S. WINKLE

Francis Bacon der Schöpfer einer naturwissenschaftlichen Utopie mit medizinischen Aspekten


"Alles Gescheite ist schon gedacht worden;
man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken."
(Joh. Wolfgang v. Goethe) (1749-1832)
Maximen und Reflexionen, 1.
"Die utopischen Träume sind oft nur vorzeitige Wahrheiten."
(Alphonse de Lamartine) (1790-1869)
,,Histoire des Girondins", (Paris 1847)

Als Sohn eines Lords, der in den ersten zwanzig Jahren von Elisabeths Regierung Großsiegelbewahrer war, wurde Francis Bacon (1561-1626) nach langer parlamentarischer und juristischer Tätigkeit unter der Herrschaft Jakob 1. (1603-1625) in das Staatsamt seines Vaters berufen und 1617 zum Lord-Kanzler mit dem Titel Baron von Verulam ernannt(1).

Während Elisabeth eine männliche Königin war, entpuppte sich Jakob als ihr völliges Gegenteil: ein weibischer Mann, an dem nichts königlich war. Von Natur aus äußerst ängstlich, hatte er sich den Kopf mit dämonologischem Unsinn(2) und öder theologischer Gelehrsamkeit gefüllt und hörte es gerne, wenn ihn Schmeichler "den britischen Salomo" nannten. Obwohl Elisabeth eine ungeheure Staatsschuld hinterlassen hatte, verschwendete Jakob mit seinen Günstlingen in unsinnigster Weise zwecklos die Staatsmittel.

Es war eine Zeit, in der sich nicht nur die kühnen Freibeuter, die ihr Leben riskierten, sondern auch die daheimgebliebenen, aber nicht minder raffsüchtigen Adeligen und Bürger an diesem großen Abenteuer beteiligten. Alle Schätze der Welt kamen in London zusammen und lockten die Begierde, sich nicht nur die Genüsse anzueignen, sondern auch die Gewinne daran einzuheimsen, um sich diesen Genüssen und Kostbarkeiten noch mehr hingeben zu können; so wie es Schiller später einmal schilderte:

"Wohl von größerem Leben mag es rauschen,
Wo vier Welten ihre Schätze tauschen,
An der Themse, auf dem Markt der Welt.
Tausend Schiffe landen an und gehen,
Da ist jedes Köstliche zu sehen,
Und es herrscht der Erde Gott, das Geld."(3)
Und Geld brauchte König Jakob ständig - für sich und seine Günstlinge. Schon in den letzten Parlamenten gärte der Unwille, der immer lauter und drohender wurde und dem Sturm der Revolution vorausging. Plötzlich (1620) traf Bacon "wie ein Blitz aus heiterem Himmel" die Anklage, er habe vor Jahren in seinem richterlichen Amte Geschenke angenommen. Doch Geschenke waren damals bei Beamten durchaus üblich, und wenn man gerade Bacon der Bestechung bezichtigte, so lag der Grund nicht in besonders krassen Verfehlungen des Kanzlers, sondern darin, daß man in dem höchsten Staasbeamten Englands die Regierung, den Hof und den König selbst treffen wollte(4).

"Ich bin das erste Opfer", sagte Bacon dem König, "ich wünsche das letzte zu sein." Er sah die Gewitterwolken heraufziehen und wußte wohl, daß er das letzte nicht sein werde: "Der erste Blitz trifft den Kanzler, der zweite wird die Krone treffen." Bei dieser Lage der Dinge hätte seine Verteidigung nicht geführt werden können, ohne den König und die Hofpartei als die wahrhaft Schuldigen, als die eigentlichen Nutznießer der öffentlichen Übel bloßzustellen. Der König beschwor Bacon, sich nicht zu verteidigen und das Urteil widerstandslos hinzunehmen: er versprach ihm, ihn bei der ersten günstigen Gelegenheit zu rehabilitieren, wenn er nur durch Passivität verhindere, daß die Sache weiter Kreise ziehen. Bacon geriet somit zwischen die Mühlensteine zweier einander entgegengesetzter Mächte, die ihn aufrieben: Köng und Hofpartei auf der einen, Parlament und Volkspartei auf der anderen Seite; von dieser wurde er gestürzt, von jener geopfert.

Seine Sache stand so, daß die Verteidigung ihn zwar nicht retten, wohl aber dem König mißfallen konnte. Er hatte nur zu wählen, ob er verurteilt sein wollte mit oder ohne Aussicht auf Begnadigung. Mit Rücksicht auf sein unmittelbares persönliches Wohl tat er, was der König wünschte (5). Er focht die Anzeige nicht an, machte aber geltend, daß seine Urteile nie von Geschenken beeinflußt worden seien. Er wurde zu einer Buße von 40 000 Pfund und zu einer Kerkerstrafe im Tower verurteilt, deren Länge vom König abhing. Auf sein politisches Amt und seinen Sitz im Parlament mußte er natürlich verzichten. Die Geldstrafe wurde nie vollstreckt, und er verbrachte nur vier Tage in Haft, aber ein untilgbarer Makel blieb an ihm haften (6).

So lebte er von nun an zurückgezogen nur noch seinem literarischwissenschaftlichen Werk.

Als hochgebildeter Renaissancemensch war Bacon vorher schon nicht nur als Rechtsanwalt und im Parlament durch seine glänzende Rednergabe, sondern auch als Literat mit seinen geschliffenen Essays immer wieder aufgefallen (7). Er strebte eine völlige Erneuerung (Instauratio) der Wissenschaften an (8). Sein Lebenswerk, die enzyklopädische "Instauratio magna", an der er nun fieberhaft weiterarbeitete, hat Bacon leider nicht vollendet(9). Als erster Teil dieses Werkes erschien 1620 das schon 1612 im Entwurf unter dem Titel "Cogitata et visa" veröffentlichte "Novum Organum Scientiarum", d.h., die dem alten aristotelischen "Organon" entgegengestellte "neue Logik". Als zweiter Teil erschien 1623 das im ersten Entwurf - als "The advancement of learning - bereits 1605 herausgegebene Werk "De dignitate et augmentis scientiarum", eine Art Enzyklopädie der Wissenschaften, mit vielen treffenden Bemerkungen über deren noch auszufüllende Lücken (10).

Schon 1605 hat Bacon in seiner Schrift "Advancement of Learning" eine Klassifikation der verschiedenen Wissenschaftszweige vorgenommen. Wie ein Fürst, der seine Herrschaft antritt, erklärte er: "Es ist meine Absicht, eine Rundreise um das Wissen anzutreten und aufzuzeichnen, welche Stellen brach und unbebaut liegen und vom menschlichen Fleiß im Stich gelassen sind, um durch genaue Aufzeichnung der verlassenen Gegenden die Energie öffentlicher und privater Personen zu ihrer Verbesserung einzuladen."(11).

Sein Zeitgenosse Harvey meinte, Bacon habe über naturwissenschaftliche Fragen "nicht wie ein Naturforscher, sondern wie ein Lordkanzler" (der er war) geschrieben; er beabsichtige eine Instauratio magna (eine große Erneuerung) aller Wissenschaften vorzunehmen.

Im "Novum Organum" bezeichnete Bacon als Mutter aller Wissenschaften die Naturwissenschaft, die man teils aus übertriebener Ehrfurcht vor den Denkern des Altertums, teils aus falsch verstandenem Religionseifer bisher nicht gebührend gewürdigt habe. Ihre Aufgabe sei: getreue Interpretation der Natur, um dieselbe beherrschen zu lernen. Denn Wissen ist Macht. Zu diesem Zwecke muß sich der Naturforscher zunächst von allen Vorurteilen ("Idolen", d.i. Trugbildern) des Verstandes und der Sinne befreien (12). Bacon war sich dessen bewußt, daß sein Vorgehen ein Zerbrechen traditioneller Fesseln bedeutete:

"Es wäre eine Schande für die Menschheit, wenn heutzutage, wo alle Länder, Meere und Gestirne in unseren Zeiten unermeßlich erweitert und erleuchtet wurden, die Grenzen der intellektuellen Welt in der Enge des Altertums festgebannt blieben."(13).

Noch die unabhängigsten Geister zitierten damals Aristoteles wie einen Kirchenvater. Daher stellte Bacon in Abwehr der Vorurteile ("Idole") besonders eindringlich den Glauben an die Autorität des Aristoteles in Frage. Er ersetzte das "Organon" des Aristoteles durch ein "Novum Organum" und verkündete darin die auf Beobachtung und Experiment gegründete und von Tatsache zu Tatsache behutsam vorwärtsschreitende Induktion.

"Die Quelle der Erkenntnis", so Bacon, "ist die schlichte Erfahrung, die, wenn man sie (,empirisch`) nimmt, wie sie sich gibt, Zufall, wenn man sie aufsucht, Experiment heißt . ... Die wahre Methode der Erfahrung zündet zunächst das Licht an (die Hypothese) und zeigt dann mit Hilfe des Lichtes den Weg (indem sie das Experiment anordnet und es abgrenzt); sie geht von wohl geordneter und verdauter, nicht von stümperhafter und verworrener Erfahrung aus, leitet aus ihr Axiome ab und geht von den anerkannten Axiomen zu neuen Experimenten weiter."(14).

Voltaire nannte Bacon "le père de la philosophie expérimentale"(15). Noch nie hat jemand mehr Leben in die Logik hineingelegt als Bacon, indem er aus der Induktion ein märchenhaftes Abenteuer und eine Eroberung machte. Unzufrieden mit der allgemeinen Lage der Wissenschaften, die nach seiner Auffassung bislang nur zufällig - sine fundamento - gewonnene Einzelerkenntnisse akkumuliert hätten, wollte er den Nachweis führen, daß die ganze Fülle menschlichen Wissens mit Hilfe eienr einheitlichen Methode ausgeweitet und geordnet werden könne. Er träumte von Wissenschaftlern, die sich in ständiger Gemeinschaft und Zusammenarbeit nebeneinander spezialisieren und durch eine große Organisation zu gemeinsamem Forschungsziel zusammengehalten werden.

"Man überlege sich, was von Männern, die viel Zeit haben, und von den gemeinschaftlichen Arbeiten solcher Männer durch viele Generationen zu erwarten wäre, besonders da es sich nicht um einen Weg handelt, den gleichzeitig nur einer betreten kann (wie das beim Denken der Fall ist), sondern um einen Weg, auf dem Arbeit und Fleiß von Männern (insbesondere was das Sammeln von Erfahrungen betrifft) mit bestem Erfolg gesammelt und verteilt und dann verknüpft werden können. Denn erst dann wird die Menschheit die Größe ihrer Macht erkennen, wenn statt vieler Menschen, die dasselbe tun, der eine sich dieser, der andere sich jener Aufgabe annimmt."(16). Die Wissenschaft, die die Organisation der Erkenntnis ist, muß selbst organisiert werden. So wurde Bacon der erste Organisator einer wissenschaftlichen Enzyklopädie, eines "Globus intellektualis."(17).

"Es ist nicht möglich", schrieb er, "ein Rennen fehlerfrei zu vollenden, wenn das Ziel selbst nicht richtig aufgestellt ist."(18).

Diese programmatische Feststellung bezog Bacon auch auf die Medizin, der er eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmete. Er beanstandete an ihr, sie stecke noch zu sehr in ihren Anfängen. Ihre Aufgaben: Gesunderhaltung, Krankenheilung und Lebensverlängerung (Makrobiotik) habe sie, besonders die letzte, bisher kaum beachtet.

"Unsere Ärzte", so Bacon, "sind wie Bischöfe, die wohl Schlüssel zur Bindung und Lösung besitzen, aber auch nicht mehr."(19). Sie verließen sich zu sehr auf ihre zufällige, unsystematische persönliche Erfahrung; sie sollten umfassendere Experimente unternehmen, nach dem Vorbilde des Hippokrates klinische Tatsachen sammeln, sorgfältigste Krankengeschichten unter genauer Beobachtung aller Begleitumstände anlegen, die anatomische Forschung durch die vergleichende erhellen und durch das Tierexperiment vivisektorisch fördern. Sie sollten die Einseitigkeit der Humoralpathologie meiden, die Unheilbarkeit vieler Leiden aus Bequemlichkeit nicht voreilig verkünden. Vor allem müsse ein wohlüberlegter Heilplan den Arzt in der Praxis leiten. Alle Arzneimittel seien methodisch zu prüfen, spezifische Heilstoffe zu suchen und eine kausale Therapie anzustreben. Den Wert der Chemie für alle diese Zwecke hat er schon damals vorausgeahnt. Zu den humanitären Aufgaben des Arztes zählte er neben der Schmerzlinderung auch die Erleichterung des Sterbens.

Zu einer Zeit, als man die aus Amerika eingeschleppte Lues mit ihren verheerenden Folgen prüde zu verheimlichen und zu tabuisieren begann, forderte Bacon Offenheit und freie Bahn für die Forschung: "Was die geringfügigen und häßlichen Dinge betrifft, von denen man, wie Plinius sagt, nicht reden darf, ohne um Erlaubnis zu bitten, so müssen sie ebenso gut erkannt werden als die herrlichsten und kostbarsten. Die Wissenschaft ist nicht zu beflecken, auch die Sonne beleuchtet auf gleiche Weise Paläste und Kloaken und wird dadurch nicht unrein." (20).

Schon Bacon verglich die Medizin mit der Staatskunst, wie mehr als 200 Jahre später (1848) der junge Virchow, als er erklärte, "Politik ist weiter nichts als Medizin im großen"(21).

Bei Bacon lautet diese Stelle: "Es ist falsch, den Körper Kurpfuschern anzuvertrauen, die in der Regel nur einige Rezepte besitzen, auf die sie sich verlassen, die aber weder die Ursache der Krankheit, noch den Körperbau des Kranken, noch die Gefahr von Zufällen, noch auch die wahren Heilmethoden kennen. Und so muß es auch gefährlich sein, den Leib des Staates durch Staatsmänner, die Pfuscher sind, behandeln zu lassen, wenn sich zu ihnen nicht wenigstens andere gesellen, deren Wissen wohl gefestigt ist ... Obwohl der Mann, der sagte: ,Die Staaten wären glücklich, wenn entweder die Könige Philosophen oder die Philosophen Könige wären`, durch seinen Beruf befangen genannt werden kann, soviel hat sich in der Erfahrung doch bewahrheitet, daß sich die besten Zeiten unter weisen und gelehrten Herrschern abspielten." (22).

Bacons Überzeugung von der Macht des Wissens, die in jenem Zeitalter der einander Schlag auf Schlag folgenden Entdeckungen und Erfindungen auch einen nüchterneren Kopf hätte berauschen können, spiegelt sich auch in dem kurzen uns erhaltenen Bruchstück seiner Utopie "Nova Atlantis" wider (23). In dieser Schrift, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde, erklärt Bacon, wie er sich die Umsetzung der Theorie, die er in seiner "Instauratio magna" zu entwerfen versuchte, in die Praxis vorstellt. Die "Neue Atlantis", eine naturwissenschaftliche Utopie, entstand ohne Zweifel unter dem Einfluß der Utopie von Thomas Morus, aber beide haben fast nichts miteinander gemein. Während Thomas Morus vor allem durch soziale Maßnahmen eine Humanisierung der Gesellschaft zu erzielen hoffte, strebte Francis Bacon das gleiche Ziel durch Anwendung der Naturwissenschaft auf die Produktion an.

Der Titel bezieht sich auf die sagenhafte, im Ozean versunkene Insel Atlantis, von der schon Platon in einem seiner letzten Dialoge "Timaios" (Abschn. 25) erzählt. Bacons Rahmenerzählung berichtet von einem Schiff, das auf der Fahrt von Peru nach Japan auf die Insel Bensalem ("Neu-Atlantis") verschlagen wird (23a). Um seiner utopischen Einbildungskraft ausgiebigen Spielraum zu bieten, erfand er sich diese Insel im fernen Stillen Ozean, den damals nur Drake und Magalhaes durchkreuzt hatten.

Er schildert, wie auf abenteuerlichen Fahrten die Lebensmittel an Bord immer knapper werden und ein Teil der Mannschaft erkrankt. Da an einer Stelle ausdrücklich betont wird, daß die Krankheit nicht ansteckend sei, dürfte es sich um Skorbut handeln (24).

Diese Avitaminose, hervorgerufen durch Vitamin-C-Mangel infolge Fehlens von frischem Obst und Gemüse war ein Fluch der Segelschifffahrt. Nach Angaben des englischen Admirals Sir Richard Hawkins (1562-1622), eines Zeitgenossen Bacons, waren in den zehn Jahren seiner Befehlstätigkeit mindestens 10 000 Mann an Skorbut zugrunde gegangen. Ein tragisches Beispiel ist das Schicksal der Besatzung des englischen Schiffes "Gloucester", das im Jahre 1617 von 961 Mann 626 verlor.

Als die Seefahrer, von denen Bacon berichtet, schon zu Tode entmutigt waren, erblickten sie mit ungläubigen Augen in der Ferne eine Insel mit einer schön angelegten Stadt, die von der Seeseite einen prächtigen Anblick bot. Im Hafen angelangt, sahen sie am Strande schön gekleidete, saubere Menschen. Das Verhalten der ihnen entgegengefahrenen Kutterbesatzung läßt Rückschlüsse auf die Modalitäten der zeitgenössischen englischen Hafenbehörden zur Vermeidung von Seucheneinschleppung zu (25):

"Als wir ungefähr sechs Ruten von dem Kutter entfernt waren, befahlen sie uns zu halten und nicht näherzukommen." Einer vom Kutter der Neu-Atlantiker erklärte: "... da viele von euch sich schlecht befinden, wurden wir von dem Hüter der Gesundheit in dieser Stadt gemahnt, die Unterredung aus einiger Entfernung zu führen." Und dann erzählt der Berichterstatter weiter:

"Wir hofften jedoch, daß jene Krankheit, an der unsere Kranken litten, nicht ansteckend sei." Als dann endlich doch noch ein Neu Atlantiker ihr "Schiff bestieg, hielt er in seiner Hand eine Frucht des Landes, nicht unähnlich einer Orange, die den süßesten Geruch ausströmte. Diese trug er offenbar als Gegengift gegen Ansteckung mit sich."(26).

Um sich gegen das Einatmen eines Miasmas zu schützen, pflegte man bis ins 18. Jahrhundert einen mit Essig oder Duftstoffen getränkten Schwamm unter die Nase zu halten. Auch das während einer Pestepidemie Anfang des 18. Jahrhunderts als Prophylaktikum benutzte Kölnisch-Wasser wurde von den Brüdern Farina vorwiegend aus einer Lösung von Orangen- und Zitronenschalen in 85prozentigem Weinspiritus hergestellt.

Endlich durfte die Besatzung landen, doch man teilte ihr mit, daß die Regierung der Insel Fremdlingen den dauernden Aufenthalt versage. Da aber einige der Besatzung krank seien, dürften sie alle bleiben, bis diese ihre Gesundheit wiedererlangt hätten (27).

Vom städtehygienischen und schiffahrtsmedizinischen Standpunkt aus ist von besonderem Interesse die Beschreibung einer vorzüglich eingerichteten Quarantäne-Anstalt mit 40 Einbettzimmern, um beim Vorliegen von Infektionskrankheiten eine weitere Ausbreitung möglichst zu verhindern:

"Das Fremdenhaus ist ein schönes und geräumiges, aus Ziegelsteinen errichtetes Gebäude mit freundlichen Fenstern, einigen aus Glas, anderen aber aus feinem, in ÖI getränktem Leinenstoff.

Ein anderer Neu-Atlantiker führte uns zuerst in einen recht vornehmen, einige Stufen hoch gelegenen Speisesaal. Dann aber fragte er uns, wieviele wir an Zahl und wieviele von uns krank seien. Wir antworteten, die Gesamtzahl, sowohl der Gesunden als auch der Kranken, sei einundfünfzig Mann; von diesen seien siebzehn krank. Er bat uns, einen Augenblick zu warten, bis er zu uns zurückkehre. Das geschah ungefähr nach einer Stunde. Dann aber führte er uns zur Besichtigung der Schlafräume, die für uns bereitet waren, an Zahl neunzehn, das heißt also, wie es schien, so berechnet, daß vier von diesen Schlafräumen, die etwas besser eingerichtet waren als die übrigen, vier von unseren Führern aufnehmen sollten, damit diese dort jeder für sich schlafen konnten; die übrigen fünfzehn sollten für je zwei Mann bestimmt sein. Die Schlafräume waren geschmackvoll und freundlich, mit sauberem Bettzeug ausgestattet.

Dann endlich schritten wir in einen langen Säulengang, wie sie gewöhnlich an den Schlafräumen der Mönche sind. Dort zeigte er uns an der einen freien Seite - die gegenüberliegende Seite war nichts anderes als Wand und Fenster - siebzehn saubere Zellen. Dieser Säulengang mit seinen insgesamt vierzig Zellen - viel mehr also natürlich, als wir nötig hatten - war für die Kranken eingerichtet. Zugleich mahnte er uns, sobald einer der Kranken genesen sei, ihn aus der Zelle in den Schlafraum zu legen. Zu diesem Zweck waren noch zehn andere Schlafräume bereitet, außer jenen, von denen ich vorher sprach. - Darauf führte er uns in den Speisesaal zurück.

Wir bedankten uns bei ihm mit aller Herzlichkeit und boten ihm zwanzig Goldstücke an, aber er lächelte und sagte nur: ,Was? Wollt ihr, daß ich ein Doppelverdiener werde?` Dann ging er(28).

Für unsere Kranken wurde eine große Menge jener roten Orangen gebracht. Sie sagten nämlich, diese seien ein kräftiges und wirksames Heilmittel gegen die auf der Seefahrt zugezogene Krankheit. Dieser Hinweis ist um so erstaunlicher, zumal in der britischen Flotte erst seit 1804 allgemein Zitronen gegen Skorbut angewendet wurden. Die holländischen Ostindiensegler führten schon im 17. Jahrhundert große Vorräte an Orangen mit sich." (29).

Vom städtehygienischen und seuchenprophylaktischen Standpunkt aus ist noch von Interesse, daß die Häuser auf Neu-Atlantis aus roten Ziegelsteinen gebaut sein sollten und nicht wie damals in London aus holzreichen feuergefährlichen Fachwerkbauten, die mit ihren vielen verschachtelten Winkeln den Pestratten ideale Nistplätze boten (30).

Das dortige Staatswesen charakterisiert Bacon in Anlehnung an die zeitgenössische englische Gesellschaftsordnung als hierarchisch gegliederte Monarchie mit beigeordnetem Senat, einer besonders gearteten, christlich geprägten Religion und bemerkenswerter Sittenstrenge.

Das geistige Zentrum der Insel ist das "Haus Salomons" (oder das "Kollegium der Werke der sechs Tage"), eine straff organisierte Forschungsgemeinschaft (31).

"Der Zweck unserer Gründung", erläutert einer ihrer Vertreter, "ist die Erkenntnis der Ursachen und Bewegungen sowie der verborgenen Kräfte in der Natur und die Erweiterung der menschlichen Herrschaft bis an die Grenzen des überhaupt Möglichen." (32).

In diesem ungewöhnlichen Land gibt es zwar Außenhandel, aber von einer ungewöhnlichen Art, denn die Insel produziert, was sie verbraucht, und verbraucht, was sie produziert; sie unternimmt keine Kriege, um neue Märkte zu erobern.

"Wir treiben keinen Handel mit Gold, Silber, Edelsteinen, Seiden, Gewürzen oder anderen Waren, sondern nur um Gottes erster Schöpfung: des Lichtes willen. Wir wollen das Licht des Fortschritts aus allen Teilen der Welt beziehen."(33).

Diese "Kaufleute des Lichts" ("mercatores lucis") sind Mitglieder von Salomons Haus, die man alle zwölf Jahre in geheimer Mission entsendet, damit sie sich unter den fremden Völkern aller zivilisierten Erdteile aufhalten, dere Sprachen erlernen, deren Wissenschaften, Industrie und Literatur erforschen und nach zwölf Jahren wiederkehren, um den Leitern von Salomons Haus über ihre Erfahrungen Bericht zu erstatten, während ihre Plätze im Ausland von einer neuen Gruppe wissenschaftlicher Forscher eingenommen werden. Auf diese Weise kommt das Beste aus der ganzen Welt bald nach Neu-Atlantis (34).

Während sich die "Kaufleute des Lichtes" über neue Entdeckungen der übrigen Welt informieren, führen daheim wieder andere Gelehrte diverse Experimente auf dem Gebiet der angewandten Wissenschaften durch, die von einem beigeordneten Gremium in Lehrsätzen und Tabellen systematisch festgehalten werden, während ein weiteres Dreierkollegium die einzelnen Maßnahmen und Experimente überwacht, die den Gang der Versuche bestimmenden Wirkursachen ermittelt und die Ergebnisse auf die praktische Nutzanwendung hin überprüft.

Dem Stufengang der Baconschen Induktion genau entsprechend, nimmt eine andere Gruppe diese Ergebnisse zum Ausgangspunkt, "tiefer in das Wesen der Natur eindringende Versuche von höherer Bedeutung anzuregen und zu leiten", deren Resultate schließlich von den qualifiziertesten Forschern in der Feststellung der einzelnen Axiome zusammengefaßt werden (35).

Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, daß den Schöpfer der Experimentalphilosophie ein wißbegieriger Versuch das Leben gekostet hat. Ende März 1626 überlegte sich Bacon während einer Fahrt von London nach Highgate, ob man nicht Fleisch durch Bedeckung mit Schnee gegen Fäulnis schützen könnte. Er ließ vor einer Hütte halten, kaufte ein Huhn, ließ es schlachten und stopfte es mit Schnee aus. Während dieser Arbeit erkältete er sich und bekam Fieber. Am Ostermorgen, dem 9. April 1626, starb er an einer Pneumonie.

Bacons "Nova Atlantis" stellt den großartigen Versuch dar, die Menschen nicht durch Willen und Macht, sondern durch Wissen und Vernunft zu einer glücklichen Gemeinschaft zusammenzuführen. In diesem Südseeparadies entwirft Bacon ein Zukunftsbild wissenschaftlicher Forschung und Entdeckungen, wie sie erst in jüngster Zeit realisiert wurden:

a)
Man hat dort unterirdische physikalische und chemische Laboratorien, die auch zu Heilzwecken dienen.

b)
Man stellt Porzellane und künstlichen Dünger her.

c)
Man hat Türme von einer halben Meile Höhe mit meteorologischen Observatorien,

d)
Fisch- und Vogelzüchtereien, Filtrationswerkezur Herstellung von Trinkwasser und Meereswasser, Maschinen und Triebwerke, die durch Wasser oder Wind bewegt werden.

e)
Man erzeugt künstlichen Regen und Schnee. f) Man hat Sanatorien mit Klimaanlagen,

g)
Heilbäder,

h)
Pflanzenkulturen, in denen Bäume und Gewächse aller Art veredelt werden. Man züchtet neue Obstarten.

i)
Man besitzt Tierzüchtereien für Tierversuche, anatomische und chirurgische Studien, Einübung kühner Operationen, wie Organtransplantationen mit Hilfe animaler Vivisektionen, Herstellung von Antitoxinen, Erzeugung neuer Arten durch verschiedene Kreuzungen.

j)
Man stellt konzentrierte Nahrungsmittel ä la Astronautenkost her.

k)
Es gibt großartige pharmazeutische Laboratorien und Apotheken,

l)
Ofen mit furchtbaren Hitzegraden, Instrumente, die durch Bewegung Wärme erzeugen oder Licht, das wie Röntgenstrahlen feste Körper durchdringt,

m)
Optische Laboratorien, in denen Strahlenvervielfältigungen zustande gebracht werden, die dem Licht eine unerhörte Kraft geben,

n)
Teleskope,

o)
Mikroskope,

p)
Rundfunk,

q)
Flugzeuge,

r)
U-Boote,

s)
Kino und Fernsehen.

Ich habe diese knappe Aufzählung mit dem anschließenden Urtext über Forschungsstätten und Errungenschaften der Bewohner von Neu-Atlantis alphabetisch gekennzeichnet, um einen Vergleich mit dem Original zu erleichtern. Hier auszugsweise einige Passagen aus dem Bericht:

a)
"Wir haben große unterirdische Höhlen von verschiedener Tiefe... Diese Gruben nennen wir die Region der Tiefe. Wir brauchen sie zu allen Vorgängen des Gerinnens, Vorhärtens, Abkühlens und Konservierens von Körpern. Wir bedienen uns ihrer auch, um natürliche Minerale nachzubilden, sowie zur Erzeugung neuer künstlicher Metalle aus Stoffen und Steinen, die wir dort herrichten ... Wir brauchen sie auch manchmal - so seltsam es klingt -zur Heilung gewisser Krankheiten, sowie zur Verlängerung des Lebens..."

b)
"In solchen Höhlen bereiten wir viele Erdarten zu, wie die Chinesen ihr Porzellan. Wir aber besitzen dies in größerer Verschiedenartigkeit und einiges davon ist feiner als das chinesische Porzellan. Wir verfügen ferner auch über eine große Mannigfaltigkeit an Dünger, ferner an weiteren Massen und Mitteln, die die Erde fett und fruchtbar machen ..."

c)
"Wir haben sehr hohe Türme, deren höchste sich bis zu einer Höhe von einer halben Meile in senkrechter Linie erheben... Die Türme benutzen wir, je nach ihrer verschiedenen Höhe und Lage, zu Bestrahlungen, Abkühlungen, Konservationen und zu Beobachtungen der verschiedenen Wettererscheinungen, wie der Winde, Regenund Schneefälle, Hagelschläge und einiger Feuererscheinungen ..."

d)
"Wir haben große Seen, sowohl salzige als auch süße. Wir benutzen sie, um Fische, ferner Wasser- und Sumpfvögel jeder Art in ausreichender Menge zu züchten ... In einigen der Teiche, die wir angelegt haben, wird süßes Wasser aus salzigem gefiltert ... Wir haben auch reißende Strudel und Katarakte zur Erzeugung mannigfacher heftiger Bewegungen; zu ähnlichen Zwecken haben wir mehrere Maschinen, die die Winde auffangen, vervielfältigen und verstärken..."

e)
"Wir haben auch weite und geräumige Gebäude, in denen wir Nachahmungen und Vorführungen der Wettererscheinungen anstellen, so etwa Schneefälle, Hagel, Regen, Donner, Blitz, Wetterleuchten..."

f)
"Wir haben ferner einige Räume, die wir Gemächer der Gesundheit nennen, wo wir die Luft nach Belieben durchsetzen und erwärmen, je nachdem wie es für die Heilung der einzelnen Krankheiten oder für die Erhaltung der Gesundheit förderlich oder geeignet ist."

g)
"Wir haben auch geräumige Bäder aus verschiedenen Mischungen zur Heilung aller Krankheiten..., andere wieder zur Kräftigung und Stärkung der Nerven, der lebenswichtigen Organe..."

h)
"Wir haben auch Baumschulen und verschiedenartige große Gärten... In diesen Gärten machen wir auch Versuche mit Pfropfungen und Inokulationen sowohl von Wald- als auch von Obstbäumen, die volle und große Erträge bringen... Wir bringen auch größere Bäume und Pflanzen hervor, als natürlich ist, größere und süßere Früchte, von ihrer gewöhnlichen Art unterschieden an Geschmack, Geruch und Farbe. Und viele davon bereiten wir so zu, daß sie zu medizinischen Zwecken geeignet sind..."

i)
"Wir haben auch Käfige und Gehege für Säugetiere und Vögel aller Art. Diese halten wir nicht so sehr ihrer Sonderlichkeit und Seltenheit wegen als zu Sektionen und anatomischen Versuchen, um dadurch soweit wie möglich auch Einblick in den menschlichen Körper zu gewinnen. Dabei haben wir viele wunderbare Entdeckungen gemacht, so etwa über die Fortdauer des Lebens, nachdem einige Teile, die ihr für lebenswichtig haltet, abgestorben sind oder entfernt wurden, über die Wiederbelebung einiger, die scheintot waren und ähnliches. Wir machen an diesen Tieren Versuche mit allen Giften, Gegengiften und anderen Heilmitteln, sowohl auf medizinische als auch auf chirurgische Weise, um den menschlichen Körper besser schützen zu können... Wir sorgen ferner für Kreuzungen und Verbindungen von Tieren verschiedener Arten, die neue Arten hervorbringen, die trotzdem nicht unfruchtbar sind, wie die allgemeine Ansicht ist..."

j)
"Wir haben bestimmte Sorten von Speise, Brot und Trank, die nach ihrem Genuß das Fasten länger erträglich sein lassen als gewöhnlich..."

k)
"Wir haben auch Laboratorien zur Herstellung von Heilmitteln... Was aber die Zubereitung der Heilmittel betrifft, so haben wir nicht nur ausgezeichnete Destillationsund Scheideverfahren, vor allem mittels langsamer Erhitzung und Filtrierung durch verschiedene Leinen- und Wolltücher, Holz und sogar noch festere Stoffe, sondern noch viel großartigere Zusammensetzungsmethoden, durch die wir eine so enge Verbindung der Bestandteile zuwege bringen, daß sie fast wie natürliche Elemente erscheinen..."

l)
"Wir haben auch Öfen verschiedener Art, die verschiedene Grade von Hitze erzeugen und halten... Vor allem aber erzeugen wir Wärme zur Nachahmung der Sonnenstrahlung; diese durchdringt vielfältige Stoffe unter mannigfachen Veränderungen gleichwie Wellen, Kreisen und periodischen Stößen; dadurch bringen wir die wunderbarsten Erscheinungen hervor... Ferner haben wir Werkzeuge, die die Wärme durch bloße Bewegung erzeugen, außerdem zur Sonnenbestrahlung geeignete Plätze und wiederum unterirdische Stätten, die entweder auf natürliche Weise oder künstlich Wärme hervorbringen..."

m)
"Wir haben auch optische Werkstätten, wo wir Versuche mit sämtlichen Strahlen und Lichtarten sowie mit allen Farben anstellen... Ferner erzeugen wir jede Art von gefärbtem und buntem Licht, sowie alle optischen Täuschungen und Trugbilder in Gestalt, Größe, Bewegung und Farbe, alle Erscheinungen von Schatten und von in der Luft schwebenden Spiegelungen."

n)
"Wir haben auch verschiedene, bei euch unbekannte Mittel entdeckt, um aus verschiedenen Stoffen arteigenes Licht hervorzubringen. Weiterhin haben wir Instrumente erfunden, durch die sehr entfernte Gegenstände ganz nahe vor die Augen rücken, wie etwa solche am Himmel und in anderen entfernten Gegenden. Ja, auch die nahen Dinge zeigen wir gleichsam aus der Ferne und die in der Ferne gleichsam nahe, indem wir die scheinbaren Entfernungen beliebig verändern. Außerdem haben wir Hilfsmittel für die Augen, die an Wirkung eure Brillen und Spiegel weit übertreffen. Wir haben auch kunstvolle Sehrohre, durch die wir kleine und kleinste Körperchen vollkommen und genau erblicken, wie etwa die Glieder und Farben der kleinen Mücken und Würmer, die Kerne und Kristalle der Edelsteine, die anders nicht sichtbar sind, die Bestandteile des Blutes und des Harns, die sonst nicht zu erkennen sind usw ......

p)
"Wir haben auch akustische Werkstätten, wo wir alle Töne und Erzeugungsarten untersuchen und erforschen... Wir haben ferner Hilfsmittel für das Gehör, die, an die Ohren gebracht, den Sinn selbst sowie die lautliche Übertragung unterstützen. Wir haben auch viele wunderbare und kunstvolle Schallreflektoren, die ihr Echo nennt und die die Stimme nicht nur vielfältig zurückwerfen, sondern sie einerseits auch verstärken, andererseits aber schwächen, ferner einige, die den artikulierten Laut anders, als er ursprünglich ist, wiedergeben. Wir haben schließlich Mittel, Töne durch Rohre und andere Hohlräume, sogar auf gewundenen Wegen zu übertragen..."

q)
"Wir ahmen dort auch den Vogelflug nach und haben Vorkehrungen, um gleich geflügelten Tieren durch die Luft fliegen zu können."

r)
"Wir haben Schiffe und Boote, die unter dem Wasser fahren..."

s)
"Wir haben ferner ein Haus der Blendwerke, wo wir alle möglichen Gaukeleien, Trugbilder, Vorspiegelungen und Sinnestäuschungen hervorrufen. Man wird leicht begreifen, daß wir, die wir so viel Naturerzeugnisse besitzen, die Verwunderung hervorrufen, auch den Sinnen der Menschen unendlich viel vortäuschen könnten. Daher haben wir allen Brüdern unseres Hauses unter Geld- und Ehrenstrafen untersagt, etwas Natürliches durch künstliche Zurüstung wunderbarzu machen; rein und von jedem Schein und jeder falschen Wunderhaftigkeit unberührt, sollen vielmehr die Naturerscheinungen vorgeführt werden. Und dies, mein Sohn, ist der Reichtum des Hauses Salomons." (36).

Aus den letzten Sätzen geht eindeutig hervor, daß Bacon auch schon die Gefahr eines Mißbrauches von technischen Errungenschaften vorausgesehen und befürchtet hat.

Alle diese Prophezeiungen des großen Optimisten aus dem 17. Jahrhundert haben gewiß das ungläubige Kopfschütteln der Zeitgenossen erregt, da ja damals von einem Triumph der Naturwissenschaften, voneiner Naturbeherrschung noch nicht die Rede sein konnte und man das ganze Mittelalter hindurch geradezu eine abergläubische Furcht vor den geheimnisvollen Mächten der Natur gehegt hatte. Uns dagegen erfüllen diese weitschauenden Voraussagen, die zum großen Teil erst in jüngster Zeit realisiert wurden, mit einer gewissen Ehrfurcht.

Wie kaum eine andere Schrift Bacons zeigt die "Nova Atlantis", daß wissenschaftliche Forschung für ihn in erster Linie humanitäre Ziele hatte; sie bekundet den Glauben des Autors an den auf systematisch erarbeiteter Erfahrung basierenden Fortschritt und seine Überzeugung, daß die unzähligen Probleme nicht von einem einzelnen gelöst werden können. Er entwirft hier ein Muster wissenschaftlicher Zusammenarbeit, das erst heute - als teamwork - verwirklicht wird, und gibt Anregungen, die bei der Gründung wissenschaftlicher Akademien fruchtbar wurden (37).

Leider hat Bacons "zukunftsträchtiger Optimismus" nur in bezug auf die Technik Recht behalten, denn die ethische Entwicklung vollzog sich nicht parallel mit dem technischen Fortschritt. Die Technik ist an und für sich weder gut noch böse; in welchem Sinne sie benutzt wird, hängt ganz und gar von den Menschen ab. Eine Alternative, die einen frösteln läßt, wenn man an Einsteins Worte denkt: "Die freigelassene Kraft des Atoms hat alles geändert, mit Ausnahme der bösartigen Natur des Menschen."(38).


Anmerkungen

(1)
"Der Ruhm des Vaters", schrieb Macanly, "wurde durch den des Sohnes in den Schatten gestellt." (Essays. New York 1860, Bd. 111, S. 342)

(2)
Jakob, der an Hexen glaubte, erließ ein Jahr nach seiner Thronbesteigung (1604) ein strenges Edikt gegen die Teufelinnen, dem so manches alte Weib in England und Schottland zum Opfer fiel. Nur dem jungen Monarchen zuliebe fügte Shakespeare in Macbeth die Hexenszene ein. (Max J. Wolff, Shakespeare. München 1918, Bd. Il., S. 227) - Der französische Minister Sully nannte Jakob 1. "den weisesten Narren in Europa". (Kuno Fischer, Francis Bacon und seine Schule. Vierte Auflage. Heidelberg 1923. S. 55)

(3)
Schiller, An die Freunde

(4)
Kuno Fischer (s. Anm. 2) wies erstmals darauf hin, daß die Anklage gegen Bacon "ein politischer Tendenzprozeß" war (S. 79). Und an einer anderen Stelle seiner Monographie schreibt er: "Im Hintergrund des Prozesses lag ein Intrigengewebe, das aus Rache, Günstlingswirtschaft und Nepotismus gesponnen war." (S. 77)

(5)
Fischer (wie Anm. 2) S. 79-80

(6)
Bertrand Russell, Philosophie des Abendlandes. Darmstadt 1951, S. 450

(7)
Da in der Vergangenheit vielfach angezweifelt wurde, daß ein Schauspieler, wie Shakespeare, ein philosophisch so tiefsinniges Stück wie Hamlet ohne Hochschulbildung hätte schreiben können, vermuteten manche "Gelehrte", der eigentliche Autor sei Sir Francis Bacon. Um diesem unsinnigen Streit ein Ende zu bereiten, schrieb der gefürchtete Berliner Kritiker Alfred Kerr nach einer miserablen Hamlet-Aufführung seine wohl kürzeste Rezension: "Man öffne die Gräber von Shakespeare und Francis Bacon. Wer von ihnen beiden sich im Grabe umgedreht hat, der ist zweifellos der Autor."

(8)
Den Plan einer völligen Umgestaltung der Wissenschaften hatte Bacon schon während seiner Studienzeit in Cambridge gefaßt

(9)
Francis Bacon ,Instauratio magna". In: "Opera omnia quae extant." Frankfurt 1665, p. 1-484.- Bacons "Instauratio magna" steht bis heute auf dem "Index librorum prohibitorum" der katholischen Kirche

(10)
Zu einem dritten, die Naturerklärung betreffenden Teil lagen nur die nach Bacons Tode von seinem Sekretär unter dem Titel "Sylva Sylvarum sive Historia naturalis" veröffentlichten Materialien vor

(11)
Fr. Bacon, The Advancement of Learning ("Fortschritte der Gelehrsamkeit") "De augmentis scientiarum" libros IX. Hg. W. Rawley, London 1623 1I., 1. Bacon zitiert hier Virgils Worte (Georgica 3, 490-492): Felix qui potuit rerum cognoscere causas, Quique metus omnes, et inexorabile fatum, Subjecit pedibus, strepitumque Acherontis averi.- ("Glücklich, wer zu erkennen vermocht' die Gründe der Dinge,/ Fuß auf jede Angst und das unerbittliche Schicksal gesetzt hat/ und auf das lärmende Streben der höllischen Habgier.")

(12)
Der erste Teil des "Novum Organum" enthält daher die Lehre von den Idolen

(13)
"Novum organum, sive Indicia vera de interpretatione naturae" ("Neue Methode oder Wahre Angaben zur Erklärung der Natur") enthalten in "Instauratio magna" "Die große Erneuerung" (der Wissenschaften) London 16201. 84.- Mit dem Zeitalter der Wissenschaften, der technischen Errungenschaften und Entdeckungen beginnt die "Entmythologisierung" christlicher Vorstellungen. Das klingt schon in den spiegelschriftlichen Notizen Leonardo da Vincis an. So vermerkt er z.B. zu einer Zeit, da das geozentrische System des Ptolemäus noch für unantastbar galt, mitseiner Geheimschrift: "die Erde ist ein Stern" (Cod. Atl. fol. 112) oder "sie ist dem Monde ähnlich" (Ms. F. fol. 94) oder "sie befindet sich weder im Zentrum des Sonnenkreises noch des Weltalls" (Ms. F. tot. 52). Und dabei erklärt er messerscharf: "Jeder, der ein Streitgespräch führt, in dem er sich auf eine Autorität beruft, benutzt nicht seinen Intellekt; er benutzt nur sein Gedächtnis."

(14)
Novum Organum (wie Anm. 13)1,82. -Schon Leonardo da Vinci (1452-1519) hatte im "Trattato della Pittura" erklärt: "Mir scheint, es sei all' das Wissen eitel und voller Irrtümer, das nicht von der Sinneserfahrung, der Mutter aller Gewißheit, zur Welt gebracht wird." - Leonardo schätzte vor allem die Mathematik, der er eine entscheidende Stellung innerhalb der Naturforschung einräumte. Sie sei die entscheidende Verknüpfung zwischen dem forschenden Geist des Menschen und den quantitativ bestimmbaren Gesetzen der Natur. Auf der methodischen Grundlage des Experiments ließen sich diese Gesetze erkennen und veranschaulichen. Die Methode, nach der man vorgehen soll, beschrieb er wie folgt: "Erst werde ich einige Versuche machen, ehe ich weiter vorgehe, weil es meine Absicht ist, zuerst das Experiment vorzubringen und dann mit der Ursache zu zeigen, weshalb selbiges Experiment gezwungen ist, in solcher Weise zu wirken. Und dieses ist die wahre Regel, wie die Erforscher der Wirkungen der Natur vorgehen müssen, und wenngleich die Natur mit der Ursache beginnt und mit dem Experiment endet: wir müssen den entgegengesetzten Weg verfolgen, d.h. beginnen, wie ich eben sagte, mit dem Experiment und mit diesem die Ursache untersuchen." (Ms. "E". Bibl. Inst. de France)

(15)
Fischer (wie Anm. 2) S. 539

(16)
Novum Organum (wie Anm. 13) I, 113. - Im zweiten Buch dieses Werkes behandelt Bacon ausführlich die Methode der Induktion

(17)
Bacon war erfüllt vom Glauben an die Macht des menschlichen Verstandes: "Es ist leichter, die abenteuerlichsten Fabeln des Koran, des Talmud und der Legende für wahr zu halten, als zu glauben, daß die Welt ohne Verstand gemacht sei... Wer das Dasein Gottes leugnet, zerstört den Adel der Menschheit." (Fr. Bacon, Sermones fideles, XVI, De athcismo Op. p. 1165).- Verstand, Gott, Adel der Menschheit waren für ihn identisch. Das wurde, in vielen Modifikationen, der Gottes-Beweis der ersten nach-scholastischen Aufklärung

(18)
The Advancement (wie Anm. 11) 1. 81

(19)
The Advancement (wie Anm. 11) IV, 2

(20)
Novum Organum (wie Anm. 13) I, 120

(21)
"Medizinische Reform" Berlin 1848.- St. Winkle, Virchow und die Medizinalreform von 1848, Jena. ,Urania" Jg. 11 (1948) S. 84 ff

(22)
The Advancement (wie Anm. 11) 1

(23)
Es ist derselbe Rausch, der mehr als 100 Jahre vorher Ulrich von Hutten (1488-1523) erfaßt hatte, als er über die Wiedergeburt der Wissenschaften und Künste in seine Zeit hineinjauchzte: "O Jahrhundert! O Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben. Es blühen die Studien, die Geister regen sich: Du, nimm den Strick, Barbarei, und mache dich auf Verbannungen gefaßt!" - Auch der französische Renaissancearzt Jean Ferne] (1485-1558) jubelte: "Die Weltumseglung, die Entdekkung des größten Kontinents der Erde, die Erfindung des Kompasses, die Verbreitung des Wissens durch die Druckpresse, die Revolutionierung der Kriegskunst durch das Schießpulver, die Rettung antiker Handelsschriften, die Wiederbelebung der gelehrten Forschung, all das legt Zeugnis ab vom Triumph unseres Neuen Zeitalters!" (J. Fernelius, De abditis rerum causis. Paris 1548)

(23a)
Rein äußerlich stellt die Neu-Atlantis einen romanhaften Reisebericht dar, wie sie im 17. Jahrhundert besonders beliebt und verbreitet waren und in Defoes "Robinson" sowie in Swifts "Gulliver" ihre Krönung fanden. Der Bericht beginnt wie bei den späteren Romanen: "Wir segelten von Peru (wo wir ein ganzes Jahr verbracht hatten) nach China und Japan über die Südsee." (Nova Atlantis I., 1)

(24)
Skorbut (aus Scheur-bek = rissiger wunder Mund), eine der ältesten bekannten Avitaminosen. Der portugiesische Entdecker Vasco da Gama verlor z.B. 1498 von seinen Leuten 55 daran. Auch die spanische Armada hatte 1588 unter dem Skorbut sehr zu leiden. Ein holländischer Segler fuhr vom 26.April bis zum 8.November 1696 vom Heimathafen bis Batavia; von 159 Mann erkrankten 143 an Skorbut

(25)
Als England nach der Entdeckung Amerikas mit der Verschiebung des Welthandels aus dem Mittelmeerraum auf den Atlantik ein die ganze Welt umspannendes Imperium aufzubauen begann, war es durch seine insulare Lage in einer epidemiologisch äußerst günstigen Situation, was die rechtzeitige Erkennung von Infektionskrankheiten und die Vermeidung von Seucheneinschleppung anbelangt. Diese Situation hatte auch Bacons Zeitgenosse Shakespeare erkannt, der sie in seinem Königsdrama "Richard II." überschwenglich rühmt: "Dies zweite Eden, andere Paradies, dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut, der pestentflammten Hand des Kriegs zu trotzen, dies Volk des Segens, diese kleine Welt, dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt, die ihre Dienste ihm als Mauer leistet, als Festungsgraben, der das Haus beschützt!" (II. Aufzug, a. Szene)

(26)
Nova Atlantis I, 3

(27)
Nova Atlantis I, 3. - Als sie einem Neu-Atlantiker, der ihnen diese angenehme Mitteilung machte, "einige Goldstücke" anboten, sagte er lächelnd: Einen doppelten Lohn für seine Mühe dürfe er nicht annehmen. Der Sinn dieser Worte war meines Erachtens der, daß er für seine Dienstleistung ein staatliches Honorar erhalte. Denn wie ich später erfuhr, nennen sie einen Beamten, der Entlohnungen annimmt, einen Doppelverdiener. (I, 3)

(28)
Die unzweideutige Ironie, mit der Bacon zum zweiten Mal die "Doppelverdiener" ("frommes bini salarii") bedenkt, ist zweifellos eine Anspielung an die gegen ihn erhobene Beschuldigung

(29)
M.A. von Andel, Der Skorbut als niederländische Volkskrankheit. Archiv für Geschichte der Medizin. 1927 Bd. 19 S. 82-91. - Im Jahre 1711 erklärte prophetisch der holländische Arzt Abraham Bogaert: "Ich wünschte, daß meine Kollegen, die so weitschweifig über die Behandlung dieser Krankheit zu diskutieren verstehen, erkennen möchten, daß das Gras auf dem Felde, so unauffällig es auch ist, eine größere Macht besitzt, diese Krankheit zu heilen, als all ihre eingebildete Weisheit und unübertrefflichen Wundermittel." ("Historische reisen door d'oostersche deelen von Asia." Amsterdam 1711, S. 92 ff.). Nova Atlantis. 1,5. -Während der Wochen ihrer Erholung enträtselten sie allmählich das Geheimnis von Neu-Atlantis. "Vor ungefähr neunzehnhundert Jahren herrschte auf dieser Insel", so erzählte ein Eingeborener, "ein König, dessen Andenken wir über alles ehren... Sein Name war Salomona, und wir gedenken seiner als des Gesetzgebers unseres Volkes. Dieser König ... strebte nur danach, sein Königreich und sein Volk glücklich zu machen." (Nova Atlantis II,6). "Unter den hervorragenden Taten dieses Königs zeichnete sich eine besonders aus. Dies war die Schöpfung und Begründung eines Ordens oder einer Gesellschaft, die ,Salomons Haus` genannt wird; wir halten diese für die edelste Gründung der Welt und für die Leuchte dieses Königreiches." (Nova Atlantis 11,7)

(30)
Beim Neuaufbau Londons nach dem großen Brand von 1666 wurden die feuergefährdeten Fachwerkhäuser durch Steinbauten ersetzt. Bertrand Russell hat die irrationalen Interpretationsversuche für das Erlöschen der Pest in London nach diesem Datum mit seinem köstlichen Humor ad absurdum geführt: "Nach der Pest und dem großen Brand Londons (1666) setzte man einen Parlamentsausschuß ein, der die Ursachen dieser Katastrophen untersuchte. Man schrieb sie reichlich allgemein dem Zorn Gottes zu... Der Ausschuß verkündete, was Gott dem Herrn so höchlich mißfiele, seien die Bücher von Thomas Hobbes. Daraufhin wurde die Veröffentlichung seiner Werke in England gesetzlich unterbunden. Das hat sich übrigens glänzend bewährt...: nie wieder ist die Pest oder ein großer Brand in London ausgebrochen." (B. Russel, Wissenschaft wandelt das Leben. München, S. 12 u. 13.)

(31)
Nova Atlantis 11,7. - Dieses "Haus Salomons" wird in eindrucksvoller Weise durch die doppelte Beziehung auf den legendären Begründer des Staatswesens "Salomona" und den biblischen König Salomon mit einem gleichzeitig religiösen und historischen Nimbus umgeben. Die Wahl dieses alttestamentarischen Namens durch Bacon war zugleich auch eine Captatio benevolentiae (eine Gunst heischende Formel) gegenüber Jakob I., der sich gerne mit Salomon vergleichen ließ

(32)
Nova Atlantis IV, 3

(33)
Nova Atlantis II, 7

(34)
Nova Atlantis IV, 3b

(35)
So kurz diese Schilderung auch ist, erkennen wir an ihr doch die Umrisse aller philosophischen Utopien: Ein Volk, das in Frieden und bescheidenem Wohlstand durch seine Weisesten geleitet wird. Der Traum aller Denker: den Politiker durch den Wissenschaftler zu ersetzen

(36)
Nova Atlantis IV, 3a. "Die Bewohner dieses glücklichen wissenschaftlichen Gemeinwesens verehren die Erfinder und Entdecker. Für jede große Erfindung oder Entdeckung wird ihrem Urheber ein Denkmal errichtet und eine erhebliche Belohnung gewährt." (Nova Atlantis IV, 3c)

(37)
Nicht ohne Zusammenhang mit Bacons Schrift erfolgte im Jahre 1659 die Gründung der Royal Society der Londoner Akademie der Wissenschaften, aus der seit 1645 wöchentliche Zusammenkünfte hervorgingen, die sich die Aufgabe des Studiums der "Neuen und Experimentellen Philosophie" gesetzt hatten. Fischer (wie Anm. 2) S. 548-549

(38)
Wilhelm Herzog, Einstein im Gespräch. Frankfurt a.M. 1959, S. 49


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