STEFAN WINKLE

JOHANN FRIEDRICH STRUENSEE UND DAS JUDENTUM


Dem Andenken meines unvergessenen Jugendfreundes Paul Pap (1915-1941)

Johann Friedrich Struensee ist 1737 als Sohn eines pietistischen Pastors in Halle zur Welt gekommen. Der Frühreife begann als Vierzehnjähriger sein Medizinstudium. Mit kaum zwanzig Jahren wurde er Physikus (Amtsarzt) der damals noch dänischen Stadt Altona, wo er ein Jahrzehnt tätig war und mit kühnen Reformplänen wiederholt aneckte. 1768 begleitete er seinen geisteskranken König (Christian VII.) als Reisearzt nach London und Paris und kehrte mit ihm nach Kopenhagen zurück. Er versöhnte das völlig zerstrittene Königspaar, wurde mit der Erziehung des kränklichen Kronprinzen betraut und im September 1770 ermächtigt, im Namen des Königs Kabinettsbefehle zu erlassen. In seiner anderthalbjährigen Regierungszeit als allmächtiger dänischer Geheimer Kabinettsminister erließ er mehr als 1800 Kabinettsordern zur Reformierung des Staatsapparates. Mit seinen aufsehenerregenden Reformen (Verkündung der Pressefreiheit, Einschränkung der bäuerlichen Frondienste als erster Schritt zur endgültigen Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Folter, Erweiterung der religiösen Toleranz usw.) hatte er auf unblutige Weise Maßnahmen der Französischen Revolution vorweggenommen. Dadurch zog er sich aber den tödlichen Haß des Adels und Klerus zu, wurde gestürzt, in einem Scheinprozeß zum Tode verurteilt und am 28. April 1772 enthauptet. Nach seinem Sturz wurden die Reformen zum großen Teil wieder abgeschafft. Die Folge: Struensees Verdienste fielen der Vergessenheit, sein Name der Skandalchronik zum Opfer. (1)

Im selben Jahr, als Struensee zur Welt kam (1737), wurde in Stuttgart nach dem Tode des Herzogs von Württemberg dessen Finanzminister Süß Oppenheimer von den Ständen verhaftet und später nach einem Scheinprozeß unter schimpflichsten Umständen in Stuttgart öffentlich hingerichtet. Die Schicksale von Struensee und Jud Süß weisen verblüffende Parallelen auf. Noch viele Jahre nach der spektakulären "Hinrichtung im eisernen Käfig" trällerte und pfiff man überall in deutschen Landen den damals entstandenen Gassenhauer: "Der Jud muß hängen!" (2)

Es war verhängnisvoll, daß die Emanzipation der Juden in Deutschland durch das "Hofjudentum" eingeleitet wurde. Die absolutistischen Höfe der vielen Duodezfürsten-tümer, in die das Reich nach dem Dreißigjährigen Kriege zersplittert war, brauchten nämlich viel Geld, und die Untertanen zahlten nur gezwungenermaßen ihre Abgaben. Daher ließen die Landesherren, die sich mit diesem anrüchigen Geschäft die Hände nicht schmutzig machen wollten, die Geldeintreibung meist von Juden besorgen, (3) die sich infolge ihrer Erfahrung mit Geldgeschäften auch während der Kriege überall als Heereslieferanten bewährt hatten. (4)

"Weise Personen von großem Ansehen", sagte schon der englische Lordkanzler Bacon (1561-1626), "hatten immer jemanden neben sich auf der Bühne des Lebens, einen Minister oder Diener, um den Neid aufzufangen, der sonst sie getroffen hätte [...] Jedenfalls fanden sie immer unternehmungslustige Kreaturen, die sich der Macht und des Geschäftes wegen um jeden Preis auch dem Haß auszusetzen pflegten". (5)

Solche Blitzableiter waren oft die reichen Hofjuden, doch der Blitzstrahl des angestauten Volkszorns traf in Krisenzeiten nicht nur sie, sondern in der Regel auch ihre mittellosen Glaubensgenossen. Selbst Fürsten, die sich zur Erledigung ihrer Geschäfte einzelner Juden bedienten, ließen die Ghettobewohner bei jeder Gelegenheit ihre Verachtung spüren. In Preußen mußten z.B. die Juden außer den allgemeinen Staatssteuern die verschiedenartigsten Abgaben und Einschränkungen, teilweise ausgesucht beleidigender Art, über sich ergehen lassen. So wurden unter dem Soldatenkönig die Berliner Juden genötigt, die auf den Hofjagden erlegten Wildschweine zu kaufen. (6) Alle fremden Juden durften Berlin nur durch das Rosenthaler Tor betreten, durch das sonst nur Ochsen und Schweine in die Stadt getrieben wurden. Sogar der 14jährige Moses Mendelssohn (1729-86) mußte, als er allein und mittellos aus Dessau nach Berlin kam, dieses Tor passieren und "sich vorher - wie das liebe Vieh - wägen lassen". (7)Besonders demütigend waren die Bestimmungen, mit denen man die Zahl der jüdischen Eheschließungen einzuschränken versuchte. (8)

Struensee war zwei Jahre alt, als (1739) betrunkene Hallenser Studenten einen alten Juden mit Liqueur tauften, während dabei ein Hund und eine Katze als Paten dienten. (9) Sechs Jahre später ließ der Alte Dessauer, der seine Garnison in Halle hatte, wenige Tage vor der Schlacht bei Kesseldorf (am 15. Dezember 1745) einen unschuldigen, mit einwandfreien Pässen versehenen Juden aufknüpfen, weil er ihn, ohne allen Grund, für einen Spion hielt. Der mit Lessing befreundete Gleim verließ daher den rohen Haudegen, dem er als Staatssekretär zugeordnet war. (10) Doch Gleim, als empfindsamer Poet, war "nur eine Schwalbe, die noch keinen Frühling macht". Pflegte man doch damals zum allgemeinen Gaudium neben "strangulierte" Juden vielfach auch noch einen toten Hund an den Galgen zu hängen. (11) Auch in dem Volksmärchen "Der Jude im Dorn", das eine sadistische Lust am Quälen erkennen läßt und schon lange vor seiner Aufzeichnung durch die Brüder Grimm um die Mitte des 18. Jahrhunderts als Kalendergeschichte durch die deutschen Lande spukte, wird der unschuldige Jude, nachdem man ihn beraubt und mißhandelt hatte, an den Galgen gehängt. (12) Als Struensee im Alter von 20 Jahren Physikus von Altona wurde, fand er in den beiden Elbstädten die größte jüdische Gemeinde Deutschlands vor. (13) Es waren vor allem arme Leute, die - da sie als Nichtchristen keiner Zunft angehören durften - von dem allgemein geschmähten Handel mit alten Kleidern, Lumpen und allerlei Trödelkram lebten. (14)

Das Verhalten der Hamburger gegenüber den Juden war von Anfang an zwiespältig. Während man den vereinzelt aus Portugal kommenden Juden ("Sephardim") wegen ihrer hohen Bildung oder ihrer weltweiten Handelsbeziehungen mit einem gewissen Respekt begegnete,(15) stand man den seit dem 17. Jahrhundert einströmenden, mittellosen und meist ungebildeten "Aschkenasim" äußerst ablehnend gegenüber.(16) 1646 kam es sogar zu einer Austreibung der aschkenasischen Juden aus Hamburg. 1697 konnte eine Wiederholung dieser Maßnahme nur mit Mühe durch den Senat verhindert werden. Auch im 18. Jahrhundert drohte die Bürgerschaft wiederholt mit einer Austreibung. Für einen solchen Fall betrachteten die Hamburger Juden Altona als Zufluchtsort. (17) Die Könige von Dänemark hatten früher als die Hamburger Bürgerschaft den Juden Schutzbriefe ausgestellt und ihnen die Erlaubnis zur Konstituierurig einer eigenen Gemeinde gegeben. Die Schutzbriefe verliehen den Hamburger Juden das Recht der Niederlassung und des Handels in Holstein und des Besuchs der dortigen Märkte. (18)

Die Juden erkannten bald den tieferen Sinn im Unterschied zwischen den Wappen der beiden benachbarten Städte: ein Turm mit geschlossenem Tor im Wappen Hamburgs, ein Turm mit offenem Tor im Wappen Altonas.

Im Baggesens Reisetagebuch, (19) das zu den Perlen klassischer dänischer Literatur zählt beginnt das Kapitel "Hamburg" mit den atembeklemmenden Sätzen:

"Ich habe zwar niemals Hierusalem gesehen - aber die engen Straßen, der viele Schmutz und die Menge der Juden, von denen es hier wimmelt, erwecken in mir den Gedanken, die berühmte Hauptstadt der Juden müsse dieser Stadt sehr geähnelt haben. Überall stinkende Kanäle, stinkende Märkte und stinkende Israeliten. Schmale, unreine Gassen, unzählige Peermadsensgänge, Brücken, unansehnliche Häuser, dem Einsturz nahe gotische Kirchen, eine unaujhörliche Reihe von Kramläden, die bei jedem Schritt die Frage erwecken: wer kauft, wo alle verkaufen? l...l" (18. Juni 1793). (20)

Das Verbot, offene Läden zu halten, und Aushängeschilder anzubringen, zwang die jüdischen Händler und "Hausierer" zum "Kundenfang" durch "Ausruf', d.h. lauter Ankündigung ihrer Ware.

Ein unbarmherziges Schicksal hatte sie, "auf denen Ahasvers Verdammnis zu lasten schien" (B.H. Brockes), hierher verschlagen. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß man die Legende vom "Ewigen Juden", die Anfang des siebzehnten Jahrhunderts entstand, mit Hamburg in Verbindung zu bringen suchte. (21)

Obwohl die Juden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nur ein Siebzehntel der Gesamtbevölkerung Hamburgs bildeten, erweckten sie durch ihren hektisch-lärmenden und fluktuierenden Straßenhandel mit Ausruf (vor allem bei Fremden) den von Baggesen übermittelten Eindruck der Allgegenwärtigkeit. (22) In Hamburg gab es niemals ein Ghetto; die Juden wohnten damals vor allem in der Nähe des Altonaer Tores und auf dem Dreckwall. Die erste Zählung der Hamburger Juden im Jahre 1811 ergab eine Seelenzahl von 130 portugiesischen und 6.299 aschkenasischen Juden. Die Innenstadt einschließlich der beiden Vorstädte hatte damals 106.983 Einwohner. (23)

In Altona, wo fast ausschließlich arme Juden lebten, waren diese ähnlich wie in Frankfurt - in eine einzige Gasse eingepfercht. An der Ecke der "Kleinen Papagoyenstraße", (24) die so etwas wie ein Ghetto darstellte, wohnte in den Jahren 1760-1762 der junge Physikus Struensee. Er lernte ihre Lebensweise und ihre uralten Traditionen besser kennen als die meisten seiner christlichen Zeitgenossen.

Da mir keine zeitgenössische Schilderung der "Kleinen Papagoyenstraße", die auch "Bei den Synagogen" hieß, bekannt ist, zitiere ich stellvertretend Baggesens erschütternden Reisebericht über die Frankfurter "Judengasse", ähnelten sich doch jüdische Siedlungen an Überbevölkerung, Armut und Not "wie ein Ei dem anderen":

"Den beängstigenden Eingang zu diesem Frankfurter Gosen", (25) so Baggesen, "kann ich mit nichts besser als dem Schwarmloche eines Bienenkorbes vergleichen l...l Man stelle sich ein Gewimmel von einigen tausend zerlumpten Männern, halbnackten Weibern und ganz nackten Kindern vor, in eine einzige Gasse zusammengepfercht. Welch entsetzlicher Kehrichthaufen des Elends, welch drangvoller Jammer, welch schwüler Pesthauch aus lebendigem und totem Unrat! Aus Furcht, die Ausdünstungen, könnten meine Zeilen infizieren und eine Ohnmacht der nervenschwachen, empfindsamen Leser bewirken, wage ich es nicht, auch nur eine der mannigfaltigen Gruppen magerer, abgezehrter und halbverwester Kinder Israels zu schildern, die auf den Türstufen und in der Gasse herumlungerten, saßen und krochen, oder von denen vielmehr die ganze Gasse, als ein vollmadiger Käse, zu kriechen schien". (26)

"Bei jedem Schritte sahen wir uns von laut schreienden Schacherjuden umringt, die uns alles, aber auch alles feilboten oder aufzunötigen suchten. Ihre Anzahl wuchs unaufhaltsam, zuletzt fielen sie über uns her wie ein Schwarm hungriger Raben. Zehn wollten uns Uhrketten aufschwatzen, zehn andere Schuhschnallen, zehn weitere galonierte Westen und weitere zehn alte Hosen [...] Hätten wir auch nur die Hälfte dessen, was man uns in einer halben Stunde anbot, erstehen wollen, wir würden wahrhaftig zwei Frankfurter Frachtwagen gebraucht haben, um das Zeug fortzuschaffen [...]

Ein Jude führte uns durch das Gewimmel an die Türe des Hauses, in dem er mit hundert andern wohnte. Gewiß hatte schon zum Betreten der Gasse Mut gehört; ein noch größeres Wagnis war es, diese Treppenstufen hinaufzusteigen. Die Haare sträubten sich uns, wenn wir von der mitten am Tag grabesdunklen Wendeltreppe ab und zu einen verstohlenen Blick in die schmutzigen, mit Weibern und Kindern vollgepfropften Seitenkammern riskierten. Indes folgten wir ihm bis ins oberste Stockwerk, wo er unter dem Dache eine Falltüre öffnete - und plötzlich bestrahlte die Sonne einen Pomp und Ramsch, deren Gleichen ich in der Welt nie gesehen habe. Einige hundert Barone, Offiziere, Zunftmeister und Handwerksburschen, Stutzer und Spießbürger ohne Inhalt hingen und lagen da neben- und übereinander. Es verschlug uns die Sprache vor all den Menschenlarven, besonders vor der ungeheuren Menge der mit Glanzzwirn bordierten Westen, und ich glaube nicht, daß sich im ganzen Königreich Dänemark so viele finden lassen!" (27)

"Wer durch diese Gasse geht und sich allem Schmutz zum Trotze seiner siebentausend darin eingesperrten, entrechteten Brüder nicht erbarmt,(28) wer vor diesem Miniaturbild kein Mitleid mit all den andern Juden spürt, die unter ähnlichen und schlimmeren Geschicken stöhnen, dem fehlt bestimmt etwas, entweder im Kopf oder im Herzen".(29) So weit Baggesen.

Ähnliches dürfte auch Struensee empfunden haben, als er im Frühjahr 1759 wegen des gehäuften Auftretens von "brandiger Halsbräune" (Diphtherie) in Begleitung seines jüdischen Kollegen Hartog (Hirsch) Gerson (1730-1801) verschiedene Behausungen in der "Kleinen Papagoyenstraße" aufsuchte und mit dem dort herrschenden Elend konfrontiert wurde. Hinzu kam, daß man dem mörderischen Übel, das so viele Kinder dahinraffte, völlig hilflos gegenüberstand. (30) Auch auf dem Lande ging der Würgeengel um, und die abergläubischen Bauern munkelten von Hexerei, wobei sie oft alte oder häßliche Weiber, die ihr Mißtrauen erregt hatten, verdächtigten. Um Klarheit zu schaffen, obduzierte Struensee mehrere Verstorbene und erkannte in der pharyngealen Pseudomembranbildung mit ihren Verästelungen bis in die Bronchien die eigentliche Ursache der grauenvollen Erstickungsanfälle.

"In den Leichnamen", berichtete er 1760, "findet man in der Luftröhre eine weiche, dicke, weißlichte Haut, die sie inwendig umkleidet und oft bis in die Lungenzweige fortgeht. Sie sitzt lose an der Luftröhre, so daß sie oft als eine Röhre herausgezogen, auch von den Kranken zum Teil ausgehustet werden kann". (31)

Wenige Monate später wies Gerson in der gleichen Zeitschrift darauf hin, daß diese mit Erstickungserscheinungen einhergehende Krankheit, die man daher im 16. und 17. Jahrhundert "Morbus strangulatorius" bzw. "Morbus suffocatus" nannte, bereits im babylonischen Talmud unter dem Namen "Askara" Erwähnung fand:

"Die schwerste unter allen Todesarten, die Askara, gleichet einem Taue in der Öffnung der Speiseröhre".(32) (Seder Zeraim, Traktat Berakhoth I, Fol. 8a).

Nach dieser Stelle, die wie eine Bestätigung des oben zitierten Sektionsbefundes klingt, betonte Gerson, der so oft von verzweifelten Eltern in die übervölkerte, kinderreiche "Kleine Papagoyenstraße" gerufen wurde, daß die Askara, laut Talmud, vor allem Kinder befällt (Taan IV. 27b). Während man sonst beim Ausbruch einer Seuche erst dann in den Schofar blies, "wenn mindestens drei an ihr gestorben waren, wurde bei der Askara aus Angst schon beim ersten Todesfall diese Maßregel ergriffen"(33) (T. Taan 11, 9).

Da Gerson die Halsbräune für ebenso ansteckend hielt wie die Pocken, empfahl er in Analogie an das in jedem jüdisch-orthodoxen Haushalt übliche Speiseritual mit zweierlei Eßgeschirr und Eßbesteck für den getrennten Genuß von Fleisch- und Milchgerichten, eine Trennung dieser Gerätschaften auch zwischen Kranken und Gesunden vorzunehmen.(34) Man hat den Eindruck, als versuchte Gerson den rituellen Begriff "koscher" ("rein") als Antithese dem epidemiologischen Begriff "kontagiös" entgegenzusetzen.

Struensee, der die Krankheit ebenfalls für kontagiös hielt, wünschte zum Ärger der Pastoren und Kantoren die Begleitung der Leichen an Bräune verstorbener Personen durch Schulkinder und das Kurrendesingen am offenen Sarg bzw. Grabe zu verbieten. (35)

Aus der gegenseitigen kollegialen Achtung, die sich aus dem gemeinsamen Kampf gegen eine nach längerer Zeit neu aufgetauchte unheimliche Infektionskrankheit ergab, entwickelte sich allmählich etwas, was zwischen Christen und Juden damals ungewöhnlich war, eine Art Freundschaft, die immer inniger wurde, je häufiger der junge Physikus den klugen Judenarzt an seine Tafelrunde einlud. Dort berichtete Gerson einmal von einem sephardischen Arzt, der einst in Portugal ein an Halsbräune erstickendes Kind durch Kehlkopfschnitt zu retten versuchte und von der aufgebrachten Menge erschlagen wurde, die da meinte, "der Jude habe ein christliches Kind schächten wollen". (36) Struensees Bemerkung, "daß Aberglaube und Vorurteile nirgends schädlicher sind als in der Heilkunst",(37)bezieht sich vielleicht auf diesen tragischen Vorfall, erklärt aber zugleich auch die Zurückhaltung der beiden Freunde gegenüber diesem operativen Eingriff sowie Struensees wiederholte Forderung nach einer auf genauen anatomischen Kenntnissen beruhenden Ausbildung der Chirurgen. (38)

Kurz nach dem Abflauen der Diphtherie erregte im Spätherbst 1759 eine geistesgestörte religiöse Schwärmerin, die angeblich "weder Nahrung zu sich nahm noch Entleerungen hatte", großes Aufsehen, wobei "ihre Schreie und Konvulsionen" einige um ihr Krankenlager versammelte "Frauenspersonen" ekstatisch nachzuahmen pflegten. Da Struensee als Physikus bei diesem "Konvulsionsfall" einschreiten mußte, empfahl ihm Hartog Gerson, dem ein ähnlicher, von Boerhaave beschriebener Fall bekannt war, (39) er möge mit einem Glüheisen in der Hand erscheinen und erklären, er müsse sie damit "bei jedem Anfall brennen", worauf die Konvulsionen schlagartig unterblieben. (40)

Angeregt durch dieses Vorkommnis begab sich Struensee damals nach Hamburg, um dort Einsicht in die Unterlagen eines bereits dreißig Jahre zurückliegenden ähnlichen Falles zu nehmen. Es handelte sich um eine an religiösem Wahn leidende Hamburger Gärtnerstochter (Jehnfels), die 1729 mit der Behauptung großes Aufsehen erregte, sie hätte seit Jahren weder Nahrung zu sich genommen noch Entleerungen gehabt. Der Physikus Dr. Lossau, der das Ganze für Simulation hielt, ließ sie zur Beobachtung in den Pesthof einweisen und lud zur Konsultation neun namhafte Ärzte ein, unter ihnen auch einen in Holland ausgebildeten jüdischen Arzt: Doktor Levi. Wie groß damals noch die Kluft zwischen Juden und Christen selbst in der relativ toleranten Hansestadt sein mußte, geht schon daraus hervor, daß Lossau in seinem Bericht alle anderen Ärzte mit "Herr Doktor" titulierte, den jüdischen Kollegen dagegen nur als Doktor Simon Levi Judaeus ohne den Titel "Herr" erwähnt. (41)

"Bei einem Arzt", erklärte Struensee damals (1760) "kommt es nicht darauf an, ob er Jude oder Christ oder keines von beiden ist, wenn er nur stets in dem Kranken einen leidenden und Hilfe bedürftigen Menschen sieht". (42)

In einer anderen Abhandlung empfahl Struensee, man möge geeignete Frauen "ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses in der Geburtshilfe ausbilden. (43)

Mit der Formulierung "ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses" wollte Struensee auch für Jüdinnen die Möglichkeit zur Hebammenausbildung schaffen. Man spürt hier etwas von dem Geist, der später Lessings Nathan und Mozarts Zauberföte durchweht.

Wie schwer muß das Los der Altonaer Juden gewesen sein, wenn es Gerson zu dem verzweifelten Stoßseufzer veranlaßte: "Das einzige, was diese Welt erträglich macht, sei ihre Vergänglichkeit".(44)

Die legendäre Gestalt des "Ewigen Juden", der allgemein als Sinnbild des jüdischen Wandertriebes nach der Diaspora galt, (45) personifizierte für ihn die "uralte Angst vor der Unsterblichkeit", die seines Erachtens zugleich "eine Verewigung der Strafe und des Leidens" bedeuten sollte. (46)Als Jude teilte Gerson nicht den Optimismus der Aufklärer. Auf Grund der bitteren Erfahrungen seines Volkes war er nicht nur skeptisch, sondern zutiefst pessimistisch gesinnt:

"Man haßt uns nicht nur wegen unseres Glaubens und unserer krummen Nase, sondern auch wegen gewisser Eigenschaften, für die wir eigentlich nicht schuldig sind. Man knebelt unsere Hände und beschuldigt uns, sie nicht zu benutzen. Indem man uns von den ehrlichen Berufen ausgeschlossen hat, zwang man uns zum Lumpenhandel und Wucher".(47)

Struensee, dem der alltägliche Anblick dieses Jammers in der "Kleinen Papagoyen-straße" sehr naheging, war es auch, der Hartog Gerson dazu anregte, für seine armen Glaubensgenossen eine Art poliklinischen Betriebes zwecks ambulanter Behandlung nach dem Vorbild Junckers in Halle aufzubauen. Aus dem gleichen Grunde befürwortete er in seiner Eigenschaft als Physikus und Armenarzt die Bemühungen der jüdischen Gemeinde von Altona, ein eigenes Krankenhaus zu errichten.(48)

Zugleich plädierte er für die Abschaffung "beschämender Einrichtungen", wie etwa des "Synagogenaufsehers"(49) oder der "Beisetzung von Juden außerhalb der Kirchhofs-mauer in kleineren Städten und Dörfern", wo die Israeliten keine eigenen Friedhöfe hatten. Aber noch zu Andersens Zeiten hatte sich an dieser unduldsamen Einstellung der sonst so frommen christlichen Gemeinden nichts geändert.(50)

Was Struensee als Arzt an den Juden besonders bewunderte, war ihre Nüchternheit. Diese an Abstinenz grenzende Zurückhaltung hatte die sauflustige Studentenschaft kleiner Universitätsstädte schon oft zu beschämenden Ausschreitungen gegenüber den "Enkeln Abrahams" gereizt. Struensee verabscheute bereits als Jüngling die ausgelassenen Kneipereien mit dem Ziel, sich gegenseitig unter den Tisch zu saufen. Die kleine "Anekdote", die im Anschluß an Gersons Abhandlung Der Talmud und die Arzneikunde veröffentlicht wurde, dürfte von Dr. Gerson oder sogar von Struensee stammen, dem judenfeindliche Ausschreitungen verhaßt waren: "Drei betrunkene Studenten zu Halle begegneten einem alten Juden, an dem sie ihr Mütchen kühlen wollten. 'Guten Morgen, Vater Abraham!', rief der erste. 'Guten Morgen, Vater Isaak!'. rief der zweite. 'Guten Morgen, Vater Jakob!', rief der dritte. 'Sie irren sich, meine Herren', erwiderte der Alte lächelnd, 'ich bin weder Abraham noch Isaak noch Jakob, sondern Saul, der Sohn des Kis, welcher auszog, seines Vaters Esel zu suchen, und siehe da, ich habe sie gefunden!" (51)

Als Physikus einer Hafenstadt erkannte Struensee bald, daß an der erschreckenden Ausbreitung der Geschlechtskrankheiten neben der Prostitution vor allem die Trunksucht schuld war. Daher empfahl er bereits 1761, die Branntweingewinnung mit einer hohen Steuer zu belegen, damit das Erzeugnis für die Hersteller wegen des zu geringen Nutzens reizlos und für die Menge wegen der zu hohen Kosten unerschwinglich würde. (52)

An statistischen Auswertungen besonders interessiert, fiel Struensee bald auf, daß sich unter den Geschlechtskranken und Gewaltverbrechern nur ein ganz geringer Prozentsatz von Juden befand. Er schlußfolgerte daraus: das Verschontbleiben der "Enkel Abrahams" sei vor allem ihrem Abscheu vor Trunksucht zu verdanken. Dieses Verhalten war wohl weniger aus hygienischer Erkenntnis als aus der sozialen Lage zu erklären. Da der schutzlose Jude stets viel gefährdeter als der Nichtjude war, galt für ihn Nüchternheit als dringendes Gebot. Denn ein betrunkener, randalierender Jude hätte das größte Unheil nicht allein über sich, sondern über die gesamte Judenschaft seines Wohnortes heraufbeschwören können. (53) Das war einer der Hauptgründe ihrer Mäßigkeit, zugleich aber auch eine indirekte Bestätigung von Struensees Überzeugung, die Trunksucht wirke sich als Wegbereiterin der Lustseuche aus. Es ist gewiß kein Zufall, daß im Anschluß an die Abhandlung, in der Struensee die verderbliche Rolle des Alkoholismus in der Epidemiologie der Lustseuche besonders betont, eine jüdische Parabel folgt, die vermutlich von Gerson beigesteuert wurde. Ihr kurzer Inhalt: Als Noah den Weinstock anpflanzte, kam Satan und schlachtete zunächst ein Schaf, dann einen Löwen, ferner einen Affen, schließlich ein Schwein und tränkte jeweils mit dem Blut die Wurzeln des Rebstockes. Daher sei der Mensch nach dem ersten Becher Wein zahm wie ein Lamm, nach dem zweiten Becher laut, auftrumpfend und gewalttätig wie ein Löwe, nach dem dritten geschwätzig und albern wie ein Affe und nach dem vierten unflätig wie ein Schwein, das sich im Straßenkot wälzt.(54)

Abgesehen von der Frühehe und dem strengen Sittenleben im Ghetto bewahrte die Juden in den früheren Jahrhunderten vor Geschlechtskrankheiten auch noch ein weiterer Umstand. Mit dem Auflodern der Judenverfolgungen im ausgehenden Mittelalter wurde den Israeliten das Betreten von Freudenhäusern strengstens untersagt. Die fromme und tugendhafte Obrigkeit behielt das Privileg des Bordellbesuches ausschließlich ihren christlichen Untertanen vor. Diese "sexuelle Exklusivität", die bis Ende des achtzehnten Jahrhunderts währte, verwandelte sich "seit der Entdeckung Amerikas", wie Hensler mit Recht betont, "in eine potenzierte Anwartschaft der Christen auf die Lues". (55)

Schließlich beeindruckte Struensee, der später als Minister wegen seiner rigorosen Sparmaßnahmen und Luxussteuern vom Adel als "Puritaner" gescholten wurde, die Sparsamkeit und bescheidene Zurückhaltung auch vermögender Juden. Hatten sie doch durch die Luxusverbote aus der Ghettozeit Jahrhunderte lang viel weniger Gelegenheiten als die Christen, ihr Geld auszugeben, auch mußten sie infolge ihrer ständigen Zurücksetzung im bürgerlichen Leben "allen jenen Veranstaltungen fernbleiben, die nie Geld eintrugen, sondern nur viel Geld kosteten". (56)Um die Mißgunst ihrer ohnehin feindlich gesonnenen Umwelt nicht noch mehr zu reizen, vermieden sie in der Regel mit ihrem Vermögen zu protzen.(57)

In seiner Abhandlung über den Aberglauben wies Struensee darauf hin, "daß nichts so fest im Gedächtnis des Volkes verwurzelt sei wie Vorurteile".(58) Das träfe besonders für Vorurteile zu, die sich auf die Juden bezögen. Wie recht Struensee auch darin behielt, beweist z.B. der Artikel "Jude" im vierten Band des von den Brüdern Grimm konzipierten und begonnenen Deutschen Wörterbuches:

"Von ihren schlimmen Eigenschaften", schreibt der spätere Bearbeiter, "werden namentlich ihre Unreinlichkeit sowie ihre Gewinnsucht und ihr Wuchersinn in mannigfachen Wendungen betont. Schmierig wie ein alter Jude; er stinkt wie ein Jude; widerlich schmecken wie ein toter Jude; wuchern, betrügen wie ein Jude" usw." (59)

Das Wörterbuch Grimms bringt kein einziges Zitat von Mendelssohn oder Heine und billigt den Juden keine einzige gute Eigenschaft zu. Die Bearbeiter bringen sogar ein Zitat Lessings, das einen negativen, judenfeindlichen Beigeschmack zu haben scheint: "Nein, der Henker! Es gibt doch wohl auch Juden, die keine Juden sind". (Die Juden, 22. Auftritt).(60) Bei diesem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat könnte man glauben, es widerspiegele Lessings persönliche Meinung. Dabei sind es die Worte eines verbrecherischen Spitzbuben (Martin Krumm), der sich zu Beginn des Stückes zu einer Äußerung hinreißen läßt, bei der man das Empfinden hat, als schlüge einem der mörderische Gluthauch des Holocaust entgegen:

"Ach! Mein lieber Herr, wenn Sie wollen Glück und Segen in der Welt haben, so hüten Sie sich vor den Juden, ärger als vor der Pest [...] Ich dürfte nicht König sein: ich ließe keinen, keinen einzigen am Leben [...] Ja! Wenn ich an die Messe gedenke, so möchte ich gleich die verdammten Juden alle auf einmal mit Gift vergeben".

"Wollte Gott, daß das nur die Sprache des Pöbels wäre!", ruft Lessing mit seinem Reisenden entsetzt aus (Die Juden, 2. Auftritt).

Nachdem Struensees Vater 1760 als Generalsuperintendent von Schleswig-Holstein nach Rendsburg übersiedelte, bezog der junge Physikus, der bis dahin im elterlichen Heim wohnte, ein bescheidenes Fachwerkhaus an der Ecke der "Kleinen Papagoyen-straße", der Altonaer Judengasse. Dort wohnte er mit seinem Hallenser Jugendfreund, dem Juristen David Panning, als Mieter. Trotz seines kümmerlichen Jahresgehaltes (40 Reichstaler als Physikus und 30 Reichstaler als Armenarzt) "war sein Tisch mittags stets für sechs und abends für vier Personen gedeckt".(61)Diese Gepflogenheit erinnert an Kant, bei dem die täglich geladenen Gäste ebenfalls "weniger als die Zahl der Musen und mehr als die Zahl der Grazien" betrugen. "Bei dem Mahl von bescheidener Opulenz", so später Hartog Gerson, "wurde ein umso reichhaltigeres geistiges Dessert geboten". (62)

Die Gäste seiner Tafelrunde waren abwechselnd Ärzte, Juristen, Journalisten, Offiziere und Kaufleute, vor allem solche, die viel in der Welt herumgekommen waren und daher "über anderweitig erfahrene neue Einrichtungen und Reformen" berichten konnten.

Struensee hatte damals über seinen Hamburger Kollegen J.A.H. Reimarus dessen hochangesehenen Vater, Hermann Samuel Reimarus, Rektor des Johanneums, kennengelernt; dabei gewann er auch Einsicht in dessen religionsphilosophisch und bibelkritisch höchst brisante Schrift, die der ängstlich-vorsichtige Gelehrte diplomatisch "Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" nannte und aus familiären Rücksichten nicht veröffentlichen ließ, so daß von ihrer Existenz nur wenige Personen aus seinem engsten Bekanntenkreise wußten. (63) Struensee war von dem Manuskript, das H.S. Reimarus 20 Jahre in seinem Schreibtisch verbarg, so angetan, daß er es später (noch vor Lessing) als Minister in Kopenhagen veröffentlichen lassen wollte, was aber an der Ängstlichkeit von Reimarus junior scheiterte. (64) Wie recht dieser mit seiner Vorsicht hatte, beweist der "theologische Empörungssturm", der vor allem durch den Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze entfacht wurde, als Lessing wenige Jahre später (1774-1777) nur einige Teile der Reimarus-Schrift als "Fragmente eines Unbekannten aus der Wolfenbüttler Bibliothek" veröffentlichte. Der fingierte Titel sollte den Verdacht von der Familie Reimarus ablenken und den Eindruck erwecken, als sei der Verfasser dieser durch Zufall aufgefundenen bibelkritischen Manuskripte jener geheimnisumwitterte und längst verstorbene Johann Lorenz Schmidt, der 1735 die fünf Bücher Moses in seiner Wertheimer Bibel freigeistig erläuterte und auf der Flucht vor den Orthodoxen seine letzte Zuflucht als herzöglicher Bibliothekar in Wolfenbüttel fand. Die Überlassung der unbekannten Manuskripte des Hamburger Religionsphilosophen verdankte Lessing vor allem dessen tapferer Tochter Elise Reimarus.

Es ist daher nicht verwunderlich, daß der junge Physikus Struensee, wenn er das Bedürfnis hatte, sich über religionsphilosophische Probleme zu unterhalten, neben Dr. J.A. Reimarus (1729-1814) stets auch noch zwei jüdische Kollegen zur Tafelrunde einlud: Ahron Emmerich Gumpertz (1723-1769), den einstigen Lehrer Moses Mendelssohns, und Hartog Gerson, der nicht nur als tüchtiger Mediziner, sondern auch als philosophisch gebildeter Kopf galt (65) Aus der Familie Gerson sind in Altona und Hamburg über mehrere Generationen hinweg tüchtige Ärzte hervorgegangen. In den beiden Nachbarstädten sprach man daher scherzhaft vom "Stamm der Gersoniden".

Johann Lorenz Schmidt, der verketzerte Übersetzer der Wertheimer Bibel, fand 1740 Zuflucht vor den Orthodoxen in Altona, wo er unter dem falschem Namen Schröder (oder Schröter) bei Hartog Gersons Vater, dem heimlichen Spinozisten Dr. David Gerson, wohnte. Dort übersetzte er 1742 als erster Spinozas Ethik ins Deutsche,"(66) - ein Buch, dem damals noch die Bezeichnung "liber pestilentissimus" anhaftete, und dessen Autor bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts als "toter Hund", "Erzbetrüger", "verruchter Teufel" beschimpft wurde, während sein Vorname Benedictus nur als "Maledictus" gebräuchlich war. Bezweifelte doch in seinem Theologisch-politischen Traktat Spinoza u.a. ebenso wie H.S. Reimarus die Abfassung des Pentateuchs durch Moses, die Göttlichkeit der biblischen Gesetze sowie die Inspiration der Propheten. Es klingt wie eine Paraphrase der Parabel vom verlorenen Ring, wenn Spinoza dort erklärt:

"Wer die Bibel, wie sie ist, für einen den Menschen vom Himmel herabgesendeten Brief Gottes ansieht, wird ohne Zweifel mich laut der Sünde wider den heiligen Geist anklagen, weil ich behaupte, das Wort Gottes sei fehlerhaft, verstümmelt, verfälscht und sich selbst widersprechend, dasselbe sei uns nur in Bruchstücken bekannt, und die Urschrift des Bundes, welchen Gott mit den Juden geschlossen, sei verlorengegangen". (67)

Diese Worte Spinozas, die Hartog Gerson lateinisch zu zitieren pflegte, (68) waren Struensee wie aus der Seele gesprochen. Erzählte er doch noch in der Todeszelle Pastor Münter, wie ihn seit jeher die blinde Wortgläubigkeit, der die "Heilige Schrift" als "Offenbarung" galt, gestört hat:

"In meiner Jugend habe ich immer hören müssen: das müßt ihr glauben, denn Gott hat's gesagt. Daß aber die Bibel Gottes Wort sei, das bewies man mir nicht. Ich dachte also, meine Lehrer hielten sie nur davor [dafür], weil ihre Lehrer sie davor gehalten hätten. Und diese Autorität hielt ich nicht für hinlänglich". (68)Er meinte, daß die Bibel, insbesondere die Evangelien, mit ihren vielen Widersprüchen "das Werk irrender Menschen" seien.(69) Vor allem aber störte ihn die Diskrepanz zwischen der eigentlichen Lehre Christi und ihrer willkürlichen Interpretation durch intolerante Schwärmer.(70)

Als sich Struensee 1763 mit seiner Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen in den Aufklärungsprozeß einschaltete, verwandelte sich seine Tafelrunde oft zu einem 'fidelen Redaktionskollegium",(71)dem er vor ihrer Veröffentlichung seine gesellschafts-kritischen Abhandlungen vorzulesen pflegte. In einem gegen Intoleranz und Grausamkeit gerichteten pseudotheologischen Traktat ("Über die Seelenwanderung") verurteilte er mit einem an Swift erinnernden Sarkasmus die Judenverfolgung. (72)

Ehe Struensee den ominösen Artikel "Lobrede auf die Hunde" verfaßte, in dem es nach der Art der Enzyklopädisten zwischen den Zeilen und auf allen Seiten von vielen brisanten Gedanken, die mit Aberglauben und Quacksalberei nichts zu tun haben, nur so wetterleuchtet, berichtete eines Tages an seiner Tafelrunde, laut Hartog Gerson, ein aus Rom heimgekehrter Kaufmann von den zahllosen Demütigungen, denen die Juden in der Ewigen Stadt, wie z.B. bei der Huldigungsfeier des neu erwählten Papstes und bei den Bekehrungspredigten, ausgesetzt waren. (73) Da der überlieferte Bericht Hartog Gersons über die römischen Juden auf keine Einzelheiten eingeht, sollen die Angaben von Gregorovius herangezogen werden:

"Seit dem Mittelalter mußte den neuerwählten Papst eine festliche Huldigungs- Deputation der römischen Judenschaft hinter der Hadriansbrücke erwarten und durch Überreichung der Gesetzesrolle um Duldung und Schutz anflehen. Der Papst las einige Worte daraus, reichte sie dann hinter sich und sagte: 'Wir bestätigen das Gesetz, aber das jüdische Volk und seine Auslegung verdammen wir'. Hierauf ritt er weiter und die Juden kehrten niedergeschmettert oder zur Hoffnung belebt, je nach dem, was sie mit scheuer Furcht in den Augen des Papstes gelesen hatten, in ihre Wohnungen zurück. (74)

"Mit Strenge hielt man noch im 18. Jahrhundert darauf, daß die Juden an bestimmten Tagen christlichen Bekehrungspredigten beiwohnten [...] Man sah also am Sabbat Häscher der Polizei in den Ghetto kommen und die Juden mit Peitschenhieben in die Kirche treiben, Männer, Weiber, Kinder, wenn diese über 17 Jahre alt waren. Es mußten sich mindestens 100 Männer und 50 Weiber zur Predigt einfinden. Am Eingang der Kirche zählte ein Wächter die Eintretenden; in der Kirche selbst wachten Häscher über die Aufmerksamkeit der Anwesenden, und schien ein Jude teilnahmslos oder schlaftrunken, so weckten ihn Peitschenhiebe und Stöße.(75)

Besonders demütigend empfand Hartog Gerson das "Judenrennen": "Paul II., ein Venezianer", berichtet Gregorovius, "war es, welcher im festlich begangenen Friedensjahr 1468 den Römern zuerst die Corso-Rennschauspiele zum Besten gab und auch die Juden öffentlich rennen ließ [...] Als Paul dieses Fest gab, liefen an jedem der acht Karnevalstage Pferde, Esel, Büffel und Juden [...] Wer nun je einem Corsorennen in Rom beigewohnt hat, wo jetzt der Lauf der Pferde an die Stelle des ehemaligen Judenlaufs getreten ist, und wer es gesehen hat, wie das Volk in fast furioser Aufregung mit Geschrei und grellem Gepfeife die hinwegstürzenden Tiere vorüberhetzt, der mag sich leicht vorstellen, wie in jenen barbarischen Zeiten die durch den Corso gehetzten Hebräer mehr als Spießruten laufen mußten. Später wollte das Volk den Judenlauf nicht mehr missen, und ich finde in Sprengers 'Roma nova' (vom Jahre 1667) die Nachricht, daß die Juden nackt und nur mit einer Binde um die Lenden laufen mußten, und zwar, sagt er, rennen erst die Esel, dann die Juden, dann die Büffel und dann die Berberpferde". (76)

Diese Gespräche bewogen Struensee in der damals verfaßten "Lobrede auf die Hunde" in Zusammenhang mit den Attacken gegen religiöse Intoleranz wiederholt Papst und Mönche anzuprangern. (77) Der antikatholische Anstrich der anonym erschienenen Abhandlung ließ bei manchem Leser die Vermutung aufkommen, es handle sich um eine Übersetzung aus dem Italienischen. Nur Hauptpastor Goeze, der "Papst

Hammonias" ließ sich nicht täuschen. Er erkannte die gegen jegliche Intoleranz gerichtete Tendenz und veranlaßte den Senat, die in Hamburg erscheinende Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen als eine "wider die schuldige Ehrfurcht gegen die Religion, wider die guten Sitten und wider den Respekt gegen hohe Häupter" gerichtete Zeitschrift zu verbieten. (78)

Als Struensee 1763 eine Wohnung in der Königsstraße bezog, wurde dort auch ein Hospital für die Altonaer und Hamburger Israelitische Gemeinde erbaut. (79) Das Haus stand neben dem Gelände, auf dem sich der jüdische Friedhof befindet. Struensee hatte sich als Physikus sehr dafür eingesetzt, daß sein aufgeklärter Freund Hartog Gerson trotz des Widerstandes seiner orthodoxen Glaubensgenossen die Leitung dieses Krankenhauses erhielt, (80) dessen philanthropischer Ruf sich noch lange erhalten hat. 29 Jahre nach Struensees Hinrichtung schrieb der spätere Hamburger Physikus Rambach über "die menschenfreundliche Pflege", die arme Kranke dort genossen: "Der zur Altonaer Gemeinde gehörige Teil der Juden hat in Altona ein vortrefflich eingerichtetes Lazarett, wo die Kranken freie Kur und Unterhalt genießen. In diesem wird jeder Arme, er sei einheimisch oder fremd, unentgeltlich aufgenommen". (81)Gerson, der fließend Englisch sprach, besaß eine Druckschrift über den Streit, der 1749 bei der Gründung eines jüdischen Krankenhauses in London ("The Jerusalem Infirmary") ausgebrochen war. Darin befand sich u.a. "eine Karikatur mit dem Teufel in der Mitte", die er spöttisch mit den Bedenken bei seiner Einstellung im Jüdischen Krankenhaus zu Altona in Beziehung brachte. Die orthodoxen Gemeindemitglieder begegneten dem tüchtigen, hochgebildeten Arzt wegen seiner freisinnigen Anschauungen auch später noch mit Mißtrauen. (82)

Gerson hat in diesem Krankenhaus viele neue Wege beschritten. So verwarf er z.B. bei Fleckfieber und Pocken - ebenso wie Struensee - das von den Humoralmedizinern empfohlene "beschleunigte Hervortreiben des Ausschlages durch schweißtreibende Mittel" und wandte mit bestem Erfolg "kalte Abwaschungen mit kühlenden Umschlägen" an.(83) Ferner hat Gerson in diesem Krankenhaus verschiedene neue Medikamente ausprobiert und bei der Prüfung ihrer therapeutischen Wirksamkeit als kritischer Geist zwecks Ausschaltung selbsttäuschender psychologischer Komponenten bereits eine Versuchsanordnung erwogen, die man heute "einfachen Blindversuch"(84)nennt. Dabei durften die Patienten nicht wissen, ob sie ein wirksames oder unwirksames Mittel erhalten hatten. Erst wenn durch solche Prüfungen das Vorliegen einer "Scheinwirkung" (heute spricht man von "Placebo-Effekt") ausgeschlossen war, akzeptierte Gerson das neue Mittel als wirksam. (85)

Demnach erkannte bereits Gerson, daß die Statistik als angewandte Wahrscheinlich-keitsrechnung überall dort erforderlich ist, wo Resultate von Handlungsabläufen zu beurteilen sind, die zwar gewissen Grundgesetzen gehorchen, daneben aber auch noch durch unbekannte Faktoren, durch den "Zufall", modifiziert werden.

In seiner Abhandlung über Aberglauben und Quacksalberei hatte Struensee bereits 1760 darauf hingewiesen, daß "neue Arzeneien anfangs oft Wunder wirken", nach einer gewissen Zeit aber, obwohl an ihrer Zusammensetzung nichts geändert wurde, ihre Wirksamkeit einbüßen. Für die Deutung dieses Phänomens treffen, wie er meint -die Worte der Evangelien zu: "Dein Glaube hat dir geholfen!" (Mark. 10, 52; Luk. 17, 19). (86) Auch die einleitenden Sätze von Struensees wenig beachteter und auch heute noch kaum bekannter Abhandlung über Maul- und Klauenseuche enthalten eine scharfsinnige Kritik an der Arzneimittelbeurteilung der damaligen Zeit, in der ebenfalls schon die Problematik des "Placebo-Effektes" anklingt:

"Ein Mittel", schreibt Struensee, "erwirkt sich sehr leicht Beifall und Zutrauen; der Ausgang darf nur nach dessen Gebrauch einigemale glücklich sein. Es verlieret ihn aber beinahe so geschwinde wieder, wenn man das Gegenteil davon bemerket. Jedoch kann der gute oder üble Erfolg von ganz andern Ursachen abhängen. Die unschuldigen Arzeneien oder diejenigen, so keine Wirkung haben, erhalten ihren Ruhm gemeiniglich am längsten, weil unter einer gleichen Anzahl Krankheiten, wenn sie nicht außerordentlich bösartig sind, allezeit mehrere von denjenigen geheilet werden, die sich selbst überlassen werden". (87)Ebenso wie Struensee wurde Gerson nicht müde, gegen den Vertrieb von Geheimmitteln zu wettern. Mit hintergründigem Sarkasmus wies er darauf hin, daß die Ärzte "trotz ihrer Geheimmittel" weder gesünder noch langlebiger als die übrigen Sterblichen seien. "Unter den Hundertjährigen ist mir kein einziger ärztliche Methusalem bekannt. Selbst der Ewige Jude war ein - Schuster".(88)

Es ist also klar zu erkennen, daß zwischen den beiden Ärzten ein lebhafter Gedankenaustausch gepflegt wurde und daß sie sich wechselseitig anregten.

Den eigentlichen Prüfstein für die religiöse Toleranz bildeten auch in Preußen die Juden. Doch ihnen gegenüber verhielt sich der große König peinlich zwiespältig. Wie es um Friedrichs vielgepriesene Toleranz bestellt war, die es in seinem Staate jedem erlaubte, nach seiner Fasson selig zu werden, (89) erfuhr man, als er Schlesien eroberte und damit unbeabsichtigt zahlreiche weitere Juden unter seine Herrschaft brachte. Da er seit jeher eine entschiedene Antipathie gegen seine jüdischen Untertanen hegte, löste er das Problem, indem er den meisten befahl, auszuwandern. In Breslau beispielsweise durften nur zwölf jüdische Familien bleiben. Sein Vermerk: "Daß sie ganze Völkerschaften von Juden zu Breslau anbringen und ein ganzes Jerusalem daraus machen wollen, das kann nicht sein. (90)

"Wie im Mittelalter", schreibt Selma Stern, "bildeten die Juden auch unter der Regierung Friedrichs des Großen einen abgesonderten Staat im Staat, durch viele Beschrän-kungen wirtschaftlicher, sozialer, beruflicher, rechtlicher Art von den übrigen Untertanen geschieden. Die Juden wurden in ein Netzwerk von Gesetzen und Geboten, Regle-ments und Resolutionen eingespannt, die ihr Leben vom Tage ihrer Geburt bis zur Stunde ihres Todes regelten, ihre Anzahl, ihre Zu- und Abwanderung kontrollierten, ihnen vorschrieben, welchen Beruf sie ergreifen, in welcher Stadt sie wohnen, wieviel Geld sie verdienen, wieviele ihrer Kinder eine Ehe schließen und mit welcher Frau sie sich verheiraten dürften"(91)

Moses Mendelssohn, der nicht das Privileg der Schutzjuden genoß, sondern lediglich "geduldet" war, konnte nur unbehelligt in Berlin leben, weil er Bedienter des Seidenfabrikanten Bernhard war. Es ist daher kein Wunder, daß gerade er im Jahre 1756 die Abhandlung Jean Jacques Rousseaus über den Ursprung und die Gründe der Ungleichheit unter den Menschen aus dem Französischen ins Deutsche übertrug. Diese Übersetzung widmete er seinem Freunde Lessing. Kurz nachdem Mendelssohns Schrift Phaedon 1767 erschienen war, schlug ihn die Königliche Akademie der Wissenschaften zur Aufnahme in die Philosophische Abteilung vor. Friedrich II. - der "Philosoph von Sanssouci" - versagte jedoch die Bestätigung und strich Mendelssohns Namen, weil er in seiner Akademie keinen Juden wollte. Als Mendelssohn erfuhr, daß die Akademie ihn gewählt, der König aber nicht bestätigt habe, bemerkte er lakonisch: "Besser als wenn der König mich gewählt, die Akademie mich aber nicht bestätigt hätte". (92)

Als Mendelssohn, nachdem er jahrzehntelang in Berlin gelebt hatte und als Denker berühmter war als manche Akademiegröße, um das Bürgerrecht in der preußischen Hauptstadt nachsuchte, zögerte der König lange, ihm ein persönliches Privileg zu erteilen; noch 1779 schlug er das Gesuch für die Nachkommen ab.(93)

Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren zwar auch Juden an deutsche Universitäten zur medizinischen Ausbildung zugelassen, aber selbst im friderizianischen Preußen mußten laut Akten vom Jahre 1776 jüdische Medizinstudenten für die "Inscription" eine weit höhere Gebühr zahlen als die Christen, "weil es im Interesse seiner Majestät liege, daß den Juden das Studieren nicht zu leicht gemacht werde, da sie dadurch von den gewerblichen Abgaben ihrer Berufe, welche sie sonst ergreifen müßten, befreit würden".(94)

Lessing hielt wenig von der friderizianischen Toleranz, die auch Struensee aus eigener Erfahrung wohlbekannt war. In einem oft zitierten Brief an seinen Freund Nicolai nahm Lessing auf die Wirksamkeit Struensees Bezug. Als Lessing 1769 den Brief verfaßte, war Struensee bereits mehr als ein Jahr König Christians VII. Leibarzt und sein Einfluß wurde in Dänemark immer spürbarer. Im Lessing-Brief heißt es:

"Sagen Sie mir ja nichts von Ihrer Berlinischen Freiheit, von der Freiheit zu denken und zu schreiben. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben als Sonnenfels in Wien geschrieben hat. Lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel die Wahrheit zu sagen. Lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Dänemark geschieht. Und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste in Europa ist". (95)

1767 kam Lessing als Dramaturg nach Hamburg. Als freigeistiger Pastorensohn - wie Struensee -, dem das Verhalten der christlichen Gemeinde gegenüber den Juden ebenfalls recht unchristlich erschien, wagte er bereits 1748 als Leipziger Student - von eifernden und geifernden Zeloten umgeben - die Judenfrage in einem Lustspiel aufs Tapet zu bringen, indem er die Heirat zwischen Christen und Juden zur Diskussion stellte.

Da Struensees jüdischer Kollege Hartog Gerson ein Kenner und leidenschaftlicher Verehrer von Spinoza war, ist es wohl denkbar, daß Struensee auf Grund dieses gemeinsamen Interesses den mit Ohm befreundeten Judenarzt mit dem berühmten Dichter bekannt machte. Lessing soll beiden auf der Galerie des Hamburger Baumhauses aus seinem Jugendwerk Die Juden, einem Einakter, den er für eine in Hamburg geplante Aufführung umgearbeitet hatte, sogar einige Szenen vorgelesen haben. (96) Mit dem Schauspiel versuchte Lessing die Ehre des jüdischen Volkes wiederherzustellen, "aus dem so viele Propheten und Helden aufgestanden sind", wie es in der Vorrede der Juden heißt. Er verfocht mit großer Entschiedenheit das Prinzip der religiösen Toleranz als das "Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ [...] nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann".

In diesem 1754 veröffentlichten Einakter, der als Vorstufe zu Nathan dem Weisen angesehen werden kann, bewahrt ein unbekannter Reisender bei einem nächtlichen Raubüberfall durch rasche Hilfe einen adligen Gutsbesitzer, einen Baron, vor Ausplünderung. Die beiden unerkannt entkommenen Wegelagerer, die seit Jahren im Dienst des Barons stehen, wissen den Verdacht auf die angeblich in der Nähe des Gutshofes vagabundierenden Juden zu lenken, wobei sich der eine Diener zu erklären erdreistet, daß seiner Erfahrung nach die Juden, "soviel als ihrer sind, keinen ausgenommen, Betrüger, Diebe und Straßenräuber" sind. Dieser generalisierenden Diffamierung widerspricht der unbekannte Wohltäter, der selbst ein Jude ist, was die Zuschauer zunächst aber nicht wissen, mit leidenschaftlichen Worten:

"Wenn ein Jude betrügt, so hat ihn unter neunmalen der Christ vielleicht siebenmal dazu genötigt. Ich zweifle, ob viele Christen sich rühmen können, mit einem Juden aufrichtig verfahren zu sein; und sie wundern sich, wenn er ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten sucht? Sollen Treu und Redlichkeit unter zwei Völkerscharen herrschen, so müssen beide gleich viel dazu beitragen. Wie aber, wenn es bei der einen ein Religionspunkt und beinahe ein verdienstliches Werk wäre, die andere zu verfolgen?" (3. Auftritt). (97)

In diesem Monolog bebt etwas von Shylocks erschütternder Anklage nach, der von seinem christlichen Schuldner, dem "edlen Venezianer" Antonio verachtet und wie ein Aussätziger bespuckt wird:

"Er hat mich beschimpft" - klagt Shylock - "meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt. Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt, gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? [...] (98)

Hartog Gerson, der vor seiner Niederlassung in Altona zwei Jahre in London verbracht hatte, dort zu einem glühenden Verehrer Shakespeares und seines genialen Interpreten Garrick (1716-1779) wurde, kannte den Kaufmann von Venedig im Originaltext. Er war auch mit dem in Altona verstorbenen Dichter Gerstenberg bekannt, der mit seinen Briefen über Merkwürdigkeiten der Literatur (1766/67) viel zum Shakespeare-Enthusias-mus der Stürmer und Dränger beigetragen hat.

Bereits 1759, als extemporierende deutsche Wanderschauspieler Shylock nur als monströsen Unhold in judenfeindlichem Sinne auf die Bretter brachten, wies Gerson in einem Brief darauf hin, daß Shylock (um keinen Deut schlimmer als sein Widersacher) eigentlich keine komische, sondern vielmehr eine tragische Figur sei, gewissermaßen das Sinnbild des unterdrückten und geschmähten Judentums. (99)

Die Worte von Lessings "Unbekannten": "Ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker [...] Ich glaube, daß es unter allen Nationen gute und böse Seelen gibt!" (100)waren Struensee, der "Verallgemeinerungen vor [für] unberechtigt" hielt, (101) wie aus der Seele gesprochen. - Gerson, der das jüdische Schicksal mit der Maxime: "Der Sündenbock ist immer die bequemste Jagdbeute" zu kennzeichnen pflegte, war von Lessings Einakter begeistert. Allerdings mißbilligte er eine Änderung, die Lessing um der Pointe willen in Hamburg vornahm. (102) Bei der 1754 veröffentlichten Fassung sprach der verbrecherische Bediente am Schluß des Stücks vom "Großmut der Juden", in der Fassung von 1767 hieß es jedoch - wie bereits oben erwähnt - einschränkend: "Es gibt doch wohl auch Juden, die keine Juden sind".

Als enzyklopädisch gebildeter und von humanitären Ideen durchdrungener Rationalist dachte Struensee auch viel über das Unrecht nach, das Menschen wegen einer anderen Religion oder Hautfarbe zu erdulden haben. Bereits 1763 setzte er sich mit messerscharfer Ironie in einem pseudotheologischen Traktat "Über die Seelenwande-rung" für verfolgte Minderheiten (Juden und Indianer) ein: "Ich esse niemals Hummer", so Struensee, "ohne mir dabei die Qual vorzustellen, in welcher sie ihr Leben geendigt haben. Aber sobald ich denke, daß es wahrscheinlicherweise Spanier in Mexico oder Inquisitoren zu Goa gewesen sind, esse ich sie ohne Beängstigung meines Gewissens. Ich vergnüge mich vielmehr dabei, indem ich mir vorstelle, daß ich den Seelen so vieler Millionen geschlachteter Indianer und armer verbrannter Juden ein angenehmes Opfer bringe".(103)Noch 24 Tage vor seiner Hinrichtung kam Struensee anläßlich eines Gesprächs in der Todeszelle auf die Relativität von Pauschalurteilen zu sprechen:" 'Nun sind zwar die Juden', sagte er zu Pastor Münter, 'itzt und seit langer Zeit eine verächtliche Nation [...] Doch es sind auch Zeiten gewesen, da die Juden ein sehr respektables und tapferes Volk waren.' Dies erläuterte der Graf selbst durch einige Beispiele ihrer Tapferkeit gegen ihre ehemaligen Unterdrücker. `Man kann freilich nicht', sagte er, 'von ihrer gegenwärtigen Verächtlichkeit zurückschließen. Und überhaupt ist die Sache sehr relativ. So verachtet der Engelländer den Franzosen, und der Franzose hält wieder seine Nation für die respektabelste auf dem Erdboden. " (104)

In seiner in Altona zurückgelassenen Bibel konnte man an Randbemerkungen und seitlichen Anstreichungen erkennen, wie intensiv sich Struensee mit den Büchern der Makkabäer beschäftigt hat. Der Freiheitskampf der Juden, aus dem, wie einst sein Freund Lessing erklärte, "so viele Propheten und Helden aufgestanden sind", faszinierte ihn.

Es ist bemerkenswert, daß auch Gneisenau, als er einen Volksaufstand gegen Napoleon vorbereitete, in einer Denkschrift vom 21. August 1811 auf diese heroische Zeit der jüdischen Geschichte hingewiesen hat:

"Schon jetzt möchte bei der Sektion für den Kultus und den Unterricht die Veranstaltung getroffen werden, daß Befehle an sämtliche Geistliche aller christlichen Konfessionen bereit liegen, wonach diese bei ausgebrochenem Kriege die Gemeinden in die Kirchen versammeln, über einen passenden Text predigen, Frankreichs Unterjochungsplan mit schwarzen Farben schildern, an das jüdische Volk unter den Makkabäern erinnern, das gleicher Bedrückung widerstanden und dessen Beispiel uns anfeuern müsse, an gleichen Widerstand zu denken".(105)

Struensee und Lessing gehören zu jener Minderheit, die erkannt hatte, wie widersinnig und grausam es ist, ein ganzes Volk für die Sünde zu bestrafen, die seine Vorfahren in grauer Vorzeit an einem Andersdenkenden begangen haben sollen. Wußten sie doch aus dem Studium von Arnolds Unparteyischer Kirchen- und Ketzer-Historie (1688), die sie beide noch im väterlichen Heim kennengelernt hatten, daß fast jedes Volk der Christenheit zu irgendeiner Zeit Andersdenkende verfolgt hatte, und zwar nicht durch eine einzige Kreuzigung, sondern durch Massenverbrennungen und Massaker von unvorstellbarer Brutalität.(106) Denn die Beeinflußbarkeit des Pöbels, der in Jerusalem einst "Hosianna" und bald danach "kreuzige!" schrie, verhielt sich anderswo genau so und hat sich im Laufe der Jahrhunderte kaum geändert. Kein Wunder, daß Hartog Gerson, dessen Vorfahren so oft der Wut eines aufgehetzten unberechenbaren Mobs zum Opfer gefallen waren, von der massenpsychologischen Darstellung der Forumszene in Shakespeares Julius Cäsar besonders beeindruckt war und sie für den Höhepunkt des Dramas hielt.

Nach der Ansprache des Antonius an Cäsars Leiche stößt die mordsüchtige Menge auf einen harmlosen Dichter, der zufällig Cinna, wie einer der Cäsarenmörder, heißt. Nach seinem Namen gefragt, nennt er ihn. "Reißt ihn in Stücke! Er ist ein Verschwörer!", schallt es aus der Menge. Seine flehende Richtigstellung: "Ich bin Cinna, der Poet.' Ich bin nicht Cinna, der verschworene!" wird überbrüllt: "Tut nichts! Sein Name ist Cinna [...] Zerreißt ihn!" (3. Aufzug, 3. Szene).(107)

Die Szene ist von beängstigender Zeitlosigkeit. Wie oft hat sie sich wohl bei Pogromen in ähnlicher Weise wiederholt?! Nicht umsonst lassen uns auch heute noch die Worte erschauern, mit denen sich der Patriarch in Lessings Nathan gegen jeden Einwand verschließt: "Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!" (108)

Auch Gerson war sich der unheilvollen Magie von Schlagwörtern wie "Jude" oder "Ketzer" bewußt, die le Bon in seiner Psychologie des foules nach Art eines bedingten Reflexes so definierte: "Mit bestimmten Worten verbinden sich zeitweilig bestimmte Bilder; das Wort ist nur der Klingelknopf, der sie hervorruft".(109)

Aus dem Gefühl des Bedrohtseins schilderte Gerson in einem Brief (vom 15. September 1775) an seinen Kollegen und Glaubensgenossen Benjamin de Lemos seine Angst vor der Hexenküche der Affekte, die den Massenmenschen zur blindwütigen Bestie, zum Yahoo, macht:

"Wie oft sind Menschen, mit denen wir seit Jahrzehnten friedlich zusammengelebt haben, von heute auf morgen durch das Gerücht eines Ritualmordes, einer Hostienschändung oder Brunnenvergiftung aufgehetzt, plündernd, brennend und mordend über unsere Gemeinden hergefallen?!" (110)

Hartog Gerson erkannte, daß sich die Masse zu Handlungen hinreißen läßt, die der einzelne unter normalen Umständen kaum jemals begehen würde. Er betonte, daß das Wort "Jude" in manchen Situationen einen gefährlichen, heimtückischen Klang erhalte, "der den Unschuldigen mit einem Schlage wie eine Axt zerschmettern kann".(111)
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Der jüdische Arzt Ahron Emmerich Gumpertz beeindruckte durch sein menschen-freundliches Wesen Lessing dermaßen, daß er ihm zum Vorbild der Gestaltung des edlen Fremden in seinem Einakter Die Juden diente. (112) Als Gumpertz, der Moses Mendelssohns Lehrer war, später nach Hamburg kam, lernte ihn dort über Hartog Gerson auch Struensee kennen, der ihn - wie bereits erwähnt - oft zu seiner Tafelrunde einlud. Mit Erstaunen registrierte der junge Physikus die Anfeindungen, denen der freisinnige Arzt mit seiner gleichgesinnten und `feingebildeten" Frau Proba ausgesetzt war. Die durch halb Europa gehetzte, nach außen hin so geschlossen erscheinende Religionsgemeinschaft konnte gegen andersdenkende Glaubensgenossen von unerbitt-licher Härte und Unduldsamkeit sein.

Struensee dürfte von Hartog Gerson manches über das Schicksal Uriel Acostas und Baruch Spinozas erfahren haben. Erlebte doch dessen Urgroßvater als Fünfzehn-jähriger, wie die Glaubensgemeinde über den zur Demütigung auf der Amsterdamer Synagogenschwelle liegenden Uriel Acosta hinwegschritt.

Hartog Gersons Urgroßvater war auch bei der Ausstoßung Spinozas aus der jüdischen Gemeinschaft in Amsterdam anwesend. (113) Als Aufklärer, dem jegliche Intoleranz verhaßt war, sprach Gerson oft vom schauerlichen Ritus der Exkommunikation Spinozas, wie er (am 27. Juli 1656) in der Amsterdamer Synagoge vor sich ging. Während der Verlesung des Cherem (des "Bannfluches"), den von Zeit zu Zeit der langgezogene klagende Ton des Schofars unterbrach, wurden die zu Anfang der Zeremonie hell leuchtenden Kerzenlichter der Reihe nach gelöscht, bis das letzte ausging, womit man das geistige Erlöschen des Exkommunizierten in der in völliger Finsternis dastehenden Gemeinde zu versinnbildlichen suchte.

"Er sei verflucht bei Tag", so der Wortlaut des Cherem, "und sei verflucht bei Nacht! Er sei verflucht bei seinem Ausgang und sei verflucht bei seinem Eingang! Es werden alle gewarnt, daß keiner mit ihm Unterhaltung pflege in Wort und Schrift; daß ihm niemand einen Dienst erweise, niemand mit ihm unter demselben Dache weile, sich ihm auf weniger als vier Ellen nähere und niemand ein von ihm diktiertes oder von seiner Hand geschriebenes Schriftstück lese". (114)

Als Proba Gumpertz 1769 - nach dem Tode ihres Mannes - um eine Niederlassung in Altona bat, bewirkte Struensee, der damals bereits Leibarzt des Königs in Kopenhagen war, jenes aufsehenerregende "königliche Privileg", das die jüdische Arztwitwe vor der Intoleranz ihrer orthodoxen Glaubensgenossen bewahren sollte:

"Wir, Christian VII. von Gottes Gnaden, König zu Dänemark [...] bewilligen, daß die Witwe des in Hamburg verstorbenen Doctoris Gumpertz, namentlich Proba Gumpertz, geborene Getting, jüdischer Nation bei ihrer Niederlassung in Unserer Stadt Altona [...] von dem Gerichtszwange des dortigen Oberrabbiners und der Judenältesten gänzlich exemt [befreit] sei und von der dortigen Judenschaft mit oneribus [Lasten] nicht bebürdet werden, sondern als eine in Unserer Stadt Altona auf- und angenommene Untertane lediglich unter der unmittelbaren Jurisdiction des dasigen Oberpräsidio und Magistrats stehen, dahingegen aber schuldig sein solle, für diese ihr angediehene Begnadigung fünfzig Reichstaler ad pius usus an das dortige Lazarett zu entrichten.

Friedrichsberg, den 28. August 1769.
Christian". (115)
Auch der Schlußsatz, der die Entrichtung von 50 Reichstalern zu Gunsten des Altonaer Lazaretts bestimmt, läßt die fortwährende Fürsorge des einstigen Physikus für seine alte Arbeitsstätte erkennen.

Der "Cherem", in dem Struensee den "unduldsamen Geist Kaiphas" gegen Anders-denkende zu erkennen glaubte, beunruhigte jeden aufgeklärten Juden, zumal mit dieser gefährlichen Waffe der Orthodoxie oft Mißbrauch getrieben wurde. Selbst der sanfte Moses Mendelssohn betonte: "Wenn die Juden für sich von der Umwelt Toleranz beanspruchen, müssen sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen".

In seinem berühmten Vorwort zu Vindiciae Judeorum schrieb er wörtlich: "Zu den er-leuchtetsten und frömmsten unter den Rabbinern habe ich das Zutrauen, daß sie sich eines so schädlichen Vorrechtes gern entäußern und ihre Mitbürger dieselbe Duldung genießen lassen werden, nach welcher sie selbst bisher so sehr geseufzt haben".(116)

Als Struensee im Herbst 1770 an die Macht gelangte, versuchte er im Zuge seines Vorgehens gegen Intoleranz auch den Strafvollzug zu humanisieren. Besonders die Abschaffung der Folter (oder wie man in Dänemark sagte, der "scharfen Examination") erregte Aufsehen weit über die Grenzen. Mit diesem "barbarischen Relikt mittelalter-licher Strafjustiz" erzwang man bisher bei Angeklagten das Bekenntnis. In der Verordnung vom 30. September 1771 hieß es: "Der König zieht es vor, einen Schuldigen frei ausgehen zu lassen, als daß vielleicht ein Unschuldiger so behandelt [d.h.gefoltert] werde; darum werden solche Zwangsmittel für die Zukunft durch Zurücklegen meiner Reise zugleich die Urteile der ausgleichenden durchaus verboten und der Angeklagte soll nur durch Zeugen und die, Wahrscheinlichkeit der Umstände (Indizien] überführt werden".(117)

Ähnlich lautet auch die "Resolution" vorn 23. November 1771: "Die peinliche und scharfe Examination soll gänzlich cessieren (aufhören] unter keinen Namen angewandt werden; die Überführung eines Delinquenten muß bloß durch die Zeugen und die Wahrscheinlichkeit der Umstände geschehen, und wenn er nicht völlig überführet, noch zum Geständnis gebracht werden kann, so muß eine gelindere Strafe stattfinden, und lieber Schuldiger freikommen, als die Möglichkeit existieren, einen Unschuldigen zu martern, welches der Freiheit und den Rechten der Menschlichkeit so sehr repugniert (widerstrebt]". (118)

Diese Gesetzestexte, die die Humanisierung des Strafrechts und Strafvollzugs im Geiste des milanesischen Juristen Beccaria anstrebten,(119) atmeten denselben Geist wie jene Sätze, die Struensee zehn Jahre zuvor in einer gegen den Aberglauben gerichteten Abhandlung unter Hinweis aufdie durch Folter erzwungenen Geständnisse geschrieben hatte und die in bezug auf sein tragisches Ende geradezu prophetisch klingen: "Ich wage mich zwar zu behaupten, daß ich niemals ein Räuber oder Mörder werde, aber nicht, daß ich niemals als Räuber oder Mörder verurteilt und hingerichtet werden könnte. Denn die Folter ist geeignet, einen robusten Verbrecher, der die Qualen erdulden kan, laufen zu lassen und einen schwachen Unschuldigen, der sie nicht erdulden kan, zu verurteilen". (120)

In einem Artikel "Über die Seelenwanderung" brachte Struensee seinen Abscheu gegen die Tortur mit beißender Ironie zum Ausdruck: "Ich fahre niemals mit einem Postwagen, ohne die armen Tiere mit Wehmut anzusehen, welche zu meiner Bequemlichkeit gespornt, gepeitscht, gemartert werden. Aber wenn ich bedenke, daß sie weiland Stockmeister zu Newgate (berüchtigtes Londoner Gefängnis] oder von Verfolgungsgeist erfüllte Mönche waren, so fahre ich weit vergnügter auf der Post und bin sehr erfreut, durch Zurücklegen meiner Reise zugleich die Urteile der ausgleichenden Gerechtigkeit ins Werk zu richten".(120a)

Struensee, der als einstiger Physikus von Altona das Elend der Inhaftierten gut kannte, ließ verjährte Prozesse revidieren und saumselige bzw. ungerechte Richter zur Verantwortung ziehen. In einer Kabinettsorder vom 6. Februar 1771 forderte Struensee "ein genaues und ausführliches Verzeichnis von allen Criminal-Gefangenen, von ihren begangenen Verbrechen, wie auch von der Zeit, da sie in Inquisition gewesen". Außerdem verlangt er die Namen der Städte und Gerichtspersonen zu erfahren, "die in Erfüllung derer ihnen obliegenden Pflichten am saumseligsten gewesen sind".(121) Im Zuge dieser Bemühungen wurde so manches harte Urteil gemildert oder aufgehoben.

Zu den Amnestierten gehörte auch so mancher Jude. Als Beispiel sei die Kabinettsorder vom 9. Oktober 1771 angeführt: "Des Königs Majestät haben resolvirt [beschlossen], daß der zu einjähriger Vestungs-Arbeit condemnirte [verurteilte] Jude Herz Mendel Raphael auf freien Fuß gestellt werden soll." (122)

Bei offensichtlichen Vergehen, wie etwa im Falle des Juden Jacob Abraham, der beim Schmuggeln von 248 Pfund Kaffeebohnen ertappt wurde, empfahl Struensee am 20. Dezember 1771 jedoch eine prompte Aburteilung: "In Zukunft soll in dergleichen Strafen in Absicht der Zollverbrechen gleich von der Kammer nach den subsistierenden [bestehenden] Verordnungen entschieden werden, ohne daß deswegen der Spruch des Hofgerichts vonnöten ist". (123)

Struensee ging auch gegen die Korruption in der Justiz vor. Bereits 1763 hatte er in einer gesellschaftskritischen Abhandlung eine Galerie zu bemängelnder Charaktertypen entworfen, darunter auch einen faulen und korrupten Gerichtsbeamten, der alles auf die lange Bank schiebt und dessen Interesse nur durch Schmiergelder zu wecken sei.

"Herr Trimalcion? Kaum sind Sie in der Gerichtsstube ein bißchen eingeschlummert, so stürmt man auf Sie ein, Ihre Meinung über eine Sache zu vernehmen, die so verwickelt ist, daß Sie schon wieder eine halbe Stunde geschlafen haben, wenn man Ihre Meinung abermals verlanget. --- Nun wollen Sie Mittagsruhe halten - doch ein Beklagter [...] stürmt herein, der aus dem Fenster geworfen zu werden verdiente, wenn er Ihnen nicht ein Päckchen mit Dukaten ausgehändigt hätte [...](124)

Nun traf Struensee auf dem Verordnungswege diesen Beamtentyp besonders empfindlich durch das Verbot von Sporteln. (125) Zugleich war er bemüht, die demütigenden Einschränkungen gegenüber religiösen Minoritäten, wie etwa Juden oder Herrenhutern, abzuschaffen. Schon in Altona hatte er verlangt, daß die Tätigkeit von Ärzten und Hebammen ohne Rücksicht auf ihre Konfession genehmigt werden solle. In der Angelegenheit des 1764 an der Kopenhagener Universität promovierten jüdischen Arztes Simon Salomon Polack traf er mit einer Kabinettsorder vom z. Mai 1771 folgende Entscheidung: "Seine Majestät der König hat angeschlossenes Gesuch des Juden Polack accordirt [zugestimmt] und will, daß ohne Hinsicht auf Religion, academische Honores [Ehren] einem jeden erteilt werden sollen, der solche verdient".(126)

Als sich Gustav, der schwedische Kronprinz, auf dem Wege nach Paris im Herbst 1770 einige Tage in Kopenhagen aufhielt, wo es infolge der Struensee'schen Sparmaß-nahmen selbst zu Hofe recht schlicht und bürgerlich zuging, (127) äußerte er nach einem Besuch der königlichen Familie unter Anspielung auf Struensees enge Beziehungen zu jüdischen Ärzten und Bankiers: "Es fehlte bloß, daß er noch ein paar Juden eingeladen hätte!"(128)

Es war bekannt, daß Struensee mit tüchtigen jüdischen Kaufleuten einen Aufschwung von Handel und Gewerbe herbeizuführen versuchte. So lautete z.B. eine Kabinettsorder vom 5. Oktober 1771 an das Finanzkollegium: "Es hat das Collegium den Vorschlag des Juden Meyer Warburg, so ihm von dem Departement der auswärtigen Geschäfte communizieret worden, zu untersuchen und Vorstellung darüber zu tun".(129)Am 22. März 1771 erhielten die portugiesischen Juden von Altona ein königliches Privileg (unterzeichnet von Christian VII.) zum Bau einer eigenen Synagoge. Man wußte ganz genau, wem man dies eigentlich zu verdanken hatte. Dennoch fehlte auf jenem überschwenglichen Glückwunschschreiben vom 30. Juli 1771, welches ihm die Altonaer Judenschaft nach seiner Ernennung zum Minister zukommen ließ, (130) unter den Unterschriften der Name seines freigeistigen Kollegen Hartog Gerson.

Schreiben des jüdischen Gemeindevorstehers von Altona an Struensee,
30.Juli 1771
(aus den Akten der Inquisitionskommission 1772, Sign. D.1, Reichsarchiv Kopenhagen)

Da Struensee nichts so sehr haßte wie die Intoleranz, war er trotz allem Wohlwollen gegenüber den Juden fest entschlossen, ihnen das Recht zur Aussprechung des großen Banns, des Cherem, der eine Ausstoßung aus der Gemeinschaft zur Folge hatte, durch den König verbieten zu lassen. Sein plötzlicher Sturz hinderte ihn daran.

Noch zwanzig Jahre später bedauerte der Kirchenhistoriker Bolten, daß in Altona eifernde Rabbiner ihre Glaubensgenossen "wohl gar mit Exkommunikation despotisieren". Er wies auf zwei Proklamationen hin, von denen eine "unter Strafe der Exkommunikation Eltern, Kinder, Brüder, Schwestern, Knechte und Mägde aufforderte, dem Rabbiner alle Vergehungen gegen irgendein Gesetz, die einer vom andern wissen möchte, anzuzeigen, damit er die Herde reinigen könnte". (131)

Das Aufleben der Intoleranz nach Struensees Sturz in Dänemark bekamen bald auch die aufgeklärten Schichten der jüdischen Gemeinden zu spüren.

Als Moses Mendelssohn auf Drängen seiner Freunde begann, seine Übersetzung des Pentateuchs auf Deutsch herauszugeben, wurde das Werk nicht nur von mehreren Rabbinern, angeführt von Altonas Oberrabbiner Raphaei Kohen, mit dem Bann belegt, sondern bald danach auch vom dänischen Minister Hoeg Guldberg (in seinem Schreiben vom 19. Juli 1779) als ein "ouvrage scandaleux" verdammt. Es ist gewiß kein Zufall, daß Mendelssohn damals aus demselben Kreis Hilfe erhielt, dem einst auch Struensee und Lessing angehörten. Elise Reimarus, die tapfere Tochter des verstorbenen Religionsphilosophen, die seit Jahrzehnten im Hamburger Hause ihres Bruders, des Arztes Johann Albert Reimarus, einen auserlesenen Kreis von Gelehrten und Schriftstellern versammelte und diesmal überaus eifrig Subskribenten für Mendelssohns Pentateuch Übersetzung warb, erreichte über ihren Schwager August von Hennings, daß der dänische König das Werk subskribierte. Durch diesen klugen Schachzug war Mendelssohns Gegnern "der Wind aus den Segeln genommen". Danach mußte selbst Raphael Kohen auf seinen Bann verzichten, weil er als Untertan des dänischen Staates nicht offiziell gegen ein Werk protestieren durfte, das der König mit seinem Namen deckte. (132)

Wie recht hatte Hartog Gerson, als er die Kamarilla, die Struensee stürzte und aufs Schafott brachte, mit Spinozas Verzweiflungsschrei bezeichnete: "ultimi barbarorum!" (Die letzten der Barbaren)."' Erhofften sich doch gerade die gebildeten und liberalen Juden von Struensees Toleranz viele Erleichterungen, nicht nur in der christlichen Umwelt, sondern auch Schutz vor der eigenen Orthodoxie.
 
 


Grabstein (Stele) von Dr. Hartog Gerson.
Jüdischer Friedhof in Altona, Königstraße.
Aufnahme aus dem Jahre 1985.

Die hebräische Grabinschrift auf Hartog Hirsch Gersons Stele im Jüdischen
Friedhof zu Altona ist ein Lobgedicht auf den Verstorbenen. Die ersten acht
Zeilen sind gereimt. Die Anfangsbuchstaben bilden ein Akrostichon:
Hirsch Rofe - (der Arzt Hirsch).
Das Todesdatum war der 24. Kislew 5562 nach der jüdischen
Zeitrechnung (29. November 1801)


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Erschienen im Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte, XV, 1986 Universität Tel-Aviv
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