Die Pest - Die Umdeutung heidnischer
Gottheiten
Textauszug aus:
Geisseln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen
Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997, Seite 439
Während dieser schweren Seuchennot erkannten die christlichen Geistlichen, dass trotz der zahlreichen Verbote die alten heidnischen Gottheiten noch tief im Volksglauben wurzelten. So wurde in Rom zu Pestzeiten auf dem Palatin Apollo, der ursprünglich mit seinen Pfeilen die Pest sandte, nur noch als eine Art Pestschutzpatron verehrt. Es galt also diese Schutzgottheit in einen christlichen Schutzpatron umzuwandeln. Als im Jahr 680 Rom abermals von der Pest heimgesucht wurde, brachte man Reliquien des heiligen Sebastian in die Stadt, wonach die Seuche allmählich erlosch. Wo auf dem Palatin einst der Tempel des Apollo stand, baute man später die Chiesa S. Sebastiano al Palatino. Dass der göttliche Jüngling Apollo gerade in Sebastian seine Entsprechung fand, ist bedingt durch die Legende von dessen Martyrium. Als Offizier der kaiserlichen Leibgarde soll Sebastian die Christen vor der Verfolgung Diokletians beschützt haben und deshalb auf Befehl des Kaisers durch mauretanische Bogenschützen im flavischen Amphitheater erschossen worden sein. Er wurde jedoch nach der Legende durch ein Wunder errettet. Da nach heidnischen (Ilias, I. Gesang, V.46) und jüdischen Vorstellungen (Ps 7,13;Ijob 6,4) der Pfeil Symbol einer plötzlich kommenden Krankheit war, lag es nahe, den unter Gottes Schutz vor dem Pfeiltod wunderbar erretteten Sebastian mit Apollo zu vergleichen.
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