"Die Vernunft errötet oft über Vermutungen, über die sie sich noch keine genaue Rechenschaft ablegen kann ... Auch wenn man ahnt, wo das Gesuchte zu erreichen ist, kann man oft den entscheidenden Schritt auf der Leiter der Erkenntnisse nicht tun, da noch eine Sproße fehlt, die es vorerst einzusetzen gilt."
Die unterschiedlichen, teils recht komplizierten Infektketten hatten zur Folge, daß man die Pest in der vorbakteriologischen Ära nicht nur als kontagiöse, sondern oft auch als miasmatische Krankheit deutete, woran noch die Redensart von der "Luftverpestung" erinnert. Bei der letzten Pestepidemie im Hamburger Raum anno 1712/13, über die hier berichtet werden soll, handelte es sich vor allem um Beulenpest.
Pestbubo in der Leistengegend
Aquarellierte Zeichnung von Geheimrat R. O. Neumann (Hamburg)
angefertigt 1910 während der schweren Pestepidemie
in Charbin (Mandschurei).
Der Spürsinn der Menschen ist oft schon vor Jahrhunderten, ja sogar vor Jahrtausenden in den Bereich epidemiologischer Zusammenhänge vorgestoßen, deren endgültige Erkenntnis und Deutung erst um die Wende zu unserem Jahrhundert den exakten Wissenschaften gelungen ist. Zu den ältesten und erstaunlichsten epidemiologischen Beobachtungen dieser Art gehört die empirische Erkenntnis der zeitlichen Koinzidenz von Rattenplage und Beulenpest, von der sowohl die alten Juden als auch Griechen schon gewußt hatten. Auch in den durch ihren Seehandel besonders exponierten und seit dem 14. Jahrhundert wiederholt von schweren Pestepidemien heimgesuchten Hansestädten Hamburg und Lübeck scheint man bereits um die Wende zur Neuzeit etwas von diesem epidemiologischen Zusammenhang geahnt zu haben.
Das läßt ein Holzschnitt aus jener Zeit erkennen, mit dem die 1494 in Lübeck von dem aus Hamburg stammenden Drucker und Verleger Steffen Arndes veröffentlichte niederdeutsche Bibel geschmückt ist (1a). Auf dieser Illustration, die sich auf die "Pest der Philister" aus dem 5. und 6. Kapitel des 1. Buches der Könige bezieht (in der nachreformatorischen Zählung das 1. Buch Samuelis genannt), kommen nämlich dem Text entsprechend nicht Mäuse, sondern Ratten vor!
Die Pest der Philister
Ausschnitt einer illustrierten Textseite aus der niederdeutschen
Lübecker Bibel von 1494
(Lübeck, Museen für Kunst- und Kulturgeschichte)
Die Namen der Holzschnitzkünstler dieser Bibel sind
trotz eingehender Forschungen unbekannt geblieben. Es wurde vermutet, daß
der Lübecker Bildschnitzer und Maler Bernt Notke zu den spötgotischen
Graphikern dieses Meisterwerks gehört hat.
Diese Epidemie war verknüpft mit dem Raub der Bundeslade (einem jüdischen Heiligtum) durch die Philister (im 11. Jh. v. Chr.), die sie zunächst nach Asdod, in den Tempel Dagons verschleppten (2). "Doch die Hand Jahwes kam schwer über die Asdoditer und verderbete sie und schlug sie mit Beulen ... am heimlichen Ort", d. h. in der Leistengegend (1. Samuel V., 6) (3). Die Asdoditer befürchteten, der Gott Israels sei erzürnt und suchten sich schleunigst von ihrem unheilvollen Beutestück zu befreien, indem sie die Bundeslade in eine andere Stadt (Gath) überführten. Allein auch dort schlug Jahwe die Leute: ... "groß und klein, also daß an ihnen Beulen ausbrachen" (V. 9). Schließlich brachten sie die Lade nach Ekron. Nachdem sie sieben Monde im Lande gewesen war und überall nur Unheil angerichtet hatte, entschlossen sich die Philister, sie den Israeliten wieder zurückzuschicken. Da aber ihr Land zugleich von einer "Mäuse"-Plage betroffen war, rieten ihre Priester, zur Besänftigung des zürnenden Judengottes ein Sühneopfer beizufügen, das ganz im Sinne des Analogiezaubers ("Gleiches durch Gleiches") entsprechend den fünf Philisterfürsten aus fünf goldenen Beulen ("Ophalim") und fünf goldenen "Mäusen" ("Akbar") bestehen sollte (VI,5) (4).
Es ist interessant, daß auf die einengende Deutung des hebräischen Wortes "Akbar", welches bei den Bibelübertragungen seit jeher mit "Maus" übersetzt wurde, erstmalig in der unmittelbaren Nachbarschaft von Hamburg aufmerksam gemacht wurde. Es war der Altonaer Judenarzt Hartog Gerson, Enkel eines Amsterdamer Talmudisten, der 1761 in einer Abhandlung darauf hinwies, daß dieses Wort ein Sammelbegriff für Nager sei und auch die Ratte mit einbeziehe. Dafür sprechen auch verschiedene Stellen im Talmud, wo z. B. vom Zernagen der Tefillin (der Gebetsriemen), vom Anfressen menschlicher Leichen oder sogar vom Totbeißen einer Katze durch das Nagetier "Akbar" berichtet wird (5). Auch das von Herodot erwähnte Zernagen der Bogenstränge und Schildriemen der assyrischen Krieger anläßlich der Belagerung Jerusalems dürfte durch Ratten und nicht durch Mäuse erfolgt sein (6). So weit Hartog Gerson.
Durch die unrichtige Übersetzung des hebräischen Wortes "Akbar" blieb die im "Buch der Könige" enthaltene uralte empirische Erkenntnis eines Zusammenhanges zwischen Beulenpest und Ratte den meisten Lesern bis in die jüngste Zeit ungewollt verborgen.
Obwohl auch im niederdeutschen Text der Lübecker Bibel von "Musen" (Mäusen) die Rede ist, hat der unbekannte Holzschnitzer Ratten dargestellt, was vor allem an der Ohrhaltung und Schwanzlänge der Tiere zu erkennen ist. Auf dem Holzschnitt sind aus dem mythisch-epidemiologischen Geschehen der Philisterpest zwei Momente dargestellt: links, wie die in den von Ratten wimmelnden Dagontempel aufgestellte Bundeslade das Standbild des Götzen umstürzen ließ und rechts, wie Jahwe nach Art eines Apoll mit Strahlengeschossen seine Beleidiger niederstreckt (7), weshalb einige Männer in aller Eile bemüht sind, inmitten des Rattengewimmels die Bundeslade zur Abwendung weiteren Unheils aus der Stadt zu tragen.
Während auf der noch etwas grobschlächtigen Lübecker Bibelillustration der Rattencharakter nur angedeutet ist, hat der große Barockmaler Nicolas Pussin (1594-1665) anderthalb Jahrhunderte später unter dem Eindruck schwerer Rattenplagen, von denen die meisten Pestepidemien in Frankreich begleitet waren, sowohl auf dem Entwurf als auch auf dem fertigen Bild "La peste des Philistins" eindeutig diese Nagergattung dargestellt.
Nicolas Pussin. Die Pest der Philister (Paris, Louvre)
Rechts der Dagontempel mit dem umgestürzten und
zertrümmerten Götzenbild vor dem Tempelvorhang. Dahinter, zwischen
den beiden korinthischen Säulen ragt die Bundeslade hervor.
Auf dem Tempelgesims, unterhalb der zertrümmerten
Dagonsäule, ganz deutlich eine Hausratte.
Links im Hintergrund vor den beiden Leichenträgern
ebenfalls mehrere Ratten auf den Steinfliesen des Platzes.
Im Vordergrund des Bildes halten sich zwei Männer
aus Angst vor der verpesteten Luft Mund und Nase zu.
Im Laufe des Nordischen Krieges, während der erbitterten Kämpfe bei Poltawa (1309) zwischen Karl XII. und Peter dem Großen, wurde die Pest an die Ostsee verschleppt. In diesem Jahr fielen ihr allein in Danzig über 32000 Menschen zum Opfer. Von 1710-1711 starben in der Mark Brandenburg 215 000 Menschen. Damals (1710) wurde in Berlin in Erwartung der apokalyptischen Reiter "vor dem Spandowschen Thore" ein "Pesthaus" errichtet, das später den Namen "Charité" erhielt (8).
Unter dem Eindruck der Hiobsbotschaften aus Danzig erließ der Hamburger Rat am 29. Januar 1710 ein Mandat, durch das die Torwachen auf eine strenge Kontrolle der Gesundheitspässe bei allen Fremden hingewiesen wurden (8a). Da man aus Erfahrung wußte, daß bei verschiedenen Epidemien (Pest, Pocken, Fleckfieber etc.) eine Verschleppung der Infektion häufig durch gewisse Waren, wie "alte Kleider, Pelzwerk, Federbetten, Lumpen und anderen Trödelkram" erfolgte, mit denen gezwungenermaßen nur arme Juden handelten, zumal ihnen andere Betätigungen verboten waren, richtete sich die amtliche Seucheninstruktion, die den Einlaß von Personen und Waren aus verseuchten Orten verhindern sollte, vor allem gegen diese damals allgemein verschmähte Menschengruppe (9). Da die oben erwähnten verdächtigten Waren nicht nur durch polnische, sondern auch durch andere Juden eingeschleppt werden konnten, hieß es in dem Mandat, sämtliche in Hamburg anwesenden, nicht schutzverwandten Juden müßten binnen 14 Tagen das Gebiet der Stadt räumen (10).
Es ist nicht von ungefähr, daß sich Hartog Gerson so eingehend mit den Umständen der letzten Pestepidemie beschäftigte, trafen doch die meisten Maßnahmen im Zuge der Seuchenbekämpfung vor allem seine Glaubensgenossen, deren Armenarzt er war (11). Im Sommer 1710 berief der Hamburger Rat ein Sanitätskollegium. Aus Angst vor einem Miasma ordnete man in einem am 5. November 1710 erlassenen Mandat eine tägliche Säuberung von Märkten, Straßen und Gassen an, zu deren Verunreinigung die vielen im Stadtbereich gehaltenen Schweine beitrugen (11a). Es wurde befohlen, alle Schweine binnen 48 Stunden aus der Stadt zu entfernen. Auch der Schweinemarkt hatte außerhalb des Steintores stattzufinden. Die Fleete sollten nach Aufstellung einer neuen Düpe-Ordnung gründlich gereinigt werden. Zugleich wurde der Handel mit alten Kleidern verboten. Schließlich verlangte man eine strikte Paßkontrolle für jeden, der die Stadt verließ und in sie zurückkehrte. Dabei mußte der Paß von den Behörden des Orts, den der Reisende besuchte, mit dem Vermerk gegengezeichnet werden, daß der Ort pestfrei sei. Nicht nur jeder Handel mit verseuchten Gebieten, sondern auch der Briefverkehr mit ihnen war verboten (12).
1711 wütete die Pest in Kopenhagen und wurde von dort nach Schleswig-Holstein eingeschleppt. Die Gefahr wuchs für Hamburg von Tag zu Tag, namentlich, seit im Jahre 1712 die Pest im Holsteinischen immer mehr um sich griff und dann über die Elbe ins Herzogtum Bremen eindrang. Dort hatte Stade besonders schwer unter der Seuche zu leiden. Als sich die Pest im Sommer 1712 in Pinneberg und Rellingen zeigte, wurde der Verkehr durchs Millerntor aufs äußerste beschränkt. Die "Einschränkung des Verkehrs von Norden her" legten die Dänen prompt so aus, als wolle Hamburg von den "contagiösen Zeitläuften" Nutzen ziehen, um die Altonaer zu schikanieren (13).
Die Dänen, die 1712 mit einer starken Streitmacht die im westfälischen Frieden an Schweden gelangten Fürstentümer Bremen und Verden besetzten, hatten um Itzehoe eine Armee versammelt. In dieser Situation schien es König Friedrich IV. von Dänemark günstig, auf Hamburg (das gemäß dem damaligen dänischen Kanzleigebrauch "unsere erbunterthänige Stadtgenannt wurde) wieder einmal Druck auszuüben. Da in Hamburg wegen der Unruhen, die seit der Hinrichtung der dänischerseits favorisierten Bürgeraufrührer Jastram und Snitger (1686) latent weiterschwelten, eine kaiserliche Kommission mit Graf Schönborn an der Spitze über einen neuen Hauptrezeß (Staatsvertrag) zur Konsolidierung der innenpolitischen Situation verhandelte, ließ Friedrich IV. die Hamburger drohend wissen, er werde etwaige Veränderungen der alten Rezesse nicht dulden. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, verlegte er 12000 Soldaten nach Blankenese und Brockdorf und gab den Befehl, alle Hamburger Schiffe auf der Elbe aufzubringen, was auch sofort geschah. Auf die Beschwerden des Rates ließ der König antworten, gegen die Zahlung von 300000 Talern werde er Schiffe und Waren wieder freigeben (14).
Am 7. September 1712 ließ man von allen Kanzeln ein Mandat des Hamburger Rates verlesen, in dem erneut die strenge Prüfung der Gesundheits-Pässe "an den Thoren und (Schlag-) Bäumen" gefordert wurde, mit dem Hinweis, daß ein "wissendlich Durchhelffen von Persohnen oder Gütern, die von verdächtigen Orten kommen, als ein Verrath des Vaterlandes an Leib und Leben gestraffet und demjenigen, der einen solchen entdecken wird, 100 Rthlr. aus hiesiger Cämmerey zum Recompens gereichet und sein Nahme verschwiegen gehalten werden" (15).
Auftrag des Hamburger Rates zur verschärften Überwachung
an den Stadttoren kurz vor Einschleppung der Pest im Jahre 1712
(Original im Besitz des Autors)
Eine Seite aus der "Instruction" des Hamburger Rates
für die Torwachen aus dem Jahre 1712 mit besonderem Hinweis auf die
Juden aus dem dänischen Gebiet. (Original im Besitz des Autors)
Doch keine drei Wochen später hielt die Pest ihren Einzug in die Stadt. Die ersten Krankheitsfälle ereigneten sich im Gerkenshof, einem schmalen Gange der Böhmkenstraße (15a). Eine "lose Dirne", die sich zu den dänischen Truppen bei Blankenese durchgeschlichen hatte, soll den Keim der Krankheit mitgebracht haben (16). Sofort verrammelte man den Gang, vernagelte ihn an der einen Seite mit Brettern und setzte am andern Ende Militärwachen davor. Keiner der Bewohner, ob krank oder gesund, durfte die Gasse verlassen. Man verpflegte sie auf Staatskosten, was die chronisch unterernährten Armen der Umgebung so reizte, daß sich mehrere Personen, trotz Brettern und Wächtern, "heimlich über die Dächer hineinpractisirten" (17). Von den 53 Insassen des Gerkenshofs erkrankten 35 und 18 starben (18). Doch alle Absonderungsmaßnahmen halfen nichts. Es waren vor allem die dunklen, unsauberen Gängeviertel, in denen die Pest um sich griff. Vom grünen Sood bis zur Caffamacherreihe, in der Spitalerstraße und auf den Raboisen forderte sie ihre Opfer. Um die Wohnverhältnisse zu begreifen, muß man wissen, daß Hamburg damals aus einem Gewirr von engen Gassen, Gängen und Kanälen (Fleeten) bestand, wobei die Fachwerkhäuser vielerorts nach dem Bedürfnis des Augenblicks so ineinandergeschachtelt waren, daß kaum Platz für winzige, muffige Hinterhöfe übrigblieb. Die Verbindung zwischen den krummen Gäßchen bildeten Quergänge (Twieten), oft so eng, daß man mit ausgestreckten Armen links und rechts die Hauswände berühren konnte (18a). In den von der Pest betroffenen Vierteln herrschten "geradezu unglaubliche Zustände". Oft fehlte es an Betten. Die Kranken lagen auf dem kalten Steinfußboden und waren dankbar für ein bißchen Stroh, das man ihnen als Lagerstatt zuwarf. Die unzulängliche Abfallbeseitigung und das Anhäufen von Kehricht, Lumpen und allerlei Gerümpel machten die Elendsquartiere zu Niststätten von Ratten und Ungeziefer (19). Am 19. Oktober 1712 berichtete der Pestarzt Dr. Majus von einem Pestherd in einem Hofe der Jacobstraße:
"Eine Frau lag in einem finsteren Keller seit 8 Tagen an der Pest erkrankt, an ihren Füßen die nackte, durch viele schwarze Flecken entstellte und von Ratten benagte Leiche ihrer vor 3 Tagen gestorbenen sechzehnjährigen Tochter, oben in einer Kammer die Leiche einer sechsjährigen Tochter, nur mit etwas Leinewand bedeckt (20).
Dr. Majus wurde bald danach tot in seinem Bett aufgefunden, wie es hieß: selbst ein Opfer der Pest. Übrigens gehörte Dr. Majus als Miasmatiker zu jenen Ärzten, die bei Krankenbesuchen eine schnabelförmige Gesichtsmaske trugen, in der sich ein essigdurchtränkter Schwamm befand, um die ,verpestete Atemluft" zu entseuchen (21). Dennoch wurde er infiziert, denn von einer Übertragung durch Flöhe ahnte man damals noch nichts (21a).
Zurückgebliebenes Gerümpel, verseuchtes Stroh, verlauste Lumpen, Flohsäcke und eitrige Verbände wurden auf die Straße geworfen und unter dem Beifall der zusammengelaufenen Straßenjungen verbrannt (22). Der preußische Resident meinte sogar, am zweckmäßigsten wäre es wohl, wenn man die von Ratten und Ungeziefer bevölkerten Gänge samt und sonders niederbrennen würde (22a).
"Doctor Schnabel".
Eine Verspottung der Pestärzte, die aus miasmatischen
Erwägungen eine schnabelförmige Maske trugen, in der sich zur
Filtration der "verpesteten" Atemluft ein essigdurchtränkter Schwamm
befand.
Die Häufung der Todesfälle versetzte die kaiserliche Kommission, die den Abschluß eines neuen Staatsvertrages mit Hamburg seit Jahren hinauszögerte, in Angst und Schrecken. Nachdem sie am 15. Oktober 1712 nach langwierigen Verhandlungen den Vollzug des sog. "Haupt-Rezesses" billigte, verließ sie Hals über Kopf die verseuchte Stadt (22b).
Indessen ließen die Dänen unter dem Vorwand, die in Hamburg wütende Pest zwinge sie, einen Sicherheitskordon um die Stadt zu ziehen, durch ihre Truppen Billwerder, Bergedorf, Barmbek, Borstel, Hamm, Horn und die Vierlande besetzen, wo sie wie im Feindesland hausten. Nachdem die Dänen dann auch noch Eppendorf, Eimsbüttel und Ochsenwerder okkupierten und auf die von kaiserlicher und preußischer Seite her versprochene Hilfe nicht mehr zu hoffen war, zahlte Hamburg im November 1712 schließlich 246 000 Taler an Dänemark (23).
Im Dezember flaute die Pest ab, im Januar 1713 kamen nur noch ganz vereinzelte Fälle vor. Da erschien der schwedische General Stenbock, der die Dänen bei Gadebusch besiegt hatte, und ließ am B. und 9. Januar 1713 die unliebsame Nachbarstadt, das unter dänischer Oberhoheit stehende Altona, niederbrennen (23a). In Anbetracht der gespannten Situation ließ der Hamburger Rat die übliche "Petrimahlzeit" am 21. Februar ausfallen (24). Von März bis Juli 1713 schien die Stadt pestfrei zu sein. Doch ein Grund zum Jubeln war das nicht, denn die Seuche konnte jederzeit wieder ausbrechen und die Dänen hatten nach der Gefangennahme Stenbocks bei Tönning die Stadt erneut umzingelt.
Noch am 3. Juli 1713 konnte der präsidierende Bürgermeister von Bostel bei der Eröffnung der Rats- und Bürgerschaftssitzung seiner Befriedigung darüber Ausdruck geben, daß man diese Zusammenkunft "annoch bei gesunder Luft" halten könne. Das Wörtchen "annoch" deutet schon darauf hin, daß man sich nicht mehr völlig sicher fühlte. Acht Tage später meldete der preußische Resident Burchard seiner Regierung, Fleckfieber und andere hitzige Fieber seien in Hamburg derartig im Zunehmen, daß der Verdacht, es könnte eine schlimmere Seuche darunter verborgen sein, zunehme (25). Zweifellos galt es in Hamburg für unpatriotisch, durch verfrühte Schreckensnachrichten die Stadt in Mißkredit zu bringen (26), und es ist sehr wahrscheinlich, daß man sich noch eine Weile, trotz besseren Wissens, die unheilverheißenden Tatsachen kaum zuzuflüstern wagte, bis endlich der Ausbruch der Epidemie in Hamburg für alle Welt offenkundig geworden war (27).
Die vom Hamburger Senat am 9. August 1712 erlassene und ein Jahr später neuaufgelegte "Instruktion für die deputierte Bürger-Officire, Thor- oder Baum-Schreiber und Gemeine, was sie bey Einpassirung der aus der Frembde an hero kommenden Persohnen und Gütern vornemlich zu observiren" haben (28) enthält abermals die Warnung vor den aus Altona und Wandsbek kommenden Juden (Cap. I. Sect. II. Art. 3 u. 4) und den "leicht gifftfassenden Waaren als Haare von Menschen und Vieh, Wolle, Flachs, Hampff, Federn, Betten, Lumpen, Trödel-Waaren und dergleichen" (Cap. Il. Sect. II. AA I). Das Seuchengeschehen schien diese Befürchtungen zu bestätigen, denn von den 1000 Pestopfern in der Nachbarstadt waren über 300 Juden (29). Es handelte sich meist um Trödler, Altkleiderhändler und Schneider mit ihren Familienangehörigen, die in der kleinen Papagoyenstraße in Altona wohnten. Die hohen Seuchenverluste der Juden hatten zur Folge, daß sie diesmal wie Gerson ausdrücklich betont - "nicht als Brunnenvergifter oder Pestsalber beschuldigt wurden" (29a). Während der Cholera-Epidemie 1831 schrieb der Altonaer Arzt Dr. Salomon Levi Steinheim (1789-1866) an Varnhagen von Ense (30):
"Bei jeder Epidemie, gleich ob Pest oder Typhus, wurde stets und überall der schwarze Peter (31) den armen Juden zwiefach zugespielt, die als zunftlose Gesellen notgedrungen mit alten Kleidern und sonstigen Trödelwaren handeln mußten. Einmal wurden sie durch den Handel mit verseuchten Lumpen selbst gefährdet, zum andern wurde ihr Lebensunterhalt erschwert, indem man ihnen diesen gemeingefährlichen Handel untersagte." (32).
Ebba Tesdorpf, Gerkenstwiete im Kirchspiel St. Katharinen
(1893)
(Museum für Hamb. Geschichte, Bildarchiv).
Mitten durch die Straße läuft der Rinnstein
für Abwässer.
Im Hintergrund einige Hühner auf der Gasse; einst
der Tummelplatz von Haustieren und Ratten.
Die Seuche war diesmal mit einer solchen Heftigkeit ausgebrochen, daß man sich gezwungen sah, die Fortschaffung der Leichen nachts vorzunehmen und die Räder der Totenkarren mit Filz zu beschlagen, damit "das nächtliche Rattern durch die Straßen" weniger Schrecken errege (33). Nicht nur in den Gängen und Höfen des Jacobikirchspiels und der Neustadt herrschte jetzt die Pest, sie dehnte sich auch auf das Hafenviertel aus und bedrohte seit dem 14. Oktober plötzlich die ganze Stadt. In der letzten Septemberwoche starben 744 Einwohner. Nicht selten brachen Kranke plötzlich mitten auf der Straße zusammen. Da die Zahl der zu beerdigenden Leichen so ungeheuer zunahm, richtete man auf der Sternschanze neben dem Judenkirchhof einen Pestbegräbnisplatz ein (34). Die Hast, mit der die Pestleichen nachts bei Fackelschein beerdigt wurden, ließen das Gerücht von der Beerdigung Scheintoter aufkommen (35). Besondere Erregung verursachte die Brutalität, mit der die Pestknechte Schwerkranke und Leichen aus den Wohnungen abholten. Der "Eyd der Pest-Träger", den sie daher schwören mußten, spricht für sich:
"Ich lobe und schwere zu GOTT dem Allmächtigen ... Bey Abholung der Todten will ich mit denen Körpern bescheidentlich verfahren, dieselben ja nicht die Treppen herunterwerffen, noch wie das Vieh schleppen, sondern sie mit aller Stilligkeit aus den Häusern, Wohnungen, Sahlen, Kellern heraus und herunter tragen... Wobey ich auch vor GOTT verheiße aus denen Häusern oder Wohnungen, daraus ich Krancke oder Todte trage, nicht das geringste, es sey was es wolle, mit zu nehmen oder zu entfernen. So wahr mir GOTT helffe und Sein Heiliges Wort." (36)
"Eyd der Pest-Träger"
während der letzten Epidemie in Hamburg 1712/13
(Original im Besitz des Autors)
(36a)
Aus den Aufzeichnungen des tüchtigen Pestarztes Dr. Eysener, auf die sich Hartog Gerson beruft, bildeten sich bei den meisten Kranken Beulen, meist in der Leistengegend, seltener in der Achselhöhle oder anderswo (37). Es scheint demnach, daß während der Hamburger Epidemie 1712/13 nur Fälle von Beulenpest beobachtet wurden. Dabei seien, wie in Danzig 1709, Gicht- und Stein-Kranke verschont geblieben, d. h. Wohlhabende. die in rattenfreien Steinhäusern wohnten, ein Phänomen, das man sich damals nicht erklären konnte. Die Dauer der Krankheit betrug gewöhnlich 3 bis 7 Tage, selten 14; war der siebte Tag überstanden, so kam der Kranke meistens durch. Das scheint gewöhnlich mit einer Vereiterung der Bubonen verbunden gewesen zu sein, die anfangs hart und druckempfindlich waren (38). Unter dem Volke herrschte die Meinung, wer die Pest einmal gehabt hat, bekomme sie ein zweites Mal nicht und brauche daher die Berührung mit Pestkranken nicht zu scheuen (39).
In seinen Aufzeichnungen berichtet Dr. Eysener, daß sein "Schutz vor dem Contagion" darin bestand, sich nach jedem Krankenbesuch Hände und Antlitz mit Essigwasser zu waschen und täglich die Leibwäsche zu wechseln (40). Allerdings konnte er das Letztere den Menschen in den Elendsquartieren, die er als Pestarzt aufsuchte, nicht empfehlen, da sie nach dem Motto "omnia mea mecum porto" alles, was sie besaßen, am Leibe trugen "und zwar so lange, bis es zu Lumpen zerfiel". Gab es doch noch 1801, wie der spätere Physikus Rombach berichtet, im reichen Hamburg 4000 arme Familien mit über 7000 Angehörigen, von denen 600 ohne Betten und 2000 ohne Hemden waren (41). Da von den Pestträgern sehr viele der Seuche zum Opfer fielen, verlangte Eysener, daß sie sich nach beendetem Einsatz mit Essigwasser abwaschen und ihre Kleidung während des Schlafes zum Lüften aufhängen sollten, ein Ansinnen, das bei den rohen, abgestumpften, fast stets betrunkenen Kreaturen keine Resonanz fand (41a). Besondere Schutzmaßnahmen speziell gegen die Flöhe, die man noch nicht als "Funken der Epidemie" erkannt hatte, scheint man in Hamburg nicht getroffen zu haben" (42).
Inzwischen verschärften die Bürgerkapitäne ihre Visitationen. Wo sie verdächtige Krankheitsfälle trafen, mußten sie umgehend dem Sanitätskollegium davon Anzeige erstatten, welches die Pestärzte hinschickte, um das Nötige anzuordnen. Die Kranken wurden, wenn möglich, in die Pestlazarette gebracht, die Gesunden in die Quarantänehäuser und in den "Pesthof", der auch vor allem zur Absonderung diente. Es waren 6 Pestärzte und 12 Pestchirurgen tätig, denen in den Häusern 120 Wärterinnen zur Verfügung standen. Nach Fortschaffung der Kranken und Gesunden aus den betroffenen Häusern erfolgte deren Entseuchung durch Schwefelräucherungen und Scheuern mit Laugenlösung sowie anschließendem Weißen der Wände mit Kalk und gründlichem Durchlüften der Räume. Unrat und Lumpen wurden verbrannt (42a).
Für die Abgesonderten konnte man therapeutisch kaum etwas machen. In der Altonaer Pest-Ordnung vom Jahre 1710, die 1312 und 1713 neu aufgelegt wurde, hieß es u. a.: "Es ist kein besseres präservativ zu dieser Zeit als ein Gemüth, welches mit gelassenen Augen die betrübte Zeit ansiehet und ohne Furcht dem Verhängnis und Willen Gottes sich ergiebet, nach welcher Glückseligkeit man am allerbesten zu trachten hat."
Es ist daher auch nicht verwunderlich, wenn man während der Hamburger Pestepidemie 1712/13 die "Wärterinnen im Lazareth" und- ... in der Stadt" in ihrem "Eyd" vor allem dazu verpflichtete, "fleißig mit ihnen (d. h. den Kranken) zu beten und zu singen und sie zur Beichte und Communion zu vermahnen" (42b).
Der Pestarzt Eysener klagte wiederholt in seinen Berichten, daß "der Unverstand und die Böswilligkeit des gemeinen Mannes" es den Pestärzten durch "Verschweigen und Verheimlichung" oft unmöglich mache, die nötige Überwachung und Kontrolle der verseuchten Häuser und Personen durchzuführen. Auch würde man den anderen angeordneten Maßregeln stets Schwierigkeiten in den Weg legen (43).
Allerdings war die Angst der Menschen vor den Pestlazaretten und Quarantänehäusern nicht ganz unbegründet. Von dem Oberchirurgus des Hamburger Pesthofes, der diese Institution eigentlich "verwaltete", hieß es sprichwörtlich, er höre die Spinnen weben, die Flöhe husten und könne sogar die Wanzen zur Ader lassen, lauter Ungeziefer, mit denen seine Hospitalinsassen gesegnet waren (43a). Von dieser "Amtsperson", die sich beim Aderlassen von sieben Barbiergesellen unterstützen ließ, meinte Struensee später spöttisch, sie sei "aus dem gleichen Holz geschnitzt wie einst Meister Rosenfeld" (ein Hamburger Scharfrichter) (44).
Wie es damals um das Pflegepersonal der Hospitäler bestellt war, ergibt sich auch aus dem Umstand, daß man die während der mariatheresianischen Keuschheitskommission in Wien eingefangenen Freudenmädchen, sofern sie nicht abgeschoben oder zum Straßenfegen eingesetzt wurden, kurzerhand als Krankenwärterinnen in die Spitäler gesteckt hat (45). Die männlichen Wärter, bei deren Auswahl es vor allem auf die Körperkraft ankam, gehörten zum Abschaum der Menschheit. Oft stellte man entlassene Sträflinge ein, weil sie "billig und gefürchtet' waren (46). Daher rührte eine durchaus erklärliche Scheu der Bevölkerung vor dem Pesthof. Ein beständiges Übel war die Überfüllung der Anstalt, die normalerweise 800 Personen aufnehmen konnte (47). Auch sonst lag die Verwaltung des Pesthofes im argen.
Überfüllter Krankensaal im Hamburger "Pesthof".
Im Vordergrund eine Beinamputation (ohne Narkose). Links
davon eine Starstichoperation und noch weiter links die Tröstung eines
Sterbenden durch einen Pastor.Davor die Labung eines halbnackten Bettlers
mit Krückstock. Im Hintergrund sechs "Tollkoben",
d. h. Einzelzellen für gemeingefährliche Geisteskranke,
von denen zwei aus den geöffneten Türluken hervorglotzen. Rechts
und links liegen Sterbende. Ein Toter wird von zwei Wörtern aus dem
Saal getragen. Durch die offene Tür links wird in Körben Brot
hereingebracht und unter den Siechen verteilt, die z. T. auf dem Boden
herumrutschen.Über dem Bittblatt aus dem Jahre 1750, mit dem in der
Hansestadt "milde Gaben" für den "Pesthof" gesammelt wurden, stand
mit Fettdruck die Aufforderung an die Spender:
"Neunhundert schreyn hier Weh und Ach!
Thu wohl! Gott segnes tausendfach."
(Staatsarchiv Hamburg, Plankammer 134-6 - 91/451)
"Das Amt eines Ökonomen und Wundarztes", berichtet Rambach, "war in einer Person vereinigt, die es als einträgliche Pfründe betrachtete. Die Kranken schliefen immer selbander in einem Bett und wer nach 10 Uhr des Abends starb, blieb bis zum Morgen bei seinem Bettgenossen liegen; die Nachtstühle standen in den Krankensälen und zur Reinigung der Luft geschah nichts. Die Speisen waren schlecht ... Endlich herrschte in dem ganzen Hause eine Gaunerei, die über alle Begriffe ging. Der Name Pesthof war ein Schrecken für die Armen" (48).
Nicht umsonst hieß es im damaligen Hamburger "Eyd der Köchinnen im Lazareth": "lch lobe und schwere zu GOTT dem Allmächtigen, daß ich E. E. Rathe und der Stadt Hamburg will treu und hold seyn..., die Speise wohl zubereiten, die Ingredientien, so mir gereicht worden, richtig darzu anwenden und nichts von demselben unterschlagen oder entfernen ... So wahr mir GOTT helffe und sein Heiliges Wort" (49).
"Eyd der Köchinnen im Lazareth" während der
letzten Pestepidemie in Hamburg 1712/13 (Original im Besitz des Autors)
Königlich-Dänische Proklamation vom 18. August
1713,
mit der wegen Seuchenverdachts Handel und Verkehr mit
Hamburg einer strengen Kontrolle unterzogen wurden. Die Abkürzung
L.S. (Loco Siggili) deutet die Stelle für das Dienstsiegel an. (Original
im Besitz des Autors)
Jetzt, in der Stunde der höchsten Not, suchten die Feinde Hamburgs aus der Pest noch Profit zu ziehen. Die Dänen schnitten die Stadt durch einen Ring von Truppen und Kriegsschiffen fast völlig von der Welt ab, sie brachten sogar den Postverkehr zum Erliegen und empfahlen allen Handeltreibenden, sich künftig nur noch Altonas statt Hamburgs zu bedienen (50). Die Hannoveraner boten ihre Häfen Harburg und Bremen an (51). Mehrere hundert Schiffe lagen im Hamburger Hafen und konnten nicht auslaufen. Am Ufer wimmelte es von Hausratten, die zwar keine guten Schwimmer, dafür aber um so bessere Kletterer sind. Die Taue, mit denen die vor Anker liegenden Segelschiffe mit der Hafenpier verbunden waren, ermöglichten es ihnen, an Bord zu gelangen. Zwischen den eng verstauten Kisten, Fässern und Säcken konnten sich die Ratten während der oft monatelangen Fahrten ungeheuer vermehren und zu einer Plage in vielfacher Hinsicht werden (52). Daher hat man, wie Gerson berichtet, damals wohl zum erstenmal im Hamburger Hafen an den Schiffstauen verschiedener Segler sternförmige Eisenplatten (Vorläufer unserer "Rattenschilde") angebracht, um den lästigen Schädlingen den Weg an Bord zu versperren (53), womit man zugleich unbewußt auch eine wichtige seuchenprophylaktische Maßnahme getroffen hatte.
"Ratten-Schilde" an den Schiffstauen, die den gefährlichen
Pestverbreitern den Weg versperren sollten.
Am schlimmsten hauste die Pest an der sog. "Waterkant", lagen doch viele Fleete während des warmen Sommers nicht nur zur Zeit der Ebbe trocken, so daß sich Hunderte von Ratten auf dem Schlick tummelten und immer wieder das Ufer erklommen (54). Bereits am 18. August 1713 berichtete der preußische Resident Burchard, daß die Seuche "sonderlich an der Wasserseite, am sogenannten Dovenfleet und im Eichholz an der Wasserpforte ganze Straßen eingenommen" habe (55). Nach einem weiteren Bericht vom 14. Oktober hatte man aus dem an der Alster gelegenen Zuchthaus über 200 erkrankte Personen weggebracht, während in dem günstiger gelegenen Waisenhaus (wo sich 1500 Kinder befanden) noch alles gesund war (56).
Ebba Tesdorpf
Rückseite der Poggenmühle an der Sülze
(1893).
Solche malerisch ineinandergeschachtelten Fachwerkhäuser
waren auch ohne Mehllager ein Eldorado für Ratten.
(Museum f. Hamburgische Geschichte, Bildarchiv)
Die Ratten waren einst vor allem als Schädlinge verhaßt wegen des Schadens, den sie an den Kornbeständen und sonstigen Lebensmitteln anrichteten. Würste, Schinken, ja selbst den Brotkorb mußte man ihretwegen "höher hängen" (57). Gerson erwähnte in seiner Abhandlung verschiedene epidemiologische Details, die retrospektiv auf die Ratten als Ausgangspunkt der Pestepidemie von 1712/13 in beiden Nachbarstädten hinweisen. So starben z. B. damals in Altona und Hamburg auffallend viele Metzger (58), Bäcker und Müller (sammeln sich doch Ratten vor allem in Metzgereien, Getreide- und Mehllagern) (59). In Zusammenhang mit dem Rattenbefall der Bäckereien und Mühlen erwähnt Gerson, die Bäcker und Müller hätten vor ihrer Erkrankung sehr unter Flohstichen gelitten (60). Auf den Gedanken, es könne sich dabei um Rattenflöhe handeln, scheint allerdings niemand gekommen zu sein. Die übrigen Pesterkrankungen erfolgten sowohl in Altona wie auch in Hamburg vor allem bei der armen, in feuchten Kellern und Parterre-Wohnungen hausenden Bevölkerung (61). Die Bewohner der "Bellétage" (d. h. des ersten Stockwerkes über dem Erdgeschoß) und darüber erkrankten nur selten (62). Unter Hinweis auf Avicenna (980-1033) berichtet Gerson, daß man häufig Ratten wie trunken umhertaumeln sah (63). Ein einfältiger Metzgerbursche, der im Spätherbst 1712 in Altona eine solche Ratte erschlagen und mit der Hand angefaßt hatte, starb nachher an Beulenpest.
Die Rattenplage muß in den beiden Elbstädten - infolge der unzulänglichen Abfallbeseitigung - erheblich gewesen sein, denn noch 50 Jahre nach der Pestepidernie wies Struensee in Zusammenhang mit den "Rattengiftverkäufern" und ihren arsenhaltigen Ködern darauf hin, daß eine Rattenvertilgung mit Gift nicht von unkontrollierten Einzelpersonen, sondern nur von der "Obrigkeit" eines Gemeinwesens zu betreiben sei, der auch die Abfallbeseitigung obliege, denn "erst wenn die Dunghaufen aus der Stadt verschwinden, wird es auch nicht mehr so viel Fliegen und Ratten geben" (64)
Rembrandt: Rattengiftverkäufer.
Die Beweise für die Unfehlbarkeit des Mittels läßt
dieser "Herr der Ratten und der Mäuse" an seinem Korb umherbaumeln,
während ein lebendiges Paar der lieblichen Tiere auf seinem Rücken
und auf dem Korbe umherspaziert. Radierung von 1632.
Auf dem neuen Hamburger Pestfriedhof (vor dem Dammtor) wurden in den tiefen Massengräbern die meist nackten Leichen "wie die Heringe" neben- und übereinander geschichtet, und da es bald nicht mehr so viel Löschkalk gab, um sie Schicht für Schicht damit zu bedecken, wurden Hunderte von Fuhren Erde herangekarrt und über den geschlossenen Massengräbern aufgetürmt, um zu verhindern, daß von den verwesenden Pestleichen Giftstoffe in die Luft gelangten (65).
Gegen Ende des Jahres 1713 ließ die Pest allmählich nach. Am Neujahrstage 1314 befahl der Rat, daß von allen Kanzeln sowohl in den Predigten als in einem besonders dazu verfaßten Gebet "Gott für den Nachlaß der Seuche gedankt" werden solle (66). Immerhin ereigneten sich im Laufe des Winters noch einzelne Pestfälle, und erst am Frühlingsanfang konnte man von einem sicheren Ende der Pest in Hamburg reden, der in der Stadt von 1712 bis 1714 über 10 000 Menschen zum Opfer gefallen waren (67). Am 22. März 1314 fand ein allgemeiner Dankgottesdienst statt, der die Kirchen bis auf den letzten Platz füllte. In St. Petri sang man ein Te Deum unter Paukenschlag und Trompetenschall. Wie zu einem Friedensfest erscholl am Nachmittag das Glockengeläut von allen Türmen und das Freudenschießen der 81 Kanonen (68). Der ganze Hafen, in dem mehrere 100 Schiffe auf baldige Ausfahrt hofften, war mit Fahnen und Wimpeln beflaggt. Man prägte eine Denkmünze an diese Zeit: Auf der einen Seite zeigt sie die Stadt mit dem neubelebten Elbstrom, andererseits die Sonne, vor deren Strahlen die Wolken weichen, und einen Regenbogen mit den Worten: "Post funera munera coeli" (69).
Aber erst zehn Wochen später begannen die Nachbarstaaten ihre Absperrmaßnahmen vorsichtig, Schritt für Schritt, zu lockern.

Die 1714 nach dem Erlöschen der Hamburger Pest geprägte
Gedenkmünze (aus Langermanns "Hamburgisches Münz- und Medaillen-Vergnügen",
Hamburg 1753. Zwey und dreißigstes Stück). Ein Original dieser
Silbermünze mit der Aufschrift "Post funera munera coeli" befindet
sich im Münzkabinett des Museums für Hamburgische Geschichte.
Allein das Mißtrauen wirkte noch lange nach. Noch am 10. April 1315 verwahrte sich der Hamburger Rat in einer feierlichen "Notification" gegen die in "Ober-Teutschland" umlaufenden Gerüchte, daß Hamburg weiterhin "ansteckender Krankheit wegen verdächtig" sei. Da man sich scheute, das Wort Pest auszusprechen, erscheint es etwas weitgegriffen, wenn in der gleichen Publikation sämtliche namentlich aufgeführten Hamburger Ärzte und Chirurgen eidesstattlich erklären, daß sie "keine Patienten haben, die an einer verdächtigen ansteckenden Krankheit leiden" (70).
Es war die letzte Pestepidemie, die Hamburg und Deutschland betroffen hatte. Sechs Jahre später (1320) kam es in Südfrankreich, vor allem in den Hafenstädten Toulon und Marseille, zu einer schweren Pestepidemie (71), auf die, wie bereits erwähnt, Hartog Gerson wiederholt hingewiesen hat. In einer Proklamation des Senats vom 29. November 1720 "wegen der zu Marseille in Frankreich grassierenden Contagion" wurde erneut auf eine strenge Personen- und Warenkontrolle an Hand von Gesundheitspässen hingewiesen und nachdrücklich vor "frembden Juden gewarnt" (72).
Gerson, der selbst keine Pestepidemie erlebt hatte, beschäftigte sich dennoch sehr eingehend mit dieser Plage, von der damals noch niemand zu hoffen wagte, daß sie nach Westeuropa nicht mehr zurückkehren würde (72a).
Ebba Tesdorpf
Haus Merck & Goßler, Alter Wandrahm Nr. 20
und 21 (1886).
(Museum für Hamb. Geschichte, Bildarchiv).
Das geräumige Doppelhaus aus dem 17. Jahrhundert
blieb 1712/13 von der Pest verschont wie auch andere festgebaute und saubergehaltene
Steinhäuser des Hamburger Patriziats, da sie den Ratten keinen Unterschlupf
boten. Am Ende der Napoleonischen Besatzungszeit (1813) ließ Marschall
Davout das Haus Merck & Goßler beschlagnahmen und in ein Lazarett
für Fleckfieberkranke umwandeln.
Er bezweifelte mit Recht die Glaubwürdigkeit der "Gesundheitspässe", mit denen die meisten aus der Levante kommenden Schiffe versehen waren: "Es ist bekannt, daß man die Pest allenthalben, wo sie ausbricht, so lange es nur möglich ist, verleugnet und verheelet." Es sei daher stets damit zurechnen, daß "Documente verfälschet, Zeugen bestochen und zum Meineyd bereit sind ... Daher sollte man bey Verdacht auf Infection keinem ,reinen Gesundheits-Passe' trauen, zumahl man schon so manche Exempel hat, wo sie falsch waren. Capitain Chataud kam 1720 mit drey reinen Gesundheits-Pässen von Seyde, Tripolis und Cypern in Marseille an und hatte die Pest an Bord" (73).
Am Schluß seiner Abhandlung geht Gerson in Zusammenhang mit der Marseiller Pestepidemie auf die ersten Versuche zur experimentellen Übertragung von Infektionskrankheiten ein, die 1721 von Antoine Deidier, Professor aus Montpellier, in der pestbefallenen Hafenstadt durchgeführt wurden.
Als Kontagionist wies Deidier auf den einst in Rom wirkenden Jesuitenpater Athanasius Kircher (1601-1680) hin, der mit Hilfe des Mikroskops im Buboneneiter von Pestkranken kleinste "Würmlien" ("vermiculi") als Erreger "observiret" zu haben glaubte (74). Um die "Vers pestilentiels" im Tierversuch nachzuweisen, bediente sich Deidier allerdings nicht des Buboneneiters, der für ihn im Sinne des "pus bonum" bereits als ein "Anzeichen der Heilung" galt (75), sondern der Galle von Pestleichen, deren Sektionsbefund stets beschrieben ist. Als Versuchstiere benutzte er Hunde, da diese laut Gerson seit der großen Londoner Pestepidemie als besonders empfänglich galten (76).
Deidiers Versuche sind bis ins Detail so logisch durchdacht, daß sie einen auch heute noch faszinieren (77). Von den Versuchsreihen möchte ich drei besonders hervorheben: die, 1., bei der eine orale, die 2., bei der eine subkutane und die 3., bei der eine intravenöse Infektion der Hunde erfolgte (78). In der 1. Versuchsreihe (IX) wurden zwei Hunde nach der Verfütterung von Galle vorübergehend krank. Als man sie später mit kranken Hunden zusammensperrte, blieben sie gesund (79). In der 2. Versuchsreihe (I) erfolgte die Infektion der Hautwunden mehrerer Hunde mit Galle. Mit Ausnahme eines Tieres verendeten sie nach 3-4 Tagen mit Bubonen, Karbunkeln und gangränösen Entzündungen der Eingeweides (80). In einer 3. Versuchsreihe wurde jeweils mehreren Tieren Galle in die Vena jugularis (III) bzw. in die Vene cruralis eingespritzt. In beiden Fällen Bubonen am 3. Tag und Tod nach 4 Tagen (81). Von den im Experiment typisch eingegangenen Tieren wurden jeweils weitere Hunde intravenös mit Hundegalle infiziert (VII). In allen Fällen erfolgte der Tod nach 3-4 Tagen mit Bubonen und Gangrän der Injektionsstelle. Galle von diesen Hunden, anderen injiziert, brachte dieselben Wirkungen hervor (VIII).
Es spricht für Gerson, daß er Deidiers Versuche, die bei den Zeitgenossen wenig Verständnis fanden, richtig eingeschätzt hat (82). Er warf dabei die Frage auf, ob es nicht aus Raumersparnis und um eine Belästigung der Nachbarschaft durch Hundegeheul zu vermeiden, zweckmäßiger wäre, Ratten als Versuchstiere zu benutzen. Vermutlich war es ihm bekannt, daß Struensees Großvater mütterlicherseits, Dr. Johann Samuel Carl, in Zusammenhang mit seinen Milbenstudien von experimentellen Ratteninfektionen berichtete (83).
Das von Gerson wiederholt zitierte Buch d'Antrechaus über die Pest in Toulon im Jahre 1721 (84) wurde auf Anregung seines Hamburger Freundes J. A. H. Reimarus durch Baron Knigge ins Deutsche übersetzt ("Herrn von Antrechaus merkwürdige Nachrichten von der Pest in Toulon, welche im Jahre 1721 daselbst gewüthet hat." Hamburg, 1794). In der von Reimarus verfaßten "Vorrede über die allgemeinen Eigenschaften ansteckender Seuchen zu Knigges Übersetzung ..." wird das Kontagion so charakterisiert: "Das Merkzeichen, welches den Seuchenstoff von eigentlichen Giften auszeichnet, finde ich darin, daß sich die durch ihn erregte Krankheit im lebendigen Körper von einem zum andern fortpflanzt. Ich vermuthe daher, daß er (d. h. der "Seuchenstoff") eine Art von feinem lebendigen und sich vermehrenden Wesen ist" (S. 31-32)135).
Allein aus den Ausführungen von Hartog Gerson und J. A. H. Reimarus, die beide mit dem genialen Kontagionisten Johann Friedrich Struensee befreundet waren, ist zu ersehen, was für eine geistige Aktivität während der Aufklärungszeit in den beiden Elbstädten in bezug auf Infektionskrankheiten entfaltet wurde.
Der mikroskopierende Kontagionist Gerson erwähnt wiederholt, doch
meist zusammenhanglos, die zwei Anfangsglieder der Pest-Infektkette ...
Ratte - (Ratten)-Floh - Mensch, vermochte sie aber nicht miteinander kausal
zu verknüpfen, denn es fehlte damals eben noch mehr als eine "Sproße
aus der Leiter der Erkenntnis". Auch wenn Gerson eine Pestepidemie erlebt
hätte, wäre er infolge der optischen Unzulänglichkeiten
der damaligen Mikroskope nicht in der Lage gewesen, einen Nachweis der
Pestbakterien zu erbringen. Mit dem Tierversuch, ohne Kenntnis des Erregers,
konnte man zwar die Obertragbarkeit der Pest experimentell nachweisen,
nicht aber die komplizierte, heterogene Infektkette aufklären, deren
Kenntnis zu einer wirkungsvollen Seuchenprophylaxe unabdingbar ist.
(1)
Jeder Pestepidemie beim Menschen muß eine entsprechende Epizootie
unter gewissen Nagetieren vorangehen. Solche Epizootien kommen nur in wärmeren
Monaten vor und decken sich jahreszeitlich mit dem Vermehrungsmaximum der
Flöhe und der Wurfzeit des betreffenden Nagetieres, d. h. mit dem
Erscheinen einer undurchseuchten, anfälligen Generation.
(1a)
Im Erscheinungsjahr der Lübecker Bibel (1494) wütete die
Pest in Hamburg und Bremen, um im nächsten Jahr auch Lübeck wieder
heimzusuchen. [Job. Schiphonerus in chron. Oldenb. Archiv Comitum ap. Meibom,
Rer. German. Tom II. p. 188 (1497).]
(2)
Asdod: Eine der fünf philisteischen Fürstenstädte an
der Küste des Mittelmeeres südlich von Jaffa.
(3)
Die Septuaginta (älteste griechische Übersetzung des Alten
Testamentes) und die Vulgata (von der katholischen Kirche beglaubigte lateinische
Bibelübersetzung) haben auch im V. Kapitel, wo im ursprünglichen
hebräischen Text allgemein nur von Beulen gesprochen wird, noch hinzugefügt.
. ." und mitten in ihrem Lande tauchten Mäuse auf, und es gab eine
tödliche Bestürzung furchtbarer Art in der Stadt." Diesem Text
folgte auch die niederdeutsche Obersetzung der Lübecker Bibel. (Bei
der Obersetzung half mir liebenswürdigerweise Prof. H.-D. Loose, Direktor
des Hamburger Staatsarchivs.)
(4)
Diese Nachbildung von "Mäusen" (bzw. Ratten) gehörte ebenso
in den Bereich der Magie wie die Geschichte von den "feurigen Schlangen"
(4. Mose 21), die womöglich eine Reminiszenz an einen gehäuften
Befall mit Medinawurm darstellt. Bei der Nachbildung der Pestbeulen handelt
es sich um den ältesten Beleg für ein Krankheits-Exvoto. Solche
Weihegaben in Gestalt von Krankheitsnachbildungen kann man noch immer in
süddeutschen katholischen Kirchen sehen.
(5)
Hartog Gerson, Der Talmud und die Arzneykunde. Gemeinnütziges
Magazin. o. O. 1361, St. 11., S. 109. - Auch Lewysohn, dem wir eine minutiöse
Bearbeitung der im Talmud genannten Tiere verdanken, schreibt im Abschnitt
über die Ratte (§ 139): "Der Name λ1) (,Akbar')
bezeichnet das ganze Mausgeschlecht, zu welchem auch die Ratte gehört",
weshalb manches von der Maus Gesagte in § 137 seines Buches auch von
jener gelten kann, so insbesondere "das Verschleppen von glänzenden
Gegenständen, das Zerbeißen der Kleider, das Zernagen des Holzes
und die Schädlichkeit und Gefräßigkeit des Thieres überhaupt".
Anschließend erwähnt er eine Talmudstelle (B. mez. 97, a), wonach
eine Katze von "Mäusen", die sie vertilgen sollte, totgebissen worden
sei. Dies könne sich, so folgert Lewysohn, nur auf Ratten beziehen,
welche im Gegensatz zu den ängstlichen Mäusen erfahrungsgemäß
manchmal den sie angreifenden Katzen gefährlich würden (S. 108).
Auch die Beobachtungen, daß man selbst menschliche Leichname vor
ihrem Anfressen bewahren müsse (Sabbat 151, b), was auch auf Schiffen
zu beachten sei (Berachoth 18, a) und daß sie (d. h. die Mäuse)
aus Viehhäuten Stücke herausnagen (Berachoth 29,b), weshalb es
die Gebetsriemen vor ihnen zu verwahren gilt (Raschi zu Berachoth 24, a),
dürften sich auf die Ratten beziehen (S. 106). (L. Lewysohn, Die Zoologie
des Talmud. Frankfurt a. M. 1858, S. 107).
(6)
Das Heer des Assyrerkönigs Sanherib (703-680 v. Chr.) soll nach
dem biblischen Bericht (2. Buch der Könige, 19,35 und Jesaia 37,36)
bei der Belagerung von Jerusalem durch den "Engel des Herrn", wie die Pest
umschrieben wurde, vernichtet worden sein. Der griechische Historiker Herodot
erzählt dagegen im z. Band seiner "Geschichte" (141), die Mäuse
(= Ratten) hätten das assyrische Heer dadurch zum Abzug gezwungen,
daß sie ihnen des Nachts die Bogenstränge und Schildriemen zernagten.
- Hier werden für ein und dieselbe Wirkung zwei verschiedene Ursachen
(Pest bzw. Ratten) herangezogen, die nach unserem heutigen Wissen in kausalem
Zusammenhang miteinander stehen.
(7)
So heißt es in den Psalmen: "Gott ist ein rechter Richter, und
ein Gott, der täglich drohet. Will man sich nicht bekehren, so hat
er ... seinen Bogen gespannet und zielet, und hat darauf gelegt tödliche
Geschosse. Seine Pfeile hat er zugerichtet zum verderben" (Psalm 7, 12-14).
Und Hiob klagt: "Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir ... und
die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet' (Hiob, 6,4). - Der Sonnengott
Apollo, der seine Beleidiger mit Pestpfeilen zu strafen pflegte, hieß
bei Homer zugleich auch noch "Smintheus", d. h. "Mäusegott" (Ilias,
1,39). Die Maus wurde im Altgriechischen mys, daneben aber auch sminthos
oder sminthion genannt.
(8)
Die von 1709-1711 in Ostpreußen herrschende Pestepidemie deckte
die heillose Fäulnis der Verwaltung auf, von der ein Bericht des Sanitätskollegiums
an den König (Friedrich I.) sagte, sie "erzeuge und nähre die
pestilenzialische Seuche". Unter Anspielung auf diese Mißstände
hat Leibniz (1646-1716) in einem französischen Brief geschrieben:
"Erst wenn ein Haus in Flammen aufgeht, erkennt man, wieviel Ungeziefer
darinnen ist. Dann erfährt sogar der König, daß er mit
so mancher Ratte unter einem Dach gehaust hat." (Franz Schnabel, Europa
im Zeitalter des Absolutismus. Leipzig 1932, S. 49).
(8a)
Wenn man heute an der Grenze seinen Paß vorweist, denkt kaum
jemand daran, daß diese Kontrolle ihren Ursprung im Gesundheitspaß
der Pestzeit hat. Anstelle des Paßphotos war dort eine umständliche
Beschreibung der jeweiligen Person üblich, wobei man die Form des
Gesichtes, insbesondere der Nase, die Farbe der Augen und Haare und besondere
Merkmale hervorhob. Es spricht für die weite Verbreitung der Pocken
in jener Zeit, daß als unveränderliches Kennzeichen auch das
"Freysein des Gesichtes von Blattern-Narben" galt. (Noch in einem Steckbrief
zur Zeit der französischen Revolution wurde darauf hingewiesen, daß
der Gesuchte keine Pockennarben habe.)
(9)
Da die Pestepidemie im Osten vielerorts zu blutigen Pogromen führte,
setzte eine Massenflucht polnischer Juden nach dem Westen ein. (A. Steinberg,
Geschichte der Pogrome im Osten. Breslau 1928, S. 43).
(10)
Hartog Gerson, Merkwürdige Observationen über das anno 1712
und 1713 in Altona grassirende Contagium. Altona 1762, S. 5. - Adolf Wohlwill,
Hamburg während der Pestjahre 1712-1314. Hamburg 1893, S. 44.
(11)
Als scharfer Beobachter wußte er, daß solche Waren, die
oft von den Opfern der Epidemie stammten, "wie ein Nessoshembd wirken".
Allerdings ahnte er noch nicht, daß ihre Kontagiosität oft durch
infiziertes Ungeziefer (bei Pest durch Rattenflöhe, bei Fleckfieber
durch Kleiderläuse) bedingt war.
(11a)
Viele Häuser besaßen ihren Misthaufen, auf dem sich Schweine
und Hühner herumtrieben. Dorthin wurde aller Abfall und Unrat ausgeleert.
Diese Misthaufen waren stets von unzähligen Ratten bevölkert.
(Gerson (wie Anm. 10) S. 9.)
(12)
Gerson (wie Anm. 10) S. 6. - Wohlwill (wie Anm. 10) S. 44-45.
(13)
Wohlwill (wie Arno. 10) S. 13. - Die Beschuldigungen der Dänen
erinnern oft an die bekannte Fabel von dem Wolf und dem Lamm.
(14)
Eckart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg, Hamburg 1981, S. 218-219.
(15)
"Hamburger Pestbuch". - "Mandatum wegen der Contagion d. 7. September
1712." - Abgeheftet im oben erwähnten "Pestbuch". -Nach der Hamburger
Pestepidemie 1712/13 hat Senator Lochau eine umfangreiche Sammlung von
Drucksachen aus jener Zeit, die sich auf die Seuche bezogen, angelegt.
(s. Hinweis b. Wohlwill wie [Anm. 10] S. 53 Fußnote 1.) Diese einmaligen
Zeitdokumente, die vermutlich Lochau zu einem "Pestbuch" zusammenbinden
ließ, befinden sich in meinem Besitz. In dieser Abhandlung erfolgt
daraus erstmalig die Reproduktion einiger Seiten.
(16)
Wohlwill (wie Anm. 10), S. 50. - Diese Angabe findet sich in einem
Bericht des hannöverschen Gesandten Grote vom 4. Oktober 1712 und
in dem Schreiben v. Werrups, des Landdrosten von Lauenburg, an den Hamburger
Senat vom 6. Oktober 1712. (Während der Epidemie von 1634 erfolgte
die Einschleppung der Pest nach Oberammergau in ähnlicher Weise durch
einen Knecht, ein Ereignis, an das heute noch - aufgrund eines Gelöbnisses
- die alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele erinnern.)
(17)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 51. - Auch zu den ersten Fällen der
letzten Hamburger Cholera-Epidemie gehörten "drei Habenichtse" aus
diesem Milieu: Es waren Insassen der "Finkenbude", eines berüchtigten
Obdachlosenasyls, in dem Bettler und Landstreicher "für zwei Groschen
(wie auf jener Zeichnung von Daumier) die Nacht über einem quergespannten
Tau hängend verbringen konnten. Man weckte sie, indem man das Tau
an einem Ende aushakte, so daß sie zu Boden fielen, was gleichzeitig
ein Zeichen zum Räumen des Lokals war.
(W. Melhop, Alt-Hamburgisches Dasein, Hamburg 1899, S. 43. - Bereits
1831 brach die Cholera in einer Bettlerherberge [im "Tiefenkeller"] in
der Nikolaistraße aus.)
(18)
Gerson (wie Anm. 10) S. 7; Wohlwill (wie Anm. 10) S. 51; Klessmann
(wie Anm. 14) S. 232.
(18a)
Melhop (wie Anm. 17) S. 36. - Etwa 120 Jahre später während
der ersten Hamburger Cholera-Epidemie 1831/32 besaß die Stadt 8500
Häuser, 11300 "Säle" (Wohnungen in den oberen Stockwerken der
Hintergebäude), 3380 "Buden" (Wohnungen im Erdgeschoß der Hinterhäuser)
und 1800 Wohnkeller. In letztere, die auch sonst "immer feucht, dunkel
und modrig" waren, drang 3-4mal im Jahr das "Hochwasser" ein. Auf diese
ca. 25000 Wohnungen verteilten sich die 145000 Einwohner der Hansestadt
(Melhop (wie Anm. 17] S. 36).
(19)
Gerson (wie Anm. 10) S. B. - Daß die Beulenpest fast nie Wohlhabende
befiel, sondern ihre Opfer in den Elendsvierteln fand, war den Ärzten
jener Zeit längst aufgefallen. Wird doch die Beulenpest - was man
damals noch nicht erkannt hatte - durch die Ratten und deren Flöhe
verbreitet, die es in den massiven und sauber gehaltenen Steinhäusern
der Wohlhabenden nicht gab.
(20)
Gerson (wie Anm. 10) S. 8; Wohlwill (wie Anm. 10) S. 54.
(21)
Gerson (wie Anm. 10) S. B. - Aromatische "Pestessige" waren die Vorläufer
jener Essenz, die erstmalig 1710 von dem Italiener Farina in Köln
als Pestprophylaktikum hergestellt wurde. Als diese Essenz von französischen
Offizieren nach Versailles gebracht wurde, erhielt sie den Namen "Eau de
Cologne".
(21a)
Bei der barfuß gehenden armen Bevölkerung schwollen vorwiegend
die Leistendrüsen an, da die Infektion durch Rattenflöhe meist
an den nackten Beinen erfolgte. Dafür spricht eine von Gerson zitierte
Statistik des damals verstorbenen Pestarztes Dr. Majus. Demnach waren bei
75 Pestkranken, die er gesehen hatte, 67mal die Leistendrüsen, 6mal
die Achseldrüsen und 2mal die Halsdrüsen geschwollen. Eine Erklärung
für die unterschiedliche Lokalisation hatte Gerson nicht (Gerson [wie
Anm. 10] S. 9).
(22)
Gerson (wie Anm. 10) S. 31. - Die Flöhe fanden eine Brutstätte
vor allem in den feuchten, lichtlosen Schlafstuben mit ihren Strohsäcken,
die daher auch "Flohsäcke" genannt wurden. Um sich der Flöhe
einigermaßen zu entledigen, wurden in Hamburg noch in den achtziger
Jahren des 19. Jahrhunderts vor den Höfen an den Stichtagen für
den Wohnungswechsel, dem 1. Mai und 1. November, das Bettstroh auf der
Straße verbrannt. Schlugen die Flammen hoch mit Funkengeprassel,
so riefen die Straßenjungen: "Kiek, se springt! se springt!" (nämlich
die Flöhe). (Melhop [wie Anm. 17] S. 37.)
(22a)
Melhop (wie Anm. 17) S. 19. - Man meinte verärgert, dies erinnere
an die plattdeutsche Weisheit: "Dat helpt för de Mülls'- sä
de Buur, und steek sien Hus an." - Übrigens galten damals Läuse
und Flöhe als unzertrennliche Kameraden, wie dies z. B. in dem Grimmschen
Märchen "Lauschen und Flöhchen" zum Ausdruck kommt. Während
man die Laus wegen ihrer Langsamkeit und grauen Farbe abstoßend fand,
erregte der flinke Floh durch seine kühnen Sprünge und seine
Dreistigkeit allgemeine Heiterkeit und erfreute sich großer Beliebtheit,
was Fischarts Epos "Flöh-Hatz, Weiber-Tratz" beweist, das von 1573
bis 1610 9 Auflagen erreichte. In Hamburg erschien 1592 sogar eine "Flohfade",
die in "makkaronischer Manier", d. h. in einer skurrilen Mischung von Latein
und Deutsch, verfaßt war. Der Anfang ihres schier endlosen Titels
lautete: "Floia de Magna humani generis Bloga . . ." (v. Fossel, Hygiene
einst. Leipzig 1904 S. 29).
(22b)
Melhop (wie Anm. 17) S. 22
(23)
Klessmann (wie Anm. 14) S. 219
(23a)
Da Altona als pestverseucht galt, wiesen die Hamburger die vielen Flüchtlinge
aus der niedergebrannten Nachbarstadt zurück, was Voltaire in seiner
Schrift "Histoire de Charles XII." zu der heftig umstrittenen Beschuldigung
bewog, die Hamburger hätten die um Hilfe flehenden Nachbarn bei klirrender
Kälte vor ihren Toren erfrieren lassen.
(24)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 56
(25)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 60/61
(26)
Bereits 1711 wurde in London und Amsterdam das Gerücht verbreitet,
in Hamburg sei die Pest ausgebrochen, was aber vom Rat verheimlicht würde.
Trotz aller Versicherungen, daß es in Hamburg keinen einzigen Pestkranken
gäbe, waren Mißtrauen und Furcht doch so groß, daß
die Häfen von Malaga, Cadiz und Rouen alle Schiffe mit Hamburger Flagge
abwiesen (Klessmann (wie Anm. 14) S. 31).
(27)
"Es schrecken Dich des Nachts die todbeladenen Wagen,
Und davon durfte ja kein Mensch ein Wörtchen sagen."
So hieß es in einer nach dem Erlöschen der Epidemie entstandenen
Dichtung (Wohlwill (wie Anm. 10] S. 61).
(28)
Hamburger Pestbuch (wie Anm. 15)
(29)
Gerson (wie Anm. 10) S. 9. - Auch anderswo erging es den Juden ähnlich.
So gab es z. B. 1713 in Prag 36 000 Pesttote, darunter 12 000 Gettojuden
(Dieudonné (wie Anm. 22) S. 31). - In Wien grassierte die Pest im
Jahre 1697 ebenfalls zunächst im Judenviertel und in den übrigen
ärmlichen Vororten, wie es in einer Predigt von Abraham a Santa Clara
heißt.
(29a)
Gerson (wie Anm. 10) S. 9
(30)
Varnhagen von Ense, preußischer Diplomat und Schriftsteller,
war verheiratet mit der geistreichen Rahel (geb. Levin), die in Berlin
einen schöngeistigen Salon unterhielt.
(31)
Auch in dem sog. "Schwarzen Peter", einem Kartenspiel, das heute nur
noch von Kindern gespielt wird, bei dem der Verlierer, d. h. derjenige,
der mit der Karte des Schwarzen Peters übrig bleibt, einen schwarzen
Strich im Gesicht erhält, klingt die Erinnerung an den "schwarzen
Tod" nach. Die Redewendung bei diesem Kartenspiel "auf den Scheiterhaufen
werfen" mahnt an die Sitte des Verbrennens von Pestleichen.
(32)
Klaus Köhler, Ärztebriefe aus vier Jahrhunderten. Wien 1892,
S. 201
(33)
Gerson (wie Anm. 10) S. 10; Wohlwill (wie Anm. 10) S. 65.
(34)
Gernet, Mittheilungen aus der älteren Medicinalgeschichte Hamburgs.
Hamburg 1869, S. 280.
(35)
Gerson (wie Anm. 10) S. 11
(36)
Pestbuch (wie Anm. 15). - Auch aus der Zeit der letzten Hamburger Cholera-Epidemie
1892 werden von den Leichenträgern Geschichten erzählt, die einen
erschauern lassen. So berichtet z. B. Melhop von einem angetrunkenen Leichenträger,
der die Treppe eines Mietshauses hochgepoltert kommt und versehentlich
an die falsche Tür klopft: "Ick sall hier'n Liek afholn". ("Ich soll
hier eine Leiche abholen".) Als man ihm mehr entsetzt als verärgert
zu erklären versucht, daß "in dieser Wohnung niemand gestorben"
sei, lallt er gewissermaßen entschuldigend: "Geood (Gut), denn
kom ick morgen wedder" (Melhop [wie Anm. 17] S. 49).
(36a)
Im Pestbuch sind Eidesformeln ähnlicher Art auch für Subchirurgen,
Pflegerinnen und Köchinnen im Pestlazarett abgeheftet. (Hamburger
Pestbuch [wie Anm. 15]).
(37)
Gerson (wie Anm. 10) S. 14
(38)
Gerson (wie Anm. 10) S. 14; Gernet (wie Anm. 34) S. 282.
(39)
Gerson (wie Anm. 10) S. 15. - Gerson weist bei dieser Stelle auf Thukydides
hin, der bei der attischen Pest über die gleiche Erfahrung berichtet.
(40)
Als der spätere Feldmarschall Moltke im preußischen Auftrag
die türkische Armee reformieren sollte, verfuhr er 1837 in Konstantinopel,
ohne von der Überträgerrolle der Rattenflöhe auch nur das
geringste zu ahnen, in ähnlicher Weise. In einem Brief an seine Frau
schrieb er: "Während der diesjährigen Bubonenpest, der heftigsten,
die seit einem Vierteljahrhundert hier gewütet, bin ich ganze Tage
in den engsten Winkeln der Stadt und der Vorstädte umhergegangen,
bin in die Spitäler selbst eingetreten, gewöhnlich umgeben von
Neugierigen, bin Toten und Sterbenden begegnet. Das große Arcanum
ist Reinlichkeit: sobald ich zu Hause kam, wechselte ich von Kopf bis Fuß
Wäsche und Kleider, und letztere blieben die Nacht durch im offenen
Fenster aufgehängt."
(41)
Johann Jakob Rombach, Versuch einer physisch-medizinischen Beschreibung
von Hamburg. Hamburg 1801, S. 231; Gernet (wie Anm. 34) S. 330.
(41a)
Gerson (wie Anm. 10) S. 16.
(42)
Zum Schutz vor Flöhen, die man als zusätzliche Plage empfand,
trugen Ärzte und Geistliche während der Pestepidemie in Marseille
1720 Stiefel aus Juchtenleder, mit Birkenteeröl gefettet. (Adolf Dieudonné.
Die Pest in den letzten Jahrhunderten. Leipzig 1906, S. 24).
(42a)
Gernet (wie Anm. 34) S. 278.
(42b)
Hamburger Pestbuch (wie Anm.15). - Neben dem Gebet beschränkte
sich die Behandlung auf die chirurgische Eröffnung der Pestbeulen.
(43)
Gerson (wie Anm. 10) S. 25. - Gernet (wie Anm. 34) S. 283.
(43a)
W. Melhop, Alt-Hamburgisches Dasein. Hamburg 1899, S. 25. Auch in der
Berliner Charité war die zerrissene Krankenwäsche, da sie nicht
oft genug gewechselt werden konnte, voller Ungeziefer, wie überhaupt
im Hause große Unsauberkeit geherrscht haben soll (Charité-Akten
Il 4 No. 1 Vol. 3 fol. 26).
(44)
E. Meynert, Philipp Gabriel Hensler und seine Zeit. 1834, S. 49. Meister
Rosenfeld war der Scharfrichter, der 1401 die Massenhinrichtung der Störtebekerschen
Piraten mit dem Schwert vollzog und dabei bis über die Knöchel
im Blut gestanden haben soll. Als ihm der am Richtplatz in corpore versammelte
Rat "ein höflich theilnehmend Wort' über seine enorme Anstrengung
sagen ließ, erwiderte er treuherzig, er habe Kraft genug, um Augenblicks
auch noch den ganzen hohen Rat um einen Kopf kürzer zu machen (Otto
Beneke, Von unehrlichen Leuten. Hamburg 1863, S. 148).
(45)
Friedrich Nicolai, Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die
Schweiz im Jahre 1781. Berlin 1784.
(46)
Melhop (wie Anm. 17) S. 25.
(47)
Rambach (wie Anm. 41) S. 297. -Noch während der Pest in Marseille
1720 nannte man die überfüllten Hospitäler "die Vorzimmer
des Todes".
(48)
Rambach (wie Anm. 41) S. 414 f. -Sogar im friderizianischen Preußen,
das infolge seiner eisernen Disziplin als vorbildlich galt, war es in dieser
Hinsicht nicht viel besser, klagte doch der große Friedrich in seinem
"geheimen Testament von 1768": "Wir sehen in Preußen (namentlich
in der Verwaltung der Kranken- und Altersheime) traurige Beispiele von
Habgier und Räuberei; sie sind eine Schande für die Beamten,
an deren Ehrlichkeit man nicht hätte zweifeln dürfen." (Die politischen
Testamente [Friedrichs des Großen] Übers. v. F. v. Oppeln-Bronikowski.
Berlin 1922, S. 184.-) Selbst an der Berliner Charité waren Unterschlagungen
an der Tagesordnung. Manche Beschwerde des Chirurgen Joachim Friedrich
Henckel spricht für schwere Mißstände. So schrieb er z.
B. 1774: "Ich bin gedrungen nach meiner Pflicht anzuzeigen, daß bey
meinen Krancken ein allgemeines Klagen über schlechte und alzu wenige
Speise sey, ja ich habe mich letzthin schämen müssen für
denen fremden Studiosis, da eine Krancke mir ihre Nahrung vorzeigte, dieselbe
konnte nicht schlechter seyn (Charité-Akten 114 No. 1 Vol. 3 fol.
31.)
(49)
Hamburger Pestbuch (wie Anm. 15).-Auch Struensee scheint 50 Jahre später
in Altona auf Unredlichkeiten gestoßen zu sein. Denn schon 1761 verlangte
er eine rigorose Bestrafung jener Personen, die den mittellosen Kranken
"in den Lazarethen" von dem "ihnen Zugetheilten auch nur das Geringste
vorenthalten oder wegstehlen". (Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen
sey. Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück 111, S. 179.)
(50)
Scheinbar wollte der dänische König diese günstige Gelegenheit
nicht vorübergehen lassen, um von Hamburg endlich die verweigerte
Erbhuldigung zu erzwingen. Seine Truppen standen nämlich nicht auf
dänischem, sondem hamburgischem Grund und Boden, in Eimsbüttel,
Eppendorf und auf dem Hamburgischen Ufer der Alster (Wohlwill [wie Anm.
10] S. 63).
(51)
Klessmann (wie Arm. 14) S. 234.
(52)
Wenn beim Anlaufen eines verseuchten Hafens pestinfizierte Ratten an
Bord gelangten, kam es leicht zu einer Pestenzootie unter den Schiffsratten,
was infolge der Beengtheit und hygienischen Unzulänglichkeit der Schlafräume
an Bord sehr bald vereinzelte oder gehäufte Pestfälle unter der
Mannschaft zur Folge hatte. Mitunter kam es zu den gefürchteten Schiffsepidemien,
denen bei den wochen- und monatelangen Oberseefahrten noch vor Erreichung
eines Hafens fast die gesamte Mannschaft zum Opfer fiel. Wer ein so ziellos
dahintreibendes "Gespensterschiff" auf hoher See oder nach dessen Strandung
betrat, um Hilfe zu bringen, holte sich meist selbst den Tod. Solchen Erlebnissen
entsprang die Sage vom "Fliegenden Holländer".
(53)
Gerson (wie An. 10) S. 23. - Wer kennt nicht die großen Teller
an den Schiffstrossen, mit denen die Seeschiffe am Hafenkai festgemacht
werden? "Rattenschilder", mit Winkeleisen rechtwinklig an den Schiffstauen
befestigt, verhindern den Ratten das Ins-Schifflaufen.
(54)
Gerson (wie Anm. 10) S. 23. - Wohlwill (wie Anm. 10) S. 65. - Ober
diese Mißstände klagte man noch lange. Einige Fleete waren bei
Ebbe fast immer trocken und verbreiteten dann unangenehme Verwesungsdünste.
Dies konnte auch bei starkem Ostwind der Fall sein, durch den das Wasser
aus den Fleeten herausgetrieben wurde. Ganze Rudel von Ratten liefen dann
über den Schlick" (Melhop [wie Anm. 17] S. 28).
(55)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 65. -Schon der Hamburger Pestarzt Boekelius
stellte 1597 lapidar fest: "Das meiste Sterben geschieht aus den Kellern."
(Johann Boekelii, Pestordnung der Stadt Hamburg, Hamburg 1597.)
(56)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 65.
(57)
Die Rattenfänger-Sage ist eine Reminiszenz aus der Zeit einstiger
Rattenplagen. Im mittelalterlichen Frankfurt gab es auf einer Brücke
einen Wächter, der angewiesen war, 6 Heller für jeden abgelieferten
Rattenkadaver zu zahlen. Er schnitt den Rattenschwanz ab - wahrscheinlich
für die spätere Abrechnung - und warf den Körper in den
Fluß. Heine berichtet in seinem Novellenfragment, "Der Rabbi von
Bacharach" von einer Steuer, die im 14. Jahrhundert von den Juden in Frankfurt
erhoben wurde und die aus einer jährlichen Lieferung von fünftausend
Rattenschwänzen bestand (2. Kapitel).
(58)
Noch um 1860 stand außerhalb von Paris bei Montfaucon ein Pferdeschlachthaus.
Die Pferdekadaver beliefen sich manchmal auf 35 täglich und wurden
regelmäßig in der darauffolgenden Nacht von Tausenden von Ratten
bis auf die Knochen abgenagt (Dieudonné [wie Anm. 22] S. 39).
(59)
Gerson (wie Anm. 10) S. 26. - Unter Hinweis auf d'Antrechaus Abhandlung
über die Touloner Pest (1320) berichtet Gerson, daß dort im
Laufe eines Monats alle Müller und von 135 Bäckern 113 gestorben
seien (d'Antrechau, Relation de la peste, dont la ville de Toulon fut affligée
en 1721, Paris 1756). Anschließend erwähnt Gerson noch, daß
in Uelzen während der Pestepidemie im Jahre 1597 dreiviertel aller
Bäcker und "Knochenhauer" gestorben seien. Ihre Verluste lagen doppelt
so hoch wie die der übrigen Bevölkerung (Gerson [wie Anm. 10]
S. 26).
(60)
Gerson (wie Anm. 10) S. 26. -Ober den Pestausbruch in Sidney (1905)
wird von Sticker ähnliches berichtet. "Während des Rattensterbens
litten die Hafenarbeiter so sehr an Flöhen, daß sie sich die
Hosen mit einer Schnur um die Knöchel festbanden, um sich vor dem
Anspringen der Flöhe zu schützen" (G. Sticker, Die Pest. Gießen
1908, Bd. I, S. 389).
(61)
In Altona war es besonders das Hafenviertel mit seinen häufig
überfluteten Kellerräumen, von denen es spöttisch hieß,
"man könne darin Schellfisch und Elbbutt fangen". In Hamburg hatte
schon der Pestarzt Boekelius nach der Epidemie von 1565 aus Gesundheitsgründen
eine gesetzliche Abschaffung der feuchten Kellerwohnungen verlangt. Aber
noch 1760 schrieb Griesheim von den Hamburgern: "Sie haben Keller nicht
zu großen Weinlagern, sondern darin wohnen Miethleute. Wenn man nur
diese zehlen sollte, so würden viele Tausend darin angetroffen werden
..." (C. L. Griesheim, Stadt Hamburg. Hamburg 1760).
(62)
Melhop (wie Anm. 17) S. 29.
(63)
Die betreffende Stelle in Avicennas Quanon, der jahrhundertelang auch
für die abendländischen Ärzte richtungweisend war und nicht
nur wiederholt ins Lateinische, sondern auch ins Hebräische übersetzt
wurde, lautet: "Man sieht (in Pestzeiten) Ratten und andere unterirdische
Tiere auf die Oberfläche kommen und sich wie betrunken gebärden
(Liber Canonis. Basel 1556. Liber IV. Fen. 1. Tract, 4 Pag. 807).
(64)
Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges
Magazin 1768, Stück II, S. 82. - Ratten und Fliegen waren, wie schon
aus ihren Namen zu ersehen, gewissermaßen Haustiere.
(65)
Der so entstandene "Pesthügel" diente später, als im 19.
Jahrhundert über dem Pestfriedhof der erste zoologische Garten Hamburgs
eingerichtet wurde, als Gemsenhügel. Im Frühjahr 1935 wurde bei
der Planierung des Geländes des früheren Zoologischen Gartens
auch der "Gemsenhügel", das letzte Relikt aus der Pestzeit, abgetragen.
Geheimrat R. O. Neumann (damals Direktor des Hygienischen Institutes) besaß
in seiner Sammlung zahlreiche Knochen aus diesem Pestfriedhof, darunter
auch einen Schädel mit gut erhaltenen Zähnen. An einem Zahn des
Unterkiefers war deutlich eine offenbar durch das Halten einer Pfeife konkav
abgeschliffene Kaufläche erkennbar.
(66)
Hamburger Pestbuch (wie Anm. 15).
(67)
Im benachbarten kleineren Altona wurden, wie bereits erwähnt,
über 1000 Menschen dahingerafft.
(68)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 105.
(69)
Wohlwill (wie Anm. 10) S. 106.
(70)
Hamburger Pestbuch (wie Anm. 15).
(71)
1720 zählte man in Marseille 50 000 Tote.
(72)
Hamburger Pestbuch (wie Anm. 15).
(72a)
Das Erlöschen der Pest im Europa des 18. Jahrhunderts hatte vor
allem drei Gründe: Wegen der ewigen Brände ging man damals vom
Fachwerkbau zum Steinhaus mit festem Fundament über, das den Ratten
weniger Nistmöglichkeiten bot. Ferner durchschwammen im Jahr 1727
(nach einem Erdbeben), wie Pallas in seiner "Zoographica Rosso-Asiatica"
(1831) berichtet, große Heere von Wanderratten bei Astrachan die
Wolga und breiteten sich immer weiter westwärts aus, wobei sie die
kleinere und weniger menschenscheue Hausratte vielerorts verdrängten.
Sie gelangten, wahrscheinlich mit Schiffen, bereits 1728 nach England und
wurden dort wegen der Unbeliebtheit des neuen Herrscherhauses die "hannoversche
Ratte" genannt. Schließlich schufen die Österreicher damals
- nach der Rückeroberung Ungarns von den Türken - eine von Siebenbürgen
bis Dalmatien verlaufende, stark befestigte "Militärgrenze" gegenüber
dem Osmanischen Reich, die sich zugleich als wirksamer "Cordon sanitaire"
erwies.
(73)
Gerson (wie Anm. 10) S. 36. - Gerson weist auf die Pest in Marseille
hin, an deren verheerende Folgen man sich noch lebhaft erinnerte und zitiert
Chicoygneau: "Der Capitain Chataud brachte 1720 die Peste von Seyde nach
Marseille. Auf seinen Schiffen waren unterwegs 7 Personen gestorben. Die
Waaren, nebst der Besatzung des Schiffes und den Reisenden wurden ins Quarantäne-Haus
(Infirmerie) gebracht. Und fast alle Arbeiter, die man zur Lüftung
der Waaren gebrauchte, starben." (Chicoygneau, Relation abrege des accidens
de la peste de Marseille avec le prognostic et cure de la maladie. Paris
1720. S. 122.) In der Regel benutzte man zur Lüftung pestverdächtiger
Waren Sträflinge. Blieben sie nach der Beobachtungszeit gesund, so
wurde die Ladung freigegeben (K. R. Edelshof, Schiffsseuchen u. Hafenquarantänen
Hamburg 1868. S. 11).
(74)
A. Kircher, Scrutinium ... pestis. Leipzig 1659. - Was Kircher im Buboneneiter
als "Würmlien" deutete, waren vermutlich amöboid bewegliche Leukozyten,
aber keineswegs die kleinen und unbeweglichen Pestbakterien, wozu damals
die Mikroskope noch viel zu schwach waren.
(75)
1818 wurden 14 Deserteure mit Eiter aus reifen Pestbubonen geimpft.
"Ohne Erfolg", fügt Dieudonné hinzu, "was wir heutzutage verstehen,
da sich darin in Folge der Phagozytose meist keine lebenden Bazillen mehr
finden." Dieudonné (wie Anm. 22) S. 38. - Oesterlen, Die Seuchen.
Tübingen 1873, S. 411.
(76)
Gerson (wie Anm. 10) S. 41. - Gerson verweist auf eine Stelle in Defoes
"Tagebuch aus dem Pestjahr", wonach man in London der Meinung war, die
Pest könne durch Hunde und Katzen verschleppt werden, weshalb sie
laut einer Verordnung des Lord Mayors und seiner Räte vernichtet werden
sollten. (Daniel Defoe, A Journal of the Plague Year. Being observations
or memorials, of the most Remarkable Occurrences, As well Publick as Private,
which happened in London during the last Great Visitation in 1665. London
1722.)
(77)
Deidier veröffentlichte seine Experimente unter dem Titel: Expériences
sur la bile et les cadavres des pestiférés faites par Mr.
Antoine Deidier. Zuric en Suisse 1722. - Die Versuche sind teilweise abgedruckt
bei Chicoygneau. ("Traité des causes des acidents et de la cure
de la peste. Paris 1744) und ausführlich interpretiert bei Gerson
(wie Anm. 10) S. 41 ff.
(78)
Übersichtshalber habe ich die Reihenfolge der Versuche geändert.
Die eingeklammerten römischen Ziffern geben die Versuchszahlen in
Deidiers Arbeit an.
(79)
Zur Reihe der oralen Infektionen gehört auch noch ein ungewollter
Verfütterungsversuch (V): Bei den Sektionen leckte ein Hund Blut und
fraß die vom Obduktionstisch heruntergefallenen Drüsen. Er erkrankte
nicht.
(80)
In einem weiteren Versuch wurde der nach Infektion der Hautwunde gesund
gebliebene Hund mit Galle gefüttert. Er erkrankte nicht.
(81)
Bei einem mißlungenen intravenösen Versuch (XII) gelang
die Galle in das umgebende Gewebe. Trotz der "großen Dosis" blieb
das Tier am Leben.
(82)
Deidier sandte seine Arbeit zur Begutachtung nach Zürich an Scheuchzer,
der die Bedeutung dieser Versuche aber überhaupt nicht begriff.
(83)
S. Winkle, Struensee und die übertragbaren Hautkrankheiten. Laboratoriumsmedizin
5 (1981) 90.
(84)
d'Antrechau (wie Anm. 59).
(85)
S. Winkle, Struensee und das Contagium. Labormedizin 3 (1979) 202 und
218.
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