Stefan Winkle

Napoleons Todeskrankheit


"Man hat ihn, wie Prometheus, an den Felsen von St. Helena geschmiedet,
wo ein Adler bis zum bitteren Ende seine Leber zerfleischte."
Stendhal /1783-1842) - (In einem Brief vom 5. Mai 1837)

"Der Krieg", schrieb einmal Clausewitz, "ist das Gebiet des Zufalles und drei Viertel derjenigen Dinge, auf welche das Handeln im Kriege gebaut ist, liegen im Nebel der Ungewißheit."(1)

Einen wesentlichen Teil dieser Imponderabilien, die sich strategisch nicht immer voraussehen und folgerichtig auch nicht einkalkulieren ließen, bildeten in der vormikrobiologischen Ära die Kriegsseuchen. Auch Napoleon hatte die verheerenden Konsequenzen, die sich aus der epidemiologischen Konstellation auf die Kriegsführung ergeben können, klar erkannt. "Il vaut mieux donner la bataille la plus sanglatante", schrieb er in einem Brief, "que mettre les troupes dans un lieu malsain."(2)

In Norditalien, besonders im Sumpfgebiet des Mincio um Mantua, drohte ihm die Malaria mitten in seinem Siegeslauf (1796) sein Heer zu vernichten. Während des Ägyptenfeldzuges (1798/99), wo seine Truppen unter Ruhr und Trachom schwer zu leiden hatten, zwang ihn die Pest, vor Akkon den Vormarsch nach dem Osten abzubrechen. 1802 vernichtete das Gelbfieber das nach St. Domingo entsandte Expeditionscorps. Fleckfieber, Typhus und Ruhr, die ihm bereits nach Austerlitz (1805), nach Jena (1806) und in Spanien (1808) viele Sorgen bereiteten, trugen viel zur Vernichtung der Grande Armée während des Winterfeldzuges in Russland (1812) bei.

Als sich Napoleon am 2. Oktober 1809 in Erfurt mit Goethe unterhielt, griff er jene Dramen an, in denen das Schicksal eine Rolle spielt: "Was wollen die Leute immer mit ihrem Schicksal. La politique est la fatalité."(3)

Unter Berücksichtigung seines Lebens hätte er, der bei seinen Feldzügen alles einzukalkulieren bzw. vorauszusehen pflegte, bis auf das plötzliche und rätselhafte Auftreten von Epidemien, später genauso gut sagen können: "Die Seuche ist das Schicksal!" Denn nur die Seuchen ordneten sich seinem strengen militärischen Reglement nicht unter. Sie zeigten keine Subordination, zumal die nötige Einsicht in ihren Ablauf fehlte.

Auch Napoleons Lebensende war von einer Seuche überschattet:

Abb1.
Napoleon auf dem Weg ins Exil an Bord der "Bellerophon"
(Stich von J.C.Armytage)

Am 16. Oktober 1815 war er an Bord der ,,Northumberland" auf St. Helena eingetroffen. Ein steil aus dem Meer emporragender nackter, kahler Felsen im Atlantischen Ozean zwischen Afrika und Südamerika, zweitausend Kilometer von der afrikanischen und viereinhalbtausend von der südamerikanischen Küste entfernt. Das Eiland war berüchtigt wegen seines "mörderischen Tropenklimas"(4).

St.Helena im Jahre 1815
(Nach einer Zeichnung von George Hutchins Bellasis)

Bei den britischen Soldaten galt die Abkommandierung nach St. Helena als ein "halbes Todesurteil"(5). Endemische Erkrankungen "Dysenterie, Hepatitis und Fieber" dezimierten die englischen Regimenter, die dort in Garnison standen. Die ungesündeste Gegend auf der ungesunden Insel war das Plateau von Longwood, auf dem das primitive Farmhaus stand, das man Napoleon als Wohnstätte zugewiesen hatte.

Das erste Quartier Napoleons "The Briars and Pavilion"
Hier wohnte er bis zum Einzug ins "Longwood House"
Entfernung von James Town etwa 2 Meilen
(T.E.Fowler, St.Helena)

Hier wechselten Regengüsse, Nebel, Wind und Feuchtigkeit rasch mit glühender Tropenhitze. Trotz des Windes wurde der Sumpfboden nie trocken. Die Feuchtigkeit drang in das rasch hergerichtete Haus und bald hingen die Tapeten losgelöst von den Wänden herab. Große Ratten trieben ihr Unwesen im Haus und benagten alles. In manchen Nächten erschlugen Napoleons Diener zwanzig Tiere und mehr. Die Räume waren klein, des Kaisers Schlafkabinett erwies sich als so eng, dass nur sein Feldbett darin Platz finden konnte. Schwer war es, für den Haushalt Proviant zu beschaffen. Das Fleisch war oft minderwertig, das Brot klebrig, der Wein kaum genießbar. In der Nähe gab es keine Quelle, das Wasser musste von weit her geholt werden und sollte laut einer Weisung des Kaisers stets abgekocht werden. Ob das auch konsequent eingehalten wurde, erscheint zweifelhaft.

Der Gouverneur der Insel, Sir Hudson Lowe, ständig in Angst, Napoleon könnte ein zweites Mal - wie auf Elba - entweichen, hatte strengste Sicherheitsmaßnahmen angeordnet. 1500 englische Soldaten waren auf der Insel stationiert. Das Farmhaus wurde ständig bewacht, tagsüber von 125 Posten, nachts von 72. Im kleinen Hafen von Jamestown lagen Kriegsschiffe vor Anker.
 
 

Ansicht von James Town - Der Hafen
(T.E.Fowler, St.Helena)

An Bord der "Northumberland" traten bald nach Napoleons Ankunft gehäufte Ruhrerkrankungen auf. Es dauerte nicht lange, da erkrankten auch einige von den wenigen Getreuen, die Napoleon in die Verbannung gefolgt waren. Einer der ersten, den die Seuche ergriff, war General Gourgaud, der als Adjutant zu den engsten Vertrauten des Kaisers gehörte. Napoleon, der von den Engländern nur als General tituliert wurde, lud daraufhin Doktor Warden, den englischen Wundarzt von der "Northumberland" zum Essen ein. Während der Mittagstafel führte der Kaiser mit ihm folgendes, in seiner knappen Schärfe an ein Verhör gemahnendes Gespräch:

"Haben Sie den General Courgaud besucht?"

"Ja, General.'

"Welche Krankheit hat er?"

"Die Ruhr."

"Wodurch entstand sie?"

"Durch Einwirkung des heißen Klimas auf eine besonders empfängliche Leibesbeschaffenheit. Hätte man
ihn gleich beim ersten Anfall zur Ader gelassen, so wäre die Krankheit wahrscheinlich weniger heftig aufgetreten."

"Welches Heilmittel muß man anwenden?"

"Die Funktionen der Leber und der Eingeweide sind zerrüttet. Um sie jetzt wieder in eine richtige Tätigkeit
zu versetzen, wird es nötig sein, Quecksilber anzuwenden."

"Das ist eine schlechte Arznei ... Strebt die Natur nicht danach, den krankhaften Stoff selbst auszuscheiden?"

"Ich habe gelernt, der Natur behilflich zu sein."

"Könnten Sie es aber nicht tun, ohne zu jenem gefährlichen Mittel Ihre Zuflucht zu nehmen?"

"Die Erfahrung hat mich überzeugt, daß das Quecksilber, sofern es einen Speichelfluß erzeugt, unfehlbar ist."

"Haben Sie viele Leute an Bord der ,Northumberland' verloren?"

"Leider haben wir das Unglück gehabt, mehrere zu verlieren."

"An welcher Krankheit?"

"Ruhr und Leberentzündung."

"Haben Sie nach dem Tode Leichensektionen vorgenommen?"

"Jedesmal."

"Was fanden Sie dabei?"

"Weit umsichgreifende Eiterungen der Leber bei der einen Krankheit und Brand der Eingeweide bei der anderen."

Durch Napoleons präzise, gezielte Fragen erfahren wir schnell, daß es sich um eine Ruhrepidemie handelt, wobei der Sektionsbefund mit der ausgeprägten Leberbeteiligung eindeutig für Amöbenruhr spricht.

"Longwood House"
Das zweite Quartier Napoleons auf St.Helena
(T.E.Fowler, St. Helena)

Las Cases (6), ein Vertrauter Napoleons, verabschiedete Dr. Warden aus dem Farmhaus von Longwood mit den spöttischen Worten: "Das war ein rechter Fragetag. Ich fürchte, daß es für Sie eine Strafe war, mit uns zu speisen. Es glich einem förmlichen Examen."(7)

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Napoleon zu Doktor Warden in Anspielung auf die von ihm verpönte Quecksilbertherapie: "Ein Arzt hat meiner Ansicht nach eine gewisse Ahnlichkeit mit einem General. Er muß Beobachtungsgeist und Urteilskraft mit Scharfblick vereinen. Mit Hilfe dieser Eigenschaften ermittelt er die Stärke des Feindes. Ein verständnisvoller Praktiker wendet genau die notwendige Kraft an, um den Feind aus seinen Verschanzungen zu vertreiben. Eine übermäßige Kraft könnte sogar schaden. So denke ich, daß Sie Unheil anrichten müssen, wenn Sie zuviel Quecksilber gebrauchen. Es ist wie mit der Methode Sangrados."(8)

Das Haus in welchem Marschalls Bertrand wohnte.
(nach einer Photographie von G.W.Melliss)
....

Außer Gourgaud erkrankte bald auch Marschall Bertrand, der seit Ägypten an allen Feldzügen Napoleons teilgenommen hatte. Zugleich wurden von der Ruhr auch Bertrands Kinder betroffen, ferner Frau De Montholon und mehrere Bedienstete. Es hätte geradezu an ein Wunder grenzen müssen, wenn Napoleon selbst verschont geblieben wäre, denn außer dem Trinkwasser kamen auch noch Früchte und Salate, die unabgekocht genossen wurden (9), und nicht zuletzt - infolge der mangelnden Abfallbeseitigung - die Fliegen- und Rattenplage als Infektionsquelle in Betracht. (10)

Napoleon sorgte zwar dafür, dass ihm sein Trinkwasser, das er abkochen ließ, von der eine Meile entfernten Geraniumquelle gebracht wurde, wo er übrigens begraben sein wollte, doch pflegte das Dienstpersonal das Gebrauchwasser für verschiedene Zwecke auch "zum Auffrischen welken Gemüses" von einem näher gelegenen Bach zu holen, ohne es abzukochen. (11)

In den Archiven der Kirche von Jamestown hat man die Liste aller englischen Soldaten auffinden können, die während ihres Dienstes auf Sankt Helena gestorben waren, wobei es auffiel, dass die Sterblichkeit jedes Mal zuzunehmen pflegte, wenn sich ein Regiment für ein halbes Jahr auf dem Plateau von Longwood einquartierte. Das Personal des Armeelagers und des kaiserlichen Hauses entnahmen ihr Wasser recht zweifelhafter Qualität derselben Quelle, einem vom Dianaberg herunter kommenden Bach. Oberhalb der Entnahmestelle pflegten sich nämlich die zahlreichen Wegbenutzer, darunter auch chinesische Kulis, zu laben, wenn sie von der Stadt zum Plateau hinauf zu ihrer Arbeitsstätte gingen, wobei es wiederholt zu Kontaminationen des Wassers kommen musste.

Nach den ersten Erkrankungen im Farmhaus teilte ihm der Gouverneur, der Napoleon mit demütigenden Schikanen bis zur Weißglut reizen konnte (12), einen Wundarzt der englischen Marine als medizinischen Betreuer zu: O'Meara. Dieser hatte den Geheimauftrag, die Gespräche des Generals Bonaparte mit seiner Umgebung zu überwachen und darüber laufend Bericht zu erstatten. Zugleich führte O'Meara gewissenhaft Tagebuch über alle Krankheitserscheinungen des ihm anvertrauten "Generals Bonaparte".

Am 26. Juli 1816 klagte der Korse seinem "Hausarzt" über einen Fieberanfall mit heftigen Koliken und meinte traurig, dass nun auch er von der Dysenterie, die auf der Insel zahlreiche Opfer forderte, befallen sei. Während der folgenden Monate wiederholten sich des Ofteren die von Fieber und Schüttelfrösten begleiteten Beschwerden.

Ende September 1817 machten sich bei Napoleon zum ersten Mal die Frühsymptome seiner Todeskrankheit bemerkbar. Er klagte über ein dumpfes Druckgefühl in der Gegend des rechten Hypochondriums und über einen in die rechte Schulter ausstrahlenden Schmerz. O'Meara fand bei der palpatorischen Untersuchung eine druckempfindliche schmerzhafte Geschwulst und diagnostizierte eine Lebererkrankung. Die Behandlung bestand, wie bei allen Leberkranken zu jener Zeit, in derVerabreichung von Quecksilber und Abführmitteln. Der Kaiser, der medizinische Mittel im Allgemeinen verabscheute, nahm jedoch nur kleine Mengen. Das Auffallendste für die Umgebung waren das Schwinden seiner Lebenskraft, seine häufige Schläfrigkeit, die freiwillige Abgeschlossenheit und der Widerwille gegen jegliche körperliche Bewegung.

Diese Abkehr von der Außenwelt lässt erkennen, wie tief entmutigt Napoleon war und wie tödlich er sich langweilte, woran vor allem Hudson Lowes ständige Schikanen schuld waren. Napoleon verließ das Haus kaum mehr, betätigte sich immer weniger, und seine Körperfülle nahm erschreckend zu. Gelegentliche Bulletins, die O'Meara dem Gouverneur von St. Helena vorzulegen hatte, reizten den Kaiser, der in denselben seinen Titel vermisste. Endlich einigte man sich, statt des offiziellen "General Bonaparte" den Ausdruck "Personnage" oder "Patient" zu gebrauchen. Beim Gouverneur, der sich schon über diese Formulierung ärgerte, vermochte O'Meara nichts zu erreichen, da dieser hartnäckig alle "Beschwerden des General Bonaparte" ignorierte. Als sich Ende Juli 1818 Napoleons Zustand bedenklich verschlimmerte, die Glieder anschwollen, wollte O'Meara einen weiteren Arzt, Dr. Baxter vom Generalstab, hinzuziehen, was Napoleon jedoch ablehnte. Bei dieser Gelegenheit soll Napoleon erklärt haben: "Ich werde wenigstens den Trost haben, daß mein Tod ein ewiger Schimpf für die englische Nation sein wird, die mich in dieses Klima schickte, um unter den Händen eines ... zu sterben."

Als O'Meara dem Gouverneur über den "Gesundheitszustand des Generals Bonaparte" Bericht erstattete und dabei die "frevelhafte" Diagnose einer "endemischen Hepatitis" stellte, obwohl man auf höheren Befehl keine Krankheit erwähnen durfte, die dem Klima von St. Helena zur Last hätte gelegt werden können, versetzte er Sir Hudson Lowe in eine solche "Rage", dass dieser ihn für "untragbar auf der Insel" erklärte und umgehend nach England zurückschickte (13).

Vom Juli 1818 bis Januar 1819 blieb Napoleon ohne Arzt. Erfolglos stritt er sich mit seinem Kerkermeister wegen der Person des Chirurgen Verling, den zu empfangen er sich weigerte. Am 17. Januar kam es zu einer schweren Krise. Dr. John Stokoe, Wundarzt an Bord des Kriegsschiffes "Conqueror", wurde durch ein vorher alle Instanzen durchlaufendes dringliches, 1 Uhr nachts geschriebenes Billet vom Grafen Bertrand nach Longwood gebeten. Da die "Conqueror" ungefähr den sechsten Teil ihrer Mannschaft durch Ruhr und Leberleiden verloren hatte (14), erkannte Stokoe sofort den Ernst der Situation, zumal ihm auch die Ansicht seines gemaßregelten Freundes O'Meara bekannt war. Da ihm der Gouverneur wegen dieser Freundschaft von Anfang an misstraute, musste er bereits am 22. Januar 1819 seine Besuche auf Longwood einstellen.

Ausschlaggebend war dabei für Sir Hudson Lowe, dass Stokoe in seinen Berichten stets nur vom "Kranken" gesprochen hatte, statt vom "General Bonaparte", wie Napoleon genannt werden musste. Der "Kranke" aber, so fand der ewig misstrauische Gouverneur, konnte ebensogut der "Kranke Kaiser" bedeuten. Da er an der von O'Meara gestellten Diagnose "Hepatitis" festhielt und auf die Leberschmerzen seines Patienten hinwies, was weder dem Gouverneur noch dem Admiral Plampin zusagte, musste er sich bereits am 31. Januar 1819 nach England einschiffen. In der Heimat angekommen, wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt, das als Strafe seine "Streichung aus der englischen Marineliste" verkündete.

Nach Abkommandierung von Dr. Stokoe verblieb Napoleon ohne ärztliche Betreuung. Verbittert erklärte er Marschall Bertrand: "Ich habe eine chronische Leberentzündung; die Krankheit ist in diesem schauderhaften Himmelsstrich heimisch, ich werde ihr unterliegen. Ich muß auf diesem Felsen den Ruhm, womit ich Frankreich bedeckte, und die Schläge, welche ich England beibrachte, abbüßen. Sie sehen, wie man mit uns verfährt. Seit fast einem Jahr haben sie mir ärztliche Hilfe abgeschnitten."

Nun bemühte sich die Familie Napoleons, einen geeigneten Arzt zu finden. Sie wählten den erst dreißigjährigen Chirurgen Francesco Antommarchi. Er fungierte bis dahin als Prosektor am Hospital Santa Maria Nuova zu Florenz; dass er Korse war, fiel bei der Wahl ins Gewicht. Als Antommarchi im September 1819 auf St. Helena eintraf, machte er zuerst dem Gouverneur Sir Hudson Lowe seine Aufwartung. Kein Wunder, dass Napoleon ihn drei Tage warten ließ, ehe er ihn empfing.

Nach seiner Ankunft auf Longwood notierte Antommarchi am 23. September 1819: "Ich begab mich zum Kaiser. Sein Gehör war schwach, sein Gesicht zeigte erdige, die Augen eine bleierne Farbe, die Bindehaut war gelb und rötlich, der ganze Körper stark aufgedunsen, die Haut blaß. Die Nasenlöcher waren verstopft, die Speichelabsonderung stark, der Unterleib gespannt. Der Puls schwach, aber regelmäßig, mit 60 Schlägen in der Minute. Ich fand, daß der rechte Leberlappen wie verhärtet war und beim Druck sehr schmerzte. Sein Atmen wurde beschwerlicher, wenn man senkrecht auf die Herzgrube drückte."

Antommarchi verschrieb ihm gegen die Leberschmerzen Opium und Salmiak, heiße Schwefelbäder, gelegentlich auch Blasenpflaster. Napoleon war davon nicht sehr begeistert. In einem Gespräch mit Antommarchi erklärte er: "Glauben Sie mir, wir täten besser, all diese Heilmittel beiseite zu lassen. Das Leben ist eine Festung, von der Sie und ich nichts wissen. Warum sollten wir ihre eigene Verteidigung erschweren. Die Mittel, die sie selbst hat, sind allen Mitteln Eurer Laboratorien überlegen. Corvisart hat mir ebenfalls aufrichtig darin beigestimmt, daß all Eure unsauberen Mixturen nichts taugen. Die Medizin ist eine Anhäufung von ganz unsicheren Vorschriften, deren Wirkung im allgemeinen mehr schadet als nützt. Reines Wasser, reine Luft und Sauberkeit sind in meiner Pharmakopöe die Hauptmittel."(15)

Und gerade diese seuchenhygienischen Voraussetzungen wurden Napoleon auf St. Helena verweigert. Das Verhältnis zwischen Napoleon und seinem neuen Leibarzt blieb auch weiterhin getrübt. Nach dem Tagebuch Bertrands erregte Antommarchi den Verdruss des Kaisers anscheinend weniger wegen seiner therapeutischen Ansichten als wegen seiner Beziehungen zu Frau Bertrand (16).

Napoleon auf St. Helena.
Das Bild zeigt die berühmt gewordene Bank, auf der Napoleon mit Vorliebe zu sitzen pflegte.

Im Frühjahr 1820 trat in Napoleons Befinden eine leichte Besserung ein. Zu jener Zeit wird der Garten von Longwood angelegt, den er mit einer rührenden Sorgfalt hegt. Als sich Hudson Lowe im Sommer 1820 entschloss, die Einschränkungen aufzuheben, die den Gefangenen seit vier Jahren verbitterten, ging Napoleon hie und da spazieren. Trotz zunehmender Fettsucht erschien er verjüngt und wie neugeboren.

Plötzlich aber, im August 1820 verschlimmerte sich Napoleons Zustand. Er ritt nicht mehr aus, er machte nur noch selten kurze Spaziergänge. Die Schmerzen in der Leberund Darmgegend wurden unerträglich. Am 4. Oktober verspürte er nach einem längeren Spaziergang starke Magenschmerzen und musste erbrechen. So begann seine letzte Krankheit. Nach und nach war er gezwungen, seine Betätigungen einzuschränken. Zuerst gab er das Reiten auf, nachher die Ausfahrten in der Kalesche, schließlich sogar die Pflege seines Gartens. Die Krankheit verlief jedoch nicht kontinuierlich. Zwischen schmerzhaften Krisen mit Erbrechen und nachfolgender Mattigkeit kam es zu überraschenden Remissionen; er freute sich dann scheinbar wieder des Lebens, schmiedete Pläne und aß mit Appetit (17).

Von Mitte März an konnte er jedoch seine kleinen Zimmer nicht mehr verlassen. Am 19. März ergriffen ihn heftige Schauer, er gab alle Speisen wieder von sich und fiel in tiefe Ohnmacht, sobald er sich zu erheben versuchte. Von nun an, 48 Tage vor seinem Tode, war er sich klar darüber, dass es mit ihm zu Ende geht: schwankendes Fieber, ermattende Schweißausbrüche, häufigere Appetitlosigkeit, heftige Schmerzen, mehrmaliges tägliches Erbrechen, hartnäckige Verstopfungen ließen ihn nicht mehr daran zweifeln.

In seiner Verzweiflung alarmierte Antommarchi einen englischen Militärarzt: Dr. Archibald Arnott vom 20. Regiment. Es war der 1. April 1821. Dr. Arnott bezeichnete gleich den Magen als Krankheitsherd, was von Napoleon heftigst bestritten wurde. Später verabreichte der Engländer dem sich zunächst sträubenden Patienten die übergroße Dosis von 0,6 Gramm Kalomel, eine Quecksilber-Chlorid-Verbindung, ein damals häufig verwendetes Abführmittel. Napoleon dämmerte dahin, hatte aber ab und zu einige lichte Momente.

Immer wieder drangen Napoleons Ärzte darauf, dass der Kaiser in luftigeren, gesünderen Räumen untergebracht werden sollte. Erst kurz vor seinem Tode wurde, allerdings auf demselben ungesunden Plateau, ein neues und besser eingerichtetes Haus fertiggestellt. Doch Antommarchi weigerte sich jetzt, den Sterbenden umzulogieren, der "in einer Hütte zu Tode gequält worden ist und jetzt in einem Palaste den letzten Atemzug tun sollte"(18)

Das für Napoleon vorbereitete neue Haus, welches der Sterbende jedoch nicht mehr bezog.
(T.E.Fowler, St.Helena)

Am 10. April, als sich Napoleon sehr schwach fühlte, legte er die Hand auf die Leber und stöhnte: "Le foie!" ("Die Leber"). Im rechten Hypochondrium hatten die Ärzte schon vorher eine sehr schmerzhafte Geschwulst festgestellt, die sich im Laufe der Zeit vergrößerte, wobei die heftigen Schmerzen von der Leber auf die Magengegend übergriffen. Die Schmerzen nahmen an Heftigkeit so zu, dass der Patient die Besinnung verlor. Als er am 27. und 28. April dunkelfarbige, übelriechende Flüssigkeit, wie Kaffeesatz, erbrach, vermutete Arnott Magenkrebs als die Ursache, während Antommarchi für eine klimabedingte Krankheit plädierte, was Napoleons Überzeugung entsprach. Am Morgen des 2. Mai wurde der Zustand bedenklicher, es trat Irrereden ein, die Sprache war schwer vernehmlich. Am 3. Mai suchte Dr. Arnott durch abends heimlich beigebrachtes Kalomel "die Eingeweide zu reinigen", was wohl einige Erleichterung brachte, die zunehmende Schwäche aber nicht hintanzuhalten vermochte.

Nach langem qualvollen Leiden machten sich am 5. Mai 1821 morgens gegen 2 Uhr die Vorboten des Todes bemerkbar. Der Kaiser bekam Zuckungen und stieß zusammenhanglose Worte aus. Er sprang aus dem Bett und riss den bei ihm wachenden Grafen Montholon mit sich zu Boden. Wieder ins Bett gebracht, erbrach er kaffeeartige Massen. "Die Atmungsbeschwerden waren sehr groß, er hatte das Schluckvermögen vollständig verloren. Sein Unterkiefer fiel herunter, seine Augen waren starr" (Dr. Arnott) (19)

Die letzte Eintragung in Antommarchis Tagebuch vom 5. Mai 1821 lautet: "Er kann nichts mehr hinunterschlucken. Die Atmung ist von einer starken Bewegung der Bauchmuskeln begleitet. Die Augenlider bleiben starr, die Augen verdrehen sich nach oben. Der Puls setzt aus... Seine Lippen bedecken sich mit leichtem Schaum. Er hat aufgehört zu sein..."

Abb ...
Die Totenmaske wurde am 5.Mai 1821 von Antommarchi abgenommen, der Napoleon vorher noch alle Haare abgeschnitten hatte. Sie erinnert an die Gesichtszüge des jungen Konsuls.

Die unsinnigen Medikationen, die vor allem Arnott verordnetet (20), beschleunigten nur die seit sieben Monaten bestehende Krankheit und machten sie noch schmerzhafter: Chinarinde, Kalomel, Brechmittel, häufige Klistiere wechseln mit Blasenpflastern und Kauterisation. Solange der Patient noch über Kräfte verfügte, wehrte er sich wütend. Dann aber ließ er diesen Unfug über sich ergehen.

Die selbst von Napoleon noch zu Lebzeiten gewünschte Sektion fand 23 1/2 Stunden nach dem Tode am
6. Mai zu Longwood in Anwesenheit verschiedener Persönlichkeiten statt und dauerte anderthalb Stunden. Die Briten sprachen von einer "brutalen Obduktion, bei der vor der geöffneten Leiche gestritten wurde und ein Stümper General Bonaparte - wie auf der Fleischbank - ausweidete"(21). Sie meinten damit Antommarchi, der die Obduktion vornahm und sich weigerte, das von englischen Ärzten angefertigte Protokoll zu unterzeichnen (22), da darin hauptsächlich von einem "krebsigen Zustand des Magens" gesprochen wird (23). Hatte doch der Gouverneur den Ärzten bei Strafe verboten, im Obduktionsbefund ein Leberleiden anzuführen, das man mit dem Klima der Insel hätte in Verbindung bringen können.

Das von den englischen Ärzten angefertigte Protokoll besagt, dass die Leber des großen Korsen keine krankhaften Veränderungen aufwies, hingegen befand sich in der kleinen Kurvatur des Magens ein krebsartiges Geschwür, das die Magenwand perforierte. Durch eine enge Verwachsung des linken Leberlappens mit der Magenwand wurde ein Austritt des Mageninhaltes in die Bauchhöhle vereitelt. Im Bericht Antommarchis hingegen kann man nachlesen, dass die Leber schwere Veränderungen aufwies, des Weiteren nicht nur mit der Magenwand verwachsen war, sondern auch mit dem Zwerchfell. Außerdem war sie verhärtet und stark vergrößert. Das Gleiche galt für die Milz. Die diffuse Lebervergrößerung und die Verwachsungen mit Zwerchfell und Magen sprechen für eine alte chronische Hepatitis.

Mein Jenenser Fakultätskollege, der Pathologe Professor Walther Fischer, der von 1913 bis 1919 als Dozent an der "Deutschen Medizinschule für Chinesen" in Shanghai tätig war und während dieser Zeit viele amöbenbedingte Leberabszesse beobachten konnte, bestätigte mir, dass ein durch Amöben verursachter Leberabszess mit Durchbruch in den Magen weit besser zum klinischen Bild passe als die britische These: Magenkrebs. Die in der Krankengeschichte erwähnte schmerzende Geschwulst scheint durch den Leberabszess bedingt gewesen zu sein, der sich am Tage der größten Schmerzen öffnete und in den Magen einbrach. Dies wäre natürlich nicht möglich gewesen, wenn zwischen der Leber und dem Magen keine Verwachsung bestanden hätte. Dann hätte sich der Eiter in die offene Bauchhöhle ergossen, und es wäre schon früher zu einer tödlich verlaufenden Peritonitis gekommen (24).

Dass Antommarchi außerstande war, die richtige Diagnose zu stellen, ist begreiflich, zumal zu jener Zeit das klinische Bild der Amöbeninfektion und ihrer Komplikationen unbekannt war (25). Er hielt die dysenterischen Beschwerden und die fieberhafte Lebererkrankung für selbstständige, von einander unabhängige, durch das mörderische Tropenklima bedingte Leiden. Letztere Vermutung war richtig, was die gesamte epidemiologische Situation von St. Helena auch nachträglich bestätigt. Doch der Verdacht, die Engländer hätten Napoleon vergiftet, verstummte bis heute nicht. Wenn man in Napoleons Haaren spektrometrisch Arsen nachgewiesen hat, so bedeutet das noch keineswegs, dass ihn die Engländer vergiftet hätten. Wurde doch Arsen noch im 19. Jahrhundert von vielen Ärzten bei fieberhaften Erkrankungen als Antipyreticum verschrieben. Sogar Heim (1747-1834), der populärste Arzt im alten Berlin, wandte noch bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts bei der Behandlung von Malaria Arsenik an. Als ihn Hufeland einmal missbilligend fragte, wie er sich wohl zu rechtfertigen gedenke, wenn ihn der liebe Gott dereinst wegen der Verabfolgung dieses gefährlichen Giftes zur Rechenschaft zöge, lachte Heim und klopfte dabei Hufeland auf die Schulter, als spräche er zum lieben Gott: "Mein Alter, werde ich sagen, davon verstehst du nichts!" Auch bei Haut- und Geschlechtskrankheiten wurde Arsenik seit Jahrhunderten verabreicht. Wer weiß, ob Napoleon bei der verkehrten Behandlung seiner Touloner Skabies nicht auch schon solche "Medikamente" erhielt?

Die Zeitschrift Science et Vie hat unlängst zwei Haarproben von Napoleon aus seiner Zeit vor der Verbannung nach St. Helena auf Arsengehalt prüfen lassen. Beide Haarproben ergaben eine erhöhte Arsenkonzentration. "Wenn das Arsen die Todesursache gewesen wäre, hätte Napoleon drei Mal sterben müssen", zitiert Science et Vie den Leiter des Labors für Toxikologie der Pariser Polizei Ivan Ricordel. Damit wäre meine bereits vor Jahren geäußerte Vermutung, dass Napoleon nicht an einer Arsenvergiftung gestorben ist, auch experimentell bestätigt.

Das Grab in welchem Napoleon von 1821 bis zu seiner Exhumierung und Überführung nach
Frankreich im Jahre 1840 ruhte
(T.E.Fowler, St.Helena)


Anmerkungen

(1)
K. Schwartz, Clausewitz als Denker. Leipzig 1879, S. 31

(2)
Correspondance de Napoléon I, Tome 22, No. 18041, p. 411. Paris 1867

(3)
Paul Wiegler, Goethe in Briefen und Gesprächen. Leipzig 1929, S. 58

(4)
Napoleon war es wohl bekannt, was das mörderische Klima einer Strafkolonie bedeutet. Starben doch die meisten Strafgefangenen, die man aus Frankreich nach Cayenne verbannte, nach wenigen Jahren, weshalb man die "Teufelsinsel" seit 1800 auch als "trockene Guillotine" bezeichnete

(5)
Karl Reinhold, Schiffsseuchen und Hafenquarantänen. Hamburg 1868. S. 61

(6)
Las Cases (1766-1842), französischer Geschichtsschreiber, begleitete 1815 den Kaiser nach St. Helena, wo ihm dieser einen Teil seiner Memoiren diktierte. Las Cases wurde im November 1816 nach Europa zurückgeschickt, weil man ihn verdächtigte, er wolle Napoleons Flucht vorbereiten. (Er veröffentlichte das als Geschichtsquelle bedeutsame "Mémorial de Sainte Hélène", 1821-23, 8 Bde)

(7)
W. Warden, Letters written an board His Majesty's Ship the Northumberland and at Saint Helena

(8)
Warden (wie Anm. 7)- Die beißende Ärztesatire, auf die Napoleon anspielt, befindet sich in einem berühmten Schelmenroman des 18. Jahrhunderts und lautet: je veux tout à l'heure (dit le Docteur Sangrado) te découvrir le fin de l'art salutaire que je professe depuis tant d'années. Les autres Médecins en font consister la connaissance dans mille sciences pénibles; et moi, je prétends t'abréger un chemin si long, et tépargner la peine d'étudier la Physique, la Pharmacie, la Botanique et l'Anatomie. Sache, mon ami, qu'il ne faut que saigner , et faire boire de l'eau chaude. Voilà! le secret de guérir toutes les maladies du Monde." etc. (Le Sage, Les aventures de Gil Blas de Santillané. Amst. et Leipz. 1767. Tom I. Liv. II, Chap. III. Pag. 166)

(9)
Bereits Engelbert Kämpfer (1651-1716), der im Dienst der Holländisch-Ostindischen Compagnie als Arzt Ende des 17. Jahrhunderts Ostasien bereiste, hat lange vor der mikrobiologischen Ära in Zusammenhang mit den Diarrhoen, die jeder Fremde dort überstehen müsse, in einem Brief aus dem Jahre 1692 vor dem Genuss von Kopfsalat gewarnt, den er als "gefährliche Giftpflanze" bezeichnete, womit er eine empirische Feststellung traf, die sich höchstwahrscheinlich aus der dort allgemein üblichen Kopfdüngung ergab. (Klaus Köhler, Ärztebriefe aus vier Jahrhunderten. Wien 1892, S. 73). Zur Verhütung der Amöbenruhr gehört auch, was man damals noch nicht wissen konnte, die Anlage fliegensicherer Latrinen und die fliegensichere Aufbewahrung von Nahrungsmitteln.

(10)
Neuerdings weiß man, dass in endemischen Gebieten nicht nur Fliegen, sondern auch Ratten mit RuhrAmöben behaftet sein können und daher bei der Seuchenverschleppung zu beachten sind.

(11)
Vier Jahre vorher hatte ein gewisser Dr. von Wedekind, der vor Napoleons Russlandfeldzug als Oberarzt am Militärhospital zu Mainz tätig war, auf Grund seiner epidemiologischen Erfahrungen erklärt: "Es ist bekannt, daß auf den Genuß von ungekochten und nicht mit siedendem Wasser abgewaschenen Gartenfrüchten, zumal von Kohlarten, in manchen Jahren leicht Erbrechen, Magenweh, Kolik und Durchfall entsteht. Ich weiß auch von einem erfahrenen und einsichtsvollen Arzte, daß die Leute, welche ihr Gemüse nicht sorgfältig reinigten, sehr häufig mit Ruhr befallen wurden, wovon andere, die diese Vorsichtsmaßregel befolgten, frei blieben." (Dr. Georg Freiherr v. Wedekind, Über die Ruhr. Frankfurt am Main 1811, S. 68-69)

(12)
Zu Las Cases, dem Napoleon in den ersten zwei Jahren auf St. Helena seine Erinnerungen diktierte, sagte er einmal über den Gouverneur: "Sie haben mir einen geschickt, der nicht nur mein Kerkermeister ist, Sir Hudson Lowe ist mein Henker."

(13)
Bei seiner Rückkehr nach England berichtete O'Meara an die Admiralität: "Ich bin der Meinung, daß das Leben Napoleons gefährdet ist, wenn sein Aufenthalt in einem Klima wie demjenigen von St. Helena verlängert wird, um so mehr, wenn die unangenehme Seite dieses Aufenthalts noch durch die ständigen Schikanen und Belästigungen erschwert wird, denen er bisher ausgesetzt war." Als er später das Tagebuch "Napoléon in Exile" (1822, 2 Bde) veröffentlichte, verlor er seine Stelle bei der Marine (P. Frémaux, Napoléon prisonnier, mémoires d'un médecin de l'empereur à Sainte-Hélène. Paris. E. Flammarion. Deuxième édition)

(14)
Reinhold (wie Anm. 5) S. 61

(15)
Zitiert nach Ralph W. Emerson, Repräsentanten des Menschengeschlechts. Leipzig 1897

(16)
Zornentbrannt soll ihn Napoleon einst beschimpft haben: "Sie sind ein Ignorant und ich bin ein noch größerer, daß ich mir das habe antun lassen." Antommarchi ist später als Arzt und Mensch viel umstritten worden. Manche Biografien Napoleons haben in ihm nur einen "korsischen Barbier" sehen wollen. Erst hundert Jahre später erfuhr man, dass er tatsächlich zum Dr. med. promoviert und eine Dissertation über den grauen Star geschrieben hatte. Nach seiner Rückkehr von St. Helena wurde er sogar Assistent bei Italiens berühmtem Anatom Paolo Mascagni (1752-1815).

(17)
Einige Stellen aus Bertrands Tagebuch mögen das belegen: "20. Januar 1821. Der Kaiser fuhr heute früh mit der Kalesche aus und frühstückte mit gutem Appetit. Wenn es so weitergeht, wird er in vierzehn Tagen gesund sein. Wenn er ißt, verdaut er gut, und er sagt dem Arzt, er fühle sich besser." - "25. Februar. Völlig unerwartet und gegen seine Gewohnheit nahm er um acht Uhr etwas Armagnac als Medizin, dann Suppe, Brei, Kartoffeln, Rahm. Er fand, alles mit Ausnahme des Rahms habe nach angebranntem Fett gerochen."

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F. Antommarchi, Les derniers moments de Napoléon. 1823 - Die führenden Politiker der "Heiligen Allianz" wussten nur zu gut, dass Napoleons Verbannung nach St. Helena einer "prolongierten Hinrichtung" gleichkam. So erklärte z. B. Metternich kurz vor dem Tode seines einstigen Gegenspielers mit zynischer Genugtuung: "Die Gelbsucht verfärbte seine Haut. Er ist nur noch ein kleiner gelber Mann. Die Engländer, die dort leben, leiden alle an entzündeter Leber. Fast täglich gibt es Begräbnisse." (A. O. Meyer, Fürst Metternich, Breslau 1926, S. 61) - Nicht umsonst wurde Napoleons Kerkermeister, Sir Hudson Lowe, Ritter des Großkreuzes des preußischen Roten Adlerordens und des Ordens pour le mérite.

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Archibald Arnett, An account of the last illness decease and post mortem appearences of Napoleon Bonaparte. London 1822.-S. Abbatucci et A. de Mets, Napoléon. Les derniers moments. La vraie figure du Dr. Antommarchi et l'énigme pathologique de Sainte Hélène. Antwerpen (Anvers) 1938. - Da Napoleons Vater und seine Schwester Flise angeblich an Magenkrebs gestorben waren und er die schlechte Gewohnheit besaß, sogar heiße Speisen im Galopptempo hinunterzuschlingen, erschien es glaubhaft, dass auch er diesem Leiden zum Opfer gefallen sei. Sogar Napoleon selbst, der sonst nur das auf St. Helena aquirierte Leberleiden gelten lassen wollte, dachte insgeheim an Karzinom und sagte daher kurz vor seinem Tode wiederholt zu Antommarchi: "Mein Körper soll seziert werden, und wenn es sich erweist, daß es wirklich Magenkrebs war, dann sagen Sie es meinem Sohne, damit er sich in acht nehme. Diese Krankheit soll in unserem Geschlecht erblich sein. Mag wenigstens mein Sohn von ihr verschont bleiben. Sie haben mir das versprochen, Doktor, vergessen Sie das nicht." (Rapport du Dr. Antommarchi. In: Mémoires de Marchand, II, 96, 97 u. 103)

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Diese von Napoleon verpönte Medikation war auch der Grund dafür, dass er kurz vor seinem Tode in seinem Testament den Namen Antommarchi, den er mit 200.000 Francs bedacht hatte, ausstreichen ließ.

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Nach der Sektion wurde der Kaiser in seinem Schlafzimmer auf einem Feldbett aufgebahrt. Dies war sein Sarkophag. Der alte blaue Mantel, den er schon in der Schlacht von Marengo getragen hatte, diente als Decke. Sic transit gloria mundi. Vom Gesicht des Kaisers nahm sein Arzt Antommarchi eine Maske ab und brachte sie nach Frankreich. Napoleon war sehr abgemagert, sodass die Echtheit der Totenmaske, die sich im Musée de l'Armée in Paris befindet, wiederholt angezweifelt wurde. Des Öfteren behauptet man im 19. Jahrhundert, sie könne schon deswegen nicht echt sein, weil die schmale und strenge Form mehr dem Gesicht des Ersten Konsuls ähnele als dem des viel stärker gewordenen Kaisers. (A. de Mets, Le masque mortuaire de Napoléon. L'art med. D'Anvers 1932, S. 81-82)

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Die wichtigste Stelle des offiziellen englischen Sektionsprotokolls lautet: "Als der Magen geöffnet wurde, fand man, daß er der Sitz einer weit um sich greifenden Erkrankung war. Seine ganze obere Partie war mit der Wölbung des linken Leberlappens verwachsen. Man löste sie ab und entdeckte einen Zoll vom Pylorus entfernt ein Geschwür, das durch die Magenwand ging, so daß man den kleinen Finger hindurchstecken konnte. Die innere Oberfläche des Magens war fast in ihrem ganzen Umfange eine Masse von krebsartiger Bildung oder Verhärtungen, die in Krebs übergehen wollten. Nur ein kleiner Teil des Magenmundes in nächster Nähe der Speiseröhre war der einzig unbeschädigte Teil. Eine reichliche flüssige Masse, Kaffeesatz ähnlich, füllte den Magen."

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Die Engländer insistierten auf dem "erblichen" Leiden, zumal es bekannt war, dass Napoleons Vater an Krebs gestorben war. Die durch Antommarchis Weigerung entstandene peinliche Situation versuchten sie damit zu erklären, dass Marschall Bertrand ihm verboten hätte zu unterschreiben, weil im Protokoll nur von einem "General Bonaparte" die Rede sei. - Antommarchi dagegen schreibt in seinen Erinnerungen: "Was hatte ich auch mit Engländern, mit einem englischen Protokoll zu tun? Ich war der Arzt Napoleons, ich hatte die Sektion gemacht, ich mußte dafür stehen. Ich konnte nicht verhehlen, keinen Rückhalt machen. Ich bot eine Abschrift meines Berichtes an, dieser taugte aber nicht zu ihrem Zweck, und so wollte man ihn auch nicht." Nach Italien zurückgekehrt schrieb Antommarchi "Les derniers moments de Napoléon." 1823 (deutsch 1825). (Rapport du Dr. Antommarchi: in: "Mémoires de Marchand." Tome II. Paris 1955)

(24)
Das Erbrechen von geronnenem Blut und kaffeesatzartiger Flüssigkeit im März 1821 führte Fischer darauf zurück, dass der Leberabszess, da der linke Leberlappen mit der Magenwand eng verwachsen war, in den Magen eingebrochen sei. Bei Napoleon trat der Tod aber nicht gleich nach dem Durchbruch des Abszesses ein. Die Verwachsungen von Leber und Magen verzögerten, wie W. Fischer 1946 meinte, das Austreten des Eiters in die Bauchhöhle und damit die tödliche Peritonitis.

(25)
Auch Jakob Bontius, der als erster Chirurg der indisch-holländischen Compagnie im Jahre 1628 auf Java anlässlich einer Belagerung eine schwere Ruhrepidemie beobachtet hatte, bei der es sich zweifellos um Amöbenruhr handelte, hatte die Beziehungen zwischen Leberaffektionen und Darmerkrankung nicht erfasst, obwohl er auf Befehl des Generals die Leichname mehrerer an Dysenterie Verstorbener obduzierte und auch bei Patienten über Leberabszesse und deren operative Behandlung bemerkenswerte Mitteilungen machte. (Wilhelm Ebstein, Über die Mitteilungen von Jacob Bontius betreffend die Dysenterie auf Java im 3. Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts. Janus VII. Livr. 6 und 7 (Juni und Juli) 1902.-Das Originalwerk führt den Titel: Jakobi Bontii in Indiis Archiatri, de medicina Indorum, Libr. IV. Lugduni Batavorum 1718 pg. 64. - Diese Arbeit des Jakob Bontius ist mit der Medicina Aegyptiorum, den Libris de Balsamo und Rhapontico des Prosper Alpine, Professor in Padua (1553-1617) in einem Bande vereinigt.


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Erschienen in Heft 12/02 (Dezember 2002 im "hamburger ärzteblatt"
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