St. Winkle

Die letzte entscheidende Auseinandersetzung zwischen
Miasmatikern und Kontagionisten in Zusammenhang mit
Pettenkofers Boden-Grundwasser-Theorie


Herrn Prof. Dr. med. Adam Miljkovic (Belgrad) zum 85. Geburtstag in freundschaftlicher Verbundenheit.

"Es gibt wohl nichts Schmerzhafteres als die Enttäuschung darüber, daß sich eine stolze Erkenntnis von ge
stern, mit der man eine ewige Wahrheit entdeckt zu haben glaubte, als ein Irrtum zu entpuppen droht, für das
man morgen nur noch ein mitleidiges Lächeln übrighaben dürfte."

Michel Montaigne (1533-1592)


 "Hypothesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude aufführt und die man abträgt, wenn das Gebäude fertig ist. Sie sind dem Arbeiter unentbehrlich, nur muß er das Gerüst nicht für das Gebäude ansehen"
 

Goethe (Maximen und Reflexionen 1222)
Als Max Pettenkofer (1818-1901) während der Cholera-Epidemie im September 1836 als 18jähriger Abiturient vor Beginn des Universitätsstudiums seinem kinderlosen Onkel Franz Xaver an der Münchner Hof- und Residenzapotheke aushalf, ahnte noch niemand, daß sein Name eines Tages mit goldenen Lettern in die Geschichte der Städteassanierung eingetragen sein würde. Entscheidend für den weiteren Lebenslauf des hochbegabten jungen Mannes, der 1843 zum Apotheker und bald danach zum Doktor der Medizin promovierte, war sein Entschluß, nach Gießen zu gehen, um bei Liebig, dem Begründer der organischen Chemie, arbeiten zu können. Als Pettenkofer 1845 eine Assistentenstelle am Königlichen Münzamt in München erhielt, wußte man noch nicht, daß in ihm ein "technologisches Genie" steckte. Doch schon bald gelang es Pettenkofer, die Aufmerksamkeit des kunstbegeisterten Königs durch die Entdeckung des antiken Glasflusses (Porporino antico) auf sich zu lenken.

Zwei Jahre später (1847), nach dem Sturz des Ministeriums Abel, bekam er die außerordentliche Professur für medizinische Chemie, obwohl seine Beziehung zur Medizin damals kaum mehr als eine "Vernunftehe" gewesen sein dürfte. Als Ludwig I. wegen des Skandals mit der Tänzerin Lola Montez 1848 abdanken mußte, erwarb sich Pettenkofer bald auch das Vertrauen des Nachfolgers: König Max. Man hatte nämlich die Ofenheizung der Residenz durch eine Luftheizung ersetzt, wodurch die Luft in den Räumen so trocken wurde, daß sie zu Unbehagen und Atembeschwerden führte. Pettenkofer löste das Problem in kürzester Zeit durch Befeuchtung der Raumluft. 1852 erhielt er seine ordentliche Professur für medizinische Chemie in München.

Als man sich 1854 zur ersten deutschen Industrie-Ausstellung in München rüstete, hatte Pettenkofer an der Ventilation des innerhalb weniger Wochen erbauten "Glaspalastes" maßgeblich mitgewirkt. Die Ausstellung, die am 15. Juli von König Max II. in Anwesenheit der Könige von Preußen und Sachsen und zahlreicher anderer Fürsten feierlich eröffnet wurde, bewirkte einen ungeheuren Fremdenzustrom, obwohl schon Wochen vorher von Cholerafällen im süddeutschen Raum getuschelt wurde. In der "Augsburger Allgemeinen Zeitung" ließ man daher schon am z. Juli ein kurzes Dementi über "unbegründete Gerüchte" veröffentlichen. So ganz unbegründet scheinen diese Gerüchte aber doch nicht gewesen zu sein. Denn am 17. Juli, dem ersten Besuchstag nach Eröffnung der Ausstellung für das breite Publikum, kam es wie zum Hohn ausgerechnet bei den Pförtnern und Aufsehern der Industrie-Ausstellung zu gehäuften Brechdurchfällen. Doch Verschwiegenheit war auch weiterhin die Devise.

Aus Angst, die Ausstellungsgäste könnten München fluchtartig verlassen, versuchten die Behörden, "alle Berichte über das Vorkommen von Cholera in München im Keime zu ersticken". So beschlagnahmten sie in Ansbach noch Anfang August das dortige "Morgenblatt' wegen eines Artikels über die Gesundheitsverhältnisse in München.

Am 31. Juli veranstaltete man eine große Parade auf dem Marsfeld zu Ehren des Königs von Preußen. Tags darauf erfolgte die Einweihung eines Denkmals am Promenadenplatz, wobei man den Schulkindern, die den Festzug bildeten, "warme Kleider zum Schutz des Unterleibes vor Erkältungen" empfahl, was erkennen läßt, daß den Behörden die drohende Gefahr bekannt war. Am 3. August hieß es noch in den "Münchener Neuesten Nachrichten", die Zahl der Fremden steige von Tag zu Tag, und überall sehe man "zufriedene Gesichter". Doch bald darauf folgte das Eingeständnis: "In den letzten Tagen ist es infolge der rasch eingetretenen Hitze zu Brechdurchfällen gekommen, wobei einige kleine Kinder und alte kränkliche Personen gestorben sind." Zur Beruhigung der Leser wurde hinzugefügt, daß "unsere tätige Polizeidirektion im Interesse des Publikums ein doppelt wachsames Auge auf den Verkehr mit Viktualien" lege. Damit hatte man den Seuchenausbruch eingestanden. Plötzlich erschienen auffallend große Anzeigen einer Desinfektionsfirma aus der Sendlinger Landstraße, und es häuften sich Todesanzeigen, in denen zwar das Wort Cholera peinlichst vermieden wurde, doch der Hinweis, daß "der Tod nach sehr kurzem Kranksein" oft "nach wenigen Stunden" erfolgt sei, ließ den wahren Grund erkennen.

Am 8. August zählte man noch, trotz Bekanntwerdens der Cholera, 5191 Besucher, dann aber nahm ihre Zahl rapide ab, so daß am 16. September nur noch 66 Besucher registriert wurden. Die Fremden verließen Hals über Kopf die Stadt.

Schließlich war es kein Geheimnis mehr: In München herrschte die Cholera. Wie einst während der Pest - mit Hilfe des Schäfflertanzes - ließ man zur "Aufheiterung der Münchener" auf der Praterinsel und anderswo die Militärkapellen spielen und den Zirkus Renz seine Vorstellungen aufführen.

Es wurden ärztliche Beratungsstellen und Suppenanstalten eingerichtet. Man verteilte an bedürftige Kranke warme Decken, die dann aber oft undesinfiziert weitergegeben wurden. Droschken mußten sich Tag und Nacht an bestimmten Plätzen für Ärzte und Krankentransporte zur Verfügung halten. Da man glaubte, die Furcht vor Cholera könne den Menschen erst recht empfänglich machen, durften die Särge aus dem Magazin an der Fingergasse (später Maffeistraße) "nicht unbedeckt befördert" werden und "die gefüllten Leichenwagen nicht im Galopp fahren", obwohl "beschleunigte Beisetzung dringend nötig" war, zumal sich "die Friedhofshallen längst als zu klein" erwiesen hatten. Ferner sollten Beerdigungen möglichst früh, abends oder nachts und ohne Geläut erfolgen. Auch das Klingeln bei Überbringen des Sanktissimums wurde behördlicherseits untersagt. Militärische Leichenbegängnisse wurden ebenfalls verboten. Als "angeheiterte Leichenkutscher" um die Mittagszeit in der Müllerstraße "gefüllte Särge" umluden und dabei, "um möglichst viele Verstorbene auf einmal befördern zu können", die Deckel der "Nasenquetscher" abnahmen, kam es bei der Bevölkerung zu heller Empörung.

Inzwischen hatte man eine Kommission zur Erforschung der Cholera eingesetzt, der auch Pettenkofer angehörte. Mit Feuereifer stürzte er sich in die neue Aufgabe.

"Es sah zwar aus", schrieb er später, "als ob ein Pesthauch über die Stadt gefahren sei, von dessen Gift die Menschen nun in allen Teilen derselben zu sterben begannen. Ganz anders aber erschien das Bild, wenn man den Verlauf der ganzen Epidemie nach einzelnen Straßen und Quartieren gliederte."

Dabei stellte sich heraus, daß "trotz der Fluktuation des Verkehrs" bestimmte Stadtteile und Straßen verschont blieben. Pettenkofer suchte die von der Seuche besonders betroffenen Viertel und Straßen auf, sah sich die Wohnungen, die finsteren Flure, die Aborte, die Kübelquartiere, die Schwindgruben etc. an und notierte sich dabei sorgfältig alles Typische und Auffällige, um so vom Einzelnen und Besonderen zum Allgemeinen und Gesetzmäßigen vorzustoßen. Vermutlich infizierte er sich dabei. Denn am 27. Juli erkrankte er an heftigen Brechdurchfällen und Krämpfen. Neben seiner Köchin, die nach der Einlieferung im Krankenhaus starb, erkrankte auch sein Töchterchen und "entging dem Würger nur mit knapper Not". Sobald sich Pettenkofer wieder auf den Beinen halten konnte, nahm er seine Untersuchungen mit der alten Leidenschaft auf. Die Basis seiner Choleraforschung bildete das "Grundbuch", in das er Haus für Haus und Straße für Straße sämtliche Cholerafälle eintrug. In kürzester Zeit hatte er so 2885 Cholera-Sterbefälle aus München samt den Personalien vermerkt.

Durch den Vergleich mit alten Unterlagen konnte er dabei feststellen, daß die Cholera im Jahre 1836/37 zum Teil dieselben Stadtviertel und dieselben Gassen, ja sogar dieselben Häuser heimgesucht hatte, so daß sich die Frage nach einer "örtlichen Ursache" geradezu von selbst aufdrängte. Der Glaube an ein Miasma, einen Krankheitsstoff, der nicht von einem Menschen zum anderen übertragen wird, sondern nur von einem Ort ausgeht, der durch einen genius epidemicus loci als "siechhaft" gilt, war seit Sydenham allgemein verbreitet.

Als Pettenkofer im August 1854 auf den Höfen der Münchener Cholerahäuser gesehen hatte, wie diese von den Überläufen der Fäkalgruben durchtränkt waren und wie sich das Jauchewasser zu tiefgelegenen Häusern hin sammelte und in den Boden eindrang, da regten sich in ihm die ersten Gedanken an eine epidemiologische Bedeutung des verunreinigten Bodens bei dem Zustandekommen von Choleraausbrüchen. Entscheidend für diese Überlegungen waren Vorstellungen seines Lehrers und Freundes Liebig. Im 15. seiner "Chemischen Briefe" (3. Aufl. 1851) bezeichnet dieser jede fäulnisunfähige Materie, die durch Berührung mit faulenden Stoffen in Gegenwart von Sauerstoff eine Zersetzung erleidet, als gärungsfähig, den Prozeß selbst als Gärung und den faulenden Stoff, der hier wirksam wird, als Ferment. Bekanntlich lehnte Liebig die vitalistische Erklärung der Zuckervergärung durch die lebende Hefezelle ab. Für ihn war die dabei wirksame Hefe nichts weiter als ein Körper im Zustand der Zersetzung, d. h. ein Ferment.

Pettenkofer stand so unter dem Eindruck der Liebigschen Fermenttheorie, daß es für ihn ungemein verlockend sein mußte, diese chemischen Vorstellungen auch bei seinen epidemiologischen Forschungen anzuwenden. Der mit den Exkrementen von Cholerakranken ausgeschiedene Stoff sollte demnach in dem mit fäulnis- bzw. gärungsfähigen Substanzen durchsetzten Boden katalytisch wirken und das örtliche, krankheitserregende Choleramiasma erzeugen, das die Häuser "schornsteinartig aufsaugten". Dieser Gärungs- oder Fäulnisprozeß kulminiert schneller an tief und feucht gelegenen als auf höher und trocken gelegenen Stellen. Das Erlöschen einer Epidemie erkläre sich analog dem Aufhören der Gärung von Most- oder Bierwürze, wenn ziemlich der ganze fermentierbare Stoff umgesetzt ist. Das war eine rein chemische Theorie, ganz im Sinne der Liebigschen Vorstellungen.

Auch die mühevolle, bis ins Detail hineingehende örtliche Ermittlung war gewissermaßen die Arbeitsweise der chemischen Analyse, übertragen auf das Gebiet der Seuchenbekämpfung. Damit schuf Pettenkofer die Anfänge der modernen epidemiologischen Forschung mit ihrer örtlichen Besichtigung, laufenden Beobachtung und Statistik. Am 15. September 1854, also etwa sechs Wochen nach Ausbruch der Epidemie in München, trug Pettenkofer seine Ermittlungsergebnisse und Ideen auf einer Ärztesitzung im Regierungsgebäude an der Maximilianstraße mit einer solchen Begeisterung vor, daß die Anwesenden den Eindruck hatten, "dem Werden einer naturwissenschaftlichen Theorie in statu nascendi beizuwohnen" (Tiersch).

"Da die Choleraepidemien", erklärte Pettenkofer, "wenn sie öfter an einem und demselben Ort auftreten, immer die gleichen Schauplätze für ihre Tätigkeit wählen, habe ich mich bemüht, örtliche Ursachen aufzufinden, um diese rein örtlichen Erscheinungen damit zu erklären . . . Ich habe die Fälle vom Jahre 1836 durch Punkte auf einen Stadtplan aufgetragen, und so ließ sich sehen, daß sich diese Punkte an gewissen Plätzen häuften, und zwar an Abdachungen, Vertiefungen oder Straßen, welche an einen schwachen Hügel gebaut sind, wo das Terrain steigt, wo Schwindgruben im Hofe sind. . ."

Da Pettenkofer in den vorangegangenen Jahren die Lösung mannigfaltigster Probleme gelungen war, ging er - an Erfolg gewöhnt - mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit an den Ausbau seiner Bodentheorie heran, indem er den verschwommenen und abstrakten Begriff vom genius epidemicus loci durch die lokalistisch begrenzte und "greifbare Bodenverschmutzung" ersetzte. Er war von der epidemiologischen Bedeutung des fäkal verunreinigten Bodens so überzeugt, daß er bereits aufgrund der äußeren Umgebung eines Hauses zu wissen glaubte, ob es choleragefährdet sei oder nicht. Am 29. September berichtete Pettenkofer in einer Denkschrift an das Ministerium darüber, was er an Ort und Stelle über den Zusammenhang zwischen Cholera und verunreinigtem Boden, Höhenunterschieden und infizierten Häusern festgestellt zu haben glaubte.

Da die Epidemie im Abklingen war und die Regierung eine Erlösung der Stadt von dem wirtschaftlich schädigenden Omen wünschte, ließ sich der sonst so kühl abwägende Obermedizinalrat Prof. Pfeufer, der eigentliche Leiter des Gesundheitswesens, am 30. September von den zu einer Sondersitzung einberufenen Ärzten bestätigen, daß man die Cholera in München als erloschen erklären könne. Mit diesem voreiligen Beschluß hatte die Ärzteschaft der Regierung die Verantwortung abgenommen.

Am 21. Oktober erschien dann in der Presse der offizielle Dank des Königs an alle, die an der Bekämpfung der Seuche mitgeholfen hatten. In der darauffolgenden langen Liste der Helfer stand noch ganz unauffällig der Name Pettenkofer. In den Kirchen wurden feierliche Dankgottesdienste abgehalten. Pfeufer, bei dem die ganze Angelegenheit Unbehagen auslöste, und der in einem Brief vom 12. Oktober 1854 von der "Hybris" sprach, "die die Rachsucht der Götter erregen könne", sollte mit seinen Ahnungen Recht behalten. Am 25. Oktober, nachdem man vier Wochen vorher die Cholera für "erloschen" erklärt hatte, erkrankte an ihr die Königin-Mutter, die aufgrund der voreiligen Erklärung nach München zurückgekehrt war und sogar die Ausstellung besucht hatte. Sie starb bereits am nächsten Tag. Dieser Todesfall nach "Erlöschen der Epidemie" erregte begreiflicherweise großes Aufsehen.

Die ersten Stimmen des Zweifels wurden laut. Der schärfste Kritiker war ein gewisser Dr. Friedmann, praktischer Arzt in München, der bereits in den Versammlungen der Ärzte darauf hingewiesen hatte, daß man mit der Bodentheorie, die einen Reifungsprozeß des Fermentes im Boden voraussetzte, die Choleraepidemien auf Schiffen nicht erklären könne, da man doch dort die Exkremente weit vom Lande unmittelbar ins Meer entleeren würde. Er war es auch, der nun darauf hinwies, daß die tödliche Erkrankung der Königin mit Rücksicht auf die hygienischen Verhältnisse im Palais von der Bodentheorie her schwer zu erklären sei.

Für Pettenkofer muß dieser Einwand recht unangenehm gewesen sein. Er warf Friedmann vor, er hätte "die notwendige Hochachtung gegen die Fürstin verletzt" und brachte dann die Erkrankung der Königin mit einem Besuch in der Industrie-Ausstellung in Zusammenhang. Dort wäre "an einem Stande, wo die Königin länger geweilt hat, starker Geruch von in dem Erdboden versickerten Grubeninhalt" bemerkbar gewesen, ja, ein dort tätig gewesener Verkäufer hätte "zu einem der ersten der Todesfälle unter den Aufsehern gezählt". Die Königin, die sich nicht ganz wohl fühlte, sei, so empfänglich, in den Industriepalast gegangen, hätte an dem ominösen Ort den "giftigen Hauch" eingeatmet, "der sicher noch hundert anderen gleichfalls verderblich gewesen sein mochte". Das war eine unüberlegte und bedenkliche Erklärung, durch die seine straßenweisen Untersuchungen über den Gang der Epidemie ihre Beweiskraft verloren hatten. Denn was der Königin recht war, war dem Tagelöhner am Unter- oder Oberanger billig. Auch sie konnten entsprechend disponiert sein und anderwärts durch ein kurz einwirkendes Miasma erkranken. Hinzu kam, daß sich viele der Erkrankten an ihren Arbeitsstätten oft länger aufhielten als in ihrer Wohnung, da die tägliche Arbeitszeit für einen Arbeiter damals 12 Stunden und oft noch mehr betrug. Demnach war es also falsch, sie als Beispiel einer Bodenvergiftung ihres Wohnhauses anzuführen.

In dieser unerquicklichen Situation erhielt Pettenkofer Schützenhilfe von Liebig. Im Dezember 1854 schrieb dieser an die "Medical Times" in London einen Brief über die neuesten epidemiologischen Erkenntnisse in München, der noch im gleichen Monat auch in der "Gazette hebdomadaire" abgedruckt wurde. Durch diese Publikationen wurde Pettenkofers Bodentheorie mit einem Schlage in England und Frankreich bekannt. Für Liebig war es ein doppeltes Vergnügen, sich für die Bodentheorie einzusetzen, hatte doch bei deren Geburt seine eigene Fermenttheorie Pate gestanden und war doch ihr Schöpfer sein Schüler und Freund, dem er nicht zuletzt seine zwei Jahre zuvor erfolgte Berufung nach München zu verdanken hatte.

Doch bald danach erfolgte ein erneuter Angriff, der nicht nur geistreich und scharf, sondern wegen der Persönlichkeit des Angreifers auch sehr gefährlich war. In einem offenen Brief an Schönlein äußerte sich nämlich Virchow recht sarkastisch über die Choleraforschungen in München. Als er nach seinem Urlaub bei Schönlein gewesen sei, hätte er "nicht geahnt, was für große Dinge unter Pfeufers Leitung in Bayern geschehen" seien. Im amtlich zugesandten "Ärztlichen Intelligenz-Blatt" Nr. 43 habe er gelesen, daß der Minister Pfeufer und die Münchner Ärzte sich gegenseitig beglückwünscht hätten, da das Wesen der Cholera so ziemlich ergründet sei. "Dann kam der Brief des Herrn Baron Liebig nach London, die Posaunenstöße der,Augsburger Allgemeinen', die Berichte der,Gazette médical de Paris' - genug, ich war zuletzt recht betrübt, daß wir in unserer Zeit in Berlin so wenig entdeckt hatten, daß wir diese Ära der Entdeckungen geradezu verträumt hatten." Er wollte die Forschungen Pettenkofers jetzt nicht auf ihre Neuheit hin besprechen, "aber der Eindruck würde vollständiger gewesen sein, wenn nicht an demselben Tage, an dem in Würzburg das offizielle Erlöschen der Münchener Epidemie durch ein feierliches Hochamt begangen wurde, auch schon die Nachricht von dem plötzlichen Tode der Königin-Mutter angelangt wäre".

Diesen bissigen Zeilen, an denen man in München den Hinweis auf den Tod der Königin-Mutter sicherlich am unangenehmsten empfunden hatte, folgten Erwiderungen von Pfeufer und Pettenkofer und Gegenerwiderungen von Virchow in der "Gazette médical", der "Gazette hebdomadaire" und der "Augsburger Allgemeinen Zeitung", so daß die ganze Angelegenheit in einen unerquicklichen Gelehrtenstreit auszuarten drohte, der eigentlich nicht vor die breite Öffentlichkeit gehörte. Virchow hatte nicht ganz Unrecht, wenn er schließlich von schmutziger Wäsche sprach, die vor dem großen Publikum gewaschen würde.

Was uns heute bei der Lektüre von Pettenkofers grundlegender Schrift über die Epidemie von 1854 ("Untersuchungen und Beobachtungen über die Verbreitungsart der Cholera", München 1855) auffällt, ist die völlige Nichtbeachtung des Trinkwassers. Obwohl es schon bei Plinius heißt: "Tales sunt aquae qualis terra, per quam fluunt" ("Die Gewässer sind so wie die Erde, durch die sie fließen"), hat Pettenkofer trotz der Münchener Verhältnisse mit ihren zahllosen Sickergruben eine Verseuchung des Trinkwassers nicht in Erwägung gezogen. Nun brach zwar die Münchener Choleraepidemie von 1854 nicht explosionsartig aus. Sie konnte dies auch schon deshalb nicht, weil die Münchener Wasserversorgung keine zentrale war. Pettenkofer bezeichnete während der Choleraepidemie 1854 das Münchener Trinkwasser lobend als "wohl trinkbar und vortrefflich mundend". Die Wirklichkeit war wesentlich anders, wie sich aus zahlreichen Beschwerden belegen läßt.

München hatte damals zwei Wasserleitungen, eine königliche und eine städtische, die ziemlich veraltet waren. Die königliche Leitung galt als besser, da sie sog. Quellwasser von jenseits der Isar führte und in Blei- und Eisenrohren lief. Die Leitung der städtischen Brunnen war aus mehr oder weniger verfaultem Holz. Das Wasser in dieser Leitung links der Isar gab oft einen gelbbraunen Niederschlag und enthielt viel schwefelsaure und salpetersaure Salze. Bereits im März 1850 hatten sich die Hausbesitzer an der Sonnenstraße beschwert, daß im Leitungswasser "neben allerlei Unflat aus dem Kanal durchweichte Papierfetzen und Lumpen" vorkämen, doch der Magistrat erwiderte, daß das fragliche Brunnenhaus am Graben reinstes Wasser spende.

Besonders interessant ist die Beschwerde eines Malzfabrikanten am Unteranger, wonach das Wasserwerk am Glockenbach nach Regen und Tauwetter meist trübes und ungenießbares Wasser lieferte, das nicht einmal zum Läutern der Gerste verwendbar sei. Der namhafte Münchener Bakteriologe W. Rimpau konnte aus den Akten einwandfrei feststellen, daß zwischen den Leitungen der magistralen und königlichen Brunnenhäuser sehr häufig absichtliche, schwer kontrollierbare Verbindungen bestanden. So beschwerten sich z. B. in den Jahren 1850 und 1852 des öfteren die städtischen Brunnenwarte, daß von der königlichen Hofbrunneninstanz wiederholt die magistralen Leistungen angezapft und Anschlüsse in die Häuser gelegt wurden. Aus zwei Gründen war man höheren Orts befriedigt, daß Pettenkofer in seinen ersten Choleraarbeiten "die mißlichen Wasserverhältnisse" der Stadt München nicht bloßstellte. Einmal hätte er damit dem Rufe der Fremdenstadt München geschadet und zum anderen die Verhandlungen gestört, die 1854/55 zwischen der Hofverwaltung und dem Magistrat zwecks Übernahme der Hofbrunnenwerke durch die Stadt geführt wurden.

Dennoch gelang Pettenkofer eine seuchenprophylaktische Großtat, indem er - unterstützt von der Cholerafurcht - das hygienische Gewissen Münchens aufrüttelte und mit seiner Bodentheorie den Abtrittsverhältnissen und den Schwindgruben den Kampf ansagte. Der Hinweis auf die Schädlichkeit übelriechender Gase machte auf die Bevölkerung einen tiefen Eindruck und verhalf der Pettenkoferschen Theorie zu ihrem schnellen Erfolg. Jedermann kannte die Geruchsbelästigung, die in den Häusern durch Schwindgruben oder hölzerne bzw. eiserne Abtrittsröhren verursacht wurde, vor allem in den engen Straßen der Altstadt. In den schmalen Häusern befanden sich die Abtritte oft am Eingang unter der Treppe, die steil zum oberen Geschoß führte. Jeder Eintretende war sogleich ihrem Dunstkreis ausgesetzt. Von 1856-1860 mußten sämtliche Abtrittsgruben in München, die vorwiegend Sickergruben waren, "wasserdicht gemacht", d. h. zementiert werden. Bereits 1858 fing man nach den Plänen von Oberbaurat Zenetti an, Siele durch die Ludwigs- und Maxvorstadt zu bauen, die bis 1878 eine Länge von über 26 km erreichten.

Inzwischen erweiterte Pettenkofer seine Bodentheorie zur Boden-Grundwasser-Theorie durch Hineinarbeiten des Grundwassers als zeitlichem Faktor. Grundsätzliches der Theorie wurde hierdurch nicht berührt, auch nicht durch die Erforschung der Porosität der Böden verschiedener geologischer Herkunft.

Obgleich Pettenkofer von vornherein annahm, daß ein lebender Krankheitsstoff an der Entstehung der Cholera beteiligt sei, ein "X", als dessen Repräsentanten er später widerstrebend ein Cholerakontagium akzeptierte, bestärkte ihn das häufige Freibleiben bestimmter Ortschaften trotz des über sie hinflutenden Verkehrs aus benachbarten Choleraorten in seiner Überzeugung, daß das Kontagium allein die Ausbreitung der Cholera nicht erklären könne. Er nahm deshalb an, daß der noch unbekannte Erreger ("X") in nicht infektionsfähigem Zustande von den Kranken ausgeschieden werde und erst im Boden unter besonderen örtlichen und zeitlichen Dispositionen ausreifen müsse, um infektionsfähig zu werden. Die örtliche Bereitschaft (Disposition) für Cholera sollte durch einen lockeren, porösen, für Wasser und Luft durchgängigen Boden geschaffen sein, während die zeitliche Bereitschaft mit den Durchfeuchtungsverhält-nissen des Bodens gegeben wäre, wie sie die Schwankungen des Grundwasser-standes mit sich bringen. Dabei sollte ein verhältnismäßig geringer Feuchtigkeitsgehalt, wie er beim Sinken des Grundwasserspiegels im Spätsommer und Herbst durch Ver-dunstung eintritt, die günstigsten Bedingungen für eine Choleraepidemie schaffen.

Die Boden-Grundwasser-Theorie war keine Universaltheorie. Pettenkofer hatte sie für die Cholera erdacht und dann auch auf den Typhus ausgedehnt.

Als im Jahre 1865 der Münchener Pathologe v. Buhl die neue Zeitschrift für Biologie mit der Publikation seiner Forschungsergebnisse eröffnete, wonach die Zu- und Abnahme der Typhussterblichkeit in München in den einzelnen Jahren mit dem Sinken und Steigen des Grundwassers in Korrelation stünde, und als der Mathematiker v. Seidel durch Wahrscheinlichkeitsrechnung einen Zufall auszuschließen versuchte, da schien es, als sei die Boden-Grundwasser-Theorie dazu bestimmt, sich zu einer Theorie allergrößten Stiles zu entwickeln. Nicht nur das Kommen und Gehen von Cholera und Typhus, sondern auch von anderen Infektionskrankheiten (Malaria, Milzbrand etc.) wurde hier mit meteorologischen und geologischen Verhältnissen in Verbindung gebracht.

Mit besonderem Stolz erfüllte es Pettenkofer, daß sich nach und nach auch ausländische Ärzte seiner Theorie anschlossen. Namentlich gelang es ihm, die bekanntesten und einflußreichsten englischen Ärzte in Indien, Cunnigham und Lewis, die ihn in München aufgesucht hatten, zu überzeugen und "vom einseitigen Glauben an die Trinkwassertheorie abzubringen".

Im darauffolgenden Jahr 1866 hätte Pettenkofers Theorie ihre Feuerprobe bestehen können, war doch der Krieg Preußens gegen Österreich von einer schweren Choleraepidemie überschattet. Die Ausfälle unter den "durch Eilmärsche und Kampfhandlungen erschöpften preußischen Mannschaften", besonders nach der siegreichen Schlacht bei Königgrätz (am 3. Juli 1866), waren ungeheuerlich (v. Roon). Diese epidemiologische Konstellation ließ Bismarck befürchten, daß eine Fortsetzung des Krieges große Gefahren heraufbeschwören könnte. In seinen Memoiren ("Gedanken und Erinnerungen") schrieb er später: "Wenn Napoleon in der angedeuteten Weise in den Krieg eingriff, Rußlands Haltung zweifelhaft blieb, namentlich aber die Cholera in unserer Armee weitere Fortschritte machte, so konnte unsere Lage eine schwierige werden."

In diesen Überlegungen Bismarcks spielte die Cholera eine eminente Rolle. Die Eilmärsche der Preußen durch Böhmen und Mähren hinterließen nämlich überall die Seuche "wie eine Fäkalspur" (A. Pribram). Kaum war beim "Vormarsch auf Wien" der zwischen Preßburg und Krems liegende Teil von Niederösterreich besetzt, als sich auch schon dort die Cholera auszubreiten begann. Der Feldzug drohte den Charakter eines Seuchenzuges anzunehmen. Der Gesamtzugang von Lazarettkranken beim preußischen Heer von Juli bis August (ohne die Verwundeten) erreichte die Zahl von 57 989 Mann (!), worunter sich mehr als 12 000 Cholerakranke befanden. Vor diesem Hintergrund gewinnt Bismarcks Tagebucheintragung in Zusammenhang mit dem "Kriegsrat vom 23. Juli 1866" ein besonderes Gewicht:

"Im Vorzimmer", heißt es dort, "fand ich zwei Obersten mit Berichten über das Umsichgreifen der Cholera unter ihren Leuten, von denen kaum die Hälfte dienstfähig war. Die erschreckenden Zahlen befestigten meinen Entschluß, aus dem Eingehen auf die österreichischen Bedingungen die Cabinetsfrage zu machen. Ich befürchtete neben politischen Sorgen, daß bei Verlegung der Operationen nach Ungarn die mir bekannte Beschaffenheit des Landes die Krankheit bald übermächtig machen würde. Das Klima, besonders im August, ist gefährlich, der Wassermangel groß, die ländlichen Ortschaften mit Feldmarken von mehreren Quadratmeilen weit verstreut, dazu Reichthum an Pflanzen und Melonen. Mir schwebte als warnendes Beispiel unser Feldzug von 1792 in der Champagne vor, wo wir nicht durch die Franzosen, sondern durch die Ruhr zum Rückzug gezwungen wurden."

Das, und nicht etwa "das Gefühl der Rücksicht gegenüber dem österreichischen Brudervolk", war einer der Hauptgründe, weshalb Bismarck nach der Schlacht von Königgrätz der Fortsetzung des Krieges entgegentrat und zum beschleunigten Friedensschluß drängte. In dem kurzen Feldzug 1866 verlor das preußische Heer 4450 Soldaten durch Verwundungen und 6427 durch die Cholera. Die Zivilbevölkerung Preußens (ohne Ostpreußen) hatte im selben Jahr 120 000 Choleraopfer zu beklagen.

Daß sich die Preußen als Sieger gar nicht so großmütig benahmen, wie es die Legendenbildung um Bismarck glauben zu machen versuchte, offenbart sich am deutlichsten aus dem Brief eines völlig unpolitischen, weltfremden Gelehrten, des Augustinerpaters Gregor Mendel. Als Mitglied des Altbrünner Stiftes (das gewöhnlich "Königskloster" genannt wurde), erlebte er die Auswirkungen der österreichischen Niederlage und berichtet darüber - etwa acht Wochen nach der Schlacht bei Königgrätz - an seinen Schwager: ". . . Pferde, Kühe, Schafe und Geflügel werden, wo sie zu bekommen sind, in Mengen weggeführt, auch Futter und Getreide werden massenhaft weggenommen. Die Soldaten schlafen in Betten, während sich die Hausfamilie mit dem Boden oder dem Stall behelfen muß. Auch die Cholera haben uns die Preußen mitgebracht, und diese schreckliche Krankheit verbittert uns schon seit vollen sechs Wochen das Leben. Bis jetzt sind von den Einheimischen schon nahezu 1000 Personen daran gestorben, von den Preußen aber in der Stadt allein mehr als 2000. Erkrankungen kommen immer noch häufig vor, besonders wenn sich die Witterung ändert; wir hoffen jedoch, daß mit dem Abzuge der Preußen auch dieser Plagegeist uns verlassen wird..."

Mendels kontagionistischer Stoßseufzer: "Auch die Cholera haben uns die Preußen mitgebracht!" ist auch schon deshalb von Interesse, weil der Augustinerpater ein Bewunderer der antikontagionistischen Boden-Grundwasser-Theorie war und in seiner Freizeit neben Kreuzungsversuchen an Bohnen, Erbsen etc. systematische Messungen des Grundwasserspiegels vorzunehmen pflegte. Nun mußte er einsehen, daß die Cholera keine lokalistische, ortsgebundene Seuche wie die Malaria ist, sondern mit ihrer hohen Kontagiosität eher "einem Steppenbrand gleicht'.

Auf der Cholerakonferenz zu Weimar am 28. August 1867, ein Jahr nach der verheerenden Epidemie im Verlaufe des preußisch-österreichischen Krieges, stand Pettenkofer plötzlich einer breiten Front von Kontagionisten gegenüber. An der Konfe-renz nahmen unter dem Vorsitz von Griesinger (Berlin) 49 Gelehrte aus mehreren Ländern teil, von denen Simon aus London, v. Pohl und Illitsch aus St. Petersburg und Klob aus Wien nicht bereit waren, den "geschlungenen Gedankengängen einer Theorie zu folgen", mit der man im Falle einer Katastrophe, wie im vergangenen Jahr, praktisch kaum etwas anfangen konnte. Man berief sich auf Griesinger (1817-1868), der in seinem "Handbuch der spezifischen Pathologie und Therapie" (1864) zwei Jahre vor der "verheerenden Epidemie" während des preußisch-österreichischen Krieges auf die Bedeutung des Verkehrs, der menschlichen Darmentleerungen und der Verseuchung des Trinkwassers in der Cholera-Epidemiologie hingewiesen hatte.

Die Opponenten erklärten klipp und klar, daß die Zusammenhänge von Grundwasser, Boden und Cholera nicht überall so wie in München zu beobachten waren. Sie machten kein Hehl daraus, daß sie die Darmentleerungen der Kranken für den eigentlichen Träger des Infektionsstoffes hielten und nannten in der Diskussion Pilze und Mikrokokken als Erreger der Cholera. Es ist erstaunlich, daß sich Pettenkofer, der die Lehre vom Contagium vivum meist als "naturphilosophischen Schwulst" abtat, trotz der widersprüchlichen Aussagen seiner Gegner zu einem gefährlichen Kompromiß verleiten ließ, indem er an Stelle des Fermentes nun in seine Theorie Mikroben einbaute.

"Gestatten Sie mir", erklärte er den Konferenzteilnehmern, "daß ich in einer Frage das Wort ergreife, in der ich nicht kompetent bin, nämlich in der Frage der Cholera-Pilze. Ich will nur aussprechen, daß ich von ganzem Herzen wünsche, daß diese Richtung, die jetzt durch Auffindung jener Organismen eingeschlagen wird, von Erfolg gekrönt sein möchte, denn es würde sich eine Tatsache wahrscheinlich sehr einfach erklären, die uns bisher als Rätsel vor Augen steht, nämlich die örtliche und zeitliche Disposition. In dem, was ich hier eben gehört habe, finde ich sehr viele Anhaltspunkte, die mich in meinem Glauben bestärken, daß derartige Organismen dabei jedenfalls eine Rolle spielen. Die Entwicklung ereignet sich also wesentlich in solchen Schichten, wo die Luft und das Wasser stagniert oder sich sehr langsam bewegt. Es gibt zu gewissen Zeiten einen Zustand im Boden, wo etwas wächst, was sonst hier nicht wächst und die Einwirkung des niedergehenden Wassers sich bemerkbar macht."

Durch die Eingliederung des "Erregers" in seine Theorie hoffte Pettenkofer, den "Kontagionisten das Wasser abzugraben". Dieser Schachzug war aber übereilt, zumal man den Erreger noch gar nicht kannte und daher auch nichts über seine biologischen Eigenheiten und schon gar nichts über sein eventuelles Gedeihen bzw. Reifen im Erdboden aussagen konnte.

Da Pettenkofer nach wie vor ein Gegner von Quarantäne und Desinfektionsmaßnah-men war, versuchte er schon bald nach der Weimarer Konferenz mit erstaunlicher Phanta-sie und Überredungskunst die Bedeutung des dort in seine Boden-Grund-wasser-Theorie eingebauten Cholerakontagiums weitgehend einzuschränken.

"Altere und neuere Untersuchungen", erklärte er in einer Vortragsreihe, "haben über die Grenze des Zweifels hinaus festgestellt, daß der Schwerpunkt der Epidemien nicht in der Verbreitung des Cholerakeimes, sondern in der Localität (d. h. im siechenhaft verunreinigten Boden) liege. Entgegen den jetzigen Ansichten kann nicht oft genug wiederholt werden, daß der Verkehr mit Choleraorten höchstens die Gefahr eines Zunders oder einer Lunte in sich trägt, daß aber die Gewalt der Epidemie vom lokal aufgehäuften Brennstoff, sozusagen vom Pulver abhängt, womit die Mine geladen sein muß, wenn ein hineinfallender Funke größere Wirkung üben soll. Daraus geht hervor, daß man klüger thut, diesen Minen nachzuspüren, als all den einzelnen Funken nachzulaufen und sie löschen zu wollen, ehe einer die Mine entzündet und uns sammt unserem Löschapparat in die Luft schleudert. Jedermann aber weiß, daß eine brennende Lunte auf einem Laufe ohne Pulver unschädlich ist. Der Cholerakeim ist glücklicherweise in seiner Wirkung an eine Anzahl örtlicher und zeitlicher Momente gebunden, und wo und wann er diese nicht findet, vermag er trotz vielfacher Einschleppung keinen solchen Schaden anzurichten, daß es der Mühe werth wäre, allgemeine Maßregeln anzuwenden."

Mit anderen Worten: Die Sanierung exponierter Örtlichkeiten (zu denen nicht nur Städte und Dörfer, sondern auch Schiffe gehören) sei wichtiger als nutzlose, den Handel und Verkehr störende Quarantäne-Maßnahmen.

Da Pettenkofer bei seinen örtlichen Besichtigungen immer wieder die Erfahrung machte, daß die soziale Not bei der Ausbreitung von Seuchen eine große Rolle spielt, sagte er einmal: "Zu jeder Epidemie liefert die ärmere Klasse ein großes Kontingent, ja manchmal und an manchen Orten in einem solchen Grad, daß namentlich die Cholera geradezu eine Krankheit des Proletariats genannt wurde."

Er forderte deshalb mit aller Entschiedenheit eine Sanierung der Großstädte, die infolge der fortschreitenden Industrialisierung durch Zusammenballung immer größerer Arbeitermassen in den Elendsvierteln zu Brutstätten der Seuchen wurden. In seinen städtehygienischen Bestrebungen, durch den Bau von Kanälen eine Vermeidung der Umweltverschmutzung und eine Gesundung der Bevölkerung herbeizuführen, wurde Pettenkofer besonders von seinem einstigen Gegner Rudolf Virchow energisch unterstützt.

Man kann sich nur schwer eine Vorstellung von der Größe des durch Krankheit verursachten wirtschaftlichen Verlustes machen. Pettenkofer hat es unternommen, den Gesundheitswert Münchens auszurechnen. Damals hatte München 170.000 Einwoh-ner, und die sehr hohe allgemeine Sterblichkeitsziffer von 33 auf 1000. Mit anderen Worten starben in der Stadt jährlich 5610 Personen. Aufgrund seiner Unterlagen nahm Pettenkofer an, daß die durchschnittliche Zahl der Krankentage jährlich 20 auf den Kopf der Bevölkerung betrage, so daß der Zeitverlust sich auf insgesamt 3 400 000 Arbeitstage belaufe. Wenn man den durchschnittlichen Geldverlust, der durch Lohnausfall und die Kosten für medizinische Fürsorge verursacht wurde, mit einem Gulden pro Tag rechnete - was sehr niedrig veranschlagt war -, konnte man feststellen, daß der Bevölkerung jährlich 3 400 000 Gulden durch Krankheit verloren gingen, eine für jene Tage enorme Summe; die Krankheit forderte also eine 5%ige Abgabe von der Arbeitszeit der Bevölkerung. Pettenkofer rechnete sodann aus, wieviel die Stadt München einsparen würde, wenn es ihr gelänge, ihre Sterblichkeitsziffer von 33 auf 22 herabzudrücken, was der damaligen Sterblichkeitsziffer der Stadt London entsprochen hätte. Er zeigt, daß man jährlich 1870 Menschenleben retten und 64.580 Krankheits-fälle mit 1.271.600 Krankheitstagen einsparen könnte; dies würde für die Bevölkerung eine Ersparnis von 1.271.600 Gulden bedeuten, die, zu 5% verzinst, eine Summe von 1.335.180 Gulden repräsentieren würde. Er folgerte, daß als Ergebnis verbesserter Gesundheits- verhältnisse der Wohlstand Münchens wesentlich steigen würde.

Der Hauptverdienst Pettenkofers auf dem Gebiet der praktischen Hygiene liegt in seinem Werben für die Kanalisation. Durch sie sollte München, in ganz Deutschland und darüber hinaus als Typhusnest bekannt, eine gesunde Stadt und hierin den anderen Städten ein Vorbild werden. Als Pettenkofer 1854 während der großen Industrie-Ausstellung in München mit seinen Cholerastudien begann, waren viele Münchener Hausbesitzer stolz darauf, daß ihre Sicker- bzw. Schwindgruben nur alle 20 Jahre einer Räumung bedurften. Wie sich das Versickern der Exkremente auf das Grundwasser auswirkte, kann man sich vorstellen, wenn man weiß, daß es in München noch 1874 rund 6388 Schwindgruben gab, von denen inzwischen allerdings die Mehrzahl auszementiert war.

Gegen solche Zustände gibt es als Abhilfe nur ein Mittel: die Kanalisation. Seit 1870 trat Pettenkofer immer überzeugter und energischer für das Schwemmsystem ein. Einen nachhaltigen Eindruck von Pettenkofers leidenschaftlichem Engagement bezüglich der Städteassanierung gewinnt man durch die Lektüre seiner 16 "Vorträge über Canalisation und Abfuhr", die er vor Mitgliedern des ärztlichen Vereins im Hörsaal des Physiologischen Institutes zu München vom 22. November 1835 bis zum 31. Januar 1876 gehalten hat, also zu einer Zeit, als München noch unter dem Eindruck der Choleraepidemie von 1872/73 stand. Um eine Vorstellung von Pettenkofers faszinierender Diktion zu gewinnen, hier der Anfang des 10. Vortrags:

"Die Entwässerung des Bodens einer Stadt legt den Gemeinden so bedeutende finanzielle Opfer auf, daß es nothwendig erscheint, allgemein verständliche Gründe für die Nothwendigkeit derselben beizubringen und dem Publikum gewisse Gesichtspunkte zu eröffnen, aus denen es selbst zu dem nämlichen Entschluße gelangt, den wir bereits gefaßt haben. Es handelt sich darum, eine populäre Theorie für diese Dinge zu schaffen. Theorie und Praxis hängen viel inniger zusammen als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. Für diese von mir häufig vertretene Ansicht kann ich eine Autorität anführen, nämlich Goethe, der im siebenten Buch von Wahrheit und Dichtung den Satz ausspricht: ,Theorie und Praxis wirken immer aufeinander. Aus den Handlungen kann man sehen, wie es die Menschen meinen und aus den Meinungen voraussagen, was sie thun werden.‘

Man kann nun, wenn man die Ansicht des großen Publikums für die Canalisierung gewinnen will, verschiedene Motive anführen, so die Bequemlichkeit des Verkehrs auf den Straßen, wenn er nicht durch Gossen und Gräben (Rinnsteine) belästigt wird, die Förderung der Reinlichkeit etc., allein diese Gründe dürften im großen und ganzen nicht so recht verfangen. Um so enorme Ausgaben zu rechtfertigen, müßen gewichtigere Thatsachen aufgeführt werden. Man muß den Leuten zeigen können, daß es sich unter Umständen um ihr Leben handelt und daß sozusagen auf der Verletzung bestimmter Gesetze der Hygiene Todesstrafe steht.

Man hat die Cholera häufig eine große Lehrmeisterin in der Medicin genannt. Dies ist auf keinen Zweig der Medicin so wörtlich anzuwenden als gerade auf die Hygiene. Diese fängt erst seit den Choleraheimsuchungen an, sich in Europa mehr und mehr zu entwickeln. Und gerade in Bezug auf die Entwässerungsverhältnisse hat sie Eines mit wunderbarer Deutlichkeit gelehrt - den schützenden Einfluß guter Entwässerung, Canalisierung."

Alle diese Bemühungen waren eng verknüpft mit Pettenkofers Bestrebungen, der Hygiene Lehr- und Forschungsstätten zu schaffen. Sein erster, beim bayerischen Ministerium 1861 gemachter Vorstoß mit der "Denkschrift für die ungenügenden Zustände der Medizinalpolizei" wanderte zu den Akten. Erst drei Jahre später kam die Angelegenheit durch Ludwig 11. ins Rollen. Anläßlich einer Audienz, zu der Pettenkofer in seiner Eigenschaft als Universitätsrektor erschien, fragte ihn der König in seiner liebenswürdigen Art nach seinen Wünschen. Als Pettenkofer darum bat, die Hygiene als Pflicht- und Examensfach in den Studienplan einzubauen, veranlaßte der König sofort das zuständige Ministerium, die Angelegenheit zu regeln. So wurde die Hygiene 1865 auch an den anderen beiden bayerischen Universitäten als Prüfungsfach in das medizinische Staatsexamen aufgenommen, was in der späteren deutschen ärztlichen Staatsprüfung erst 1883 geschah. Noch 1876 protestierte der Chirurg Billroth dagegen, daß man die Hygiene "nicht nur als Vorlesung ankündigen, sondern die Studenten zwingen wolle, sie zu hören, ja, daß man besondere Professoren mit großem Apparat - Chemischen Instituten, wie Pettenkofer eines in München eingerichtet habe - dafür bilde."

Als 1872 von dem schwer betroffenen Rußland her die Cholera Galizien erreichte, wo es in den ersten sieben Wochen auf etwa 50.000 Erkrankungen 19.000 Sterbefälle gab, entschloß man sich in Österreich, Pettenkofer nach Wien zu berufen, nicht ohne ihm dort ein geräumiges Institut für seine Forschungsarbeiten in Aussicht zu stellen. Selbst Kaiser Franz Joseph war "an dieser Berufung aufs lebhafteste interessiert". Pettenkofer war überrascht, aber nicht abgeneigt, dem ehrenvollen Ruf zu folgen, zumal er sich in München bis dahin "recht kümmerlich" in einigen Räumen des Physiologischen Institutes "quasi als Aftermieter" begnügen mußte.

"Die Astronomen", meinte er, "haben von ihren Regierungen teure Expeditionen verlangt, nur um den Durchgang der Venus vor der Sonne noch genauer zu beobachten - dem bevorstehenden Durchgang der Cholera durch die Länder Europas sehen die Regierungen ohne viel Erregung entgegen. Dafür werden keine Observatorien errichtet."

Um Pettenkofer nicht zu verlieren, entschloß sich erst jetzt das bayerische Ministerium Lutz, ihm seinen Wunsch nach einem eigenen Institut endlich zu bewilligen. So verdankte Pettenkofer indirekt der Cholera sein Institut, das der Münchener Volkswitz bald als "Hypothesenpalast" bezeichnete, was, wie er selbst einmal schmunzelnd bemerkte, "noch immer besser klingt als Hypothekenpalast". Vermutlich spielte er damit auf einen anderen Bau an, der fast zur gleichen Zeit aus Staatsgeldern errichtet wurde und das Volksgemüt zutiefst erregte: das Festspielhaus für Richard Wagner in Bayreuth.

Im Sommer 1873 suchte die Cholera München abermals heim. Als die Epidemie am 15. August mit 35 Erkrankungen und 18 Todesfällen ihren Höhepunkt erreichte, beschloß der Gesundheitsrat auf Empfehlung des Polizeiarztes Dr. Frank, das "Schellen auf den Straßen bei Krankenbesuchen durch Geistliche, größere Versammlungen wie Prozessionen, Jahrmärkte, Tanzmusiken etc. zu verbieten". In der 6. Sitzung des Gesundheitsrates (am 21. August) wurde sogar einstimmig (!) beschlossen, daß "mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Gesundheitsverhältnisse das Oktoberfest nicht abgehalten werden soll". Da die Epidemie trotz Einbruch des Winters nicht erlosch, forderte Frank unter der Bezeichnung "zwangsweise Volksdiät", daß neben dem "Verbot von Tanzmusiken auch die großen Volksfeste", zu denen der Christkindlmarkt, die Dreikönigdulten, die traditionelle Prozession samt dem herkömmlichen Metzgersprung und der Ausschank von Märzenbier während der Fastnachtstage gehörten, zu unterbleiben hätten.

Wegen der Schwemmkanalisation setzte sich Pettenkofer immer energischer für eine wirksame, zentrale Wasserleitung ein, um genügend Wassermengen zum Wegspülen evtl. stagnierender Abfallstoffe im unterirdischen Rohrsystem zu haben. Da sich viele neuentstandene Stadtteile noch mit gegrabenen Brunnen behelfen mußten, wurde zunächst auf seine Anregung das oberhalb von München bei Thalkirchen gefaßte Quellwasser der Stadt zugeleitet. Der Magistrat taufte das fertige Werk "Pettenkofers Brunnhaus". Bald merkte man jedoch, daß das Wasser in verschiedenen Leitungen unter einem viel zu geringen Druck stand, um in alle Stockwerke der Häuser zu gelangen. Daher faßte der Magistrat in den siebziger Jahren den Entschluß, die Wasserversorgung Münchens möglichst einheitlich zu gestalten und ein Röhrennetz anzulegen, in dem das Wasser selbst in den höchstgelegenen Stadtteilen noch unter einem Druck von 4 Atmosphären stehen sollte. Es wurden dazu die Quellen an den Abhängen des Mangfalltales bei Darching gewählt, die in ein Hochreservoir geleitet, von da in eisernen Röhren über eine Strecke von 30 km der Stadt zugeführt wurden. Mit seiner permanenten Ablehnung der Cholera- und Typhus-Genese durch Trinkwasser hatte Pettenkofer allerdings bei seinen Bemühungen um eine zentrale Wasserleitung auf die stärkste Waffe verzichtet, mit deren Hilfe den Hygienikern später die Errichtung von Wasserwerken viel leichter gelang. Mit seinem Argument, das Wasser gehörte zu den allernatürlichsten und unschuldigsten Genußmitteln, hätte er in der Bierstadt München die dafür nötigen Gelder nur schwer erhalten. Gerade an der Isar dürfte das Epitheton "unschuldig" in bezug auf Trinkwasser nicht besonders überzeugend gewirkt haben, zumal es seit jeher bekannt war, daß fast jeder Neuankömmling nach Wassergenuß zunächst heftige Diarrhoen überstehen mußte.

Als 1876 in Berlin das Reichsgesundheitsamt gegründet wurde, bot man Pettenkofer die Stelle des Direktors an. Doch er blieb in München, um den Bau des Hygienischen Institutes und die Assanierung der bayerischen Metropole weiterzuführen.

Durch die Kanalisation wurden der Boden und das Grundwasser rein und München eine gesunde Stadt. Wenn wir auch den Zusammenhang von Boden und Typhus nicht mehr im Pettenkoferschen Sinne sehen, so war doch sein Erfolg den von ihm erdachten und durchgesetzten Maßnahmen zu verdanken. Wir kennen in der Epidemiologie noch mehr solcher Beispiele, daß in Theorie und Praxis falsche Annahmen zu einem richtigen Ergebnis führten. Wenn man z. B. in der Barockzeit aus Angst vor der "Luftverpestung" die Schweinehaltung in den Städten verbot, so half das. Aber nicht, weil die "miasmatischen Ausdünstungen" der Ställe und Dunghaufen die Pest verursachten, sondern weil die Zahl der Ratten, die wir heute als Verbreiter der Pest kennen, dadurch abnahm. So hatte man trotz ätiologisch verkehrter Prämissen einen verblüffenden Erfolg erzielt.

Fast zur gleichen Zeit, als Pettenkofer nach Berlin berufen wurde, beendete der erst 33jährige Bezirksarzt Robert Koch im Mai 1876 in Wollstein seine Arbeit: "Die Ätiologie der Milzbrandkrankheit, begründet auf die Entwicklungsgeschichte des Bacillus anthracis." Gewiß, Milzbrandstäbchen hatten schon 1849 Pollender und 1850 Davaine und Rayer im Blut gesehen, doch mit diesem Befund allein konnte man noch nicht die seit langer Zeit bekannten epidemiologischen Zusammenhänge mit den Bodenverhältnissen enträtseln. Eine lokale Gebundenheit des Milzbrandes mußte jedoch vorhanden sein. "Wie würde sonst zu erklären sein, daß das endemische Vorkommen des Milzbrandes an feuchten Böden, also namentlich an Flußtäler, Sumpfdistrikte, Umgebung von Seen gebunden ist; daß ferner die Zahl der Milzbrandfälle in nassen Jahren bedeutender ist und sich hauptsächlich auf die Monate August und September, in welchen die Kurve der Bodenwärme ihren Gipfelpunkt erreicht, zusammengedrängt, daß in den Milzbranddistrikten, sobald die Herden an bestimmte Weiden und Tränken geführt werden, jedesmal eine größere Anzahl von Erkrankungen unter den Tieren auftritt."

So schildert Robert Koch zu Beginn seiner Erstlingsarbeit die lokalistischen Eigenheiten des Milzbrandes der Tiere noch ganz im Sinne der Pettenkoferschen Boden-Grundwasser-Theorie. Doch mit der Entdeckung der resistenten Milzbrandsporen, die dem Erreger dieser gefürchteten Tierseuche eine jahrelange Überlebensdauer gewährleisten, brachte er Licht in die bisher so rätselhaft ortsgebundenen epidemiologischen Verhältnisse, die man jahrhundertelang mit einem "genius epidemicus loci" zu deuten versuchte: "Wenn sich diese Sporen erst einmal gebildet haben", erklärte Koch, "dann ist hinreichend dafür gesorgt, daß der Milzbrand auf lange Zeit in einer Gegend nicht erlischt."

Mit dieser Erkenntnis war zum ersten Male in der Geschichte der Geo-Epidemiologie der Zusammenhang zwischen Boden und ortsgebundener Endemie einwandfrei erklärt worden. Das Rätsel der "verdammten Weiden", die von Hirten und Bauern ängstlich gemieden wurden, war gelöst. Und Robert Koch konnte stolz weiterschreiben: "Damit, daß der Milzbrand auf seine eigentliche Ursache zurückgeführt wurde, ist es gleichzeitig zum ersten Male gelungen, Licht über die Ätiologie einer jener merkwürdigen Krankheiten zu verbreiten, deren Abhängigkeit von den Bodenverhältnissen genügend aufzuklären weder den Anstrengungen der Forschung, noch den kühnsten und verwickeltsten Hypothesenbildungen möglich gewesen ist."

In der Euphorie der Entdeckerfreude, aber noch ganz im Banne der Pettenkoferschen Theorie, glaubte Koch mit Hilfe der Sporenbildung auch die Epidemiologie weiterer Seuchen klären zu können: "Es liegt sehr nahe", führte er weiter aus, "einen Vergleich zwischen Milzbrand und den durch ihre Verbreitungsweise ihm nahestehenden Krankheiten, vor allem mit Typhus und Cholera anzustellen." . . . "Mit Typhus hat der Milzbrand Ähnlichkeit durch die Abhängigkeit vom Grundwasser, durch die Vorliebe für Niederungen, durch das über das ganze Jahr verteilte sporadische Auftreten und das daneben einstehende Anschwellen der Erkrankungsfälle zur Epidemie im Spätsommer. Die oben genannten Punkte treffen auch für die Cholera zu; in dieser Hinsicht stimmt das Kontagium der Cholera mit dem des Milzbrandes in so eigentümlicher Weise zusammen, daß wohl die Annahme eines reinen Zufalles ausgeschlossen werden muß."

Mit Hilfe der Sporenbildung hoffte Koch sogar, einen der gefährlichsten Einwände gegen die Boden-Grundwasser-Theorie zu entkräften: "v. Pettenkofer hat darauf hingewiesen, daß das Cholera-Kontagium auf Schiffen, wenn diese kein Land berühren, meist in 3-4 Wochen abstirbt; nur wenn dasselbe vor dieser Zeit wieder in geeigneten Boden gelangt, vermag sich die Krankheit weiter zu verbreiten. Nehmen wir nun einmal an, daß der Milzbrand eine Krankheit wäre, welche in Indien heimisch ist, und daß von dieser Krankheit befallene Tiere nur nach vier- bis fünfwöchentlicher Seefahrt zu uns gelangen könnten, dann würde geradeso wie bei der Cholera eine Verschleppung auf dem Seewege nicht möglich sein, da sich aus Mangel an feuchtem Boden keine Sporen bilden könnten, und die etwa an Gegenständen eingetrockneten Bazillen schon vor Beendigung der Fahrt abgestorben wären . . . Keine Substanz könnte in der Tat eine größere Ähnlichkeit mit dem Kontagium dieser Krankheit besitzen als ein derartiges Milzbrandkontagium . . ." (Robert Koch, Die Ätiologie der Milzbrandkrankheit.1876 Beitr. z. Biol. d.Pflanzen 2, 277-310)

Mit dieser Vermutung hat Koch nicht recht behalten. Wenige Jahre später stellte er selbst fest, daß der Choleraerreger keine Sporen bildet, und daß daher aus dessen Entwicklungszyklus weder die scheinbare Ortsgebundenheit der Cholera noch ihr Verhalten gegenüber der Schiffahrt zu erklären sei. Der Siegeslauf der Bakteriologie hatte eingesetzt. Schon 1873, drei Jahre vor Kochs klassischer Arbeit "Die Ätiologie der Milzbrandkrankheit", hatte Obermeier eine Spirochäte als Erreger des Rückfallfiebers bekanntgegeben. Obermeier starb im selben Jahr als Opfer der Cholera, so daß er seine Studien an dieser Krankheit nicht weiterführen konnte. Drei Jahre nach Kochs Milzbrandpublikation (1879) entdeckte Neißer die Gonokokken als Erreger der Gonorrhöe, und im Jahr darauf fanden Eberth und Gaffky den Typhusbazillus, fand Hansen den Erreger der Lepra, Laveran den Erreger der Malaria, der kein Spaltpilz, sondern ein tierisches Protozoon ist.

Koch, der 1880 als Regierungsrat in das Kaiserliche Gesundheitsamt berufen wurde, widmete sich dort dem Studium der Tuberkulose. 1882 hatte er den Erreger entdeckt. Damit brauten sich langsam Gewitterwolken über der Boden-Grundwasser-Theorie zusammen.

Im gleichen Jahr (1882) wurde Pettenkofer der damals übliche Adel verliehen. Da erklang wieder einmal der Schreckensruf, die Cholera sei im Anmarsch. Von Indien herkommend, war sie bereits nach Ägypten gedrungen und bedrohte Europa. Daraufhin schickte die Reichsregierung den Mann, dessen bakteriologische Erfolge bei anderen Infektionskrankheiten so außerordentlich gewesen waren, zusammen mit einigen seiner Schüler dorthin. Koch fand einen durch seine Kommaform charakterisierten Keim der sich bei der Züchtung auf festen Nährböden von anderen unterscheiden ließ. Da die Epidemie in Ägypten im Abklingen war, fuhr die Kommission weiter nach Indien und konnte dort ihre Entdeckung restlos bestätigen. Nach seiner Heimkehr berichtete Koch 1884 auf der ersten Cholerakonferenz im Kaiserlichen Gesundheitsamt zu Berlin über die Entdeckung der Choleravibrionen: "Diese Bakterien, die ich wegen ihrer eigentümlichen Form Kommabazillen genannt habe..."

Pettenkofer hatte weniger Interesse für die Gestalt des Bazillus oder sein Wachstum auf den Nährböden als dafür, ob der neue Befund mit seiner Theorie übereinstimmte. Aber diese Frage interessierte Koch erst an zweiter Stelle. Hieraus ergaben sich persönliche Verstimmungen. Laut K. B. Lehmann besuchte Koch im Sommer 1884 Pettenkofer in München. Auf dessen Frage, ob der Cholerakeim mit der Boden-Grund- wasser-Theorie in Einklang zu bringen sei, antwortete Koch, er sei ohne theoretische Vorbehalte an die pathologisch-bakteriologische Erforschung der Krankheit herangegangen und habe die Eigenschaften des Erregers außerhalb des Körpers umfassend studiert. Er hoffe, sich auch bald eingehend mit Pettenkofers Standpunkt zu beschäftigen, wozu er leider bisher noch nicht genügend Zeit gefunden hätte. Pettenkofer war entsetzt, daß man so denken und arbeiten könne. Er hatte zahlreiche ausländische Kollegen bekehrt. Seine umfangreichen, in Buchform veröffentlichten Studien über die Epidemiologie der Cholera in Indien und die Lokalisationslehre waren also völlig unbeachtet geblieben.

Im Mai 1885 trafen sich die namhaftesten deutschen Mediziner im damaligen Kaiserlichen Gesundheitsamt zur zweiten Cholerakonferenz. Mit dieser Konferenz, an der nun auch Pettenkofer teilnahm, wollte man aufgrund der Beobachtungen und Erfahrungen, die Robert Koch in Ägypten und Indien über die epidemiologische Bedeutung des Pilger- und Schiffsverkehrs und der Umweltfaktoren Boden, Luft und Wasser gesammelt hatte, zu praktischen Ergebnissen für die Seuchenbekämpfung kommen. Was hier in Wirklichkeit zur Debatte stand, war Pettenkofers Boden-Grund wasser-Theorie auf der einen und Robert Kochs Erreger-Theorie auf der anderen Seite. Die experimentelle Epidemiologie hatte erstmals im Rahmen der Milzbrand-forschung einen großen Erfolg erzielt. Diesmal galt es jedoch, sich mit einer Theorie auseinanderzusetzen, die von ihrem genialen Schöpfer seit zwei Jahrzehnten temperamentvoll verteidigt wurde, und es hatte nicht den Anschein, als wolle Pettenkofer diesmal seine Ansichten revidieren. In der Diskussion, die sich über fünf Tage erstreckte (vom 4. bis 8. Mai) kam es auch zu der großen Auseinandersetzung. Pettenkofer, der die von Koch gefundenen Kommabazillen als ursächliche Erreger ebenso ablehnte wie eine Resorption der von diesen Keimen gebildeten Giftstoffe aus dem Verdauungstrakt, erklärte rundweg: "Aus diesen Gründen kann ich die Intoxikations- und Infektionstheorie von Koch bis jetzt nur als eine unbewiesene und wenig wahrscheinliche Hypothese betrachten."

Pettenkofers Angriff richtete sich daher zunächst gegen die Kommabazillen. Da sein Assistent Emmerich bei einem Choleraausbruch in Neapel (1882) aus den Organen von neun Choleraleichen Kurzstäbchen züchten konnte und Robert Koch in seinem Bericht aus Ägypten die Kommabazillen angeblich "noch nicht erwähnt" hätte, versuchte Pettenkofer sogar, die Sache so darzustellen, als kämen Kochs Vibrionen neben Emmerichs Befund nur eine sekundäre Bedeutung zu: "Mit großer Wahrscheinlichkeit", so Pettenkofer, "repräsentiert der Emmerichsche Bazillus das Choleraagens, der Kochsche Bazillus ist nur etwas Nebensächliches."

Bei den kurzen Stäbchen, die "Emmerich auf seinem Spaziergang nach Neapel" aus den Organen von neun Choleraleichen isolierte und die er in Reagenzröhrchen an Seidenfäden angetrocknet nach München brachte, handelte es sich höchstwahrscheinlich um Sporenbildner, sog. Kadaver-Bazillen. Man glaubte nun, mit Hilfe eines Keimes, der Dauerformen bildet, bestimmte Eigenarten im Seuchengeschehen der Cholera erklären zu können. Hatte doch selbst Robert Koch, wie bereits angedeutet, in seiner Erstlingsarbeit darauf hingewiesen, daß die Epidemiologie der Cholera mit der des Milzbrandes eine auffallende "Ähnlichkeit durch die Abhängigkeit vom Grundwasser und durch die Vorliebe für Niederungen aufweise" und daraus deduziert, daß sich auch der Choleraerreger durch die Bildung von Dauerformen, d. h. Sporen, auszeichnen könnte. Es wirkt geradezu grotesk, daß Pettenkofer die einstige Hypothese des jungen Koch offenbar mit den von Emmerich isolierten Kurzstäbchen in Verbindung zu bringen suchte, um damit die ätiologische Bedeutung der von Koch entdeckten Kommabazillen zu erschüttern. Nur aus dem verzweifelten Bemühen, zu retten, was zu zu retten ist, erklärt sich die "penetrante Hartnäckigkeit", mit der Pettenkofer "auf einem Komma herumritt" (Gaffky). Kennzeichnend hierfür ist folgender Diskussionsausschnitt:

Pettenkofer:
"Herr Geheimrat Koch hat sich dagegen geäußert, daß ich behauptet habe, ‚er hätte in seinem Bericht aus Ägypten der Kommabazillen noch keine Erwähnung getan'."

Koch:
"Das Präparat, welches ich gestern hier aufgestellt habe, gehört mit zu denen, die wir zuerst in Ägypten gefunden haben."

Pettenkofer:
"Ich sage nur, daß die Kommas noch keine Erwähnung in Ihrem Bericht gefunden haben."

Koch:
"Ich habe die Kommabazillen allerdings erwähnt."

Pettenkofer:
"Ja, aber von Kommas steht in Ihrem Bericht absolut nichts; dieses Wort habe ich nie gelesen."

Koch:
(zum Auditorium): "Nachdem ich Ihnen gestern ein Präparat mit echten Cholerabakterien aus Ägypten demonstriert und daran nachgewiesen habe, daß diese Bakterien in Bezug auf Aussehen und Verhalten zur Darmschleimhaut sich genauso verhalten, wie ich in meinem Berichte angegeben habe, kann doch nicht mehr die Rede davon sein, daß ich die Cholerabakterien in Ägypten nicht gesehen und in meinem Berichte nicht beschrieben hätte. Herr v. Pettenkofer vermißt in meinem Berichte aus Ägypten zwar nur noch die ,Kommas'; warum er sich nun aber gerade an diese Bezeichnung hält und an das Wort ,Komma' anklammert, ist mir nicht recht verständlich. Wissenschaftliche Gründe lassen sich doch gewiß nicht dafür beibringen."

Mit Recht bemerkte Gaffky: "Ein Sporenbildner, der Dank seiner Dauerformen analog den Milzbrandsporen jahrelang im verseuchten Boden weitervegetieren könnte, paßte daher viel besser in seine Theorie als die sporenlosen, leicht absterbenden Vibrionen (,Commabacillen')."

Tatsächlich beharrte Pettenkofer starrsinnig auf der "lokalistisch-miasmatischen Deutung" der Cholera und erklärte wörtlich: "Alle epidemiologischen Tatsachen inner- und außerhalb Indiens drängen immer mehr und mehr dahin, die Cholerainfektion sich wesentlich analog der Malariainfektion zu denken, und nicht, wie die Kontagionistensich vorstellen, analog der Syphilisinfektion, welche allerdings ohne Zwischenglied von Mensch zu Mensch geht. Es wäre auch geradezu wunderbar, wenn das Wechselfieber die einzige Infektionskrankheit wäre, welche vom Boden und atmosphärischen Verhältnissen abhängt . . . Mir ist ja auch der Kommabazillus ganz recht, wenn sein Zusammenhang mit der tatsächlich bestehenden örtlichen und zeitlichen Disposition für Cholera klargelegt wird, aber so wenig die Malariainfektion bakteriologisch gegenwärtig festgestellt ist, so wenig ist es auch die Cholerainfektion für den Menschen, und beides ist erst noch zu suchen."

Doch Koch wußte, daß die Abneigung der maßgebenden Instanzen in Indien gegen jede verkehrsstörende Maßnahme in der vorbakteriologischen Ära, in der man noch nicht die Möglichkeit hatte, epidemiologische Vermutungen durch bakteriologische Untersuchungen nachzuprüfen oder sogar zu untermauern, zweifellos dazu geführt hatte, daß Ärzte, die sich für die bequemeren antikontagionistischen Ansichten entschieden, mit ihren Behörden weniger Ärger hatten und daher auch schneller Karriere machten. Dies traf vor allem für Cuningham, den Leiter des englischen Sanitätswesens in Indien zu, den man einst (1863) als besten Schüler des britischen militärärztlichen Dienstes, nach einem vorherigen Studienaufenthalt in München bei Pettenkofer, zur Erforschung der Cholera in die Kronkolonie geschickt hatte. Da Pettenkofer seine ursprüngliche Ansicht über den Einfluß des Verkehrs auf die Ausbreitung der Cholera aufgrund von Mitteilungen änderte, die er laufend aus dem endemischen Seuchengebiet von Cuningham erhielt, wies Koch, der in Indien Gelegenheit hätte, "hinter die Kulissen des öffentlichen Gesundheitsdienstes zu blicken", in seinen Ausführungen mit erstaunlicher Deutlichkeit darauf hin, wie solche Berichte manipuliert wurden und daß "Cuninghams Angaben nur mit großer Vorsicht aufzunehmen sind".

"Es gab eine Zeit", sagte Koch, "wo auch Cuningham ganz anderer Meinung war. Im Jahre 1867 (kurz nach seiner Ankunft in Indien) fand das große Pilgerfest in Hardwar statt, und die Cholera wurde durch die zurückkehrenden Pilger über das ganze Land in außerordentlichem Maße verbreitet. Damals hat Cuningham die Beziehungen zwischen Pilgerwesen und Cholera gründlich untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß die Cholera in der Tat von Hardwar nach vielen Richtungen hin durch die Pilger verschleppt war. 12 Jahre darauf - inzwischen hatte er Karriere gemacht - versuchte er bei der nächsten großen Pilgerversammlung im Jahre 1879, das Gegenteil zu beweisen."

"In dieser Zeit hatte er seine Meinung vollständig geändert. Als leitender Beamter fing er an, theoretische Betrachtungen über die Cholera anzustellen. Er hatte in seinem Amte keine unmittelbare praktische Fühlung mit den Choleraverhältnissen, und es verwischten sich bei ihm allmählich immer mehr die aus eigener Anschauung gewonnenen Erfahrungen. So kam es, daß er schließlich die Cholera vom Einfluß des Monsuns abhängen ließ und, wo sich nur irgend eine Gelegenheit bot, gegen jede Beziehung zwischen menschlichem Verkehr und Cholera eiferte."

"Man darf durchaus nicht die Choleraverhältnisse in Indien nach den subjektiv gefärbten Generalberichten des Sanitary Commissionar M. D. Cuningham beurteilen, sondern man muß, wenn man eine Vorstellung von der wirklichen Lage der Dinge erhalten will, die Berichte zu Rate ziehen, welche von den Sanitary Commissioners der einzelnen Präsidentschaften geliefert werden, aus denen Cuningham sich einen Bericht erst zurechtschneidet. Wenn man diese Originalberichte ansieht, die nicht vom grünen Tisch herkommen, sondern aus dem praktischen Leben, dann erscheint die Sache in einem ganz anderen Lichte. Man findet nämlich auch nicht einen einzigen unter diesen Berichten, in dem nicht mit voller Entschiedenheit gesagt wird, daß das Pilgerwesen in Indien die Hauptrolle für die Ausbreitung der Cholera spielt und daß das Trinkwasser eine der wichtigsten Ursachen der Infektion ist."

"Es ist auffallend, daß solche mit der Auffassung Cuninghams nicht harmonisierenden Ansichten in den offiziellen Reports begraben bleiben, wo sie kaum jemandem zu Gesicht kommen, und daß die englisch-indischen Ärzte es unterlassen, ihre persönliche wissenschaftliche Überzeugung in der medizinischen Presse oder auf andere geeignete Weise zur Geltung zu bringen. Um dieses Verhalten der betreffenden Ärzte zu erklären, muß ich indessen darauf aufmerksam machen, daß es in Indien fast gar keine unabhängigen Ärzte gibt. Sie befinden sich sämtlich im Staatsdienst, und Cuningham, welcher an der Spitze des indischen Sanitätswesens steht, ist ihr Vorgesetzter, und es sprechen manche Tatsachen dafür, daß er die Disziplin auch auf wissenschaftliches Gebiet ausdehnt."

"Ich lege Ihnen hier eine Schrift vor mit dem Titel: ,On the communicability of cholera by human intercourse.' Ich glaube, den Verfasser zu kennen. Es wird einer der höheren Medizinalbeamten in Indien sein. Derselbe hat aus den Cuninghamschen General-berichten die Stellen gesammelt, welche als Beweise dafür dienen könnten, daß entgegen der allbekannten Cuninghamschen Theorie die Cholera doch durch den Verkehr verbreitet wird. Der Verfasser riskiert es aber nicht, seinen Namen zu nennen, gibt aber seinem Buche das Motto:

Magna est veritas et praevalebit. In einer Anmerkung sagt der Verfasser ganz unum-wunden, daß die Art und Weise, wie Cuningham seinen Einfluß geltend mache, große Erbitterung unter den indischen Ärzten hervorgerufen habe. Es darf auch keiner dieser Ärzte wagen, ohne sich den größten Unannehmlichkeiten auszusetzen, seine abwei-chende Meinung öffentlich kundzugeben. Ein Militärarzt, der sich in einem Fachblatt gegen die Cuninghamschen Theorien geäußert hatte, wurde ohne weiteres gemaß-regelt, indem er nach einer abgelegenen Station versetzt wurde, wo er sich überlegen konnte, ob es angemessen sei, einer anderen wissenschaftlichen Meinung zu sein als der Vorgesetzte. Ich bringe diese Dinge hier absichtlich zur Sprache, weil ich dazu beitragen möchte, daß sie in möglichst weiten Kreisen bekannt werden, und weil ich hoffe, daß der Druck der allgemeinen Meinung dann doch dazu beitragen wird, eine Änderung in diesen Zuständen herbeizuführen."

"Es ist von der größten Wichtigkeit, nicht allein für die medizinische Wissenschaft, sondern vor allem für das Wohl der immer aufs neue durch die Cholera bedrohten Menschheit, daß gerade am Herde der Seuche, in Indien, die sorgfältigsten Untersuchungen über die Cholera ausgeführt werden und daß diese Aufgabe in die Hand von unabhängigen, durch gouvernementale und handelspolitische Rücksichten unbeeinflußten Forschern gelegt wird. Auch ist es sehr wünschenswert, daß alle in Indien gemachten Beobachtungen über Cholera zur allgemeinen Kenntnis gebracht und daß es nicht in das Belieben eines Einzelnen gelegt wird, eine Art Zensur auszuüben und nur das in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, was mit seinen möglicherweise einseitigen oder gar irrtümlichen Anschauungen übereinstimmt."

"Bisher kannten wir die indischen Choleraverhältnisse nur aus den Cuninghamschen Berichten, und ich hatte mir aus diesen sowie aus den Mitteilungen des Herrn v. Pettenkofer, welcher wie mir scheint, sich auch ausschließlich an Cuninghams Berichte gehalten hat, den Eindruck gewonnen, daß in Indien kein Mensch die Cholera für eine übertragbare Krankheit halte, war aber aufs Höchste erstaunt, als ich selbst nach Indien kam und dort das gerade Gegenteil davon fand. Jeder Arzt, mit dem ich in eine Unterhaltung über Cholera kam, versicherte sofort, ohne speziell darüber befragt zu sein, daß das Pilgerwesen die meiste Veranlassung zur Verschleppung der Cholera in Indien gebe, und man hegte auch nicht den mindesten Zweifel darüber, daß die Cholera eine übertragbare Krankheit sei."

Nachdem Koch die epidemiologische Manipulation der Kolonialbehörde entlarvt hatte, ging er auf die Darstellung Pettenkofers ein, der selbst niemals in Indien war und dennoch behauptete, der Pilgerverkehr habe keinen Einfluß auf die Cholera: "Ein sehr lehrreiches Beispiel", so Koch, "für die Abhängigkeit der Cholera vom menschlichen Verkehr in Indien bietet der Pilgerort Puri oder Dschagarnat in der Provinz Orissa. Dieser Ort liegt südwestlich von Kalkutta an der Küste des Bengalischen Meerbusens und ist wohl die am meisten frequentierte Pilgerstätte in Indien. Nach Hardwar strömen die Pilger nur in bestimmten Jahren in solchen Unmassen zusammen, nach Puri gehen aber alljährlich viele Tausende, manchmal auch Hunderttausende von Menschen. Die Pilger, welche nach Puri gehen, kommen hauptsächlich aus Bengalen. Sie müssen also über Midnapur südlich in das Gebiet von Orissa wandern. In Kalkutta erhebt sich die Cholerakurve in den heißen Monaten März und April zu einem steilen Gipfel, der mit dem Beginn der Regenzeit im Mai und Juni ebenso schnell wieder abfällt. Die Cholerakurve von Puri hat aber statt dieses einen Gipfels deren zwei, einen kleineren im März, also etwas früher als in Kalkutta, und einen zweiten mehr als viermal so hohen im Juni und Juli, zu einer Zeit, wo die Cholera in Kalkutta bereits wieder ihren niedrigsten Stand erreicht. Puri hat fast dasselbe Klima wie Kalkutta und steht unter dem Einfluß des Südwest-Monsuns. In Puri werden zwei Hauptfeste gefeiert: Dol Jatra im März und Ruth Jatra im Juni. Letzteres ist das größte Fest, welches überhaupt in Indien alljährlich gefeiert wird. Es ist dadurch bekannt, daß bei demselben der Wagen mit dem Bilde des Jagannath von vielen tausend Pilgern gezogen wird. Zu diesem Fest, welches Pettenkofer irrtümlich in den März verlegt, kommen die meisten Pilger; das Fest im März ist sehr viel weniger besucht. Es stellt sich also heraus, daß die Cholerafrequenz in Puri genau der Pilgerfrequenz entspricht, und daß dem mächtigen Faktor des menschlichen Verkehrs gegenüber selbst die meteorologischen Einflüsse in den Hintergrund treten."

Danach wandte sich Koch dem Schiffsverkehr zu, der laut Pettenkofer ebenfalls keine Rolle bei der Choleraverschleppung spielen sollte: "Eine zuverlässige Auskunft in dieser Beziehung", erklärte er, "kann nur der Verkehr eines dauernd infizierten Hafens geben. Nehmen wir beispielsweise den Hafen von Kalkutta und fragen nach der Häufigkeit des Ausbruchs von Cholera auf Schiffen, welche eine größere Anzahl von Menschen transportieren, dann erfahren wir, daß auf den Schiffen, welche die indischen Arbeiter, die sogenannten Kulis, nach anderen englischen Kolonien bringen, gar nicht so selten Choleraepidemien vorkommen. Welchen Umfang der Kulitransport hat, mögen Sie daraus ersehen: Im Jahre 1881 sind 21 solcher Kulischiffe von Kalkutta abgegangen, auf denen ungefähr 10 000 Kulis transportiert wurden. Jedes Schiff führte demnach etwa 500 Kulis, und es gehen durchschnittlich im Jahre 20-24 Kulischiffe. Nun ist aber im Jahre 1872 auf 8 Kulischiffen die Cholera epidemisch vorgekommen, im Jahre 1873 wieder auf 8, im Jahre 1874 auf 7. Also ungefähr ein Drittel der Schiffe hatte Cholera. Ich möchte annehmen, daß das denn doch nicht eine so sehr geringe Zahl ist. Auf jeden Fall muß man diese Tatsache im Auge behalten."

"Sehr bemerkenswert ist nun, daß seit 1874 die Cholera auf diesen Kulischiffen infolge von sanitären Verbesserungen ganz außerordentlich abgenommen hat. Diese Verbesserungen bestehen, wie mir versichert wurde, hauptsächlich darin, daß die Schiffe jetzt mit einem guten Trinkwasser versorgt werden. Früher hatten sie das unfiltrierte und stark verunreinigte Hughliwasser genommen, während später angeordnet wurde, daß sie das städtische Leitungswasser nehmen müßten. Seitdem haben die Choleraepidemien auf den Kulischiffen außerordentlich abgenommen.

Schließlich verwies Koch auf den zweifelhaften Wert der Kontrollen in der berühmten Qurantänestation El Tor am SuezKanal: "Kurz nach meinem Eintreffen in El Tor im November 1883 kamen zwei Schiffe von Djeddah an, von denen jedes gegen 500 in die Heimat zurückkehrende Mekkapilger an Bord hatte. Auch hier erklärten die Schiffsärzte beider Schiffe, daß der Gesundheitszustand ein ganz vorzüglicher sei und daß sie keine Cholera an Bord hätten, unterwegs seien nur einige Pilger an Altersschwäche gestorben. Bei der am nächsten Tag stattfindenden Ausschiffung des ersten Pilgerschiffes war ich selbst zugegen und konnte mich davon überzeugen, daß eine Anzahl von Pilgern auffallend schwach und krank war. Kaum ans Land gekommen, suchten viele die Latrinen auf, und ein Blick auf die Exkremente lehrte bald, daß die betreffenden Pilger an Dysenterie litten. Außerdem fielen aber sofort noch mehrere Pilger auf, die sich vor Schwäche kaum auf den Beinen halten konnten. Einer davon erregte durch sein jämmerliches Aussehen noch besonders meine Aufmerksamkeit. Als er mit Hilfe eines Dolmetschers über seinen Zustand examiniert wurde, berichtete er, daß er seit etwa zwei Tagen an Erbrechen und Durchfall leide. Dieser Kranke wurde ins Lazarett geschafft, Erbrechen und Durchfall nahmen zu, es ließen sich alle übrigen Symptome der Cholera an ihm konstatieren, und am nächsten Tag starb er. Es blieb auch nicht bei diesem einen Fall von Cholera, sondern unter den Pilgern beider Schiffe ereignete sich noch eine Anzahl von Cholerafällen während ihres Aufenthaltes im Quarantänelager zu Tor."

"Ein ferneres Beispiel lieferte das englische Handelsschiff Accomac. Das Schiff ging am 28. Februar 1884 von Bassein in See und kam am 24. März in Suez an, wo die übliche Visitation durch den Quarantänearzt stattfand. Ich lege Ihnen hier eine genaue Kopie des darüber aufgenommenen Interrogatoire vor. Der Kapitän sagte aus, daß er mit 28 Mann von Bassein abgefahren, und daß unterwegs keine Krankheit unter seiner Mannschaft vorgekommen sei. Es wurde ihm infolgedessen freie Passage durch den Suez-Kanal gewährt, und das Schiff fuhr dann nach seinem Bestimmungsort Genua. Hier stellte sich indessen heraus, daß der Kapitän in Suez die Unwahrheit gesagt hatte. Denn es waren wenige Tage nach der Abfahrt von Bassein 4 Cholerafälle auf dem Schiff vorgekommen, von denen zwei tödlich verlaufen waren. Nur ist mir allerdings nicht recht klar, wie der Kapitän in Suez in Übereinstimmung mit seinen Schiffspapieren die Stärke der Mannschaft auf 28 Köpfe angeben konnte, ohne daß das Fehlen von zwei Leuten bemerkt wurde..." (Die gesamten Diskussionsausschnitte stammen aus "Gesammelte Werke von Robert Koch". Hg. von J. Schwalbe unter Mitwirkung von Gaffky u. Pfuhl. Leipzig 1912, 2/1, S. 69-166)

Koch unterließ es auch nicht, darauf hinzuweisen, daß die in Kalkutta acht Jahre lang durchgeführten sorgfältigen Untersuchungen über die Wechselbeziehung zwischen Cholerafrequenz und Stand des Grundwasserspiegels die Pettenkofersche Theorie ebensowenig bestätigten wie die Untersuchungsergebnisse der Münchener Choleraepidemie von 1873/74. Nur scheinbar traf einige Male ein Tiefstand des Grundwassers mit einem Gipfel der Cholerakurve zusammen. "So kann man leicht in die groteske Situation einer stillstehenden Uhr geraten, die zweimal täglich die Zeit richtig anzeigt und somit im Laufe der Jahre auf eine beachtliche Anzahl von richtigen Aussagen zurückblicken kann".

Sogar Virchow, der noch am 24. März 1882 Robert Kochs Mitteilung in der Berliner Physiologischen Gesellschaft, er habe den Erreger der Tuberkulose gefunden, mit skeptischer Distanz zur Kenntnis nahm, war nun von der Richtigkeit der Kochschen Forschungsergebnisse überzeugt und bekannte sich eindeutig zu dessen kontagionistischen Ansichten.

Nach der Cholerakonferenz gab sich Pettenkofer jedoch nicht zufrieden. "Viele denken", schrieb er verbittert, "die Cholerafrage sei jetzt gelöst, und alles, was früher in epidemiologischer Richtung gearbeitet worden ist, sei nutzlos und könne in den Papierkorb geworfen werden. Der Reisebericht der Deutschen Cholera-Commission ist jetzt nicht nur in bakteriologischer, sondern auch in epidemiologischer Beziehung der allein gültige Koran, und die Berichte der einstigen Choleracommission für das deutsche Reich können mit demselben Rechte verbrannt werden wie Anno 641 die ganze Alexandriner Bibliothek, bei welcher Gelegenheit der Kalif Omar gesagt haben soll, man könne sie ruhig brennen lassen, denn was wahr und nothwendig ist, steht im Koran, alles andere sei überflüssig, falsch und schädlich."

"Ich für meine Person bin allerdings immer noch der ketzerischen Ansicht, daß die Entdeckung des Cholerabazillus für die Verhinderung der Choleraepidemien praktisch vorerst nicht mehr zu bedeuten habe als die Entdeckung des Tuberkelbazillus für die herrschende Schwindsucht, welche seitdem auch noch nicht im geringsten abgenommen hat. Ich weiß auch, daß in dem Augenblick, als ich dies ausspreche, mein Bild von allen Korangläubigen tiefer gehängt werden wird . . . aber ich sterbe unbußfertig" (Max v. Pettenkofer, Der epidemiologische Theil . . . München u. Leipzig 1888).

Doch selbst Pettenkofers Schüler begannen an seiner Lehre zu zweifeln. Da brach plötzlich 1892 in Hamburg eine schwere Choleraepidemie aus. Innerhalb weniger Wochen erkrankten 17 000 Menschen, von denen etwa 8000 starben. Koch, der nach Hamburg geschickt wurde, konnte die in Ägypten und Indien gewonnenen Erfahrungen unter Beweis stellen. Das Trinkwasser, das unfiltriert der Elbe entnommen wurde, war verseucht.

Aber nicht einmal das Riesenexperiment von Hamburg vermochte Pettenkofer von der Unrichtigkeit seiner Auffassung zu überzeugen. Noch war die Epidemie nicht erloschen, da wiederholte er erneut seine alte These:

"Schon vor vielen Jahren sagte ich, daß mir die Ätiologie der Cholera wie eine Gleichung mit drei unbekannten Größen, X, Y und Z erscheint. X ist der Erreger, Y die zeitlich-örtliche Disposition und Z die individuelle Disposition. Die Contagionisten sind der Ansicht, daß das ganze X durch Koch's Entdeckung des Kommabacillus in den Ausleerungen der Cholerakranken gefunden sei, und sie brauchen für das zeit- und ortsweise Auftreten von Choleraepidemien zu ihrem Y nur mehr das Z, die individuelle Disposition, ansteckungsfähige, nicht immune Menschen. Wo Menschen mit ungewaschenen Händen Kommabacillen an die Lippen oder mit Wasser und anderen Nahrungsmitteln in den Magen bringen, muß Cholera ausbrechen, wenn Z gegeben ist."

Dieses wurde von Pettenkofer nach wie vor angezweifelt. Die Tatsache, daß München im "Jahre des Heils" 1892 trotz vieler Zuzüge von Personen aus Hamburg und trotz Abhaltung seines Oktoberfestes von Cholera frei blieb, regte seinen Bajuwarentrotz zu einem tollkühnen Experiment an, mit dem er beweisen wollte, daß durch das Fehlen des seuchenbedingenden örtlich-zeitlichen Faktors (Y) die Entstehung einer Choleraepidemie in München verhindert worden sei. Er ließ sich aus Hamburg von Gaffky frisch isolierte Cholerakulturen schicken und in seinem Institut eine Bouillonkultur davon anlegen. Um Koch zu widerlegen, hatte er sich zum Selbstversuch entschlossen.

Am 7. Oktober, nachdem er 21/4 Stunden zuvor sein übliches Frühstück (eine Tasse Schokolade mit zwei weichen Eiern) zu sich genommen hatte, führte er um 9 Uhr 15 im engsten Kreise seiner Mitarbeiter "mit der Zuversicht eines Unschuldigen beim Gottesgericht" (Gruber) den Selbstversuch durch. Um die Magensäure zu neutralisie-ren und den Cholerakeimen günstige Bedingungen zu schaffen, löste er 1g doppelkohlen sauren Natrons in 100 ccm Münchener Leitungswasser auf, goß 1 ccm der kräftigen, frischen Bouillonkultur in das Glas, trank das Ganze in einem Zuge aus und spülte das Glas mit 50 ccm Wasser nach, um ja möglichst alle Vibrionen in den

Magen zu bekommen.

Das Protokoll, in dem er täglich über eingenommene Mahlzeiten und sein Befinden (Temperatur, Puls, Verdauung) berichtete, und das er in der Münchener Medizinischen Wochenschrift am 15. November 1892 veröffentlichte, ist von der gleichen Genauigkeit wie das einst von ihm angelegte "Cholera-Grundbuch". Es ist mit seinem an Kant mahnenden uhrwerkartig geregelten Tagesablauf und seinem gesegneten Appetit auch vom kulturhistorischen Standpunkt aus interessant, da es bis zu einem gewissen Grade für die besinnlich-genüßliche Lebensweise des saturierten Bürgertums um die Jahrhundertwende repräsentativ sein dürfte. Hier auszugsweise das Protokoll von einigen Tagen:

"7. Oktober. Zur Zeit der Infektion (9 Uhr 15 Minuten) war meine Körpertemperatur unter der Achsel gemessen 36,7" C. - Pulsfrequenz war 86. - Um 1 Uhr nahm ich als Mittagessen schwarze Brodsuppe mit Ei, Rindfleisch mit Wirsing, aufgeschnittene Monatrettige in Essig und Öl, Reisauflauf, 6 nicht desinficierte Zwetschgen, Kaffee mit Milch und trank Wasser. Nachmittags 4 Uhr Temperatur 36,8° C, Puls 82. Abends 7 Uhr aß ich Lungenragout mit Kartoffeln in der Schale mit Butter, 1 Salzstängelchen, etwas Käse und trank 1 Liter Bier und 1/2 Liter kohlensaures Wasser. - Um 91/2 Uhr ging ich zu Bett und schlief ruhig.

8. Oktober. Stand morgens 6 Uhr auf, frühstückte um 63/4 Uhr wie täglich Chokolade und 2 weiche Eier. - Um 71/2 Uhr Stuhlgang, normal in Consistenz und Farbe. - Dann ging ich meinen Geschäften nach, aß mittags um 1 Uhr Sagosuppe, Rindfleisch mit Kohlraben und Gurkensalat, Apfelkuchen, 7 Zwetschgen, 1 Bergamotbirne, Kaffee und Milch. - 4 Uhr nachmittags Stuhlgang, breiig von normaler Farbe. - Abends 7 Uhr aß ich gedünstetes Kalbsherz mit gerösteten Kartoffeln, Käse, trank 1 Liter Bier und 1/2 Liter kohlensaures Wasser. Um 10 Uhr ging ich zu Bette und schlief gut.

9. Oktober. Stand morgens 6 Uhr auf, frühstückte um 7 Uhr wie täglich. Um 7.1/2 hatte ich Stuhlgang, weichbreiig, von brauner Farbe. - Um 91/2 Uhr hatte ich starkes Gurren in den Gedärmen. - Um 10 Uhr aß ich eine gekochte Wurst mit einem Salzstängelchen (Salzbrod). - Um 11 Uhr wieder Stuhlgang, Consistenz und Farbe wie um 7.1/2 Uhr. Das Gurren dauerte an. Um 1 Uhr aß ich außerhalb meiner Wohnung bei Verwandten Grünkernsuppe, Hühnerragout mit Pastetchen, Salzburger Nockerln, Rindsfiletbraten mit Kartoffeln und Selleriesalat, Maccaroni, 1 Salzstängelchen, Trauben, Mokkakaffee und trank 2 Glas Rüdesheimer Weißwein und 4 Glas Champagner. - Um 2.1/2 nachmittags nach Hause gegangen, fühlte mich ganz wohl, nur Gurren im Unterleibe.. . Um 4.3/4 Stuhlgang, dünner als der um 11 Uhr vormittags war. - Um 7 Uhr abends aß ich kalten Kalbsbraten mit grünem Salat und trank 1/2 Liter Villanier Rothwein. - Um 9.1/2 wieder eine dünne Ausleerung. - Um 10 Uhr ging ich zu Bett und schlief trotz anhaltenden Gurrens in den Gedärmen ein.

10. Oktober. Früh um 1 Uhr erwacht, hatte sehr dünne Ausleerung, welche fast farblos war, nur vom rothen Wein etwas gefärbt erschien. - Um 1 Uhr 35 wieder eine wässerige ergiebige schmerzlose Ausleerung. - Um 4 Uhr morgens wieder, aber quantitativ weniger. - Um 6.1/2 Uhr stand ich auf, frühstückte um 7 Uhr wie täglich. - Um 8 Uhr Stuhlgang, wenig, aber sehr flüssig. Den ganzen Tag starkes Gurren im Darm, aber sonst Wohlbefinden, so daß ich wie gewöhnlich meinen Geschäften nachging. - Um 1 Uhr aß ich zu Mittag Schleimsuppe, Rindfleisch mit Kartoffelgemüse, Citronenauflauf mit bestem Appetit und trank 1/2 Liter Villanier Rothwein. Den Nachmittag über spürte ich sehr starkes Kollern, hatte aber keinen Stuhlgang. Um 7 Uhr abends aß ich Schinken warm mit Eiern und trank Bordeaux mit Wasser. Um 9 Uhr abends einen flüssigen, sehr hellen, mißfarbigen Stuhlgang. Um 10 Uhr ging ich zu Bette."

Erst als sich ein profuser Durchfall einstellte, nahm er mit der Schleimsuppe eine gewisse Änderung in den Speisegängen vor. Sonst unterscheiden sich die Eintragungen für die nächsten Tage nur in der kaleidoskopartig wechselnden Mannigfaltigkeit gastronomischer Köstlichkeiten.

Pettenkofer war eben der festen Überzeugung, daß in Abwesenheit des Seuchen-faktors Y in München die Choleravibrionen nichts ausrichten könnten.

Er schloß daraus: "In Hamburg wäre mein Experiment vielleicht tödlich ausgegangen, weil dort am 7. Oktober 1892 neben dem asiatischen X (Cholerabazillus) auch noch genügend von dem Hamburger Y (örtlich-zeitlicher Faktor) vorhanden und in mir gewesen sein könnte, um einen schweren Brechdurchfall entstehen zu lassen."

Während Pettenkofer, der bereits 1854 eine Cholera durchgemacht hatte, nur eine leichte cholerineartige Diarrhöe bekam, erkrankte sein Mitarbeiter Emmerich, der zehn Tage später (am 17. Oktober) den Selbstversuch an sich wiederholte, schon in der ersten Nacht an einem schweren Choleraanfall (mit Brechdurchfällen, reiswasserähnlichen Stühlen, Schwächegefühl, Vox cholerica und Anurie) und entging nur mit knapper Not dem Tode.

Bei der Lektüre der Pettenkoferschen Protokolle überläuft es einen eiskalt, wenn man erfährt, mit welcher Sorglosigkeit er sogar nach dem Zeitpunkt, da ihm der positive Vibrionenbefund aus seinen Ausscheidungen bekannt war, auch weiterhin ohne jegliche Vorsichtsmaßnahme sein Institut aufsuchte und an Einladungen sowie Kommissionssitzungen teilnahm. Es stimmt nicht, daß Pettenkofer, wie so oft behauptet wird, sein "Cholerafrühstück" coram publico inmitten seines Auditoriums eingenommen hätte. Außer seinen engsten Mitarbeitern hatte er nur noch zwei Kliniker (Prof. Bauer und Geheimrat v. Ziemssen) ins Vertrauen gezogen. Das Für und Wider eines solchen Verhaltens interpretiert er mit makabrem Sarkasmus:

"Weiter durfte ich selbstverständlich von diesen Cholerainfectionsversuchen an Menschen nichts verlauten lassen, denn nachdem in meinem Stuhle Kommabacillen nachgewiesen waren, wäre ich ohne Barmherzigkeit in eine der auch bereits in München bestehenden prophylaktischen Cholerabaracken gesperrt, und ich und meine Wohnung der Desinfection reichsmäßig unterworfen worden. Eigentlich ist es schade, daß das nicht geschehen ist, denn wenn es geschehen wäre, hätten die Contagionisten stolz ausrufen können, daß sie allein ganz München vor der Cholera gerettet haben, während ich und Emmerich mit unseren Stühlen, die wir tatsächlich undesinfiziert in Abtrittgruben und in Wasserclosetts entleerten, die Stadt sicher angesteckt hätten."

In Pettenkofers Seuchenformel spielte eben das X, der Erreger, nur eine geringe Rolle. Die Hauptbedeutung maß er dem lokalistischen Moment Y, den Bodenverhältnissen, zu. Sonst könnte man sein Verhalten nicht verstehen.

Pettenkofers Selbstversuch wurde von seinen Anhängern nicht immer ganz wahrheits-getreu geschildert. Oft wurde behauptet, er sei überhaupt nicht erkrankt. Daß sein Schüler Emmerich nach dem Selbstversuch schwer erkrankte, wurde meist verschwiegen. Auch die immer wieder vorkommenden Laborinfektionen mit Choleravibrionen an verschiedenen Orten, die keinen Reifungsprozeß im Boden durchgemacht hatten, sprachen gegen Pettenkofers Überzeugung.

Nachdem seine Theorie immer häufiger als bloße Hypothese abgetan wurde, gewann die Bezeichnung seines Institutes als "Hypothesenpalast", die er früher von seinen Münchnern schmunzelnd hingenommen hatte, im Vokabular seiner Gegner einen anderen, einen verletzenden Klang. Immer mehr Schüler und Jünger wurden fahnenflüchtig. So bekam er Montaignes bittere Erfahrung zu spüren, wonach "die Erkenntnisse von heute oft die Irrtümer von morgen sind". Besonders empfindlich muß es ihn getroffen haben, als er erfuhr, daß einer seiner abtrünnigen Schüler im Hinblick auf seine Haltung Lichtenberg zitierte: "Die meisten Glaubenslehrer verteidigen ihre Sätze, nicht weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie die Wahrheit derselben einmal behauptet haben."

Allmählich merkte Pettenkofer, daß es mit seinem Charisma vorbei war. Seine Frau und seine Söhne waren gestorben. Als 83jähriger entschloß sich der völlig Vereinsamte in vollem Bewußtsein dessen, was er plante, aus dem Leben zu scheiden. Am 10. Februar 1901 löschte eine Pistolenkugel sein Leben aus.

Es wäre verfehlt, Pettenkofer, der aus einem Irrtum heraus Robert Koch bekämpfte, zu verurteilen und seine großen Verdienste bei der Sanierung unserer Städte durch Anlage von Kanalisationen und Wasserleitungen nicht genügend zu würdigen. Heute gilt es nicht mehr wie einst, für oder gegen Pettenkofer oder Robert Koch Stellung zu nehmen. Heute freuen wir uns - um ein Goethewort zu gebrauchen - "daß wir zwei solche Kerle gehabt haben", die durch ihre Behandlung der Frage von zwei ganz verschiedenen Aspekten her die Seuchenbekämpfung vertieft und bereichert haben.


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Hamburger Ärzteblatt" (39) Hefte 9-11 1985
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