Stefan Winkle

HIV-Infektion
Textauszug aus:
Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen
Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, 1400 pp.



....Weltweit folgt die HIV-Infektion den Hauptausbreitungsstrassen der Syphilis und anderer sexuell übertragbarer Infektionen sowie von infektiösen Hepatitiden unter Drogensüchtigen. Man rechnet heute damit, dass etwa 34% der Weltbevölkerung regelmässig Drogen nehmen, rund 20 Millionen davon Heroin und Kokain und mehr als 30 Millionen Psychostimulanzien auf Amphetaminbasis (Prof. Giuseppe Arlacchi, UNDCP, 7. Mai 1999). Die Parallelität der Dynamik in den Problemfeldern HIV/AIDS und Drogensucht lässt sich gut am raschen Anstieg der HIV-Neuinfektionen in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion ablesen (etwa in Kaliningrad, Odessa, Nikolajewsk oder Irkutsk, das mit 1300 neuen HIV-Infektionen eine Verdoppelung der HIV-Träger innerhalb eines Jahres meldete).

Die prognostisch noch wichtigeren Geschlechtskrankheiten, denen sowohl in Osteuropa als auch in Lateinamerika, Afrika und Südostasien eine wichtige Rolle für die HIV-Ausbreitung zukommt, schätzt die WHO als eine globale Gefährdung ersten Ranges ein: Für das Jahr 1995 handelte es sich um rund 333 Millionen Neuinfektionen von 15- bis 49jährigen, die sich in unheilvoller Weise gerade auf die Bevölkerungsschwerpunkte der dritten Welt verteilten. Davon waren 12,2 Millionen Fälle von Syphilis, 62,2 Millionen von Gonorrhoe, 89,1 Millionen Chlamydieninfektionen und 167,2 Millionen Fälle von Trichomoniasis. Rechnet man die übrigen rund 20 Infektionskrankheiten hinzu, die sich sexuell übertragen lassen, hat man ein grobes Mass für die potentielle Zielgruppe des HIV: Sie ist deutlich grösser als die Gesamtzahl der Syphilitiker (weltweit 150300 Millionen). Bisher sind vermutlich 5080 Millionen von diesen mit HIV infiziert. Also wird es noch lange so weitergehen. Ein steady state dürfte diese Epidemie in der dritten Welt kaum vor dem Jahre 2012 erreichen. Und dieses steady state, in dem infolge der langen Inkubationszeit erst etwa die Hälfte der heute HIV-Infizierten zu Aidspatienten geworden sind, wird so schrecklich sein, dass es die Phantasie der heute Lebenden überfordert. 


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