Stefan Winkle
Das Blutwunder als mikrobiologisches und massenpsychologisches
Phänomen
Beitrag zur Geschichte des Bacterium prodigiosum (Serratia marcescens)
und zur Phänomenologie der Intoleranz
In der dem Andenken seines väterlichen
Freundes* gewidmeten Arbeit schildert Winkle Einzelheiten und unübersehbare
Folgen der Mißdeutung eines jedem Mikrobiologen bekannten Phänomens
der Farbstoffbildung von Serratia marcescens, dem sog. "Keim der blutenden
Hostie".
* In memoriam Prof. Dr. med. Fritz Kauffmann (Kopenhagen), *16.Januar 1899
+27.September 1978
"Und daher kommt es, daß wer
nach den wahren Ursachen der Wunder .sucht und die Dinge in der Natur als
Forscher zu verstehen bemüht ist und sich nicht wie ein Tor über
sie wundert, allenthalben als ein Ketzer und Gottloser gilt."
Spinoza (1632-1677) - Ethik, Teil 1, Anhang)
"Die Einfalt und Leichtgläubigkeit
der Menschen wird nur durch ihre Grausamkeit und Intoleranz gegenüber
Andersgläubigen übertroffen."
Voltaire (1694-1778) - (Brief vom 19. Mai 1759) (1)
"In der Natur der abergläubischen
Masse", erklärte Voltaire (in dem oben erwähnten Briefe),
"liegt
eine auffällige Neigung zum wunderbaren, zum verstandesgemäß
Unfaßbaren!" In den Bereich des Irrationalen gehörte bereits
in der Antike ein Phänomen, das bis in die jüngste Zeit Angst
und Schrecken verursachte: die Bildung von blutstropfenähnlichen Bakterienkolonien,
die - wenn sie konfluieren - den Eindruck von geronnenem Blut erwecken;
sie entstehen durch einen Mikroorganismus, der auf kohlehydrathaltigen
Lebensmitteln (Brot, mit Milch zubereiteten weißen Bohnen oder Kartoffeln,
Polenta u. a.) bei Zimmertem-peratur ein blutrotes Pigment (Prodigiosin)
bildet. Wegen seiner Wirkung auf die verängstigte, abergläu-bische
Bevölkerung hat Ehrenberg 1848 - noch vor Beginn der bakteriologischen
Ära - diesen harmlosen Keim in Anlehnung an das lateinische Wort "Prodigium"(=
Wunder) Monas prodigiosa genannt
(2).
Meist erschienen derartige "Blutwunder",
die stets die Folge einer groben bakteriellen Verunreinigung waren, unter
unhygienischen Verhältnissen, wie sie vor allem in Kriegs- oder Notzeiten
gegeben sind. Solange dieses Phänomen
"jenseits der rationalen
Erfahrbarkeit" lag, erweckte es in den wundergläubigen Massen
Angst, die oft zu furchtbaren Verbrechen mißbraucht wurde. Solches
geschah, als Alexander der Große 332 v. Chr. Tyros in Phönikien
belagerte. Die Brote seiner Soldaten wiesen beim Auseinanderbrechen blutähnliche
Flecken auf, was sie in einen panischen Schrecken versetzte. Alexander
sorgte jedoch dafür, daß diese Erscheinung von seinen Priestern
als glückverheißend fürs eigene Heer ausgelegt wurde; das
Blut sei im Innern des Brotes, also bedeute es ein schlechtes Omen für
dieEingeschlossenen, denen es blutig ergehen werde
(3).
Das vorausgesagte Blutbad erfüllte sich auch bald durch Alexanders
unmenschliche Grausamkeit
(4).
Doch in der Antike gab es neben der Tragödie
stets noch das Satyrspiel. So war es z. B. den Pythagoräern verboten,
Bohnen zu essen. In einem seiner satyrischen Dialoge läßt Lukian
(um 125-180 n. Chr.) den Pythagoras als Grund dieses Verbotes die Beobachtung
angeben, daß (mit Milch) gekochte weiße Bohnen,
"einige
Zeit lang in den Mondschein gestellt, sich in Blut verwandeln" (d.
h. blutfarbig erscheinen), was seinem durch den Glauben an die Seelenwanderung
bedingten Vegetarismus widersprach
(5).
Für die außerordentliche Verbreitung
der Kenntnis dieses Phänomens spricht, daß bei den orthodoxen
Juden bis ins vergangene Jahrhundert der tradionelle Glaube anzutreffen
war,
viermal im Jahre, nämlich in den Monaten Tischri (September/Oktober),
Teves (Dezember/Januar), Nissan (März/April) und Tammus (Juni/Juli)
würde durch die Wiederkehr der Gestirne ein Tropfen Blut in alle feuchte
Speisen fallen, selbst wenn sie zugedeckt seien
(6).
Verhängnisvoll wurde das unerklärliche
Phänomen des Blutwunders, als seit dem 12. Jahrhundert in der katholischen
Kirche für die Meßfeier und die Kommunion der Laien Hostien
verwandt wurden
(7).
Diese ungesäuerten Weizenmehlscheiben, die in einer Art Waffeleisen
hergestellt werden, stellen einen stärkereichen und säurearmen
Nährboden dar, auf dem das Bacterium prodigiosum bluttropfenähnliche
Kolonien bilden kann.
"Wischte man die Bluttropfen weg, so erschienen
sie nach einigen Tagen wieder", kommentierte ein Chronist das Unbegreifliche
(8).
Es ist klar, daß in der wundergläubigen Zeit des Mittelalters
dieses unheimliche Phänomen zu einer ungeheuren Erregung führen
mußte
(9).
.
Altar zu Bolsena, wo sich 1263 das erste Wunder einer blutenden Hostie
ereignete
(Santa Cristina, Bolsena)
.
Das erste
"Wunder der blutenden Hostie"
ereignete sich im Jahre 1263 in der Kirche Santa Christina zu Bolsena.
Ein nach Rom ziehender böhmischer Mönch (
"Peter von Prag")
hegte
Zweifel an der Transsubstantiation, d. h. an der Lehre, daß sich
beim Abendmahl Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandeln
würden
(10).
Als er beim Lesen der Messe in Bolsena an der von ihm geweihten Hostie
Blutstropfen zu sehen glaubte, gestand er seine Sünde in der Meinung,
die den Leib Christi symbolisierende Hostie hätte unter dem Einfluß
seiner blasphemischen Gedanken zu bluten begonnen. Da die Lehre von der
Transsubstantiation erst vor einem halben
Jahrhundert von der Kirche zum Dogma erhoben worden war, wirkte das
"Wunder
von Bolsena" mit hinreißender Kraft
(11).
Die
"blutigen" Hostien mit dem
"blutbefleckten" Corporale
(12)
wurden in einer feierlichen Prozession nach Orvieto gebracht, wo sich gerade
Papst Urban IV. aufhielt, der unter dem Eindruck dieses
"Wunders"
die
Feier des Fronleichnamfestes (Processione del Corpus Domini) einführte
und beschloß, in Orvieto einen Dom errichten zu lassen, der die Reliquien
von Bolsena aufnehmen sollte
(13).
.
Der Dom von Orvieto
Als Andenken an das Wunder von Bolsena errichtet
.
In seinem großen Wandgemälde
in der Stanza d'Eliodoro im Vatikan hat Raffael die "Messe von Bolsena"
verewigt: der an der Transsubstantiation zweifelnde Priester sieht aus
der von ihm soeben geweihten Hostie Blut fließen. Auf der anderen
Seite des Altars kniet betend der Stifter des Freskos, Papst Julius IL,
umgeben von knienden Schweizer Gardisten.
.
Raffael:
"Die Messe von Bolsena" (Ausschnitt)
Vatikan (Stanza d'Eliodoro) .
Links der zelebrierende böhmische Priester mit der blutenden
Hostie und
ihm gegenüber Urban IV. mit den Zügen des Stifters Julius
IL
.
Das Dogma der Transsubstantiation bewog
die menschliche Einfalt und Intoleranz das von Zeit zu Zeit auftretende
"Wunder
der blutenden Hostie" im antisemitischen Sinne zu deuten. In solchen
Fällen hieß es, die Juden hätten aus Haß gegen das
Christentum Hostien entwendet oder von christlichen Dieben gekauft, um
sie zu durchstechen. Die Folge sei dann, daß die
"geschändeten"
Hostien
wie lebendige Körper zu bluten begannen. Die Beschuldigung der Hostienschändung
war verknüpft mit dem alten Vorwurf der Kreuzigung Jesu, die den Juden
seit jeher als eine Kollektivschuld angelastet wurde. Mit den
"blutenden
Hostien" konnte man den verhetzten Massen drastisch vor Augen führen,
daß die Juden auch noch nach Jahrhunderten den Leib Christi zu foltern
trachteten
(14).
Oft wurde die Beschuldigung der Hostienschändung im Zusammenhang mit
der Anklage des Ritualmordes oder der Brunnenvergiftung erhoben. Diese
Beschuldigungen vertieften die bereits bestehenden Vorurteile, von denen
Spinoza einmal sagte,
"sie machen die Menschen aus vernünftigen
Wesen zu Tieren und verhindern es vollkommen, daß noch einer seine
Urteilskraft gebraucht, um wahr von falsch zu unterscheiden, als ob sie
(d. h. die Vorurteile) mit Fleiß dazu ausgedacht wären, das
Licht des Verstandes gänzlich auszulöschen". (Theologisch-politischer
Traktat, Vorrede.)
Außer religiösen Gründen
hatte der Judenhaß auch noch wirtschaftliche Ursachen. Durch den
Ausschluß aus den Gilden und Innungen hatte man die Juden, die vor
Beginn der Kreuzzüge den Weltverkehr vermittelten, zum verderblichen
Kleinhandel, zum Pfand- und Geldgeschäft gezwungen. So wurden sie
zu den maßgebendsten Vertretern der aufkeimenden Geldwirtschaft
(15)
, die mit Zinswucher eng verbunden war
(16),
was zur Folge hatte, daß oft Arm und Reich, zuweilen ganze Ortschaften,
ja sogar Landschaften, den Juden verschuldet waren. Wenn die Verschuldung
einen bestimmten Grad erreicht hatte, so suchten die Schuldner sich oft
aus der würgenden Schlinge gewaltsam zu befreien.
Bereits im Gefolge der ersten Kreuzzüge
kam es in allen Ländern, durch die die Kreuzfahrer ihren Weg nahmen,
zu grausamen Judenverfolgungen. Blühende Religionsgemeinden wurden
von den Mordbrennern bis auf den letzten Säugling ausgerottet
(17).
In dieser erhitzten Stimmung, da man überall Ketzer witterte, steigerte
sich der Glaubenshaß bis zum Paroxismus. Papst Innozenz III. (1198-1216)
erließ ein Gesetz, das den Juden eine bestimmte Tracht vorschrieb,
die sie kenntlich und zugleich lächerlich machte. Der
"gelbe Fleck"
am Mantel und der spitze gelbe
"Judenhut" gab sie dem Hohn der Gasse
preis
(18).
Von dieser Zeit an begann auch ihre entwürdigende zwangsweise Absonderung
in bestimmten Stadtvierteln oder Gassen
(19),
was zur Folge hatte, daß die aufgehetzte christliche Bevölkerung
diesen Fremdkörper als einen
"Pfahl im Fleische" empfand. Unter
Hinweis auf die Schrift (Joh. 8, 44; Offenb. 29, 29) bezeichnete man die
Juden als Kinder bzw. Verbündete des Teufels. Volksprediger, wie Bertold
von Regensburg (+1272), trugen viel zur Verbreitung dieses Aberglaubens
bei. Noch in Shakespeares
"Kaufmann von Venedig" (1595) wird der
Jude Shylock als
"fleischgewordener Teufel" bezeichnet (II, 2).
In der darstellenden Kunst verlieh man dem Teufel oft jüdische Züge.
Die Hoffnung der Juden auf den Messias wurde, da ja der wahre Messias -
Jesus - bereits erschienen sei, als Warten auf den Antichrist, den Teufel
gedeutet
(20).
Goethe, den zeitlebens eine vorurteilslose Einstellung gegenüber dem
Judentum auszeichnete, schildert in
"Dichtung und Wahrheit" eindrucksvoll,
welche Aversionen er als Kind
"im Schauer der Ritualmordlegende"
noch in der Aufklärungszeit gegenüber den Frankfurter Ghettobewohnern
empfand
(21).
Die Juden waren sich der unheilvollen
Magie von Schlagwörtern wie
"Ketzer" oder
"Hostienschänder"
schon lange bewußt, die le Bon in seiner Schrift
"Psychologie
des foules" (1895) in Anlehnung an die bedingten Reflexe Pawlows so
formulierte
: "Mit bestimmten Worten verbinden sich zeitweilig bestimmte
Bilder: das Wort ist nur der Klingelknopf, der sie hervorruft." (22)
Aus dem Gefühl eines solchen Bedrohtseins
schrieb der Altonaer Judenarzt Hartog Gerson am 15. September 1775 an seinen
Berliner Kollegen und Glaubensgenossen Benjamin de Lemos:
"Wie oft sind Menschen, mit denen
wir seit Jahrzehnten friedlich zusammengelebt haben, von heute auf morgen
durch das Gerücht eines Ritualmordes, einer Hostienschändung
oder Brunnenvergiftung aufgehetzt, mordend und plündernd über
unsere Gemeinden hergefallen?!" (23)
Aus bitterer Erfahrung haben die Juden
schon früh erkannt, daß sich die Masse zu Handlungen hinreißen
läßt, die der einzelne unter normalen Umständen kaum jemals
begehen würde.
"Für den einzelnen in der Masse",
schreibt le Bon,
"schwindet der Begriff des Unmöglichen. Der alleinstehende
einzelne ist sich klar darüber, daß er allein keinen Palast
einäschern, keinen Laden plündern könnte, und die Versuchung
dazu kommt ihm kaum in den Sinn. Als Glied einer Masse aber übernimmt
er das Machtbewußtsein, das ihm die Menge verleiht und wird der ersten
Anregung zu Mord und Plünderung augenblicklich nachgeben."(24)
Wenn nun irgendwo rot verfärbte
Hostien gefunden wurden, so war das Volk in seiner
"heiligen Einfalt"
stets bereit, vor allem die Juden zu verdächtigen
(25).
So beschuldigte man sie 1298 in Röttingen (Franken), eine Hostie gestohlen
und so lange gestochen zu haben, bis Blut aus ihr geflossen sei. Daraufhin
sammelte
.
Textstelle
Christliche Magd verkauft gestohlene Hostie jüdischem Juwelier.
Paolo Uccello
"Das Wunder der Hostie" (1467-8)
Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
1. Bildtafel
.
ein Edelmann namens Rindfleisch einen
aufgehetzten Haufen um sich und zog plündernd und mordend mit ihm
nach Würzburg, Rothenburg, Nürnberg und weiteren Ortschaften.,
um die Hostienschändung zu rächen. Dabei sollen mehr als 10000
Juden erschlagen worden sein
(26).
Wenn ein Jude, wie z. B. der Nürnberger Rabbi Mardochai Ben-Hillel,
zunächst den Verdacht äußerte, bei den blutenden Hostien
handle es sich um eine Täuschung, so bezeichnete man ihn einfach als
Antichrist, zumal er später auf der Folter - in bezug auf die vermeintliche
Freveltat - meist alles zugab, was seine gnadenlosen Peiniger in ihrer
geistigen Beschränktheit hören wollten
(27).
Die verzweifelte Situation, in der sich
die Juden einst befanden, hat Heinrich Heine in seiner "unvollendeten
Novelle" ("Der Rabbi von Bacharach") meisterhaft geschildert:
"Eine andere Beschuldigung, die ihnen
schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang
des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, das war das läppische,
in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen, daß
die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen,
bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihrem Passahfeste
Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen
Gottesdienste zu gebrauchen. Die Juden, hinlänglich verhaßt
wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und ihrer Schuldbücher, waren
an jenem Tage ganz in den Händen ihrer Feinde, die ihr Verderben nur
gar zu leicht bewirken konnten, wenn sie das Gerücht eines solchen
Kindermords verbreiteten, vielleicht gar einen blutigen Kinderleichnam
in das verfemte Haus eines Juden heimlich hineinschwärzten und dort
nächtlich die betende Judenfamilie überfielen, wo alsdann gemordet,
geplündert und getauft wurde, und große Wunder geschahen durch
das vorgefundene tote Kind, welches die Kirche am Ende gar kanonisierte."
(1. Kapitel)
(28)
.
Textstelle
Die Judenfrau mit ihren Kindern erwartet
Der Straßenmob versucht mit
verängstigt das Eindringen der Mordbrenner.
Beilen und Stemmeisen die
des Judenhauses aufzubrechen
Paolo Uccello
"Das Wunder der Hostie" (1467-8)
Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
2. Bildtafel
.
Solche Wunder geschahen vor allem dort,
wo blutende Hostien gefunden wurden. Von einem solchen Ort, dem bayrischen
Deggendorf, ging im Jahre 1337 eine der blutigsten Judenverfolgungen aus.
Auch hier soll angeblich ein Weib eine gestohlene Hostie den Juden verkauft
haben, die sie dann - laut
des "Deggendorfer Gnadenbüchleins"
-
"mit Dornen zerkratzten und Ahlen zerstachen". Bei
"diesen
Martern" sei aus den Hostien Blut geflossen
(29).
Die Deggendorfer eilten bewaffnet herbei und zündeten das Judenhaus
an; wer nicht verbrannte, wurde erschlagen. Das Massaker breitete sich
über ganz Bayern, Böhmen, Mähren und Österreich mit
den traurigsten Folgen aus
(30)
Deggendorf selbst wurde mit seinen Reliquien zu einem viel besuchten
"Blutwallfahrtsort".
Da die durch Hostienwunder veranlaßten
"Blutwallfahrten"
für
die betreffenden Kirchen nicht nur einen Zustrom von Gläubigen, sondern
auch von Reichtümern bedeuteten, wurde man selbst in christlichen
Kreisen mißtrauisch und vermutete dahinter ein
"Vortäuschen
von Mirakeln". So antwortete z. B. Papst Benedikt XII, im Jahre 1338
auf die Anfrage des Herzogs von Österreich bezüglich der blutenden
Hostien bei Passau, man möge die Sache erst genau untersuchen lassen,
da hierbei erwiesenermaßen schon Betrügereien vorgekommen seien
(31).
Doch die Stimme der Vernunft erklang nur selten und verhallte rasch ohne
Resonanz
(32).
Seit der verheerenden Pestepidemie 1348-1350
tauchte das Gerücht der Hostienschändung als vermeintliche Ursache
des Massensterbens auch bei späteren Epidemien immer wieder auf.
1420 wurde die
"Meßnerin von
Enns" beschuldigt, einem reichen Juden namens Israel eine Hostie verkauft
zu haben. Der Verdacht der Hostienschändung hatte zur Folge, daß
man alle Juden Österreichs verhaften ließ. Viele von ihnen begingen
im Kerker Selbstmord, über hundert wurden allein in Wien verbrannt
und schließlich befahl Erzherzog Albrecht, die enteigneten Juden
aus Österreich zu vertreiben
(33).
.
Textstelle
,
Die wiedergefundene Hostie wird zum Altar zurückgebracht
.
Paolo Uccello
"Das Wunder der Hostie" (1467-8)
Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
3. Bildtafel
.
Eine solche Geschichte von einer
"Hostienentweihung"
hat der Florentiner Maler Paolo Uccello (1397-1475) für den Herzog
von Urbino auf einer Predella
(34)
in mehreren aufeinanderfolgenden Szenen geschildert. Eine christliche Magd
bringt einem jüdischen Juwelier eine Hostie, die er zu schänden
gedenkt
(BILD). Zum Schrecken des Juden
beginnt die Hostie auf dem Feuer Blut auszuschwitzen, das allmählich
zu einem kleinen Bach wird und aus dem Raum unter der Tür ins Freie
dringt. Der Mob auf der Straße bemerkt den Blutstrom und öffnet
mit Äxten und Beilen gewaltsam das Haus
(BILD).
Die unversehrt wiedergefundene Hostie wird vom Papst in einer Monstranz
feierlich zum Altar zurückgebracht
(BILD),
während über die angeblichen Schänder ein schauerliches
Strafgericht hereinbricht. Die christliche Magd wird mit dem Strang gerichtet
(BILD),
der Jude mit seiner Familie auf dem Scheiterhaufen verbrannt
(BILD).
Man hat das Empfinden, daß Uccello von der Schuld der Gerichteten
nicht so recht überzeugt war. Besonders die zweite Szene mit dem verängstigten
jüdischen Ehepaar samt ihren weinenden Kindern hinter der Haustür,
die der Straßenmob aufzubrechen versucht, ist von erschütternder
Dramatik. Auch die christliche Magd, die erhängt werden soll, erscheint
unter den rauben Henkersknechten erbarmungswürdig schutzlos, ebenso
wie die brennenden Judenkinder
(35).
.
.
Textstelle
.
Die christliche Magd, die Verkäuferin gestohlener Hostie wird
erhängt
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Paolo Uccello
"Das Wunder der Hostie" (1467-8)
Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
4. Bildtafel
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Textstelle
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Verbrennung des Juden mit Frau und Kindern
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Paolo Uccello
"Das Wunder der Hostie" (1467-8)
Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
5. Bildtafel
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Am Ende kämpfen Engel und Teufel um die Seele der zuvor erhängten
Magd.
Paolo Uccello
.
"Das Wunder der Hostie" (1467-8)
Tempora auf Holz
Galleria Nazionale delle Marche, Urbino
6. Bildtafel
.
Vielerorts bewirkte das Gerücht
von der Hostienschändung zweierlei. Zunächst wurden die Juden
ermordet, wodurch man sich ihrer Schuldbriefe entledigte und ihrer Güter
bemächtigte. Sodann schwangen sich die vom Wunder betroffenen Städte
oder Dörfer zu Wallfahrtsorten auf, die durch die von überall
herbeiströmenden Pilger von Jahr zu Jahr reicher wurden. Als Beispiel
sei das
"Blutwunder von Sternberg"
erwähnt. Dort soll im Jahre
1492 ein verschuldeter Meßpriester dem Juden Elesear zwei Hostien
überlassen haben, die dieser während der Hochzeit seiner Tochter
mit weiteren Glaubensgefährten durch Pfriemenstiche zu schänden
versuchte
(BILD). Als aber -
so die Legende - aus den durchstochenen Hostien Blut zu fließen begann,
bekamen es die Juden mit der Angst zu tun und brachten die
"blutenden
Hostien" dem Priester zurück
(36),
der sie, in einem Leuchterkopf verborgen, insgeheim auf dem Residenzhofe
begrub. Durch Gewissensbisse gequält, machte er dem Schweriner Domkapitel
die Anzeige, es sei ihm durch allnächtliche Traumerscheinung offenbart,
daß auf dem Residenzhofe zwei blutende Hostien vergraben lägen
(37).
Doch das Domkapitel, das durch ein Sternberger Blutwunder eine Konkurrenz
des im Schweriner Dom verehrten
"heiligen Blutes" befürchten
mußte, war an der Aufklärung des angeblichen Wunders nicht besonders
interessiert
(38). Da nahmen
sich die Herzöge von Mecklenburg, die Gebrüder Magnus und Balthasar,
die beide bei den Juden schwer verschuldet waren, der Sache an und ließen
nach Auffindung der blutenden Hostien auf dem Residenzhofe den verdächtigen
Priester peinlich vernehmen, der daraufhin seine eigene und der Juden Schuld
bekannte
(39). Der arme Teufel,
ein betrogener Betrüger, wurde hingerichtet.
.
.
Textstelle
.
Zeitgenössische Darstellung der angeblichen Durchstechung von
zwei Hostien,
deren die Juden 1492 zu Sternberg bezichtigt wurden.
Die ungeheuerlichen Vorwürfe wurden Dank der Druckerpresse
in illustrierten Flugschriften massenweise verbreitet, aber auch auf Gemälden
und Kirchenfenstern dargestellt.
.
Man vermutete schon früh, daß
sich der arme Priester (Peter Däne) in seiner Einfalt nur dazu hergegeben
hat,
die Geschichte einzufädeln und von
den Urhebern preisgegeben, selbst eines der Opfer geworden war
(40).
Denn nach seinem Geständnis wurden die Juden in ganz Mecklenburg festgenommen
und peinlich verhört. Herzog Magnus wohnte persönlich den Verhören
bei.
Die Juden gestanden unter der Folter
alles, was man von ihnen hören wollte. 25 Männer und 2 Frauen
wurden verbrannt, die übrigen Juden, nachdem man ihnen ebenfalls die
gesamte Habe weggenommen hatte, des Landes verwiesen
(41).
Auf dem Residenzhof, wo man die Hostien gefunden hatte, wurde eine Bluts-
und eine Fronleichnamskapelle errichtet. Es geschahen zahlreiche Wunder
und von überallher strömten Pilger herbei
(42).
Durch Aufzeigen der Hostie wurde für Entgelt der Ablaß erteilt
(43).
An den Wänden hingen Votivgaben, d. h. Nachbildungen geheilter Glieder
aus Gold und Silber
(44).
Durch das Blutwunder wurde Sternberg neben Wilsnack zum berühmtesten
Wallfahrtsort des Nordens.
(45)
Durch die Vorkommnisse in Sternberg wurde
der Judenhaß auch in der benachbarten Mark Brandenburg geschürt,
wo es 1510 zu dem großen Berliner Judenprozeß kam. Ein verhältnismäßig
unbedeutender Vorgang diente als Anlaß. Am 6. Februar 1510 kam es
in der Kirche des Dorfes Knoblauch im Havelland zu einem Einbruch, wobei
der Altarschrein gewaltsam geöffnet, eine vergoldete Monstranz und
zwei geweihte Hostien in einem Messingbüchslein gestohlen wurden.
Als Vollstrecker dieser Missetat ermittelte man den Kesselflicker Paul
Fromm aus Bernau. Auf der Folter gestand er, eine Hostie an den Juden Salomo
zu Spandau verkauft zu haben. Durch dieses Geständnis erhielt der
Prozeß eine ganz andere Dimension. Es schien sich nicht mehr um einen
gewöhnlichen Einbruch und Kirchenraub zu handeln, sondern um ein Komplott,
bei dem Fromm nur noch als
"Helfershelfer" oder
"Werkzeug"
erschien, die Juden jedoch als
"Urheber und Anstifter" galten. Man
hat den Eindruck, als erfolgte diese Regie nach dem Sternberger Vorbild.
Man benutzte das Verbrechen Fromm's als Vorwand, um gegen die Juden einzuschreiten.
Das Hauptverbrechen war nun nicht mehr der Einbruch und Diebstahl von Kirchengut,
sondern die vermutete Entweihung der Hostien durch die Juden. Auf der Folter
bekannte Salomo, daß er die Hostie geschändet und schließlich
zerteilt habe, um die Teile an reiche Juden in Brandenburg und Stendal
zu schicken. Nach diesem Geständnis schritt man gegen die Verdächtigen
ein. Da aber nicht genau feststand, wer sonst noch an der Schändung
des Heiligtums beteiligt sein könnte, wurden auf Befehl des Kurfürsten
Joachim alle Juden in der Mark verhaftet und unter Anklage gestellt. Zu
der Hostienschändung trat nun noch der Verdacht des Ritualmordes.
Insgesamt waren 51 Juden verdächtigt: 14 der Hostienschändung,
16 des Kindermordes und 21 beider Verbrechen. Von diesen wurden später
41 verbrannt, da die restlichen 10 entweder die Folterung nicht überlebten
oder Selbstmord begingen. Nach Vollstreckung des Urteils mußten die
übrigen Juden, nachdem man sie enteignet hatte, das Land verlassen
(46).
Nach Joselmann von Rosheim (1480-1554) soll später Philipp Melanchthon
die Unschuld der Hingerichteten erwiesen habe.
(47)
.
.
Judenverbrennung.
(Aus Schedels "Weltchronik", Nürnberg 1493)
.
Wie bereits erwähnt, wurde schon
beim
"Sternberger Blutwunder"
vermutet, der Meßpriester Peter
Däne, der als erster das blutstropfenähnliche Phänomen an
zwei Hostien wahrgenommen hatte, sei von hochstehenden Personen dazu überredet
worden, die Juden ins Spiel zu bringen
(48).
Der Verdacht an eine Manipulation verstummte auch dann nicht, als 20 Jahre
später (1512) Nikolaus Marschalk, Doktor der Rechte und Professor
an der Universität Rostock, im Auftrageder Herzöge Heinrich und
Albrecht, der Söhne des 1503 verstorbenen Herzogs Magnus, in lateinischer
Sprache eine ausführliche Darstellung des Herganges verfaßte.
(49)
1520 erschien Luthers Schrift "An
den christlichen Adel Deutscher Nation". Von den siebenundzwanzig Abschnitten,
in denen er die der Reformation bedürftigen Punkte aufzählt,
beginnt der eine:
"Zur Zwanzigsten, daß die wilden
Capellen und Feldkirchen, da die neuen Wallfahrten hingehen, als da sind
Wilsnack, Sternberg, Trier, zu Boden verstöret würden."(50)
Da an diesen Wallfahrtsorten in erhöhtem
Maße auch der Ablaßhandel betrieben wurde, rief Luther, der
gegenüber den Juden alles andere als freundlich gesonnen war, erzürnt
aus:
"O wie schwer elende Rechenschaft
werden die Bischöfe müssen geben, die solches Teufelsgespenst
zugelassen und den Genuß davon empfangen; sie sollten die ersten
sein, dasselbe zu wehren, stattdessen meinen sie, es sei ein göttlich
heilig Ding, sehen nicht, daß der Teufel solches treibt, den Geiz
zu stärken, falschen erdichteten Glauben aufzurichten, Tabernen und
Hurerei zu mehren, unnütz Geld und Arbeit zu verlieren und nur das
arme Volk an der Nase herumzuführen."(51)
Mehr als hundert Jahre vor Luther hatte
schon ein anderer Reformator das Blutwunder von Wilsnack
(52)
angezweifelt und den an diesem Ort betriebenen Ablaßhandel schärfstens
verurteilt: Jan Huss (1369-1415). Er war 1405 Mitglied einer Theologen-Kommission
der Prager Universität, die eine in Wilsnack vorgetäuschte Wunderheilung
an einem Prager Bürger an Ort und Stelle untersuchen sollte
(53).
Die Mark Brandenburg, in der sich Wilsnack befindet, gehörte damals
noch zu jenen Ländern, die die Hausmacht der in Prag residierenden
Luxemburger ausmachten
(54).
Durch seine blasphemisch empfundenen kritischen Äußerungen über
die in dem überlaufenen Wallfahrtsort Wilsnack, einem Lourdes des
ausgehenden Mittelalters, verehrte
"blutende Hostie" und den damit
verbundenen Ablaßhandel zog sich Huss schon damals den Groll des
Erzbischofs von Prag zu.
Nachdem man in den ersten Dezennien des
16. Jahrhunderts die meisten Juden aus Deutschland nach dem Osten verjagt
hatte, kam es zwar von Zeit zu Zeit erneut zu
"Blutwundern", doch
in Ermangelung des Sündenbockes blieben die üblichen Exzesse
aus.
(55) Die sich nach der
Reformation gegenseitig zerfleischenden Christen unterschiedlicher Konfession
veranlaßten Spinoza (1632-1677) in der Vorrede seines
"Theologisch-politischen
Traktates" zu dem Ausruf:
"Ich habe mich oft darüber gewundert,
daß Leute, die stolz sind auf das Bekenntnis des christlichen Glaubens
- nämlich der Liebe, der Freude, des Friedens, der Mäßigung
und Wohltätigkeit gegen alle - ,sich mit solch erbitterter Feindseligkeit
streiten und gegeneinander so bitteren Haß bekunden, daß man
eher diesen zum nächstliegenden Kennzeichen ihres Glaubens machen
könnte als die Tugenden, zu denen sie sich bekennen!"
Die sich gegenseitig zerfleischenden
Christen deuteten gelegentlich auftretende Phänomene von der Art des
Wunderblutes als böse Omina, die weiteres Unheil befürchten ließen.
1627 erschienen in der niederschlesischen Stadt Brieg an Brot und Mehl
und 1630 in Frankfurt/Oder auf Brot blutrote Flecken
(56).
1651 offenbarte sich das gleiche Wunder auf Brot und Käse in Birchheim,
1652 auf Fleisch in Leipzig, 1662 auf Brot in der Mark Brandenburg, sowie
1667 auf Brot in Frankfurt/Oder, in der Stadt Flensburg und auf der schleswigschen
Halbinsel Eiderstedt
. "In comitatu Namuccensi panem subcinericium quasi
sanguine infectum vidimus", berichtet 1671 Wolfius
(57).
Als in dem unweit der Stadt Landsberg/Warthe gelegenen neumärkischen
Dorf Stennwitz im Jahre 1693 das Blutigwerden eines Hefekuchens und vier
Jahre später, am 20. Juli 1697,
"mildiglich Blut-trieffende Korn-Ähren
auff dem Scheunfluhr" beobachtet wurden, ließ Johann Haenfler
noch im Jahre 1697 in Küstrin seine
"unvorgreifflichen Gedancken"
als
Druckschrift erscheinen. Aus dieser zeitgenössischen Chronik der Blutwunder
kann man entnehmen, daß die von den Schrecken des Dreißigjährigen
Krieges
beeinflußte Volksmeinung alle Blutzeichen, wie bereits erwähnt,
als Vorboten neuer Not, künftigen Elends, drohender Krankheiten und
des bevorstehenden Todes deutete
(58).
Aufklärer, wie z. B. Struensee hielten
"Blutwunder"
für eine Täuschung (59).
Struensee's Freund, der Judenarzt von Altona Hartog Gerson glaubte sogar,
daß es sich bei dem Blut auf den Hostien um eine Fälschung handelte
und berief sich dabei auf einen protestantischen Prediger aus der Lutherzeit,
der das heilige Blut von Wilsnack als "Bocksblut"
bezeichnete (60).
Die naturwissenschaftliche Deutung dieses
Phänomens erfolgte erst ein halbes Jahrhundert später. 1819 versetzte
in Legnano, einem italienischen Dörfchen bei Padua, das "Blutwunder"
abermals die abergläubische Bevölkerung in Angst. Im Hause eines
Bauern erschienen auf der Polenta - einem aus Maismehl bestehenden Nationalgericht
der Italiener - blutrote Flekken. Der Maisbrei wurde unauffällig weggeworfen.
Als gleich am nächsten Morgen und diesmal auch auf anderen Speisen
rote Flecken zu sehen waren, zogen die entsetzten Bewohner des Gehöftes
den Pfarrer zu Rate. Aber auch die von ihm gelesene "schwarze Messe"
konnte das Unheil nicht bannen. Durch die Bauern, die bei dieser Gelegenheit
das unheimliche Haus aufsuchten, um das "Blutwunder" zu sehen, wurden
die farbstoffbildenden Keime verschleppt und so trat nach einigen Tagen
auch in anderen Häusern des Dorfes das Wunder auf. Der ganze Ort geriet
in Aufruhr und das Volk nahm eine drohende Haltung gegen den Bauern ein,
in dessen Haus das Blutwunder zum erstenmal auftrat. Um einem Unglück
vorzubeugen, beauftragte man den Bezirksarzt Dr. Sette durch eine örtliche
Besichtigung und Untersuchung diese seltsame Erscheinung zu klären.
Dr. Sette erkannte mit einem für das damals noch beschränkte
Wissen auf diesem Gebiete ungewöhnlichen Scharfsinn, daß es
sich bei den blutroten Belägen um übertragbare Pilzwucherungen
handelt. Um dies zu beweisen, beimpfte er mit der blutstropfenähnlichen
Masse verschiedenartige Speisen, auf denen dann nach einigen Tagen ebenfalls
die blutroten Flecken erschienen. Zuletzt übertrug Dr. Sette klugerweise
die roten Speiseteile auch in die Küche des in der Gegend hochgeschätzten
Pfarrers. Da auch hier die Rotfärbung der Speisen auftrat, war erwiesen,
daß es sich weder um einen Teufelsspuk noch um eine himmlische Strafe
handelte, und das Volk beruhigte sich wieder (61).
Kurze Zeit danach traf eine Kommission von Professoren der Universität
Padua ein. Prof. Bizio faßte die tröpfchenartigen Gebilde, die
wir heute Bakterienkolonien nennen, als stengellose Pilzköpfchen auf.
Zu Ehren seines Physiklehrers Serrati nannte er den Keim "Serratia"
und
versah ihn wegen seiner weichen Konsistenz mit dem Epitheton "marcescens"
(weich, zerfließend) (62).
Ehrenberg nannte 1848, ohne Bizios Veröffentlichung zu kennen, dieses
Bakterium "Monas prodigiosa", nach dem lateinischen Wort prodigium (Wunder) (63).
Die Geschichte dieses relativ harmlosen
Keimes, der mehr unschuldige Menschen ums Leben gebracht hat als so mancher
pathogene Keim, ist zugleich ein Beitrag zur Phänomenologie der Intoleranz,
denn sie offenbart in erschütternder Weise wozu das Yahoo, wie Swift
das Herdentier, den Massenmenschen, bezeichnet hat, in seiner Einfalt und
Brutalität fähig ist.
Anmerkungen:
(1)
G. Lanson, Voltaire,
Sa vie et son ocuvre. Paris 1919, S. 71.
.
Ch. G. Ehrenherg. "Herr Ehrenberg zeigte das seit alter Zeit berühmte
Prodigium des Blutes im Brote und auf Speisen als jetzt in Berlin vorhandene
Erscheinung in frischen Zustand vor und erläutert dieselbe als bedingt
durch ein bisher unbekanntes Thierchen (Monas prodigiosa)". Berliner
Verhandlungen der Akademie der Wissenschaften. Berlin 1848. S. 349-353.
(3)
Curtius Rufus Quintus. De rebus gestis Alexandri Magni. 4.Buch.
9. Kapitel. Bei dem Brot der mazedonischen Soldaten dürfte es sich
keineswegs um das im deutschen Heer übliche. "stark gesäuerte"
Kommtsbrot gehandelt haben, sondern um ein ungesäuertes Fladenbrot,
wie man es in der Levante auch heute noch vorfindet.
(4)
Curtius Rufus Quintus. De rebus gestis Alexandri Magni. 4.Buch,
20. Kapitel.
(5)
F. Cohn. Über eine allgemeine interessante Bemerkung des Herrn
Dr. Cohn in Breslau, welche den Grund des Pythagoräischen Verbotes
des Bohnen-Genusses in der Kenntnis der Bluterscheinung aufgekochten Bohnen,
vermutlich durch Monas prodigiosa, höchstwahrscheinlich macht.
Berliner Verbandlungen der Akademie der Wissenschaften. Berlin 1850, S.
5-7.
– Lukianos, der antike Heine, spöttelte auch noch. daß die
Bohne den Pythagoräern heilig sei, weil sie unter der grünen
Haut ein männliches Genitale (den Keimling) zeige, welches ja bei
der Seelenwanderung beachtlich beteiligt ist.
(6)
M. I. Landau, Rabbinisch-aramäisch-deutsches Woerterbuch zur
Kenntniß des Talmuds der Targumim und Midraschim. Prag 5 (1824)
1662-1665.
(7)
Früher wurde den Gläubigen beim "heiligen Abendmahl"
gesäuertes Weizenbrot und Wein gereicht.
(8)
Pierre Bouchet, Observationum medicarum et admirabilium. Paris
1624, S. 29.
(9)
In den Jahren 1004 bzw. 1091 will man im Bistum Speyer Bluttropfen
an Fladenbrot gesehen haben. Ähnliches wurde 1093 in der Grafschaft
Namur und 1163 in La Rochelle beobachtet.
Pierre Bouchet, Observationum medicarum et admirabilium. Paris
1624, S. 29ff.
J. Haenfler. Unvorgreifliche Gedancken wegen der in Stennwitz, einem
Dorffe, (das eine Meile von Landsberg lieget) auff dem Scheunfluhrden 20.
Juli 1697 angetroffenen mildiglich-Blut-trieffenden Korn-Aehren. Cuestrin
1697.
(10)
Das Abendmahl galt seit jeher als eines der wichtigsten Sakramente:
"Der Kelch, den wir trinken, ist er nicht eine Gemeinschaft mit dem Blute
Christi; das Brot, das wir brechen, ist es nicht eine Gemeinschaft mit
dem Leibe Christ'?" (1. Kor. 10, 16). - Die Lehre von der Transsubstantiation,
wonach sich Brot und Wein durch das Aussprechen der Einsetzungsworte während
der Messe in Leib und Blut Christi verwandeln, wurde auf der 4.
Lateransynode von 1215 als Glaubenssatz festgelegt.
(11)
In der aus dem 11. Jahrhundert stammenden kleinen Kirche der Heiligen
Christine zu Bolsena zeigt man noch heute den Altar "del miracolo",wo
sich das Wunder ereignet haben soll.
(12)
Bei dem "Corporale" handelt es sich um das geweihte Leintuch,
das in der katholischen Kirche während der Messe unter dem Hostienteller
Lind dem Kelch liegt.
(13)
In der "Capella del Corporale" des Domes wird im Altartabernakel
das "Reliquiario del Corporale" aufbewahrt. Alljährlich zum
Fronleichnamsfest und am Ostersonntag wird der das "Sacro Corporale"
beinhaltende
silberne Reliquienschrein, auf dem das Wunder in glänzendem Email
dargestellt ist, im Dom öffentlich gezeigt. Aus diesem Grunde ist
Orvieto bis auf den heutigen Tag ein Wallfahrtsort. Fronleichnam ist Italiens
bedeutendster kirchlicher Feiertag.
(14)
Daneben hatte diese Legende auch den Zweck. dem nicht so recht an das
Dogma der Transsubstantiation glaubenden Volke ein leibhaftiges Wunder
vorzuführen und fand ihren Nährboden darin, daß die Juden
als Geldgeber und Pfandleiher auch Kirchengeräte aus edlem Metall
belehnten, bis eine Rabbinersynode (wohl bald nach dem 2. Kreuzzuge) beschloß,
daß kein Jude Kruzifixe, Kirchengeräte und ähnliches kaufen
dürfe, weil dies Gefahren für die übrigen Glaubensgenossen
heraufbcschwören könnte.
(15)
Da die Juden über die ganze Erde verstreut waren, hatten sie überall
gute Beziehungen, auch beherrschten sie verschiedene Sprachen und besaßen
die Warenkenntnis. die für Handeltreibende nötig ist. Ihre Vertrautheit
mit fremden Ländern und Sprachen war die Ursache, daß sie von
Fürsten und Königen zu Gesandtschaften verwendet w ui den. Aber
nicht nur als Dolmetscher, auch als Ärzte schätzte man sie.
(16)
Bereits der mit Struensee befreundete Altonaer Judenarzt Hartog Gerson
wies darauf hin, daß: die Juden im frühen Mittelalter von
den Christen, die Handel und Zinsgeschäfte für sündhaft
und für ihr Seelenheil schädlich hielten, zur Ausübung dieser
verpönten, doch gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten gezwungen
wurden, wodurch sie sich die Verachtung und den Haß der übrigen
Bevölkerung zuzogen. Es sei, wie mit den Pestknechten, die in Seuchenzeiten
gewisse für die Erhaltung der Gesellschaft notwendige Arbeiten ("Wegschaffen
der Kadaver, Beseitigung des Unraths") verrichteten und daher von ihren
Mitmenschen, die diese Tätigkeit verabscheuen, verachtet und gemieden
werden. (Der Talmud und die Arzneykunde. Gemeinnütziges Magazin.
Ohne Ortsangabe 1761, Stück Il, S. 114).
(17)
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. II, S. 347
ff. - Die Kreuzfahrer vertilgten die jüdischcn Gemeinden in Speyer,
Worms, Mainz, im Erzstift Köln, in Trier, Metz. Regensburg, Prag u.a.O.
(18)
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. II, S. 553-554.
(19)
Die Bezeichnung des Judenviertels mit dein italienischen Wort "Ghetto"
("Gießerei") erscheint zuerst 1516 in Venedig, wo die Juden
in dem neben einer Eisengießerei liegenden Ghetto nuovo lebten.
(20)
Den Juden begegnete man mit abergläubischer Furcht. Noch im 19.Jahrhundert
war das Volk mancherorts davon überzeugt, die Juden besäßen
den "bösen Blick".
(21)
"Zu den ahnungsvollen Dingen. die den Knaben und auch wohl den Jüngling
bedrängten. gehörte der Zustand der Judengasse ... Die Enge,
der Schmutz, das Gewimmel. der Akzent einer unerfreulichen Sprache, alles
zusammen machte den unangenehmsten Eindruck, wenn man auch nur am Tore
vorbeigehend hineinsah. Es dauerte lange, bis ich allein mich hineinwagte.
und ich kehrte nicht leicht wieder dahin zurück, wenn ich einmal den
Zudringlichkeiten so vieler etwas zu schachern unermüdet fordernder
oder anbietender Menschen entgangen war. Dabei schwebten die alten Märchen
von Grausamkeiten der Juden gegen die Christenkinder, die wir in Gottfrieds
,Chronik‘ gräßlich abgebildet gesehen, düster vor dem jungen
Gemüt." (Goethe. Dichtung und Wahrheit. 1. Teil, 4. Buch).
(22)
Gustav le Bon. Psychologie der Massen. Stuttgart 1953. S. 84.
(23)
Samuel N. Gomperz, Die Gersoniden. Altona 1865. S. 32.
(24)
Gustav le Bon Psychologie der Massen. Stuttgart 1953. S. 23.
(25)
1290 entdeckten Pariser Christen rote Flecken an einer Hostie. mit
der eine Frau bei einem Pariser Juden ein beliehenes Kleidungsstück
ausgelöst hatte Auf der Folter gestand der Jüdische Pfandleiher,
er habe die Hostie "gekocht und gestochen". Nachdem man den Juden
auf dein Scheiterhaufen zu Tode gequält hatte. wurde aus seinem Haus
"zur
Sühnung"
eine Kirche errichtet. Pierre Bouchet, Observationum
medicarum et admirabilium. Paris 1624, p. 32
(26)
Ch. G. Ehrenberg. Herr Ehrenberg machte fernere Mittheilungen über
Monas prodigiosa oder die Purpurmonade. Berliner Verhandlungen. Akademie
der Wissenschaften. Berlin 1849, S. 101-116.
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. II, S. 510.
C. Brunner Judenverfolgungen im Mittelalter. Breslau 1909, S.
42.
(27)
C. Brunner Judenverfolgungen im Mittelalter. Breslau 1909, S.
43.
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. II, S. 540-541.
(28)
"Sankt Werner". so berichtet Heine weiter, "ist ein solcher Heiliger,
und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet,
die jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und init der
gotischen Herrlichkeit ihrer langen spitzbogigen Fenster, stolz emporschießenden
Pfeiler und Steinschnitzereien uns so sehr entzückt, wenn wir an einem
heitergrünen Sommertage vorbeifahren und ihre Ursprung nicht kennen.
Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andere große Kirchen
errichtet und unzählige Juden getötet oder mißhandelt.
Dies geschah im Jahre 1287, und auch zu Bacharsch,
wo eine von diesen Sankt Werner-Kirchen gebaut wurde, erging damals über
die Juden viel Drangsal und Elend."
[Heinrich Heine, Der Rabbi von Bacharsch. I. Kapitel.]
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. II, S. 514
- 515.]
(29)
Das "Deggendorfer Gnadenbüchlein" wurde 1879 von dem Benediktinerpater
Bonedikt Braunmüller verfaßt, von Pater Wilhelm Fink überarbeitet
und 1960 in Deggendorf neu aufgelegt. Im gleichen Jahr sah man noch in
der Grabkirche die Werkzeuge - Schusterahle. Dornenzweig und Amboß
- zur Schau gestellt, mit denen die Deggendorfer Juden 1337 angeblich die
Hostie schändeten. Ebendort konnte man die zwölf Bildtafeln betrachten.
auf denen der angebliche Hostienfrevel samt dem Mirakel, das bis in die
jüngste Zeit gefeiert wurde, dargestellt war. Die Unterschrift des
elften der zwölf Bilder, die um 1450 angefertigt wurden lautete: "Die
Juden werden von den Christen aus rechtmäßigen Gott gefälligen
Eifer
ermordet
und ausgereutet (ausgerottet).
Gott gebe, daß von diesem Höllengeschmeiß
unser Vaterland jederzeit befreyet bleibe." Der New Yorker "Aufbau"
(XXXV/46) vom 14. Nov. 1969 berichtete: "Der Regenburger Bischof Graber
hat im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege die Entfernung
der in der Deggendorfer Grabkirche befindlichen antijudaischcn Bilddarstellungen
angeordnet."
(30)
Ch. G. Ehrenberg. - In Bayern sollen dieser Judenverfolgung alle
Gemeinden, mit Ausnahme von Regens- burg und Augsburg. zum Opfer gefallen
sein.
Berliner Verhandlungen. Akademie der Wissenschaften. Berlin 1849, S.
101-116.
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. II, S. 572-573.1
(31)
Rainald. Annalcs ecclesiastici. VI, 125, Lucca 1750.
C. Binz in: Verhandlungen des Naturhistorischen Vereines der preußischen
Rheinlande und Westphalens. Bonn XXIX (1872) Sitzungsberichte,
S. 166- 169, 210
(32)
Auch Nikolaus von Kues (1401-1464), der in seiner Schrift: "De docta
ignorantia" - ("Vom wissenden Nichtwissen") hundert Jahre vor
Koperniktis die Erde als "einen Stern unter anderen Sternen" bezeichnete,
äußerte sich - unter Berufung auf Benedikt XII. - skeptisch
über die durch blutende Hostien bewirkten Wunder. Zugleich verurteilte
er schaudernd die damit einhergehenden blutigen Exzesse als "bestialisch
und unchristlich".
G. Kallen. Nikolaus von Cusa und die Überwindung, der mittelalterlichen
Scholastik. Breslau 1933. S. 21)
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. III, S. 77
(33)
C. Brunner Judenverfolgungen im Mittelalter. Breslau 1909, S.
45.
H. Graetz. Geschichte der Juden, Leipzig 1906, Bd. III, S. 28-31.
1369 soll in Brüssel der Küster der Kapelle der Heiligen
Katharina sechzehn Hostien für 30 Silberstücke an den obersten
Rabbiner der jüdischen Gemeinde verkauft haben. Als eine zum Judentum
übergetretene Frau an diesen Hostien "Blut" bemerkte, beschuldigte
sie die Juden vor dem zuständigen christlichen Pfarramt, die Hostien
"gestochen"zu
haben.
Auf Grund dieser Anzeige wurden viele Juden ermordet. (Ehrenberg. 1849).
(34)
Predella = Untersatz eines Altars
(35)
Wilhelm Boeck. Paolo Uccello. Berlin 1932.
(36)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.14. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(37)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.15-16. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde
vom Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(38)
C. Brunner Judenverfolgungen im Mittelalter. Breslau 1909, S.
121.
Der Dom zu Schwerin besaß seit 1220 als Reliquie aus dem heiligen
Lande einen Tropfen vom Blute des Herrn. der Wunder bewirkte und Pilger
anzog
(39)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.16. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(40)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.20. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(41)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.17. und S.13 - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift
wurde vom Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
Bis in die jüngste Zeit hieß die Stätte bei Sternberg.
wo die Juden verbrant wurden "der Judenberg".
(42)
Nicht umsonst hatte Luther, der das Blutwunder von Sternberg und Wilsnack
ebenso vieden heiligen Rock von Trier als ein "Teufelswerk" verurteilte.
erklärt: "Ein jeglicher gedenkt nur, wie er eine solche Wallfahrt
in seinem Kreis aufrichte und erhalte, gar nichts sorgend, wie das Volk
recht glaube und lebe."
(43)
Hatten die Pilger die blutenden Hostien gesehen, so zeigte man ihnen
noch die Pfriemen, mit denen die Juden den Frevel begangen haben sollen.
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.27 - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(44)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.26. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(45)
Sternberg in Mecklenburg war einer der beliebtesten Wallfahrtsorte
für die Bewohner Dänemarks und hat auch den Besuch der dänischen
Königsfamilie empfangen.
(46)
Andreas Angelus, "Annales Marchiae Brandeburgicae". Frankfurt
an der Oder 1598, S. 275ff.
Dr. Friedrich Holtze, "Das Strafverfahren gegen die märkischen
Juden im Jahre 1510". Schriften des Vereins für die Geschichte
Berlins, Heft XXI, Berlin 1884, Seite 33ff.
(47)
Jüdisches Lexikon, herausgegeben von G. Herlitz und B.
Kirschner. Berlin 1927, Bd. 1. S. 868-869.
(48)
C. Brunner Judenverfolgungen im Mittelalter. Breslau 1909, S.121
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.20. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(49)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.15. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(50)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S.20. - Schmidt war selbst Pastor zu Sternberg. Seine Schrift wurde vom
Verein für Refonnationsgeschichte herausgegeben.
(51)
K. Schmidt, Das heilige Blut von Sternberg. Halle a. S. 1892,
S. 21-22. - Als später protestantische Prediger in Wilsnack und Sternberg
die blutenden Hostien vernichteten, sanken beide Orte in den Schatten der
Provinzialität zurück.
(52)
1383 fand man auf dem Altar der von einem Raubritter zerstörten
und verbrannten Kirche von Wilsnack drei Hostien. die acht Tage dort gelegen
hatten, mit "Blutstropfen" übersät. Sie wurden zu den
kostbarsten Reliquien des neuen Wallfahrtsortes.
(53)
Um 1402 war ein Prager Bürger. Petrus von Ach, der eine "contracte"
Hand hatte, nach Wilsnack gepilgert und opferte dort in der Hoffnung, durch
das heilige Blut der Hostien wieder hergestellt zu werden, als Votivgabe
eine silberne Hand. Es kam aber zu keiner Heilung. Er verabschiedete sich,
blieb jedoch noch drei Tagc am Ort, um zu hören, was der Priester
wohl über ihn und seine Hand predigen würde. In der Tat hörte
er am dritten Tage, wie der Priester in der Kirche verkündete, er
sei geheilt von dannen gegangen und hätte zum Dank für seine
Genesung die silberne Hand geopfert. Da stand er auf und sagte laut: "O
Priester. was lügst du! Hier siehe, meine Hand ist noch immer so contract
wie ehedem!" In einem Traktat berichtete Huss über die Examination
solcher Personen, bei denen die blutenden Hostien von Wilsnack eine Wunderheilung
bewirkt haben sollten und am Schluß, daß es sich in den meisten
Fällen tun eine Täuschung handelte. So sei z. B. das Bein eines
angeblich genesenen Knaben schlimmer geworden, als es vordem war, und zwei
Frauen, die von Blindheit geheilt sein wollten, hatten gestanden, daß
sie nie blind gewesen wären. [Mag. ,I. Hus. "Determinatio quaestionis
cum suo tractatulo de omni sanguine Christi glorificato." Dieser Traktat
existierte handschriftlich (cop.) auf der Universitätsbibliothek zu
Leipzig (Ms. th. fol. 866)].
(54)
Erst 1417 auf dem Konzil zu Konstanz belehnte Kaiser Sigismund den
Burggrafen von Nürnberg, Friedrich VI. von Hohenzollern, für
seine Vermittlerdienste mit der Mark Brandenburg, des "Heiligen Römischen
Reiches Streusandbüchse'". So wurde er als Friedrich I. der erste
Brandenburgische Kurfürst aus dem Hause Hohenzollern.
(55)
Laut Werner Sombart war das Judentum West- und Mitteleuropas bis zur
Reformationszeit in ununterbrochener Bewegung, "wie ein Ameisenhaufen,
in den ein Stock gestoßen wurde". Im Jahre 1290 verwies man die
Juden aus England. 1306 aus Frankreich und 1492 auch aus Spanien. Nach
dem großen Bauernkrieg (1524;25), der von einem grauenvollen Judenmassaker
begleitet war, vertrieb man sie auch aus den meisten Teilen Deutschlands.
(Werner Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben. 1928, S. 33)
(56)
Ch. G. Ehrenberg. Herr Ehrenberg übergab eine reichliche Centurie
historischer Nachträge zu den blutfarbigen Meteoren und sogenannten
Prodigien. Berliner Verhandlungen Akademie der Wissenschaften, Berlin
1850, S. 215-246.
(57)
J. Wolfius, Lectiones memorabilis. Frankfurt am Main 1671
(58)
Haenfler, Unvorgreiftliche Gedancken wegen der in Stennwitz, einem
Dorffe, (das eine Meile von Landsberg lieget) auff dem Scheunfluhr den
20. Juli 1697 angetroffenen mildiglich Blut-trieffenden Korn-Aehren.Cuestrin
1697.
(59)
Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey.
Gemeinnütziges Magazin, 1760. Stück II, S. 83. Ähnlich beurteilte
Napoleon das Blutwunder von Neapel. Es handelt sich da um eine Erscheinung,
die sich an dem als Reliquie im Dom aufbewahrten angeblichen Blut des Heiligen
Januarius (S. Gennaro) abspielt. - Am ersten Samstag im Mai und am 19.
September verflüssigt sich alljährlich dieses geronnene Blut
unter allerlei religiösen Zeremonien. Bleibt die Verflüssigung
aus, so bedeutet das ein Unglück. Als Napoleon in Neapel war, blieb
das Wunder aus, und es drohte ein Volksaufstand. Napoleon ließ sich
die höheren Priester kommen und eröffnete ihnen, daß, wenn
das Blut des Januarius nicht bis zum folgenden Tage flüssig geworden
wäre, er sie sämtlich erschießen lassen würde. Darauf
verflüssigte sich das Blut unnerhalb von 24 Stunden. - (J. v. Negelein,
Der Aberglauben in der Geschichte. Breslau 1930. S. 93.)
(60)
Hartog Gerson, Merkwürdige Observationen über das anno
1712 und 1713 in Altona grassirende Contagium. Altona 1762, S. 41.
(61)
V. Settte, Memoria storico-naturale sull' arossimento straordinario
di alcune sostanzc alimentose osservato nella provincia di Padova l'anno
1819. Venezia 1824. - Ein Jahr nach dem Erscheinen dieser Publikation
(1825) erregte bei Enkirch-Mosel in einer Mühle blutrotes feuchtes
Mehl Schrecken.
(62)
B. Bizio, Lettera di Bartolomeo Bizio al chiarissimo canonico Angelo
Bellani sopra il fenomeno della polenta porporina. Bibl. Ital. Milano
30 (1823), S. 275-295.
B. Bizio, Del fenomeno della polenta porporina. Opusc. Chimicofis.,
Venezia 1 (1827), S. 261-298.
(63)
Ch. G. Ehrenberg. Herr Ehrenberg machte fernere Mittheilungen über
Monas prodigiosa oder die Purpurmonade. Berliner Verhandlungen. Akademie
der Wissenschaften. Berlin 1849, S. 101-116.
Dieser Aritkel erschien erstmalig in
der Zeitschrift „Das Medizinische Laboratorium“ 7.Jg/Volume 7 (1983) -
Nr. 9 (Seite/page A + B 143-149)
Prof. Dr. med. Stefan Winkle lieferte jener Zeitschrift 3 entscheidende
historische Beiträge. Diese befassen sich vor allem mit den genialen
Leistungen des Arztes und Staatsmannes Johann Friedrich Struensee.
Winkles Beiträge erschienen in Lab.med. 3: A + B 207 und 218 (1979)
unter der Überschrift „Struensee und das Contagium (Einfluß
der optischen Entdeckungen auf die Naturwissenschaften, Philosophie und
Gesellschaftskritik in der Aufklärungszeit) ", in Lab.med. 5: A +
B 86 und 112 (1981) Unter der Überschrift„ Struensee und die übertragbaren
Hautkrankheiten (Die Skabies als eine ,Geschichte der Irrungen`)" und in
Lab.med. 7: A + B 62 und 94 (1983) unter „Struensee und die ansteckenden
Darmkrankheiten". Ebenso großen Anklang fanden Nachruf und Würdigung
der bahnbrechenden und überragenden Leistungen von Prof. Dr. med.
F. Kauffmann auf dem Gebiet der Enterobacteriaceae-Forschung, erschienen
in Lab. med. 3: A + B 40 (1979).
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