Stefan Winkle

Die Pest - Die Umdeutung heidnischer Gottheiten
Textauszug aus:
Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen
Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, Seite 439



Im September 589 begann die Beulenpest (clades inguinaria bzw. pestis inguinaria) in Rom zu herrschen. Es war abermals ein Ausläufer der Justinianischen Seuche, die seit 542 ein halbes Jahrhundert das Abendland entvölkerte und nun auch die Ewige Stadt heimsuchte. Viele glaubten, es würden Pfeile vom Himmel fliegen und die Menschen durchbohren. Zu den zahlreichen Opfern dieser Epidemie gehört auch Papst Pelagius II., der 590 in Rom starb. Bald danach wurde Gregor, der Abt des ehemaligen Andreasklosters, zum neuen Papst unter dem Namen Gregorius I. gewählt. Er ermahnte nun die Gläubigen, Gott um Hilfe zu bitten und ordnete die »litania septiformis«, eine Pestabwehrprozess an [...]. Bei dieser Prozession, die am 29. August 590 stattfand, sollen zahlreiche Teilnehmer von Niesen und Gähnen befallen worden sein, denen 80 tot hinstürzten. Daher soll nicht nur de vielerorts noch übliche Nieswunsch »Gott segne Dich«, sondern auch das Handvorhalten und Bekreuzen des Mundes beim Gähnen herrühren. Auf diese Weise hoffte man, den Krankheitsdämon vom Eindringen in den Körper abzuhalten. [...]

Während dieser schweren Seuchennot erkannten die christlichen Geistlichen, dass trotz der zahlreichen Verbote die alten heidnischen Gottheiten noch tief im Volksglauben wurzelten. So wurde in Rom zu Pestzeiten auf dem Palatin Apollo, der ursprünglich mit seinen Pfeilen die Pest sandte, nur noch als eine Art Pestschutzpatron verehrt. Es galt also diese Schutzgottheit in einen christlichen Schutzpatron umzuwandeln. Als im Jahr 680 Rom abermals von der Pest heimgesucht wurde, brachte man Reliquien des heiligen Sebastian in die Stadt, wonach die Seuche allmählich erlosch. Wo auf dem Palatin einst der Tempel des Apollo stand, baute man später die Chiesa S. Sebastiano al Palatino. Dass der göttliche Jüngling Apollo gerade in Sebastian seine Entsprechung fand, ist bedingt durch die Legende von dessen Martyrium. Als  Offizier der kaiserlichen Leibgarde soll Sebastian die Christen vor der Verfolgung Diokletians beschützt haben und deshalb auf Befehl des Kaisers durch mauretanische Bogenschützen im flavischen Amphitheater erschossen worden sein. Er wurde jedoch nach der Legende durch ein Wunder errettet. Da nach heidnischen (Ilias, I. Gesang, V.46) und jüdischen Vorstellungen (Ps 7,13;Ijob 6,4) der Pfeil Symbol einer plötzlich kommenden Krankheit war, lag es nahe, den unter Gottes Schutz vor dem Pfeiltod wunderbar erretteten Sebastian mit Apollo zu vergleichen.


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