Die unzähligen Artikel und Bücher des Hygienikers und Seuchenhistorikers Professor Stefan Winkle* sind viel mehr als einzelne Schilderungen von Ereignisfolgen. Sie behandeln Themen der Seuchen- und Kulturgeschichte, der Epidemiologie und Infektiologie, der sozialen und hygienischen Entwicklungen der antiken wie der mittelalterlichen und modernen Welt. Sie sind mehr als nur Sittengemälde, vielmehr bilden sie eine Art kulturhistorischen Fries; dokumentiert in konkreten Ereignissen von grosser Belegkraft. Die zeitgenössischen Berichte sind zum Teil mühsam erschlossenen Quellen entlegener, vergessener oder verborgener Archive entrissen. Entwicklung und Verwicklungen des aufklärerischen Denkens, das Reifen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Arbeitsmethodik, aber auch all die Hindernisse und Unbilden, die dabei überwunden werden mussten - das ist der rote Faden im Lebenswerk des Autors Stefan Winkle.
Dass es nicht um «absolute» Wahrheiten geht, dass Wissenschaft nicht Irrtumsfreiheit ist, sondern den Umgang mit dem Irrtum nur kultiviert hat, wird von Winkle hundertfach belegt: Wissenschaft hat gelernt, mit ihren Irrtümern besser umzugehen. Sie hat sozusagen Routine im Umgang mit Denk- und Beobachtungsfehlern. Winkle berichtet über die allmähliche Entwicklung der grossen Städte mit ihren unzulänglichen Abwässersystemen, über Feldlazarette und die mangelhafte Hygiene in Kriegszeiten, über Theorien zu Krankheiten und ihren Ursachen. Es geht gleichzeitig um den Fluss der Geistesgeschichte des Menschen, seine allmähliche Befreiung von Aberglauben und Unwissen. Hierbei trifft man auch auf die Mitläufer und Narren aller Zeiten, jene kleinmütigen, engherzigen oder beschränkten Menschen, denen das Hirn schon von ganz kleinen Gedanken schwindelig wird.
Winkle berichtet aber vor allem über den Geist, der uns weiterbrachte, über die gegen den Strom Denkenden, über die Veränderer der Zeittrends, die neben einem originellen Kopf auch Ausdauer brauchten, Mut und Zähigkeit, Hingabe und eine kompromisslose Loyalität zu Menschlichkeit und Vernunft. Das bannt jeden aufnahmefähigen Leser, vor allem aber den Wissenschaftler und den Politiker. Mindestens ebenso einflussreich wie intellektuelle Impulse und Gedanken kommen hier Grossmut und Opfermut, Anstand und Souveränität zum Vorschein, die unbestechlich machen gegenüber den Orden, Ornaten und Titeln, die jede Epoche für jene Bestangepassten bereithält, die sich in der Hauptfahrrinne des jeweiligen Zeitgeiststroms, im Windschatten herrschender Meinungen bewegen.
Neugierde, Engagement und Courage als Stützfaktoren des Intellekts, sozusagen als seine innere «Unruhe», sind mit allen Innovationen eng verwoben. Winkle zeigt, zu welchen Friktionen das führt. Das sollte jeden bannen, der bemerkt hat, dass dieselben Gesetzmässigkeiten auch heute noch gelten.
Es ist eine Geschichtsschilderung wie ein riesiges Altdorfer-Gemälde, so scharf und detailreich, dass man es aus jeder Entfernung anschauen kann, mit jeder denkbaren Auflösung: Immer wieder tauchen neue, übergreifende, verbindende oder auch unterteilende Strukturen auf, neue, überraschende Konturen und Details. Vom Kaiserreich steigt man hinein in die Landschaft, in das Tal, in die einzelne Schlacht, kommt zur Wunde, zum Fieber, zu den Folgen des Todes für die Familie, für die Landwirtschaft, die Nutzung der Böden, die Vegetation, die Erosion, das Klima.
Ökologische Kausalnetze werden herauspräpariert: das exzessive Waldroden im Hinterland, das Versanden der Häfen, die Versumpfung der Niederungen, das Brüten der Mücken, die Malariaverbreitung, Seuchen und Verfall - aber auch das Zurückschlagen nichtsahnend anrückender Eroberer. Wie die Wirkungen der Welt selbst: vom Ganzen zum Elementaren und dann wieder zum Ganzen zurück. Die Wirkung von Mikroben, aber auch von Büchern, von «ansteckenden» Ideen auf die Zeitgenossen, auf Politik, Feldzüge und Kriege wird analysiert.
Ganze Wellen von Eroberern oder Einwanderern gingen an eigener Ignoranz zugrunde statt am planvollen Widerstand. Beste Absichten erstickten an nicht vorhergesehenen Umständen trivialster Art. So entsteht das grosse geschichtliche Geschehen aus den Rahmengegebenheiten von Natur und Kultur und den Mosaiken der jeweiligen Zeit und ihrer Details.
So verflechten sich die Einzelbilder zu einem Riesengewebe über das Entstehen von «wissenschaffenden», wissenschaftlichen Denkweisen, von Skepsis, Kritik und systematischem Erkenntnisgewinn. Es ist die Kulturgeschichte der Seuchen zugleich eine Geschichte von Versuch und Irrtum, von erwachendem Verständnis für das Unsichtbare, ein Logbuch des Kampfes um Einsichten und Erkenntnisse, und man begreift, wie erst die Beseitigung dumpfer Unwissenheit uns auch von Krankheit und Leid, von den Unsicherheiten eines kurzen, unberechenbaren Lebens und von schweisstreibender Knochenarbeit für das tägliche Brot befreit hat. Damit erst schwanden auch die Bedingungen für Unterdrückung und äussere Unfreiheit.
Das alles ist durch tiefes Schürfen in historischen Quellen, durch die Menge exakt beschriebenen Stoffes, durch die logische Stringenz und den Gedankenreichtum Winkles zu einem «interaktiven» Lesestoff geworden: Er füllt nicht nur den Kopf - er beschäftigt ihn, ordnet neu, holt hervor, zeigt, macht erkennbar und klärt.
Dieses umfangreiche Werk ist im Grunde ein Epos von dem Entstehen unserer heutigen inneren Bilder und Vorstellungen von der Welt um uns herum, eine Chronik der zunehmenden Widerspruchsfreiheit unserer Gedanken, der wissenschaftlichen «Mentalhygiene» der Nachdenklichkeit schlechthin. Es ist ein Kalendarium des Kampfes der Neugierigen gegen die menschliche Trägheit und Ignoranz. Es ist zugleich die Geschichte der Ideen von Recht und Freiheit und damit vom Heranwachsen der uns heute vertrauten Staats- und Lebensform. Es ist kaum übertrieben zu sagen: Wer dieses Werk gelesen hat, ist in seiner Gedankenwelt nicht mehr derselbe.
Winkle erfüllt damit aber auch noch eine andere Funktion, die in den Worten Wilhelm von Humboldts vor der Preussischen Akademie der Wissenschaften (1820) als die höchste Aufgabe der Geschichtsschreibung bezeichnet wurde: «Der Geschichtsschreiber muss das Notwendige vom Zufälligen trennen, die innere Folge aufdecken, die wahrhaft wirkenden Kräfte sichtbar machen, um seiner Darstellung die Gestalt zu geben, auf der nicht etwa ein eingebildeter und entbehrlicher philosophischer Wert oder ein dichterischer Reiz derselben, sondern ihr erstes und wesentliches Erfordernis, ihre Wahrheit und Treue, beruht.» In diesem Sinne sind Quellentreue und unbestechlich korrekte Schilderung des Faktischen Winkles unersetzlicher Beitrag zur Wahrheit über unsere eigene Vergangenheit.
Er stellt im Kopf des Lesers eine Verbindung her mit unendlich viel Vergangenem, mit bewahrenswerter Menschheitserinnerung, die sonst auf Nimmerwiedersehen im Meer des Vergessens versänke. Winkle schafft dies mit einem immensen, unwiederbringlichen Wissen um aufschlussreiche Details, die selten bewahrt werden, weil sie sich im normalen Kopf so schnell auflösen.
Winkle rettet vielsagende Details der Entstehungsgeschichte unserer naturwissenschaftlichen und sozialen Erkenntnisse, macht ihre innere Logik sichtbar und ihren manchmal vergessenen - stets auch an den überwundenen Schwierigkeiten zu messenden! - zeithistorischen Stellenwert; und er tut dies in einer höchst lesbaren, geistreichen Form - ein fesselnder, einmaliger Lesegenuss.