Stefan Winkle

Cholera
Robert Koch in Ägypten und Indien
Textauszug aus:
Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen
Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, Seiten 215ff



... Aus Indien kommend, war [die Cholera] bereits nach Ägypten gedrungen und bedrohte von dort aus auch Europa. Dieses Mal war man entschlossen, den Kampf gegen die Seuche bereits frühzeitig aufzunehmen: Pasteur, der sich seit zwei Jahren in das Studium der Tollwut vertieft hatte, schickte mit der französischen Cholerakommission seine beiden Lieblingsschüler Roux und Thuilher der Seuche entgegen, um deren Erreger schon in Ägypten »auszukundschaften«. Bald danach, am 16. August 1883, verließ die deutsche Kommission mit Robert Koch und seinem Mitarbeiter Gaftky Berlin und traf am 24. August in Alexandrien ein.

Die französische Kommission war bereits neun Tage vorher (am 15. August) eingetroffen und hatte im »Hospital Europien« mit ihren Untersuchungen begonnen. Da sie noch während der grassierenden Seuche angekommen waren, konnten sie 24 Choleraleichen sezieren und zahllose mikroskopische Untersuchungen von Cholerastühlen und Erbrochenem vornehmen. Allerdings stellten sie eine solche Fülle von unterschiedlichen Mikroorganismen fest, daß es ihnen unmöglich erschien, eine bestimmte Keimart als den Erreger zu identifizieren. Als sie in den Blutausstrichen Cholerakranker in der Regel »kleine Körperchen« fanden, bei denen es sich vermutlich um Blutplättchen handelte, hielten sie diese für Mikroorganismen und glaubten, den Erreger gefunden zu haben. Der Deutsch-Französische Krieg mit seinen Folgen hatte das Klima auch zwischen den Wissenschaftlern so vergiftet, daß es zwischen beiden Kommissionen zu keinem Kontakt, geschweige denn zu einem Gedankenaustausch kam.

Die Deutschen wurden im griechischen Hospital untergebracht und begannen bereits wenige Stunden nach ihrer Ankunft mit der Obduktion einer Choleraleiche und mit der mikroskopischen Prüfung der Exkremente von Cholerapatienten. Da aber die Epidemie schon im Abklingen war, konnten sie insgesamt nur zehn Leichen obduzieren, von denen die letzte nicht einmal ein Opfer der Cholera war. Am 17. September 1883 berichtete Robert Koch aus Alexandrien in einem Schreiben an Staatsminister von Böttiger:

»Obwohl die Zahl der secirten Leichen nur gering ist, so hat es doch der Zufall so geftigt, daß dieselben ein für Orientirungszwecke höchst werthvolles Material bieten... Im Blut sowie in den Organen, welche bei anderen Infektionskrankheiten gewöhnlich der Sitz der Mikroparasiten sind..., konnten keine organisirten Infektionsstoffe gefunden werden... Im Inhalte des Darmes kamen ebenso wie in den Dejektionen der Cholerakranken außerordentlich viele und den verschiedensten Arten angehörige Mikroorganismen vor. Keine derselben traten in überwiegender Menge hervor. Auch boten sich keine sonstigen Anzeichen, welche auf eine Beziehung zum Krankheitsprozeß hätte schließen lassen. Dagegen ergab der Darm selbst ein sehr wichtiges Resultat. Es fanden sich nämlich, mit Ausnahme eines Falles, welcher mehrere Wochen nach dem Überstehen der Cholera an einer Nachkrankheit tödlich geendet hatte, in allen übrigen eine bestimmte Art von Bakterien in den Wandungen des Darmes. Diese Bakterien sind stäbchenförmig und gehören also zu den Bacillen, sie kommen in Größe und Form den bei der Rotzkrankheit gefundenen am nächsten ... « 151
...
Da die Choleraepidemie in Ägypten praktisch erloschen war, bat Koch im damals üblichen Schnörkelstil der preußischen Bürokratie »S. Excellenz, den Herrn Staatsminister von Boettiger« um Erlaubnis, daß die Cholerakommission in Indien ihre Forschung fortsetzen dürfe:

»Die einzige Möglichkeit zur Fortsetzung der Untersuchung bietet sich zur Zeit in Indien ... Ew. Excellenz hochgeneigten Ermessen stelle ich demgemäß ganz gehorsamst anheim, ob unter den obwaltenden Verhältnissen die Fortsetzung der Untersuchungen statthaben soll und stelle mich, wenn Ew. Excellenz für die Ausdehnung der Expedition hochgeneigtest entschließen, zur Führung derselben auch ferner ganz gehorsamst zur Verfügung. Auch die beiden ärztlichen Mitglieder der Kommission, Herr Dr. Gaffky und Herr Dr. Fischer sind bereit, sich an einer derartigen weiteren Expedition zu beteiligen ... <,154

Aus Suez meldete Koch in seinem Bericht vom 10. November 1883, daß bei einer weiteren Choleraleiche die gleichen Bakterienbefunde erhoben werden konnten. Die Kommission hatte nach ihrer Abreise aus Alexandrien Kairo und Damiette besucht und vor allem auch die große Quarantänestation für Mekkapilger in Eltor besichtigt. Am 13. November reiste die Kommission von Suez nach Indien ab. Ursprünglich wollte sie in Bombay weitere Untersuchungen durchführen. Weil aber dort ebenso wie in Ägypten die Epidemie abzuklingen schien, entschloß man sich, Kalkutta als neues Arbeitsfeld zu wählen. Das Gangesdelta galt seit jeher als der eigentliche Urherd der Seuche. Nach einer kurzen Unterbrechung der Reise auf der Insel Ceylon, wo man ein Leprosorium besichtigte, kam die deutsche Cholerakommission am 11. Dezember in Kalkutta an, wo sie im Medical College Hospital untergebracht wurde. Da im Medical College Hospital die Anzahl der Cholerakranken recht gering war, wurden Koch für seine Untersuchungen noch von drei weiteren Krankenhäusern Choleraleichen zur Verfügung gestellt. Bereits am 7.Januar 1884 berichtete Koch nach Berlin, daß es ihm gelungen sei, denselben Keim, in dem er bereits in Ägypten den Choleraerreger vermutete, aus dem Darminhalt einwandfreier Cholerafälle in Reinkultur zu züchten. Ein weiterer Bericht vom 2. Februar 1884 enthält die klassische Beschreibung der Eigenschaften des Choleraerregers. Dies ermöglichte nun eine genaue Unterscheidung von anderen Darmbakterienarten.

»Die Bacillen sind nicht ganz gradlinig wie die übrigen Bacillen, sondern ein wenig gekrümmt, einem Komma ähnlich ... Sie besitzen außerdem Eigenbewegung, welche sehr lebhaft und am besten in einem am Deckglase suspendirten Tropfen Nährlösung zu beobachten ist.

Ganz besonders charakteristisch ist ihr Verhalten in Nährgelatine, in welcher sie farblose Kolonien bilden, welche anfangs geschlossen sind und so aussehen, als ob sie aus stark glänzenden Glasbrocken zusammengesetzt sind. Allmählich verflüssigen diese Kolonien die Gelatine und breiten sich dann bis zu einem mäßigen Umfange aus. In Gelatinekulturen sind sie daher durch dies eigenthümliche Aussehen mit großer Sicherheit mitten zwischen anderen Bakterienkolonien zu erkennen und können von diesen auch leicht isoliert werden ... «155

Abschließend verwies Koch auf die strenge Korrelation zwischen Krankheit und Erreger, der sich im Darm von Choleraopfern regelmäßig fast in Reinkultur fand.

»Die Cholerabakterien verhalten sich also genau wie alle anderen pathogenen Bakterien. Sie kommen ausschließlich in der ihnen zugehörigen Krankheit vor; ihr erstes Erscheinen fällt mit dem Beginn der Krankheit zusammen, sie nehmen an Zahl dem Ansteigen des Krankheitsprozesses entsprechend zu und verschwinden wieder mit dem Ablauf der Krankheit.«

Ein weiteres Postulat, der Tierversuch, der bereits in Ägypten mißlang, ist Koch auch in Indien nicht gelungen. Doch in seinem letzten Bericht aus Kalkutta vom 4. März 1884 schildert Koch

»ein durch Zufall herbeigeführtes Experiment am Menschen, welches den Mangel des Thierexperimentes in diesem Falle ersetzt und als weitere Bestätigung für die Richtigkeit der Annahme dienen kann, daß die spezifischen Cholerabacillen in der That die Krankheitsursache bilden...«. Ein solches »Quasiexperiment« war z. B. die Choleraerkrankung von Wäscherinnen, ein in Indien recht häufiges Phänomen, besonders in Epidemiezeiten. Denn in der verunreinigten Wäsche Cholerakranker findet man immer die »Kommabazillen in ungeheuren Mengen, gewöhnlich in Reinkultur«. Gelangen nun Cholerakeime mit den infizierten Händen oder mit einem infizierten Tropfen aus dem Waschwasser in den Mund der Wäscherin, so liegen hier die Verhältnisse so wie bei einem Experiment, in welchem ein Mensch mit geringen Mengen einer Reinkultur von Kommabazillen gefüttert würde. So waren Wäscherinnen unwissentlich zu Versuchspersonen geworden. Ein weiteres Experiment dieser Art war eine lokale Trinkwasserepidemie, die in der Umgebung eines »Tanks« ausgebrochen war. Unter »Tank« versteht man im Gangesdelta einen kleinen Teich, der den Anwohnern Trink- und Gebrauchswasser liefert, obwohl in sein Wasser auch sämtliche Abgänge hineinfließen. Zugleich badet man und wäscht seine Wäsche darin. Ausgangspunkt der erwähnten Kleinraumepidemie, bei der es 17 Choleratote gab, war die in dem Tank gewaschene Wäsche eines Cholerakranken.156 Die Kommission konnte in diesem Tank Cholerabakterien nachweisen und damit zum erstenmal nicht nur die Ursache einer
Trinkwasserepidemie klären, sondern auch die Bindung der Choleraausbreitung an Gewässer.

- In Anbetracht dieser Erkenntnis erschien die epidemiologische Bedeutung der Pilgerorte, wo Tausende und Abertausende von Gläubigen in einen Tempelteich steigen, in einem neuen Licht. Diese Ansammlungen von Menschenmassen unter hygienisch unzumutbaren Verhältnissen begünstigten - wie man nun wußte - die Ansteckung in jeder Weise. Kein Wunder, daß es hier oft mörderische Choleraausbrüche mit Bergen von Leichen gab.

Nachdem Robert Koch die Ätiologie und Epidemiologie der Cholera weitgehend geklärt hatte, beendete die Kommission Ende März ihre Arbeit, zumal es in dieser Jahreszeit schon so heiß geworden war, daß die Gelatinekulturen sich bei Zimmertemperatur verflüssigten .157 Am 4. April trat die Kommission ihre Heimreise an. Nach seiner Heimkehr berichtete Koch 1884 auf der ersten Cholerakonferenz im Kaiserlichen Gesundheitsamt zu Berlin über die Entdeckung der Choleravibrionen.


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