Stefan Winkle

Johann Friedrich Struensee

Arzt-Aufklärer-Staatsmann


Vorwort zur 1. Auflage 1983 bei Gustav Fischer, Stuttgart

Als junger Assistent am Robert Koch Institut in Berlin fand ich Anfang 1940 in der dortigen Bibliothek ein Bündel vergilbter Schriften über Tierseuchen, das auch eine Abhandlung aus dem 18. Jahrhundert enthielt: "Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art sie zu heilen." (Schleswig-Hollsteinische Anzeigen 1764,Stück 7.) Der Verfasser war J. Fr. Struensee (Altona), von dem ich damals nur so viel wußte, er sei ein Abenteurer gewesen und wegen eines Verhältnisses mit der dänischen Königin hingerichtet worden. Von dieser epidemiologisch hervorragenden Arbeit, die die erstmalige Beschreibung der Maul- und Klauenseuche samt der Erwägung einer Schutzimpfung enthält, war ich so fasziniert, daß ich von da an nach weiteren Schriften und Publikationen von Struensee zu suchen begann, und da er von 1757 bis 1768 Stadtphysikus von Altona war, suchte ich immer wieder das Altonaer Stadtarchiv auf, bis es am 25. Juli 1943 durch Fliegerbomben zerstört wurde. Bei diesem Archivstudium stieß ich u. a auf eine ganze Reihe von seinen Veröffentlichungen, von denen einige in meiner Monographie «Struensee und die Publizistik» (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, Bd. 10) Hbg. 1982 im Faksimile-Druck wiedergegeben sind. Da viele zeitgenössische Berichte und Hinweise auf Struensee in wenig bekannten Publikationen, z. T. in unveröffentlichten Aktenstücken und Briefen über viele Archive (Hamburg, Kiel, Schloß Gottorf, Kopenhagen), Bibliotheken (Kopenhagen, Oslo), Museen (Kopenhagen, Celle) und im Privatbesitz zerstreut sind, habe ich jahrzehntelang in mühsamer Kleinarbeit Steinchen für Steinchen gesammelt und versucht, sie in Verbindung mit den Zuständen und Ansichten jener Epoche zu einem Mosaik zusammenzufügen. Vor allem habe ich Struensees bisher kaum beachtete 10jährige Tätigkeit als Physikus von Altona hervorgehoben, in der er fast alle seine Reformen schon publizistisch oder administrativ aufgeworfen hatte, die er später in seiner anderthalbjährigen Regierungszeit als allmächtiger dänischer Geheimer Kabinettsminister mit mehr als 1800 Kabinettsordern zu realisieren versuchte. Mit seinen aufsehenerregenden Reformen hatte er auf unblutige Weise Maßnahmen der Französischen Revolution vorweggenommen. Nach seinem Sturz wurden die Reformen zum großen Teil wieder abgeschafft. Die Folge: Struensees Erkenntnisse und Verdienste fielen der Vergessenheit, sein Name der Chronique scandaleuse zum Opfer. Vielleicht gelingt durch diesen Beitrag eine gerechtere Beurteilung und richtigere Einschätzung des verketzerten und mißverstandenen Arztes, Aufklärers und Staatsmannes, der seiner Zeit in vielem weit voraus war.

Ich danke dem Gustav Fischer Verlag für die hervorragende Ausstattung und der "Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung" für ihre großzügige Hilfe, mit der sie zum Erscheinen (der Erstauflage) dieses Buches wesentlich beigetragen hat.

Hamburg, 14. Juli 1983
Stefan Winkle


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