Stefan Winkle

Gelbfieber 1
Gelbfieberausbrüche und Epidemien: 18. / Anfang 19. Jahrhundert; Gelbfieberepidemien in Philadelphia

Textauszug aus:
Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen
Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, 2. Auflage 1997, Seiten 978ff


...
Je reger der Verkehr mit Amerika wurde je öfter man verseuchte Häfen der Neuen Welt anlief, um so häufiger kam es an Bord der Segelschiffe zu Gelbfiebererkrankungen. In solchen Fällen lichtete man schleunigst die Anker und stach in See, wo die Seuche erfahrungsgemäß schnell erlosch. Da man von der Überträgerrolle der Stechmücken keine Ahnung hatte, glaubte man, der miasmatisch verseuchten Luft des betreffenden Hafens entflohen zu sein. Aber nicht immer gelang es, mit diesem Manöver der eigentlichen Krankheitsursache zu entrinnen. Trotz des Verlassens der miasmaverdächtigen Zone erkrankten auf hoher See immer neue Mitglieder der Mannschaft an Gelbfieber. Im Bann der Miasmalehre vermuteten manche, die Ursache hierfür sei in der schlechten Luftbeschaffenheit auf den Segelschiffen zu suchen. Man benutzte damals zum Schiffsbau ausschließlich Holz, das nicht nur das Eindringen von Seewasser zuläßt, sondern auch organischen Veränderungen durch Fäulnis unterliegt. Da die Verwendung von Holz aus technischen Gründen eine doppelte Bordwand mit dazwischenliegenden Hohlräumen bedingt, die der Reinigung schwer zugänglich sind, wurden die Fäulnisvorgänge um so mehr begünstigt. Am meisten verdächtigte man die »Bilgen«, d. h. die besonderen Räume, die am Boden der Schiffe zur Aufnahme der Flüssigkeit dienten und mit abhebbaren Brettern bedeckt waren. Da die Bilgen ganz oder doch größtenteils unter den Laderäumen lagen, waren sie nur bei leerem Schiff für eine gründliche Reinigung in vollem Umfang zugänglich. Dort sammelten sich neben dem durch die Schiffswandungen eindringenden Seewasser auch die von der Mannschaft herrührenden Ausscheidungen und bildeten die Quelle übler Zersetzungs- und Fäulnisvorgänge, in denen man bei Schiffsepidemien lange das krankmachende Miasma vermutete. 39 Von da hygienischen Maßnahmen an Bord englischer Kriegsschiffe, die sich neben dem gefürchteten Miasma auch gegen Stechmücken richteten, erfahren wir aus dem Brief eines (»seit 6 Monaten herumkreuzenden«) britischen Seeoffiziers, den der Altonaer Arzt Unzer 1761 in seinem Wochenblatt veröffentlichte. Die betreffende Stelle lautete:

»Täglich werden die Schießlöcher geöffnet. Bey trockenem Wetter wird das untere Verdeck ausgefeget und ausgespühlt, bey feuchter Witterung aber trokken aufgescheuret, damit die Balken, wo die Betten hängen, nicht schimmeln. Man brennet daselbst dürres Holz, worauf Harz geworfen wird, von welchen Rauche nicht allein die Insekten getödtet, sondern auch die üblen Dünste vertrieben werden. Dann und wann werden auch alle Balken mit warmen Eßige gewaschen, welches das Schiff erfrischet und vor aller ansteckenden Luft bewahret.«

Das übelriechende, mit menschlichen Ausscheidungen verunreinigte Bilgewasser, das zwar bei der Übertragung von Typhus und Hepatitis epidemica eine Rolle spielen konnte, hatte am Gelbfieber keine Schuld, denn die Gelbfiebermücken meiden peinlichst verunreinigte, dazu noch salzige Gewässer. Doch die unbedeckten Holzfässer mit Trinkwasser für die Mannschaft und die in den unteren Schiffsräumen herrschende schwüle, subtropische Atmosphäre boten der Gelbfiebermücke eine ideale Brutstätte und die Möglichkeit, auch nach dem Verlassen der tropischen Gewässer am Leben zu bleiben und unter der Mannschaft auch weiterhin immer neue Infektionen verursachen zu können.41 So wie die Pest in ihrer Heimat war für die Europäer in der Karibik das Gelbfieber eine Art von Gottesgeißel, gegenüber der sie machtlos waren. Die dominierende Seuche der Karibik und des benachbarten Festlands war seit dem 16. Jahrhundert das Gelbfieber.

Im Jahre 1700 wurde das Gelbfieber zum erstenmal nach Europa verschleppt, und zwar nach Spanien. Der »gelbe Dämon« erschien zunächst in der Hafenstadt Cadiz und »streckte von hier aus seine Würgehand auch nach dem Hinterland.« Auch in den Jahren 1730 /31, 1733 / 34, 1764 und 1780 wurde Cadiz vom Gelbfieber schwer heimgesucht.42 Von den übrigen Hafenstädten der Iberischen Halbinsel hatten besonders Lissabon im Jahr 1723 und Malaga im Jahr 1741 unter der Krankheit schwer zu leiden.43 In den meisten Fällen wurde die Seuche von Kuba und von den Antillen mit zukker- und fruchtbeladenen Segelschiffen eingeschleppt, an deren Bord sich den Gelbfiebermücken geradezu ideale Lebensbedingungen bieten mußten. Ein Beweis für die Einschleppung war der Verlust von mehreren Besatzungsmitgliedern durch Gelbfieber während der Überfahrt, was allerdings zunächst verheimlicht und erst später bekannt wurde. Die Seeleute bezeichneten die Krankheit meist als »gelben Tod«. Die englischen Matrosen sprachen von »Yellowjack« (»Gelber Hans«), worunter sie ursprünglich den bösen Dämon der Krankheit verstanden. Schon bei der bloßen Erwähnung dieses Namens erschauerte man, wie einst bei den Gedanken an den »Schwarzen Tod«. Manchmal wurde während der langen Fahrt die ganze Mannschaft auf hoher See vom Gelbfieber erfaßt oder aufgerieben. Solche ziellos dahintreibenden »Gespensterschiffe« mit den vom Möwenkot weißbesprenkelten Leichen an Deck bildeten den Kern so mancher unheimlichen Seemannssage.«44

Wenn man die ungeheuer reichhaltige Literatur, besonders aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert über das Gelbfiebergeschehen in der Karibik liest, gewinnt man den Eindruck, daß es sich hier um ein epidemiologisches Bermuda-Dreieck handelt, denn ganze Geschwader mit Seeleuten und Soldaten, die in der fieberschwangeren Inselwelt operierten, wurden kurz nach ihrem Eintreffen aufgerieben. »Das Gelbfieber«, schrieb Schadewaldt, »war auf den westindischen Inseln so ausgebreitet, daß es von dort aus Jahrhunderte hindurch immer wieder ganze Flotten ansteckte .«45 Nach Boyce, der ein reiches Aktenmaterial einsehen konnte, hatten im 18. Jahrhundert die in der Karibik operierenden englischen Flotteneinheiten ungeheure Verluste an fieberhaften Erkrankungen.

So büßte Admiral Hosier bei Colon, einer Hafenstadt an der atlantischen Küste der Meerenge von Panama, im Jahr 1726 zweimal fast seine gesamte Besatzung an Gelbfieber ein .46 Als es 1739 wegen Handelsstreitigkeiten mit Spanien zu einem neuen Kolonialkrieg in Westindien kam, verloren die Engländer 1741 unter Admiral Vernon und General Witworth bei der Belagerung der kolumbianischen Hafenstadt Kartagena 8431 Mann (bei einer Gesamtstärke von 12 000) an Gelbfieber. Ehe es zu einer militärischen Entscheidung kam, mußte die dezimierte Belagerungsarmee abziehen .47 ZU dem mißglückten Unternehmen gegen Kartagena hatte man in Pennsylvanien Truppen geworben. Bei der Rückkehr der Überlebenden brach in Philadelphia ein bis dahin unbekanntes Fieber aus. Laut Bally gibt es in Franklins Briefen einige Angaben darüber. Es habe im Juli 1741 angefangen und erlosch mit dem ersten Frost. Wie im Jahr 1747 beschränkte sich das Fieber auf den südlichen Teil der Stadt und zwar auf Häuser, in denen sich Matrosen aufzuhalten pflegten.411

Zugleich mit dem Siebenjährigen Krieg in Europa tobte in Asien und Amerika der englisch-französische Kolonialkrieg (1755-1763). Als Friedrich der Große (1756) in Sachsen einfiel, war das der Auftakt zu einem allgemeinen europäischen Krieg, der zwar unabhängig von dein überseeischen englisch-französischen Krieg geführt wurde, aber doch durch das Geflecht der europäischen Allianzen mit ihm zusammenhing. Die französische Regierung, zunehmend beunruhigt durch die wachsende militärische Stärke Preußens, hatte ihre traditionellen Vorbehalte überwunden und war mit Österreich und Rußland übereingekommen, der preußischen Aggression entgegenzutreten. Zur Sicherung des europäischen Gleichgewichts schlug sich die englische Regierung entsprechend dem Grundsatz, jeder Feind Frankreichs sei ein Freund Englands, auf Friedrichs Seite.49 Um Preußens Kampfmoral aufrecht zu erhalten, gelang es Pitt dem Älteren, das Parlament vier Jahre hindurch dazu zu bewegen, Friedrich jährlich mit einer Summe in Höhe des gesamten preußischen Steueraufkommens zu unterstützen. Auf diese Weise gelang es, einen beachtlichen Teil der französischen Truppen, die man im Kolonialkrieg mit England dringend benötigt hätte, in Europa zu binden. Als sich Pitt später wegen seiner einseitig auf Europa ausgerichteten Kriegspolitik gegen die zunehmende Kritik verteidigen mußte, ging er so weit zu behaupten, Kanada sei in Europa erobert worden.

Aber in der Karibik hatten die Engländer während des Siebenjährigen Krieges keinen Erfolg. 1762 besetzten sie die zwei französischen Inseln des westindischen Archipels, Martinique und Guadeloupe, die wegen ihres »mörderischen Klimas« seit jeher berüchtigt waren. 511 Zugleich versuchten sie den Spaniern Kuba zu entreißen. Doch bereits einen Monat nach der Landung vor Havanna büßten die undurchseuchten Truppen unter Count Albermale 3000 Matrosen und 5000 Soldaten an Gelbfieber ein .51 Diese hohen Opfer bewogen die praktisch denkenden Engländer nach Beendigung ihrer siegreichen Kämpfe gegen Frankreich und Spanien, in den Friedensverhandlungen zu Paris 1763 die fieberverseuchte Insel Kuba gegen das spanische Florida einzutauschen.

Trotz der großen Erfolge, die England im Kolonialkrieg gegen Frankreich erreichen konnte, und obwohl Frankreich aufgrund des Pariser Friedensvertrags seine nordamerikanischen Kolonien Kanada und Louisiana (östlich vom Mississippi) an England abtreten mußte, war die Staatskasse des Inselreichs infolge der Kriegskosten so erschöpft, daß das britische Parlament beschloß, durch zusätzliche Steuern und Zölle aus ihren nordamerikanischen Kolonien das Äußerste herauszuholen. Diese Maßnahmen führten zu einer ungeheuren Erbitterung. Im Hafen von Boston warfen als Indianer verkleidete Kolonisten (1774) eine mit hohen Zöllen belastete Teeladung im Wert von 18 000 Pfund ins Meer, woraufhin die Engländer den Belagerungszustand verhängten. Das Ergebnis war der Zusammenschluß der dreizehn Provinzen und ihre offene Auflehnung gegen das Mutterland. Während des Unabhängigkeitskriegs der »Vereinigten Staaten von Nordamerika« (1775-1783) kam ihr gesamter Außenhandel, der aufgrund der Navigationsakte (1651) nur von englischen Schiffen abgewickelt werden durfte, zum Stillstand. Mit dem Stopp der Wareneinfuhr hörte auch die Einschleppung von Gelbfieber aus der Karibik und sonstigen Seuchengebieten auf. Die nordamerikanischen Küstenstädte, die seit 1743 wiederholt von Gelbfieber heimgesucht wurden, blieben vom Beginn der Kämpfe (1775) bis zum Versailler Frieden (1783) von der Seuche völlig verschont.

Ganz anders war die epidemiologische Situation bei der britischen Marine, die während des nordamerikanischen Unabhängigkeitskriegs nicht nur die Küstenblockade wahrnahm, sondern auch in der Karibik operierte. Im Lauf von vier Jahren verloren die Geschwader 1240 Mann in Seegefechten und 18 500 Mann durch Krankheiten .52 Die Verluste durch Krankheiten erfolgten überwiegend bei den in der gelbfieberverseuchten Karibik operierenden Einheiten. Kennzeichnend für die hohe Seuchengefährdung in dieser Zone ist der Fall von vier englischen Regimentern, die 1780 nach Jamaika gekommen waren und im Lauf von vier Jahren, ohne daß in dieser Zeit auch nur ein Mann im Gefecht gefallen wäre, 5250 Mann verloren hatten - das sind 25 Prozent.53

Da durch die rigorose Seeblockade der nordamerikanischen Küste jegliche Beziehung der dortigen Hafenstädte zum verseuchten Karibischen Archipel sowie zu der Ostküste Südamerikas und Westküste Afrikas unterbunden war, konnte von dort auch keine Einschleppung von Gelbfieber erfolgen. Indem man die seuchenprophylaktische Wirkung der britischen Küstenblockade nicht erkannte und das Gelbfieber auch weiterhin noch als eine Folge von Schmutz und Unsauberkeit auffaßte, erregte dessen Ausbleiben großes Aufsehen. Charakteristisch für die damaligen Überlegungen zu diesem Phänomen sind die Ausführungen des Arztes Gillespie:

»In den Jahren 1777, 1778 und 1779 war die Stadt New York, im Jahre 1778 die Stadt Philadelphia von britischen und hessischen Truppen besetzt, ebenso Charleston in den Jahren 1780, 1781 und 1782 von beinahe 6000 Mann fremden Truppen. Da die Einwohner in einem beständigen Zustand der Besorgnis und Ungewißheit lebten, wurde während dieser Zeit weniger als sonst auf Reinlichkeit geachtet, so daß faulende tierische und vegetabilische Abfälle permanent die Luft mit ihren übelriechenden Ausdünstungen verunreinigten. Dennoch kam kein einziger Fall von Gelbfieber vor.«54

Als nach dem Frieden von Versailles (1783), durch den die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten feierlich anerkannt wurde, die Handelsbeziehungen mit der Außenwelt, besonders mit den reichen, doch gelbfieberverseuchten Inseln Westindiens, neu aufblühten, kam es in zahlreichen Städten an der Ostküste Nordamerikas erneut zu Gelbfieberausbrüchen, dem »Amerikanischen Typhus.« Auch in das Mississippital wurde die Seuche verschleppt.15 Von der ersten Epidemie wurde im August 1793 Philadelphia betroffen.56 Die Epidemie begann im Hafenviertel. Die ersten Fälle wurden zunächst als »Gallenfieber« bagatellisiert. Als das Gelbfieber aber in verschiedenen Stadtteilen aufflammte und viele starben, bemächtigte sich der Bevölkerung eine Panik. Es kam zu einer Situation, wie sie einst Boccaccio anläßlich der Pest in Florenz geschildert hatte. Wer fliehen konnte, floh. Eltern verließen ihre Kinder und Kinder ihre Eltern, aber keine Stadt wollte Flüchtlinge aus Philadelphia aufnehmen. Aus dem Haus ging man nur mit einem kampfergetränkten Schwamm vor dem Mund. Aus Angst vor dem krankheitserregenden Miasma wagte man nicht mehr, an den Häusern entlangzugehen, sondern lief in der Mitte der Straßen, um so den giftigen Ausdünstungen zu entgehen.
Der alte Brauch, sich die Hand zu schütteln, kam so in Mißkredit, daß viele schon beim Anblick einer ausgestreckten Hand angstvoll zurückschreckten. Trug jemand einen Trauerflor oder sonst ein Zeichen der Trauer, ging man »wie vor einer Natter im großen Bogen um ihn herum«. Die Zahl der Kranken stieg von Tag zu Tag, aber es fehlte an Ärzten und Krankenwärtern. Hunderte fielen dem Fieber zum Opfer. Ohne Rücksicht auf Stand wurden die Toten ohne jegliche Zeremonie begraben .57

Während dieser und auch der späteren Gelbfieberepidemien in Philadelphia (1794, 1797, 1799, 1802 und 1803) war Benjamin Rush als Arzt tätig. Er war während des Unabhängigkeitskriegs Generalarzt und mit Benjamin Franklin befreundet.58 Zugleich führte er einen regen Briefwechsel mit Thomas Jefferson, dem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, der als Staatsmann auch an medizinischen Problemen sehr interessiert war .59 Rush bewies während der Gelbfieberepidemie in Philadelphia 1793 großen Mut und besuchte unzählige Patienten, um die Ursache der Krankheit herauszufinden. Unter dem Eindruck des kaffeesatzähnlichen »schwarzen Erbrechens« kam er auf die skurrile Idee, das gefürchtete Fieber entstünde »durch den Genuß zersetzten Kaffees«, was er umgehend im »Amerikanischen Täglichen Anzeiger« veröffentlichte. Daraufhin ließ das Bürgermeisteramt unverzüglich eine größere Menge angeblich »verdorbenen Kaffees«im Hafen vernichten, aber das Gelbfieber erlosch nicht. Solche Maßnahmen waren kennzeichnend für die Hilflosigkeit im Kampf gegen eine mörderische Seuche, von der man noch nicht einmal wußte, wie sie übertragen wird. Versuchte doch damals ein junger Amerikaner, Nathaniel Potter (1770-1843), durch einen heroischen Selbstversuch sowohl die miasmatische als auch die kontagionistische Genese des Gelbfiebers zu widerlegen. Am 20. September 1797 tränkte er ein Tuch mit dem Schweiß eines an Gelbfieber sterbenden Mannes, wickelte es um seinen Kopf und schlief die ganze Nacht damit, ohne zu erkranken .611 Aus dieser Zeit völliger Ungewißheit ist ein Brief von Thomas Jefferson (aus dem Jahr 1804) mit der scharfsinnigen epidemiologischen Beobachtung bezüglich ,der Ortsgebundenheit und des Erlöschens der Seuche bei kalter Witterung von besonderem Interesse. Die Stelle lautet:

»In Alexandria (einer Stadt in Virginia) konnte ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß die Krankheit nur in einer besonderen, genau zu umschreibenden Atmosphäre übertragbar ist. Das Gelbfieber entsteht in der Nähe von Wasser, in eng bebauten Städten und nur bei warmer Witterung.« 61
Fast um die gleiche Zeit kam es auf der Insel Haiti (Santo Domingo) unter dem Einfluß der Französischen Revolution zu einer Revolte der Sklaven gegen die französischen Siedler und Sklavenhalter, die von dem Schwarzen Toussaint-I'Ouverture angeführt wurde. Bonaparte war fest entschlossen, durch eine weit ausspannende Kolonialpolitik überall als der Gegenspieler Englands aufzutreten. Dies galt besonders für Westindien, von wo aus er eine neue französische Kolonialmacht zu entwickeln hoffte, hatte er doch 1800 das 1763 von Ludwig XV. verlorene Louisiana von Spanien wieder zurückerhalten. Aus diesem Grund schickte er 1802 General Leclerc, den Gatten seiner Schwester Pauline, mit 25 000 Mann nach Haiti, um auf der »Zukkerinsel«, die seit mehr als hundert Jahren zu Frankreich gehörte, »wieder Ordnung zu schaffen« .62 Nach glänzenden Anfangserfolgen wurde jedoch das Invasionsheer von einer vernichtenden Gelbfieberepidemie getroffen. Zu den 22 000 Opfern dieser mörderischen Seuche gehörte auch Leclerc .63 »Von den großen Losungen unserer Revolution«, scherzten die betroffenen Sansculotten mit grimmigem Humor, »scheint sich nun wenigstens eine zu erfüllen: die Egalite. Bald werden wir alle die gleiche gelbe Uniform tragen.«
Da auch die auf Martinique und Guadeloupe gelandeten französischen Einheiten von der Seuche fast aufgerieben wurden, konnte das Häuflein Überlebender auch von dort keine Hilfe mehr erwarten und mußte Haiti endgültig aufgeben .64 Das Gelbfieber hatte entscheidend in den Gang der Geschichte eingegriffen. Beabsichtigte doch Napoleon, die Insel als Sprungbrett für weitere Eroberungskriege in Amerika zu benutzen, wobei dem im Golf von Mexiko gelegenen Louisiana, das einst mit Kanada zusammen »Neufrankreich« bildete, eine besondere strategische Bedeutung zukommen sollte. Durch das Scheitern der Intervention auf Haiti entglitt ihm jedoch der entscheidende Stützpunkt. Kurz entschlossen verkaufte er den Vereinigten Staaten, deren Gunst er im Kampf gegen England dringend benötigte, für 15 Millionen Dollar den Rest des französischen Kolonialreichs: Louisiana. Damit schied Frankreich 1803 endgültig als Kolonialmacht auf dem amerikanischen Kontinent aus .65

Im Verlauf dieser Gelbfieberpandemie wurde der »Gelbejack« durch englische Kriegsschiffe aus der karibischen See 1804 nach Gibraltar und in das Mittelmeer verschleppt.66 Es war dies eine der schwersten Gelbfieberepidemien, die Europa heimgesucht hat. Allein in Südspanien sollen damals 280 000 Menschen erkrankt und mehr als 89 000 gestorben sein. Unter dieser Epidemie hatte auch Nelsons Mittelmeerflotte schwer zu leiden. In Gibraltar breitete sich die Seuche sogar »auf den Affenfelsen mit seinen Makaken aus, von denen viele starben« .67 Das hat den britischen Kommandanten, einen hartgesottenen Haudegen, »sehr beunruhigt«. Nach der Fama sollte nämlich »mit dem Aussterben der Affen auch Britanniens Herrschaft über den Mittelmeerfelsen aufhören .«68

Da das Gelbfieber damals wiederholt in den Mittelmeerraum, vor allem nach Spanien eingeschleppt wurde, hatte man vor einer Einschleppung sogar in Nordeuropa Angst, was auch aus den zahlreichen Schriften über Gelbfieber zu ersehen ist, die damals in Deutschland und in den Nachbarländern erschienen. Beim gehäuften Auftreten von infektiöser Gelbsucht bzw. Serumhepatitis, was infolge der häufigen Aderlässe mit unsterilen Lanzetten nicht selten vorkam, hielt man solche Fälle - infolge der unzulänglichen differentialdiagnostischen Möglichkeiten - oft für Gelbfieber.

Inmitten dieser erregten Zeit entschloß sich der Dramatiker Heinrich von Kleist (1777-1811), dem es nicht gelungen war, sein letztes Werk, die Tragödie »Der Prinz von Homburg«, bei einer Bühne oder bei einem Verleger unterzubringen, aus Existenzangst eine Tageszeitung herauszug4,en: die »Berliner Abendblätter«. Die erste Nummer erschien am 1. Oktober 1810. Wegen seiner Berichterstattung über den Kriegsschauplatz Spanien, wo die napoleonischen Truppen zum erstenmal auf einen erbitterten Widerstand gestoßen waren, bekam Kleist bald Schwierigkeiten mit der Zensur, war doch Berlin seit der Niederlage bei Jena (1806) von den Franzosen besetzt. Da das Interesse des Lesepublikums an dem gefürchteten Gelbfieber fast genauso groß war wie an dem revoltierenden Spanien, brachte er nun in seinem Blatt Seuchenberichte von der Iberischen Halbinsel, aber auch aus anderen von Napoleon besetzten Teilen Europas. So heißt es z. B. am 30.

November 1810 in den »Berliner Abendblättern<
Aus Venedig wird berichtet, »man habe wegen einer in Spanien sich verbreiteten, ansteckenden Krankheit äußerst verschärfte Verordnungen wegen der Contumaz für alle spanischen Häfen erlassen.«
Hier weitere Kurzmeldungen mit der jeweiligen Datumsangabe:

3. Dez. 1810:,Aus Lausanne wird gemeldet: »Die pestartige Krankheit, wahrscheinlich das gelbe Fieber, herrscht in Spanien zu Carthagena und Malaga und hat sich längs der ganzen spanischen Küste bis Cadix verbreitet. Dieselbe Seuche herrscht auch bereits im Königreich Neapel: Zu Brindisi soll die Mannschaft eines ganzen Schiffes an dieser Krankheit umgekommen sein. Demnach ist in der Schweiz die Quarantäne auf alle aus Neapel kommenden Waaren gelegt worden.«

5. Dez. 1810: Aus schweizerischen Nachrichten geht hervor, daß auf Kuba das gelbe Fieber »sehr stark wüthet«. Aus Kopenhagen werden strengste Maßregeln der Königlichen Quarantäne-Direction »wegen der auf mehreren Punkten des Erdkreises herrschenden, ansteckenden Krankheiten« gemeldet. »Aus der deshalb erlassenen Verordnung geht hervor, daß die in Otranto und Brindisi ausgebrochene Kontagion eine beulenartige Pest sei, die in den spanischen Seestädten Malaga und Carthagena herrschende hingegen scheint das gelbe Fieber zu sein.«

10. Dez. 1810: Aus Italien verlautet: »Die in Calabrien ausgebrochene Kontagion
ist durch ein mit Wein beladenes spanisches Schiff dahin gebracht worden.«

14. Dez. 1810: Aus Lissabon wird berichtet, daß »die Seuche auch zu Cadix
herrscht. Sie rafft daselbst täglich 50 Menschen weg.«

17. Dez. 1810: »In dem Mayländer offiziellen Blatt werden die fürchterlichen Fortschritte der Pest an der Südküste von Spanien beschrieben.«

Am 23. und 24.Januar 1811 bringt Kleist jeweils auf der ersten Seite seines Abendblatts in Fortsetzung die »Kurze Geschichte des gelben Fiebers in Europa.«69 Wenn man weiß, wie rigoros Friedrich der Große und Katharina von Rußland gegen Personen vorgingen, die über Pest in ihrem Herrschaftsbereich zu sprechen wagten, so muß man sich über Kleists vermessene Kühnheit wundern, zumal die Franzosen auf der Iberischen Halbinseln einem verzweifelten Abwehrkampf standen .71) Zugleich erlitten sie ungeheure Verluste durch Kriegsseuchen,71 was eine Berichterstattung über jegliches Seuchengeschehen in den von Frankreich besetzten Gebieten als Defätismus erscheinen lassen mußte. Bereits nach wenigen Wochen hatten die »Berliner Abendblätter« infolge der Schwierigkeiten, die man Kleist machte, viele Abonnenten verloren.72 Im Frühjahr 1811 ging die Zeitung ein, und ihrem Herausgeber drohte völlige Mittellosigkeit .73


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