St Winkle

Chronologie und Konsequenzen der Hamburger Cholera von 1892


"Versäumnisse nachträglich gutzumachen, kostet oft das Vielfache des ursprünglichen Preises, ganz abgesehen der sonstigen Opfer."

A. R. Turgot (1727-1781); aus einer Denkschrift von 1776 an Ludwig XVI.
Der "große Brand" von 1842, der nicht nur die Hamburger Innenstadt, sondern auch die Wasserkünste vernichtet hatte, wurde von den nüchternen Stadträten sehr richtig als eine Folge der mangelhaften Wasserversorgung erkannt. Sie beauftragten daher den englischen Zivilingenieur William Lindley, der soeben den Bau der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn beendet hatte, mit der Errichtung einer zentralen Wasserversorgung. 1844 legte Lindley dem Senat seinen Plan vor. Danach sollte nebst einem Sielsystem das Wasserwerk südöstlich der Stadt in Rothenburgsort unmittelbar an der Elbe angelegt und das Wasser von dort durch eine Eisenrohrleitung in die Stadt geleitet werden. Zugleich machte Lindley darauf aufmerksam, daß die Sedimentierungsanlage für das Trinkwasser nur so lange ausreichen dürfte wie der Umfang des augenblicklichen Versorgungsgebietes nicht durch den Anschluß neuer Siedlungsgebiete gesprengt würde. Bei einem Wachstum der Stadt sollte auch die Sedimentierungsanlage vergrößert oder durch eine Sandfiltration ersetzt werden.

Heines Hoffnung, "der große Brand würde die Perücken im alten Rathaus nicht nur beleuchten, sondern auch erleuchten"(1), erfüllte sich jedoch nicht. Trotz weiteren Wachstums der Stadt wollte man von einer kostspieligen Änderung des Wasserwerkes nichts hören. Da in Geldsachen die Gemütlichkeit aufhört, hatte es Lindley mit seinen kostenträchtigen Projekten von Anfang an nicht leicht gehabt (1a). Die bitteren Worte, die sein "deutscher Lieblingspoet" Heine den Hanseaten ins Stammbuch geschrieben hatte, wie jenes von "Schellfischseelenduft", "satter Tugend" und "zahlungsfähiger Moral" waren ihm wie aus der Seele gesprochen (2). Und bald geschah das, was er von Anfang an befürchtet hatte: die Sedimentierungsanlage reichte nicht mehr aus. Im Trinkwasser erschienen Würmer und "junge Aale", und an den Rohrwandungen der Leitung siedelten sich Muschelkolonien an. Kleine geräucherte Aale wurden damals von fliegenden Händlern zum Gaudium ihrer Mitbürger unter Anspielung auf die ärgerlichen Mißstände in der Wasserversorgung mit dem lautstarken Ruf: "Aale! Aale! Frisch aus Lindleys Wasserleitung!" angepriesen. Immer häufiger erschienen in den Tageszeitungen Beschwerdebriefe, und es wurde sogar ein Spottgedicht veröffentlicht, das den schwarzen Humor Wilhelm Buschs und die Skurrilität der Morgensternschen "Galgenlieder" vorwegnahm:

"Vom Tier in Hamburgs Wasserrohr
Da kommen 16 Arten vor:
Ein Neunaug', Stichling und ein Aal,
Drei Würmer leben in dem Strahl,
Drei Muscheln und drei träge Schnecken
Sich mit der muntern Assel necken.
Ein Schwamm, ein Moostier, ein Polyp
Die dringen lustig durch das Sieb.
An toten Tieren kommen raus
Der Hund, die Katze und die Maus;
Noch nicht gefunden sind, Malheur,
Der Architekt und Ingenieur!"(3)

Auf wen man mit dem letzten Wort anspielte, war für jedermann klar. Was Wunder, wenn Lindley in seiner Verärgerung der Hansestadt für immer den Rücken kehrte.

Seit 1873 hatten Medizinalinspektor Dr. Kraus und Oberingenieur Franz Andreas Meyer in verschiedenen Denkschriften wiederholt auf die Notwendigkeit einer Sandfiltration hingewiesen.

Mit dem Wachstum Hamburgs, besonders nach dem von Bismarck erzwungenen Beitritt zum Deutschen Zollverband (1881) und dem damit verbundenen fieberhaften Ausbau des Freihafens (4) kam es des öfteren zu schweren Typhusepidemien, die vor allem von dem namhaften Internisten Dr. Heinrich Curschmann, dem Direktor des Alten Allgemeinen Krankenhauses, mit dem unfiltrierten Trinkwasser in Beziehung gebracht wurden (5). Doch unter dem Eindruck der Pettenkoferschen Boden- und Grundwasser-Theorie wollte man diesem Verdacht nicht die gebührende Beachtung schenken. Das war auch einer der Gründe dafür, weshalb Curschmann kurz nach Vollendung des nach seinen Plänen im Pavillonsystem gebauten Eppendorfer Krankenhauses einen Ruf nach Leipzig annahm (6). Kurz vorher - im Juni 1888 - scheiterte der von der Bürgerschaft bereits gebilligte Ausbau der Sandfiltration an einem geradezu lächerlich erscheinenden Wassertarif von 50 000.- Mark, auf dem der Senat bestand (7). Auch Dr. Kraus und Oberingenieur Meyer, die Initiatoren des Antrages, waren zutiefst deprimiert.

Damals wurde eine sonst auf Altona gemünzte Anekdote in etwas abgewandelter Form mit der Hamburger Wasserkunst in Beziehung gebracht: Am Gelände der für die Hamburger Wasserwerke projektierten Filtrationsanlage saß mutterseelenallein ein Mann, das Antlitz in beide Hände vergraben, und weinte bitterlich. Da trat ein Fremder hinzu, berührte seine Schulter und fragte, ob er ihm nicht helfen könne. "Mir kann niemand helfen!", erwiderte der Mann verbittert. "Auch ich nicht?", lächelt ihn der Fremde an. "Ich bin nämlich der liebe Gott!" "So?", seufzte der Mann hoffnungslos. "Dann weißt Du wohl auch, wer ich bin? Seit 20 Jahren versuche ich, auf den Senat einzuwirken, das nötige Geld für die Sandfiltration zu bewilligen!" Da setzte sich der liebe Gott neben den Mann, bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen und weinte bitterlich mit (8).

Als man 1890 den Bau doch noch halbherzig und mit unzulänglichen Mitteln in Angriff nahm, hatte man kostbare Zeit vertrödelt, was sich bald bitter rächen sollte. Denn die Cholera setzte sich wieder in Marsch.

Bereits im April 1892 mußte man in Kabul 6000 Choleratote beerdigen. Doch solange sich das Seuchengeschehen im Fernen Osten abspielte, reagierten die Verantwortlichen Hamburgs in ihrer biedermeierlichen Geborgenheit auf solche Nachrichten wie die Spießer vor dem Tore:

"Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit in der Türkei
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus
Und segnet Fried' und Friedenszeiten."

(Faust I. Teil, 860-867)

Auch das zwei Monate später erfolgte Auftauchen der Cholera in Baku, das eine panische Flucht der Bevölkerung zur Folge hatte und das Übergreifen der Seuche auf Tiflis, Astrachan, Saratow, Nowgorod, Moskau und St. Petersburg vermochte in Hamburg die Arbeiten an der Sandfiltration nicht zu beschleunigen, obwohl seit Jahren gerade aus Rußland fast ununterbrochen Tausende von armseligen Auswanderern, vor allem "pogromgehetzte Ostjuden", nach Hamburg strömten, um von dort die "Überfahrt in die Neue Welt zu wagen"(9). Auch diesmal befanden sich im Hamburger Hafen über 5000 Auswanderer, die eben erst aus Rußland angekommen und in neuerrichteten Baracken 4 km stromabwärts von der Entnahmestelle des Hamburger Trinkwassers am Amerikakai untergebracht waren. Aus dem Lager gelangten nicht nur die Abwässer undesinfiziert in die Elbe, sondern man warf auch das von Ausscheidungen besudelte Stroh, auf dem Kranke gelegen hatten, einfach in den Strom.

Das alles konnte während der auflaufenden Flut mit dem Rückstau des Elbwassers stromaufwärts bis zur Schöpfstelle für die Hamburger Trinkwasserleitung gelangen. Und so geschah die Katastrophe.

Um den explosionsartigen Charakter der Hamburger Cholera-Epidemie zu verdeutlichen, habe ich die steil ansteigende Seuchenkurve bis zu ihrem ebenso schnellen Absinken anhand zeitgenössischer Publikationen, Zeitungsnotizen, Verlautbarungen, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Protokollen der Hamburger Bürgerschaftssitzungen (10) etc. chronologisch bzw. tagebuchartig zu schildern versucht. Denn nur so vermag man m. E. die sich atemberaubend überstürzenden Ereignisse einigermaßen nachzuvollziehen:

15. August:

Ein Bauarbeiter (Sahling), der bis zum Abend des 13. August (Sonnabend) auf dem Kleinen Grasbrook, einem am Südufer der Elbe gelegenen Teil des Hamburger Hafens, mit etwa 80 weiteren Arbeitern an der Reinhaltung der Sielauslässe beschäftigt war, erkrankt tags darauf in seiner Altonaer Wohnung an profusen Brechdurchfällen und stirbt am Montag, dem 15. August. Der schnelle Verlauf erinnert an Cholera, doch eine bakteriologische Untersuchung wird nicht vorgenommen.

16. A u g u s t :

Ein Maurergeselle (Kähler), der ebenfalls auf dem Grasbrook an den Sielauslässen gearbeitet und reichlich Elbwasser getrunken hatte, wurde in der Nacht vom 16. zum 17. August im Eppendorfer Krankenhaus aufgenommen und verstarb noch im Laufe des nächsten Tages (11). Es war während dieser Epidemie der erste in Hamburg zur Beobachtung gelangte Cholerafall, der aber zunächst nicht als solcher diagnostiziert wurde.

Am selben Tag verließ der Kohlendampfer "Betty Sauber" den Hamburger Hafen. Er hatte kein Hamburger Leitungswasser an Bord. Unterwegs erkrankte ein Heizer (namens Sinstedt) an Brechdurchfall und starb kurz nach Ankunft in einem schottischen Hafen in der Nacht vom 18. zum 19. August. Die Infektion muß demnach noch in Hamburg erfolgt sein, wahrscheinlich durch Trinken von Elbwasser (12). Der Genuß von Elbwasser, gegen den damals bei Schiffern und Hafenarbeitern keine Abneigung bestand, war bei heißem Wetter (das mit dem 13. August einsetzte) allgemein üblich. (Die Oberländer Kahnschiffer hielten sogar das Elbwasser für besonders gesund und waren später nur ganz allmählich durch harte Strafen von dieser Gepflogenheit abzubringen.)

17. A u g u s t :

Es erkrankten vier weitere Personen aus dem Hafenbereich. Um Gerüchte zu entkräften, erschienen in den Tageblättern beschwichtigende Erläuterungen über den Unterschied zwischen der einheimischen "Cholera nostras", auch "Cholerine" genannt, und der in Rußland grassierenden "Cholera asiatica".

Noch wurde "nicht für ernst genommen, was sich die Menschen in der Hafengegend zuraunten". Nur "mit Rücksicht auf den möglichen Schaden, den ein solches Gerede an richten könnte", erschienen in der Presse beschwichtigende Dementis: "Die Gerüchte, daß in unserer Stadt mehrfach Choleraerkrankungen mit nachfolgendem Tod in letzter Zeit vorgekommen sein sollen, bestätigen sich unserer Information zufolge nicht. In jedem Jahr in der heißen Jahreszeit kommen hier ähnliche Cholerine-Fälle vor" ("Hamburger Fremdenblatt", 17. B. 92). In derselben Nummer der Zeitung wird ausführlich eine von der Polizei-Behörde herausgegebene illustrierte Broschüre über das "Krankentransportwesen in Hamburg" besprochen. So erfuhr der Leser, daß "von nun an im Falle des Erfordernisses zu jeder Zeit acht wohlausgerüstete Krankenwagen auf den Platz rücken können". Die Broschüre endet mit dem Satz: ". . . Im übrigen ist zu wünschen, daß die vorhandenen Einrichtungen nun auch in Anspruch genommen werden". Kaum jemand dürfte wohl damals geahnt haben, wie schnell und in welch grauenvollem Ausmaß sich dieser Wunsch erfüllen sollte.

18. A u g u s t :

In den Tageszeitungen erscheinen die ersten Andeutungen über "choleraähnliche Erkrankungen in Hamburg". Von den am 18. Aug. erkrankten zwölf Personen hatten acht Beziehungen und vier keine Beziehungen zum Hafen. Drei von den letzteren erkrankten in der "Finkenbude", einem berüchtigten Obdachlosenasyl, in dem Bettler und Landstreicher "für zwei Groschen (wie auf jener Zeichnung von Daumier) die Nacht über einem quergespannten Tau hängend, verbringen konnten". Man weckte sie, indem man das Tau an einem Ende aushakte, so daß sie zu Boden fielen, was gleichzeitig ein Zeichen zum Räumen des Lokals war.

In der Nacht vom 17. zum 18. August verließ der Personendampfer "Moravia" mit "reinen Papieren" den Hamburger Hafen, nachdem er dort am 17. Aug. am Amerikakai "Trinkwasser gefaßt" hatte. Noch niemand konnte ahnen, daß ihn während seiner Überfahrt nach New York eine schwere Choleraepidemie heimsuchen würde, in deren Verlauf man die Leichen von 22 Zwischendeckpassagieren auf hoher See versenken mußte.

19. A u g u s t :

Von den 31 Personen, die am 19. August erkrankten, hatten nur noch zehn Beziehungen zum Hafen. Die restlichen 21 hatten weder mit dem Hafen noch mit dort beschäftigten Personen etwas zu tun. Diese "epidemiologische Verschiebung", die - "gleichsam dem Glimmen einer Zündschnur vor der Explosion" - das allmähliche Vordringen der Cholera aus der Hafengegend in das Stadtinnere kennzeichnet, spricht dafür, daß die "wahrscheinlich am 17. August begonnene Verseuchung der Wasserleitung vom Hafen her am 19. bereits ein bedenkliches Ausmaß erreicht hat". Am 17. August erhielt nämlich neben der "Moravia" auch der Überseedampfer "Rugia" von dem Wasserboot der Hamburg-Amerika-Linie sein Trinkwasser, das man kurz zuvor dem Hamburger Leitungsnetz entnommen hatte. Auch an Bord der "Rugia", die am 21. August mittags den Hamburger Hafen mit "reinen Papieren" verließ, kamen während der Überfahrt nach New York Cholera-Fälle vor, die letzten Endes auf das Hamburger Trinkwasser zurückzuführen waren.

20. A u g u s t :

Die Presse berichtete von einem Seuchenausbruch im Hafen, obgleich sich der Brand bereits über das ganze Stadtgebiet auszubreiten begann. Vorsichtshalber sprach man nur von einer choleraähnlichen Krankheit. "Das Wort Cholera getraute man sich noch nicht auszusprechen, als hätte man Angst, es könnte wahr werden." Gleichzeitig hörte man von "choleraähnlichen Erkrankungen" in Wilhelmsburg, Reiherstieg, Altenwerder, Billhörner Deich und Barmbek. Viele dieser Fälle hatten einen schnellen, tödlichen Verlauf, wurden aber von den Ärzten nur als "Cholerine" bezeichnet.

Im Städtischen Krankenhaus von Altona starben zwei Patienten (ein schwedischer Schiffszimmermann und ein obdachloser Zigarrenarbeiter), die dort in der Nacht vom 18. zum 19. 8. unter Choleraverdacht aufgenommen worden waren. Stabsarzt Weisser, ein Schüler Robert Kochs, der bereits am 19. August (auf Veranlassung des dortigen Physikus Wallichs) von ihren Ausscheidungen Gelatinekulturen angesetzt hatte, äußerte als erster Cholera-Verdacht.

Mangelnde Erfahrung bei der bakteriologischen Prüfung des "ersten Falles" und Angst vor den folgeschweren Konsequenzen im Falle einer Fehlbeurteilung wirkten sich in Eppendorf "lähmend" auf die Diagnose aus (13). Von den Gelatinekulturen des am 17. August verstorbenen Maurergesellen (Kähler) behauptete Prof. Rumpf, der Direktor des Eppendorfer Krankenhauses, sie hätten am 19. und 20. Aug. "ein völlig negatives Resultat" ergeben und somit die Diagnose "Cholera nostras" gerechtfertigt (14). Im Bericht seines Assistenten, Dr. Rumpel, der an den Untersuchungen direkt beteiligt war, heißt es dagegen:

"Sowohl nach der Schwere des ungewöhnlichen klinischen Bildes, welches uns veranlaßt hatte, den Patienten sofort in einer Isolierbaracke unterzubringen und strenge Vorsichtsmaßregeln zu treffen, um die sehr gefürchtete Ansteckung zu vermeiden, als auch nach dem Befunde der am 18. August ausgeführten Section, glaubten wir die Diagnose auf Cholera asiatica stellen zu müssen, wenn auch Dr. Deycke keine Reinkultur von Kommabazillen(14a) nachweisen konnten. Selbstverständlich wurden auch Gelatine-Platten angelegt, auf denen unter zahlreichen anderen Kolonien einige in hohem Grade suspect erschienen. Wir wagten aber nicht ein bestimmtes Urtheil abzugeben und reservirten sämmtliche Platten bis zu der am 21. Aug. erwarteten Rückkehr des Prosectors Fraenkel (15). Die Schuld - in bacteriologischer Hinsicht in Zweifel gewesen zu sein, - gestehen wir offen ein. Trotz dieser Zweifel haben wir uns bei dem ausgesprochenen klinischen Bilde nicht beruhigt und haben bereits in jenen Tagen mehreren Ärzten gegenüber die Befürchtung ausgesprochen, vor einer Choleraepidemie zu stehen und die Herren gefragt, ob sie im Nothfall uns ihre Kräfte zur Verfügung stellen wollten."(16)
 
 

Bis zu diesem Tag:
Zahl der Erkrankungen   115
Zahl der Todesfälle     36

21. A u g u s t :

Stabsarzt Weisser in Altona erschienen die auf Gelatineplatten gewachsenen Kolonien und die davon angefertigten mikroskopischen Präparate so typisch, daß er den Physikus Dr. Wallichs "trotz der heiligen Sonntagsruhe" veranlaßte, eine "telegraphische Meldung über das Auftreten von Cholera an die höchsten Provinzbehörden zu erstatten".

Fast zur gleichen Zeit erklärte in Eppendorf der aus dem Urlaub zurückgekehrte Prosektor Eugen Fraenkel bei der Besichtigung der aufbewahrten Gelatineplatte "drei Colonien für höchst verdächtig und ließ eine Stichcultur anlegen". Die Situation spitzte sich weiter zu, da man im Alten Allgemeinen Krankenhaus (St. Georg) in der Nacht vom 20. zum 21. August fünf Patienten unter Choleraverdacht aufgenommen hatte, denen im Laufe des Tages zehn weitere folgten.

22. A u g u s t :

Die Ereignisse überstürzten sich. In Anbetracht der Konsequenz seiner Befunde fuhr Dr. Weisser aus dem damals noch preußischen Altona nach Berlin, um seine Kulturen und Präparate Robert Koch persönlich vorzulegen. Seine Diagnose, "Cholera asiatica", wurde dort bestätigt. Ohne von dieser Aktion etwas zu ahnen, kam Fraenkel bei der Sektion eines am Vorabend in Eppendorf Aufgenommenen und noch in der Nacht Verstorbenen, aus dessen Darminhalt er im Strichpräparat eine Reinkultur von Kommabazillen nachweisen konnte, zu dem gleichen Resultat. Auf die Frage, ob er die Folgen dieser schwerwiegenden Diagnose auf sich nehmen wolle, erklärte sich Fraenkel um so mehr bereit, als inzwischen auch die vom Fall Kähler angelegte Stichkultur seinen Verdacht bestätigte. Noch am frühen Morgen dieses "schwarzen Montags" fuhr der Direktor des Eppendorfer Krankenhauses, Prof. Rumpf, der sich trotz des klinischen Verdachtes bis zuletzt an die bagatellisierende Diagnose "Cholera nostras" klammerte, in das Alte Allgemeine Krankenhaus, wo am Vortage eine Massenaufnahme verdächtiger Patienten stattgefunden und inzwischen in mehreren Fällen der Befund von Kommabazillen erhoben worden war. Als er sich nach seiner Rückkehr in Eppendorf dort mit dem gleichen Ergebnis konfrontiert sah, mußte er in der Mittagsstunde des 22. August dem Medicinalbureau die telegraphische Mitteilung machen, daß in den Krankenhäusern Fälle von echter Cholera aufgenommen worden seien. Damit hatte er den "schwarzen Peter" an Medizinalinspektor Dr. Kraus weitergegeben, dem nun die undankbare Aufgabe zufiel, die Hiobsbotschaft dem Präses des Medicinal-Kollegiums - Polizeisenator Dr. Hachmann - zu überbringen. Nachdem die Hamburger Ärzte, selbst in den Krankenhäusern, seit Tagen nur über "Cholerine" oder "Cholera nostras" gesprochen und infolgedessen auch nichts anderes an das Medicinalbureau gemeldet hatten, war nun das Befürchtete, das keiner auszusprechen wagte, jählings grausige Gewißheit geworden. In einer Zeitungsnotiz vom selben Tage hieß es zwar beschwichtigend:

"In den letzten Tagen sind wiederholt Todesfälle vorgekommen. Dieselben wurden wenigstens noch am Sonnabend, amtlicherseits auf Cholerine oder, wie man auch sagt, Cholera nostras, zurückgeführt. Der rapide Verlauf der Krankheit trug freilich einen verdächtigen Charakter. Andererseits aber erschien wieder der Umstand beruhigend(!), daß die bisher gemeldeten 26 Erkrankungsfälle (in Wirklichkeit waren es bereits 450) nicht in einer und derselben Gegend, sondern an den verschiedensten Punkten der Stadt vorkamen, während eine wirkliche Epidemie gewöhnlich von einem Centrum ausgehend, sich von diesem aus verbreitet" ("Hamburger Fremdenblatt", 22. B. 1892).

Noch ahnte man also nicht, daß die Erreger in die Wasserleitung eingedrungen waren, und daß die über die ganze Stadt zerstreuten Erkrankungen nur die Vorzeichen einer schweren Trinkwasserepidemie darstellten. Um der so plötzlich hereingebrochenen Gefahr Einhalt zu gebieten, wurden die ersten Maßnahmen ergriffen. Da die Sanitätskrankenwagen, über die man noch fünf Tage zuvor so stolz berichtet hatte, nicht mehr ausreichten, kaufte man alte Kutschen und ließ aus ihnen Polster und Stoffbekleidung herausreißen, um die Infektionsgefahr bei wiederholter Benutzung zu vermindern (17). Zugleich verpflichtete man sich, die Cholerafälle sofort dem Medicinalbureau auf roten Formularen (sog. "Cholerazetteln") zu melden. Alle Erkrankten sollten umgehend in die Krankenhäuser (in der Lohmühlenstraße und in Eppendorf) überführt werden, wo man dafür besondere Pavillons freigemacht hatte. Die Tagespresse begann - dem Wunsch der Bevölkerung entsprechend täglich amtliche Mitteilungen über die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle zu veröffentlichen. "Die ganze Wahrheit zu sagen, da Verheimlichung das Unglück nur noch größer macht, ist jetzt das einzige Mittel, die Gemüther nicht noch mehr aufzuregen" ("Volksstimme").
 

Bisher:
Zahl der Erkrankungen über   450
Zahl der Todesfälle über   200
(17a)

2 3. A u g u s t :

Am Morgen dieses Tages waren sämtliche Litfaßsäulen mit Plakaten beklebt, die nebst einer im "Reichsanzeiger" veröffentlichten "Belehrung über das Wesen der Cholera"auch "Anregungen zu einer zweckmäßigen Diät" sowie "Anweisungen zur Ausführung der Desinfektion" enthielten. Die Absicht war gewiß wohlgemeint, doch in den hauptsächlich betroffenen Elendsvierteln, wo man oft des Lesens unkundig war, erwiesen sich die langatmigen Ausführungen mit zahllosen Paragraphen als völlig wirkungslos. Die Cholera breitete sich vom Hafen über die Steinstraße mit ihren vielen Höfen und Gängewohnungen nach St. Georg aus. Der Kranken- und Leichentransport erwies sich als unzureichend. Ebenso mangelte es an Raum für die Aufnahme von Patienten in den Krankenhäusern und Verstorbenen in den Leichenhallen. Dennoch scheute man sich vor dem großen Alarmsignal und war bemüht, den äußeren Ablauf des Alltags soweit wie möglich unverändert zu lassen. So wurden die Schulen nicht geschlossen, sondern nur der Unterricht "wegen der anhaltenden Hitze" um einige Stunden gekürzt. Da auch noch alle Hotels belegt waren und zu Ehren der Deutschen Apothekertagung ein Feuerwerk an der Alster veranstaltet werden sollte, konnten sich die Behörden auch nicht zu einer Verschiebung des Massenfestes entschließen. Man sträubte sich mit Händen und Füßen, den epidemischen Charakter der Erkrankungen zuzugeben, denn ein solches Eingeständnis hätte die gesamte Schiffahrt lähmen und dem Handel unermeßlichen Schaden zufügen können. Und so kam es, daß der amerikanische Vizekonsul noch am 23. August sieben vom Senat ausgestellte "reine Gesundheitspässe" für Schiffe erhielt, die im Begriff waren, mit Auswanderern an Bord den Hamburger Hafen in Richtung New York zu verlassen.

Die Cholera an der Grenze von Hamburg und Altona
(Ausschnitt)
Oberhalb der Grenzlinie (Altona), unterhalt der Grenze Hamburg.
Die schwarzen Punkte markieren die Erkrankungen, häufig tötlichen Ausgangs
Unterschiedliche Häufigkeit der Cholera an der Grenze von Hamburg zu Altona infolge verschiedenartiger Wasserleitungssysteme.

2 4. A u g u s t :

Auf den Bahnhöfen sah es aus, "als hätten die Schulferien begonnen". Tausende, meist wohlhabende Bürger, verließen fluchtartig die Stadt. Auf diese Weise wurde die Cholera in dreißig weitere Orte verschleppt (18).

Die Tag und Nacht in Richtung Eppendorf und St. Georg rollenden "Todeskutschen", wie man die Krankenwagen inzwischen getauft hatte, hinterließen einen unheimlichen Eindruck. Jeder Kutscher wurde von zwei Krankenträgern begleitet, von denen einer neben ihm auf dem Bock, der andere hinten im Wagen saß und - um sich nicht zu infizieren - den Kopf vorsorglich zum Fenster hinaushielt (19). Der Umstand, daß die "Leichentransporteure" stets betrunken waren, milderte das Grauen der Gesamtsituation nicht. Die Zahl der abzuholenden Leichen wurde immer größer, so daß man sich genötigt sah, für dieses traurige Transportgeschäft Möbelwagen zu verwenden. Die Medizinalbehörde erließ einen öffentlichen Aufruf, um freiwillige ärztliche Hilfskräfte heranzuziehen.

Robert Koch, als Direktor des neugegründeten "Instituts für Infektionskrankheiten" in Berlin, kam im Auftrag der Reichsregierung nach Hamburg. Sein Empfang war frostig, denn "selbst im Unglück ließ es der Hanseatenstolz nicht zu, von einem Fremden auch nur Ratschläge entgegenzunehmen" [Gaffky (19a)]. Sogar im Eppendorfer Krankenhaus, wo sich Koch die von Dr. Rumpel angelegten Gelatinekulturen zeigen ließ, war man "bis oben zugeknöpft". Der Umstand, daß Dr. Weisser in Altona bereits am 21. August die bakteriologische Diagnose "Cholera asiatica" gestellt hatte, ließ einige Eppendorfer um ihren Prioritätsanspruch bangen und in ihrer Eitelkeit befürchten, man könnte ihren "wissenschaftlichen Verdienst an der Choleradiagnose in Hamburg" streitig machen, was nachher auch in gewissen Formulierungen einer Eppendorfer Publikation zum Ausdruck kam, über die sich Robert Koch mit gutem Recht ärgerte (20).

Bereits in der Konferenz mit Senator Hachmann ließ Robert Koch, der sowohl die Wohn- als auch die Trinkwasserverhältnisse in der Hansestadt aus seiner Assistentenzeit im Cholerajahr 1866 gut kannte, durchblicken, daß er das Trinkwasser als die eigentliche Infektionsquelle in Verdacht habe (20a). Das Ausbreitungsgebiet der Seuche fiel nämlich im wesentlichen genau mit dem der Hamburger Wasserleitung zusammen. Auf dem Altonaer Stadtgebiet, das so nahe an das Hamburger heranreichte (21), daß einzelne Straßen auf der einen Seite zu Hamburg, auf der an deren zur Schwesterstadt Altona gehörten, kamen nur sehr wenige Cholerafälle vor. In einer solchen Grenzstraße ("Am Schulterblatt") wurden nur die Häuser der Hamburger Seite befallen, während jene des Altonaer Bezirks, die nur durch den Straßendamm getrennt waren, verschont blieben. Dieses auffallende Vorkommnis konnte unter Berufung auf Pettenkofer nicht durch die Verschiedenheit des Bodens, der Luft oder der Grundwasserverhältnisse erklärt werden, sondern einzig und allein dadurch, daß Altona eine gesonderte Wasserversorgung besaß (22). Während Hamburg Trinkwasser noch unfiltriertes Elbwasser bezog, besaß Altona bereits seit 1859 ein brauchbares Filterwasserwerk, das vor allem deshalb errichtet worden war, weil das Hamburger Stammsiel mit allen Abwässern und Fäkalien oberhalb von Altona in die Elbe mündete. Auch wenn die Schöpfstelle der Hamburg Wasserleitung weit stromaufwärts lag, mußte infolge der Flutbewegung (besonders bei günstigem Wind) mit einem Rückstau des verunreinigten Hafenwassers bis zu jender Stelle gerechnet werden. Das war ein unheimlicher Kreislauf, an den in Hamburg bisher nur wenige gedacht hatten.

Am selben Tag erschien in den Abendzeitungen die erste amtliche Mitteilung der Medizinalbehörde über die Erkrankungen und Todesfälle. Sie lautete:

Choleraverdächtige: Erkankungen Todesfälle
18.August   13   2
19.August   16   6
20.August   24 14
21.August   31 15
22.August   86 20
23.August   49 18
Zusammen: 219 75

Die Zahlen waren viel zu niedrig:

Allein am 24. August
Zahl der Erkrankungen   367
Zahl der Todesfälle   114

25. A u g u s t :

Unter Androhung von Geld- bzw. Haftstrafen wurde die laufende Desinfektion der öffentlichen Bedürfnisanstalten und eine tägliche Reinigung der Rinnsteine auf Wohnhöfen und Gängen angeordnet und zugleich die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln (Droschken, Pferdebahnen) zur Beförderung choleraverdächtiger Personen verboten. Fahrzeuge der Feuerwehr und Feuerwachen konnten für solche Zwecke unentgeltlich in Anspruch genommen werden. Im Laufe des Vormittages verließ das Auswandererschiff "Normannia" mit einem "reinen Gesundheitspaß" Hamburg via New York, was noch ein böses Nachspiel haben solltet (23).

Am Nachmittag wurde Robert Koch mit einer Motorbarkasse zum Amerikakai hinübergefahren, um dort Auswandererbaracken zu besichtigen (24), die im Frühjahr desselben Jahres (inmitten des unbewohnten Freihafengebietes am südlichen Elbufer) von der Hapag (Hamburg-Amerika-Linie) errichtet worden waren. "Dem Vernehmen nach", hieß es in der offiziellen Verlautbarung, "sollen die Herren die Gesundheitsverhältnisse unter den Auswanderern als sehr gut bezeichnet haben..." - "Dem Vernehmen nach...". In Wirklichkeit beanstandete Robert Koch, daß die Abwässer des Lagers samt den Fäkalien undesinfiziert in die Elbe eingeleitet wurden, und daß die Desinfektionsapparate für Kleider und Wäsche nicht einwandfrei funktionierten. Als er das bei aufkommender Flut stromaufwärtstreibend Stroh sah, das man aus dem Lager in die Elbe geworfen hatte, war es für ihn klar, wie die Choleravibrionen in das Hamburger Trinkwassernetz gelangen konnten (25), betrug doch die Entfernung von der Sielmündung der Auswandererbaracken bis zur Schöpfstelle der Wasserleitung nur 4 km (26). "Die Abgänge waren gar nicht unbedeutend, denn es kamen täglich mehrere Hundert Auswanderer an, die sich etliche Tage in den Baracken aufhalten mußten, bis sie weiterbefördert werden konnten."(27). Zur Zeit der Choleraausbrüche befanden sich in den Baracken durchschnittlich tausend Auswanderer, die die Unterbrechung ihrer Reise vielfach dazu benutzten, eine Reinigung ihres Vorrates an schmutziger Wäsche und Bekleidung vorzunehmen.

Noch am selben Abend verließ Robert Koch die Hansestadt. Sein Besuch wurde in den meisten Lokalblättern unauffällig und in wenigen Zeilen, meist auf den letzten Seiten, erwähnt.

26. A u g u s t :

Nachdem Koch das Hamburger Trinkwasser als "verpestet" bezeichnet hatte, wurde die Bevölkerung
durch Plakate vor dem Genuß ungekochten Leitungswassers gewarnt. "Die Polizeibehörde gibt bekannt..."(28). Nicht nur zum Trinken, auch zum Reinigen von Eß- und Trinkgeschirren sollte nur abgekochtes Wasser benutzt werden. Faßwagen fuhren durch die Stadt und verteilten das gekochte Wasser gratis ("Gekoktes Woter! Umsünst vun'n Senoter!"). Da bei der fast tropischen Hitze in den vornehmen Vierteln das "fortwährende Laufen von Springbrunnen und Gartenbesprengungen zu einer allgemeinen Wasserknappheit, vor allem in den ,oberen Stockwerken'  führte, ersuchte man alle einsichtsvollen Abnehmer, sich im Wasserverbrauch thunlichst zu beschränken"(29).

Erst jetzt, nachdem die Schulen fast leer waren, wurden sie "bis auf weiteres" geschlossen. Es klingt wie schwarzer Humor, daß die Kinder die so erzwungene Schulpause als "Choleraferien" bezeichneten. Auch alle öffentlichen Veranstaltungen, wie Tanzlustbarkeiten, wurden "bis auf weiteres" verboten, die öffentlichen Pockenschutz-Impfungen "bis auf weiteres" abgesagt. Obst und Gemüse durften innerhalb des Stadtgebietes auf Karren und Wagen nicht feilgeboten werden. Die Dampfer "Cobra" und "Ariadne" stellten ihre täglichen Fahrten zu den Nordseebädern (Helgoland, Norderney, Amrum, Wyk a. Föhr und Sylt) von Hamburg aus ein. Zugleich bildete man 40 Kolonnen zur Desinfektion verseuchter Häuser und Wohnungen. Zu ihnen gehörten auch die Badewärter der geschlossenen öffentlichen Badeanstalten. "Zwei Wochen früher", hieß es in der "Volksstimme", "hätten diese Maßnahmen noch Wunder wirken können. Doch man hatte zu lange gezögert, man wollte das Ungeheuerliche nicht wahrhaben."(30)
 
 

Am 26. August
Zahl der Erkrankungen   995
Zahl der Todesfälle   317

2 7. A u g u s t :

Es war der traurigste Tag der Hamburger Epidemie. Allein an diesem Tag wurden 1102 Bewohner von der Seuche ergriffen (31). Tag und Nacht rollten die Krankenwagen über das Pflaster. In den großen Sälen der Hospitäler lagen die Kranken dichtgedrängt in Reih' und Glied: Männer, Frauen, Kinder. Es fehlte an Särgen (32). In den "eigenen Schreinereien" der beiden Allgemeinen Krankenhäuser wurden Tag und Nacht in größter Eile aus rohem Holz viereckige Kisten mit flachem Deckel, sog. "Nasenquetscher", gezimmert, in denen die Opfer in der Regel unbekleidet ihre letzte Ruhestatt fanden. Gewöhnlich "verstaute" man 50-70 dieser "Kisten" in Möbelwagen, die dann oft erst in den Abendstunden mit ihrer unheimlichen Fracht nach Ohlsdorf, dem neuen Zentralfriedhof der Hansestadt, rollten. Dort wurden bei Laternenschein in trostloser Akkordarbeit Massengräber ausgehoben.

Da die Krankenhäuser nicht ausreichten, begann man mit dem Bau von "Cholera-Baracken", und zwar zunächst neben dem Alten Allgemeinen Krankenhaus in der Lohmühlenstraße und dem Seemannskrankenhaus in St. Pauli.

Der Verkehr von und nach Hamburg war fast stillgelegt. Handel und Wandel erlahmten. Die so gefürchtete Isolierung der großen Handelsstadt nahm ihren Anfang.
 
 
 

Am 27. August
Zahl der Erkrankungen 1192
Zahl der Todesfälle   455

Verlauf der Choleraepidemie in Hamburg und Altona 1892
(Ausschnitt)
(hell schraffiert: Krankheitsfälle, schwarz: Todesfälle). Im Gegensatz zur flach verlaufenden Seuchenkurve in Altona darüber der steile Gipfel einer explosiv auftretenden Wasserepidemie in Hamburg

28. A u g u s t :

Alle Choleraleichen sollten innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden. Um die Opfer des Massensterbens aus den verschiedensten Vierteln nicht durch die ganze Stadt fahren zu müssen, wurden in allen Stadtteilen provisorische Leichenhallen errichtet. Der Leichenwagen fuhr von nun an vor das betroffene Haus, die Leichenträger legten den Verstorbenen in ein karboldurchtränktes Leinentuch und schleppten ihn, nachdem sie ihm einen Zettel mit seinem Namen an die Brust geheftet hatten, in den Wagen. Erst wenn das Fahrzeug voll war, lieferte der Kutscher seine "Fracht" an die nächste Leichenhalle ab.


Leichenwagen
(Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg)

Der Ruf nach Ärzten und Wärtern wurde immer dringlicher. Ein freiwilliger Arzt, Sohn eines Marburger Beamten, schildert in einem Brief vom 28. Aug. an seine Eltern den Ärztemangel und das Grauen in und vor den Krankenhäusern:

"Was man da sieht, spottet jeder Beschreibung. Die wildeste Phantasie kann es sich nicht ausdenken . . . Für je zehn Kranke müßte ein Arzt disponibel sein, dann könnte man wohl etwas machen . . . Zur Zeit liegen hier an 400! Kaum einer sieht seine Angehörigen wieder. Gestern mußte ich eine Section machen. Als ich in die sog. Anatomie kam, prallte ich trotz Abhärtung zurück. Da das Begräbnis der Verstorbenen nicht so schnell geht, lagen in allen Gängen aufgestapelt über 120 Leichen . . . In Möbelwagen werden sie fortgeschafft und in Massengräbern beerdigt. Unsere Tischlerei fertigt fortwährend schwarz angestrichene Kästen an. Es sind erschütternde Szenen, wenn die Angehörigen sich morgens am Tor erkundigen und man ihnen nicht einmal Nachricht geben kann. Denn sehr viele werden bewußtlos aufgenommen, sterben und bleiben namenlose Leichen."(33)

Ein Flugblatt, das in 300.000 Exemplaren in allen Wohnungen und an alle Passanten gratis verteilt wurde, enthielt neben den bereits wiederholt bekanntgegebenen Vorsichtsmaßregeln auch eine Gegenüberstellung von verbotenen und erlaubten Speisen und Getränken. Mit Recht wies Hueppe darauf hin, daß die Ratschläge bezüglich dieser "Volksdiät" vom grünen Tisch aus erteilt worden seien, ohne die realen Gegebenheiten entsprechend zu berücksichtigen:

"Was nutzt es, einem Menschen Quellwasser oder Rotwein zu empfehlen, wenn er nur schlechten Branntwein zum schlechten Wasser hat? Was soll sich ein armer Teufel dabei denken, wenn er von Untersuchungen über die Beziehungen der Commabazillen zum Caviar oder zu Südfrüchten hört, während er sich kaum ein Stück Brot oder eine Kartoffel verschaffen kann? Was soll man sich eigentlich bei der Desinfektion von Leuten denken, die nicht einmal Wasser zum Waschen haben?"(34)

BILD oder BILDER
folgen

Annoncen aus Zeitungen der Zeit

29. A u g u s t :

In einer Sondersitzung bewilligte der Senat auf Antrag der Bürgerschaft 500.000 Mark für die Linderung der ersten Not (35). Im Anschluß daran berichtete Senator Dr. Hachmann über die bisher getroffenen Maßnahmen, den aufopferungsvollen Einsatz der Bürger und erwähnte - wie beiläufig - den ominösen Brief, in dem ihm so spät (am 22. Aug.) das Vorliegen einer Choleraepidemie von dem verantwortlichen Beamten, Medizinalinspektor Dr. Kraus, "ergebenst angezeigt" wurde. Unter dem schallenden Gelächter des Hauses las er den in devotem Beamtendeutsch abgefaßten Bericht vor, der so begann: "Ich beehre mich ergebenst anzuzeigen, daß ich glaube, hier ist eine Cholera-Epidemie ausgebrochen."(36)

"Die Wirkung", meinte Hueppe, "war ähnlich wie bei der Antonius-Rede, in der Brutus als ein ehrenwerter Mann bezeichnet wird. Das rhetorische Ablenkungsmanöver bewirkte auch hier den gewünschten Zweck, und der allgemeine Groll entlud sich auf dem Haupt des unschuldigen Opfers. Der Sündenbock, den man in die Wüste zu jagen beabsichtigte, war gefunden."(37)

Sonst wurde auch hier - wie bei den meisten großen Epidemien - das Tragische vom Satyrspiel begleitet. Durch marktschreierische Inserate versuchten geschäftstüchtige Kaufleute die Not ihrer Mitmenschen skrupellos auszunutzen. Als Beispiel möge eine Seite aus dem "General-Anzeiger für Hamburg-Altona" von 29. August 1892 dienen. Die einen boten "fertige Särge" an, die anderen priesen Saccharin oder "electric-magnetische Leibbinden" als unfehlbares "Präventivmittel" an. Besonders aktiv waren die Bier
brauereien und Spirituosenhändler. Durch Inserate, wie etwa

"Bier gegen Cholera!"

oder

"O Publico! O Publicum!
Trink Arrac, Cognac, Grog und Rum...
Desinficiere Haus und Wagen,
Vergesse aber nicht den Magen..."

wurde das Volk in dem gefährlichen Irrglauben bestärkt, daß "gegen eine Ansteckung nichts besser schütze als ein hoher Pegelstand von Alkohol im Magen". Selbst die Polizei und die Zollbeamten im Freihafen drückten beide Augen zu und ließen den Alkoholschmuggel vorübergehend florieren. Man hatte wohl noch nie so viele Betrunkene in Hamburg gesehen (38). Brach einer von ihnen auf offener Straße besinnungslos zusammen, so konnte es geschehen, daß er von einem vorbeifahrenden Krankenwagen als vermeintliches Choleraopfer "aufgelesen" und an die nächste Cholera-Baracke "abgeliefert" wurden (39). Aus dieser Situation heraus entstand der grauenhafte Gassenhauer:

"Juppheidi und juppheida
Schnaps ist gut 'gen Cholera."

Nach dieser Devise lebten viele, vor allem die Totengräber, Leichenkutscher und Krankenpfleger. Nach Seemannspastor Jungclaussen räumte die Cholera auch in Hamburg besonders unter den Trinkern auf: "Vielleicht mag hiermit auch die Erscheinung zusammenhängen, daß der ,Verein Hamburger Gastwirte’ während der Epidemie den Tod so vieler Mitglieder zu beklagen hatte."(39a)
 
 

Am 29. August
Zahl der Erkrankungen   980
Zahl der Todesfälle   393

3 0. A u g u s t :

Die Epidemie hat ihren Gipfel erreicht. Die Angst vor neuen Choleraepidemien läßt die "Forderung nach sanitären Präventivgesetzen" immer lauter werden.

"Bestünde in Deutschland ein Gesetz", schrieb das "Hamburger Fremdenblatt", "welches die obligatorische Leichenschau durch einen von den Behörden bestellten Arzt anordnet, so wäre der Ausbruch der Cholera in Hamburg im ersten Stadium festgestellt worden . . . Die Reichsgesetzgebung hat die Aufgabe, für die Zukunft ähnlichen Gefahren vorzubeugen. Dazu aber bedarf es nicht nur der Einführung der obligatorischen Leichenschau, sondern auch eines Seuchengesetzes"(40).

Am selben Tag berichtete der wegen Schulden einst verabschiedete Offizier und sich nun in Hamburg als Bohemien gebärdende Detlev von Liliencron (1844-1909) in seinem saloppen, gewollt unbekümmerten "Sekundenstil" an seinen Dichterfreund Richard Dehmel:

"Du hast keinen Begriff, wie hier der schwarze Tod herrscht. Da gehe ich so durch die Straßen bei Tag oder Nacht: Geschrei (der Sterbenden oder Hinterbliebenen), die Sanitätsbeamten alle besoffen, roh; der Kadaver oder noch Lebende (meistens in drei Stunden futsch) wird aus den Häusern herausgerissen, Geheul, weißes Laken, einige Sanitätsbeamte sprengen mit großen Malerquasten, ob auf Tote oder Kranke, große Massen Chlorkalk. Alles stinkt hier von Chlorkalk. Der Pferdebahnbetrieb hat fast ganz aufgehört. Alle Theater, Musiken und so weiter geschlossen. Und so traf ich Henni: in einer Mietskaserne (mit dreihundert Kindern), die entsetzlich schmierig ist, saß sie häkelnd in ihrer scheußlichen Kabine, nachdem ich sie also verlassen hatte. - Sie warf sich mir zu Füßen: ich sollte sie retten - und ich blieb die vorige Nacht bei ihr. In dieser Nacht wurden sieben (schreibe: sieben!) Menschen aus dieser Mietskaserne wegen Cholera entfernt - und wir hörten das Geschrei (41). Liebster Richard, wir sind hier alle auf den (so grenzenlos ekelhaften) Tod vorbereitet. Es kann uns alle wie der Wolf um Mitternacht überfallen. Das Scheußliche dabei ist: daß man sofort in die Baracken muß (ohne Ansehen der Person, sehr richtig). Und da wird man dann erst recht infiziert."

Daß Liliencron nicht übertrieben hat, ist aus einem Brief zu ersehen, den am gleichen Tage ein junger freiwilliger Arzt (Dr. Gustav Hülsemann) an seine Angehörigen in Soest geschrieben hat:

"Es geht mir noch gut, habe stets einen Theermantel an, desinficiere mich gehörig und bin Herr über zwei Baracken. Großer Mangel an Ärzten und Wärtern. Einer meiner Wärter hat sich vorgestern hinter der Thür aufgehangen . . . Das Gestöhn der Kranken ist fürchterlich. Die Hälfte circa stirbt nach einigen Stunden . . . Auf der Anatomie liegen die Leichen sechsfach übereinander . . . Hier liegt alles nackt, da Hemden nach zwei Minuten naß und unsagbar unsauber sind . . . Jeden Tag sterben meine beiden Baracken halb aus und werden immer wieder voll belegt (42). Die Gegenstände verlieren, wenn man die Menschen wie Fliegen um sich her in ihrem Koth sterben sieht, vollständig ihren Werth. Meine Karten und Briefe verbrennt sofort, legt sie nicht auf den Eßtisch. Bin furchtbar müde"(43).
 

Am 30. August
Zahl der Erkrankungen  1081
Zahl der Todesfälle    484

3 1. A u g u s t :

Aus Lübeck meldete das "Hamburger Fremdenblatt": "Sehr erbittert ist man über die Rücksichtslosigkeit der nach hier geflüchteten Hamburger Kaufleute. Wenn auch die Angst sie aus ihrer Heimat getrieben hat, so treibt sie die Börse doch täglich wieder dahin zurück. Natürlich vergrößert sich dadurch die Gefahr der Einschleppung sehr erheblich, und immer energischer verlangt die einheimische Bevölkerung gänzliche Absperrung gegen Hamburg.

1. S e p t e m b e r :

In der sozialdemokratischen "Volksstimme" wurde von einer Flucht der Hamburger "Patrizier" berichtet (44). Die Entrüstung über die "Ausreißer", die das Hasenpanier ergriffen haben, ist groß. Von dem Geist einer Amalie Sieveking sei nichts mehr zu spüren (45).

2. S e p t e m b e r :

Einige Lokalbesitzer vor den Toren der Stadt versuchten durch Zeitungsinserate an die Sedan-Feier zu erinnern. Die Brauereien wiesen auf ihre artesischen Brunnen hin, deren Wasser keimfrei sei. In den Leitartikeln - sonst von nationalem Pathos gebläht - schwang Trauer und Niedergeschlagenheit mit. Der Prager Hygieniker Prof. Hueppe übernahm in Eppendorf den Frauen-Pavillon 26 mit 31 Cholerakranken.

Medizinalrat Kraus, der 67 Jahre alt war und an Bronchialkrebs litt, klagt über Blutspucken. "Ich hänge kaum noch in den Gräten", sagte er zu Dr. Deneke, "und nun den ganzen Tag Besprechungen, Sitzungen und abends oder nachts soll ich die Beschlüsse ausführen."

3. S e p t e m b e r :

In höchster Eile wurden leerstehende Tanzsäle und Turnhallen zu provisorischen Desinfektionsanstalten umgewandelt, vor denen die Lokomobile in schaurigem Rhythmus den Heißdampf erzeugten. Bald waren 40 Desinfektionskolonnen zur Entseuchung von betroffenen Wohnungen gebildet. In einer von der Handelskammer einberufenen "Versammlung der Bürger-Vereins-Vorstände zwecks Bildung eines Hilfscomités zur Linderung des Notstandes"(46) forderte der liberale Bürgerschaftsabgeordnete Dr. Gieschen:

"Bei dieser großen Calamität genügt es nicht, daß nur allein die bürgerlichen Kräfte mithelfen. Ein wahrhaft erfolgreiches Wirken ist nur möglich, wenn man sich an die sozialdemokratische Partei wendet. Diese kennt die Verhältnisse besser, weiß wo Hilfe nötig ist, und ich bin überzeugt, daß ihre Führer gern bereit sein werden, an der Aktion mitzuarbeiten" (47).

Ein Lehrer (Schulz), der acht Tage lang eine Desinfektionskolonne leitete, charakterisierte das grauenvolle Elend im Gängeviertel anhand eines Besuches am Dovenfleth: "Ein enger, abschüssiger Thorweg führt in einen dunklen, dumpfen Hof. Durch ein altes baufälliges Haus gelangt man über einen schmalen Gang in einen neuen Hofraum. Die beiden Vorderwohnungen im Parterre standen leer. Hier hatte die Cholera gute Beute gefunden. Auf der Treppe, die in das Haus hinaufführte, darf man sich nicht aufrichten, man würde sich unfehlbar den Schädel einstoßen. Man sieht nicht die Hand vor den Augen(48). . . Für zwanzig Familien gibt es nur zwei Anstandsorte, die aber von den wenigsten benutzt werden, da das Passieren der Treppen lebensgefährlich ist. So wird der Unrath durch die Abflußröhren für Schmutzwasser hinuntergegossen. Da es aber hier keine Wasserleitung giebt, und infolgedessen nicht nachgespült werden kann, so ist die Luft eine entsetzliche"(49).

Ein gewisser Dr. Meyer, der als Mitglied derselben Desinfektionskolonne ebenfalls mit dem Grauen des Wohnungselends aus nächster Nähe konfrontiert wurde, meinte in einem Interview am 3. September:

"Zunächst müßte einmal einer der Senatoren einen Rundgang durch die Gänge und Höfe machen, um die dort herrschenden Zustände, von denen man sich sonst keinen Begriff machen kann, in Augenschein zu nehmen . . . Wenn durch leichtsinniges Umgehen mit Explosivstoffen oder Feuerwaffen Leben und Eigenthum der Mitmenschen zu Schaden kommen, so gibt es für solche Fälle Gesetzesparagraphen, welche den Schuldigen mit einer empfindlichen Strafe für fahrlässige Tödtung oder Brandstiftung treffen. Bei uns sind die aus einem früheren Jahrhundert übernommenen Zustände mit liebevoller Sorgfalt für das Wohl der Grundbesitzer bestehen geblieben, und das versuchsweise Rütteln an ihnen hat stets die bittere Feindschaft einer consolidirten Clique zur Folge gehabt . . . Wenn man nach Recht und Billigkeit verfahren würde, so müßten solche Haus- resp. Höhlenbesitzer unter Anklage wegen fahrlässiger Tödtung gestellt, und der von den Pesthöhlen gesäuberte Grund und Boden von Staatswegen zur Bebauung mit hygienischen Wohnungen expropriirt werden"(50).

"Es ist daher sogar verwunderlich", so Melhop, "daß angesichts des sich überbietenden Bauspeculantenthums und der hiermit wachsenden Findigkeit der Architekten die Zustände in den Mietswohnungen nicht noch erbärmlicher sind. Ein Architekt, welcher solchen Mißständen hätte entgegentreten wollen, wäre vermutlich von anderen, weniger scrupulös denkenden Fachgenossen vom Geschäft verdrängt worden. Denn räumliche Ausnutzung war und ist noch heute die Hauptaufgabe des für Mietskasernen berufenen Bautechnikers, und der gesuchteste unter ihnen ist derjenige, welcher auch das neueste (1882 erlassene) Baugesetz am schlauesten zu umgehen vermag"(51)


Karikierung der "Boden-Grundwasser-Theorie" durch ein verschollenes Gemälde von Geheimrat R.O. Neumann. - Laut Pettenkofer (1818-1901) werden von Kranken ausgeschiedene "Erreger" (gleichgültig ob Typhusbakterien oder Choleravibrionen) für andere Menschen erst dann infektionsfähig, wenn sie in den Boden eindringen und dort unter besonderen örtlichen und zeitlichen Bedingungen, die weitgehend vom Stand des Grundwasserspiegels abhängen, ausreifen. Das Bild will zum Ausdruck bringen, daß die Lehre, wonach die Cholera durch die Ausdünstungen eines siechenhaften Bodens verursacht würde, noch stark von der alten Miasmalehre beineflußt war.

4.  S e p t e m b e r :

"Man wollte Tausende sparen und es gehen Millionen verloren", schrieb ein Hamburger Pharmaziestudent an seinen Kommilitonen R. O. Neumann. "Unser Handel und Wandel liegen brach, Hamburg ist zur Zeit der ominöseste Name in Europa, und wer sieht das Ende ab? . . ."(52)

5.  S e p t e m b e r :

"Was man außerhalb Hamburgs nicht weiß, ist, daß die Wasserversorgungsfrage schon seit Jahrzehnten den Gegenstand Jahr um Jahr wiederkehrender Anrufungen an unsere Behörden und Beamten in der Bürgerschaft, wie in öffentlichen Versammlungen und in der Presse ist und daß, trotz der dringlichsten Mahnungen, trotz beschämender Vorwürfe, trotz der Ausarbeitung von Verbesserungsplänen die Angelegenheit praktisch nicht vom Flecke kommt, auf dem sie vor 20 Jahren stand, als das inzwischen verstorbene Bürgerschaftsmitglied J. F. Martens eine abscheuerregende Probe des von der Stadt gelieferten Trinkwassers in der Bürgerschaft mit den Worten auf den Tisch des Hauses setzte: ,Sehen Sie, meine Herren, das zu trinken mutet der Senat der Bevölkerung zu.' Was ist in diesen zwanzig Jahren in Hamburg für die Lieferung eines besseren Trinkwassers an die Consumenten geschehen? Was ist geschehen, nachdem 1873 bei der letzten Cholera-Epidemie der Würgengel eine so ernste Mahnung an unsere Gesundheitsbehörde erließ, das Nothwendigste zum Leben, das Trinkwasser zu verbessern?! Leider nichts! Die Bevölkerung hat jetzt tausendfach diese schwere Unterlassungssünde mit dem Liebsten bezahlen müssen, mit dem Leben ihrer Angehörigen!" ("Korrespondenzblatt", 5. 9. 92).

6.  S e p t e m b e r :

An diesem Tag erschien im "Hamburger Fremdenblatt" ein gegen den Medizinalinspektor gerichteter Artikel mit der fettgedruckten Überschrift: "Ceterum censeo, medicinae inspectorem esse abeundum!" Obwohl sich der öffentliche Groll zunächst gegen den Medizinalinspektor Dr. Kraus und den Oberingenieur Meyer richtete, denen man schwere Versäumnisse zum Vorwurf machte, opferte man lediglich den Medizinalinspektor, "weil er die Epidemie zu spät bekanntgegeben und die Zahl der Erkrankungen bzw. Todesfälle in den täglich von ihm herausgegebenen statistischen Berichten zu niedrig gehalten" hätte. Über die gegen Ing. Meyer erhobenen Vorwürfe glitt man amtlicherseits geflissentlich hinweg, da in diesem Falle bei einem näheren Eingehen auf die Schuldfrage zwangsläufig auch solche Umstände zur Sprache gekommen wären, aus denen man klar hätte ersehen müssen, welche Instanzen in Wirklichkeit für die Verzögerung der einwandfreien Wasserversorgung verantwortlich waren (53).

7. S e p t e m b e r :

Infolge der schweren, gegen ihn erhobenen Beschuldigungen verlangte der schwerkranke Medizinalinspektor Kraus seine Entlassung, die der Senat auch prompt bewilligte (14 Tage später war er tot).

8.  S e p t e m b e r :

Die auswärtigen Zeitungen schimpften über die Hamburger "Pfeffersäcke" und "Kaffeebarone", die die Sache so lange geheimhielten und dadurch ganz Deutschland in Gefahr gebracht haben (54). Außerhalb ihrer Grenzpfähle wurden die Hamburger wie Aussätzige im Mittelalter behandelt. Hotels verweigerten ihnen den Zutritt (55) So schrieb z. B. der von seinem freiwilligen Einsatz in Hamburg nach Kiel zurückgekehrte junge Arzt, Dr. Gustav Hülsemann:

"Ehe ich nach meiner Wohnung ging, hatte ich in der städtischen Desinfectionsanstalt ein Dampfbad genommen und meine Kleider desinfizieren lassen. Trotzdem veranstaltete das ganze Haus bei meiner Wirtin eine Demonstration gegen mich, und ich schob wieder ab wie ein Verpesteter und saß auf der Straße. Ich entschloß mich, einige Tage im Hotel zu wohnen, wurde aber auch da abgewiesen, und ich glaube, die Leute haben den Hausflur hinter mir mit Carbol aufgewaschen. Was sollte ich nun machen? - Ich ging freiwillig in Quarantäne"(56) (,,Soester Kreisblatt" vom Sept. 1892).

Die Vorsicht der Menschen ging laut "Hamburger Fremdenblatt" so weit, daß sie nicht nur Briefe, sondern sogar Geldanweisungen aus Hamburg zurückwiesen (57).

9. September:

Als inmitten einer hysterischen Hexenjagd-Stimmung die "Vossische Zeitung" (Berlin) in einem gouvernantenhaften Artikel den Hamburgern vorzählte, was zur Zeit alles für sie getan würde, bäumte sich der Hanseatenstolz trotzig auf: "Der ,Vossischen Zeitung' sei erwidert", hieß es im "Hamburger Fremdenblatt" vom 9. September, "daß wir von Berlin oder anderswo weder Geld noch Lebensmittel, noch Kleider wünschen. Wohl aber wünschen wir, daß nicht jedes Schilda oder Schöppenstedt im großen Vaterlande die Hamburger wie aussätzige Kulis behandelt!"(58)

Der bekannte Hygieniker Prof. Hueppe, der damals aus Prag nach Hamburg gekommen war, schrieb dazu:

"Kaum war aber die Cholera unvermuthet, mit Überspringen aller Zwischenorte in Hamburg ausgebrochen, so wurde in Deutschland und Österreich eine peinliche Überwachung eingeführt, die ihre Spitze ganz vorwiegend gegen Hamburg kehrte, die russische Grenze nur mäßig und die französische fast kaum beachtete. Die Absperrung einzelner Orte gegen Hamburg wurde so weit getrieben, daß Krähwinkel seinen Ruhm von jetzt ab andern Städten überlassen muß. Jeder aus Hamburg kommende Reisende wurde fast wie ein Verbrecher überwacht, an einzelnen Orten in Quarantäne gehalten, oft in unsinniger Weise desinficirt"(59).

1 0. S e p t e m b e r :

Zwei telegraphische Hiobsbotschaften aus den Vereinigten Staaten im "Hamburger Fremdenblatt":

"New York, 10. Sept. (Reut. Tel.): Der Paketfahrtdampfer ,Scandia' ist gestern Abend mit vielen Cholerakranken an Bord hier eingetroffen. 32 Personen starben während der Reise, davon gehören 29 zu den Zwischendeckpassagieren, 2 zu den Passagieren der z. und einer zu denen der 1. Klasse . . . Sämtliche Leichname wurden über Bord geworfen."...

"Washington, 10. Sept. (Reut. Tel.): Der Präsident Harri ließ die Dampfergesellschaften davon verständigen, daß, wenn sie darauf bestehen, Auswanderer aus inficirten Häfen fernerhin zu bringen, man ihnen den Eintritt in die Vereinigten Staaten verwehren würde."

Es schien, als sei Hamburg "zum Umschlaghafen der Cholera" geworden.

1 1. S e p t e m b e r :

Der Skandal um die im New Yorker Hafen quarantänisierten Passagiere der Dampfer "Scandia", "Moravia", "Rugia" etc. weitet sich immer mehr aus.

1 2. S e p t e m b e r :

Unter dem Eindruck der Ereignisse und ihrer Auswirkungen im Ausland wurde in Berlin ernsthaft erwogen, ob man nicht Hamburg die Staatsbefugnisse entziehen und es unter Reichsvormundschaft stellen sollte (60)

Im "Hamburger Fremdenblatt" vom gleichen Tag wurde dies unter der Überschrift "Reichshülfe gegen Epidemien" angedeutet. Es hieß dort u. a.:

"Ob die Organisation des Kleinstaates ausreicht, das Nöthigste auch auf das Schleunigste zu beschaffen, will manchem zweifelhaft erscheinen. Es ist das Gebrechen solcher Kleinstaaten, daß die Inzucht bei Besetzung der höchsten Ämter die gerade für Fachstellungen erforderlichen besten Kräfte, wenn sie nicht zufällig Eingeborene sind, von der Besetzung ausschließt. Die sonderbare Verfassung, welche den Senat ausschließlich aus Kaufleuten und Juristen zusammensetzt, paßt schon lange nicht mehr für die vielseitigen Erfordernisse einer Verwaltung in der Gegenwart. Die Verfassungsbestimmung, wonach ein großer Theil der ,Bürgerschaft' von Beamten als einem besonderen Wahlkörper besetzt wird, ist auch nicht geeignet, das Cliquenwesen und die Vetternwirtschaft fernzuhalten."

Die Bedenken gegen eine Partei-Filzokratie sind demnach schon sehr alt (61).

1 3. S e p t e m b e r :

Im "Hamburger Fremdenblatt" (Nr. 214, 1. Beilage) wurde eine "Warnung für diejenigen, die Briefe nach auswärts senden", veröffentlicht:

"Man hüte sich, in Briefe aus Hamburg irgendwelche Schriftstücke von Werth oder Bedeutung hineinzulegen, jedenfalls keine Wechsel. Viele hiesige Kaufleute haben damit schon schlimme Erfahrungen gemacht. So schrieb z. B. einem hiesigen Hause ein Geschäftsfreund aus Osnabrück: ,Ihre gefl. Zuschrift vom vorgestrigen Tage mußte, wie wohl die meisten Briefe, die in jetziger Zeit von Hamburg kommen, dem Feuer übergeben werden . . . Es ist traurig, daß solche polizeiliche Maßregeln Platz greifen müssen, und gewiß ist Ihre unglückliche Stadt zu beklagen. Doch wieder ist es auch Niemandem zu verdenken, wenn er all und jede Vorsicht beachtet, damit die entsetzliche Seuche nicht ihn oder seine Angehörigen befällt . . ."

In der zweiten Beilage derselben Nummer wurde über den "kolossalen Schaden, den Hamburgs Handel und Wandel erleidet", u. a. folgendes berichtet:

"Die sonst bis auf den letzten Platz besetzten Hotels erscheinen wie ausgestorben . . . Viele Gasthöfe haben geschlossen. Hamburg ist in Acht und Bann erklärt worden. Unsere Haupterwerbsquelle, die Schiffahrt, ist lahmgelegt. Die stolzen Fahrzeuge, welche sonst mit der größten Eile den Ozean durchfurchten, um die Schätze aller Weltteile dem ,nordischen Venedig' zuzuführen, liegen jetzt vielfach in fremden Häfen, von der über sie verhängten Quarantäne festgehalten. Viele Firmen mußten, wenn auch mit schwerem Herzen, einen Theil ihres Personals entlassen . . . Auf den Werften und industriellen Etablissements der Elbinseln herrscht an den Wochentagen eine ungewohnte Ruhe . . . Traurig sieht es mit dem Fischfang aus. . .
Die unterelbischen, also Finkenwerder, Blankeneser und Cranzer Fischer haben ihre Thätigkeit seit nahezu 14 Tagen der ungenügenden Nachfrage halber fast gänzlich eingestellt. Ganze Ladungen der herrlichsten Seefische sind in der letzten Zeit in den am St. Pauli-Markt veranstalteten Auctionen unverkauft geblieben und aus diesem Grunde als Dünger abgefahren worden . . . Sehr schlimm betroffen sind die von den Vierlanden, der Schatzkammer unserer Vaterstadt, kommenden Frucht- und Gemüsegärtner. Wer kauft jetzt Obst und Grünwaaren?. . ."

1 4. S e p t e m b e r :

Sitzung der Bürgerschaft, auf der die "Nachbewilligungen von 1 000 000 Mark zur Bestreitung der durch die Cholera-Maßregeln entstehenden Kosten" beantragt wurde. In dieser Sitzung stellte sich Bürgermeister Mönckeberg vor seine Verwaltung, der man den Vorwurf machte, sie hätte "durch Vertuschungsmanöver die Angelegenheit absichtlich verschleppt", weshalb dann auch die Vorkehrungen gegen die Seuche viel zu langsam erfolgt seien. "Der Ausbruch der Cholera", so erklärte Mönckeberg, "ist erst am 22. August wissenschaftlich konstatiert worden. Von einer Verheimlichung kann überhaupt nicht die Rede sein . . .
Man behauptet nun, daß schon vorher choleraverdächtigte Fälle bekannt waren. Ich mache Sie darauf aufmerksam, welche Folgen eine solche Publication für Hamburg hätte haben müssen, namentlich wenn sich dieser Verdacht nicht bestätigt hätte! Erst mußten die Tatsachen konstatiert werden, ehe man alarmieren durfte."

Und dann erklärte er trotz der ungeheuren Geschehnisse mit einem geradezu unerträglichen Pathos:

"Bisher haben die sanitären Verhältnisse Hamburgs als vorzüglich gegolten. Man hat unsere Krankenhäuser als mustergültig gerühmt und das Hamburger Sielsystem als großartig bezeichnet. Man hat sich bemüht, hinsichtlich der Wasserversorgung das Neueste und Beste auszuwählen. Es hat weder an gutem Willen noch an Kräften oder Eifer gefehlt. Haben unsere leitenden Techniker es verdient, daß man heute einen Stein auf sie wirft? Sie stehen den ersten deutschen Technikern ebenbürtig an der Seite. Niemals haben Senat und Bürgerschaft es an etwas fehlen lassen. Man kann sich geirrt haben, aber dem Vorwurf freventlicher Vernachlässigung darf mit vollem Recht ein kategorisches Nein entgegengesetzt werden."

Nach Annahme des Senatsantrages forderte der Bürgerschaftsabgeordnete Woermann die "Einsetzung einer gemischten Kommission zur Prüfung der sanitären Verhältnisse":

"Es ist eine Ohnmachtserklärung, wenn wir Jahre hindurch von gekochtem Wasser leben sollten. Unser Wassersystem ist ein Giftsystem! Es ist schrecklich, wenn heute an jedem Baum, an jedem Hause angeschlagen wird, nur gekochtes Wasser zu trinken und wenn trotz alledem ein Mitglied der Medicinalbehörde erklärt, es ist noch nicht festgestellt, ob das Elbwasser schlecht sei! Das führt zur Verwirrung in der Bevölkerung. Wir müssen darüber endlich Klarheit haben, wenn erst in zwei Jahren die Filtration fertig sein soll! Es muß alles daran gesetzt werden - koste es, was es wolle - daß wir ein treffliches Trinkwasser erhalten und das jedenfalls bis zum nächsten Sommer! Es ist nicht zu bestreiten, daß sehr häufig ein Verschleppungssystem bei unseren Behörden herrscht (Bravo!). Wir dürfen uns nicht rühmen, daß bei uns alles so wunderschön sei: die Fehler liegen in unserem System (Beifall). Wir müssen andere Organisationen schaffen. Der Grundfehler unseres Sytems ist, daß die Senatoren als Laien ins Amt kommen. Es fehlen der Regierung fachlich geschulte Oberbeamte, wir werden heute von Laien und subalternen Beamten regiert (Bravo) (62). Wenn die Kommission gewählt ist, wird man hoffentlich schnell eingreifen und zu bessern suchen, was zu bessern ist"(62a).

Die Ereignisse in New York und anderen Häfen erfüllten die Hamburger mit tiefer Sorge, was sehr deutlich dem Artikel "Wie gewinnt unsere Stadt das verlorene Vertrauen wieder?" im "Hamburger Fremdenblatt" vom 14. Sept. zu entnehmen ist. Er lautet: "Die Cholera überfiel uns wie ein Dieb in der Nacht, und die Vorwürfe, daß wir uns ihr gegenüber nicht mit der nöthigen Vorsicht gewappnet hätten, sind leider nur allzu berechtigt. Wir müssen unsere Unterlassungssünden schwer büßen. Was ist über unsere entsetzliche Leitungsjauche nicht schon gezetert und gezürnt, gewitzelt und gespottet worden?!(63)Und doch ist nichts geschehen, der notorischen Calamität entgegenzutreten. Der Lebensnerv unserer Stadt ist der Handel und Weltverkehr und deren Grundbedingungen sind peinlich geordnete Zustände. Auf ihnen beruht das Vertrauen, auf das sich der Handel zu stützen hat. Dieses nun entschwundene Vertrauen zurückzugewinnen, muß unsere erste Sorge sein, wenn der bleiche Würgengel, der uns heimgesucht hat, besiegt ist. Bei der Gelegenheit bedarf es rücksichtsloser Offenheit, und wir müssen den Finger in alle Wunden legen."

Erst jetzt erfuhr man, wie schlimm es den unglücklichen Passagieren der Hamburg-Amerika-Linie nach ihrer Ankunft in New York erging. Nachdem es bekannt wurde, daß der aus Hamburg kommende Dampfer "Moravia" unterwegs 22 Choleraleichen versenken mußte, sollten die Passagiere der "Normannia" nach ihrer Ankunft im New Yorker Hafen am 3. September auf Fire Island quarantänisiert werden. Die Bewohner der kleinen Insel hinderten jedoch die Mannschaft am Ausbooten der 800 Passagiere mit Waffengewalt (64). Auch drohten sie das für die Unterbringung der Passagiere vorgesehene Hotel in Brand zu stecken. Am wildesten gebärdeten sich die Fischer und Austernhändler der kleinen Insel, die vor Beginn der Austernsaison einen Geschäftsruin befürchteten, falls auf ihre Ware auch nur der Schatten eines Choleraverdachts fiele! Die auf einen kleineren Dampfer umgeschifften Passagiere mußten hungernd und frierend eine weitere fürchterliche Sturmnacht vor den Molenköpfen der Insel verbringen, bis die aus New York zur Verstärkung herbeigeholte Polizei ihre Ausbootung erzwang (65). "Auf Fire Island sind z. Z. 3500 Passagiere in Quarantäne. In New York haben verschiedene Eisenbahngesellschaften die Beförderung der Passagiere ins Innere verweigert."

1 5. S e p t e m b e r :

In Amerika hatte es viel Ärger und Empörung gegeben, daß nicht nur der schwer verseuchte Personendampfer "Moravia", der am 17. August nach New York in See ging, sondern auch der Schnelldampfer "Normannia", der erst am 26. August nach New York abfuhr, mit einem "Gesundheitsattest" des Hamburger Senats versehen war. Die amerikanische Presse warf daher in scharfen Ausfällen dem amerikanischen Vizekonsul in Hamburg, Charles Burke, grobe Fahrlässigkeit bei der Ausstellung von Gesundheitspässen vor. Um sich öffentlich zu rechtfertigen, erteilte Burke einem Reporter ein auffallendes Interview, das am 15. Sept. in der "Sun" erschien. Er gab darin zu, ein vom Hamburger Senat ausgestelltes Gesundheitszeugnis, nach dem weder in der Stadt noch im Hafen eine ansteckende Krankheit epidemischen Charakters vorhanden sei, am 16. August nachmittags gewohnheitsgemäß beglaubigt zu haben. Erst am 22. August sei ihm das Gerücht von einer Choleraepidemie in Hamburg zu Ohren gekommen, doch hat dies auf seine direkte Frage hin Senator Hachmann bestritten und es erst am folgenden Tage zugegeben. Dessenungeachtet seien dem Konsulat am 23. August nicht weniger als 7 vom Senat ausgestellte "reine" Gesundheitsatteste vorgelegt worden, deren Beglaubigung er jedoch verweigerte. Noch am 25., zwei Tage nach der amtlichen Konstatierung der Krankheit, sei ihm eine gleiche Bescheinigung wegen der Expedition der "Normannia" vorgelegt worden, nach deren Wortlaut keinerlei Epidemie in Hamburg herrschen sollte.

1 6. S e p t e m b e r :

Das Interview des Vizekonsuls löste in der amerikanischen Presse ein gereiztes Echo aus. Es wurden die heftigsten Vorwürfe gegen die Hamburger Behörden laut, die, statt sofort zu warnen, durch gefährliche Vertuschungsmanöver die Seuchenverschleppung über das Meer ermöglichten.

1 7. S e p t e m b e r :

Das "Hamburger Fremdenblatt" berichtet auf seiner ersten Seite von der "Berufung von Militärärzten zur Leitung der Stationen zur gesundheitlichen Überwachung des Stromgebietes der Elbe". Zu ihnen gehörte auch Bernhard Nocht, der später der erste Hafenarzt Hamburgs und Direktor des Institutes für Schiffs- und Tropenkrankheiten wurde.

Nachdem in höchster Not das hanseatische Infanterie-Regiment Nr. 76 zur beschleunigten Fertigstellung der Filtrationsanlage abkommandiert wurde, so daß nun über 1000 Mann in Kaltehofe beschäftigt waren, kam es in den Bürgerschaftssitzungen zu heftigen Auseinandersetzungen über die Schuldfrage der bisherigen Verzögerung. Hier ein Ausschnitt aus der Sitzung vom 1. Oktober:

Dr. Gieschen: "Es ist wichtig festzustellen, wer denn eigentlich die Filtrationsanlage so lange verzögert hat. Das muß die gemischte Commission ganz eingehend prüfen. Im Juni 1888 hat die Bürgerschaft schon die Kosten für die Filtration bewilligt, aber durch die Nebenbedingungen seitens des Senats mit dem Wassertarif wurde die wichtige Angelegenheit unglückseligerweise noch weitere zwei Jahre verzettelt. Und jetzt werden die Arbeiten weiter verschleppt. Warum sind heute keine Senats-Commissare hier, daß sie Rede stehen könnten? In einer so wichtigen Zeit muß der Senat in der Bürgerschaft vertreten sein."

Dr. Wolffson: "Herr Ober-Ingenieur Meyer hat in der letzten Commissionssitzung erklärt, daß zum Juni nächsten Jahres die Filtration so weit fertiggestellt sein wird, daß die ganze Stadt mit gutem Trinkwasser versorgt werden kann. Es geschieht ja alles, um die Zustände zu bessern. Aber sich hier auf die Tribüne zu stellen und immer zu behaupten, es geschehe nichts, das halte ich dann doch nicht für geeignet, die aufgeregte Bevölkerung zu beruhigen."

Dr. Gieschen: "Ist die Cholera erst vorüber, dann beginnt auch wieder der alte Schlendrian. Die Bürgerschaft ist nicht schuld an der Verzögerung der Filtration. Im Juni 1888 haben wir die Kosten schon genehmigt, aber der Senat bepackte die Vorlage mit einer Bedingung, mit der Wassertariffrage, und dadurch gingen weitere zwei kostbare Jahre bis 1890 verloren. Um lumpiger 50 000 Mark wegen verzögerte man die Inangriffnahme des Baues und dadurch allein haben wir die Cholera ins Land bekommen. Übrigens: Sind wir denn eine richtige Volksvertretung? (66)Wir sind nur der Bruchtheil einer solchen." (Präsident: "Das gehört nicht zur Sache"(66a).

In der Sitzung am 12. Oktober ging die Diskussion weiter:

A. Gerard: "Ich beantrage Einsetzung eines Ausschusses von 9 Personen zur Prüfung der Ursachen der bis August d. J. so sehr verzögerten Arbeiten an den Wasserfiltrations-Werken auf Kaltehofe."

Möring: "Auf die Frage von Dr. Gieschen in letzter Sitzung, ob man nicht zur Fertigstellung der Filtrationswerke zeitweise zu wenig Kräfte eingesetzt habe, sei zu antworten, daß mit Ausnahme der Frostperiode genügend Arbeiter beschäftigt worden sind."

Dr. Dränert: "Als ich am 18. September auf Kaltehofe anwesend war - vier Wochen nach Ausbruch der Cholera - arbeiteten dort nur 14 Mann" ("Hört, hört!").

Möring: "Jetzt arbeiten über 1000 Personen an der Filtration. Es ist höchst bedauerlich, daß solche Vorwürfe erhoben werden."

Dr. Dränert: "Ich habe am 18. September 14 Arbeiter gezählt; viele von ihnen lungerten untätig herum und das war 4 Wochen nach Ausbruch der Cholera. Man hätte gleich nach dem Ausbruch so arbeiten sollen wie jetzt im Oktober. Da man es nicht gethan hat, ist darüber kostbare Zeit verloren gegangen."

Langthimm: "Es wäre interessant zu erfahren, wieviel Arbeiter im Mai und Juni beim Bau der Filtrationsanlage beschäftigt wurden."

Gerard: "Aus allem geht hervor, daß vor Eintritt der Epidemie bitter wenig gearbeitet worden ist. Die Zahlen von Möring beweisen nichts; die sind unter dem Druck der Epidemie entstanden. Durch schlimme Erfahrungen veranlaßt, hat man die Arbeit energisch in die Hand genommen. Ich will untersucht wissen, wer hier an der Verzögerung der Sandfiltration die Schuld hat."

Möring: "In den letzten Wochen versucht man systematisch die Verwaltung und ihre Beamten zu verdächtigen und schlecht zu machen."

Dr. Gieschen: "Die können gar nicht schlechter gemacht werden. Das ist gar nicht möglich." (Heiterkeit)

Möring: "Das ist eine unverantwortliche Unterstellung!" (Lärm)

Dr. Gieschen: "Unser System ist trostlos. Es ist schlimmer als die Epidemie selbst! Was ist das für eine Verwaltung, die zu einer Zeit, wo Tausende sterben, sich mit Vorlagen, wie derjenigen bezüglich der Verleihung des Titels ,Oberregierungsrath' für Polizeiräthe beschäftigt?"(67)

In der Sitzung vom 23. November erklärte Dr. Gieschen:

"Die Frage der Verbesserung des Trinkwassers ist in Hamburg über zwanzig Jahre verschleppt worden. Ein viel geschmähter Mann, der Medicinalrath Kraus, hat schon 1873 auf diese dringend notwendige Verbesserung hingewiesen. Woran liegt es, daß nichts geschah?"(68)

Diese Frage wurde noch oft gestellt, doch die Antworten waren ausweichend und unbefriedigend.

Die Hamburger Choleraepidemie ist das traurigste Beispiel für die Bestrafung menschlichen Leichtsinnes auf dem Gebiete der allgemeinen Hygiene. "Die Ratsherren der reichen Hansestadt, die nur an Profit dachten, deren Blicke immer nach draußen, aufs Meer und übers Meer gerichtet waren, hatten keine Zeit zum Nachdenken über die Notwendigkeit hygienischer Maßnahmen, trotzdem bereits 1873 die Reinigung des verschmutzten Elbwassers durch Sandfiltration gefordert worden war"  (69). Das nach der Epidemie errichtete Wasserwerk mit Sandfiltration kostete 22,4 Millionen Mark. Hätte man es früher gebaut, wie im benachbarten Altona, so wäre die Cholera des Jahres 1892 auch in Hamburg viel glimpflicher verlaufen. Eine Berechnung der wirtschaftlichen Schädigung Hamburgs durch die Choleraepidemie des Jahres 1892 kann zwar pietätlos wirken, ist aber recht aufschlußreich:

(70)

Wirtschaftliche Schädigung Hamburgs durch die Choleraepidemie 1892
Kapitalverlust aus 8605 Todesfällen 143,6 Mio Mk
Verdienstverlust der 16956 Erkrankten      1,9 Mio Mk
Verdienstausfall des:
Gaststätten- und Hotelgewerbes      3,5 Mio Mk
Abnahme der Einfuhr  159,0 Mio Mk
Abnahme der Ausfuhr  122,0 Mio Mk
Annähernd zahlmäßig feststellbarer Gesamtverlust  430,0 Mio Mk
Ausgaben für das 1893 gebaute Wasserwerk    22,4 Mio Mk
Der rechtzeitge Bau des Wasserwerkes hätte allein ersparen können  407,6 Mio Mk

Auszeichnung des Hamburger Senats für geleistete Hilfe während der Choleraepidemie.
Herkules, die Hydra bekämpfend.

Doch, "non ogni male viene a nuocere" ("Nicht jedes Unheil kommt, um nur zu schaden"), wie ein italienisches Sprichwort lautet. Es bedurfte erst dieser Opfer und der Millionenverluste, damit endlich ein Sanierungsprogramm aufgestellt wurde, mit dem die Elendsquartiere beseitigt werden konnten. Ohne diesen moralischen und wirtschaftlichen Druck hätte der Senat 1898 schwerlich sein gegen den erbitterten Widerstand der Grundeigentümer durchgebrachtes "Wohnungspflegegesetz" verabschieden können, das der Stadt die gesetzliche Handhabe für den Abbruch und die Wiederbebauung gab (71). Unter dem Eindruck der Hamburger Choleraepidemie entschloß man sich auch anderswo zu Sanierungsmaßnahmen, zur Anlage einwandfreier Wasserleitungen und Kanalisationen, was das Erlöschen der ständigen Cholera und Typhusepidemien zur Folge hatte.

Der in Erinnerung an die letzte Choleraepidemie im Ehrenhof des Hamburger Rathauses (Ende 1896) errichtete Hygieie-Brunnen, der laut Mitteilung von Geheimrat R. O. Neumann und Physikus Prof. Sieveking - analog der "Pestsäule" in Wien - "Cholera-Brunnen" heißen sollte.
Hygieia, die griechische Göttin der Gesundheit, Tochter des Asklepios, hält in ihrer rechten Hand eine Schale. Um Ihre Beine ringelt sich ein drachenartiges Ungeheuer, das die Cholera symbolisiert. Es starrt entsetzt auf die Schale, denn das darin enthaltene Wasser bedeutet sein Ende.


Anmerkungen

(1)
Paul Wiegler, Heines publizistische Tätigkeit. Leipzig 1929, S. 42.

(1a)
Von dem Geld hatte bereits 1723 Telemann bemerkt, es sei in Hamburg der Nerv aller Dinge ("nervus rerum gerendarum"). (Ekkart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg. Hamburg 1981, S. 281).

Lindley war die Pietätlosigkeit, mit der engstirniger Krämergeist 1805/06 den Hamburger Dom abreißen und die alten Grabplatten, mit denen der Boden, Säulen und Wände der Kirche bedeckt waren, "da sie aus festem Marmor seyen", zu den profansten Zwecken, zum Bau von Sielen, verwenden ließ, wohl bekannt (Extractus Protocolli Senatus Hamburgensis Mercurii, d. 27. März 1805, K 2 S. 243 ff.)

(2)
Es handelt sich um das Gedicht "Anno 1829", in dem Heine das Hamburger Wesen anprangert, obwohl er den Namen "dieser Stadt" nicht nennt:

"....O, laßt mich nicht ersticken hier
In dieser engen Krämerwelt!
Sie handeln mit den Spezerein
Der ganzen Welt, doch in der Luft,
Trotz aller Würzen, riecht man stets
Den faulen Schellfischseelenduft . . ."

(Neue Gedichte, Romanzen)

(3)
W. Melhop, Alt-Hamburgisches Dasein. Hamburg 1899, S. 56.

(4)
Für den Bau des Freihafens brauchte man Platz. Darum ließ man 20 000 Menschen umsiedeln und u. a. einen schönen alten Stadtteil auf der Wandrahm-Insel abreißen. Erbittert prägte Alfred Lichtwark das Wort von der "Freien und Abrißstadt Hamburg". Er schrieb 1912: "Wohl keine Kulturstadt der Welt hat je eine solche Selbstzerstörungslust entwickelt wie Hamburg. Hamburg hätte die Stadt der Renaissance sein können, des Barocks und des Rokoko - doch all diese Schätze wurden stets begeistert dem Kommerz geopfert. An die Stelle barocker Wohnhäuser wurden neubarocke Kontorblocks getürmt und noch immer ist jeder Neubau ein Schlag ins Gesicht der Stadt." (Zitiert bei Eckart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg. Hamburg 1981, S. 52.)

(5)
Theodor Deneke, Die Hamburger Choleraepidemie 1892. Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Hamburg 1949, Band 40, S. 126. - Dabei verwies Curschmann auf ähnliche Erfahrungen in Frankreich. Nach Prof. Brouardel hatte man 1886 gewissen Stadtteilen von Paris, für die infolge einer plötzlichen Trockenheit das Quellwasser nicht mehr ausreichte, vom 20. Juli bis 7. August unfiltriertes Wasser aus der Seine zugeleitet. Die Folge dieser Maßnahme war, daß sich die Zahl der Typhuskranken plötzlich um mehr als das Dreifache vermehrte. Die gleiche Erscheinung konnte in der Kaserne eines Sappeurregimentes auch der Militärarzt Dr. Régnier feststellen. Chantenmesse und Widal soll es sogar gelungen sein, "aus dem verdächtigten Trinkwasser Typhusbazillen nachzuweisen". Nachdem wieder Quellwasser zugeleitet wurde, sank sowohl bei der Zivilbevölkerung als auch beim Militär die Zahl der Typhuserkrankungen auf die übliche Quote zurück. Eine ähnliche Steigerung der Typhusfrequenz erfolgte auch 1887, nachdem man wegen eines Bruches in der Wasserleitung von Arcueil vom 27. Januar bis März einigen Bezirken Flußwasser zugeführt hatte. In dieser doppelten Koinzidenz erblickten Brouardel und Régnier das "Verhältnis von Ursache und Wirkung" (Tagblatt des VI. Internationalen Congresses für Hygiene und Demographie in Wien, 1887; auch in ,Revue d'hygiène' tom. IX. p. 819).

(6)
Der Bau des Eppendorfer Krankenhauses unter Curschmanns Leitung dauerte von 1884 bis in den Herbst 1888.

(7)
Siehe Protokoll von der Sitzung der Hamburger Bürgerschaft am 1. Oktober 1892.

(8)
Mündliche Mitteilung (1950) von Geheimrat R. O. Neumann, dem einstigen Direktor des Hygienischen Instituts der Hansestadt Hamburg.

(9)
"Soweit ich zurückdenken kann", schreibt Weizmann (*1874, +1952), der erste Präsident des Staates Israel, in seiner Autobiographie, "erinnere ich mich an wildes, überstürztes Fliehen, an vorüberbrandende Wellen von Auswanderern, die aus dem Gefängnis Rußland ausbrachen, an jene gewaltige Flut, die Hunderttausende von Juden aus ihrer alten Heimat über das Meer in ferne Länder spülte. Ich erlebte es als Kind und auch noch als junger Mensch, wie ganze Städte und Dörfer auf diese Art entvölkert wurden." (Chaim Weizmann, Memoiren. Hamburg 1951, S. 31). -Die meisten jüdischen Auswanderer verließen die Alte Welt über Hamburg.

(10)
Hamburger Bürgerschaft: Stadtparlament

(11)
Infolge diagnostischer Unzulänglichkeiten konnten Choleravibrionen aus seinen Ausscheidungen bzw. Organen erst am 21. August nachgewiesen werden.

(12)
Mit Recht schließt Gaffky aus diesen Tatsachen, daß "am 15. und 16. August der spezifische Keim in der Hamburger Hafengegend bereits vorhanden war. Mit großer Wahrscheinlichkeit läßt sich annehmen, daß dies schon am 13. August der Fall war." (Die Cholera in Hamburg. Amtl. Bericht Arb. a. d. Kais. Ges. Amt, Bd. 10, 1895).

(13)
Sogar in der Bürgerschaftssitzung am 29. August wurde von Dr. Hagedorn bemängelt, daß der kulturelle Nachweis in Eppendorf so lange, d. h. vom 17. bis 22. August, gedauert hätte (Hamburger Fremdenblatt, 9. 9. 1892). In einer Abhandlung ("Über den augenblicklichen Stand der Choleradiagnose") schreibt Robert Koch, daß diese Verzögerung "nicht der Methode zur Last zu legen sei, sondern dem Mangel an Übung bei denjenigen, die die Untersuchung auszuführen hatten . . . Ich selbst habe auf einer im Eisschrank aufbewahrten Gelatineplatte . . . noch mehrere Choleracolinien gesehen und mich davon überzeugen können, daß die Diagnose auch in diesem Falle keine besonders schwierige gewesen wäre. Wenn schon am 16. August, als der Kranke so verdächtige klinische Symptome zeigte, daß er in einer Isolierbaracke untergebracht und strenge Vorsichtsmaßregeln ergriffen wurden, die Dejectionen desselben von sachkundiger Hand bakteriologisch untersucht wären, dann hätte man spätestens am 18. zu einer sicheren Diagnose gelangt sein müssen!" (Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. Bd. 14, 1893, S. 322-323).

(14)
Rumpf, die Diagnose der ersten Cholerafälle in den Staatskrankenanstalten zu Hamburg (Deutsche medizin. Wochenschr. 1892, S. 858).

(14a)
Kommabazillen: Choleravibrionen.

(15)
Fraenkel hat in Hamburg im darauffolgenden Jahr (1893) den Erreger von Gasbrand (Clostridium perfingens) entdeckt.

(16)
Deutsche medicin. Wochenschrift 1893, S. 161. - In dieser Abhandlung unternimmt Dr. Rumpel den wenig überzeugenden Versuch, jene "Vorwürfe" zu entkräften, die "vielfach, auch von befreundeter Seite gemacht" wurden und in der Frage gipfelten, "weshalb man in Eppendorf die Diagnose ,Cholera asiatica' erst gestellt habe, nachdem in Hamburg bereits über 100 Erkrankungen vorgekommen waren".

(17)
"Die Fuhrwerksbesitzer, deren Kutschen und Landauer beschlagnahmt wurden, klagten, daß sie brotlos würden und forderten eine höhere Entschädigung" (Hamburger Fremdenblatt, 23. B. 1892).

(17a)
Aus einer unveröffentlichten Statistik, die mir 1950 Geheimrat R.O. Neumann zur Einsicht überließ. Die Zahlen liegen etwas höher als z. B. in der von H. Borges in "Die Cholera in Hamburg im Jahre 1892" (Hamburg, 1892) auf S. 99 veröffentlichten Statistik, zumal Neumann auch die als "Cholerine" bzw. "Cholera nostras" bezeichneten Fälle mitgezählt hat.

(18)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 8

(19)
Obwohl die Friedhofsverwaltung, wie Dr. Rüder berichtet, ihrer Instruktion entsprechend die Beerdigung unbekannter Leichen verweigerte, war eine Legitimation oft unmöglich. Die auf der Straße krank Zusammengebrochenen wurden von den vielen die Stadt durchfahrenden Krankenwagen aufgelesen und häufig sterbend oder schon tot im nächsten Krankenhaus abgeliefert. Der Aufnahmearzt, der nachts mit der Laterne in die angerollten Wagen leuchtete, mußte gesunde Nerven haben. Der Eindruck, der sich ihm im flackernden Schein des Lichtes bot, war schaurig. Da saß der Transporteur, der sich vorsorglich unter Alkohol gesetzt hatte, zwischen den Kranken und gab dem Doktor mit Galgenhumor seine drastische Erklärung: "De do rechts, de is al dot. De annern könt wi noch naht Pavillon bringen. Un den links man glieks na de Anatomie".

(19a)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 12.

(20)
Deutsche medicinische Wochenschrift 1893, S. 161. "Es ist mir unverständlich", schrieb Robert Koch, "warum Herr Dr. Rumpel in seinem Aufsatze in gesperrter Schrift mitteilt, daß ,weder ich noch Dr. Weisser mit der Feststellung der Choleradiagnose in Hamburg etwas zu tun gehabt haben', da doch weder ich noch Dr. Weisser das jemals beansprucht haben. Meine Beteiligung an der Angelegenheit beschränkt sich darauf, daß ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck gegeben habe, daß die Choleradiagnose in Hamburg so viel Zeit in Anspruch genommen hatte, während sie doch in Altona so schnell gelungen war."

(20a)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S.14.

(21)
Nach der Überlieferung besagt bereits Altonas Name, daß es "allzu-nah" ("Al-tonnah") neben Hamburg liege.

(22)
Selbst in schwer betroffenen Teilen Hamburgs blieben Gebäudekomplexe, die nicht der Hamburger Wasserleitung angeschlossen waren, ausgespart. So kam es z. B. "Am Schulterblatt" in dem auf der Hamburger Straßenseite gelegenen "Hamburger Hof", der 345 Einwohner hatte und mit filtriertem Wasser aus Altona versorgt wurde, zu keiner einzigen Erkrankung, während die anstoßenden Hamburger Bezirke schwer heimgesucht wurden. Außer dem "Hamburger Hof" blieben inmitten des Versorgungsgebiets der Hamburger Wasserleitung noch einige Anstalten und Fabriken frei, die ihr Wasser aus artesischen Brunnen entnahmen, u. a. auch die Kaserne der Sechsundsiebziger.

(23)
"Es erscheint nachträglich unverständlich", schreibt Hueppe, "wie es wohl möglich war, daß die ,Normannia' noch am 25. August (nachdem der viel angegriffene Medicinalinspector Kraus dem Senat am 22. amtlich das Bestehen einer Choleraepidemie gemeldet hatte), mit reinen Gesundheitspässen Hamburg verlassen konnte, es ist aber weniger überraschend, wenn man weiß, daß zur Zeit des Höhepunktes des Epidemie, am 27. August, noch Verhandlungen mit dem Polizeisenator über die Feier des Sedanfestes stattfinden konnten! Man hatte eben trotz der amtlichen Meldungen höheren Ortes anfangs nicht das geringste Verständnis für die angeblich drohende Gefahr" Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 49).

(24)
In Hamburg wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß man den ersten Cholerafall aus den Auswanderer-Baracken erst am 24. August registrierte, als in allen Teilen der Stadt bereits 815 Erkrankungen und 210 Todesfälle vorgekommen waren. Dabei darf man allerdings nicht vergessen, daß Auswanderer ebenso wie Pilger bemüht sind, Krankheiten in ihrem Kreis so lange wie nur möglich zu verheimlichen, um ihr Vorhaben nicht zu gefährden. Auch waren nicht alle Auswanderer in Sonderzügen nach Hamburg und von dort in die Auswanderer-Baracken gelangt, sondern zum Teil auch vereinzelt oder in kleineren Gruppen auf Umwegen, um bis zur Überfahrt unkontrolliert in verschiedenen Logierhäusern unterzutauchen.

(25)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 51. - "Die Auswanderer", schrieb Gaffky später, "kamen zum großen Teil aus schwer verseuchten Gegenden, und wer kann da wohl behaupten, daß nicht Leichtkranke und Rekonvaleszenten, die 2-3 Wochen lang Choleravibrionen ausscheiden, darunter gewesen sind, oder daß an dem massenhaft mitgeführten Wäschevorrat nicht auch Choleraausscheidungen hafteten. So wie die Verhältnisse lagen, wäre es verwunderlich gewesen, wenn die Auswanderer keinen Cholerainfektionsstoff eingeschleppt und über das in die Elbe mündende Siel die Hafenbevölkerung nicht infiziert hätten" (Gaffky, Die Cholera in Deutschland während des Winters 1892 bis 1893, S. 214 ).

(26)
"Die Flutwellen", schreibt Deneke, "die bekanntlich täglich für ungefähr 2 mal 6 Stunden eine elbaufwärts gerichtete Strömung erzeugen, waren damals besonders hoch, die von oben zufließende Frischwassermenge dagegen bei dem herrschenden trockenen Wetter gering. Man kann fast sagen, daß unter solchen Wetterverhältnissen immer dasselbe Wasser mit Flut und Ebbe im Hamburger Hafen auf- und abschwappt und durch die Sielwässer und alle Abgänge der Schiffe und Kähne mit jeder Tide schmutziger wird. Daß unter diesen Umständen sehr stark verunreinigtes Hafenwasser bis zur Höhe der Schöpfstelle hinaufgelangt ist und die Wasserleitung infiziert hat, ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Bei der wechselnden Höhe der Flutwellen ist anzunehmen, daß die Infektion der Wasserleitung nicht in einem einmaligen Akt, sondern mehr schubweise und wiederholt vor sich gegangen ist" (Theodor Deneke, Die Hamburger Choleraepidemie 1892. Deutsche medizin.Wochenschrift 1942, S. 820).

(27)
Durch die Baracken am Amerikakai, die am 20. Juli in Benutzung genommen wurden, waren bis zum 16. August 9262 Personen durchgeschleust worden.

(28)
Wie sich solche Warnungen zuweilen in der Praxis ausgewirkt haben, schildert ein Schüler Robert Kochs, (nach dem auch die in der bakteriologischen Technik allgemein benutzte "Petri-Schale" benannt ist): "Es waren in der Nähe der Entnahmestellen von Stecknitzwasser an den Häusern Plakate angebracht, welche die Entnahme des Wassers verboten. Trotzdem kamen Frauen aus den benachbarten Häusern, um sich unbeirrt ihren Bedarf aus der Stecknitz bzw. aus der Elbe zu holen. Auf die Frage, weshalb sie trotz des Verbotes dies thäten, meinten sie, ,solche Papiere lese man ja doch nie – und lesen könnten sie sowieso nicht!‘ – Unter solchen Umständen ist eine allgemeine Belehrung und Warnung gewiß schwer durchzuführen" (Dr. R. J. Petri, Der Cholerakurs im Kaiserlichen Jgesundheitsamte. Berlin 1893, S. 118).

(29)
Bekanntmachung der Baudeputation (Section Stadt-Wasserkunst vom 26. August 1892. " - Infolge der schon Tage herrschenden ungewöhnlichen Hitze und des niedrigen Elbwasserstandes lagen die Fleete" (die bei geöffneten Schleusen Ebbe und Flut mitmach[t]en), "an vielen Stunden des Tages mit Schlamm und faulenden Abfällen trocken" (Hamburger Fremdenblatt, 16. B. 1892).

(30)
Vor Robert Kochs Eingreifen hatten sich die Maßnahmen der Hamburger Behörden vor allem auf den Transport der Erkrankten, ihre Unterbringung und Verpflegung sowie die möglichst rasche Beseitigung der Leichen beschränkt. Dieser Tatsache, auf die Gaffky besonders hinwies, war man sich offenbar so wenig bewußt, daß z. B. der "Grenzbote" (1892) damals gegen den Vorwurf der Desorganisation so argumentierte: "Man stellt die Dinge so dar, als ginge hier alles drunter und drüber, als hätten die Behörden und die Bevölkerung gleichermaßen den Kopf verloren . . . In Wahrheit ist gerade das Gegenteil der Fall. Die Polizeibehörde hat innerhalb weniger Tage durch Ankauf einer großen Anzahl von Wagen den Kranken- und Leichentransport in ganz vorzüglicher Weise geregelt und der Zentralfriedhof zeigt sich von Anbeginn an den an ihn gestellten riesigen Anforderungen durchaus gewachsen."

(31)
Seit diesem Tag waren im Schaufenster des Optikers A. Krüß Mikrophotos von "Komma-Bazillen" in tausendfacher Vergrößerung ausgestellt. Um die "Kummer-Pastillen" zu sehen, wie der Hamburger Volksmund die unheimlichen Gebilde getauft hatte, "war das Schaufenster fortgesetzt von Wißbegierigen förmlich belagert" (Mündl. Mittlg. von Geheimrat R. O. Neumann).

(32)
Pastor Jungclaussen, der neben der Leichenhalle des Alten Allgemeinen Krankenhauses "auch diese Phase des Trauerspiels" beobachtet hatte, schreibt darüber: "Von flackernden Lichtern erhellt, sah ich die Bestatter in eifriger Thätigkeit, die Leichen aus den Totenkammern hervorzuholen und einzusargen. An einer Stelle standen die Särge bereits in drei großen Reihen fünfschichtig übereinander aufgebahrt. Jede Reihe hatte wohl ihre zwanzig Glieder, so daß auf einem verhältnismäßig kleinen Raum an dreihundert Leichen zusammengedrängt waren. Etwa fünfzehn Schritt zurück auf der anderen Seite des nach dem Leichenhaus führenden Weges stand ein fast gleich großer Haufe. Hier lag das traurige Gesamtresultat der verheerenden Krankheit in gedrängter Übersicht vor Augen und erwies die nachher nur zu sehr bestätigte Wahrheit, daß die Zahl der Gestorbenen viel größer sei, als die offiziellen Nachrichten solche an die Öffentlichkeit gebracht" (Acht Tage Cholerakrankenpflege, Hamburg 1892, S. 8).

(33)
Veröffentlicht in "Oberhessische Zeitung". Zitiert nach H. Harberts, Gesch. d. Hamburger Choleraepidemie. Hamburg 1892, S. 22-23. - Fast gleichlautend ist der Bericht des Hamburger Seemannspastors J. Jungclaussen, der sich im Alten Allgemeinen Krankenhaus als Hilfswärter gemeldet hatte: "Wie das Gepäck der Soldaten vor der Schlacht in langen Reihen abgelegt wird, so waren auch hier auf den Korridoren die Kleidungsstücke der Kranken, alle wohl zusammengebunden und jedes Bündel mit dem Namen des Eigentümers versehen, schichtweise zusammengelegt. Da thronte ein feiner Cylinderhut neben der schlichten Mütze, hier lag der bessere Anzug des Bemittelten neben der Bluse des Arbeiters. Dazwischen die Verstorbenen in großer Anzahl, stellenweise zu fünf und sechs nebeneinander und übereinander geschichtet. Jeder Tote war in das Bettuch geschlagen, in dem er starb und hielt in den starren Händen den Totenschein mit seinem Namen" (J. Jungclaussen. Acht Tage Cholerakrankenpflege, Hamburg 1892, S. 4 u. 5).

(34)
Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 99.

(35)
"Ich habe hier gelernt", schreibt ein Wiener Arzt, "wie man einer Choleraepidemie nicht begegnen darf. Erst jetzt, nachdem die Epidemie in der erschreckendsten Weise wüthet, hat sich der wohllöbliche Senat endlich entschlossen, einstweilen 500 000,- Mark für außerordentliche Maßregeln bei der Cholera-Bekämpfung zu votieren. Hätte man nur die Hälfte dieses Betrages vor zwei Wochen votiert, wie anders sähe es jetzt in Hamburg aus!" (Mißerfolg der Staatsmedicin, Hagen i. W. o. J. [vermutl. 1893], S. 24.)

(36)
Hamburger Fremdenblatt vom 30. B. 1892. - "Wenn unsere Polizei", heißt es da, "mit ihren Vorkehrungen nicht sofort den erschreckend rasch steigenden Erfordernissen der Seuchen-Ausbreitung zu folgen vermochte, so trifft der Hauptteil der Schuld diejenige behördliche Person, die berufsmäßig verpflichtet ist, die sanitären Gefahren zu beobachten, sie festzustellen und zu ihrer Bekämpfung die Polizei anzurufen und mit Weisungen zu versehen: den Medicinalinspector!" Dr. Kraus, der fast zwei Jahrzehnte lang wiederholt auf die Notwendigkeit einer Sandfiltration hingewiesen hatte, wurde nun nach dem Motto "Haltet den Dieb!" selbst zum Schuldigen erklärt.

(37)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 37.

(38)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 35. - "Am unangenehmsten", berichtet Deneke, "waren die nächtlichen Störungen durch Leute, die sich aus Angst vor der Cholera schwer betrunken hatten und danach Erbrechen bekamen. Oft sah man ganze Familien in solchem unwürdigen Zustand".

(39)
Jungclaussen, Acht Tage Cholerakrankenpflege, Hamburg 1892, S. 18.

(39a)
Zahllos sind die Geschichten aus jener Zeit, die erkennen lassen, "wie nahe man am Rande des Abgrundes stand". So berichtet z. B. eine Geschichte von dem diensthabenden Arzt einer Cholera-Baracke, der frühmorgens einen Verstorbenen sezieren will und von seinem angetrunkenen Hilfspfleger zu hören bekommt: "De gestern inlewerte Choleraliek wer nich dot, se wer bloß besoppen." Auch eine andere Geschichte aus jener Zeit ist so, daß "einem das Lachen auf den Lippen gefriert". Sie berichtet von einem angetrunkenen Leichenträger, der die Treppe eines Mietshauses hochgepoltert kommt und versehentlich an die falsche Tür klopft. "Ick satt hier n' Liek afholn." Als man ihm mehr entsetzt als verärgert zu erklären versucht, daß "in dieser Wohnung niemand gestorben" sei, lallt er gewissermaßen entschuldigend: "Geood. Denn komm ick morgen wedder" (W. Melhop, Alt-Hamburgisches Dasein. Hamburg 1899, S. 49).

(40)
Bereits 4 Tage später (am 3. 9.) hieß es im selben Blatt: "Angesichts der drohenden Choleragefahr, meldet der ,Reichsanzeiger', hat die ,Wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen im Cultusministerium die Normen für eine Desinfektions-Ordnung festgestellt. Sie wird weiterhin die Regelung der Anzeigepflicht bei ansteckenden Krankheiten und demnächst die Grundsätze des Verkehrs der Menschen bei solchen Krankheiten für den Entwurf eines Seuchengesetzes vorbereiten."

(41)
Fünf Tage später (am 4. Sept.) schrieb Liliencron an Traugott Pilf: "Wir leben jetzt hier im schwarzen Tod. Alles ist nur Chlor, Karbol, Kreolin. Ich holte mein Mädel gestern aus dem Hause fort, wo ich sie eingemietet hatte. Es wurden daraus schon siebenunddreißig fortgeholt. Eine Nacht mußte ich noch mit ihr dort schlafen. Es war grausig. Die Gugelmänner, die mit großen Fackeln kommen, die vermummten Träger und Karbolsprenger. Die Fackeln, die Fackeln - - - Draußen die großen Wagen für Tote und Kranke oft zugleich. Meistens sind die Träger besoffen, wie das ja ganz in der Natur der Sache liegt. Nur die Kinder lärmen fröhlich wie immer. Sonst ist denn doch ein starker Ernst über unserem großen Hamburg. Wir stehen hier alle in einer mörderischen Schlacht! Jeden Augenblick kann uns die Kugel hinstrecken. Aber was ist da zu machen: die Zigarre im Maul, ruhig geradeaus gehen..."

Am 9. Sept. berichtete Liliencron an Dehmel: "Anliegend, geliebter Richard, ,Die Pest'. Hätte ich dieses Gedicht nicht gestern schreiben können, wäre ich verrückt geworden vor Geldsorgen . . . Die Pest-(Cholera-)Bilder darin sind von mir (auch das mit dem Knaben, in Ohlsdorf um Mitternacht, unserem Begräbnisplatz, und mit dem die Achse brechenden Wagen) selbst beobachtet . . . Ihr habt keine Ahnung davon, welche Greuelszenen teils durch die Besoffenheit der Abholer, Träger p. p. hier geschehen. Die kleine Szene mit den drei Kindersärgen habe ich erfunden."

(42)
Das Sterben erkrankter jüdischer Auswanderer in den Eppendorfer Cholerabaracken fand seinen Niederschlag auch im schwarzen Humor einer Hamburger Anekdote, die davon berichtet, wie Ahasver eines Tages (während der Epidemie) vor der Himmelstür erschien und dem konsternierten Petrus erklärte, er sei tags zuvor nach Hamburg gekommen, wo man ihn unter Choleraverdacht in eine Eppendorfer Isolierbaracke eingeliefert habe und dort sei es - trotz des Fluches, ewig ruhelos umherzuirren, ohne sterben zu können - dann dennoch passiert. Als sich Petrus erregt an den lieben Gott wendet, er möge das Unvorhergesehene rückgängig machen, klopft ihm dieser besänftigend auf die Schulter und sagt: "Mien leve Petrus, dat laat man goot sien: gegen de Eppendorfer köönt wi doch nich an!" (Mündliche Mitteilung von Geheimrat R. O. Neumann [Hamburg] 1950).

(43)
"Soester Kreisblatt", zitiert nach H. Harberts, Geschichte der Hamburger Choleraepidemie von 1892. Hamburg 1892, S. 20.

(44)
"Der Grenzbote" versuchte später die Beschuldigung abzuschwächen: "Von einer Flucht der Hamburger,Patrizier', von der in sozialdemokratischen Blättern die Rede war, kann nicht gesprochen werden. Schnell reich gewordene Börsenleute und sonstige Emporkömmlinge bildeten das Gros der Flüchtlinge."

(45)
Selbst Prof. Hueppe erhob ähnliche Vorwürfe: "Sonst", schrieb er, "hält man es für eine christliche That, wenn die Wohlhabenden und Gesunden in die Hütten der Armen und Kranken steigen, um zu lindern und zu helfen. Davon war diesmal aus Furcht wenig zu vermerken. Man glaubte sich oft in das finsterste Mittelalter versetzt, wo die Ärzte den Pestkranken nur in einem besonderen Mantel und mit einem Essigschwamm vor dem Munde nahten und wo man den armen Kranken aussetzte und verkommen ließ. In Hamburg waren es in der ersten Zeit der Kopflosigkeit und Angst fast nur Ärzte, freiwillig gekommene oder commandirte Krankenpfleger und Pflegerinnen, die zu Hülfe kamen . . . Nur die Arbeiter fanden sich, an das Elend ihrer Umgebung gewöhnt, in größerer Zahl bereit, bei den Krankentransporten und Desinfectionskolonnen zu helfen. Wie wohltuend hätte es wirken müssen, wenn Frauen der gebildeten Kreise in größerer Zahl sich der Armen und Kranken durch praktische That in den Hospitälern und in den Wohnungen der Armen selbst angenommen hätten! Die Furcht vor der Cholera war aber zu groß..." Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 34.)

(46)
"Nachdem der erste Schreck überwunden war", schrieb Hueppe, "begann es sich in der an selbständiges, schnell zugreifendes Handeln gewöhnten Bevölkerung zu regen. Überall entstanden Sicherheits- und Hilfskomitees, meist im Anschluß an die bestehenden Bürgervereine" Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 37).

(47)
Gieschens Bemerkung, daß man sich notfalls auch an das Reich um Hilfe wenden sollte, wurde von den meisten Anwesenden mit Mißfallen registriert -("Wir können uns auch allein helfen!") - eine Reaktion, die man heute kaum noch verstehen kann, damals aber kennzeichnend war für das tiefe Mißtrauen, mit dem die Hanseaten gegenüber Preußen und dessen Einmischungstendenzen erfüllt waren.

(48)
"Die Stiege hat oftmals kein Geländer, nur einen Strick, der den Aufwärtstappenden ins Dunkel emporführt. Da oben kam man meistens, gleich in eine Küche, weiterhin in Wohn- und Schlafraum, wenig höher als ein Mann. Es war ganz gewöhnlich, daß in einer Stube und Küche 8-10 Personen hausten." (Hamburg und seine Bauten, herausgegeben vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Hamburg. Hamburg 1893, S. 547).

(49)
Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 37. - Die Ausführungen von Schulz sind auch in Harberts "Geschichte der Hamburger Choleraepidemie von 1892" (Hamburg 1892, S. 25-26) zitiert. Prof. Hueppe, der während der Epidemie in Hamburg mehrere Wohnungen "theils allein, theils mit Desinfectionskolonnen", besuchte, um sich über Auswirkungen der Cholera möglichst genau zu informieren, hat die Zustände im Gängeviertel ähnlich geschildert.

(50)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 58.

(51)
Melhop (wie Anm. 3) S. 53. - "Noch erbärmlichere Wohnverhältnisse", meinte dazu Hueppe, "könne es gar nicht geben. Ich kenne viele italienische Städte, ich kenne das berüchtigte Judenviertel in Prag und eine Reihe größerer und kleinerer östlicher Städte in Deutschland und Österreich, die wegen ihrer Unsauberkeit berühmt sind. Aber etwas schlimmeres als in Hamburg habe ich bis jetzt nicht kennengelernt . . ." (S. 34)

(52)
Persönliche Mitteilung von Geheimrat R. O. Neumann (Hamburg), der mir im Frühjahr 1950 auch Einsicht in seine Korrespondenz und Tagebuchaufzeichnungen aus der Cholerazeit gewährte.

(53)
Obering. Meyer war mit der Enkelin des Senators Johann Heinrich Gossler verheiratet (Oskar Beselin, Franz Andreas Meyer. Hamburg 1974, S. 15).

(54)
Wie Dr. Gieschen in der Bürgerschaftssitzung vom 19. Oktober erklärte, waren es vor allem die "National-Zeitung", der "Hannoversche Courir", die "Post" und die "Kölnische Zeitung", die von "Pfeffersäcken" schrieben.

(55)
Schwäbische Chronik des Schwäbischen Merkurs, z. Abt., Sept. 1892.

(56)
Selbst das Berliner Untersuchungsgefängnis war nicht bereit, einen steckbrieflich gesuchten Verbrecher aufzunehmen, weil er in Hamburg festgenommen wurde. Als er von der Hamburger Polizei ausgeliefert wurde, verneinte man in Berlin das Vorliegen jeglichen Verdunklungs- oder Fluchtverdachts und ließ den Kerl einfach laufen" (Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 54.)

(57)
Damals kam an der Berliner Börse der Witz auf, daß man "amtlicherseits Telephongespräche nach Hamburg wegen drohender Ansteckungsgefahr verbieten wollte" (Münchn. Med. Wschr. Bd. 31 [1956] Heft 42).

(58)
"Nicht von oben herab", schrieb Hueppe, "sondern aus der Bürgerschaft heraus wurde zuerst gegen die Kopflosigkeit und Lethargie angekämpft. Wer das so miterlebt hat wie ich, muß unbedingt die größte Hochachtung vor einem Gemeinwesen bekommen, dessen Bürger die Kraft haben, so vorzugehen. Wer die lieblose Absperrung Deutschlands gegen Hamburg dort miterlebt hat, versteht es eher, wenn im Ärger hierüber und im Stolze viele Hamburger jede spätere Hülfe von außerhalb ablehnen wollten..." Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 15.)

(59)
Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 46. - "Das Unsinnigste wurde in Wittenberge geleistet, wo ein Desinfector mit einem Carbolwasser enthaltenden Kübel und einem Pinsel herumlief, um die von Hamburg kommenden Reisenden zu entseuchen" Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 67).

(60)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 50.
Eckart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg, Hamburg 1981, S. 529. - Im Deutschen Reichstag mußte sich Hamburgs Vertreter schwere Vorwürfe anhören.

(61)
In der zweiten Beilage des "Hamburger Fremdenblattes" vom 12. September wurde in Zusammenhang mit den Zweifeln, daß Stabsarzt Dr. Weisser in Altona durch das Kulturverfahren innerhalb von 24 Stunden die Cholera-Diagnose gestellt habe, auf den Vortrag des namhaften Koch-Schülers R. Pfeiffer hingewiesen, der u. a. erklärt hatte: "Es ist unter normalen Verhältnissen erreichbar, innerhalb 24 bis spätestens 36 Stunden die Cholera-Diagnose sicher zu stellen."

(62)
In gleichem Sinne äußerte sich auch Prof. Hueppe: "Bei einem Senat, der nur aus Juristen und Kaufleuten besteht, hat sich hier eine überaus trostlose Verwaltungspraxis entwickelt, bei der nie und nirgends prompt gehandelt wird, bei der sich jeder auf den anderen verläßt und deshalb niemand den Ernst der Lage sofort ganz übersieht, bei der niemand die volle Verantwortlichkeit trägt und sich deshalb auch niemand mit seiner Person voll einsetzt. Lauter Deputationen und Commissionen und keine Fachbeamte mit Initiative und Verantwortlichkeit! Wenn man damit die einfache, sachliche und billige Verwaltung eines preußischen Regierungsbezirkes vergleicht, so muß wohl jeder erkennen, daß eine derartig vielköpfige Verwaltung weder nach Form noch Inhalt den modernen Verhältnissen eines Staates und einer Weltstadt entspricht. Die organisatorischen Mängel der Hamburger Oligarchie sind durch die Cholera besonders grell beleuchtet worden. Man braucht kein Verehrer des allgemeinen und gleichen Wahlrechts zu sein, um die Nothwendigkeit einer Reform des Senates und der Zulassung einer größeren Betheiligung der Bürgerschaft und Arbeiter einzusehen. Sofort nöthig sind geschulte Beamte und wirkliche Fachleute mit Verantwortlichkeit und Initiative, damit diese elende Deputations- und Commissionswirtschaft mit ihren Verschleppungen beseitigt wird. Statt in Bürgerversammlungen und Zeitungen richtig zu stellen', sollte man lieber ,richtig handeln'" Prof. Ferdinand Hueppe. Die Cholera-Epidemie in Hamburg 1892. Berlin 1893, S. 13-15).

(62a)
"Stenographische Berichte der Bürgerschaftssitzungeri" (Presseberichterstattung). Hamburger Staatsarchiv.

(63)
In einer Mitteilung der Londoner "Times" hieß es: "Hamburg liegt inmitten faulender, übelriechender, schmutziger Gewässer: ein schmutziger Strom auf einer Seite, ein noch schmutzigerer See auf der anderen, und Kanäle voll von stinkendem, stagnierendem Wasser im Herzen der Stadt." Und dann folgende Charakterisierung des aus der Elbe geschöpften Trinkwassers: "Die ganze niedere Fauna der Elbe, von Regenwürmern bis jungen Aalen, kann man in diesem Wasser studieren, das die Hamburger, wenn es gekocht ist, im Scherz ihre ,Aalsuppe' nennen."

(64)
Da von der Cholera vor allem die armen Zwischendeck-Passagiere betroffen wurden, die vorwiegend aus russischen Ostjuden bestanden, fiel es antisemitischen Winkeljournalisten nicht schwer, die Erregung der Massen durch gezielte Formulierungen anzuheizen, wie etwa: "In Begleitung von Ahasver, dem ewigen Juden, überquert noch ein weiterer unerwünschter Gast den Atlantik, um uns Unheil und Verderben zu bringen: die ,Cholera‘" (Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 72).

(65)
Dies alles spielte sich in der unmittelbaren Nähe der monumentalen Freiheitsstatue ab. George Bernard Shaw sagte einmal: "Ich gelte überall als ein Meister der Ironie. Aber auf den Gedanken, eine Freiheitsstatue im Hafen von New York zu errichten, wäre selbst ich nicht gekommen."

(66)
Als 1890 der dritte und letzte Hamburger Reichstagswahlkreis mit 58,3 Prozent aller abgegebenen Stimmen an die Sozialdemokraten gefallen war, saß in der Hamburger Bürgerschaft kein Abgeordneter der SPD. Und das war auch noch während der Choleraepidemie so. Denn in Hamburg konnte nur derjenige seinen politischen Vertreter wählen, der das Bürgerrecht besaß, und das mußte man sich mit 30 Mark erkaufen, einer Summe, die ein Arbeiter damals nicht aufzubringen vermochte (Klessmann [wie Anm. la] S. 532).

(66a)
Stenographische Berichte" (wie Anm. 62a).

(67)
"Stenographische Berichte der Bürgerschaftssitzungeri" (Presseberichterstattung). - Selbst die Zeitschrift "Der Grenzbote", die stets bemüht war, zu beschwichtigen, mußte zugeben: "Die schwache Seite unserer Selbstverwaltung hat sich in diesem Falle unleugbar gezeigt. Die Langsamkeit des Geschäftsganges der Behörden und der gesetzgebenden Körperschaften untereinander, die Häufung der Instanzen, die jede Sache zu durchlaufen hat, die übertriebene Neigung der Laien, in den Verwaltungsdeputationen und in der Bürgerschaft in rein technischen Fragen mitzureden, das zu geringe Ansehen der höchsten technischen Beamten jedes Verwaltungszweiges gegenüber dem Laienelemente in den Deputationen, dem allein die Entscheidung zusteht, während der höchste Beamte fast in allen Deputationen nur eine beratende Stimme hat, alles dies hat zu der außerordentlichen Verschleppung der Trinkwasserangelegenheit geführt, ohne daß irgend einer Instanz oder irgend einer einzelnen Person hieraus ein Vorwurf zu machen wäre." ("Der Grenzbote", Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst, 51. Jg., Nr. 43., 13. 11. 1892).

(68)
"Stenographische Berichte der Bürgerschaftssitzungeri" (Presseberichterstattung). "Wie oft wird es noch geschehen", fragte Hueppe, "daß man jemanden zum Sündenbock stempelt, wenn das oder noch Schlimmeres eintritt, wovor er jahrelang vergeblich gewarnt hatte?!" Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 39).

(69)
Prof. Ferdinand Hueppe, Die Cholera in S. B. Hamburg. Prag 1894, S. 39-80. - An der gleichen Stelle erwähnt Hueppe, daß der Senat der Hansestadt per Gesetz vom 28. 12. 1892 die Errichtung eines Hygienischen Institutes veranlaßte, dessen erster Direktor W. P. Dunbar wurde, ein Assistent des Robert-Koch-Schülers Gaffky. Das "Institut" selbst wurde zunächst provisorisch im 3. Stock eines Geschäftshauses an der Stadthausbrücke untergebracht. "Es war", wie Geheimrat R. O. Neumann 1950 mit bitterer Ironie voraussagte, "in einer Stadt, wo Merkur schon immer in einem höheren Kurs als Hygieia stand, nicht das letzte Provisorium".

(70)
Melhop (wie Anm. 3) S. 63. - Bei diesen Zahlen muß man unwillkürlich an die leidenschaftlichen Worte des jungen Virchow denken, in denen er vor mehr als 130 Jahren darauf hingewiesen hatte, daß die öffentliche Gesundheitspflege mit der sozialen Frage eng verknüpft sei: "Epidemien", sagte er, "gleichen großen Warnungstafeln, an denen der Staatsmann von großem Stil lesen kann, daß in dem Entwicklungsgange seines Volkes eine Störung eingetreten ist, welche selbst eine sorglose Politik nicht länger übersehen darf"("Medicinische Reform" Nr. 8 v. 25.8.1848, S. 45.)

(71)
Ekkart Klessmann, Geschichte der Stadt Hamburg. Hamburg 1981, S. 530. - Die ersten Durchbrüche durch das Gängeviertel mit Errichtung der Wexstraße (ab 1867) und der Kaiser-Wilhelm-Straße (ab 1890) erfolgten nicht aus städtehygienischen, sondern aus verkehrstechnischen Erwägungen. Die eigentliche "Sanierung" begann erst nach dem "Cholera-Desaster von 1892": Von 1893-96 wurde die erste Wallstraße in der Neustadt, der Holstenwall, gebaut (nachdem 1879 schon die Ringstraße - heute Gorch-Fock-Wall - zur unmittelbaren Verkehrsverbindung zwischen dem Hafen und der Lombardsbrücke - angelegt worden war). Hinzu kamen vier große Bauabschnitte: Zunächst wurde das Neustädter Hafenviertel im Michaeliskirchspiel abgerissen, aufgehöht und dann wieder bebaut (1894-1912); dann folgte das Gebiet nördlich der Steinstraße (1908-1913), Entstehung der nach Mönckeberg benannten Prachtstraße (1912-1914); der dritte Abschnitt betraf das Meßberg-Niedernstraßen-Viertel, abgerissen 1913-1914, Wiederaufbau seit 1923; und schließlich erfolgte 1930 der Abbruch eines Teils der nördlichen Neustadt, beiderseits der Kaiser-Wilhelm-Straße. Diese letzte Sanierung wurde jedoch durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen; was noch an alten Häusern stand, fiel 1943 den Fliegerbomben zum Opfer.


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Hamburger Ärzteblatt" Hefte 12/1983 und 1/1984
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