Stefan Winkle

Leonardos "Città ideale"

Die "Satellitenstadt der Renaissance"


Nach der schweren Pestepidemie von 1484/85 in Mailand entwarf Leonardo Pläne für eine Idealstadt mit geraden, breiten, kanalisierten Straßen, die nur für Fußgänger gedacht waren und denen spiegelbildlich ein unterirdisches Straßensystem für den gesamten Last- und Schmutzverkehr entsprach. Von faszinierender Kühnheit sind Leonardos bis ins Detail durchdachten Pläne bezüglich der Abfallbeseitigung und Verkehrsregelung (wobei er z.B. in den getrennten Auf- und Abgängen der Verbindungstreppen schon das Einbahnprinzip vorwegnahm) und seine Vorstellungen über die Auflockerung der übervölkerten Städte durch die Schaffung von Satellitensiedlungen an ihren Peripherien.

"Ich suchte mir so eine Hauptstadt aus,
im Kerne Bürger-Nahrungsgraus;
krummenge Gäßchen, spitze Giebeln,
beschränkten Markt, Kohl, Rüben, Zwiebeln,
Fleischbänke, wo die Schmeißen hausen,
die fetten Braten anzuschmausen;
da findest du zu jeder Zeit gewiß Gestank' und Tätigkeit."

(Faust Il. Teil, 4. Akt, 10136-10143)
So wie Mephistopheles, "der Herr der Ratten, Fliegen, Wanzen, Läuse..." (Faust I. Teil, 1516-1517) hier die von ihm ausgesuchte Metropole charakterisierte, dürfte es Wohl in den meisten mauerumgürteten mittelalterlichen Städten mit ihrer Enge samt üblen Gerüchen und Ungeziefer gewesen sein. Die schweren Epidemien, von denen diese Gemeinwesen von Zeit zu Zeit heimgesucht wurden, regten die Magistrate immer wieder an, sich mit der Sanierung der gesundheitswidrigen Zustände zu beschäftigen. Besonders in Oberitalien, wo sich trotz der Erschütterungen durch die Völkerwanderung Reste römischer Kultur und Technik erhalten hatten, wurden während der Renaissance in dieser Hinsicht bemerkenswerte Versuche unternommen.

Der genialste städtebauliche Entwurf, der sowohl 'vorn künstlerischen als auch vom hygienischen Standpunkt aus jahrhundertelang unübertroffen blieb, stammt von Leonardo da Vinci (1452-1519).

Unter den 7000 erhaltenen Blättern seiner Notiz- und Skizzenbücher (1) befinden sich zahlreiche Seiten mit architektonischen Entwürfen oder Überlegungen. Leider ist Leonardo nicht dazu gekommen, diese in einem "Traktat über Baukunst" zusammenzufassen, wie es ihm auch nicht vergönnt war, die übrigen beabsichtigten Traktate über Mechanik, Vogelflug, Anatomie etc. fertigzustellen. Daher kommt es, daß man auf solchen Blättern, die oft eine skurrile Fülle von heterogenen Zeichnungen und spiegelschriftlichen Notizen aufweisen, z. B. neben der Skizze eines Apostelkopfes (zum Abendmahl) architektonische Entwürfe (Abb. 1)


Abb.1
Leonardos Skizze zum Abendmahl. Kopf des Apostels Jakobus.
Die Architekturskizze ist ein Entwurf für Kuppelbauten über dem Eckturm des Castello Sforza in Mailand
(Königliche Sammlung Windsor).

oder neben einer Blumenskizze astronomische Berechnungen und Überlegungen vorfindet (2). Dennoch lassen die glücklicherweise erhaltenen Blätter mit Leonardos städtebaulichen Entwürfen eine solche Vollkommenheit an 'ästhetisch-hygienischer Harmonie erkennen, daß man unwillkürlich an Schellings Worte erinnert wird, wonach die Architektur "erstarrte Musik" (3) sei.

Nur wenn .man die trostlosen sanitären Verhältnisse der mittelalterlichen Städte mit ihrem völligen Mangel an Kanalisation und Abfallbeseitigung kennt, kann man die revolutionäre Kühnheit von Leonardos städtehygienischer Konzeption einer "Città ideale" ("Idealstadt") in vollem Umfang begreifen. Sie entstand unmittelbar nach der schweren Pestepidemie der Jahre 1484-1485, die ein Drittel der Bevölkerung Mailands dahinraffte. Leonardo, der seit 1483 hautamtlich als "Festungsingenieur" am, Hof des mächtigen Lodovico Sforza, genannt "il Moro" (1451-1508), tätig war (4), erkannte die Hauptursache für das schnelle Umsichgreifen der Seuche in den hygienischen Mißständen der übervölkerten Wohnviertel und in der "unübersichtlichen Wirrnis der Straßen, die vom Getriebe und Lärm der Handwerker und Händler erfüllt und für den lebhaften Verkehr viel zu eng" waren. Er schlug daher Lodovico eine Auflockerung der traditionell konzentrisch zusammengeballten Stadt vor, wobei die Wohngruppen der "ärmlichen Massen" ("Poveraglia"), die bisher im Stadtinnern eine ständige Gesundheitsgefahr darstellten, an die ländliche Peripherie verlegt werden sollten.

"Gib mir Vollmacht", schrieb er, "und ewiger Ruhm wird Dir zuteil werden. Du wirst in zehn Städten fünftausend Häuser mit dreißigtausend Einwohnern haben; und so wirst Du die riesige Ansammlung von ärmlichen Massen auflösen, die, den Keim für Pestilenz und Tod bilden,. da sie nach Art der Ziegen dicht zusammengedrängt leben und jedes Viertel mit ihrem Gestank verpesten." (Codex Atlanticus fol. 65 r.b.)

Es handelte sich hier um die Vorwegnahme von "Satelliten- bzw. Trabantenstädten", einer Konzeption, die erst in jüngster Zeit von den Städtebauern aufgegriffen wurde. Auf diese Weise sollte die von dem römischen Baumeister Vitruv (1.Jh.v.Chr.) gelehrte Doktrin der ummauerten Festungsstadt zu Gunsten eines rationellen und offenen Städteschemas, das an die Ideen des Hippodamos von Milet (5.Jh.v.Chr.) erinnert, aufgegeben werden. Dieser Plan, mit dem Leonardo, die würgenden Fesseln der polygonalen Stadtmauer zu sprengen versuchte, um die Leiden seiner Mitmenschen zu lindern und die erschreckend hohe Sterblichkeit zu verringern, ist von demselben Ethos durchweht wie jene Geschichte, die Vasari in seinen "Lebensbeschreibungen" zur Charakterisierung Leonardos erzählt:

"Wenn er an Orten vorbeikam, wo Vögel verkauft wurden, nahm er diese oft eigenhändig aus den Käfigen, ließ sie, nachdem er dem Verkäufer den verlangten Preis gezahlt hatte, in die Luft fliegen und gab ihnen so die verlorene Freiheit zurück" (Giorgio Vasari, Vite de'più eccelenti pittori, scultori ed architetti. 1556)

Das menschenunwürdige Leben der "Poveraglia" in den Elendsvierteln muß Leonardo ebenso erschüttert haben wie die Unfreiheit unschuldiger Tiere. Sein in Paris (Institut de France) aufbewahrtes "Manuskript B" weist (vielleicht Lodovico il Moro zugedachte) Zeichnungen und Entwürfe für den Bau der erwähnten Idealstadt auf.

"Sie ist" - so schreibt Leonardo - "in der Nähe des Meeres oder irgendeines großen Flusses anzulegen, damit der durch das Wasser, abgeführte Unrat der Städte weggespült werden kann." (Folio 15 verso) (5) Das Vorhandensein einer großen Wasserstraße schien demnach Leonardo mehr aus hygienischen als aus verkehrstechnischen Gründen notwendig zu sein. Er hoffte, durch Anbringung von Sperren und Mühlen am Einfluß der Kanäle in die Stadt eine wirksame Durchspülung der Straßen und eine völlige Beseitigung der Abfälle zu erreichen. Besonders modern mutet Leonardos Vorschlag an, die Häuser nicht zu dicht aneinander zu bauen, wodurch er nicht nur das Übergreifen des Feuers bei den häufigen Bränden verhindern, sondern auch die Anlage von Grünflächen in der Nähe der Wohnungen ermöglichen wollte (6).

"Die Straße" - heißt eine "Regel für den Straßenbau" - "soll an Breite gleich der allgemeinen Höhe der Häuser sein." (B 36 r). Diese Erkenntnis, die aus gesundheitlichen Gründen eine gegenseitige Beschattung der Häuser zu vermeiden suchte, fand auch in einem italienischen Sprichwort ihren Niederschlag: "Dove non viene il Sole, viene il medico." (Wohin die Sonne nicht kommt, kommt der Arzt.)

Abb. 2
Leonardo, Stadt mit Verkehrswegen auf verschiedenen Ebenen.
Unter den Hochstraßen (M) für Fußgänger durch Torbogen angedeutete unterirdische Straße (P S) für Lastverkehr
(Ms. B: fol. 16 recto).

Das Genialste an Leonardos "Città ideale" ist jedoch die Trennung des Verkehrs in Straßen verschiedener Höhenlage, wobei sich - um die ästhetisch-hygienische Harmonie der "Oberstadt" zu wahren - der, wirtschaftliche Verkehr in der "Unterstadt" über Tunnel oder Kanäle abspielen sollte. Zu einer Skizze dieser zweigeschössigen Stadt (Abb. 2) gab er in Spiegelschrift folgenden Kornmentar:

"Die Straßen M liegen um 6 Ellen höher als die Straßen P S, und jede der oberen Straßen soll 20 Ellen breit sein und von den Rändern bis zur Mitte eine halbe Elle Neigung haben. Auf dieser Mittellinie sei, in Abstand auf je einer Elle ein Spalt, 1 Elle lang und 1 Finger breit, wo das Regenwasser in die Gruben ablaufen soll, die in derselben Ebene angelegt sind wie die unteren Straßen P S. An jedem Ende der erwähnten Straße sei ein 6

Ellen breiter Bogengang auf Säulen. Und wisse, daß derjenige; der durch die hochgelegenen Straßen über den ganzen Platz gehen will, sie für seinen Zweck benutzen kann, und desgleichen derjenige, der durch die unteren Straßen fahren will. Durch die oberen Straßen dürfen weder Wagen noch andere Fahrzeuge, sondern nur Fußgänger. Durch die unteren Straßen sollen die Wagen und andere Lasten für den Bedarf und die Versorgung des Volkes verkehren. Ein Haus muß dem anderen die Rückseite zukehren, mit der tiefliegenden Straße dazwischen, und durch die Eingänge N werden die Vorräte gebracht, wie Holz, Wein und dergleichen. Durch die unterirdischen Gänge muß man die Abtritte, Ställe und dergleichen übelriechenden Stätten entleeren." (Ms: B, fol. 16 recto)

Man sieht auf Leonardos Entwurf ein Haus von der Rückseite und dahinter die Frontseiten anderer Häuser. Die Vorderseiten der Häuser stoßen an die "Hochstraßen" (M) der Oberstadt, dieausschließlich den Annehmlichkeiten städtischen Lebens dienen sollen. Eine der "Tiefstraßen" ist im Vordergrunde des Bildes (in Spiegelschrift) mit P S bezeichnet. Sie grenzt an einen hinter dem Haus liegenden viereckigen Hof, in den man durch die Tür N gelangt. Diese "Tiefstraße" unterquert die "Hochstraßen" durch große Bogenöffnungen, wie man dies in der linken unteren Ecke des Bildes erkennen kann. Hier entdeckt man auch, wenn man genau hinsieht, den Eingang zu der von Leonardo am Schluß seiner Beschreibung erwähnten dritten Straßenart: der "unterirdischen Gänge", durch die der gesamte schmutzige Verkehr fließen soll. Die meisten unterirdischen Straßen laufen genau unter den Hochstraßen als "verdeckte Gewölbe" dahin (7) (Abb. 3).

Abb.3
Leonardo, Schnitt durch einen Palast in der Stadt mit Verkehrswegen auf verschiedenen Ebenen.
Unter der Hochstraße unterirdische Straße für Lastwagen und unterirdischer Kanal für Lastkähne
(Ms.B.fol.36 recto).

"Der Abstand von einem Bogengang zum anderen", heißt es weiter in dem bereits zitierten urbanistischen Entwurf, "soll 300 Ellen betragen; d. h. jeder Gang erhält sein Licht durch Ritzen von den oberen Straßen. An jedem Bogen muß eine Wendeltreppe sein, und zwar eine rund angelegte, weil in den Ecken der quadratischen oft ein Bedürfnis verrichtet wird (8) (Abb.4)

Abb.4
Leonardo, Doppelte Wendeltreppe mit getrenntem Auf- und Abgang zur Verbindung der Hoch- und Tiefstraßen
(Ms. B. f ol. 69 recto).

An der ersten Biegung sei eine Tür, die zu den Abtritten und öffentlichen Bedürfnisanstalten führt, und über die, genannte Treppe gelangt man von der oberen Straße zur unteren." (Ms. B. fol. 16 recto)

Wie ernst Leonardo dieses Städteschema nahm, geht nicht nur daraus hervor, daß er später, nach Lodovicos Sturz, mit einer Zeichnung für einen idealen Reformplan von Florenz (Zeichnung Windsor Nr. 12 681) zu ihm .zurückkehrte, sondern vor allem daraus, mit welcher Gründlichkeit er diesen Plan bis in das Einzelne durchdacht hat

Abb. 5
Leonardo, Beweglicher Abortsitz
(Ms. B. fol. 53 recto).

So entwarf, er, um eine optimale Abfallbeseitigung zusichern, .unter anderem Pläne für eine besondere Abortanlage (Abb. 5) und einen "reinlichen Stall". "Der Sitz des Abortes" schreibt Leonardo - "muß sich drehen wie das Fensterehen in den Klöstern, indem er durch ein Gegengewicht in seine erste Stellung zurückkehrt. Und der Deckel über ihm sei ganz durchlöchert, damit er ausdünsten kann." (Ms. B, fol. 53 recto) Das "Fensterchen", welches Leonardo hier erwähnt, war in die Klosterwand eingelassen und um eine vertikale Achse drehbar. Man konnte von der einen Seite her z. B. Geld oder Lebensmittel hineinlegen, dann es umdrehte hen und die Sachen von der anderen Seite herausnehmen. Durchsehen oder durchgreifen durch solche Fensterchen war nicht möglich. An den Toren der Findelhäuser waren ähnliche "Fensterchen" in Form einer drehbaren Lade ("Torno") angebracht; in die mittellose Mütter ihre Säuglinge unerkannt hineinlegen konnten. Leonardo wollte den Abortsitz demnach so anlegen, daß er nur zur Benutzung aus der Wand herausgeholt wird und danach wieder mit Hilfe eines Gewichts in die Wand zurückschnellt. Bei Nichtbenutzung sollte die Öffnung der Latrine mit einem Abzugskanal in Verbindung stehen, um durch dessen durchlöcherte Decke die üblen Gase, denen man auch eine miasmatische Wirkung zutraute, entweichen zu lassen (9).

Auch die Zeichnung und Erläuterung zum Bau eines "reinlichen Stalles" (Abb. 6) mit einer Vorrichtung für die automatische Füllung der Krippen ist von einer genialen Sachlichkeit:


Abb. 6
Leonardo, Stall mit Vorrichtung für die automatische Füllung der Krippen und Abzugskanäle unter dem Fußboden
(Ms. B. fol. 39 recto).

"Lasse drei Abteilungen (des Stalles) einander' gleich sein und mache jeden Teil 6 Ellen breit und 10 hoch. Der mittlere Teil diene zum Gebrauch des Stallmeisters die zwei Seiten sind für die Pferde abgeteilt...

Um zu, erreichen, was ich verspreche, ist dieser Platz entgegen dem gewöhnlichen Gebrauch, sauber und rein zu gestalten. Durch ein oberes Fenster ... bringt man, wie man sieht, das Heu bequem auf einen besonderen Boden, der Anlage. Und laß diesen Boden 6 Ellen breit sein und so lang wie der Stall. Die anderen beiden Teile, die sich noch zu jeder Seite dieses Bodens befinden, werden noch einmal geteilt. Jene nächsten Teile am Heuboden haben 4 Ellen Breite und sind nur für den Gebrauch und die Arbeiten der Stalldiener bestimmt. Die anderen beiden, die an die Außenwände reichen, haben 2 EIlen. Und diese sind zu dem Zweck da, um das Heu mit Hilfe von Trichtern in die Krippen zu führen. Damit das Heu unterwegs nicht hängenbleibe, seien die Trichter gut ausgestrichen und glatt... Was das Tränken betrifft, so sollen die Tröge aus Stein sein, mit Wasserbehältern darüber, und zwar derart, daß die Tröge so aufgedeckt werden können wie Truhen, nämlich indem man ihre Deckel hebt." (Ms. B, fo1. 39 recto)

Unterhalb des Fußbodens der Mittelhalle laufen zwei durchspülbare Kanäle hin, durch die aller Schinutz abgeleitet wird (10).

Leonardos "Città ideale", die uns heute so modern anmutet, erschien seinen Zeitgenossen als Utopie, für deren Realisierung sowohl die politischen all auch die sozialen und ethischen Voraussetzungen fehlten. Italien war, abgesehen von den inneren Zwistigkeiten, zum Schlachtfeld fremder Mächte, geworden und "vom Südosten her näherte sich, drohend wie eine Gewitterwolke, die Türkengefahr" (Machiavelli).

Aus -Leonardos Notizen zu einem Brief an den venezianischen Senat ist zu ersehen, daß man ,sich an ihn um Vorschläge zur Verteidigung der Isonzolinie gegen die Türken gewandt hatte. Der "Kriegsingenieur" Leonardo scheint das apokalyptische Grauen der kommenden Zerstörungskrïege seherisch vorausgeahnt zu haben. Im Hinblick auf die "menschliche Grausamkeit" schreibt er:

" . . . sie werden einander fortwährend bekämpfen, und zwar unter sehr großen Verlusten ... auf beiden Seiten. Sie, werden keine Grenze kennen in ihrer Bosheit ... Mit ihren wilden Fäusten werden sie die Bäume in den riesigen Wäldern der Welt umlegen, und wenn sie sich gesättigt haben, wird es ihnen größte Befriedigung bereiten, Tod, Leid, Gewalt und Vertreibung über alles Lebende zu bringen. Ihr grenzenloser Hochmut wird sie bis in den Himmel steigen lassen ... Es gibt nichts auf Erden, unter der Erde oder im Wasser, was nicht von ihnen verfolgt, aufgestöbert oder verdorben wird. Was in dem einen Land ist, werden sie in das andere verschleppen ...

0 Erde, warum tust du dich nicht auf und schleuderst sie kopfüber in die tiefen Spalten deiner riesigen Abgründe und Höhlen, damit der Himmel nicht mehr, den Anblick dieser grausamen und ruchlosen. Ungeheuer erdulden muß ... (11).

Es war gewiß nicht nur die Unrast seines Geistes, sondern, wie Benedetto Croce meinte; "auch die Unrast seiner Zeit", die ihn zwangen, "wie ein Simultan-Schachspieler umherzugehen, hier und da einen Zug zu machen, der wie eine Offenbarung wirkte, und dann die schon fast gewonnene Partie achtlos stehenzulassen!" Daher erscheinen uns die erhalten gebliebenen. Fragmente seines Wirkens, um mit Goethe zu sprechen, wie "Bruchstücke einer großen Konfession".



Fußnoten

(1)
Der größte Sammelband, der Codex Atlanticus, befindet sich in Mailand. Ein anderer Hauptteil kam nach England und befindet sich in der Königlichen Bibliothek zu Windsor. Wieder andere Manuskripte wurden von Napoleon aus Mailand entführt und sind seither in Paris. Einzelblätter wurden gestohlen und tauchten wieder auf. (Leonardo da Vinci, Tagebücher und Aufzeichnungen: Nach den italienischen Handschriften übersetzt und herausgegeben von Th. Lücke; Leipzig 1940.)

(2)
Nicht umsonst notierte er seine Einfälle und Überlegungen mit einer Art Geheimschrift; waren doch manche "Gedankensplitten" von ketzerischer Kühnheit. So hätte ihn z. B. zu einer Zeit, da das geozentrische System des Ptalemäus noch für unantastbar galt, das Bekanntwerden von Eintragungen wie: "die Erde ist ein Stern" (Cod. Atl. fol. 112) oder "sie ist dem Monde ähnlich" (Ms. F. fol. 94), oder "sie befindet sich weder im Zentrum des Sonnenkreises noch des Weltalls" (Ms. F. fol. 52) rettungslos vor das Inquisitionstribunal und auf den Scheiterhaufen gebracht. "In den engbekritzelten Blättern", schreibt Benedetto Croce, "oft nicht größer als eine Männerhand, reflektiert sich die Zwiesprache, die dieser Universalgenius sein Leben lang mit der Natur geführt hat. Sie sind aber auch ein Dokument seiner Vereinsamung, denn stets war diese Zwiesprache zugleich ein Selbstgespräch," (B. Croce, Leonardo flosofo. Milano 1919).

(3)
"Vorlesungen über Philosophie der Kunst." (1802/03)

(4)
In dem erhaltenen "Bewerbungsschreiben" aus dem Jahre 1483, in dem sich Leonardo dem Herzog von Mailand vor allem, als erfahrener Kriegsingenieur und Erfinder empfahl und nur im letzten Satz durchblicken ließ, daß er sich auch auf die Bildhauerei und Malerei "so gut wie jeder andere" verstünde, kommt auch folgender Satz vor: "In Friedenszeiten glaube ich, auch in der Baukunst etwas leisten zu können, so gut wie jeder andere, sowohl beim Errichten von öffentlichen und privaten Gebäuden, wie bei der Leitung des Wassers von einem Orte zum anderen." (Cod. Atlantieus fol. 391 r. a.)

(5)
Bereits Filarete, der seit 1451 als Architekt im Dienste Francesco Sforzas in Mailand tätig war und einen mehrbändigen Traktat über die Baukunst geschrieben hat, erbaute ein Krankenhaus, bei dem die Abfallstoffe aus den Abtritten durch einen Kanal mit Wasserspülung weggeschwemmt wurden, wobei zur Verbesserung der Spülwirkung auch das Regenwasser benutzt worden sein soll. (Antonio Francesco di Filarete, Trattato d'architettura. 1464)

(6)
Wie vorausplanend Leonardo als Architekt war, geht aus den Notizen des Codex Atlanticus hervor.
Beispiele:

(Zum Grundriß eines Schlosses am See) "Räume, in denen getanzt werden soll oder wo allerlei Sprünge oder verschiedene Bewegungen von einer Menge Menschen gemacht werden, gehören ins Erdgeschoß; denn ich habe schon gesehen, wie solche einstürzten und viele, Menschen dabei getötet wurden."
(Cod. Atlanticus, 76 v. b)

(Zur Skizze einer Brücke) "Wenn dieser Fluß gewöhnlich die Breite eines Bogens beansprucht, so sorge dafür, daß diese Brücke drei bekommt; und tue das wegen der Überschwemmungen."
(Cod. Atlanticus, 46 v. a)

(7)
Leonardo wird wohl kaum den "Moloch des modernen Verkehrs" vorausgeahnt haben, als er den Untergrundverkehr für Lastwagen und Lastkähne empfahl. Vielmehr verfolgte er, dem "alles Unsaubere, Laute, Rohe und Geile ein Greuel" war und der den Stadtkern als "eine Hölle von Lärm, Schmutz und Gestank empfand", mit seinem Vorschlag vor allem einen ästhetisch-hygienischen Zweck. Lautet doch auch eine seiner berühmtesten Maleranweisungen`: "Hütet euch vor dem Rohen und Aufdringlichen. Mögen eure Schatten sich wie der Rauch (sfumato), wie die Töne einer leisen Musik verflüchtigen."

(8)
Selbst die Korridore der königlichen Schlösser in Frankreich, Spanien und anderswo wurden trotz der oder gerade durch die diensthabenden Wachtposten gröblichst verunreinigt. Maßte doch z. B. Velasquez, der nebenamtlich als Schloßmarschall seiner, spanisch-königlichen Majestät tätig war, täglich die Flurgange auf etwa vorhandenen Unrat prüfen und die Pißwarte zur Entfernung der Exkremente und schärferen Wachsamkeit anhalten.

(9)
In einem anderen Manuskript (Grundriß eines Schlosses an einem See) schreibt er zum gleichen Problem: "Alle Abtritte sollen einen Abzug in der Dicke der Mauern haben, und zwar so, daß sie durch die Dächer ausdünsten ... Die ineinandergehenden Vorräume zu den Abtritten müssen zahlreich sein, damit der üble Geruch nicht durch, die Wohnung zieht, und ihre Türen sollen sich durch Gegengewichte von selbst schließen" (Codex Atlanticus 76 v. b).

(10)
Leonardo erwog auch bereits eine Filtration von Flußwasser durch Sand- und Kieselsteinschichten, ein Verfahren, das zur Gewinnung von Trinkwasser erst dreieinhalb Jahrhunderte später James Sirnpson (1828) in London einführte. Er entwarf Hebewerke, die mit Luftdruck arbeiten und das Wasser bis in die obersten Stockwerke der Häuser leiten sollten.

Er plante neue zentrale Heizungsmöglichkeiten, selbstschließende Türen, mechanische Bratspieße, von der erwärmten Luft gedreht, Schornsteinaufsätze mit Windfang,. Zahllos sind seine Entwürfe für Geräte, mit denen die Bauarbeiten beschleunigt und erleichtert werden sollen, wie Bagger, Mörtelmischgeräte u. dgl. Auch schwebte ihm bereits so etwas, wie der Bau von Fertighäusern vor: "Die Häuser", schreibt er, "sollen zerlegt und vorschriftsmäßig aufgestellt werden. Das kann man mit Leichtigkeit bewerkstelligen, weil diese Häuserteile zuerst in Werkstätten gebaut und dann mit ihrem Holzwerk an dem Ort zusammengefügt werden, wo sie stehen sollen." (Codex Arundel, fol. 270 r)

(11)
(Cod.Atlanticus fol. 370 r. a.) Der vielfach als Kriegsingenieur engagiert e Leonardo bezeichnet auf einem, Blatt den Krieg als "Pazzía bestialissima", d. h. die "alltertierischste Dummheit". Und an einer anderen Stelle notiert er: "Meine Methode des Verbleibens unter Wasser für längere Zeit will ich nicht bekanntgeben wegen des bösen Charakters der Menschen, die auf dem Grunde des Meeres Morde verüben, Schiffe von unten anbohren und mitsamt der Besatzung versenken würden." (Leicester Handschrift 22 v.)


Der Aufsatz erschien erstmalig in "Münchener Medizinische Wochenschrift" 117.Jahrgang 1975 Nr. 3 (Seite 99-104) zum 65. Geburtstag von Herrn Prof. Dr. Dr. G.B. Roemer.

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