St. Winkle

Die Verseuchung der mittelalterlichen Städte

(Umweltverschmutzung von einst)


Herrn Prof. Dr. Dr. G. B. Roemer zum 65. Geburtstag gewidmet.

Die mauerumgürteten mittelalterlichen Städte mit ihren engen, krummen und unkanali-sierten Gassen und Gäßchen waren infolge der unzulänglichen Abfallbeseitigung und feh-lenden zentralen Wasserversorgung potentielle Seuchenherde, die nur dank des unverhält-nismäßig hohen Kinderreichtums der damaligen Familien und des unversiegbaren Bevölkerungszustroms vom Lande die durch permanente Endemien und Epidemien bedingte hohe Sterblichkeit ausgleichen konnten. An Hand von Beispielen vor allem aus der Vergangenheit Nürnbergs und Hamburgs - wird die mannig-faltige fäkale Verseu-chung des Brauch- und Trinkwassers (Abtrittserker, Ehgräben, Sickergruben etc.) geschil-dert, die immer wieder das Gerücht der Brunnenvergiftung aufkommen ließ und vieler-orts zu Pogromen führte.


"Die Gefahren", meinte schon Montaigne, "die uns alltäglich umlauern, ändern sich meist nur so weit wie eine Schlange, die von Zeit zu Zeit ihre äußere Haut abstreift. Daher folgen so oft auf Hoffnungen Enttäuschung, auf Illusionen Ernüchterung..." Auch die Gefahren einer Umweltverschmutzung, über die heute so viel gesprochen und geschrieben wird, haben die auf den ersten Blick glücklicher erscheinende Vergangenheit keineswegs verschont gelassen. In seiner Erzählung "Die Galoschen des Glücks" versetzt Hans Christian Andersen (1805-75) einen Bewunderer der "guten alten Zeit" plötzlich zurück ins Mittelalter und zerstört somit schalkhaft und im Handumdrehen dessen romantische Illusionen.

Die durch den Festungsgürtel zusammengedrängten, engen, schmutzigen und lichtlosen Gassen und Gäßchen der unkanalisierten mittelalterlichen Städte waren nämlich alles andere als rein und hygienisch. Viele ihrer Bürger hielten lange Zeit an landwirtschaftlichen Lebensformen fest. Dazu gehörte vor allem das Halten von Groß- und Kleinvieh innerhalb der Stadtmauern. Täglich trieben daher die Stadthirten Rinder-, Schaf- und vor allem Schweineherden durch die Gassen auf die "Allmende", die gemeinsame Weide vor dem Stadttor. Besonders die Schweine, die überall frei umherliefen und im Schmutz wühlten, wurden zur wahren Stadtplage (1). Sogar in Nürnberg boten sie sich Dürer (1471-1528) als Tiermodelle zu seinem bekannten Kupferstich "Der verlorene Sohn" auf Schritt und Tritt an. Erst 1490, wie aus H. Rosenplüts(2)"Lobgedicht auf Nürnberg" zu ersehen ist, verbot man dort, mehr als zehn Schweine innerhalb der Stadt zu halten:
 

"Ein jeglich peck (Bäcker) und pfragner (Krämer) mus
in seinem haus bey eides trew (Treue)
nit haben mehr, denn zehen sew (Säue).
Wer auf die mast leget empor
der mus sy haben vor dem thor!"(3)


Die hygienischen Mißstände wurden noch dadurch verschlimmert, daß die Bürger die an ihren Häusern vorbeiziehenden Straßen und Gassen bis zur Hälfte ihrer Breite als eine Art Eigentum betrachteten und hier nicht nur Werkstätten(4), sondern oft auch Tierställe errichteten. Neben diesen türmten sich Düngerhaufen, wie es auch heute noch in den Alpenländern üblich ist (5). Durch das Schweinehalten in den Städten und das Anhäufen von Abfällen auf den Straßen und Gassen kam es nicht nur zu lästigen Fliegenplagen (6), sondern auch zu einer beängstigenden Vermehrung der Ratten, deren ätiologische Bedeutung am Zustande kommen der ewigen Pestepidemien man allerdings noch nicht erkannt hatte (7). Im Banne miasmatischer Anschauungen, wonach Seuchen als Folge verpesteter Luft galten, versuchten die verängstigten Stadtverwaltungen durch strenge Verordnungen und Strafandrohungen nur die Gefahren zu beseitigen, die man aus der Anhäufung verwesungs- und zersetzungsfähigen Unrates befürchtete. Eine wesentliche Änderung vermochten jedoch diese Verordnungen nicht herbeizuführen. Das beweist am besten ihre fast stereotype Wiederholung in den darauffolgenden Jahrhunderten. So wurde zwar durch einen Erlaß des Nürnberger Rates vom 1. November 1641 das Halten von Schweinen innerhalb der Stadt überhaupt verboten; doch wie wenig man diese Anordnung respektierte, zeigt ein Ratsbeschluß vom Jahre 1716, welcher lautet:

"Es wäre wohl vor allem zu wünschen, daß die sonst so schöne und saubere Stadt . . . oft auf den schönsten und gangbarsten Straßen und Plätzen nicht mit so vielen und ungeheuer großen Miststätten so sehr verschimpfet und an manchen Orten recht verschmälert würde."(8).

Die ärgsten hygienischen Mißstände in den mittelalterlichen Städten rührten jedoch zweifellos von der unzweckmäßigen Fäkalienbeseitigung und Trinkwasserversorgung her. In Stadtteilen, die von einem fließenden Wasser durchströmt wurden, brachte man an den Häusern vielfach erkerartig ausgebaute Aborte an, in Hamburg "Lauben" genannt, aus denen die Exkremente unmittelbar, ohne Abfallrohre, in das Wasser fielen (9). So war es z. B. in Hamburg, Nürnberg, Straßburg, Brügge, Venedig, Florenz und anderswo. Häufig klebten diese Aborte, die sog. "hängenden Sprochhüser"(10), wie Schwalbennester an den Häuserwänden. Auf seinem berühmten Bilde der "niederländischen Sprichwörter" karikiert Pieter Brueghel (1525-69) ein solches "über Wasser hängendes Sprochhus", indem er durch dessen Hinterwand drastisch das nackte Gesäß von zwei Benutzern herausragen läßt (Abb. 1).

Abb. 1
Ausschnitt aus Pieter Breughels
"Niederländischen Sprichwörtern" mit einem am Turm angebrachten Abtrittserker.

Häufig gelangten die Exkremente aus den so hinausgebauten Abtrittserkern erst an den Mauern der Häuser entlang, Sogar an Küchen- und Schlafzimmerfenstern vorbei, hinab in das vorbeifließende Wasser, aus dem man übrigens ohne Bedenken, wie z. B. auf einem Hamburger Gemälde aus dem 17. Jahrhundert zu sehen ist, das Brauch- und Trinkwasser schöpfte (11). (Abb. 2.)

Abb. 2
Hamburger Abtrittserker über der Kleinen Alster mit Trinkwasserentnahme von der gleichen Stelle.
Nach einem verschollenen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert.

Auch auf den Burgen baute man an die Außenwände kleine Abtrittserker, die von Unkundigen vielfach mit den "Pechnasen" verwechselt wurden, durch die man beim Angriff auf den Feind flüssiges Pech oder heißes Wasser herabzugießen pflegte. Während man, aber die "Pechnasen" an den Burgmauern so anbrachte, daß sich darunter stets ein dem Angriff ausgesetzter wichtiger Bauteil, zumeist also ein zu verteidigendes Tor befand, pflegte man umgekehrt die Abtrittserker dort anzubauen, wo die Exkremente auf einen unzugänglichen Felsabhang, in den Burggraben oder an einen anderen, möglichst wenig betretenen Ort fielen, wie man es z. B. in Chateau Chillon, auf der Felsenfestung Klis bei Split oder einem Wasserschloß an der Weser noch heute sehen kann.

Wie sehr die Wirtschaft das Denken und die Gesetzgebung beeinflussen kann, ist besonders deutlich an den alten Hamburger Ratsverordnungen zu erkennen. "Brücken und Märkte soll man rein und frei halten", so beginnt z. B. eine Hamburger "Bursprake" aus dem Jahre 1383, und man könnte glauben, auf die älteste gesundheitspolizeiliche Verordnung der Hansestadt gestoßen zu sein. Doch schon aus den darauffolgenden Worten ist zu ersehen, daß sich diese Maßnahme nicht auf Unflat, in Hamburg "Kummer" genannt, bezog; denn diesen würde man nicht "zum Nutzen der Stadt beschlagnahmen, wenn er liegen bliebe"(12). Eine weitere Fassung dieser "Bursprake", die die Entfernung von Holz, Steinen, Heringen und anderen Dingen von Märkten, Straßen und Brücken fordert (13), läßt deutlich erkennen, daß es sich hier keineswegs um ein Reinhaltegebot im seuchenhygienischen Sinne handelte, sondern um ein Verbot des Stapelns von Waren mit dem Zweck, Handel und Verkehr nicht zu behindern. Dieselbe Absicht offenbart sich auch in den Verordnungen, die sich auf die Reinhaltung der Wasserstraßen bezogen. So sollte z. B. auf Grund von mehreren "Burspraken" jeder, der sperrigen Ballast in die Elbe, Alster oder in die Fleete warf, mit 3 Mark Silber bestraft werden (14). Konnte der so Verurteilte sein Bußgeld (Bruch) nicht bezahlen, so sollte er vier Wochen lang bei Wasser und Brot eingesperrt und danach für ewige Zeiten aus der Stadt verbannt werden (15). Während 1573 (!) in Frankfurt a. M. der verdienstvolle Stadtarzt J. Struppius (1530-1606) sogar das Ausgießen von Urin auf die Straßen strengstens verboten haben wollte, hatte man in Hamburg selbst bei der Anbringung von Schweinekoben und Lauben an den Fleetseiten der Häuser keine seuchenhygienischen, sondern nur verkehrstechnische Bedenken. Schon nach einem Beschlusse aus dem Jahre 1268 durften die Lauben über den Fleeten nur ohne Pfähle erbaut werden, "um den Schutenverkehr nicht zu hindern". "Da die vlete kleen und small sint", durften auf Grund einer Petri-Bursprake von 1491 Lauben und Schweinekoben an den Fleeten nicht über die "Vorsetzen"(16) hinausragen.

An dieser Einstellung hat sich auch in den späteren Jahrhunderten nur wenig geändert:

"Wer an einem Fleet wohnt", schreibt noch 1801 der Hamburger Physikus Rambach, "darf es ungescheut zum Rezipienten seiner thierischen Ausleerungen machen, und das thut auch ein jeder. Außerdem werden noch an den Brücken in jeder Nacht eine Menge von Nachteimern ausgeleert und noch dazu in einer solchen Sorglosigkeit, daß ein großer Theil ihres ekelhaften Inhaltes auf der Brücke selbst liegenbleibt. Dagegen ist es verboten, todte Hunde, Steine, Kehricht, Mist und andere Dinge hineinzuwerfen, und besonders dazu besoldete Schauer oder Fleetkiker (17) haben den Auftrag, darüber zu wachen. Allein unsere Gesetzgeber haben hierbei mehr die Erhaltung der Schiffbarkeit der Fleete und des Havens als die Gesundheit der Einwohner vor Augen gehabt"(18).

In Hamburg scheint Merkur schon immer in einem höheren Kurs als Hygieia gestanden zu haben (19).

Die primitivste und abstoßendste Art der Fäkalbeseitigung in den mittelalterlichen Städten erfolgte zweifellos über die sog. "Ehgräben", auch "Reulen" oder "Reihen" genannt. Es handelte sich dabei um einen offenen Graben, wie ihn auch Boccaccio im "Decamerone"(20) erwähnt, der (1-3 Meter breit) auf dem Grunde eines schmalen Gäßchens zwischen den gegenüberstehenden Rückseiten zweier Häuserreihen verlief. An diesen Rückseiten befanden sich die Abtrittserker, aus denen die Fäkalien unmittelbar in den "Ehgraben" hinabfielen. Wegen des "pestilenzialischen Gestankes" der Ehgräben waren ,diese Hinterwände mit möglichst wenig Fenstern versehen (21). (Abb. 3.)

Abb. 3
Abtrittserker an der Rückseite von Häusern am Bodensee (Konstanz 1933).
Der Ehgraben wurde um die Jahrhundertwende gepflastert und von oben mit Platten zugedeckt, die Abtrittserker durch die auf dem Bilde sichtbaren Rohre mit dem Abzugskanal verbunden.

Gingen auch die einzelnen Ehgräben manchmal mit Gefälle ineinander über, um schließlich in den Stadtgraben oder einen Wasserlauf zu münden, so entledigten sie sich dort nur eines Teiles ihrer flüssigen Schmutzstoffe. Sie mußten deshalb von Zeit zu Zeit geräumt werden. Wie selten dies jedoch geschah, geht aus einer Schilderung des Nürnberger Stadtbaumeisters E. Tucher, eines Zeitgenossen von Albrecht Dürer, deutlich hervor. In seinem kulturhistorisch äußerst interessanten "Baumeisterbuch" heißt es:

"Eine reihen, die da get zwischen der judenheuser herab an die Ledergass . . . pis an die Newengass . . . hab ich räumen lassen im siebenzigsten jar (1470) zu Martini und gab darzu auß . . . zwei und zweitzig pfunt alt. Die reihen war in 18 jaren nit geräumt worden."

Meist versahen die Henkersknechte (die sog. "Löwen") und die Totengräber dieses nicht sehr angenehme und als unehrlich geltende Amt (22). Dabei ist zu bedenken, daß das reiche Nürnberg damals als eine der "saubersten und schönsten Städte" Europas galt. Kein Geringerer als Aeneas Sylvius Piccolomini, der spätere Papst Pius 11. (1458-64), rühmte es in seiner 1448 erschienenen "Lobpreisung Deutschlands" folgendermaßen:

"Wenn man aus Niederfranken kommt und die herrliche Stadt aus der Ferne erblickt, zeigt sie sich in wahrhaft majestätischem Glanze, welcher sich beim Eintritt in ihre Tore durch die Schönheit ihrer Straßen bewahrheitet."

Welch bescheidene Anforderungen man in bezug auf Straßenreinigung stellte, geht auch schon daraus hervor, daß Rosenplüt in seinem "Lob auf Nürnberg" stolz einen Ratsbeschluß hervorhebt, wonach die in den Straßen herumliegenden Tierkadaver täglich wegzuschaffen sind:

"Auch ist ein knecht darzu bestellt, der alle tag mit der butten geht, ob ymand (jemand) hingeworffen het todte sew (Säue), hund oder katzen, schelmig (verendete) hüner oder ratzen, wo er vindt (findet), er nymbts (nimmts) empor tregts in der putten für (vor) das thor, dadurch die gasz gesewbert (gesäubert) würt."(23).

Sonst kümmerte sich der Magistrat um die Reinigung der Straßen fast überhaupt nicht, denn nur öffentliche Plätze wurden von Amts wegen "alle heilige Zeit" gesäubert. So schreibt z. B. Tucher in seinem bereits erwähnten "Baumeisterbuch":

"Mer soll der statpaumeister geflissen sein, das er zu weienachten, vassnacht, zu den heiligtumb (Schaustellung der Reichskleinodien auf dem Marktplatz) zu ostern, pfingsten, sant Seboldstag (19. August), oder wo vil herschaft herkommen sollt sust (sonst) im jare, von der apotheken piß für den schönen prunnen, auch vor den trögen, vor den Kandelgießern und hinter dem rathaus das pflaster lassen räumen und dasselbe kot und mist dann ausführen lassen oder das jemant geben, der des bedorft in seinem garten oder wisen."

Diese Mißstände wurden noch dadurch verschlimmert, daß das aus Dachrinnen und malerischen "Wasserspeiern" mitten auf die Straße herabstürzende Regenwasser nicht nur die Passanten durchnäßte, sondern auch das Pflaster zerstörte. Vielfach wurden sogar Nachttöpfe mit dem Ruf: "Vorsicht! Wasser!" ("Gardez l'eau!") aus dem Fenster auf die Straße entleert.

Die kotige Beschaffenheit der Straßen machte den Gebrauch von "Sänften" oder von "Stöckelschuhen", d. h. Überschuhen mit hohen Holzsohlen und Absätzen, mitunter sogar von Stelzen nötig (24). So gebot z. B. eine Verordnung aus dem Jahre 1441 den Ratsherren, vor der Sitzung ihre Holzschuhe auszuziehen. Aus Gotha berichtete der Reformator Myconius:

"Man ruß auf Stelzen oder Holzschuhen gehen, und fast alle Ratsherren gingen auf Holzschuhen zu Rat; und wenn sie in der Ratsstube saßen, standen die Holzschuhe draußen vor der Stube, und da konnte man fein zählen, wie viel ihrer zu Rate gekommen waren."

Eine Verlegung der Aborte, der sog. "heimlichen Gemächer", in Schlösser und Häuser war in einer Zeit, die die Schwemmkanalisation noch nicht kannte, äußerst bedenklich. Abgesehen von der Geruchsbelästigung mußte man noch mit der Gefahr rechnen, die sich aus dem schnelleren Durchfaulen der Holzbalken und Fußböden über den Fäkalgruben ergab. So befand sich z. B. das Sammelbecken für Fäkalien im Schloß zu Erfurt gerade unter jenem Festsaal, in dem Barbarossa anno 1183 einen Reichstag abhielt. Als unter der ungewöhnlichen Last die morschen Fußbodenbalken des Saales brachen, "rettete den Kaiser nur ein Sprung in eine Fensternische, von wo er entsetzt zusehen mußte, wie seine Edlen in der stinkenden Brühe versanken. Drei Fürsten, fünf Grafen und zahlreiche Ritter fanden dabei einen wenig rühmlichen Tod."(25)

Gerade in hygienischer Hinsicht ging man bei der Unterbringung sanitärer Einrichtungen recht unbesorgt und gedankenlos vor, was man z. B. im Dürer-Haus sieht, wo sich der einzige Abort in der Küche, dicht neben dem Kochherd befand. Das "Örtchen" ist (26) heute schamhaft durch einen Holzverschlag abgeschirmt und wird dem interessierten Besucher nur auf besonderen Wunsch gezeigt (Abb. 4).

Abb. 4
Nürnberg. Küche im Dürer-Haus.
In linker Ecke Abort mit nachträglich errichtetem Holzverschlag.

Um das teuere und ekelhafte Abfahren des Kotes zu vermeiden, wurden diese Aborte meist mit sog. "Schling- oder Schwindgruben" versehen, aus denen nach Möglichkeit alles in den Boden versickerte. Folglich pflegte man diese Abortgruben, die meist recht geräumig angelegt waren, nur sehr selten zu entleeren. Tucher berichtet in seinem "Baumeisterbuch" wiederholt über die Säuberung solcher Abortgruben: "Item adi 8 jener (1508) hab ich mein haimlich gemach im Hinterhaus fürmen (ausschöpfen) lass den Laurencz Claubenpulch und Ulrich Fleiszman, die haben ein nacht und nit uber 10 stundt daran gearbeitt und des czu grundt geräumpt; ist czunächst hiervor im 99 jar (1499) adi 7 marczo gefürmpt worden; also hab ich in iccz davon geben uberhaupt 18 pfund, darczu 2 moss wein, 6 moss pier, 2 laib prots und 2 kess, thut alles facit 20 pfund. So ist die grub 13 schuch tieff, 9 schuch lanck und 8 schuch praitt."

Erst am 26. Oktober 1517 läßt er die Senkgrube wieder räumen. Daraus geht klar hervor, daß die Abortgruben auch in den reichsten und vornehmsten Häusern nur in Zeitabständen von etwa 10 Jahren entleert wurden.

Diese Unsitte erhielt sich noch jahrhundertelang.(27)

Aus einem Schreiben, welches Goethes Vater, der "Herr Rath", im Jahre 1773 aufsetzte ("Nachricht und Beschreibung von dem Privat-Gewölbe unter unserem Hoff im Hauss auf dem Hirschgraben"), erfahren wir z. B., daß die große Abortgrube, die die ganze Länge des Hofes einnahm, nach 40 Jahren für die Summe von 10 Gulden einer "Haupt-Säuber- und Reinigung" unterworfen wurde. In Kenntnis dieser Tatsache kann man sich über die hohe Kindersterblichkeit in der Familie des "Herrn Rath" kaum noch wundern. Von sechs Kindern, die alle wohlbeschaffen zur Welt kamen, blieben nur zwei am Leben: der Dichter und seine Schwester Cornelia. Es starben an fieberhaften Erkrankungen (wahrscheinlich Typhus): 1756 Katharine Elisabeth (2 Jahre alt), 1759 Johann Maria (3 Jahre alt), 1759 Hermann Jacob (7 Jahre alt) und 1761 Georg Adolph (1 Jahr alt).

Die natürliche Folge der zahllosen Sickergruben war eine ungeheure Verseuchung des Grund- und Trinkwassers. Dies wirkte sich besonders deshalb so verhängnisvoll aus, weil man mit Rücksicht auf langandauernde Belagerungen und die Unmöglichkeit, eine Stadt ohne hinreichend Wasser überhaupt verteidigen zu können, die Grundwasserbrunnen vor den Quellwasseranlagen unbedingt bevorzugte.

Während man im römischen Imperium, solange seine Grenze von den Legionen gesichert waren, die Städte des unbedrohten Hinterlandes mit weithergeleitetem Quellwasser versorgen konnte, war in den unruhigen Zeiten des Mittelalters und auch noch später alles, was vor den Stadtmauern lag, der Willkür des Feindes preisgegeben, namentlich also die Aquädukte oder Brunnenstuben der Quellwasserleitungen. Da die Stadtverwaltungen damals eine ungeheure Angst vor Brunnenvergiftungen hatten, sahen sie in einer großen Zahl von Einzelbrunnen im Herzen der Stadt, wo bereits durch den ständigen Verkehr eine gewisse Aufsicht vorhanden war, eine geringere Gefahr als in einzelnen, einsam gelegenen großen Wasserversorgungsanlagen. So besaß z. B. im 16. Jahrhundert Nürnberg 116 Ziehbrunnen, auf die man, ebenso wie auf das neue Straßenpflaster, sehr stolz war, was auch in dem von Hans Sachs (1495-1576) gedichteten "Lobspruch" auf seine geliebte Vaterstadt zum Ausdruck kommt:

"Schau durch die Straßen überall,
Wie ordentlich sind sie gesundert,
Sind achtundzwanzig und finfhundert
Gepflastert durchaus, wohl besunnen,
Mit hundertsechzehn Schöpferbrunnen."
Infolge der grauenhaften Versumpfung und Verseuchung des Grundwassers erreichte man jedoch damit gerade das, was man vermeiden wollte. J. P. Frank (1745-1821) schrieb 1787 darüber in seiner "Medicinischen Polizey" (3. Bd.) folgendes: "Es ist eine Eigentümlichkeit mittelalterlicher Städte, sich in Festungen zwischen künstlich erzeugten Morästen zu verschließen und, bey dem Bestreben, sein Leben zu erhalten, sich zu vergiften."

Das Grundwasser der zahlreichen Ziehbrunnen wurde durch die benachbarten undichten Jauchegruben und den versickernden Kot in den schlecht gepflasterten Straßen immer wieder mit pathogenen Darmkeimen infiziert, was von Zeit zu Zeit schwere, explosionsartige Massenerkrankungen zur Folge hatte. Man bezeichnete diese meist mit dem Sammelbegriff "Pest", gemäß der viel zitierten Galenschen Sentenz: "Wenn eine Krankheit viele Menschen befällt, so ist sie epidemisch. Wenn sie auch viele von ihnen tötet, so ist sie die Pest." So starben z. B. allein in Straßburg infolge von "Brunnenvergiftungen" im Jahre 1346 etwa 6000, im Jahre 1360 abermals 6000 und in den Jahren 1414 und 1417 je weitere 5000 Menschen, ohne daß man in der falschen Brunnenanlage die Ursache der Krankheit erkannt hätte. Für die ätiologische Bedeutung der schlechten Wasserbeschaffenheit spricht u. a. der Umstand, daß die Juden, die dort in einem besonderen Viertel wohnten, von den Krankheiten meist verschont blieben. Ihre Ärzte hatten nämlich im Getto alle Eimer und Ketten an den Ziehbrunnen entfernen lassen und befohlen, nur abgekochtes Flußwasser zu trinken. Es ist nicht verwunderlich, daß im Zusammenhang mit dieser Maßnahme ihr Verschontbleiben in der abergläubischen Atmosphäre des Mittelalters dahin gedeutet wurde, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, was dann oft zu blutigen Pogromen führte. Aus solchen Anlässen hatte man damals die Juden vielerorts zu Tausenden verbrannt oder vertrieben, ihre Viertel geplündert und die Grabsteine ihrer Friedhöfe zum Grundund Mauerbau von kirchlichen und anderen öffentlichen Gebäuden verwendet. In Tuchers "Baumeisterbuch" findet man z. B. folgende Angabe: "Anno domini 1468 zu sanct Michelstag, als man den Vischpach (Fischbach) an der Pfannenschmiedgass mit Kornspeckstein vernewt (erneuert) hat, do vant (fand) man etlich alt judenstein, dorunter einer was (war), den ich hab einmauern lassen zu einer gedechtnis in den Zwinger an das Vorwerk des Frawentors (Frauentors), doran stet Iebreysch (hebräisch) geschrieben, wie Elias des Sulman juden sun (Sohn) sei abgeschieden von dieser welt auf den samstag den 27. tag im September in dem Jahr nach der Schöpfung der Welt als man gezelt hat 5000 und 92 jar; des (daß) sein sel (Seele) ruen mög mit andern Vorfundern (Vorfahren) in den Himmel, dem garten der ewickkeit, amen! Der stein war die Zeit, als man ihn do vant in dem Jahr 1468 alt 136 jar."

Der Grabstein stammte demnach aus dem Jahre 1332 und wurde wahrscheinlich nach der Judenvertreibung im Jahre 1349 aus dem Judenfriedhof entfernt. In der Nürnberger Lorenzkirche bestanden z. B. die Stufen einer Wendeltreppe zum Teil aus Grabsteinen des alten Judenfriedhofes (Abb. 5).

Abb. 5
Wendeltreppe in der Nürnberger Lorenzkirche, deren Stufen aus jüdischen Grabsteinen bestanden.

Die Inschriftten befanden sich an der Unterseite der Treppe und blieben deshalb sehr gut erhalten. Allerdings gab es auch schon damals Menschen, die erkannt hatten, daß die permanenten Seuchen in den mauerumgürteten Städten keineswegs auf eine beabsichtigte Brunnenvergiftung zurückzuführen seien. So hielt z. B. der Humanist Petronius, der im 15. Jahrhundert schrieb, die Verunreinigung des Grundwassers durch Latrinen (Sickergruben) und des Flußwassers durch Kloaken für sehr bedenklich, da auf diese Weise auch das Trinkwasser verseucht würde. Damit hatte er als erster den verhängnisvollen Kreislauf erkannt, den Mephistopheles so kennzeichnete:

"Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut!
So geht es fort, man möchte rasend werden!
Der Luft, dem Wasser, wie der Erden
entwinden tausend Keime sich,
im Trocknen, Feuchten, Warmem, Kalten!
's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
wo sie hinein geschlüpft, da müssen sie hinaus.
Das Erste steht uns frei, beim Zweiten sind wir Knechte."
(Faust I, 1371 - 1413)

Anmerkungen

(1)
Nicht selten verursachten sie Unfälle. So starb z. B. ein Sohn des französischen Königs Ludwig des Dicken (12. Jh.) an den Folgen eines Sturzes, als ihm mitten in Paris ein Schwein zwischen die Beine seines Reitpferdes lief und es zum Scheuen brachte.

(2)
Nürnberger Meistersinger aus dem 15. Jh., genannt "der Schnepferer" (Büchsenmacher).

(3)
Ein ähnliches Verbot hatte man bereits 1464 auch in Hamburg einlassen, "dat nemant in desser stad meer den 6 swine . . . holden schal, utgenomen de becker, de magen 10 swine mesten des iares und nicht meer." (Ratsverfügung anno 1464 Petri "Über das Halten von Schweinen" und ihre im gleichen Jahr und anno 1476 verkündeten Einschärfungen in zwei Burspraken Petrie.)

Hamburger Burspraken sind auf Pergamentrollen geschriebene, verwaltungsgeschichtliche Dokumente, die an zwei Tagen des Jahres, am 1. August (Petri-Kettenfeier) und am 21. Dezember (Thomae Apostoli) durch einen der vier Bürgermeister feierlich von der Laube des Rathauses verlesen wurden. Abschriften davon wurden auch (samt den Bußen für die Übertretungen), an einer "tafele, de up deine radhuse banget" angeschlagen.

(4)
Bekannt ist die Geschichte, wie sich Till Eulenspiegel in Brandenburg an drei Schneidergesellen rächte, die vor ihrem Laden auf einem Holzgerüst hockend zu nähen pflegten. Er durchsägte insgeheim nachts die Pfosten dieses Gerüstes, so daß am nächsten Tag die Burschen zum allgemeinen Gespött wie "vom Winde herabgeweht" herunterpurzelten, als sich einige Schweine der alltäglich durch die Gasse getriebenen Herde an den durchgesägten Pfosten zu reiben versuchten.

(5)
Kennzeichnend für die damaligen städtehygienischen Verhältnisse ist, daß beim "Prager Fenstersturz" (1618) die von dem aufgebrachten Protestanten aus dem Burgfenster hinaus-gestoßenen kaiserlichen Herren "unversehrt und wahlbehalten auf einem großen Misthaufen landeten".

In Nürnberg gab es 1599 im eigentlichen Stadtkern 386 Miststätten, darunter 25 öffentliche, für deren Benutzung die Stadt Gebühren erhob und die Einnahmen dem städtischen Waisenhause zukommen ließ.

(6)
Schon der italienische Arzt Mercurialis (1577) behauptete, daß es durch Fliegen zu einer "dysenterischen Seuchenausbreitung" käme. Nach dem schweren "Diarrhoe-Jahr 1669" wies Th. Sydenham auf die empirische Erkenntnis hin, daß "einem fliegenreichen Sommer ein durchfallreicher Herbst zu folgen pflegt".

(7)
Auch die Fachwerkbauten, an deren äußerer Schönheit man so viel Freude hat, boten mit ihren dunklen, verschachtelten Räumen und Ecken für Ratten und Ungeziefer ideale Schlupfwinkel, zugleich bildeten sie aber auch mit ihren vielen trockenen Holzbalken eine "permanente Feuergefahr". Nicht zu Unrecht meinte Lichtenberg (1770) bei seiner Kampagne für die Einführung des Blitzableiters: "Wir wohnen zu Göttingen in Scheiterhaufen, die mit Türen und Fenstern versehen sind."

(8)
Ähnlich war es auch. anderswo. So verboten z. B. Senat und Bürgerschaft von Hamburg im Jahre 1676 das Halten von Schweinen innerhalb der Stadtmauern. Die auf den Gassen eingefangenen Tiere sollten "denen Armenhäusern" zufallen. (Acta conventuum sen. et civ. vom 21. Seilt. 1676 in Nucleus recessuum unter Stichwort: Schweine.) "1703 und 1709 wurde das Mandat erneuert; daß es aber 1818 und sogar 1831 in Erinnerung gebracht werden mußte, wirft ein etwas eigentümliches Licht auf den Reinlichkeitssinn der alten Hamburger und ihre Befolgung der Ratsbefehle." (W. Melhop, Alt-Hamburgisches Dasein. Hbg. 1899, S. 27.) Noch 1804 klagte Senator Klefekerin Zusammenhang mit der Straßenreinigung, daß die Mandate des Rates eigentlich "nur von dem Kleister gehalten würden, mit dem sie auf der Rathausdiele aufgeklebt wären" (Melhop. Op. cit. S. 28).

(9)
Charakteristisch für die hygienische Situation im alten Hamburg ist die Geschichte von einer im Nikolaifleet langsam und dicht an der Häuserwand entlanggleitenden Lastschute, die unter einer herausragenden "Laube" plötzlich den "Segen von oben" abbekommt. Auf den empörten Ruf des Schutenführers: "Höi, verdammte Swineri. Wat Nest du mi dor in dat Boot smet'n?" antwortet mit stoischer Ruhe der Unsichtbare aus der Laube: "Teuf' mol! Die Konossemente kömmt glicks no!" (Wart' mal! Die Konossemente kommen gleich nach.) Für die mit dem Seefrachtverkehr weniger Vertrauten sei erwähnt, daß es sich bei dem Konossement um ein Papier handelt, das dem Schiffer nach Empfang des Gutes zur Bestätigung ausgehändigt wird. - (Die auf alten Hamburger Stichen und Gemälden so romantisch wirkenden Lauben wurden erst auf Grund des Fleetegesetzes im. Jahre 1875 verboten und entfernt.)

(10)
Das Wort "Sprochhüs" bedeutete ursprünglich so viel wie Rathaus oder besonders geheimer Besprechungsraum und wurde erst später mit "verschämtem Humor" auf das "geheime Gemach" übertragen.

(11)
In Hamburg wurde bis um 1845 das Wasser nicht nur zum Kochen, sondern auch zum Bierbrauen ganz allgemein aus den Fleeten entnommen", in die man Abgänge verschiedenster Art einleitete. Spöttelnd pflegte man darauf hinzuweisen, daß das im Mittelalter so berühmte Hamburger Bier, welches zu den begehrtesten Ausfuhrartikeln der Hanse gehörte, seinen "unnachahmlichen Wohlgeschmack" einst direkt der "spezifischen Beschaffenheit des Fleetewassers" zu verdanken hatte (H. Sieveking). Die Vorliebe der Brauer für das Fleetwasser war auf dessen geringere Härte zurückzuführen, mit der es sich besser zur Herstellung obergäriger Biere eignete. Noch 1792 wetterte J. P. Frank gegen die Unsitte der Bierbrauer, hartes Wasser durch Beimischung von Kuhmist weich zu machen. (System einer vollständigen medicinischen Polizey, 1792)

(12)
"Straten, bruggen unde marked schal men (soll man) reine unde ledich holden, eder (oder) men schal dat to der stad behoef (zum Nutzen der Stadt) nemen, wat man daruppe (darauf) vind."

(13)
"Holt, solt, stene, haring unde ander ding schal men bringen van den markeden, straten unde bruggen, eder men schal id nemen to der stad behoef".

(14)
"We lastadie werpt in de elwe eder in de alster eder in de vlet, de schal id beteren mit dren marken sulvers."

In einer anderen Bursprake (Bursprake Petri) findet sich der geschriebene Zusatz: "Unde we dat meldet, schal darvon hebben (soll davon haben) de helfte des brokes." Diese Bußgelder ("Brüche") brachten der Stadtkasse erhebliche Summen ein. Vgl. darüber Hamburgei Kämmereirechnungen (H. K. R.) I, p. 73, 149, 374, 375 (ad Albeam), 395, 396, 419, 445, 446; H. K. R. V, p. 282: "ad custodiam eorum qui ballast afferunt, ne injiciant in flumen publicum."

(15)
"Heft he der penninge nicht, har he sinen brokes (Bußgeld) mede legeren mach, so schal he gaen in de hechte (Kerker) unde schal veer weken (4 Wochen) eten water unde brod unde den ut der stad unde nimmer hir wedder intokamende." (Bursprake Petri nach 1500).

(16)
Vorsetzen = Anlegestellen für Lastkähne.

(17)
Schon in einer Thomae-Bursprake von 1594 werden "Fleetkiker" als amtliche Aufseher erwähnt, denen die Bürger jede "strafbare insenkung . . . antomelden vorpflichtet und vorbunden sind".

(18)
J. J. Rambach, Versuch einer physisch-medizinischen Beschreibung von Hamburg. Hamburg 1801, S. 48. - Die oben zitierten Worte eines Hamburger Physikus, der es doch wissen mußte, haben eine unheimliche Beziehung zum Wahlspruch der Hanse: "Navigare necesse est, vivere non necesse!"

(19)
Man muß an Heine denken, dem die Hamburger bis heute noch nicht ganz verziehen haben, daß er ihnen so bittere Worte, wie jenes vom "Schellfischseelenduft" und "zahlungsfähiger Moral" ins Stammbuch geschrieben hat. "Hier herrscht nicht der schändliche Macbeth", schrieb er 1833 in bezug auf den Krämergeist Hamburgs, "sondern hier herrscht Banko". (H. Heine, Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. Kap. 3). Und zwei Jahre später wird diese Mentalität ("der Geist Bankos") von J. Gallois mit französischem Esprit so definiert:

"Freundschaft wird einkalkuliert, Ergebenheit addiert, Treu und Glauben subtrahiert, Arglist multipliziert - kurz, alles von allem, sie kennen von allen Regeln nur diejenige der Rechenkunst und begreifen einfach nicht, daß irgend etwas anderes ausgehen könne als mit Gewinn oder Verlust. Adam Riese ist ihr Voltaire." (L'espion chinois à Hambourg.)

(20)
Es handelt sich um die 9.Erzählung des 8.Tages, in der ein Arzt von zwei Malern des Nachts in einen Ehgraben geworfen wird.

(21)
Noch heute findet man in manchen Städten die Reste dieser Ehgräben, so z. B. in Konstanz, wo man die Ehgräben später gepflastert, die erkerartigen Abtritte an der Rückseite der Häuser gelassen und lediglich durch Steinzeugröhren mit einem nachträglich unter dem Pflaster verlegten Kanal verbunden hat.

(22)
Später hießen in Nürnberg diese Leute "Pappenheimer". Man glaubt, daß einst Kriegsgefangene aus dem berühmten Kürassierregiment der Pappenheimer diese wenig rühmlichen Arbeiten verrichten mußten, und daß ihr Name dann auch später beibehalten wurde. In Hamburg war während des Mittelalters die Entleerung der Fäkalgruben in den öffentlichen Gebäuden Sache des Abdeckers (Hamburger Kämmereierechnungen I, p. 314, 412, 462; Gefangenenturm III, p. 433, 444; Gefangenenhaus IV, p. 22).

(23)
Anderswo war man noch bescheidener. So besagt z. B. eine Hamburger Verordnung aus dem Jahre 1560, daß die Straßen viermal jährlich von Tierkadavern und sonstigem Unrat zu reinigen seien - eine wahrlich seltsam anmutende Frist! Wie leicht konnte es einem'da ergehen wie König Philipp IL von Frankreich (1180-1223), der am Fenster seines Schlosses zu Paris einen Ohnmachtsanfall erlitten haben soll, weil ihn "die Ausdünstungen des Straßenschmutzes und der Misthaufen betäubten". (Brockendahl, Einführung der städtischen Canalisation, unter Beseitigung der Straßen-Rinnsteine. Kiel 1870, S. 9-10).

(24)
Auf dem berühmten Doppelporträt des Arnolfinimit seiner Braut aus dem Jahre 1434 von Jan van Eyck liegen neben den Füßen des reichen italienischen Kaufmannes zwei hölzerne Überschuhe als Beweis für den schlechten Straßenzustand im damaligen Brügge.

(25)
Entsprechend wird berichtet, daß 1498 "der Churmaynzische Canzler im teutschen Hause in das heimliche Gemach gefallen und gestorben sey". Wer noch die Abortanlagen in alten Reichsstädten, wie Dinkelsbühl, Rothenburg ob der Tauber oder Nürnberg in ihrem romantischen mittelalterlichen Zustand kennt, versteht, warum früher solche Unfälle an der Tagesordnung waren.

(26)
Unter der Küche lag die Abortgrube dicht neben dem Ziehbrunnen, aus dem die Hausbewohner ihr Trinkwasser bezogen.

(27)
Als Pettenkofer 1854 mit seinen Cholerastudien begann, waren viele Münchner Hausbesitzer stolz darauf, daß ihre Sicker- bzw. Schwindgruben "nur alle 20 Jahre einer Räumung bedurften". Wie sich das Versickern von Exkrementen auf das Grundwasser auswirkte, kann man sich vorstellen, wenn man weiß, daß es in München noch 1874 rund 6388 solcher Schwindgruben gab, von denen inzwischen allerdings die Mehrzahl auszementiert war.


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Städtehygiene" Hamburg 1950 Heft 4 dann erneut in:
"Münchener Medizinische Wochenschrift"1974 No47 S2081ff
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