S. WINKLE
Die "Gartenstadt der Renaissance"
aus der "Utopie" des Thomas Morus

"Die Schafe, einst so sanft und genügsam, sind mild und raubgierig geworden, daß sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und entvölkern. Denn überall, wo feinste Wolle erzeugt wird, sind Edelleute und Abte nicht mehr mit den jährlichen Einkünften und Erträgnissen zufrieden, die ihren Vorgängern aus den Landgütern erwuchsen. Die Wolle bringt ihnen viel höheren Gewinn als das Korn. So verwandeln sie das Ackerkind in Viehweiden, die sie einhegen. Häuser und Dörfer reißen sie nieder his auf die Kirche, die sie als Schafstell benutzen. Ein einziger gieriger Vielfraß kann als wahre Landplage Tausende voll Äckcrn Landes zusammenwuchern indem er die kleinen Besitzer auskauft oder mit Unrecht, Gewalt und Betrug so lange verfolgt, his sie freiwillig abziehen. Dann müssen sie, Männer und Weiber, Witwen und Waisen, arm und elend in die weite Welt hinauswandern. Uni ihren und der ihrigen Hunger zu stilIcn, bleibt ihnen nichts mehr als Bctteln oder Stehlen, so daß sie entweder dem Gefängnis oder dem Galgen verfallen. Denn Arbeit können sie ja nicht finden, weil ein einziger Hirte oder Schäfer genügt, wo früher viele fleißige Bauernhände vonnöten waren."
Thomas Morus, Utopia (1. Buch. 5. Kapitel)

Thomas Morus (1478-1535), der englische Rechtsanwalt und Diplomat, schrieb diese Sätze, als man in seiner Heimat, wo die Wollweberei zum wichtigsten Gewerbe geworden war, die verarmten und verschuldeten Bauern von ihrer Scholle zu verjagen begann, um sich durch Umwandlung der Äcker in Schafweidem an der neuentstandenen Wollmanufaktur bereichern zu können. Das Riesenheer der entwurzelten, arbeitslosen Bauern. das sich auf den Landstraßen umhertrieb und in die Städte strömte, erwies sich als ein wichtiger, profitsteigernder Produktions-faktor, denn auf diese Weise gewann man billige Arbeitskräfte für die manufaktur-mäßig organisierte Wollweberei (1). Zugleich "quollen die übervölkerten Elendsquartiere wie madiger Käse über" und verwandelten sich im gefürchtete Seuchenherde.

Vor diesem historischen Hintergrund konzipierte Thomas Morus seinen gesellschaftskritischen Staatsroman: "Utopia"(2). Er läßt darin einen weltreisenden Portugiesen. Raphael Hythlodäus, der Amerigo Vespucci hei seinen Entdeckungszügen nach Amerika begleitet hatte und später auf die bisher unbekannte Insel Utopia verschlagen wurde, von dieseln Inselstaat berichten. Es ist der Bericht von einem Staatswesen mit sechsstündigem Arbeitstag, mit vollendeter Gerechtigkeit, ohne Krieg, ohne Müßiggang, ohne Kastenwesen, ohne Armut und Reichtum, ohne Religionszänkerei, mit staatlicher Aufsicht der Produktion und dem Verbot alberner Luxuswaren, mit der Zulassung jedes begabten Kindes zur Gelehrtenklasse, mit dem Gebrauch der Volkssprache in dem Wissenschaften - kurz ein Wolkenkuckucksheim, aber eines, das lauter menschliche Möglichkeiten enthalt.

In diesem Buch schildert Thomas Morus übet sein Sprachrohr Raphael Hythlodäus die Städte der Utopier und entwirft dabei einige Jahrzehnte nach Leonardos Città ideale den Plan einer Gartenstadt, die ebenfalls aus seuchenprophylaktischen Erwägungen eine Auflockerung der dicht besiedelten Städte zum Ziel hatte. Die Kühnheit dieses Planes kamen man erst dann begreifen und richtig würdigen, wenn man sich die damalige wirtschaftliche Situation Englands und die sich daraus ergebenden Wohnverhältnisse vergegenwärtigt (3).

Zu einer Zeit, als die feuerbedrohten Häuser der englischen Städte fast ausschließlich aus Fachwerk bestanden, mit Stroh oder Schindel bedeckt waren und keine Glasfenster besaßen, schildert Morus die dreistöckigen Häuser von Utopia so: "Ihre äußeren Mauern bestehen aus Stein oder Ziegel, die inneren aus Gips. Die flachen Dächer sind mit zerstoßenem, unverbrennbarem Material bedeckt. das billig und vor Wetter schützend ist. Glasfenster schützen vor Wind. Seitwärts und rückwärts der Häuser liegen Gärten mit Früchten, Wein und Blumen. Die Stadtteile wetteifern miteinander um die schönsten Gärten. Die Straßen sind 20 Fuß (ca. 6 Meter) breit und sauber."

Was hier geschildert wird, dünkt wie eine moderne Gartenstadt mit Häusern im Stil der neuen Sachlichkeit. Zwar ist die Stadt von hohen, breiten Mauern umgehen, aber die Gräben sind trocken zu halten. Die Wasserversorgung erfolgt (nebst dem Gebrauch von Zisternen und Flußwasser) durch eine Hochdruckleitung, indem eine auf einer Anhöhe entspringende Quelle mittels Ziegelsteinröhren in alle Stadtteile geleitet wird.

Auf dem Lande gibt es dörfliche Gütergemeinschaften, die an die heutigen Siedlungskollektive in Israel, an die Kibbuzim, erinnern und jeweils etwa - 40 Mitglieder - Männer und Frauen - zählen.

"Aus jeder Gemeinschaft kehren jährlich 20 Personen in die Stadt zurück, nachdem sie zwei Jahre auf dem Lande zugebracht haben. An ihre Stelle treten ebenso viele Neue aus der Stadt., Sie werden von denen, die bereits ein Jahr dort gewesen sind, eingewiesen, um im folgenden Jahr wieder andere zu unterweisen, damit nicht alle zugleich dort Neulinge sind und von der Landwirtschaft nichts wissen. Der Brauch, die Bauern ständig zu wechseln, ist zwar festgelegt, damit keiner gegen seinen Willen gezwungen sei, das harte Leben länger fortzusetzen, dennoch aber erwirken sich viele, die vom Natur aus Freude am der Landwirtschaft haben, die Erlaubnis, mehrere Jahre zu bleiben." (2. Buch, 2. Kap. ) (4).

Interessant sind dabei auch die Lebensmittelhygienischen Aspekte der utopischem Stadt: "Im Mittelpunkt eines jeden Bezirkes liegt der Markt für Waren und Gebrauchsgegenstände aller Art ..." In unmitteilbarer Nähe, aber dennoch abgetrennt, befindet sich der "Lebensmittelmarkt, auf dem nicht nur Gemüse, Früchte und Brot. sondern auch Fische und Fleisch zu kaufen sind." Auch die Schlachthäuser, die im Mittelalter meist mit den Fleischbänken verbunden waren und stets innerhalb der Stallt lagen, so daß das Blut über die Straße floß, wurden von Morus außerhalb der Stadtmaueren verlegt, "wo man das geschlachtete und ausgenommene Vieh in fließendem Wasser von Blut und Schmutz reinigen kann."(5) Diese Maßnahme erfüllt zugleich einen ethischen und seuchenhygienischen Zweck: "Die Utopier dulden nämlich nicht, daß sich die Bürger an das Schlachten von Tieren gewöhnen, weil sie glauben, daß dadurch das Mitleid, die menschlichste Empfindung unserer Natur. allmählich abstumpft; und ferner lassen sie auch nichts Unreines und Schmutziges, durch dessen Fäulnis dir Luft verpestet und Krankheiten erzeugt werden könnten, in die Stadt bringen." (2. Buch. 9. Kapitel).

Morus, der unter dem Eindruck zweier neu aufgetauchter, vorher unbekannter hochvirulenter Infektionskrankheiten - des Sudor anglicus (1486) (6) und der Syphilis (1495) - stand, räumte der Krankenpflege einen besonders breiten Raum ein: "Zur Stadt geharm vier Krankenhäuser, die außerhalb der Schutzmauern liegen. Sie sind so weitläufig, daß man sie leicht für Marktflecken halten könnte. Man vermeidet dadurch die Anhäufung und das gar zu nahe Zusammenleben der Kranken, wodurch ihre Genesung verzögert wird; überdies kann man einen Menschen, der an einer ansteckenden Krankheit leidet, völlig isolieren. Diese Hospitäler enthalten im Überfluß alle Heilmittel und alles,was zur Herstellung der Gesundheit erforderlich ist. Die Kranken werden dort mit der liebreichsten und unermüdlichsten Sorgfalt gepflegt, und zwar unter der Leitung sehr geschickter Ärzte. Niemand in gezwungen, sich dort behandeln zu lassen; aber es gibt kaum jemanden, der im Krankheitsfalle nicht die Behandlung im Hospitale derjenigen zu Hause vorzöge." (2. Buch, 10. Kap.) (7).

Bei diesen Überlegungen empfindet man die Teilnahme des Autors am Schicksal der kranken Menschen, hatte er doch selbst ein geliebtes Familienmitglied am Englischen Schweiß verloren (8). Im Gegensatz zu Plato verlangt er auch die Pflege der Unheilbaren (9), für die alles zu tun sei, um ihr Dasein erträglich zu gestalten.

Dabei berührt der inzwischen heiliggesprochene Gesinnungsmärtyrer auch das Problem der Euthanasie, der sogenannten "Sterbehilfe": "Wenn sich aber jenen unheilbaren Krankheiten heftige Schmerzen zugesellen, die nichts verscheuchen oder mildern kann, so besuchen die Priester und obrigkeitlichen Personen den Kranken und raten ihm das einzige. was sie unter Umständen für das Beste halten ... Er solle sich also getrost und hoffnungsvoll aus diesem bitteren Leben wie aus einem Kerker oder aus der Folterkammer befreien. Diejenigen, die sich überzeugen lassen, machen freiwillig durch Enthaltung von Nahrung ihrem Leben ein Ende, oder man schläfert sie auch wohl durch einen Schlaftrunk ein ... Gegen seinen Willen aber töten sie niemanden und sie pflegen ihn deswegen auch nicht weniger sorgfältig." (2. Buch, 21. Kapitel)
(10).

Vermutlich war es die Syphilis mit ihren abstoßenden Hautaffektionen, die Morus an eine eugenische Maßnahme denken ließ, deren Realisierung schon an der damaligen Prüderie hatte scheitern müssen:
"Vor der Hochzeit sehen Braut und Bräutigam einander unbekleidet ... Als wir nun lachten und diese Sitte als unschicklich verwarfen, wunderten sie sich umgekehrt über die unerhörte Dummheit jener Völker, die beim Kauf eines elenden Gauls, bei dem es sich nur um ein paar Goldstücke handelt, so vorsichtig sind, daß sie den Kauf verweigern, ehe nicht der Sattel abgeschnallt und alle Decken weggenommen sind, damit sich ja nicht ein Gebrechen verberge, dagegen bei der Wahl des Ehepartners, einer Entscheidung also, die Freude oder Verdruß für das ganze Leben bedeutet. so leichtfertig zu Werke gehen, daß sie vom Körper nur eine Handbreit, nämlich das Gesicht, sehen ... Jedenfalls kann unter den Hüllen (der Kleider) so viel Abstoßendes verborgen sein, daß es Mann und Frau völlig zu entfremden vermag, während die körperliche Trennung nicht mehr möglich ist." (2. Buch. 22. Kapitel) (11).

Um das Gartenstadt-Projekt von Thomas Morus richtig würdigen zu können, maß man wissen, daß sein Freund Erasmus von Rotterdam, der eine panische Angst vor Infektionskrankheiten hatte, sogar die großzügigen Angebote Heinrichs des Achten und des Kardinals Wolscy, mit denen sie ihm eine Übersiedlung nach England schmackhaft zu machen versuchten, ablehnte (12). Führte er doch das in England so mörderisch grassierende Schweißfieber ("Sudor anglicus") auf die unhygienischen Bedingungen in den dortigen Wohnungen zurück, wie wir es seinem Schreiben an Dr. Franzis, den Arzt des Kardinals Wolsey, entnehmen können: "Mit schmerzlicher Verwunderung frage ich mich oft. woher es kommt, daß England nun schon so viele Jahre hindurch unaufhörlich von Pestilenzen heimgesucht wird, und zwar vor allein von dein tödlich verlaufcnden Schweißfieber, welches mehr eigentümlich zu sein scheint. Ich habe einmal gelesen, daß man eine Stadt von einer langdauernden Pestilenz befreit habe, indem man ihre Häuser auf den Rat eines weisen Mannes hin umbaute. Auch England könnte seuchenfrei werden, wenn man ähnlich verführe. Man hat aber demn Umstande keine Beachtung geschenkt. nach welcher Himmelsrichtung Fenster und Häuser orientiert sind. Auch hat man in der Regel die Zimmer so gebaut, daß man sie nicht lüften kann. was doch zu den unerläßlichen Forderungen Galens gehört. Die Fußböden bestehen gemeinhin aus Lehm und Binsen, die zwar von Zeit züi Zeit erneuert werden, aber so, daß die Unterlage oft zwanzig Jahre unverändert bleibt und sich darunter Speichel, Erbrochenes und Exkremente von Menschen und Hunden, verschüttetes Bier, Fischgräten und anderer unbeschreiblicher Unrat ansammelt. Wird das Wetter wärmer, so steigt ein Dunst auf. der nach meinem Dafürhalten alles andere als gesund ist (13). Ich bin der Überzeugung, daß die Insel gesünder werden könnte, wenn man den Brauch der Binsen abschaffen und die Zimmer so anlegen würde, daß sie der Sonne auf zwei oder drei Seiten Einsaß gewährten, und wenn die Glasscheiben der Fenster so ausgeführt würden, daß man sie nicht nur vollständig öffnen, sondern auch vollständig schließen könnte, und zwar derart, daß schädliche Winde (Zugluft) durch die klaffenden Spalten keinen Zutritt hätten ... (14). Alsdann sollten Aufsichtsbeamte dafür sorgen, daß die Straßen von Unrath freigehalten werden, und auch auf die Umgebung der Stadt achten." (15).

Die hier von Erasmus angeregten seuchenprophylaktischen Maßnahmen auf dem Gebiete der Wohnungs- und Umwelthygiene sind von Thomas Morus in seiner Utopie weitgehend berücksichtigt worden. Hatte er doch das z. Buch seiner Utopie im Jahre 1515 während seines Flandernaufenthaltes in enger geistiger Fühlungnahme mit Erasmus konzipiert. Das gesellschaftskritische erste Buch verfaßte er erst nachträglich 1516. Der Reiz des Buches beruht, abgesehen von der "bezwingenden Logik" und "realistischen Phantasie", auf Mores eigenartigem Humor, der umso stärker wirkt, je seltener und überraschender er sich äußert. Ich erwähne nur zwei Beispiele: die Jagd soll nur den Metzgern erlaubt sein und das Gold soll nur zur Herstellung von Handschellen und Nachttöpfen dienen. Thomas Morus hat diesen Humor bis zu seinem Lebensende bewahrt. Als er nämlich "statt der Vierteilung bei lebendigem Leibe" von Heinrich VIII. "nur zur Enthauptung begnadigt" wurde, bemerkte er: "Gott bewahre meine Freunde vor solcher Gnade." Und am Fuße des Schafotts sagte er zu dem begleitenden Offizier: "Führt mich nur gut hinauf, für das Herunterkommen will ich schon selbst sorgen."


Anmerkungen

(1)
Werner Sombart. Zur Geschichte des Frühkapitalismus. Leipzig 1924. S. 19. Von den so entwurzelten Bauern, von denen Thomas Morus sagt, daß man sie zum Diebstahl zwang, wurden während der Herrschaft Heinrichs des Achten 72000 große und kleine Diebe hingerichtet, wobei man, wie es in der Utopia heißt, "manchmal zwanzig an einen Galgen knüpfte." (1. Buch, 5. Kap.)

(2)
Der Begriff "Utopie" von griechisch "ou" ‚nicht‘ und "tópos" ‚Ort‘ wörtlich übersetzt, "Nirgendsland" oder "nirgendwo".

(3)
Die für utopisch gehaltene Gartenstadt-Idee wurde im hochindustrialisierten England durch Ebenezer Howards Buch "Garden Cities of tomorrow" (1902) aktualisiert. Die so ins Leben gerufene Gartenstadtbewegung suchte die Wohnungsfrage zu lösen, indem sie für die Anlage von stadtnahen Siedlungen eintrat, um so die Überfüllung der Städte zu mildern und das Wohnen selbst hygienischer und ästhetischer zu gestalten. In Deutschland konnte sich diese städtchauliche Idee erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchsetzen.

(4)
Man hat auf diesen Farmen "erstaunliche Einrichtungen", wie z.B. eine Art Brutapparat, (den es damals noch nicht gab). "Die Hennen brüten nämlich die Eier nicht selbst aus, sondern man setzt eine große Anzahl von Eiern einer gleichmäßigen Wärme aus, erwecket so das Leben und zieht die Kücken auf. Sobald diese aus der Schale geschlüpft sind. laufen sie hinter den Menschen her wie hinter der Glucke und sehen sie als diese an." (2. Buch, 2. Kapitel). - Die Verhaltensweise der so künstlich ausgebrüteten Kucken erinnert an Beobachtungen, die in jüngster Zeit der Nobelpreisträger Lorenz mit Wildgamsen gemacht hat.

(5)
Noch wahrend der französischen Revolution verfaßte Germain Garnier (1793) einen ausführlichen Bericht über die hygienischen Mißstände, unter denen die Kranken und Wöchnerinnen im Pariser Hotel-Dieu zu leiden halten, und wies darauf hin, daß die Schlachthäuser der Stadt gerade unterhalb des Hospitals lagen. Da die Straße "in unvorstellbarer Weise mit Blut und Exkrementen - von der Darmwäsche frisch geschlachteter Tiere - verunreinigt war," dürfte die Verschleppung von Tetanus- und Gasbrandsporen vicl zur hohen Sterblichkeit der Wöchnerinnen im "ältesten Gebärhaus der Welt" beigetragen haben, die durch den Tetanus puerperalis eine "bestürzende Prägung" erhielt. ("Mémoires Sur les Hopitaux de Paris").

(6)
Englischer Schweiß (Sudor anglicus), eine epidemische Krankheit, die zum ersten Male 1486 in England aufgetreten war und sich auf dieses Land beschränkte. Das Gleiche erfolgte auch bei der Seuche von 1507. 1518 wurde auch Nordfrankreich mit ergriffen, 1528 brach die Krankheit neuerdings mit großer Heftigkeit in England aus und überzog 1529 verheerend fast ganz Europa. 1551 kam noch einmal eine letzte, die fünfte Epidemie, welche wieder auf England selbst beschränkt blieb. Es könnte sich um Grippe-Epidemien gehandelt haben, deren hohe Letalität durch unsinnige Schwitzkuren bedingt wurde.

(7)
Es ist ähnlich wie mit den Mahlzeiten: Zu Flause zu speisen ist gestattet, die meisten Leute essen jedoch in Gemeinschaftssälen. Stillende Mütter mit Kindern unter fünf Jahren sind in einem besonderen Raum, einer Art Kinderkrippe, untergebracht. Alle Fraucn stillen ihre Kinder selbst. (2. Buch. 10. Kapitel)

(8)
Wie heftig der "Englische Schweiß" in England wütete, geht aus einem Brief Thomas Morus (1478-1535) vom 19, August 1518 an Erasmus von Rotterdam hervor: "Wir befinden um wie nie zuvor in größter Betrübnis und Gefahr wegen der vielen ringsum vorgekommenen Todesfälle, da die meisten Leute in Oxford, Cambridge und London innerhalb weniger Tage erkrankten und wir die besten und ehrenwertesten Freunde verloren haben, unter ihnen - womit ich Dich zu meinem Schmerz betrüben muß - unseren Andreas Ammonius, dessen Tod ein schwerer Verlust für die Wissenschaft ist. Er fühlte sich gegen die Ansteckung wegen seiner Mäßigkeit im Essen und Trinken, vollständig gefeit. Er glaubte fest daran, obgleich er fast keinem begegnete, bei dem nicht die ganze Familie erkrankt war. Ich, meine Frau und die Kinder sind bisher noch heil, die übrige Familie hat sich wieder erholt. Ich kann Dir versichern. daß es in der Feldschlacht weniger gefährlich als hier in der Stadt ist. Wie ich höre beginnt die Seuche jetzt auch in Calais zu wüten, wo ich als Gesandter hin soll. Nicht genug, in Ansteckungsgefahr gelebt zu haben, muß ich ihr auch noch nachlaufen. Aber was kann man da machen? Was das Schicksal bringt, maß man ertragen. Ich habe mich innerlich auf alles gefaßt gemacht." (Aus einem Brief von Thomas Morus an Erasmus von Rotterdam, in Erasmi D'Rotterdami epistolarum Libri 31, epist. 57. London 1642, S. 270)

(9)
ln dieser Hinsicht trennte den christlichen l Humanisten Morus eine Welt von der "spartanischen Gefühlskälte" des von ihm sonst so verehrten aristokratischen Philosophen. "Asklepios", schrieb Plato "hat die Arzneikunde für diejenigen bestimmt, die von Natur und durch ihre Lebensweise körperlich gesund sind, aber von irgendeiner vereinzelten Krankheit befallen werden. An diesen soll der Arzt seine Kunst zeigen. indem er durch Schneiden und Brennen das Kranke aus dem Körper entfernt und ihm wieder die gewohnte Lebensweise vorschreibt, damit nur dem Staate. kein Schaden entstehe. Der innerlich durchaus kranke Körper soll gar nicht in Behandlung genommen werden." Damit wurde der Arzt dem Kranken ein langes, aber zugleich schlechtes Leben erwirken. Asklepios war nämlich der Ansicht. man soll den, der in der jeweiligen Zeit nicht lebensfähig ist. überhaupt nicht pflegen. "Denn es ist weder für ihr noch für den Staat nützlich." ("Der Staat". 3. Buch, 407c)

(10)
Im Dritten Reich bezeichnete man die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" mißbräuchlich mit diesem Worte "Euthanasie" (was eigentlich "guter Tod" heißt).

(11)
Es ist bezeichnend für die britische Prüderie, daß in der ersten englischen Uhersetzung des Ralphe Robynson aus dem Jahre 1551 dieser ganze Absatz weggelassen ist.

(12)
Erasmus empfand einen heftigen Widerwillen gegen unfrische Luft und schlechte Gerüche. Er machte regelmäßig einen Umweg, "um einem Stinkgäßlein auszuweichen"; es ekelte ihn vor Schlächtereien und Fischläden. (A 21.17, 22. Coll. LB.I..788 A 867. 50). - Er witterte Ansteckungsgefahr nicht nur in der verdorbenen Luft überfüllter Wirtsstuben, sondern auch im Atem der Beichtenden und im Taufwasser. Er war gegen die Benutzung gemeinschaftlicher Becher, auch sollte jeder sein eigenes Rasiermesser und seinen eigenen Kamm benutzen; ferner sollte man vorsichtig mit den Bettlaken (in den Herbergen) sein und einander zur Begrüßung nicht küssen. (Coll.LB I. 689 C, 792. 715 SS 830 L.B. V 154--155.)

(13)
In einem Londoner historischen Schlemmerlokal mit Gerichten aus der Elisabethanischen Ära ist der Fußhoden auch heute noch jener Zeit entsprechend mit Binsen bedeckt.

(14)
Aber auch in englischen Schlössern war es nicht viel gemütlicher. Auch dort wurden die kalten Steinfußboden vielfach mit Binsen bedeckt. Wer je in der großen Halle eines alten englischen Schlosses vor dem Kamin gesessen hat, kann beurteilen, wie ihm bei diesem einzigen Wärmespender vorne langsam heiß wurde, während er hinten jämmerlich fror. Die eiskalten Steinfußböden mit der darüber hinwegstreichenden kühlen Zugluft erklären auch das Zustandekommen der britischen Unsitte. die Füße (samt den Straßenschuhen auf den Tisch zu legen.

(15)
Die erste authentische Nachricht über Shakespeares Vater John ist eine Geldbuße von zwölf Pence, mit der er Ende April 1552 in Stratford wegen eines vorschriftswidrigen Dunghaufens vor seinem Haus belegt wurde (Max J. Wolff. Shakespeare, der Dichter und sein Werk. München 1918, Bd. 1. S. 25.)


Copyright by the author - Druckrechte beim Autor
Erschienen in der Zeitschrift "Arzt und Krankenhaus" (Jg. ..... Nr. ..... S 8ff)
Kontakt über ePost: Winkle@Collasius.de
Copyright der Internetausgabe 2003 Collasius
Nach oben!WINKLE TopORG Top
DOWNLOAD
Die Textversion enthält keine Bilder!