St. Winkle

Das Sterben der mediterranen Städte
und das Überleben Venedigs



Dr. T. Steinitz (Novi Sad) in alter Freundschaft zum 70. Geburtstag

"Der Urstoff aller Dinge ist das Wasser, aus Wasser entstand alles, und ins Wasser kehrt alles zurück."
Thales aus Milet (um 640-547 v. Chr.) (1)
"Was ist die Ursache, durch welche die Seuchen entstehen, daß ansteckendes Gift so plötzlich Todesverwüstung über die Menschen haucht und die Heerden der Tiere? Viele Samen der Dinge für uns sind lebenerhaltend, andre dagegen in Menge, die wieder sich verbreiten, fördern Krankheit und Tod. Hat diese gehäufet ein Zufall und die Luft damit geschwängert, so wird sie siech. Doch der kränkliche Stoff und diese Gewalt der Verpestung kömmt aus dem Innern der Luft, wie Wolken und Nebel, die durch den Himmel ziehn; vielleicht selbst aus der Erde; steiget empor, wann Nässe zum faulenden Schlamm wird, durch unmäßige Regen und Gluten der brennenden Sonne."
Titus Lucretius Carus (97-55 v. Chr.) De rerum natura (lib. VI, 1077-1089) (2)


Trotz der genialen ätiologischen und epidemiologischen Vermutungen der Römer über die Malaria vermochte man in seuchenprophylaktischer Hinsicht auch weiterhin nicht, sich zu wirksamen Maßnahmen aufzuraffen. Nach dem Sterben der ionischen Siedlungen (Myus, Milet, Ephesos u. a.) an der Westküste Kleinasiens wiederholte sich das gleiche Phänomen an den Küsten von "Magna Graecia" (3). Viele ehemals bedeutende Städte der griechischen Siedler sind dort versunken: Sybaris, Kroton, Metapont, Lokri, Tarent in Unteritalien, Naxos, Messana, Katane, Gela, Himera, Leontinoi auf Sizilien. Einige wenige aber bieten auch heute noch mit ihren Ruinen ein überwältigendes Bild von einstiger Macht und Schönheit: Poseidonia (Paestum), Syrakus, Akragas (Agrigent, Girgenti), Selinunt, Segesta und Taormina.

Eines der bekanntesten Beispiele dieser Art in Italien ist die im Golf von Salerno von sybaritischen Griechen in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. gegründete und zu Ehren des Meergottes Poseidonia genannte Stadt, das heutige Paestum (4). Ende der Kaiserzeit fielen die Einwohner immer zahlreicher dem Sumpffieber zum Opfer, das durch die Versandung der Salsomündung und die nördlich der Stadt als Folge der Ent-waldung


Giovanni Battista Piranesi
Der Tempelhain von Paestum kurz nach seiner Wiederauffindung
Kupferstich aus dem Jahre 1786.

Entwaldung herabströmenden Berggewässer verursacht war. Schon zu Zeiten Strabos (63 v. Chr.-20 n. Chr.) hatte, wie er selbst berichtet, die Versandung der Salsomündung das Klima von Paestum ungesund gemacht. Die wenigen Überlebenden flohen auf die östlichen Anhöhen am Ausläufer des Alburnus, wo sie die Ortschaft "Caput Agnae" ("Capaccio Vecchio") gründeten (5), während die verlassene Stadt mit ihrem herrlichen Tempelhain allmählich im Gebüsch und Schilf der Sumpflandschaft versank, so daß man sich über ein Jahrtausend nicht einmal des Ortes erinnerte, wo sie einst gestanden hatte (6).

Das Sterben der mediterranen Städte - überschattet von der Malaria - setzte sich auch nordwärts an beiden Küsten Italiens fort. So wie einst Rom durch Versandung der Tibermündung seinen Hafen Ostia einbüßte, erging es im hohen Mittelalter der mächtigen Handelsstadt Siena, als sie beschloß, als Seemacht mit Pisa und Genua zu wetteifern und ca. 130 km nördlich von Ostia in Talamone einen günstig gelegenen Seehafen zu schaffen hoffte. Doch das Hafengebiet verschlammte, und die für die Flotte bereits vorgesehenen Admirale erkrankten an Sumpffieber (7). Heute zeugen nur noch die Ruinen mächtiger Befestigungen in Talamone und dessen Umgebung vom einstigen Traum der Sienesen. In der "Göttlichen Komödie" macht sich Dante als Florentiner lustig über das Fiasko der Erzfeinde seiner Vaterstadt:

"Tu li vedrai tra quella gente vana
che spera in Talamone, e perderàgli
più die speranza che a trovar la Diana;
ma più vi perderanno gli ammiragli."

Purgatorio XIII, 151-154 (8) Die Verlandung von Hafenstädten war im Norden an der Ostküste Italiens besonders auffallend. Als Kaiser Augustus (63 v. Chr.-14 n. Chr.) - wie Suëton und Tacitus berichten - die eine Hälfte der römischen Flotte, die den Osten des Mittelmeerraumes zu ihrem Aktionsgebiet zählte, von Misenum nach Ravenna verlegte (9), befand sich diese Stadt, die heute 10 km landeinwärts liegt, noch an der Küste. Südlich von ihr entstand damals der Kriegshafen "Portus Classes" (10), der - wie es bei Dio Cassius heißt - Platz für 250 Schiffe hatte (11). Obwohl Ravenna und Classis schon damals von Lagunen umgeben waren, kam der Malaria noch keine besondere Bedeutung zu. Die Lagunen wurden nämlich, wie Vitruv berichtet (I. 4,11), von Zeit zu Zeit immer wieder überflutet, wodurch sich die Mückenbrut im salzigen Seewasser nicht entwickeln konnte. Auch der Geograph Strabo schildert Ravenna als "gesund - infolge der reinigenden Meeresfluten" (12). Damals mündete noch ein Arm des Po (Padus) bei Ravenna in die Adria. Aber gerade dieser Fluß - mit seinem Reichtum an Schotter und Sinkstoffen - bewirkte eine schnell fortschreitende Versandung und Versumpfung des Mündungsgebietes (13). Da infolgedessen die sanierenden Überflutungen der Ravenna umgebenden Lagune mit Seewasser unterblieben, war die Stadt bereits im 5. Jahrhun-dert einer ungeheuren Mückenplage ausgesetzt.

"In diesen Sümpfen", klagte damals der Dichter Appolinaris Sidonius, "kehrt sich das Gesetz der Dinge um: Mauern fallen - Wasser stehen - Türme schwimmen Schiffe stranden - Fiebernde verschmachten vor Durst - Tote werden aufgeschwemmt in ihren Gräbern" (14).

Zugleich verlagerte sich der Lauf des Po infolge fortschreitender Versandung seines Mündungsgebietes immer weiter nach Norden (15). Auch der Hafen von Clasis war damals schon längst zugeschüttet.


Der Hafen von Classis auf einem Mosaik aus dem 6. Jh.
in "Sant‘ Apollinare Nuovo" zu Ravenna.

Auch der Hafen von Clasis war damals schon längst zugeschüttet. Die Basilika "Sant‘ Apollinare in Classe" bildet heute - 9 km von der Küste entfernt - den einzigen Überrest des einstigen römischen Kriegshafens, von dessen stolzen Mauern, Türmen und Schiffen nur noch ein ravennatisches Mosaik in "Sant‘ Apollinare Nuovo" kündet (16).


Die Basilika Sant' Apollinare in Classe"
einziger Überrest der einstigen Hafenstadt Classis.

Auch das römische Hafenstädtchen Adria lag schon etwa 12 km landeinwärts vom Meer, dem es einst seinen Namen gegeben hat (17). Ravenna, wo Dante in der Nacht vom 13. auf den 14. September 1321 an Sumpffieber starb, war noch vor wenigen Jahrzehnten ein gefürchteter Malariaherd (18).

Die Obrigkeit einer einzigen Stadt in der nordwestlichen Ecke der Adria, deren Ge-schichte mit dem lapidaren Satz beginnen könnte: "Im Anfang war die Lagune!", hat aus dem Schicksal seiner südlichen Nachbarn die nötige Lehre gezogen und Maßnahmen getroffen, denen sie ihr Überleben zu verdanken hat. Es handelt sich um Venedig, die "Serenissima der Adria".

Doch zum genaueren Verständnis vorher einige Details aus der Geschichte der Erlauchten Republik von San Marco. Die Lagune (19), in der Venedig errichtet wurde, ist eine riesige Wasserfläche zwischen der Mündung des Tagliamonto und der Etsch (Adige), von der Adria getrennt und zugleich von ihr geschützt durch einen schmalen Landstreifen, jedoch täglich durchströmt von der erneuernden Flut, ohne die die "Laguna viva" eine tote, unbewohnte Region wäre. Die Lagune selbst wurde vermutlich von drei Flüssen - Sile, Piave und Brenta - geschaffen, die von den Dolomiten herabkommend, Unmengen von Schlamm und Schwemmsand mit sich führten, der sich an der Stelle, wo die in die Adria einströmenden Wassermassen ihre Schubkraft einbüßten, ablagerten und anhäuften und so allmählich den schmalen, 12 km langen Landstreifen des Lido schufen (20). Durch weitere Schlammablagerungen entstanden innerhalb der Lagune Inseln, von denen einige seit jeher von Fischern und Salzsiedern besiedelt waren (21).

Als im Jahre 452 Aquileja, das wichtigste Patriarchat der westlichen Christenheit von Attila, auf seinem Zuge nach Rom zerstört wurde, floh die Bevölkerung aus Angst vor den Hunnen auf die in der benachbarten Lagune gelegenen Inseln (22). Da aber inmitten der stürmischen Völkerwanderungszeit mit weiteren Barbareneinfällen zu rechnen war, ließ sie sich endgültig in der Lagune nieder, wohin einem die Mordbrenner nur schwer folgen konnten (23). Dort trieb man Handel mit Fischen und Salz, baute seine Siedlungen auf den verschiedensten Inseln, bis ihr Oberhaupt, der Doge, den sie mit einer Fischermütze krönten, im Jahre 811 seinen Regierungssitz auf eine von einem tiefen Kanal durchschnittenen Inselgruppe, die damals "Rivo Alto" ("Hochufer") hieß, verlegte und damit die Republik Venedig begründete (24). Das Eiland Rivo Alto, wo sich heute die Rialto-Brücke befindet, bestand einst aus Sumpf und Morast (25). Doch Machiavelli, der große Staatstheoretiker, sagte mit Recht:

"Die Menschen arbeiten entweder aus Zwang oder aus eigenem Antrieb. Die größte Kraftentfaltung zeigt sich immer da, wo der freien Wahl am wenigsten Spielraum bleibt. Es fragt sich also, ob es nicht besser wäre, Städte in unfruchtbaren Gegenden zu bauen, denn dort muß jedermann schwer arbeiten, kann sich weniger dem Müßiggang ergeben und ist gezwungen, in Einigkeit zu, leben, da wegen der Armut der Gegend wenig Grund zu Zwistigkeiten besteht" (26).

Venedig, das sich bewußt seine Lage in der Lagune gewählt hatte, mußte von Anfang an gegen die Ungunst dieser Lage ankämpfen. Was den Ost-West-Handel betraf, lag es zwar außerordentlich günstig an der Adria, gleichzeitig aber an einem Binnenmeer, das von jeder Macht, die sich östlich oder südlich dort angesiedelt hätte, jederzeit gesperrt werden konnte (27).

Um das Jahr 1000, als das ganze christliche Abendland wie gelähmt den Weltuntergang erwartete, tat das nüchterne Venedig den ersten Schritt zur Weltmacht. Der Doge Pietro Orseolo eroberte die Küsten Istriens und Dalmatiens und legte dort nicht nur Handelsplätze und Handelsfaktoreien an, sondern auch Stützpunkte für die venezianische Flotte. So begründete Venedig seine Monopolstellung im Ost-West-Handel (28). Im Jahre 1204 überredete der fast blinde 99jährige Doge Enrico Dandolo 40.000 Kreuzfahrer Byzanz zu erobern, um auf diese Weise die Überfahrt ins Heilige Land bezahlen zu können. Die meisten griechischen Inseln, vor allem Kreta, Rhodos und Korfu sowie Morea (der Peleponnes) wurden damals venezianischer Besitz (29).


Relief des Markuslöwen
Überall an der Ostküste der Adria und auf den Inseln des östlichen Mittelmeeres grüßt gebietend von vielen Kastellen und Stadttoren der Löwe von San Marco, mit der einen Pranke auf dem Evangelium. Ist das Buch geschlossen, war Friede als man den Grundstein des Gebäudes setzte. Ist es geöffnet, war Krieg. Das Buch ist fast immer geöffnet.

Der immer reger werdende Levantehandel barg natürlich die Gefahr einer Seucheneinschleppung. Doch dank seiner insularen Lage konnte Venedig viel konsequenter als alle anderen Hafen- und Handelsstädte die zur Seuchenverhütung erlassenen Absonderungsvorschriften in bezug auf ansteckungsverdächtige Importe und Personen durchführen (30). Bereits während der ersten schweren Pestepidemie wurden am 20. März 1348 vom großen Rat der Republik Venedig drei Adelige als Provveditori alla Sanitä (Gesundheitsinspektoren) gewählt (31). Bald danach bestimmte man, daß im Verdachtsfalle die aus der verseuchten Levante heimkehrenden Kaufleute erst 40 Tage ("quaranta giorni") auf der kleinen Insel S. Lazaro in der Nähe des Lido verbringen mußten, auf der früher die Aussätzigen abgesondert wurden (32). Auch andere Inseln, die heute nicht mehr existieren, dienten noch im 16. Jahrhundert bei Pestverdacht der Quarantänisierung (33). 1385 richtete man ein Amt für öffentliche Gesundheitspflege ein und befahl den venezianischen Ärzten, mindestens einmal monatlich zu medizinischen Konferenzen zusammenzukommen (34). Bei Verdacht auf Pest ging man mit unerbittlicher Strenge vor. Als Beispiel ein kurzer Ausschnitt aus der 13 Paragraphen umfassenden öffentlichen Proklamation vom 10. November 1575, die uns mit ihren rigorosen Strafandrohungen und ihren sich permanent wiederholenden Aufforderungen zur Denunziation das Gruseln lehren (35):


Die "Bocca di Leone" ("Löwenmaul')
zum einwerfen von anonymen Anzeigen befand sich in einem Gang des Dogenpalastes.
Der "Rat der Zehn", der in einem besonderen Raum am oberen Ende der"Scala d'Oro" ( Goldenen Treppe") tagte, ging den Denunziationen nach.

"Da die Clarissimi Signori Provveditori alla sanità bestrebt sind, jedes Mittel zu ergreifen, um mit Hilfe Gottes, des Herrn, diese Stadt von jedem Verdacht der Pest zu befreien (36), geben sie die folgenden Verordnungen bekannt, die jeder als unantastbar zu befolgen hat."

"§ 1. Alle, die eine Krankheit im Hause haben, müssen dies unverzüglich bei der Kirche und den Piovanen der Contrada angeben, bei Verwirken einer Strafe, wie sie die Art ihres Vergehens verdient und wie die Signori sie für richtig erachten (37). Findet sich jemand, der behaftet mit dem Übel, auf die Straße geht und der nicht angegeben worden sei, so ist er, sobald er entdeckt wird, umgehend aufzuhängen (Apicato per la golla)" (38).

"Aus den Häusern, die gesperrt (,sequestrate') sind, darf niemand herausgehen noch in sie eintreten, weder auf irgendeine Weise daraus Güter (robbe) empfangen noch herausreichen unter Strafe des Galgens. Die, welche das Vergehen anzeigen, erhalten, wenn die Denunziation sich als richtig erweist, 200 Lire unmittelbar aus den Geldern des Officio. Auch wird über Denunziation Geheimhaltung bewahrt. Sollte jemand um das Vergehen gewußt haben und es nicht denunziert haben, verfällt er in eine schwere Strafe, wie sie die Signori für gut befinden würden, und der Denunziant empfänget 200 Lire aus dem Vermögen des Delinquenten, wenn etwas da ist, andernfalls aus den Geldern des Officio" (39).

Doch neben der von Zeit zu Zeit akut auftretenden Pest gab es noch eine chronische Seuche, die infolge der Verlandungsgefahr wie ein Damoklesschwert über der Lagune schwebte: die Malaria. Allerdings hatte die venezianische Signoria mit erstaunlichem Scharfsinn frühzeitig erkannt, daß für die Sicherheit ihrer geliebten Heimatstadt nicht nur deren berühmte Vordertür die sich nach Konstantinopel und nach Osten öffnete wichtig war, sondern auch die weniger bekannte Hintertür, durch die der Schlamm aus dem Hinterland hereinzufluten drohte. Das älteste Sorgenkind Venedigs war die Brenta, die ursprünglich mitten in die Lagune floß und sie im Laufe der Zeit so zu versanden drohte, daß sie kein Schiff mehr hätte passieren können. Daher leiteten die Venezianer schon seit dem 11. Jahrhundert die Brenta ab, sehr zum Leidwesen Paduas, das dadurch seinen Hafen verlor und immer wieder versuchte, die Brenta ins alte Bett zu lenken (40). Venedig mußte daher Padua und das übrige Hinterland erobern, um die Herrschaft über die Brenta und die sonstigen Flüsse in der Hand zu behalten. Denn die Flüsse und Straßen waren in Oberitalien die Adern Venedigs, durch die der Handel Europas über die Alpen floß (41). Die Venezianer wußten: Verbündeten sich nur zwei Städte Oberitaliens, so konnte ihr Handel dadurch den Todesstoß erhalten (42). Was Venedig im Hinterland brauchte, war die politische Herrschaft über seine Handelswege, vor allem über die Alpenpässe und die Flüsse Piave, Sile und Brenta. 1402 beschloß Venedig daher, durch Eroberung der Terra ferma in den Besitz der Alpenpässe und der Flüsse Brenta und Piave zu gelangen. Unter dem Dogen Michele Steno eroberten die venezianischen Condottieri mit ihren Söldnerheeren Padua, Vicenza, Belluno, Feltre, Rovigo und Verona und holten durch die Annexion Brescias und Bergamos zum Schlag gegen Mailand aus. 1408 kontrollierte die Republik San Marco die fruchtbaren Ebenen der Lombardei, den Zugang zu den Alpenpässen und die Flüsse, die sich in die Lagune ergossen und sie zu versanden drohten (43).

"Man muß aus dem Unglück seiner Nachbarn lernen, um drohendes Unheil, auch wenn es erst unsere Enkel treffen sollte, rechtzeitig abwenden zu können", schrieb der Doge Tommaso Mocenigo (1414-1423) (44). Zweifellos spielte er damit auf das Schicksal der einstigen Nachbarhäfen Classis, Ravenna und Adria an. Aber auch der Untergang der alten Mutterstädte Venedigs im Norden der Lagune, Eraclea, Jesolo und Torcello bereiteten ihm Sorge (45). Er dachte dabei allerdings nicht an die Malaria, sondern an die Gefahren, die dem venezianischen Handel durch die Versandung drohten (46). Doch durch die Maßnahmen, mit denen die Versandung verhindert wurde, schob man unbewußt auch der Malaria einen Riegel vor.

Während Venedigs glanzvolle Geschichte als Seemacht wohl bekannt ist, weiß man nur wenig über jene fast übermenschlichen Anstrengungen, mit denen die Versandung der Lagune verhindert und damit zugleich die maritime Machtentfaltung gesichert wurde (47). Venedig bändigte mit allem Scharfsinn der Ingenieurkunst die Flüsse, die in seine Lagune und neben ihr ins Meer strömten und regelte sie bis hinunter zum umgeleiteten Po, damit sie nicht die existentielle Grundvoraussetzung seines Wohlstandes mit Erdreich füllten und in festes Land verwandelten, wie es vor allem Classis widerfahren war (48). Der venezianische Unternehmungsgeist auf hoher See (49), der die Stadt so berühmt gemacht hat, hätte sich nicht entfalten können, wenn die Republik von San Marco nicht gleichzeitig jahrhundertelang auch einen zähen militärischen Kampf um das Hinterland, die "Terra ferma", geführt hätte (50). Die Venezianer hatten nämlich erkannt, daß ihre Stadt nur dann "die Königin der Meere" bleiben würde, wenn es gelänge, das Einströmen von Schlamm in die Lagune zu verhindern. So haben sie sich jahrhundertelang mit dem regulierenden Flußbau abgemüht, westwärts bis nach Padua und weiter, südwärts bis zu den südlichsten Mündungsarmen des Po und nordwärts desgleichen, haben gegraben, umgeleitet und abgeleitet. An vielen Stellen bauten sie Wehre (51). Manche dieser riesigen und sich auf lange Zeiten erstreckenden Flußbauvorhaben dienten auch dem Reisanbau und der Öffnung heute nicht mehr wichtiger Binnenschiffahrtsverbindungen. Im ganzen aber war ihr Hauptzweck, die Lagune als Hafen und schützendes Gewässer zu erhalten.


Kartenskizze zur Erläuterung der hauptsächlichen Flußbauwerke und Anlagen zur Abwehr der Verlandung, die von der Republik von San Marco und ihren Ingenieuren geschaffen wurden.
Bei der Piave, deren Mündung nach Osten außerhalb der Lagune verlegt wurde, ist der alte Lauf gestrichelt eingezeichnet.
Die Brenta folgt nur noch teilweise dem sog. Lauf zwischen Padua und Fusina (Pfeil); der größte Teil ihres Wassers wird durch künstlich angelegte Kanäle in die frühere, heute verlandete Lagune Bròndolo und andere Mündungsbecken im Südosten geleitet. Zwei dieser Durchstiche sind eingezeichnet.
In der Umgebung von Padua bilden die Brenta und der Bacchiglione ein ganzes Netz von Wasserläufen. Wie viele andere Tieflandflüsse hatte die Sile einst einen anderen Lauf, als er hier und auf anderen modernen Karten zu sehen ist.
Um 1840 hatte die Etsch sieben Mündungsarme; heute ist es nur noch einer.

"Die Flüsse, das Meer und die Menschen
hast du zu Feinden, Venezia, weißt es und glaubst nicht daran.
Säume nicht, öffne die Augen, eh es zu spät wird.
Jag' die Flüsse von dir, zügle die Habsucht der Menschen
so bleibt allein noch das Meer, das dir immer gehorchte . . ." (52).
So heißt es im Gedicht des Ingenieurs Cristoforo Sabbadino, das in einem etwa 250 Jahre alten Referat über den Zustand der Lagune ("Inferma Veneta Laguna") zitiert wird. (Das war in jener Krisenzeit, als Venedigs Pracht und damit die Macht der Hüter der Lagunenwässer endgültig zu Ende gingen.) In den Archiven hat man seit etwa dem Jahre 1300 Zeugnisse darüber, wie streng die "Savi",die "Weisen der Serenissima", die sich später zum "Magistrato alle Acque" konstituierten, darauf achteten, daß die Lagune nicht versande. Bei dieser Wasserbehörde wurden zeitweise bis zu 12 000 Arbeiter beschäftigt (53).

Doch dieselbe Stadt, die durch übermenschliche Anstrengungen eine Versumpfung der sie umgebenden Lagune verhinderte, hat gleichzeitig durch rücksichtslose Abholzung der Wälder in den von ihr besetzten Gebieten Istriens und Dalmatiens für ihren Flottenbau und die Rammpfähle der Fundamente ihrer Paläste zur Verkarstungund Malariaverseuchung dieser Landschaft geführt. Die Berghänge Dalmatiens waren nämlich einst reich bewaldet. Nach ihrer Abholzung ist die ganze Region zu einem Karstödland geworden, dessen Name "Karst" als Begriff der trostlosesten Verödung einen bösen Klang bekommen hat (54).


Ansicht einer venezianischen Galeere des 16. Jahrhunderts
mit Dreierbänken und Einzelriemenanordnung
(aus E. A. dAlbertis: Le Construzioni Navali . . ., 1893)
Allein zur Herstellung eines jeden der zahlreichen langen Ruder benötigte man mindestens je einen Baumstamm.

Trotz aller Anstrengungen der venezianischen Wasserbehörde sprachen seit dem 16. Jahrhundert zahlreiche Berichte und Senatsbeschlüsse von der ständig sich aufdrängenden Notwendigkeit, die engen, schlecht durchfluteten Canalazzi, aber auch die Kanäle mittlerer Größe, die Rij, auszuräumen, weil sie bis zur Undurchgängigkeit für Boote mit Schmutz und Schlamm gefüllt waren. Nur in den größeren Kanälen sorgten Ebbe und Flut für eine gleichmäßige Wasserbewegung und Abschwemmung des Unrats. Schon wegen dieser Verstopfungen konnten während der Pest 1536 nur bestimmte Kanäle für die Entseuchung von Sachen in strömendem Salzwasser zugelassen werden (55). Das Erosionsmaterial der Flüsse Sile und Piave hatte, wie bereits erwähnt, einen Teil der unter Ebbe und Flut stehenden Laguna viva in eine stagnierende, durch Flußwasser ausgesüßte Laguna morte umgewandelt, die der Fiebermücke optimale Brutplätze bot (56).

Seit dem 16. Jahrhundert war es bei allen venezianischen Familien von einigem Wohlstand - Bürgern ebenso wie Patriziern - allgemein üblich, daß man als Zufluchtsort "vor der Sommerhitze und dem Fieber" ein Landhaus auf dem Festland besaß. Alljährlich am 4. Juni verließ man daher die Stadt und begab sich hinaus aufs Land. Die Gerichtshöfe und der Senat, außer in Notstandszeiten, vertagten sich (57). Diese "Sommerfrische", die zugleich eine Flucht vor der Malaria war, spielt in so manchem Lustspiel Goldonis eine Rolle.

Die Ufer der Brenta galten - weil leicht zugänglich und erreichbar - als beliebteste Gegend für den Bau von Sommervillen. Wer kein eigenes Fahrzeug für sich und sein Dienstpersonal besaß, konnte mit dem "Burchiello" hinausfahren, einer großen Barke, die täglich zwischen Venedig und Padua verkehrte. Dieses Fahrzeug wurde seit dem 17. Jahrhundert von ausländischen Besuchern viel bewundert (58).

Der gesamte Verkehr innerhalb Venedigs wurde seit jeher auf den Kanälen durch Gondeln bewältigt, von denen es heute nur noch etwa 500 gibt, deren Zahl dagegen im 1'7. Jahrhundert noch 10.000, im 15. Jahrhundert sogar 20.000 betrug. Venedig muß einst geradezu gewimmelt haben von diesen eigenartigen Fahrzeugen, die mit ihrer schwarzen Farbe ein wenig an Leichenpomp erinnern. "Schwarz wie ein Sarg" heißt es in einem Gedicht von Musset (1810-57) (59). Auf diese Weise war die Trennung des Fußgängerverkehrs vom übrigen Verkehr in Venedig schon lange verwirklicht, ehe Leonardo da Vinci eine ähnliche Regelung in seinen Entwürfen zu einer "Citta ideale" empfahl, um Mailands Verkehrchaos zu lindern (60).

Im Volksmund wird der Canal grande, die fast vier Kilometer lange Wasserstraße und Hauptverkehrsader der Stadt, kurz "Canalazzo" genannt. Die Palazzi zu beiden Seiten des S-förmig gewundenen Kanals sind Ausdruck des einstigen Reichtums venezianischer Kaufleute. "La plus belle rue, qui soit au monde", schrieb vor 500 Jahren Philippe de Commynes, Gesandter Karls VIII. von Frankreich (61). Byron, der lange Zeit am Canal grande im Palazzo Mocenigo wohnte, liebte den Canalazzo so sehr, daß er ihn oft der ganzen Länge nach durchschwommen hat. Bis vor wenigen Jahren wurde hier noch zu seinen Ehren um einen Pokal geschwommen. Gabriele d'Annunzio, der einige Zeit in der Nähe des Palazzo Correr wohnte, hütete sich wohlweislich, den Versuch ebenfalls zu wagen, wußte er doch zu gut, daß das Wasser mit Typhus- und anderen Krankheitserregern verseucht war.

Bereits am 1. Oktober 1786 schrieb Goethe: "Ich ging und besah mir die Stadt in mancherlei Rücksichten, und da es eben Sonntag war, fiel mir die große Unreinlichkeit der Straßen auf . . . Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken, auch sehe ich große Schiffe hin und wider fahren, die an manchen Orten stille liegen und das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers bedürfen . . . Ich konnte nicht unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung zu entwerfen und einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wäre, in Gedanken vorzuarbeiten. So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu kehren" ("Italienische Reise").

Und acht Tage später, am 9. Oktober 1'786, notierte er: "Wenn sie ihre Stadt nur reinlich hielten, welches so notwendig als leicht ist . . . Nun ist zwar bei großer Strafe verboten, nichts in die Kanäle zu schütten, noch Kehrig hinein zu werfen; einem schnell einfallenden Regenguß ist's aber nicht untersagt, allen den in die Ecken geschobnen Kehrig aufzurühren, in die Kanäle zu schleppen, ja, was noch schlimmer ist, in die Abzüge zu führen, die nur zum Abfluß des Wassers bestimmt sind, und sie dergestalt zu verschlimmern, daß die Hauptplätze in Gefahr sind, unter Wasser zu stehen. Selbst einige Abzüge auf dem kleinen Marcusplatze, die wie auf dem großen, gar klug angelegt sind, habe ich verstopft und voller Wasser gesehen. Wenn ein Tag Regenwetter einfällt, ist ein unleidlicher Kot, alles flucht und schimpft, man besudelt beim Auf- und Absteigen der Brücken die Mäntel, die Tabarros, womit man sich ja das ganze Jahr schleppt, und da alles in Schuh und Strümpfen läuft, bespritzt man sich und schilt, denn man hat sich nicht mit gemeinem, sondern beizendem Kot besudelt" (62).

Hinsichtlich der vielen in Venedig verbrachten Flitterwochen spöttelte auch Theophile Gautier (1852): "Man muß schon sehr verliebt sein, um den Schmutz und Gestank der Kanäle nicht störend zu empfinden." (63)

In "Wilhelm Meisters Wanderjahren" äußerte Goethe seine Befürchtung vor dem hereinbrechenden Industriezeitalter: "Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen" (3. Buch, 13. Kap.).

In Wirklichkeit liegt Venedig am Schnittpunkt zweier Lagunen. Dem Meere zu heißt sie Laguna viva, weil sie von Ebbe und Flut erfaßt wird, die ihre Wasser periodisch reinigen und erneuern. Dem Festland zu heißt sie Laguna morta, denn ihre stagnierenden Gewässer werden von Ebbe und Flut nicht erfaßt und infolgedessen auch nicht gereinigt und erneuert. In diese ergießen sich auch die fundamentzerstörenden Industrieabwässer von Mestre und Marghera.

Ähnliches empfindet man schon lange in Venedig (64). Im Jahre 1926 wurden Mestre und Marghera als Vororte Venedigs eingemeindet. Sie sind die wichtigsten Industriegebiete der Lagunenstadt, besonders Marghera mit dem Handels- und Industriehafen samt seiner chemischen Industrie. Seither werden in unverantwortlicher Weise von der benachbarten Industrie, vor allem in Mestre, die Grundwasservorräte Venedigs angezapft, auf denen die Lehmschichten ruhen, in die von den Venezianern seit Jahrhunderten Millionen von Baumstämmen für die Fundamente ihrer Kirchen und Paläste eingerammt wurden. In den letzten Jahrzehnten sinkt Venedig unverhältnismäßig schnell. Seither werden Überschwemmungen immer häufiger. Ein Schirokko, der die Adria heraufbläst, peitscht das Meer am Strand des Lido hoch und blockiert so die Mündungen, durch die das Flutwasser aus der Lagune ins offene Meer hinaus entweichen will. Diese Flutwellen werden folglich auf die Stadt Venedig zurückgetrieben und treten, wenn sie hoch sind, allmählich über die Kanäle und bedecken alle tiefer liegenden Straßen der Stadt. Im 18. Jahrhundert waren solche Überschwemmungen noch so selten, daß die Personen in Goldonis Stücken vom "Anno d'acqua alta", vom "Hochwasserjahr", sprechen konnten. Heute verwandelt die "acqua alta" jeden Winter den Markusplatz mehrmals in einen See, und es werden kleine Knüppeldämme aus auf Böcken ruhenden Planken gebaut, damit ihn die Menschen überqueren können (65). Hinzu kommt, daß im Gegensatz zu den Gondeln, von denen nur noch etwa 500 fast ausschließlich für Touristen fahren, der zunehmende Motorbootverkehr auf den Kanälen die Fundamente der immer mehr verfallenden Häuser unterspült, so daß die meisten Parterrewohnungen wegen ihrer Feuchtigkeit unbewohnbar werden (66).

In historischen Zentren westeuropäischer Städte, besonders aber in Venedig, mußte ich oft an die von zeitloser Aktualität gemachte Feststellung des ostpreußischen Arztes Johann Jacoby (1805-18'7) denken, die jener nach der schweren Cholera-Epidemie von 1866 in seiner Schrift "Gegen den Mietwucher" so definierte:

"Das größte Elend ist nicht dort, wo Wohnkasernen für arme Leute gebaut werden, sondern dort, wo der Reichtum seine Paläste im Stich gelassen hat und die Armut in diese verwahrlosten Gebäude oder Ruinen eingezogen ist. In den alten Stadtkernen mit ihren pittoresken Gassen und poetischen Winkeln, die von den Fremden so gern für einige Stunden aufgesucht und von den Malern immer wieder liebevoll verklärt werden, verbirgt sich oft das größte Elend. Es sind dies die gefährlichsten Seuchenherde, in denen die Cholera und der Typhus immer wieder aufflackern. Wenn man mit den örtlichen Verhältnissen vertrauter ist, so wird man das Empfinden nicht los, daß hier nicht nur kulturhistorisch interessante Bauten oder Stadtteile konserviert werden, sondern auch das Elend samt den verschiedensten Infektionskrankheiten . . . Denn es ist ein Unterschied, ob man in ein unter Denkmalpflege stehendes Gebäude nur einen interessierten Blick wirft oder ob man dazu verdammt ist, ein Leben lang darin zu vegetieren" (67).

Fast 100 000 Venezianer haben in den letzten 25 Jahren ihre Stadt verlassen, um in hygienischere, trockene Wohnungen auf dem Festland, vor allem in Mestre, zu ziehen (68). Ohne die Venezianer ist aber das "Museum von Mestre", wie makabre Spaßvögel die Lagunenstadt nennen, eine allmählich sterbende Stadt, was Byron schon vor mehr als 150 Jahren in seinem "Childe Harolds Pilgrimage" andeutete:

"In Venice Tassos echoes are no more,
And silent rows the songless gondolier.
Her palaces are crumbling to the shore . . ."

ANMERKUNGEN

(1)
H. Diels, Die Fragmente der Vorsokratiker. Griech. u. deutsch. 5. Aufl. Berlin 1935.

(2)
Lukrez, Von der Natur der Dinge. Leipzig 1821. Übersetzt von K. L. v. Knebel. - Der veronesische Arzt Girolamo Fracastoro (1483-1553) entnahm diesem Lehrgedicht in Anlehnung an das Wort Semina' (Samen) den Terminus für die Bezeichnung von Ansteckungsstoffen "Seminaria morbi" in seinem epochalen Werk "De contagionibus et contagiosis morbis° (1546). Die Entdeckung der Seuchenmikroben, der tatsächlichen "Samenkörner" der Infektionen in der bakteriologischen Ära, haben Fracastoros scharfsinnige Überlegungen und auch die genialen Vermutungen des römischen Atomisten Lucretius im wesentlichen bestätigt.

(3)
Mit dem Namen der "Magna Graecia" bezeichnet man seit Polybios (200-117 v. Chr.) die von Griechen seit dem B. Jh. v. Chr. besiedelten Teile Unteritaliens und Siziliens (Historiai).

(4)
Bis in die jüngste Zeit lebten in diesen Gegenden direkte Nachkommen der antiken Griechen (1933: rund 35 000) und sprachen Griechisch (G. Rohlfs, Das Fortleben des antiken Griechentums in Unteritalien. Köln 1933).

(5)
Unzählige Siedlungen und Städte in den Bergen von Apulien, Kalabrien, Lukanien und Sizilien sind auf gleiche Weise entstanden, weil die Einwohner ihre malariaverseuchten Wohnorte am Meer verließen und in die Anhöhen flohen, wo es keine todbringenden "Miasmen" bzw. Fiebermücken gab.

(6)
Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts, unter Karl III. von Bourbon, wurden die Tempelruinen wieder entdeckt, als man die neue Straße baute, die der heutigen "unteren Tyrrhena Nr. 18" entspricht.

In einem Brief vom 19. Juli 1840 an ihre Familie in Berlin berichtet Fanny Mendelssohn aus Neapel: "Sonntag machten wir die Partie nach Pästum, sahen den berühmten Tempel und die Aussicht auf den ganzen, großen Golf von Salerno, - leider darf man sich der Fieberluft wegen nicht lange aufhalten - und fuhren noch denselben Abend bis Castellamare und begrüßten mit Freuden unsern alten Vesuv, der im schönsten Abendlicht dalag" (Fanny Mendelssohns Italienisches Tagebuch, hrsg. von E. Weissweiler. Frankfurt a. M. 1982).

(7)
Talamone, heute ein romantisches Fischerdorf, überragt von einer sienesischen Festung ("Fortezza"), liegt südlich der einst so gefürchteten, auch von Dante erwähnten malariaverseuchten Maremmen (Inferno, XXIX, 49), die nach ihrer Sanierung heute als Naturpark ein Vogelparadies bilden.

(8)
"Du findest sie bei dem leichtsinn'gen Volke, / Das noch vergeblicher wie bei dem Suchen / Der Diana, Hoffnung baut auf Talamone; / Doch schlimmer geht es noch den Admiralen." In diesen Versen weist Dante zugleich ironisch auf eine weitere Fehlspekulation der an Wassermangel leidenden Sienesen hin, die in ihrer Heimatstadt durch Nachgrabungen auf eine unterirdische Quelle zu stoßen hofften, für die sie schon voreilig den Namen "Diana" wählten.

(9)
Misenum an der Nordwestspitze des Golfs von Puteoli wurde von Augustus als günstigster Naturhafen an der kampanischen Küste mit Einbeziehung Cumaes und der Seen in den phlegräischen Feldern zu einer gewaltigen Flottenbasis ausgebaut. Der bekannteste Kommandant des kaiserlichen Flottenstützpunktes war Plinius der Ältere, der 79 n. Chr. von Misenum aus den vom Vesuvausbruch bedrohten Städten Hilfe brachte und dabei selbst ums Leben kam.

(10)
Classis bedeutet lateinisch soviel wie Flotte. (P. D. Pasolini, Ravenna e le sue grandi memorie. Ravenna 1912. - E. Hutton, Ravenna. London/ Toronto 1913).

(11)
Diese Flotte war jederzeit einsatzbereit, wo immer es notwendig war, denn "in rebus bellicis celeritas amplius solet prodesse quam virtus" ("im Kriege pflegt die Schnelligkeit mehr zu nützen als die Tapferkeit"), wie der lateinische Schriftsteller Vegetius Renatus (4. Jh. n. Chr.) in seiner Schrift "Epitome rei militaris" ("Abriß der Kriegskunde") sagt.

(12)
Vitruv, De Architectura. Lib. I. cap. 4, § 11.

(13)
Der Po (im Altertum Padus) ergießt sich mit einem jährlich um 70m wachsenden siebenarmigen Delta in die Adria. Heute liegt der alte Kern Ravennas etwa 10 km von der adriatischen Küste entfernt.

(14)
T. Tomai, Storia della città di Ravenna. Pesaro 1489.

(15)
Der Gote Jordanes erzählt in anschaulicher Weise, daß dort, wo einst Schiffsmasten in den Himmel ragten, nun an stattlichen Obstbäumen die herrlichsten Früchte reiften. In der Tat dehnen sich, wo einst das Wasser in blau-grünen Farben schillerte, wie ein Mosaik in Sant Apollinare Nuovo es noch zeigt, heute weite Felder, auf denen, von Jahr zu Jahr wechselnd, Weizen und Zuckerrüben angebaut werden.

(16)
Nach der Legende "Passio Sancti Apollinaris" brachte dieser Heilige das Christentum nach Ravenna. Seine Reliquien wurden in Classis in der nach ihm benannten Basilika "Sant Apollinare in Classe" untergebracht. Als um die Mitte des 9. Jhdts. Piraten-die am Strande liegende Basilika plünderten, überführte man die Gebeine des heiligen Apollinaris nach Ravenna und setzte sie dort in der aus dem 6. Jh. stammenden Martinskirche bei, die daraufhin den Namen des Apollinaris erhielt und die man zur Unterscheidung von der gleichnamigen kleineren Kirche vor den Toren der Stadt die "Neue" nannte: "Sant Apollinare Nuovo".

(17)
Heute ist es durch das Vorrücken des Podeltas 26 km vom nächsten Küstenpunkt entfernt.

(18)
Der Hamburger Kunsthistoriker Karl Scheffler klagte noch 1911 in seinem italienischen Reisetagebuch, daß er beim Betreten von San Vitale über einen "sich bedenklich senkenden Fußboden" gehen mußte: "Unter diesen Gewölben stehen Weiber und Männer barfüßig im tiefen Morast, beschäftigt, die feuchte, miasmageschwängerte Erde hinauszuschaffen. Man blickt dann zur Seite, und es glitzert einem die sinnbetörende Mosaikpracht einer alten Chornische entgegen . . . Der Aufenthalt in dieser von Farben und Formen glühenden Einsamkeit in einer wie ausgestorbenen, fieberverpesteten alten Kirche wird zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Es setzt nicht in Erstaunen, daß die Christen in solchen Kirchen an das Paradies glauben lernten" (S. 137-138).

(19)
Lagune (an der Ostsee Haff genannt). - Venezia e sue lagune. Hrsg. von Consiglio communale. Venezia, 1842. -Giulio Lorenzetti, Venezia e il suo estuario. Milano 1944.

(20)
Lido (niederd.: Nehrung). - Am 28. April 1864 berichtete Taine in einem Reisebrief von seiner Landung am Lido, "einer langen Sandbank, welche Venedig vor dem wirklichen Meere schützt . . . Man geht vorwärts, und nach dreihundert Schritten steht man vor dem großen, nicht mehr wie vor Venedig unbeweglichen und zum See gewandelten, sondern vor dem wilden und brausenden Meere mit seinem ewigen Anprall von Ebbe und Flut und dem schmutzigen Kochen seiner Brandung" (Hippolyte Taine, Reise in Italien. Köln 1967, S. 299).

(21)
R. Bratti, Vecchie isole Veneziane. Venezia 1913, S. 9.

(22)
Grasar, Geschichte Roms und der Päpste im Mittelalter. Freiburg 1901, Bd.1., S. 74. - P. G. Molmenti, La storia di Venezia. Torino 1930, S. 21.

(23)
Nach einer alten Legende kehrten die Störche von Aquileja nicht mehr zu ihren Niststätten zurück, woraus die geflüchteten Einwohner den Schluß zogen, daß mit weiteren Verheerungen ihrer Stadt zu rechnen und eine Heimkehr daher nicht angebracht sei (Pierre Bouchet, Observatorium et admirabilium. Paris 1624, p. 9. - Molmenti [wie Anm. 22] S. 22).

(24)
Molmenti [wie Anm. 22] S. 24. - Bald danach erkor sich Venedig den Evangelisten Markus (italienisch: San Marco) zum Schutzheiligen [ebenda].

(25)
Bratti [wie Anm. 21] S. 11. - Man entdeckte jedoch, daß sich unter der Schlamm-ablagerung eine feste Schicht schweren Lehmbodens befand, und daß sich auf Pfählen, die man in dieser Unterschicht hinabrammte, hohe Gebäude errichten ließen.

(26)
Zitiert nach Molmenti [wie Anm. 22) S. 27. - M. Langewiesche, Venedig, Geschichte und Kunst. Köln 1973, S. B.

(27)
G. Luzzatto, Storia economica di Venezia dall' XI al XVI secolo. Venezia 1961, S. 30 . - Die von Venedigs Schönheit Entzückten schwärmten, es läge in der Lagune wie eine Perle in der Muschel. Die realistisch Denkenden sprachen dagegen - unter Berücksichtigung der gefährlichen geographischen Lage - von einer "Mausefalle", die jeden Augenblick zuschnappen könne.

(28)
Luzzatto (wie Anm. 27) S. 31. - Als frühmittelalterliche Chroniken im Norden zum ersten Mal von jener sagenhaften Stadt im Wasser berichteten, war man höchst verwundert: "Illa gens non arat, non seminat, non vindemiat" - ("Sie ackern nicht, säen nicht, sie pflanzen keine Reben") - "und der himmlische Vater ernährt sie doch".

(29)
Luzzatto (wie Anm. 27) S. 33. - Venedig, eine Stadt mit 200 000 Einwohnern, eroberte mit einem Schlag ein Gebiet von 8000 Quadratmeilen mit 8 Millionen Untertanen. Man überlegte damals, ob nicht die ganze Bevölkerung Venedigs die Lagunenstadt verlassen sollte, um das eroberte Konstantinopel in Besitz zu nehmen. Der Doge Pietro Ziani beschwor im Jahre 1222 seine Landsleute: "Bedenkt doch, daß hier nichts gedeiht, weder Weizen noch Vieh, daß wir alles von außerhalb herbringen müssen, bis auf den Fisch. In Konstantinopel aber hätten wir alles in Reichweite." Nur mit zwei Stimmen Mehrheit wurde dieser verführerische Plan abgelehnt (A. Battistella, La Republica di Venezia nei suoi undici secoli di storia. Venezia 1923, S. 64 ff. - Langewiesche [wie Anm. 26] S. 98. -Michelangelo Muraro u. Andre Grabar, Venedig und seine Kunstschätze. Genf 1963, S. 9).

(30)
England, das nach der Entdeckung Amerikas mit der Verschiebung des Welthandels vom Mittelmeerraum auf den Atlantik an die Stelle Venedigs rückte und ein die ganze Welt umspannendes Imperium aufbaute, war durch seine insulare Lage in einer epidemiologisch ähnlich günstigen Situation, was die rechtzeitige Erkennung von Infektionskrankheiten und die Vermeidung von Seucheneinschleppung anbelangt. Diese Situation hatte bereits Shakespeare erkannt, der sie in seinem Königsdrama "Richard II" überschwenglich rühmt:

"Dies zweite Eden, andere Paradies,
dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut,
der pestentflammten Hand des Kriegs zu trotzen,
dies Volk des Segens, diese kleine Welt,
dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt,
die ihre Dienste ihm als Mauer leistet,
als Festungsgraben, der das Haus beschützt!" ( 2. Aufzug, 1. Szene).
(31)
G. Sticker, Die Pest. Gießen 1908, 1. Teil, S. 50. - Schon während der Pestepidemie von 1348 dienten die abgelegene Insel S. Leonardo fossalama (heute nicht mehr vorhanden) und S. Marco di boccalama als Begräbnisplätze. Auch auf den Lidi, heute Stätten des überschäumenden Lebensgenusses, wurden seit der ersten großen Pestepidemie Massengräber für die Toten ausgehoben (Ernst Rodenwaldt, Pest in Venedig 1575-1577. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Jg. 1952, z. Abhandlung. Heidelberg 1953, S. 11).

(32)
Auf der Isola di S. Lazaro stand ein kleines Kloster (S. Maria de Nazareth), das 1249 gegründet wurde. Schon lange hatte dieses Kloster Pilger, die aus dem Heiligen Land kamen, besonders wenn sie krank waren, freiwillig aufgenommen und gepflegt. Vermutlich ist schon damals der Gedanke einer Absonderung, einer Isolierung aufgetaucht, indem man durch Zurückhalten der Pilger für eine gewisse Zeit zu verhüten suchte, daß sie Seuchen einschleppten. Aus den Worten Lazaro und Nazareth entstand die italienische Neuprägung "Lazaretto". Solche Lazarus-Häuser waren schon vor Einführung der Quarantäne der Aufenthalt für Aussätzige, was ja auch nur "Abgesonderte" (d. h. "Ausgesetzte") bedeutete.

(33)
So berichtet z. B. Rodenwaldt im Zusammenhang mit den Quarantänisierungsmaß-nahmen während der Pestepidemie anno 1576/77: "Einige in den Pestakten genannten Inseln sind heute nicht mehr vorhanden . . . -Lorenzetti (s. Anm. 19) berichtet von einer Insel S. Ammiano in der Nähe von Torcello, sie habe einmal 8 Kirchen besessen. Auf der heute im Bereich der Laguna morte liegenden Insel S. Marco boccalama (Lama - alter Mündungsarm der Brenta) zeugt heute nur noch ein Mäuerchen davon, daß hier einst ein Kloster stand. Von dieser Insel wurde damals noch Gebrauch gemacht" (Rodenwaldt [wie Anm. 31 ] S. 11).

(34)
H. Kretschmayr, Geschichte von Venedig. Gotha 1905.

(35)
Das folgende Zitat stammt aus Rodenwaldt "Pest in Venedig . . ." (wie Anm. 31) S. 55.

(36)
Die Fiktion, es handle sich nur um einen Verdacht, versuchten die Behörden solange wie möglich aufrechtzuerhalten, da sie Nachteile für den Handel befürchteten. Diese Methode der Verheimlichung wurde auch später im Falle der Cholera praktiziert, wie es Thomas Mann in seiner Novelle "Der Tod in Venedig" so faszinierend schildert.

(37)
Die "Schuldigen" landeten gewöhnlich im Gefängnis, kräftigere Männer dagegen wurden zur Zwangsarbeit bei der Regulierung der in die Lagune sich ergießenden Flüsse oder zur Galeere verurteilt und teilten das Schicksal des Schiffes, auf dessen Ruderbank die ihr trostloses Dasein verbringen mußten. Noch heute hat im Italienischen der Ausspruch ~andare in galera" ("auf die Galeere gehen") die Bedeutung "ins Gefängnis kommen".

(38)
Der venezianische Staat ersparte sich durch ein raffiniert ausgeklügeltes Denunziationssystem viel Geld für weitere Sbirren (d. h. Geheimagenten). Nicht nur im Vorzimmer vom Tagungsraum des "Consiglio di Dieci" ("Rat der Zehn", d. h. Organ der öffentlichen Sicherheit), war die berüchtigte "Bocca di Leone" angebracht, wohin die Denunziationen, auch anonyme, eingeworfen werden konnten. Auch andere Magistrate hatten Einwurfsöffnungen in Form einer Maske. Eine solche für den Magistrato della sanita ist noch erhalten am Zattere, unmittelbar neben der Kirche "Santa Maria del Rosario" allgemein "I Gesuati" genannt. Dem Denunzianten wurde die Belohnung gesichert, entweder aus dem Besitz des Denunzierten oder aus öffentlichen Mitteln. Zugleich gewährte man ihm Sicherheit gegen Rache, indem ihm Geheimhaltung gelobt wurde. In manchen Fällen konnte man sich durch die Denunziation einen Doppelverdienst verschaffen, indem man nicht nur den Übertreter denunzierte, sondern auch denjenigen, der anständig genug gewesen war, jenen nicht anzuzeigen.

(39)
Rund 46 000 Menschen, fast ein Viertel der Einwohner, waren bis Ende März 1537 der Seuche erlegen, ein Aderlaß, der die Venezianer daran hinderte, den Seesieg über die türkische Flotte bei Lepanto (1571) beizeiten auszunutzen. Zu den Pestopfern gehörte auch der 99jährige Maler Tizian, der am 27. August 1576 gestorben war. Wenige Wochen nach ihm raffte die Seuche auch dessen Sohn und Erben Orazio Veccellio dahin. Ein großer Teil des künstlerischen Nachlasses wurde von den diebischen Pestknechten ("Picegamorti") aus dem verlassenen Hause davongeschafft. Tizians Jugendfreund Giorgione war bereits 1510 derselben Seuche erlegen (A. Morosini, Descrizione della peste di 1575/1576. Übersetzung aus dem Lateinischen. Venezia 1836. Rodenwaldt [wie Arm. 31] S. 163). Palladios Erlöserkirche "Il Redentore" auf der Giudecca wurde als Dankopfer nach Erlöschen der Pestepidemie von 1575/77 errichtet. Auch die Votivkirche Santa Maria della Salute (von Baldassare Longhena) vor der Einfahrt zum Canal Brande erinnert an die schwere Pestepidemie von 1630.

(40)
Molmenti (wie Anm. 22) S. 75. - So wurde die Lagune in einen Meerwasser-See umgewandelt, der von den Gezeiten in Bewegung gehalten wird - gerade kräftig genug, um Abfälle und Unrat hinwegzuschwemmen. Diese natürliche Kanalisation machte Venedig lange zu einer der gesündesten Städte Europas, während die tückischen Schlammbänke der Lagune sie gegen Angriffe von der Landseite und vom Meer her abschirmten.

(41)
Venedig hatte im Pfefferhandel bis Ende des 15. Jhdts. Monopolstellung. Bis zu dieser Zeit trugen die Pfeffersäcke das Signum der Republik des heiligen Markus, den geflügelten Löwen (Kretschmayr [wie Anm. 34]).

(42)
"Wer die Herrschaft über die Flüsse und Pässe hat", erklärte Michele Steno, "der kann Venedig erpressen!" (Malipiero, Arm. Venen, Archiv stor. VII, I, p. 354).

(43)
Molmenti (wie Anm. 22) S. 90 ff. - Einer der venezianischen Condottieri war Bartolomeo Colleoni (1400-1435), dessen Reiterdenkmal auf dem Campo dei Santi Giovanni e Paolo steht.

(44)
Marin Sanudo, Vite de Duchi, Murat XXII, Col. 950.

(45)
Schuld am Untergang von Eraclea, Jesolo und Torcello waren die in dem nördlichen Teil der Lagune einströmenden Flüsse Sile und Piave, die mit ihrem Erosionsmaterial die unter Ebbe und Flut stehende Laguna viva in eine stagnierende, seichte Laguna morta umwandelten, in der die Fiebermücke ideale Brutplätze fand (Rodenwaldt [wie Anm. 31] S. 11).

(46)
Zweifellos galten auch für die Venezianer die boshaften Worte, mit denen Kaiser Hadrian einst die Alexandriner charakterisierte, wonach sie nur einen Gott anerkennen: das Geld ("Unus illis deus nummus erat"). Als nämlich Tommaso Mocenigo, der ein Doge der höchsten Glanzzeit Venedigs war, seine Augen schloß, galten seine letzten Worte keinem Gebet, sondern Zahlen: "Wir haben ein Handelskapital von rund 10 Millionen im Umlauf und gewinnen daraus 4 Millionen durch die Einfuhr" (Marin Sanudo, Vite de Duchi. Murat XXII, Col. 958. - Scherer, Allgemeine Geschichte des Welthandels. - Bd. I, S. 326 Anm. - Jacob Burckhardt,, Die Kultur der Renaissance in Italien. Köln 1956, S. 38. - B. Ceschetti, Il Doge di Venezia, Padua 1867, S. 47).

(47)
Von dem stillen Feldzug, den die Republik im Hinterland Jahrhunderte hindurch gegen die Natur geführt hat, wissen nur wenige. Ingenieur Vollo, der dem uralten "Magistiato alle acque" Venedigs angehörte, hat eine Zusammenfassung seiner diesbezüglichen historischen Studien unter dem Titel "L'idraulica veneta nel Rinascimento" in "Tecnice Italiana" (Riv. d'ingegn. sci), Triest 1948, Nr. 4,3 veröffentlicht.

(48)
Zweimal täglich flutet die Adria durch die drei Öffnungen, die die schmale Landbarriere unterbrechen: die "porti" vom Lido, von Malamocco und Chioggia - in die Lagune. Die Meerwasser spülen die Lagunenkanäle und fließen zurück. Wenn der Rückfluß durch Winddrift so lange aufgehalten wird bis bereits die nächste Flutwelle anbraust, tritt in Venedig Hochwasser ein. Doch die Gefahr drohte zunächst nicht von der See, sondern vom Lande her. Die Venezianer hatten deshalb verschiedene Flüsse (Po, Brenta und Piave), die die Lagune zu versanden und verlanden drohten, mittels so gewaltiger Erdbewegungen abgelenkt, daß sie an die Arbeiten beim Durchstich des Panamakanals erinnern (Molmenti [wie Anm. 22] S. 67 ff.).

(49)
Die Quelle des venezianischen Unternehmungsgeistes hat ein geistreicher Brite einst so definiert: "Der freie, kraftvolle, unwiderstehliche Geist des Wassers ist bis in den innersten Kern der Menschen gedrungen, die dort leben. In dieser Verbindung des Menschen mit seiner Umwelt offenbart sich die Persönlichkeit Venedigs, die ebenso wechselnd, so beweglich und so frei ist wie das Wasser..." (H. F. Brown, The City of Rialto, London 1887).

(50)
Als Papst Julius II, der die von Venedig nach dem Tode des Borgia-Papstes eroberten Romagna-Städte zurückforderte, den Gesandten der venezianischen Republik Gerolami Donato mit unverhohlener Ironie danach fragte, woher sich eigentlich die Signoria das Recht auf die Adria nähme, erwiderte dieser schlagfertig: "Was das betrifft, so wird Eure Heiligkeit das gewünschte Dokument auf der Rückseite der Konstantinischen Schenkung finden." Bei der Konstantinischen Schenkung" (Donatio Constantini) handelte es sich nämlich um eine gefälschte Urkunde, nach der Konstantin der Große dem Papst die Herrschaft über Rom und alle abendländischen Provinzen zugestanden haben soll. Das Original wurde niemals gefunden (G. Laehr, Die Konstantinische Schenkung in der abendländischen Literatur des Mittelalters. Leipzig 1926, S. 53. - W. Andreas, Staatskunst und Diplomatie der Venezianer. Leipzig 1943).

(51)
Ein Gemälde aus dem 18. Jhdt., auf dem das Wehr an der Brenta bei Dolo zu sehen ist, befindet sich im Ashmolean Museum zu Oxford. Mit sog. "Gradinaten" (stufenweisen Erhöhungen) versuchten die Venezianer die Geschwindigkeit und die reißende Kraft eines Wasserlaufes zu mäßigen und damit gleichzeitig das herabgeschwemmte Geröll zurückzuhalten. Zugleich pflegte man in das Bett der Wildbäche in mehr oder weniger regelmäßigen Entfernungen mehrfache Hindernisse (sog. "Riegel") einzubauen, um das Ungestüm des herabströmenden Wassers zu mildern und das mitgeführte Geröll zurückzuhalten. Die einfachsten Hindernisse zur Dämmung des Stromlaufes waren quergelegte Baumstämme (Angeln Celli, Die Malaria nach den neuesten Forschungen. Berlin/Wien 1913, S. 231).

(52)
S. Romanin, Storia documentata di Venezia. Venedig 1914, S. 72. A. Medin, La storia della republica di Venezia nella poesia, Lugano 1908.

(53)
Molmenti (wie Anm. 22) §. 76 ff. - Luzzatto (wie Anm. 27) S. 91.

(54)
Lovro Pulanc, Die Verkarstung Istriens und Dalmatiens. Agram 1905, S. 18 ff.

(55)
Rodenwaldt (wie Anm. 31) S. 10. - Im 25. Venezianischen Epigramm machte sich schon Goethe bei einem Vergleich mit der Bucht von Neapel über den Zustand der seichten Laguna morte lustig: "Hast du Bajä gesehen, so kennst du das Meer und die Fische / hier in Venedig; du kennst nun auch den Pfuhl und den Frosch!"

(56)
Rodenwaldt (wie Anm. 31) S. 11. - Die überall vorhandenen Anophelen konnten sich vor allem an der langgestreckten "Riva degli Schiavoni" (Ufer der Slawen") infizieren, die ihren Namen von den slawischen Dalmatinern erhielt, die als endemisch verseuchte Gametenträger vor allem hier die für die Serenissima an ihrer Küste gefällten Baumstämme anlieferten. Noch auf Canalettos und Guardis venezianischen Gemälden kann man die Dalmatiner an ihren roten Kappen, kaffeebraunen Filzmänteln und blauen Pluderhosen erkennen.

(57)
Hugh Honour, Venedig/München 1966, S. 363.

(58)
Shakespeare (1564-1616) erwähnt in seiner Tragikomödie "Der Kaufmann von Venedig" noch anstelle des "Burchiello" eine Fähre (III. Akt, 4. Szene). Goethe, der Ende September 1786 auf dem Burchiello von Padua nach Venedig fuhr, war fasziniert vom Anblick, als er "aus der Brenta in die Lagunen einfahrend" zum erstenmal "diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik" gewahrte (Italienische Reise).

(59)
B. Ravà, Venise dans la littérature française. Paris 1919, S. 37. - Die Gondel war nicht immer schwarz, sie war früher mit Gold, Silber, Halbedelsteinen, Mahagoniintarsien und wertvollen Stoffen geziert. Unter dem Eindruck einer heranziehenden Pestepidemie erließ der Magistrat der Serenissima am 8. Okt. 1562 eine Ordonanz, mit der dem beispiellosen Luxus, den die Venezianer mit der Ausstattung ihrer Gondeln trieben, ein Ende gesetzt wurde, "um nicht durch Hybris den Gotteszorn herauszufordern".

(60)
St. Winkle, Leonardos "Città ideale" - die "Satellitenstadt der Renaissance" (Mönch. Med. Wschr. 117 [1975) 99) (s. a. Hamb. Ärztebl. 36 [19821 209).

(61)
Romanin (wie Anm. 52) S. 85. - Napoleon bezeichnete den Markusplatz als "den schönsten Salon der Welt" (Op. cit., S. 119).

(62)
Ober die mangelnde Sauberkeit Venedigs spöttelte Goethe auch im 25. Venezianischen Epigramm: "Sankt Johannes im Kot heißt jene Kirche; Venedig nenn ich mit doppeltem Recht heute Sankt Markus im Kot."

(63)
Ravà (wie Anm. 59) S. 45.

(64)
Bereits 1855 wurde der erste Versuch unternommen, große chemische Industriebetriebe in Marghera, also direkt vor den Toren Venedigs, anzusiedeln (Mario Fazio. Historische Stadtzentren Italiens, Köln 1980, S. 142).

(65)
Hugh Honour (wie Anm. 57) S. 380-381.

(66)
Von den 35 000 Wohnungen des venezianischen Stadtzentrums sind wenigstens 17.000 dringend sanierungsbedürftig. Von den 450 Palästen sind 200 baufällig, von den 200 Kirchen weit über 100 reparaturbedürftig.

(67)
Th. Bernstein, Johann Jacobi. Arzt und Politiker. Königsberg 1903, S. 47. - In Preußen begann die Organisation der Denkmalpflege auf Betreiben Schinkels u. a. mit der Einsetzung eines Konservators der Kunstdenkmäler (v. Quast) durch Kabinettsorder vom 1. Juli 1843. Auch August Bebel (1840-1913) sagte später einmal (1892) in Anspielung auf die Hamburger Katastrophe, er hätte "manchmal den Eindruck, als wäre in bestimmten Städten die Cholera unter Denkmalschutz gestellt, weil nichts ernsthaftes geschehe, um sie endgültig auszurotten" (Bernstein, Op. cit., S. 48).

(68)
Die Abwanderung aus Venedigs Altstadt weist ein äußerst bedenkliches Ausmaß auf: 1945 lebten noch 138 169 Menschen im "Centro Storico", während Mestre erst 82 620 Einwohner zählte; 1976 ist das Verhältnis genau umgekehrt: 104 829 Venezianer leben noch im eigentlichen Venedig, mehr als 210 000 wohnen nun in Mestre, einem wahrhaft urbanen Monstrum. Tagtäglich pendeln Tausende von Menschen von Mestre in die venezianische Altstadt, ihre einstige Heimat, um dort ihrer Arbeit nachzugehen (Mario Fazio, Historische Stadtzentren Italiens. Köln 1980, S. 173).


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Hamburger Ärzteblatt" Heft 10, 1984
Kontakt über ePost: Winkle@Collasius.de
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