem Medizinstudium im April 1975 an der Tomsker Militärakademie wird Alibek, der sich während seines Studiums besonders für Infektionskrankheiten und Epidemiologie interessiert hat, von einem Oberst aus Moskau zum Gespräch empfangen. Der Oberst bot ihm auf Grund seiner guten Noten und ausgezeichneten Beurteilung durch seine Lehrer eine Forschungsstelle an einem Geheimprogramm an. Es handle sich um "biologische Abwehr". Er dürfe über diese Unterhaltung mit niemandem sprechen, weder mit seinen Freunden noch seinen Lehrern, auch nicht mit seinen Eltern (2).

Alibeks zukünftige Arbeitsstätte war die Wissenschaftliche Abteilung des Instituts für Angewandte Biochemie, in der altrussischen Stadt Omutninsk (etwa 1000 Kilometer östlich von Moskau). Der Institutskomplex hatte die Größe einer Kleinstadt. Mehr als 10 000 Menschen lebten und arbeiteten hier. Das war fast ein Drittel der Einwohnerzahl der nahe gelegenen Kleinstadt Omutninsk, wo im 17. Jahrhundert Peter der Große eine Eisengießerei erbauen ließ. Diese stellte primitive Kanonen für die zaristische Armee her. Auf dem Gelände des Forschungsinstitutes befanden sich etwa 30 Gebäude, in denen Laboratorien, Hör- und Kursäle, Bibliotheken, verschiedene Werkstätten, Schulen, Unterkünfte sowie ein eigenes Heizkraftwerk untergebracht waren. Überall auf dem Gelände entstanden neue Gebäude. Häftlinge aus einem nahe gelegenen Gefangenenlager wurden täglich zusammen mit Schaufeln und Zementmischern herbeigekarrt. Der Arbeitsbereich war von einer Betonmauer und einem elektrischen Zaun umgeben. Die Wachen am Eingang trugen keine Uniformen. Offiziell stellte Omutninsk Pestizide und andere landwirtschaftliche Chemikalien her. Inoffiziell diente es als Ausbildungsstätte für die kommende Generation sowjetischer Biowaffenspezialisten.

Als sich Alibek im Sommer 1975 nach seiner Ankunft in Omutninsk am Eingangstor des Institutskomplexes in Leutnantsuniform meldete, wurde er im barschen Ton zu rechtgewiesen, das Tragen von Uniformen sei hier strengstens verboten. So wurde der zivile Charakter der Einrichtung vorgetäuscht. Gleichzeitig mit Alibek kamen 15 weitere frisch gebackene Absolventen von verschiedenen Militärakademien des Landes. Es waren Mediziner, Ingenieure, Chemiker und Biologen, die alle in geheimnisvollen Interviews ausgesucht worden waren und deren umfangreiche Sicherheitsüberprüfung ergeben hatte, dass sie und ihre Familien über jeglichen Subversionsverdacht erhaben waren. Ihre Ausbilder gehörten zum sowjetischen Geheimdienst (KGB). Sie erhielten eine Liste, die das Verhalten auf dem Betriebsgelände regelte und auf der sie sich per Unterschrift zu absoluter Verschwiegenheit verpflichten mußten. Ferner händigten sie ihnen Formulare aus, auf denen ihnen mitgeteilt wurde, daß sie an einem streng geheimen Projekt zur Erforschung biologischer und biochemischer Möglichkeiten der Verteidigung arbeiten werden. Danach wurden sie einzeln zu einem Antrittsgespräch geführt:

"Sind Sie sich darüber im Klaren", wurde gefragt, "daß dies keine normale Tätigkeit ist?"

"Ja", antwortete Alibek.

"Ich muss Sie darüber in Kenntnis setzen, daß es ein internationales Abkommen über biologische Waffen gibt, das die Sowjetunion unterzeichnet hat. Gemäß diesem Abkommen ist es nicht erlaubt, biologische Waffen herzustellen. Auch die Vereinigten Staaten haben dieses Abkommen unterzeichnet, aber wir gehen davon aus, dass sie sich nicht daran halten."

Alibek teilte ihm mit, auch er denke so. Wurde ihnen doch an der Militärakademie todernst eingehämmert, daß die kapitalistische Weit nur ein Ziel vereint: die Vernichtung der Sowjetunion.

Aus dem "streng geheimen Projekt zur Erforschung biologischer Möglichkeiten der Verteidigung" war im Handumdrehen eine streng geheime Biowaffen-Produktion geworden. Als Zyniker könnte man sagen: "Selig sind die Indoktrinierten, denn sie leiden nicht an der Doppelzüngigkeit ihres Tuns."

Am nächsten Tag begann für die Neuankömmlinge die Einarbeitung in ihren zukünftigen Arbeitsbereich. Zunächst experimentierte man mit harmlosen Mikroben. Man lernte Reinkulturen anzulegen, die biochemischen und serologischen Eigenschaften verschiedener Typen zu prüfen. Dann prüfte man, wie sich verschiedene Temperaturen und verschiedene Nährstofflösungen auf das Wachstum von Mikroben auswirkten. Nach wenigen Monaten begab man sich aus der üblichen mikrobiologischen Labortechnik in die komplizierte Welt der mikrobiologischen Waffenindustrie.

Man begann mit pathogenen Keimen zu experimentieren, man lernte Versuchstiere zu infizieren und Sektionsbefunde zu beurteilen. Dann wurden Versuche mit hoch pathogenen Keimen durchgeführt, bei denen man Gummikittel, Gummihandschuhe und Gummistiefel anziehen und eine Maske mit Schutzbrille aufsetzen mußte. Die Arbeit im Labor begann um acht Uhr und dauerte, nur von einem schnellen Betriebsessen unterbrochen, bis zum Abendessen. An drei Nachmittagen konnte man für drei Stunden die Bibliothek aufsuchen. Die meisten waren stolz, im

Geheimauftrag an einem Projekt von nationaler Priorität arbeiten zu dürfen (3).

Aber es gab auch vier Mediziner, die es verabscheuten, Krankheitserreger in Waffen zu verwandeln, auch wenn das Projekt nationale Priorität besaß. Denn nicht jeder Zweck heiligt die Mittel. Einer der vier Mediziner, Wladimir Rumjanzew, ein hünenhafter Sibirier, mit dem Alibek in Tomsk studiert hatte, wurde zusehends verdrießlich und depressiv.

"Kanatjan, wir sind Ärzte!`, rief er des öfteren. "Wie können wir so etwas tun? Mit dem Eid des Sowjetmediziners' hatte ich nach Abschluß des Studiums geschworen, den Kranken zu helfen, niemandem Schaden zuzufügen' und nun das?"

Da aber in allen Institutionen, in denen Biowaffen hergestellt werden, jeder Schritt der dort Beschäftigten vom Geheimdienst überwacht wurde, verstummte bald auch bei den wenigen die Stimme des Gewissens. Nicht umsonst pflegt man in einem solchen Milieu das Gewissen oft abfällig als den Firmennamen der Feigheit zu bezeichnen. Schließlich heiligte der höhere Zweck auch hier die Mittel.

Im März 1976 wurde Alibek mit seinem Kollegen Rumjanzew nach Berdsk in Sibirien, etwa 3.000 Kilometer östlich von Moskau, versetzt. Biopräparat wollte in Berdsk den Prototypen einer kombinierten Forschungs- und Waffenproduktionsanlage errichten. Als Alibek und Rumjanzew dort eintrafen, stapelten sich in den Räumen zahlreiche Kisten mit Mikroben, Zentrifu gen, Brutschränken, Kühlschränken, einem Fermentierer und Reagenzgläsern. Innerhalb von vier Monaten stampften die beiden ein mikrobiologisches Labor aus dem Boden. Der Erfolg verlieh ihrem Tun den beruhigenden Glanz eines guten Gewissens.

Im Januar 1977 kehrte der Kommandeur von Berdsk, Oberst Witali Kundin, von einem Besuch in der Biopräparat-Zentrale in Moskau zurück und brachte zwei kleine Ampullen mit gefrier-getrockneten Brucellen, die er Alibek überreichte. Zugleich teilte er ihm mit, daß es bis dahin in keinem Labor von Biopräparat gelungen war, größere Mengen von Brucellen zu züchten.

Alibek begann, die üblichen Nährlösungen durch verschiedene Zutaten zu ändern. Nach acht Monaten gelang ihm mit Hilfe einer neuen Nährstofflösung von dem Erreger eine kampffähige Biowaffe zu schaffen. Seit diesem Erfolg, über den man sich im Moskauer Hauptquartier sehr freute, haftete Alibek der Ruf eines "Machers" an. Im Herbst 1977 wurde Alibek zum Oberleutnant befördert und zum wirtschaftlichen Leiter ernannt (4).

Im Jahre 1979 wurde General Kalinin Leiter von Biopräparat. Der damals 41-jährige Ingenieur, der an der Militärakademie für chemische Kriegsführung ausgebildet worden war, hatte auf dem Gebiet der Biowaffenforschung keinerlei Erfahrung, doch er war ein geschickter Organisator. Als er die Personallisten seiner zahlreichen Biowaffen-Experten überprüfte, fiel ihm ein junger Arzt namens Alibek auf, der in Berdsk, der sibirischen Außenstelle der angewandten Biochemie, ein mikrobiologisches Labor mit einem Standardapparat zur Fermentierung einrichtete und die Labortechnik zur Produktion von Brucellosekampfstoffen entwickelt hatte.

Ende 1979 erhielt Alibek den Befehl, nach Omutninsk zurückzukehren und ein Verfahren zu entwickeln, das Tularämie kampfstofftauglich machte. Gebäude 107, teilte man ihm mit, sei endlich fertig gestellt. Damals wurde der Grundstein für ein Pilotprojekt gelegt, das die Sowjets in eine neue Ära der Massenproduktion von Biowaffen katapultieren sollte. Der Bau wurde später unter dem Namen "Gebäude 107" bekannt.

Die effektivste, aber auch komplizierteste Methode, Menschen zu infizieren, besteht in der Verseuchung der Atemluft. Biowaffen-Experten haben infektiöse Aerosole hergestellt, die durch Inhalation zur Infektion führen. Um das Verkleben und Verklumpen der Erreger im Aerosol zu verhindern, wurden bestimmte Pharmaka hinzugefügt, sodass sie nicht sedimentieren, sondern lange und weit herumschweben können und so beim Einatmen in die Lunge gelangen. Zunächst stellte Alibek Versuche mit Kaninchen und Meerschweinchen an. Da aber das Atmungssystern der Affen dem des Menschen am meisten ähnelt, entschied man sich für diese Tierart. Im Zusammen-hang mit den intensiven Versuchen am Tularämie-Aerosol in Omutninsk charakterisierte Ken Alibek sich und seine Mitarbeiter stolz mit folgenden Worten:

"Wir sahen uns als Hüter eines Geheimnisses, das außer uns niemand verstand. Wir waren Krieger und Hohepriester einer Geheimsekte, deren Rituale niemals enthüllt werden durften." (5)

Die politische Indoktrination der gesamtem Expertengruppe war also hundertprozentig gelungen!

Das sowjetische Militär testete neue Kampfstoffe im Freiversuch auf der "Insel der Wiedergeburt" im Aralsee, 3.500 Kilometer südlich von Moskau. Für Kalinin war dies die Gelegenheit zu beweisen, was Biopraparat zu leisten im Stande war. Zur Durchführung der Tularämietests auf der "Insel der Wiedergeburt" wurden aus Afrika fünfzig Affen (Paviane) bestellt. General Kalinin rief aus Moskau Alibek an und gratulierte ihm. "Ich habe Sie zum stellvertretenden Direktor von Omutninsk ernannt. Ein General war dagegen. Es sei unmöglich, dass ein dreißigjähriger Hauptmann ranghöheren Offizieren vorgesetzt wird. Aber ich überzeugte ihn, daß Sie der Richtige sind."

Im Frühsommer 1982 wurde der Testversuch auf der Aralseeinsei durchgeführt. Fünfzig Affen wurden angepflockt. Das Kommando führten zwei Generäle vom Direktorium 15. Alibek erhielt den Befehl, im Omutninsk zu bleiben. Am Nachmittag rief ihn ein überglücklicher Kalinin an. Fast alle Testaffen waren eingegangen!

"Kanatjan", brüllte er ins Telephon "Sie sind ein hervorragender Mann!" (6)

Dieser exaltierte Freudenschrei über eine neue Waffe, die den potenziellen Tod Tausender Unschuldiger verkörpert, erinnert mich an eine Sentenz vom Logau aus den entmenschten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges: "Töte einen und du bist ein Mörder, töte Tausende und du giltst als Held!"

Auf Menschen vom Schlage eines Kalinin trifft die Sentenz des jüdisch-polnischen Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec zu: "Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie!"

*

1983 wurde der zum Major beförderte Ken Alibek nach Stepnogorsk, Kasachstan, abkommandiert. Seine Aufgabe lautete kurz, die monumentale Fabrikanlage zur Massenproduktion waffentauglicher Milzbranderreger auf die Beine zu stellen.

"Heutzutage", schreibt Alibek, "mag es schwer fallen, sich vorzustellen, mit welchem Ernst wir uns auf den Kriegsfall vorbereiteten, doch ebenso wie die Mehrheit meiner Kollegen war ich überzeugt, dass ein Konflikt der Supermächte unvermeidlich sei. In den frühen achtziger Jahren waren die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Westen auf den Tiefpunkt gesunken. Die Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten hatte zu einer Welle militärischer Hochrüstung der USA geführt, wie sie meine Generation nicht kannte. In Westeuropa war Washington im Begriff, eine neue Generation von Cruise missiles (Marschflugkörper) zu stationieren, die in der Lage waren, binnen weniger Minuten die Sowjetunion zu erreichen. Geheimdienstberichten zufolge schätzten die Amerikaner, daß bei einem Atomkrieg sechzig Millionen Sowjetbürger ums Leben kämen. Unsere Zeitungen zürnten über Reagans Beleidigung unseres Landes als "Reich des Bösen". Es schien uns sogar verständlich, daß unsere Armeestrategen zu einem Präventivschlag gezwungen würden, möglicherweise auch mit biologischen Waffen (7). Als wir mit unserem Erweiterungsprojekt in Stepnogorsk fertig waren, sah die Anlage aus wie eine stählerne Festung."

Erhard Geißler bringt in seinem Buch "Anthrax und das Versagen der Geheimdienste" auf S. 258 zwei interessante Aufnahmen von der Inneneinrichtung dieses Werkes, das er so beschreibt:

"Die Stepnogorsker Anlage war eine der größten Forschungs- und Produktionseinrichtungen der UdSSR für biologische und Toxinkampfmittel. Sie war so geheim, dass sie lange Zeit nur als 'Postfach Nummer 2076' firmierte - sozusagen das krasse Gegenteil einer Briefkastenfirma. Aus Tarnungsgründen war die Anlage sozusagen 'im Hinterhof' einer zivilen Biotechnologie-Firma errichtet worden. Sie sollte hauptsächlich der Massenproduktion von für militärische Zwecke optimierten Antbrax-Sporen - die gegenüber einer Reihe von Antibiotika resistent waren - dienen. Die Produktionseinrichtungen wurden aber nie mit voller Leistung gefahren; das sollte nur im 'Mobilisierungsfall' erfolgen. Noch im Jahre 1991 arbeiteten dort etwa 800 Personen, darunter mehr als 100 Wissenschaftler. Die Anlage bestand aus 25 Gebäuden, die auf einer Fläche von etwa zwei Quadratkilometern errichtet waren, alle ausgestattet mit modernster Gerätetechnik einschließlich zehn 20.000-Liter-Produktionsfermentern. Nach Einschätzung westlicher Experten hätte damit Tag für Tag eine Tonne waffenfähiger Milzbrandsporen produziert werden können - ausreichend, um über dicht bevölkertem Gebiet bei günstigen atmosphärischen Verhältnissen etwa zehn Millionen Menschen umzubringen. Dieses unvorstellbare Bedrohungspotenzial, fast all diese eklatanten Verletzungen der Biowaffen-Konvention blieben den westlichen Geheimdiensten bis Anfang der 1990er-Jahre verborgen. (8)

Als Alibek 1983 das Werk von Stepnogorsk übernahm, waren dort vierzig Mitarbeiter beschäftigt, 1986 wareb es 900 Mitarbeiter. Mit deren Hilfe gelang es ihm, wie er immer wieder stolz betont, den effektivsten Milzbrandkampfstoff aller Zeiten zu entwickeln.

"Unsere getrockneten und flüssigen Milzbranderreger waren dreimal so wirksam wie die aus Swerdlowsk. Mit nur fünf Kilogramm unseres Anthrax 836 war man in der Lage, die Hälfte aller Menschen zu infizieren, die auf einem Quadratkilometer lebten. Bei der Swerdlowsker Waffe dagegen hätte man für dasselbe Resultat mindestens 115 Kilogramm benötigt."

Am Schluss des Stepnogorsk-Kapitels erklärt Alibek voller Stolz:

"Die zerstörerische Wirkung unseres neuen Kampfstoffs wurde 1987 durch Tests auf der ,Insel der Wiedergeburt' bestätigt. Lepjoschkin, der in diesem Jahr zu meinem Stellvertreter ernannt wurde, war zum Aralsee geflogen, um die Feldversuche zu überwachen. Als er den erfolgreichen Abschluß meldete, strich Moskau schließlich Swerdlowsk endgültig von der Liste der Milzbrandproduktionsstätten. Stepnogorsk hatte die verlorenen Kapazitäten der Armee-Einrichtung mehr als kompensiert. Unsere Anlage war in der Lage, zwei Tonnen Milzbranderreger pro Tag zu produzieren, und zwar in einem Verfahren, das so zuverlässig war wie die Herstellung von Coca-Cola. Durch den Aufbau der weltweit ersten industriellen Fertigungsanlage für biologische Kampfstoffe wurde die Sowjetunion zur größten und einzigen biologischen Supermacht der Welt. Genauer gesagt, hatten wir diesen Status bereits Anfang der achtziger Jahre erreicht, als wir in der Lage waren, mit auf Interkontinentalraketen montierten biologischen Kampfstoffen Ziele in Tausenden von Kilometern Entfernung anzugreifen. Doch Stepnogorsk demonstrierte unsere Fähigkeit, einen biologischen Krieg zu führen auf einem Niveau, das keine andere Nation erreichte. In nur vier Jahren hatten wir die Kunst der biologischen Kriegsführung weiter entwickelt als in den vier Jahrzehnten, die seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen waren. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass wir unsere Errungenschaft nicht hinausposaunten."

Nach diesem Loblied folgt ein Satz voller Schadenfreude:

"Die Internationale Staatengemeinschaft wußte noch immer nichts von der Tarnorganisation Biopräparat', und wir gaben ihr keinen Anlaß, über das wachsende Ausmaß unserer Produktion zu spekulieren." (9)

Für seine Leistungen in Stepnogorsk wurde Alibek zwei Jahre früher, als es den militärischen Gepflogenheiten entsprach, zum Oberst befördert und nach Moskau an die Biopräparat-Zentrale versetzt, wo ihn General Kalinin im September 1987 zum stellvertretenden Direktor des biologischen Sicherheitsdienstes von Biopräparat ernannte. Dort erhielt er im ersten Stock der Samokatnaja-Straße sein Büro neben dem Zimmer von General Kalinin. In seinem Arbeitsraum erbte er von seinem Vorgänger einen Eichenschreibtisch, der nahezu die Hälfte des Raumes einnahm. Auf dem Schreibtisch standen fünf Telephone, die konkreten Symbole seiner Autorität. Innerhalb der sowjetischen Nomenklatura kann man den Status eines Funktionärs an der Anzahl seiner Telephone ablesen. Alibek besaß sogar eine Kremljowka, das sind kleine weiße Apparate, die die höheren Ebenen der Macht untereinander verbinden, vom Generalsekretär der Kommunistischen Partei bis zum einfachen Staatssekretär. Alibek hätte ein Fernsehgerät oder ein Radio vorgezogen, doch der KGB hatte elektronische Geräte aus den Büros höherer Funktionäre verbannt. Es hieß, die westliche Überwachungselektronik sei so hoch entwickelt, daß die ausländischen Agenten in der Lage seien, anhand der Vibration von Glasscheiben Gespräche abzuhören und so den bestgehüteten Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

Der zweite Stock beherbergte die Abteilung 1, die für die Archivierung von Geheimakten sowie die Korrespondenz mit den anderen Biopräparat-Einrichtungen im Land zuständig war. Die einzigen Personen, denen neben dem Sicherheitspersonal der Zutritt gestattet war, waren Kalinin und Alibek. Geleitet wurde die Abteilung vom KGB. Was Alibek von der Überwachung durch den KGB berichtet, ist ungeheuerlich.

"Einmal monatlich mußten wir alle unsere Büros verlassen, damit die Sicherheitsoffiziere sie nach Wanzen absuchen konnten. Einige meiner Kollegen glaubten allerdings, daß sie in Wirklichkeit die Abhörgeräte überprüften, mit denen sie unsere Gespräche aufzeichneten." Dieses ungeheuerliche Überwachungssystem erinnert an Orwells Bestseller "1984", wo der die Partei repräsentierende große Bruder bis in die Privaträume mit einem Fernsehgerät, das zugleich Sender und Empfänger ist, alles sieht und mithört.

"Wir alle wussten", schreibt Alibek, "dass wir überwacht wurden, doch niemand stellte die Sicherheitsmaßnahmen in Frage. Wir befanden uns in einem unerklärten Krieg mit Feinden, die - so sagte man uns zumindest - vor nichts zurückschreckten. Die Amerikaner hatten sich, als sie das Manhattan-Projekt in Gang setzten, mit einer ähnlichen Mauer des Schweigens umgeben und unentdeckt die erste Atombombe gebaut. Biopräparat, so glaubten wir, war unser Manhattan-Projekt". (10)

Was Geheimhaltung und Organisation betraf, wies das Biowaffen-Projekt Parallelen zu dem sowjetischen Atomprogramm auf. Beide schufen sich ein Netz geheimer Städte, Produktions-stätten und Forschungszentren. Das Atomprogramm, das dem Ministerium für Mittleren Maschinenbau unterstand, war natürlich sehr viel größer, da die Produktion von Biowaffen weder Uranbergwerke noch eine große Zahl von Arbeitskräften erforderte. Dennoch waren Ende der achtziger Jahre mehr als 60.000 Personen an der Biowaffen-Produktion beteiligt.

"Geld", schreibt er, "war nie ein Problem. Selbst im Jahr 1990, als Michail Gorbatschow der Welt weitreichende Abrüstungsmaßnahmen versprach, verfügte ich über einen Etat von 200 Millionen US-Dollar, davon waren 70 Millionen allein für den Bau neuer Gebäude bestimmt. Die Gesamtsumme, die in diesem Jahr in die Entwicklung biologischer Kampfstoffe floss, belief sich auf knapp eine Milliarde US-Dollar''.(11)

Im Dezember 1987, drei Monate nach seiner Ankunft in Moskau, wurde Alibek von Kalinin mit einer großen Aufgabe betraut. Er sollte die Planung zur Herstellung eines neuen Pockenkampfstoffes auf Aerosolbasis überwachen. Wie bereits erwähnt, begann mit Präsident Reagan das höchst aufwendige Wettrüsten zwischen den Amerikanern und den Sowjets. Alibeks diesbezügliche Ausführungen verschlagen einem den Atem.

"Der Fünfjahresplan", schreibt Alibek, "umriss das ambitionierteste Programm zur Entwicklung biologischer Kampstoffe, das unsere Behörde je erhalten hatte. Es beinhaltete eine Virenproduktionsanlage im Wert von 300 Millionen Rubel (das entsprach etwa 400 Millionen US-Dollar), die in Joschkar-Ola in der Autonomen Republik der Mari errichtet werden sollte. Außerdem sah der Plan den Bau einer neuen militärischen Anlage zur Produktion virologischer und bakteriologischer Kampfstoffe in Strishi, in der Nähe von Kirow, vor. Vor allem aber enthielt er die Finanzierung eines 630-Liter Reaktors zur Herstellung von Pockenviren am staatlichen russischen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie, einer Institution, die innerhalb des Systems als Vektor bekannt war. Unsere militärische Führung hatte beschlossen, sich auf eine der schwierigsten Herausforderungen der biologischen Kampfstoffforschung zu konzentrieren - die Transformation von Viren in Kriegswaffen."

Bei diesen ungeheuren Summen, die die Sowjets allein für Biowaffen auszugeben bereit waren, erinnerte ich mich an eine Stelle in Montesquieus "De l'esprit des lois" (Buch X, Kap. 2), in dem er die Wettrüstung schildert, die Ludwig XIV. betrieb und die Frankreich an den Rand des Abgrunds brachte. (12)

Um die perfide Hinterhältigkeit des sowjetischen Verhaltens zu begreifen sei an Folgendes erinnert: Am 8. Mai 1980 hatte die Weltgesundheitsorganisation verkündet, dass die Pocken weltweit ausgerottet seien. Zugleich empfahl die WHO die weltweite Einstellung der Pockenschutzimpfung. Wenige Jahre später wurde beschlossen, nur noch an zwei Instituten Pockenviren aufzubewahren: Im Zentrum für Seuchenkontrolle in Atlanta sowie am lwanowski-Institut für Virologie in Moskau. Was für andere Regierungen ein medizinischer Triumph war, war für den Kreml ein strategisches Geschenk: Eine nicht länger gegen Pocken geimpfte Welt wäre ein ideales Opfer gewesen.

Unmittelbar nach der Erklärung der WHO wurden Pocken in eine Liste virologischer und bakteriologischer Kampfstoffe aufgenommen, die im Rahmen des Fünfjahresplans 1981 bis 1985 verbessert werden sollten.

Bereits 1947 hatte die Sowjetunion ihre erste Anlage zur Herstellung von Pockenkampfstoffen errichtet. Sie befand sich außerhalb der alten Kathedralenstadt Sagorsk vierzig Autominuten nordwestlich von Moskau. Schon in den siebziger Jahren war das Pockenvirus so wichtig für das sowjetische Arsenal biologischer Kampfstoffe, dass das militärische Oberkommando befahl, 20 Tonnen pro Jahr vorrätig zu halten. Die Kampfstoffe wurden auf Armeeanlagen in Sagorsk gelagert und mussten entsprechend der Verfallsquote jährlich ergänzt werden.

Nachdem Alibek im Dezember 1987 den Auftrag erhielt, die Planung zur Herstellung eines neuen Pockenkampfstoffes auf Aerosolbasis zu überwachen, besuchte er die Anlage Vektor, die Anfang der siebziger Jahre von Biopräparat zur virologischen Forschung in der Nähe der sibirischen Kleinstadt Koltsowo gegründet wurde. Der Direktor von Vektor war der armenische Virologe Lew Sandaktschejew, der von Beginn an für Biopräparat gearbeitet hatte. Er war Experte für Orthopoxviren, die Virenfamilie, zu der das Pockenvirus zählt.

Als Alibek dort zum ersten Mal eintraf, waren bereits Dutzende neuer Forschungslabors und Gebäude errichtet worden, und weitere befanden sich in Planung. Es gab einen Hochsicherheitsbereich für Experimente mit ansteckenden Viren wie Pocken, Marburg, Lassa-Fieber und Machupo sowie Kammern für Bombentests und Ställe zur Zucht von Versuchstieren. Jeden Monat trafen neue Techniker und Wissenschaftler auf der Anlage ein, und langsam begann das Projekt Gestalt anzunehmen. Er musste für Unterkünfte sorgen, Dienstpläne erstellen und die Bauarbeiten überwachen. Der Schulvirologe, der gewohnt war, ein Provinzinstitut mit wenigen hundert Mitarbeitern zu leiten, hatte nun plötzlich mehr als 4000 Arbeitskräfte zu beaufsichtigen. Alibek erkannte, dass Sandaktschejew überfordert war (13). Dieser gestand ihm, dass er trotz seiner Kenntnisse auf dem Gebiet der Laborforschung kaum etwas über die technologischen Abläufe wusste, die zur Massenproduktion von Pockenviren erforderlich waren. Deshalb benötigte man dringend jemanden, der sich nicht nur mit Pocken auskannte, sondern auch in der Lage war, den Produktionsprozess optimal zu organisieren.

Alibek, der im Frühjahr 1988 zum Ersten stellvertretenden Direktor von Biopräparat ernannt wurde, durchforstete nach seiner Rückkehr an der Moskauer Biopräparat-Zentrale die Personalakten der verschiedensten Institute, konnte aber im ganzen Land niemanden ausfindig machen, der beide Bedingungen erfüllt hätte. Bald danach wurde er von Sandaktschejew angerufen, der ihm erfreut mitteilte, dass er den geeigneten Mann gefunden habe. Er heiße Jewgeni Lukin, bekleide den Rang eines Obersten und arbeite für das "Direktorium 15" in Sagorsk. Kei n Mensch wisse in ganz Russland mehr über die Produktion von Pockenviren als dieser. Er habe mit Lukin schon gesprochen und der sei bereit zu kommen. Nur die bürokratischen Einzelheiten müssten noch geregelt werden. Alibek sprach mit Generalmajor Kalinin, der die Angelegenheit mit "Direktorium 15" regelte. Lukin wurde zum stellvertretenden Direktor von Vektor ernannt. Er erwies sich als exzellenter Produktionsmanager (14).

Inmitten dieser Arbeiten wurde Alibek im Spätwinter 1988 von Generalleutnant Waldimir Lebedinski, dem Kommandeur des Direktoriums 15 der Sowjetarmee zu einer dringenden Besprechung mit drei Obersten von der Biologischen Abteilung gebeten. Die Biologische Abteilung unterstand dem Direktorat des Generalstabes und war damit betraut, Bomber und Sprengköpfe mit den von Biopräparat produzierten Waffen auszustatten.

"Auf höchster Ebene", sagte Lebedinski "hat man entschieden, SS-18-Raketen mit biologischen Kampfstoffen auszurüsten. Unsere Aufgabe ist es nun zu errechnen, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, die Raketen startklar zu machen."

Lebedinskis Mitteilung überraschte Alibek. Die riesigen SS-1 8-Raketen, die in der Lage waren, jeweils zehn 500-Kilotonnen-Sprengköpfe mit einer Reichweite von 10.000 Kilometern zu befördern, waren bislang nie als Trägerraketen für biologische Kampfstoffe in Erwägung gezogen worden. Der kalte Krieg beschleunigte die Entwicklung tödlicher Waffen, und Anfang der siebziger Jahre waren die Sowjets in der Lage, ballistische Interkontinentalraketen mit Einfachsprengköpfen für biologische Kampfstoffe auszurüsten. Mehrfachsprengköpfe dagegen stellten eine ganz andere Herausforderung dar. Nur ein geringer Teil der von Biopräparat zu Kriegszwecken entwickelten Kampfstoffe konnte in Mengen produziert werden, die ausreichten, um auf einmal Hunderte von Sprengköpfen zu bestücken.

Alibeks Milzbrandforschungen, die er vor einigen Jahre in Stepnogorsk durchgeführt hatte, mussten die Aufmerksamkeit der strategischen Planer geweckt haben.

Um Generalleutnant Lebedinskis Frage zu beantworten, stellte Alibek ein paar schnelle handschriftliche Berechnungen an:

"Um zehn Sprengköpfe auszurüsten", sagte er, "bedarf es mindestens 400kg Milzbrandsporen in getrockneter Form, um sie als Aerosol einzusetzen."

Die Milzbrandkulturen durchlaufen einen komplizierten zeitaufwendigen Fermentierungsprozess, um die benötigten Milliarden von Sporen zu produzieren. Ein einzelner voll ausgelasteter 20-Tonnen-Fermentierer produzierte in ein bis zwei Tagen ausreichend Sporen, um eine Rakete zu bestücken.

"Durch Beigabe von Zusätzen wären wir wahrscheinlich in der Lage, den Ausstoß auf 500 bis 600 Tonnen pro Tag zu steigern. Mit den uns zur Verfügung stehenden Fermentierern würde es zehn bis vierzehn Tage dauern", erklärte Alibek.

Die Oberste schauten ihn befriedigt an. Zwei Wochen waren kein Problem. Niemand zettelte über Nacht einen Krieg an. Mit zwei Sätzen, bei denen es einem kalt über den Rücken läuft, beendet Alibek seine Ausführungen im sowjetischen Hauptquartier 1988:

"100 Kilogramm Milzbrandsporen könnten - unter optimalen atmosphärischen Voraussetzungen - in jeder dicht besiedelten Region der USA bis zu drei Millionen Menschen töten. Eine einzige SS-18-Rakete könnte die Bevölkerung einer Stadt von der Größe New Yorks auslöschen." (15)

Bei Alibeks euphorischen Äußerungen muss ich oft an eine Sentenz Pascals denken: "Niemals begeht man das Böse so gründlich und so gut, als wenn man es mit gutem Gewissen tut" (Pensées, paragraphe 895) oder an die messerscharfe Sentenz von Nietzsche: "Man muss zur Schurkerei auch den Geist und das gute Gewissen haben." (Morgenröte. Viertes Buch, Absatz 388).

In der Zwischenzeit ereignete sich bei Biopräparat etwas Folgenschweres: An einem Montag Ende Oktober 1989 wurde Alibek telefonisch mitgeteilt, dass Oberst Wladimir Pasetschnik, der Direktor des Leningrader Instituts für hochreine Biopräparate von einer Dienstreise nach Paris nicht zurückgekehrt sei. Man hatte ihn von einem französischen Hersteller pharmazeutischer Ausrüstungen nach Paris eingeladen, um sich dessen neue Fermentierer genauer anzusehen. Das Institut für hochreine Biopräparate in Leningrad war seit der Gründung der Biowaffen-Tarnorganisation "Biopräparat" Anfang der siebziger Jahre eines der wichtigsten Verbindungsglieder dieses weit verzweigten Netzwerks. Unter Pasetschniks Führung hatte es zu zahlreichen Durchbrüchen der sowjetischen Waffenproduktion beigetragen. In den fünfzehn Jahren ihres Bestehens hatte es bei Biopräparat keinen Überläufer gegeben. Pasetschnik war einer der bedeutendsten russischen Biowaffen-Experten, der die Modifikation von Cruise missiles für die biologische Kriegsführung anstrebte.

Cruise missiles haben die moderne Kriegsführung revolutioniert. Ausgestattet mit elektronischen Suchsystemen sind sie in der Lage, dicht über der Erde zu fliegen und so das gegnerische Radar zu täuschen. Sie können aus der Luft, vom Boden oder von See aus in großer Entfernung zu ihrem Ziel abgeschossen werden.

Als Alibek die Hiobsbotschaft Kalinin mitteilte, fühlte man sich wie von einem Blitz getroffen. Man befürchtete, dass der Überläufer dem Westen streng gehütete Geheimnisse verraten werde, wo man seit jeher den Verdacht hegte, die Sowjets verletzten die Biowaffenkonvention.
 
 

"Das Unheimliche am Misstrauen", sagte schon Lessing, "ist oft seine Rechtfertigung."

Das Misstrauen der Angloamerikaner, wurde diesmal prompt durch die Aussagen des nach England geflohenen Pasetschnik gerechtfertigt. Nach kurzer Zeit präsentierten der amerikanische und der britische Botschafter dem außenpolitischen Berater Gorbatschows, Anatoli Tschernajajew, eine Demarche, die besagte, dass sich ihre Regierungen im Besitz "neuer Informationen" befänden, die vermuten ließen, die Sowjetunion verletze das Biowaffenabkommen von 1972. (16)

Kalinin rief erregt Alibek in sein Büro und teilte ihm mit, dass von oben angeordnet sei, jedwede erforderliche Maßnahme zu ergreifen, um weiteren Schaden von Biopräparat abzuwenden. Alles, was in Pasetschniks Institut mit geheimen, militärischen Tätigkeiten in Zusammenhang stand, musste vernichtet werden. Das Institut für hochreine Biopräparate musste sowohl dem Namen nach als auch de facto eine zivile Einrichtung werden.

"Von jetzt an werden wir jede Menge Kopfschmerzen haben", sagte Kalinin. Schewardnadse tobte vor Wut. Als er von der diplomatischen Note hörte, ging er schnurstracks zu Gorbatschow und wollte die Wahrheit wissen. Offenbar behagte es ihm nicht, von Ausländern mitgeteilt zu bekommen, was in seiner Regierung vor sich ging. Schewardnadse besaß eben nicht die Nonchalance eines Talleyrand, der in solcher Situation zu sagen pflegte: "Ein Fauxpas auf dem diplomatischen Parkett entsteht meist dann, wenn das linke Bein nicht weiß, was das rechte vorhat."

Schewardnadse begann damals Verhandlungen mit dem Westen, die im Rückzug der sowjetischen Truppen aus Osteuropa münden sollten. Kalinin teilte die Abscheu der meisten Armeegeneräle gegenüber dem Außenminister. Der vom Westen neu ins Spiel gebrachte Vorwurf unterminierte sein und Gorbatschows Bemühungen um ein neues Image der Sowjetunion. Pasetschniks Seitenwechsel erschütterte die höchsten Führungskreise der sowjetischen Regierung. Igor Belousow, der stellvertretende Vorsitzende des Ministerrats und Leiter der militärisch-industriellen Kommission, wurde angewiesen, eine Antwort auf die amerikanisch- britische Demarche zu formulieren.

Inzwischen war eine Kommission des Außenministeriums vollauf damit beschäftigt, die Lawine amerikanischer Nachfragen zu beantworten. Der Kommission gehörten auch Biowaffenexperten vom Direktorium 15 und von Biopräparat an. 1989 gab es bereits so viele gegenseitige Beschuldigungen zwischen Washington und Moskau, dass die Kommission gezwungen war, fast monatlich zu tagen.

"Die Sitzungen im Außenministerium in der Smolenskaja", berichtete Alibek, "wurden vom stellvertretenden Außenminister Wladimir Petrowski geleitet. Weder er noch sonst jemand im Außenministerium war offiziell über die Existenz unseres Programms unterrichtet. Selbst Außenminister Eduard Schewardnadse, der nicht nur Politbüromitglied, sondern auch ein enger Vertrauter Gorbatschows war, wusste nichts. Obwohl wir uns stets als Experten in biologischen Verteidigungsfragen' bezeichneten, schienen einige der hochrangigeren Funktionäre des Außenministeriums zu ahnen, womit wir uns beschäftigten."

Was nun folgt, ist so ungeheuerlich und zugleich auch so charakteristisch für den indoktrinierten Personenkreis, der an der sowjetischen Biowaffen-Produktion beteiligt war, dass ich die ganze Passage wortwörtlich zitieren will:

"Gelegentlich", schreibt Alibek, "ließ sich Petrowski von Nikita Smidowitsch, einem jungen, schneidigen Abteilungsleiter im Außenministerium, bei unseren Sitzungen vertreten." Während eines dieser Treffen setzte er die jüngste diplomatische Note der .Amerikaner auf die Tagesordnung.

'Die behaupten, wir betrieben in der Region Kirow eine Anlage zur Herstellung biologischer Kampfstoffe, in Omutninsk, um genau zu sein.'

General Valentin Jewstignejew, der Kommandeur des Direktoriums 15, war geschockt. 'Unsinn', wandte er ein. 'Die Anlagen, die wir in Kirow haben, entwickeln Impfstoffe.'

Plötzlich schauten alle mich an. 'Nun', sagte ich, - 'wir stellen in Omutninsk Biopestizide her.'

Smidowitsch grinste mich an. 'Kommen Sie, ich bin nicht von vorgestern, wenigstens uns könnten Sie die Wahrheit sagen.'

'Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen, Nikita', beharrte ich, 'ich sage die Wahrheit.'

Er schüttelte den Kopf. 'Ihr solltet mich nicht für dumm verkaufen.'

Doch alle taten wir so, als wüssten wir nicht, was er meinte. Es war offensichtlich, dass sowjetische Diplomaten nicht erfahren durften, dass wir sie für ein kompliziertes Täuschungsmanöver benutzten...'"

Kennzeichnend für weltanschaulich indoktrinierte Personen ist das völlige Fehlen eines Wahrheitssinns. Sie sind daher stets in der Lage, auch die krasseste Unwahrheit mit dem überzeugendsten Akzent der Wahrhaftigkeit zu behaupten.

Im Februar 1990 lag den verantwortlichen Ministern ein Entwurf zur Unterzeichnung vor. Der größte Teil des Dokuments stammte von Mitarbeitern des Biopräparat-Konzerns. Während sie erklärten, dass die Sowjetunion jede einzelne Klausel des Biowaffenabkommens einhalte, räumten sie ein, dass Beobachter angesichts einiger ihrer Aktivitäten möglicherweise Verdacht schöpfen konnten. Dennoch beharrten sie darauf, dass ihre gesamte Forschung der Verteidigung gegen einen potenziellen Aggressor diente. Die schwammige Definition des Begriffes Bioabwehr in dem Abkommen gestattete es ihnen, sich aus der Affäre zu ziehen. jede mit der Expertise sowjetischer "Bioabwehrspezialisten" formulierte Erwiderung war exakt, professionell und unmissverständlich - und jede war von vorne bis hinten erfunden. Täuschen gehört nicht nur zum Metier der Giftmischer, wie es Voltaire definierte, sondern erst recht zum geheimnisumwitterten Beruf der Biowaffen Experten. Die Täuschung von Ausländern in Russland hat eine lange Tradition bis zu den "Potemkinschen Dörfern", die seither sprichwörtlich für Vorspiegelung falscher Tatsachen gelten.

Bei Biopräparat erfuhr man, dass Amerikaner und Briten im Austausch einer "lückenlosen" Antwort auf ihre Demarche eingewilligt hatten, über die Pasetschnik-Affäre Stillschweigen zu bewahren. Obwohl die Antwort alles andere als lückenlos war, hielten sie ihre Zusage ein. Pasetschniks Seitenwechsel wurde erst nach dem Kollaps der Sowjetunion publik. (17)

In den USA erzählte Jahre später dem geflohenen Ken Alibek ein ehemaliger Mitarbeiter der Bush-Regierung, daß sowohl die Amerikaner als auch die Briten der Auffassung waren, eine öffentliche Auseinandersetzung hätte die Verhandlungen in anderen Abrüstungsfragen gefährdet und möglicherweise auch Gorbatschows Position geschwächt. Außerdem waren sie überzeugt, dass ihr verdeckt ausgeübter Druck die Sowjets zwingen würde, ihre Biowaffenproduktion einzustellen.

Doch genau das Gegenteil erfolgte. Trotz der Erregung über die Pasetschnik-Affäre wurde in Kirow fieberhaft am Pockenkampfstoff weitergearbeitet. Lukins Einstellung war eine der besten Entscheidungen, die Biopräparat je gefällt hatte. Er war in der Lage, die Produktion des Pockenkampfstoffs im industriellen Maßstab voranzutreiben.

Im Dezember 1990 testete man in den Bombenkammern einen neuen Pockenkampfstoff auf Aerosolbasis. der Test verlief erfolgreich. Den Berechnungen zufolge sollte die Produktionsanlage im neu errichteten Gebäude 15 in Koltsowo in der Lage sein, jährlich 80 bis 100 Tonnen Pockenviren zu liefern. (18)

Was man hier erzeugt hatte, war ein biologisches Äquivalent einer Atombombe. Wahrscheinlich war der Einsatz dieser infernalischen Biowaffe nur für US-amerikanische Großstädte vorgesehen, denn bei einem Einsatz in Europa hätte man die Weiterverbreitung der sich daraus ergehenden apokalyptischen Zustände auf Russland nicht verhindern können.

Fast zur gleichen Zeit erfolgte der Kriegseinsatz einer sowjetischen Biowaffe gegen afghanische Guerillas in einem unzugänglichen, gebirgigen Gelände.

"Wenige Monate vor dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan im Jahre 1989", berichtet Alibek in seinem Buch, "hatte mir ein ranghoher Offizier des 15. Direktoriums erzählt, daß die Sowjetunion während der langwierigen Auseinandersetzungen mit den Mudschaheddin biologische Waffen eingesetzt habe. Er sagte, zwischen 1982 und 1984 habe es zumindest eine Attacke mit Rotz-Krankheitserregern gegeben, möglicherweise auch mehr. Der Angriff sei mit Iljuschin-28-Flugzeugen geflogen worden, die in Südrussland stationiert waren. Als ich während einer meiner Vernehmungen nach meiner Flucht auf diese Unterhaltung zu sprechen kam, reagierte einer der anwesenden US-Nachrichtendienstoffiziere sichtlich verblüfft. Er sagte mir, während des Krieges hätte es hin und wieder Berichte über Seuchenausbrüche unter den afghanischen Guerillatruppen gegeben. Niemand habe eine Erklärung dafür finden können."

"Dieses Kampfstoff-Aerosol", berichtet Alibek weiter, "konnte von einem einzigen, die feindlichen Linien überfliegenden Flugzeug aus versprüht werden und eine ganze Division immobilisieren, aber auch Guerillatruppen kampfunfähig machen, die sich in für reguläre Truppen unzugänglichem gebirgigem Gelände bewegten, also genau in dem Terrain, mit dem unsere Einheiten in Afghanistan konfrontiert waren". (19)

Am 19. August 1991 gab es in Moskau einen Staatsstreich gegen Gorbatschow, während dessen es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Alibek und General Kalinin kam. Alibek war für Gorbatschow und Kalinin für die Putschisten, deren Staatsstreich nach vier Tagen kläglich zusammenbrach.

In der Nacht zum 22. August kehrte Gorbatschow mit seiner Frau Raissa von der Krim mit einem Flugzeug nach Moskau zurück. In derselben Nacht erschoss sich Gorbatschows ehemaliger Innenminister Boris Pugo, der zu den Putschisten gehörte. Zwei Tage später erhängte sich Marschall Sergej Achromejew, der ehemalige Generalstabschef der Sowjetarmee und öffentlicher Fürsprecher des Staatsstreichs in seinem Büro. Am 23. August verbot der "Radikalreformer" Boris Jelzin, der im Juni vom Volk direkt gewählte Präsident der Russischen Föderation, alle Aktivitäten der Kommunistischen Partei Russlands. Gorbatschow, den die Putschisten entmachten wollten, trat am 24. August von seinem Amt als Generalsekretär der KPdSU zurück. Die demonstrierende Menge hatte bereits während des Putsches das Denkmal Felix Dsershinskis, des Gründers der berüchtigten sowjetischen Geheimpolizei, vor der Lubjanka, dem KGBHauptquartier, gestürzt. Am 25. Dezember trat Gorbatschow auch als Staatspräsident der UdSSR zurück. In der Silvesternacht wurden Hammer und Sichel, das Symbol der Sowjetunion, über dem Kreml eingeholt. An ihrer Stelle wurde die russische Trikolore gehisst. (20)

Das Direktorium 15 wurde aufgelöst, der Verteidigungsetat um 50 Prozent beschnitten. Ein Erlass von Jelzin verbot jegliche biologische Forschung zu Offensivzwecken. Das Verhältnis zwischen Kalinin und Alibek wurde immer gespannter. Am 13. Januar 1992, siebzehn Jahre nachdem er zum Offizier ernannt worden war, nahm Alibek seinen Abschied von der Armee. Als er danach seine Kündigung Kalinin überreichte, kam es abermals zu einer heftigen Auseinandersetzung und Kalinin beschimpfte ihn zuletzt als Verräter.

Bald danach hatte Alibek eine Stelle als Moskauer Repräsentant einer kasachischen Bank. Sein Bruder hatte dort seinen Namen erwähnt und sie stellten ihn sofort ein, um ihre Überseegeschäfte aufzubauen. Schon bald klickte und knackte sein Telefon bei jedem Anruf. Die Telefongesellschaft versicherte ihm, daß mit der Leitung alles in Ordnung wäre. Er wechselte seine Telefonnummer und für einige Zeit waren die Geräusche verschwunden. Doch nach wenigen Tagen waren sie wieder da. Wenn er sich auf Geschäftsreisen befand, erhielt seine Frau mysteriöse Anrufe von Leuten, die sich als "General" oder "Oberst' ausgaben. Sie fragten, wann ihr Mann zurückkomme. Danach hörten sie nie wieder von ihnen.

Eines Tages besuchte Alibek den KGB-Offizier von der Biopräparat-Zentrale Sawwa Jermoschin, mit dem er sich recht gut verstand. Nachdem sie sich eine Weile unterhalten hatten, klopfte er Alibek freundschaftlich auf die Schulter.

"Weißt du, Kan, eine Menge Leute sind deinetwegen ganz schön nervös."

"Warum das denn?" fragte er so beiläufig wie möglich.

"Na, es ist nicht wirklich von Bedeutung. Ich sage denen immer, ja sicher, Kanatjan reist häufig ins Ausland, aber er würde nie ohne seine Familie in einem fremden Land leben wollen - und natürlich würde er nie die Erlaubnis erhalten, mit ihr zusammen auszureisen."

Alibek schwieg. Er verstand, daß Jermoschin ihn warnen wollte, daß er als einer, der viel weiß, beobachtet wird. Auch das Knacken im Telefon sprach dafür. Hatte ihn doch Kalinin bei ihrer letzten Auseinandersetzung als Verräter beschimpft. (21)

In seinem Buch berichtet Alibek in dem Kapitel Stepnogorsk über das Schicksal eines Ingenieurs, der dort die Abteilung IndustrieSpionage leitete und dann einen außerordentlichen Urlaub beantragte, um seine kranke Mutter zu pflegen. Einige Wochen später wurde Alibek von dem KGB-Offizier besucht, der Leiter der Spionageabteilung der Anlage war. Er zeigte Alibek einen Brief, den er von dem Ingenieur erhalten hatte: "Ich bitte respektvoll um die Erlaubnis, in das landwirtschaftliche Kollektiv zurückkehren zu dürfen, in dem meine schwerkranke Mutter lebt. Und ich bitte Sie, keine anderen Beweggründe für meine Abreise anzunehmen. Ich bin kein Verräter, sondern nur eine unbedeutende Person, die in Frieden mit der Natur leben möchte."

"Wir können ihn nicht gehen lassen! Er weiß zu viel", sagt er.

Einige Tage später besuchte ihn der KGB-Offizier wieder und sagte gut gelaunt: "Nun brauchen wir uns um den Ingenieur keine Sorgen mehr zu machen. Er ist weg."

"Hat er den Wohnort seiner Mutter verlassen?"

"Nein, er ist tot. Er ist ertrunken."

"Wurde er ermordet?"

"Wie soll ich das wissen. Für mich zählt nur, dass ich mir über ihn nicht mehr den Kopf zerbrechen muss." (22)

Auch nach Pasetschniks Flucht ereignete sich etwas Ähnliches.

"Eines Tages", schreibt Alibek, "traf sich eine Abordnung zur Schadensbegrenzung in Kalinins Büro. Es handelte sich um zwei hochrangige KGB-Offiziere sowie verschiedene Mitarbeiter unserer Behörde, darunter Jermoschin, der KGBOffizier der Biopräparat-Zentrale, und Wladimir Dawydow, ein Militäringenieur, dem alle 'organisatorischen Aufgaben' bei Biopräparat unterstanden. Pasetschnik wurde als Verräter beschimpft, als Wendehals und Schwächling."

"Etwas muß mit ihm geschehen" erklärte Dawyclow. Wir schauten ihn erwartungsvoll an.

"Es gibt nur eine Lösung. Er muss beseitigt werden."

Plötzlich herrschte Stille im Raum, in der nur das tiefe Atemholen der Beteiligten zu vernehmen war. Ich war fassungslos. "Das können wir nicht machen", sagte ich.

Da sprach einer der KGB-Offiziere. "ich möchte diese Diskussion hier beenden", sagte er gelassen. "Niemand sagt hier mehr ein Wort über etwaige Maßnahmen."

Die Temperatur im Raum sank um einige Grad. Wir alle hatten die Botschaft verstanden. Wenn es um politischen Mord ging, brauchte der KGB keinerlei Ratschläge von Amateuren. Leute, die viel über Staatsgeheimnisse wissen und dann plötzlich aus dem Betrieb aussteigen, werden in einem totalitären Staat nachher ständig überwacht oder man lässt sie einfach beseitigen, wenn man Verdacht schöpft, sie könnten etwas verraten. (23)

Ähnliche Überlegungen haben vielleicht Alibek dazu bewogen, im September 1992 mit seiner Familie in die USA zu fliehen. Einzelheiten über seine Flucht hat er nicht beschrieben, um Freunde, die ihm dabei geholfen haben, nicht zu gefährden. (24)

Nach dem Erscheinen von Ken Alibeks Buch "Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg" haben die Spiegel-Redakteure Rafaela von Bredow und Johann Grolle ein längeres Gespräch mit dem nach USA geflohenen Bio-Experten geführt.

Aus Teilen dieses Gespräches ist klar zu erkennen, warum indoktrinierte Biowaffenexperten ihr linientreues Stillschweigen über ihre Tätigkeit und ihr Wissen auch nach ihrer Pensionierung niemals preisgeben, sodass es den gegnerischen Geheimdiensten, wie das Erhard Geißler in seinen jahrelang geführten minutiösen Forschungen nachgewiesen hat, kein einziges Mal gelungen war, militärischen Missbrauch von Biowissenschaftlern nachzuweisen. Hier einige Fragmente aus dem Interview:

Spiegel:
"Sie haben als junger Arzt den hippokratischen Eid geleistet. Ihre Karriere in der UdSSR beendeten Sie als Leiter eines Projekts, das darauf angelegt war, Mi II ionen von Menschen zu töten. Wie wird ein eingeschworener Lebensretter zum potenziellen Vernichter von leben?"

Alibek:
"Es verführt einen schon, wenn man als junger Wissenschaftler drei-, viermal mehr verdiente als alle anderen..."

Spiegel:
"Sie haben eine erstaunliche Karriere gemacht. Direktor einer Biowaffen-Fabrik mit 31 Jahren, zweiter Direktor des großen Biorwaffen-Konzerns Biopräparat mit 37. Solch einen Weg geht niemand, den Skrupel plagen."

Alibek:
"Nein. Ich hatte keinerlei moralische Bedenken."

Spiegel:
"Was genau hat Sie getrieben?"

Alibek:
"Zum einen Privilegien. Mit 37 habe ich fast 2000 Rubel verdient. Selbst ein Minister bekam damals nur 850 Ruhe]. Ich hatte Fahrer, kostenlose Gesundheitsversorgung, Telephone, einen direkten Draht zum Generalsekretariat der Partei."

Diese Antwort Alibeks erinnerte mich an eine Sentenz von Bertrand Russell: "Privilegien sind oft Schweigegelder des Gewissens."

Spiegel:
"Können Sie sich einen Befehl vorstellen, den Sie verweigert hätten?"

Alibek:
"Darüber denke ich oft nach. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß viele Menschen, wenn sie einmal eine bestimmte moralische Grenze überschritten haben, zu allem bereit sind. Wenn man dann den Befehl bekommt, tötet man eben Tausende von Menschen. Oder Millionen."

Im weiteren Verlauf des Gespräches bekräftigte Alibek diese Aussage, indem er erklärte:

"Es heißt nicht umsonst: Wenn ein Mensch stirbt, ist es eine Tragödie. Wenn aber Tausende sterben, dann ist es eine Statistik."

Spiegel:
"Haben Sie denn die Folgen Ihrer Arbeit, den potenziellen Tod von Millionen abends beim Essen oder Trinken mit Freunden oder Kollegen besprochen?"

Alibek:
"Wir waren ja alle stolz auf unsere Arbeit, wir fühlten uns als Elite." (25)

Nach der Lektüre dieser Zeilen war es mir klar, warum die Spiegel-Reporter nach dem Gespräch mit Alibek dessen Worte: "ich hasse die Person, die ich war" in Fettdruck für den Titel ihrer Veröffentlichung wählten.

Bei der schwindelerregend rasanten Weiterentwicklung der ABC-Waffen nach dem zweiten Weltkrieg musste ich oft an die beängstigend hellsichtige Sentenz des englischen Dramatikers John Osborne (1929-1994) denken: "Der Computer ist die logische Weiterentwicklung des Menschen: Intelligenz ohne Moral!"



Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch den Autor. Copyright by the author.
Der Artikel erschien erstmalig gedruckt im Hamburger Ärzteblatt 12/04. Er ist Teil des erheblich umfangreicheren Kapitels über Biowaffen in der Neuauflage von Winkles "Kulturgeschichte der Seuchen", die voraussichtlich im Jahre 2005 im Artemis Verlag erscheinen wird.
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ANMERKUNGEN

(1)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 10.
Alibeks Buch, das er nach seiner Flucht in den USA mit Hilfe des amerikanischen Journalisten Stephen Handelman geschrieben hat, ist für den Historikereine Fundgrube bezüglich der Täuschungsmanöver, mit denen es den Sowjets während des kalten Krieges 20 Jahre gelungen war, ihre gigantische Biowaffenaufrüstung vor dem Westen zu verheimlichen. Das Buch hat jedoch den Nachteil, dass die Ereignisse nicht chronologisch geschildert werden, was das Verständnis sehr erschwert. Von 23 Kollegen, mit denen ich mich über das Buch unterhielt, hatten es nur drei von Anfang bis Ende durchgelesen. Aber auch die beschwerten sich über das Durcheinander der Darstellung. Die meisten hatten nur die Abschnitte "Militärmedizin. Stalingrad 1942" und "Zwischenfall in Swerdlowsk" gelesen. Aus diesem Grund habe ich meine Beschreibung streng chronologisch vorgenommen.

(2)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 66

(3)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 71-77

(4)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 83

(5)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 85.
Es ist interessant und skurril, dass Stalin laut Gorbatschow sogar "die Partei als Ritterorden zu bezeichnen pflegte". Michail Gorbatschow, Über mein Land. Beck-Verlag, München 2000. S. 37.

(6)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 40, 44

(7)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S.117.
Wir lebten während des kalten Krieges in einer apokalyptischen Situation, in der ein Knopfdruck alles Leben auslöschen konnte. Während der Kuba-Krise schrieb Bertrand Russell: "Noch niemals hatte die Menschheit soviel Angst wie heutzutage - und noch niemals hatte sie soviel Grund dazu." Bis zum Ende des kallten Krieges hatten diese Worte ihre Aktualität bewahrt. - Da im Falle eines Atomkrieges jegliche Prophylaxe illusorisch war, entsprang dem schwarzen Humor damals folgende Anekdote: Bertrand Russel sagte einmal, als man ihn fragte, was man wohl bei einem Atomangriff machen könne: "Ein Leintuch nehmen und sich langsam auf den nächsten Friedhof begeben." - "Und warum langsam?" - "Damit es zu keiner Panik kommt."

(8)
E. Geißler, Anthrax und das Versagen der Geheimdienste, Kai Homilius Verlag, Berlin 2003, S. 257, 259

(9)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 135, 136

(10)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 27, 28

(11)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 63
Hier möchte ich einige Sätze aus einem soeben erschienenen Buch von Helmut Schmidt zitieren: Wenn keine ausreichenden Oberschüsse erwirtschaftet wurden, sprang die Zentralbank ein und druckte zusätzliche Rubel zur Verfügung des Staates, Als ich gegen Ende der achtziger Jahre einmal im Gespräch mit Gorbatschow auf die gefährliche Vermehrung der Geldmenge hinwies, meinte dieser gelassen: "Über die Geldmenge haben wir in Moskau nie Buch geführt." Das war gewiß unzutreffend, aber es ließ erkennen, daß selbst ein langjähriges Mitglied des Politbüros keinen ausreichenden ökonomischen Überblick hatte. (Helmut Schmidt, Die Mächte der Zukunft. Siedler Verlag, München 2004. S. 177)

(12)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 149.
Die Sowjetunion, die 1960 noch Wirtschaftsmacht Nummer zwei gewesen war und davon träumte, die USA zu überholen, war Anfang der achtziger Jahre auf den vierten Platz hinter die Vereinigten Staaten, die EG und Japan abgerutscht. Ihre Wirtschaft befand sich im freien Fall. Man hatte sich totgerüstet.

(13)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 143

(14)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 152, 154

(15)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 16-21

(16)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 173-174.
Nach Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima bekannte der amerikanische Physiker Robert Oppenheimer, der wesentlich am ihrem Bau beteiligt war: "Der Naturwissenschaftler hat Bekanntschaft mit der Sünde gemacht." So etwas Ähnliches könnte auch Oberst Pasetschnik erlebt haben, als er sich entschloss, nach dem Westen zu fliehen. Eine ähnliche Krise erlitt auch der bedeutendste sowjetische Atomphysiker, Andrej Sacharow, der die Grundlagen für den Bau der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe entwickelt hatte. Nachdem 1953 die erste sowjetische Wasserstoffbombe explodiert war, wählte die sowjetische Akademie der Wissenschaften den 32jährigen Atomphysiker einstimmig zum Vollmitglied. Sogleich erhielt er den Lenin-Orden. Doch bald danach setzte er sich für die Demokratisierung des sowjetischen Gesellschaftssystems ein. 1970 gründete er ein Komitee für die Verwirklichung der Menschenrechte in der Sowjetunion. 1975 erhielt er den Friedensnobelpreis. 1980 wurde er nach Gorki verbannt. 1986 ließ Gorbatschow die Verbannung aufheben. Sacharow forderte die Freilassung aller sowjetischen Gewissenshäftlinge, was in der Folge weitgehend geschah.

(17)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 170, 179-186

(18)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 154

(19)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 322-323

(20)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 252-269.
Am 25. Dezember trat Gorbatschow auch als Staatspräsident der UdSSR zurück. Seine vom Fernsehen übertragene Abschiedsrede markierte das Ende der Sowjetunion. 74 Jahre nach Lenins Oktoberrevolution verabschiedete sich der Staat, der unter Stalin zum zweitmächtigsten Land der Erde aufgestiegen war, von der Geschichte. Der Verzicht auf die DDR, die Einwilligung in die deutsche Wiedervereinigung und die Hinnahme der Mitgliedschaft ganz Deutschlands in der NATO hat zum Sturz Gorbatschows beigetragen. Der Machtverlust der Sowjetunion zog den Machtverlust ihres ersten Mannes nach sich.

(21)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 292-302

(22)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 133-1 35

(23)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 177-178

(24)
Ken Alibek und Stephen Handelman, Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg. Econ Verlag München, S. 308

(25)
Der Spiegel, Ausgabe 15, Seite 220, vom 12.4.1999: Spiegel-Gespräch "Ich hasse die Person, die ich vvar." Redakteure: Raphaela von Bredow und Johann Grolle.


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