Anmerkungen zu:
Struensee, der lange verpönte und verkannte kontagionistische Pionier
auf dem Gebiet der Seuchenprophylaxe
(1)
Johann Friedrich Struensee, Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art, sie zu heilen. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen. Glückstadt 1764, Stück 7, Sp. 97-108.

(2)
Johann Friedrich Struensee, Versuch von der Natur der Viehseuche und der Art, sie zu heilen. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen. Glückstadt 1764, Stück 7, Sp 108.:
Mit seiner Erwägung, "die Einpfropfung könne dieser Viehseuche nützlich sein, zumal ein Tier, so sie einmal überstanden, solche nicht widerbekommt", hat Struensee mit seherischem Scharfblick die erfolgversprechendste Art der Prophylaxe bei der Maul- und Klauenseuche angedeutet, die erst 180 Jahre später ernsthaft in Angriff genommen wurde: die aktive Immunisierung. Aus der gleichen Arbeit konnte ich ersehen, daß Struensee es nicht unter seiner Würde fand, verendete Rinder und Pferde zu sezieren, was bis dahin nur Schinder und Metzger getan hatten. - So wurden z. B. im benachbarten Hamburg noch 11 Jahre später "bei einer bedrohlichen, in der Umgegend herrschenden Viehseuche" - wie aus einem Bürgermeisterprotokoll von 1775 hervorgeht - "für die veterinaerpolizeiliche Aufsicht zwei Schlachter aus Eppendorf in Eid genommen".

(3)
Stefan Winkle, Struensee und die Publizistik. (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, Bd. 19), Hamburg 1892. - Im Altonaer Stadtarchiv fand ich seinerzeit auch Struensees Privatbibliothek, die er nach seiner unerwarteten Berufung als königlicher Reisearzt Anfang Juni 1768 bei dem Altonaer Apotheker Nebelung hinterließ, mit dessen Tochter er verlobt war. Darunter befanden sich nicht nur medizinische Werke, sondern auch Schriften von Montaigne, La Rochefoucauld, Voltaire, Rousseau, d'Alembert, Diderot, Swift, Rabener und Liscow. Aus Anstreichungen und Randbemerkungen in diesen Büchern konnte man entnehmen, was Struensee interessierte und wie er darüber dachte, was für mich sehr aufschlußreich war. - Von seinen vielen medizinischen Büchern, die ich in Altona fand, möchte ich nur das bedeutende Seuchenbuch von Fracastoro: De contagione et contagiosis morbis eorumque curatione libri III. Venet. 1546 erwähnen. Struensee hatte auf dem Umschlag handschriftlich nur den gekürzten Titel: "De morbis contagiosis" vermerkt. In der 1772 in Kopenhagen gedruckten Versteigerungsliste von dem bescheidenen Nachlaß des hingerichteten Struensee wurden namentlich 241 philosophische und medizinische Werke aus seiner dortigen Bibliothek angeboten. Unter Nr. 47 fand ich abermals den Titel "De morbis contagiosis". Er hatte es sich in Kopenhagen neu besorgt!

(3a)
Wie wenig man jedoch darüber wußte, was Struensee während seines zehnjährigen Wirkens in Altona als Arzt eigentlich getan und geleistet hat, geht aus dem abschätzigen Satz in Schlössers Dissertation hervor, mit dem er die Berufung des jungen Physikus im April 1768 zum königlichen Reisearzt als die entscheidende Zäsur in dessen Laufbahn kennzeichnet. "Was im Leben dieses Mannes vor dem genannten Zeitpunkt liegt, beschattet das Dunkel der Alltäglichkeit" (Rainer Schlösser, Struensee in der deutschen Literatur, Altona 1931, S. 1). Schlösser, der 1933 Reichsdramaturg wurde, hat, wie ich von dem Stadtarchivar Dr. Paul Th. Hoffmann erfuhr, über zwei Jahre an seiner Dissertation am Altonaer Stadtarchiv gearbeitet! Hoffmanns knapper Kommentar: "Der hat eben von Seuchenmedizin nichts verstanden."

(4)
Stefan Winkle, Johann Friedrich Struensee. Arzt, Aufklärer und Staatsmann. - Beitrag zur Kultur-, Medizin- und Seuchengeschichte der Aufklärungszeit. 658 Seiten. Gustav Fischer, Stuttgart 1983. 2. Aufl. 1989.

(5)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 82.

(6)
J. Storch, Theoretische und praktische Abhandlungen von Kinderkrankheiten. Eisenach 1751, Bd. 4, S. 138. -Besonders schlimm waren die Zustände im Potsdamer großen Militärwaisenhaus, das einst vom Soldatenkönig - vor allem für die unehelichen Kinder seiner Grenadiere - gegründet worden war. Süßmilch, der einstige Feldprediger Friedrichs des Großen, schrieb gewissermaßen zur Rechtfertigung der dortigen Zustände in seinem medizinalstatistischen Standardwerk: "Ich habe mir sagen lassen, daß die Krätze im Pariser Findel- und Waisenhaus ihren ewigen Sitz aufgeschlagen habe." J. P. Süßmilch, Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechtes. 3. Aufl. Berlin 1765, Bd. I, S. 113. - Auch dieses Buch befand sich in Struensees Altonaer Privatbibliothek.

(7)
Auch im benachbarten Hamburg waren die Verhältnisse nicht besser. Noch 1789 berichtet Krunitz, daß im dortigen "Pesthof" (der zwar seit der Epidemie im Jahre 1713 keine Pestkranken mehr beherbergte) "falls jemand zu später Stunde starb, dieser bis zum Morgen in seinem Bett blieb", und "in diesem Fall muß der Lebendige, der an demselben Bette Theil hat, entweder die ganze Nacht an der Seite des Toten liegen oder aufsitzen". (Ökonomischtechnologische Enzyklopädie. Hrsg. von dem Arzt Joh. G. Krunitz (17731798), Teil 47, S. 567 f.). Erst um 1770 erfolgte eine Absonderung der ansteckenden Fieberkranken von den übrigen Insassen des Pesthofes.Im "Pesthof", der mit 800-1000, zeitweise mit 1100 Personen belegt war, war die Luft in allen Sälen durch Nachtstühle verpestet, und da der ganze Gebäudekomplex von einem Graben umgeben war, in den sich sämtliche übelriechenden Abwässer entleerten, gewann man nichts, wenn die Saalfenster geöffnet wurden.

(8)
Altonaer Stadtarchiv, Abt. 36. KI.B.l. 12 fol. 18. (am 25. Juli 1943 verbrannt). - Von Anfang an war Struensee bemüht, die ihm anvertraute Institution aus einem "Hort der Caritas" in ein "Krankenhaus" umzugestalten, in das statt Sieche und Unheilbare, Kranke aufgenommen und behandelt werden sollten. Dabei berief er sich auf den Grundsatz des großen Sydenham: "Aegrorum nemo a me alias tractatus est, quarr egomet tractari toperem, si mihi ex iisdem morbis aegrotare contigeret." ("Niemand ist anders von mir behandelt worden, als ich behandelt sein möchte, wenn ich dieselbe Krankheit bekäme.") So forderte er u.a., die Kranken sollten vor der Aufnahme im Lazarett nicht nur "gewaschen und gesalbt", sondern auch mit sauberer Leib- und Bettwäsche versehen werden. Das Gleiche gelte auch für die Kinder im Waisenhaus.

(9)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 82.  - Es ist gewiß kein Zufall, daß Struensee gerade in seiner Abhandlung "Vom Aberglauben und der Quaeksalberey" der Krätze einen so breiten Raum gewidmet hat, denn was über ihre Ätiologie in den verschiedensten Köpfen herumspukte, war purer Aberglaube und was therapeutisch unternommen wurde, nichts weiter als Quacksalberei.

(10)
Von unvernünftigen Curen der Krankheiten des gemeinen Mannes. "Der Arzt", Hamburg 1759. Zweyter Theil, 54. Stück, S. 294-295. - Wie allgemein dieses Vorurteil war, beweist auch eine Notiz Lichtenbergs, der sich zunächst für die Französische Revolution begeisterte, dann aber unter dem Eindruck des einsetzenden Terrors die Meinung vertrat, Frankreich sei toll geworden, "teils von verdorbenen Säften her und teils von den Heilmitteln, die man ihm verordnete, ohne die Krankheit gehörig untersucht zu haben. Man hat Exempel, daß Leute von einer übel behandelten Krätze toll geworden sind" (Paul Wiegler, Geschichte der deutschen Literatur, Berlin 1930, Bd. 1, S. 490).

(11)
Da die Pocken in den vergangenen Jahrhunderten so allgemein verbreitet waren wie noch unlängst die Masern, hielten viele Ärzte das Pockenexanthem für einen erforderlichen physiologischen Läuterungsprozeß, den jeder Mensch einmal durchmachen müsse, um aus seinen Säften die materia peccans zu eliminieren. Noch 1812 vertrat der angesehene Jenenser Kliniker Kieser (in seinen Vorlesungen über allgemeine Pathologie und Therapie) die Ansicht, daß Pocken-, Masern- und Scharlach-Exantheme "normale Entwicklungsvorgänge beim Kind" darstellten. Deshalb sei es "verwerflich", wenn man durch Impfung oder sonstige Maßnahmen "den Ausschlag zu verhindern oder unterdrücken" versucht, da er in solchen Fällen "zurückschlagen" und zu schweren "inneren Störungen" führen könnte.

(12)
Spezielle Nosologie und Therapie, nach dem System eines berühmten deutschen Arztes, hrsg. von Reinhard, Würzburg 1834-1836. - In einem Gespräch auf St. Helena, das Napoleons Generaladjutant Gourgaud in seinem Tagebuch unter dem 28. Januar 1817 notiert hat, berichtete der Kaiser mit beißendem Sarkasmus über eine ähnliche Erfahrung: "Wirklich, eine schöne Sache, die Medizin! In Wien (1809) hatte ich am Hals eine juckende Flechte, die mir viele Beschwerden machte. Ich ließ Johann Peter Frank kommen. Er versicherte mir, es sei gefährlich, die Flechte zu vertreiben, weil sie nach innen schlagen könnte; der Kurfürst von Trier sei infolge einer solchen Krankheit wahnsinnig geworden. Ich wartete, bis Corvisart (sein Leibarzt) kam. Er sagte mir: "Was? Bloß darum lassen Eure Majestät mich von Paris kommen? Ein bißchen Schwefel und die Flechte ist verschwunden. Und tatsächlich war ich in einigen Tagen vollkommen geheilt (Gaspard Gourgaud, Sainte Hélène. Journal inédit de 1815 à 1818. Paris 1899. Hrsg. von Grouchy u. Guillois).

(13)
Struensee Von der Einpfropfung der Blattern. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen 1763, Stück 40, Seite 652 f.

(14)
Struensee, Gedanken eines Arztes von der Entvölkerung eines Landes. Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen. Hamburg 1763, Stück I, S. 14.

(15)
Goethe, Dichtung und Wahrheit, 1. Teil, 1. Buch.

(16)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 164-165.

(17)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 165. - Heute ahnt man kaum, wieviel Menschen damals von den Pocken gezeichnet und für ihr Leben entstellt waren. Die Bilder der Fürsten und Vornehmen aus jener Zeit in unseren Schlössern und Museen sind nur allzuoft von den Malern idealisiert worden, so daß ihr in Wirklichkeit pockennarbiges Gesicht makellos erscheint. Wer weiß schon heute, daß Gluck, Haydn, Mozart und Beethoven pockennarbig waren? In Steckbriefen aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhdts. wurde noch als besonderes Kennzeichen angegeben, daß der Flüchtige "nicht pockennarbig" sei.

(18)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 183. - 34 Jahre später (1794) hat Struensees Freund und Kollege aus Hamburg, Dr. Reimarus, in der Vorrede zu einem Pesttraktat den "Seuchenstoff" so charakterisiert: Das Merkzeichen, welches den Seuchenstoff von eigentlichen Giften auszeichnet, finde ich darin, daß sich die durch ihn erregte Krankheit im lebendigen Körper von einem zum andern fortpflanzt. Ich vermuthe daher, daß er (d. h. der Seuchenstoff) eine Art von feinem, lebendigen und sich vermehrenden Wesen ist." ("Herrn von Antrechauxs merkwürdige Nachrichten von der Pest in Toulon, übersetzt und herausgegeben von Baron Knigge. Hamburg 1794, S. 31, 32.

(19)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III,, S. 185.

(20)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 185

(21)
Struensee, Anmerkungen über die Gifte und ihre Arzneikräfte. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen, Glückstadt 1764, Stück 43, Sp. 685. - Die für seine Zeit verblüffend modern anmutenden kontagionistischen Ansichten Struensees sind zweifellos durch die bereits um die Mitte des 17. Jhdts. einsetzende "Mikroskopierleidenschaft" bedingt, von der sogar sein Großvater mütterlicherseits, Dr. Johann Samuel Carl, nicht ganz verschont blieb. Dieser bedeutende Arzt, der als Lieblingsschüler des mit Leibniz korrespondierenden Hallenser Klinikers Ernst Stahl (1660-1734) galt, vollendete 1699 unter dessen Anleitung seine wertvolle Inauguraldissertation "Decorum medici". Darin beklagt er den Mangel an Krankenhäusern in Deutschland und verlangt zugleich, daß diese durch Angliederung von anatomischen Theatern, botanischen Gärten, chemischen Laboratorien und sonstigen wissenschaftlichen Einrichtungen vervollkommnet, der ärztlichen Ausbildung dienen sollten. Dies war ganz im Sinne von Leibniz, der sich seit seiner frühen Jugend der Bedeutung des Mikroskops für die medizinische Diagnostik bewußt war und daher dessen Anwendung für alle Untersuchungen des Harnes, des Blutes, des Speichels und "der anderen liquorum" forderte: "weil solches wird tausenderley Dinge entdecken machen, wird man in kurzer Zeit zu solchen Resultaten kommen, so alle bisherigen übertreffen" (Leibniz, Directiones ad rem medicam pertinentes. Hss. der Staatsbibliothek Hannover med.I.3).

(22)
Aus der Familie Gerson sind in Altona und Hamburg über mehrere Generationen hinweg tüchtige Ärzte hervorgegangen. In den beiden Nachbarstädten sprach man daher scherzhaft vom "Stamm der Gersoniden". Der Hamburger Physikus Dr. Gernet veröffentlichte in seinen" Mitteilungen aus der älteren Medicingeschichte Hamburgs" (Hamburg 1869, S. 316) sogar einen kurzen Stammbaum der Gersoniden. Auch der erste Ordinarius für Venerologie und Dermatologie an der Hamburger Universität, Paul Gerson Unna (1850-1929) gehörte zu dieser ärztlichen Familie.

(22a)
Die Variolation, die den Effekt der "Infektionsübertragung" unbestreitbar erkennen ließ, machte Struensee bereits zu Beginn seines Physikats zum überzeugten Kontagionisten.

(23)
Struensee Von der Einpfropfung der Blattern. Schleswig-Hollsteinische Anzeigen 1763, Stück 40, S. 651-652.

(24)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 186. - Genau 40 Jahre später äußerte der Arzt und Entomologe Jördens in Zusammenhang mit der Stubenfliege den gleichen Verdacht: "In der Pockenkrankheit sieht man sie zur Zeit der Abtrocknung beständig auf den stinkenden Blattern und Krusten herumirren und das Blattergift einsaugen. Unaufhaltbar durch alle Absonderungsmittel und Pockenhäuser wird also das Blattergift, blos durch die Stubenfliege, in ganz entfernte Gegenden verpflanzt, und dadurch erklärbar, wie Personen, die oft ganz abgesondert wohnen, auf einmal ganz unerwartet die Pocken bekommen können" (Johann Heinrich Jördens, Entomologie und Helminthologie. Hof 1801, 1. Bd. 1, S. 154).

(25)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 184.

(26)
1769 schrieb Amtmann Jobst Böse in den Göttinger "Allgemeinen Unterhaltungen", daß sich in seiner Heimat (wahrscheinlich Holstein) solche Leute, die einmal Kuhpocken gehabt haben, "gänzlich schmeicheln, vor aller Ansteckung von unseren gewöhnlichen Blattern gesichert zu seyn." Der "Wandsbeker Bote" von Matthias Claudius berichtet, daß 1787 der Pächter Jensen auf Bockhorst bei Neumünster in Holstein fünf seiner sechs Kinder gemäß einer Familientradition mit Kuhpocken geimpft habe. Das sechste Kind, das bei der Impfung gerade nicht zu Hause gewesen war, erkrankte später an echten Pocken, steckte aber seine fünf geimpften Geschwister nicht an.

(27)
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 189. - Nicht umsonst heißt es in Goethes "Zahmen Xenien": "Die Krankheit ist ein Kapital, wer wollte das vermindern?"

(28)
M. Schian, Über Prediger und die Medizin, Leipzig 1905, S. 63. - Besonderes Aufsehen erregte Struensees Entschluß, 1758 "alle noch nicht gepockten Waisenkinder zu belzen".

(29)
J. Ch. W. Juncker, Archiv der Ärzte und Seelsorger wider die Pockennoth. 7 Bände. Leipzig 1796-1798.

(30)
Struensee "Kurze Anweisung, wie man sich bey dem seit einiger Zeit im Schwange gehenden hitzigen Fieber zu verhalten hat" befindet sich im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv (Abt. 172, Nr. 553, fol. 5-11).

(31)
Struensee, Von den hitzigen Fiebern und wie man sich bey ihnen zu verhalten hat. Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück 1, S. 28. - Zwei erfahrene Seuchenhygieniker, die das Fleckfieber bereits während des Ersten Weltkrieges in Anatolien kennengelernt hatten, erklärten noch 1942: "Nehmen wir täglich Abwaschungen des Körpers vor, und leeren wir täglich den oft trägen Darm, so haben wir auch alles versucht, einen Menschen dem Fleckfiebertod zu entreißen" (H. Zeiß und E. Rodenwaldt, Einführung in die Hygiene und Seuchenlehre. Stuttgart 1942, 4. Aufl. S. 250).

(32)
Struensee, Von den hitzigen Fiebern und wie man sich bey ihnen zu verhalten hat. Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück 1, S. 29.

(33)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 85. - Auch Pastor Süßmilch (der Pionier der Seuchenstatistik) berichtet vom plötzlichen Auftauchen der Diphtherie während des Siebenjährigen Krieges: "Dieses Übel zeigte sich im Jahre 1758 und 1759 auch hier in Berlin an Kindern, deren Eltern wegen der russischen Invasion hierher geflüchtet waren. Ich habe einen Auszug aus dem Kirchenbuch zu Messow, nicht weit von Crossen, gemacht. Innerhalb eines Jahres sind in einer einzigen Landparochie siebenundfünfzig Kinder daran gestorben ... Der böse Hals allein hat also in einem Jahr ohngefehr den zwanzigsten Theil der Einwohner weggerafft. Man schließe von dieser Dorfpfarre auf andere, so wird man leicht urtheilen, daß es vielleicht mehr als Tausenden das Leben gekostet ..." (Süßmilch, Die göttliche Ordnung. Berlin 1763, 3. Aufl., I. Teil, S. 528 ff.).

(34)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 85. - Diese Schilderung erschien 16 Jahre später wortwörtlich ohne Quellenangabe in "Unzers medicinisches Handbuch" (Leipzig 1776, S. 234 f). - Als es 1764 in Frankfurt a. M. zu einer "Cynanche trachealis" genannten DiphtherieEpidemie kam, der auch Dr. von Bergens 6. Tochter zum Opfer fiel, ließ der Vater das vor ihrem Tode ausgehustete pseudomembranöse Röhrchen samt Verzweigungen in Kupfer stechen und seiner Krankheitsbeschreibung beifügen.

(35)
Der Talmud und die Arzneykunde. - Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück II, S. 103. - Beiläufig erwähnt Gerson, der die Nachfahren vieler einst aus Spanien nach Holland geflohener Glaubensgenossen kannte, daß die brandige Halsbräune" aufder iberischen Halbinsel "Garottillo" hieße, nach der "Garotte", dem Halseisen, womit dort die Todesstrafe durch Erdrosseln vollstreckt wurde.

(36)
Der Talmud und die Arzneykunde (wie Anm. 35), S. 105. - Dieses rituelle Speisegebot wurde aus z. Mos. 25, 3. und 5. Mose 14, 21 ("Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen") abgeleitet, wo der Genuß von Mischgerichten aus Fleisch und Milchprodukten verboten wird. Daher waren für den rituell geführten Haushalt zweierlei Töpfe, Geschirr und Bestecke erforderlich, streng getrennt für Fleisch- und Milchgerichte.

(37)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 85. Dadurch entfielen den Betroffenen die sich aus häufigen Beerdigungen ergebenden wichtigen Nebeneinnahmen. So beklagte sich z. B. einst aus Leipzig Johann Sebastian Bach in einem Brief vom 18. Oktober 1730 an seinen Jugendfreund, den "kaiserlich-russischen Agenten zu Danzig", Georg Erdmann: "Meine itzige Station beläufet sich auf etwa 700 Thaler, und wenn es etwas mehrere als ordinairement Leichen gibt, so steigen auch nach Proportion di accidentia; ist aber eine gesunde Lufft, so fehlen hingegen auch solche, wie denn voriges Jahr (1729) an ordinairen Leichen accidentia über 100 Thaler Einbuße gehabt` (Johann Sebastian Bachs Briefe !Gesamtausgabe], Hrsg. v. Hedwig N.E.H. Müller von Asow. Regensburg 1950, S. 119.

(38)
Dabei erfuhr Struensee, daß Hartog Gerson der Enkel eines Amsterdamer Talmudisten war. Sein Vater David Gerson ließ sich nach beendetem Medizinstudium in Utrecht (1734) zuerst in Hamburg und dann in Altona nieder, wo er als heimlicher Spinozist mit seinem Gesinnungsgenossen Dr. Gottfried Polykarp Kuhnard befreundet war. Hartog Gerson war zwölf Jahre alt, als der aus dem Kerker entflohene heimliche Spinozist Johann Lorenz Schmidt unter dem falschen Namen Schröder in seinem Elternhaus Unterschlupf fand und dort 1742 Spinozas ,Ethik" zum ersten Mal ins Deutsche übersetzte. (Näheres hierüber in: Stefan Winkle, Johann Friedrich Struensee und das Judentum. Aus: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel-Aviv. Bd. XV, 1986, S. 55 ff. -Stefan Winkle, die heimlichen Spinozisten in Altona und der Spinozastreit. Beiträge zur Geschichte Hamburgs. Bd. 34, Hamburg 1988, S. 57 ff.

(39)
J. Fr. Struensee, Vom Ruhrgang und dem Faulfieber. Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück II, S. 95. -Struensees zahlreiche medizinische Abhandlungen waren Vorstufen zu dieser geplanten, infolge seiner Berufung nach Kopenhagen jedoch nicht mehr fertiggestellten medizinischen Topographie.

(40)
Auch Stockholm und Amsterdam galten mit den stagnierenden Gewässern ihrer Kanäle als Brutstätten des Typhus, und in Venedig kam noch die Malaria hinzu. Ein großer Teil des Hamburger Kanalnetzes wurde nach dem großen Brand 1842 im Zuge der Aufbau- und Sanierungsarbeiten mit dem Schutt zugeschüttet. Mit weiteren Fleeten geschah das gleiche infolge der Zerstörungen während des 2. Weltkrieges, insbesondere durch die Juli-Katastrophe von 1943 ("Unternehmen Gomorrha°).

(41)
"Die Fleete", berichtet der Hamburger Physikus Rambach noch 1801, "nehmen aus Gassen und Häusern eine Menge Unreinigkeiten auf . . . Wer an einem Fleete wohnt, darf es ungescheut zum Rezipienten seiner tierischen Ausleerungen machen und das thut auch ein jeder" (J. J. Rambach, Versuch einer physisch-medizinischen Beschreibung von Hamburg. Hamburg 1801, S. 48.) - Nach Rambach zogen die Hamburger das Fleetwasser dem besten Brunnenwasser vor: "Manche trinken sogar das in den Kanälen stehende Elbwasser, besonders aus denen, wo es sich mit dem Alsterwasser mischt, sehr gern, und finden trotz seiner mannigfaltigen Verunreinigung viel Geschmack daran. Zum Kochen und Brauen gebrauchen die Hamburger es ohne allen Ekel" (ebenda, S. 128). -Spöttelnd pflegte man darauf hinzuweisen, daß das im Mittelalter so berühmte Hamburger Bier, das zu den begehrtesten Ausfuhrartikeln der Hanse gehörte, seinen "unnachahmlichen Wohlgeschmack" einst direkt der "spezifischen Beschaffenheit des Fleetwassers" verdankte. Die Vorliebe der Brauer für dieses Wasser war auf dessen geringere Härte zurückzuführen, die eine leichtere Herstellung obergäriger Biere ermöglichte. Noch 1783 wetterte Johann Peter Frank gegen die Unsitte der Bierbrauer, hartes Wasser durch Beimischung von Kuhmist weich zu machen (J. P. Frank, System einer vollständigen medicinisohen Polizey, 3. Bd., 2. Teil, Mannheim 1783).

(42)
Die liebevolle und rührende Heimatpflege schuf aus einem imbezillen Vertreter der Wasserträgergilde, den die Straßenjungen wegen seiner brummigen Wesensart mit dem Ruf "Hummel, Hummel!" zu hänseln pflegten, eine symbolische Gestalt, dessen Spitzname heute überall in der Welt instinktiv die Gedankenassoziation mit Hamburg auslöst.

(43)
J. Fr. Struensee, Vom Ruhrgang und dem Faulfieber. Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück II, S. 95.  - Die gleiche Meinung vertrat vier Jahrzehnte später auch Rambach: "In Hinsicht auf die Gesundheit", versicherte er, "steht Hamburg fast überall in einem übeln Ruf . . . Die vorzüglichsten Gründe, warum diese Meinung so allgemein ist, sind ... die Fleete und die elende Bauart unsrer Gassen ... Sehr viele Fremde werden in den ersten Wochen ihres Aufenthaltes krank ... Eine Art dieses Übelbefindens ist besonders häufig und wird von den Handwerksburschen die,Hamburger Krankheit' genannt. Ich habe sie bei solchen Ankömmlingen mehrmals beobachtet. Sie besteht in einem Fieber, dazu kömmt in den allermeisten Fällen ein Durchfall und ein unleidliches Kopfweh. Die Ursache dieses Übels scheint aber nicht in unserer Luft, sondern vielmehr in unserem Wasser zu liegen..." (Rambach [wie Anm. 41], S. 282-283).

(44)
Struensee hat als Pastorensohn mehr als andere das Lutherwort befolgt und dem Volk aufs Maul geschaut. Bei der Lektüre von Struensees Seuchenberichten, Denkschriften und Veröffentlichungen war ich immer wieder verblüfft über die vielen genau beobachteten Details, die von anderen übersehen wurden. Ich mußte an Goethes Mutter (die Frau Rath) denken, die von ihrem Sprößling einmal sagte: "Wenn mein Sohn Wolfgang von Frankfurt über den Main nach Sachsenhausen geht, erlebt und bemerkt er mehr, als wenn ein anderer eine große Reise macht."

(44a)
J. Fr. Struensee, Vom Ruhrgang und dem Faulfieber. Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück II, S. 99. -
Struensee, Von den Blattern und der Blattern-Einpfropfung. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück III, S. 186
Genau 40 Jahre später äußerte der Arzt und Entomologe Jördens in Zusammenhang mit der Stubenfliege den gleichen Verdacht: "In der Pockenkrankheit sieht man sie zur Zeit der Abtrocknung beständig auf den stinkenden Blattern und Krusten herumirren und das Blattergift einsaugen. Unaufhaltbar durch alle Absonderungsmittel und Pockenhäuser wird also das Blattergift, blos durch die Stubenfliege, in ganz entfernte Gegenden verpflanzt, und dadurch erklärbar, wie Personen, die oft ganz abgesondert wohnen, auf einmal ganz unerwartet die Pocken bekommen können" (Johann Heinrich Jördens, Entomologie und Helminthologie. Hof 1801, 1. Bd. 1, S. 154).

(45)
Jonathan Swift, Gullivers Travels, London 1726. z. Buch, 3. Kap.

(45a)
"Gedanken eines Arztes über die Entvölkerung eines Landes". Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen, Hamburg 1763, Stück I, S. 18.

(46)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 185. - Der Alkoholismus spielte damals in der Epidemiologie der Lues eine ähnliche Rolle wie heute die Drogensucht bei der Verbreitung von AIDS.

(47)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 185. Als Armenarzt wußte Struensee nur zu gut, daß der Rausch für viele eine vorübergehende Flucht aus der Hoffnungslosigkeit des grauen Alltags ist, "ein Schluck aus der Lethe, um zu vergessen".

(48)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 185.

(49)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 174. Den Terminus "Tripper" prägte 1711 Stranitzky aus der früheren altertümlichen Bezeichnung "Trüpfer", die noch den Begriff des Tröpfelns enthält. - Den Begriff des Tropfens findet man auch noch im französischen Vulgärnamen ja goutte militaire", der zugleich die weite Verbreitung beim Militär erkennen läßt. Die Bezeichnung "chaude-pisse" deutet auf das Brennen der Harnröhre beim Urinieren.

(50)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 174. Fast die gleichen Sätze kommen einundzwanzig Jahre später in Johann August Unzers "Einleitung zur allgemeinen Pathologie der ansteckenden Krankheiten" (Leipzig 1782, S. 79) vor. Doch wirken die Ausführungen dieses alten Plagiators gegenüber Struensees eindeutig kontagionistischen Ansichten recht verworren, zumal er die Entstehung der ansteckenden Materie, die er Miasma nennt, noch ganz im humoralpathologischen Sinne auf eine Säfteverderbnis zurückführt.

(50a)
Eine Prophylaxe der Geschlechtskrankheiten wurde erst in der bakteriologischen Ära mit Hilfe des Erreger- oder Antikörpernachweises möglich.

(51)
Als man z. B. 1770 den Berliner Chirurgen Joachim Friedrich Henckel dazu "beorderte", die Behandlung der Geschlechtskranken in der Charité zu übernehmen, versuchte er vergeblich, sich dieser "Zumutung" zu entziehen, indem er auf das Medizinaldelikt verwies, wonach es Chirurgen streng verboten sei, stark wirkende Medikamente wie Quecksilber innerlich zu verabreichen (Charité-Akten 114 No. 1, Vol. 2, fol. 180). - Abgesehen davon, daß er der "Malice gottverdammter Huren ausgesetzt" sei, erregte er sich vor allem darüber, daß ihn bei der so aufoktroyierten Tätigkeit ein Oberinspektor (Habermaas) dienstlich überwachen sollte. "Ich muß mich prostituiret sehen bey der Nachwelt", klagte er, "wenn man in einer Instruktion lesen wird, daß man auf mich Achtung geben soll, ob ich auch 2 mahle in der Woche die Charité besuche . . ." (Charité-Akten II 4 No. 1, Vol. 2 fol. 176). - Die berüchtigten und gefürchteten "Salivationsstuben", wo Geschlechtskranke im Rahmen einer qualvollen Quecksilberkur "täglich bis zu 4, ja sogar 6 Pfund speicheln" mußten, befanden sich im linken Flügel des II. Stockwerkes der damaligen Charité.

(52)
Wegen des eitrig-pustulösen Hautausschlages zu Beginn der Luespandemie bezeichnete man in Unkenntnis des venerischen Charakters der Krankheit in Deutschland das Übel zunächst einfach als "Blattern" oder "Pocken". Auch in England sprach man von "pokkes" ("pocks"), in Frankreich von "la vérole", während man die echten Pocken wegen der kleineren Pusteln "pétite vérole" nannte. Diese konfuse Terminologie (vérole = Syphilis; petite vérole = Pocken) verleitete den französischen Esprit oft zu recht zweideutigen Wortspielereien. Als z. B. in einem Pariser Salon erzählt wurde, daß eine Dame der Gesellschaft an "petite vérole" erkrankt sei, bemerkte der junge Voltaire: "Das wundert mich nicht, ich habe sie schon immer als sehr anspruchslos gekannt." - Der Terminus "la vérole" hatte einen so anrüchigen Beiklang, daß er sogar noch 1877 in der Gesamtauflage des Voltaireschen Oeuvres nur mit den Anfangsbuchstaben und drei Pünktchen (v . . .) angedeutet wurde.

(52a)
Man vermutete, daß "die Pocken beim Lustsiechen", wie es noch 1670 der aus Hamburg stammende Anatom Rollfink definierte, "ein äußerliches Zeichen innerer Fäulnis sind", woraus sich auch die Antwort des ersten Totengräbers auf Hamlets Frage erklärt, "wie lange wohl einer in der Erde liegen müsse, eh' er verfault": "Meiner Treu! Wenn er nicht schon vor dem Tode verfault ist, wie wir denn heutzutage viele lustsiechen Leichen ("many pocky corpses") haben, die kaum bis zum Hineinlegen halten, so dauert es auch acht Jahre, bei einem Lohgerber kaum neun Jahre" (5. Aufzug, 1. Szene).

(53)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 179. - Bei dieser Gelegenheit besichtigte Struensee auch den Hamburger "Pesthof", der außerhalb der Stadtmauer lag. Besonders entsetzt war er über die "unmenschliche Behandlung" der Irren, die man dort oft in enge Tollkoben einsperrte. Sein Fazit: "In solchen Behausungen des Grauens kann wohl eher ein Vernünftiger zum Wahnsinn als ein Wahnsinniger zur Vernunft gebracht werden" (J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 80)

(54)
Johann Jakob Rambach, Versuch einer physisch-medizinischen Beschreibung von Hamburg (Hamburg 1801, S. 419-421). Mit "Strafe" meinte Rambach "Strafe Gottes".

(54a)
Es war dasselbe Milieu, das Mephisto der Witwe Schwerdtlein in Zusammenhang mit dem Ende ihres lustsiechen Ehegatten so schilderte: "Ich stand an seinem Sterbebette. Es war was besser als von Mist, von halb verfaultem Stroh, allein er starb als Christ ..." (Goethe, Urfaust. 1773, Vers 805-806).

(55)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 175.

(56)
M. Schian, Über Prediger und die Medizin. Leipzig 1905, S. 43. - Peter Hessel, der seit 1671 Prediger am Pestlazarett vor den Toren Hamburgs war, wetterte in einer seiner Kapuzinaden auch gegen die Lues: "Was für ein Sündennest ist allein Hamburg! ... Es kompt nicht ungleich der Stadt Sodom und Gomorrha, davon Gott der Herr sagt: Es ist ein Geschrey zu Sodom und Gomorrha / das ist groß / und ihre Sünde ist schwer. / Eben daß mag der gerechte Gott / auch wol über Hamburg außruffen / darin Hurerey, Franzosen (Lues) und Mordthaten (an Neugeborenen) im vollen Schwange gehen ..." (Peter Hessel, Hertzfliessende Betrachtungen von dem Elbe Strom. Altona 1675).

(57)
Es gab Ärzte, die sich bei der Behandlung vermögender Luetiker in der geradezu alchimistischen Kunst übten, "Quecksilber in Gold zu verwandeln". Nicht umsonst ließ der Regimentsmedikus Schiller in seinem Erstlingswerk den Räuber Razmann erklären: "Ich kenne einen Dokter, der sich ein Haus aus purem Quecksilber gebauet hat" (Die Räuber, 1. Akt, z. Szene).

(58)
So bezog z. B. der junge Voltaire (1714) in einem Couplet auf die Schauspielerin Duclos mit tändelnder Ironie deren Krankheit samt Quecksilberkur ein: "Belle Duclos! / Vous charmez toute la nature! / Belle Duclos, / Vous avez les dieux pour rivaux: / Et Mars tenterait l'aventure, / s'il ne craignait le dieu Mercure / Belle Duclos!" ("Schöne Duclos! Sie bezaubern die ganze Natur! Schöne Duclos, Sie haben die Götter zu Rivalen. Und Mars würde sich in das Abenteuer einlassen, fürchtete er nicht Gott Merkur, schöne Duclos!"). Voltaire, Oeuvres complètes. Garnier Frères. 1877, Bd. X. ("Poésies mêllées"), S. 471.

(59)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 195. - Struensee, der kein Verständnis dafür hatte, "wenn zwey dasselbe thuen, es nicht dasselbe sey" ("Si duo idem faciunt, non est idem°), distanzierte sich ostentativ von der hier praktizierten Doppelmoral. , Es ist falsch zu glauben was die einen thuen, sey Galanterie, und was die anderen thuen, sey Unzucht. Es giebt nur eine Moral, wie es auch nur eine Geometrie giebt ` (Von der Lustseuche ... Op. cit. S. 196).

(60)
Diese an Abstinenz grenzende Zurückhaltung hatte die sauflustige Studentenschaft kleiner Universitätsstädte schon oft zu beschämenden Ausschreitungen gegenüber den "Enkeln Abrahams" gereizt. So zwangen z. B. betrunkene Hallenser Studenten einen alten Juden, sich mit Likör taufen zu lassen. Diese ruchlose Tat, einen Hilflosen in seiner menschlichen Würde zu erniedrigen, trug vielleicht dazu bei, daß Struensee schon als Jüngling die aus gelassenen Kneipereien mit dem Ziel, sich gegenseitig unter den Tisch zu saufen, verabscheute.

(61)
Wozu ein Betrunkener fähig ist, verdeutlichte dem Volk der Bibel Noahs schamloses Verhalten (1. Mose 9, 21) und Lots blutschänderisches Vergehen (1. Mose 19,32-36).

(62)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 185. - Es ist gewiß kein Zufall, daß im Anschluß an die Abhandlung, in der Struensee die verderbliche Rolle des Alkoholismus in der Epidemiologie der Lustseuche besonders betont, in der gleichen Zeitschrift eine jüdische Parabel folgt, die vermutlich von Gerson beigesteuert wurde. Ihr kurzer Inhalt: Als Noah den Weinstock anpflanzte, kam Satan und schlachtete zunächst ein Schaf, dann einen Löwen, ferner einen Affen, schließlich ein Schwein und tränkte jeweils mit dem Blut die Wurzeln des Rebstockes. Daher sei der Mensch nach dem ersten Becher Wein zahm wie ein Lamm, nach dem zweiten Becher laut, auftrumpfend und gewalttätig wie ein Löwe, nach dem dritten geschwätzig und albern wie ein Affe und nach dem vierten unflätig wie ein Schwein, das sich im Straßenkot wälzt (Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück IIl, S. 192).

(63)
So berichtet z. B. Glückel von Hameln, daß sie (1657) im Alter von 12 Jahren verlobt und zwei Jahre später verheiratet wurde (Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln. Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von Alfred Feilchenfeld. 4. Aufl., Berlin 1923, S. 35). - Das Buch ist eine profunde Quelle zur Geschichte der deutschen Juden im 17. Jahrhundert.

(64)
Das strenge Sittenleben im Ghetto hob sich kraß von der Promiskuität in der christlichen Umwelt ab. Struensee, der über eine ausgeprägte satirische Ader verfügte, hat den Voltaireschen Einfall einer bis Kolumbus zurückreichenden Lues-Infektkette in seinem "Candide"-Bändchen wegen ihrer kunterbunten Skurrilität seitlich angestrichen. Pangloß (alias Leibniz), der unerschütterlich an die beste aller Welten glaubt, berichtet dort über die Vorgeschichte seines Leidens: "Sie haben doch sicher die hübsche Zofe unserer erlauchten Frau Baronin gekannt? In ihren Armen habe ich alle Wonnen des Paradieses genossen, und diese wiederum sind die Ursachen der Höllenqualen, unter denen ich jetzt so entsetzlich leide. Sie hatte dieses Geschenk von einem hochgelehrten Franziskaner erhalten, der es von einer alten Gräfin hatte, die es ihrerseits von einem Rittmeister bekam; dieser wiederum verdankte es einer Marquise, die es von einem Pagen übernommen hatte; der aber hatte es von einem Jesuiten empfangen, welcher es noch als Novize von den direkten Nachkommen eines Gefährten von Christoph Kolumbus erhalten hatte . . ." (Voltaire, Candide, 4. Kapitel). - Den homosexuellen Ursprung des skurrilen Stammbaumes, der uns an die ursprünglich bekanntgewordene Infektkette von AIDS erinnert, hat Struensee mit der Randglosse "sic!" versehen.

(65)
Die Aufhebung der Ghettoschranken nach der Französischen Revolution, die Assimilation der Juden an das Bürgertum, äußerte sich mit allen Folgeerscheinungen, die der bürgerlichen Welt eigen sind. Frühehe und strenge Moral verschwanden, und auch die Juden machten mit der Trunksucht und der Prostitution ihre Bekanntschaft. Das Ergebnis war ein rasches Ansteigen der Geschlechtskrankheiten und die Abnahme der hohen Fruchtbarkeit in den jüdischen Familien.

(66)
J. Fr. Struensee, Gedanken eines Arztes vom Aberglauben und der Quacksalberey. Gemeinnütziges Magazin 1760 (ohne Angabe des Erscheinungsortes), Stück II, S. 85.  - Auch Shylock warnte seine Tochter vor dem Vergnügen des venezianischen Karnevals:

"Was gibt es Masken? Jessica, hör' an:
Verschließ die Tür, und wenn du Trommeln hörst
und das Gequäk der quergehalsten Pfeife,
so klettre mir nicht an den Fenstern auf;
steck nicht den Kopf hinaus in offne Straße,
nach Christennarren mit bemaltem Antlitz
zu gaffen stopfe meines Hauses Ohren –
die Fenster, mein' ich, zu und laß den Schall
der albernen Geckerei nicht dringen in mein ehrbar Haus.
Bei Jakobs Stabe schwör ich,
Ich habe keine Lust, zu Nacht zu schmausen."
(W Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig, z. Aufzug, 5. Szene)
(67)
Als enyzklopädisch gebildeter und von humanitären Ideen durchdrungener Rationalist dachte Struensee auch viel über das Unrecht nach, das Menschen wegen einer anderen Religion oder Hautfarbe zu erdulden haben. Bereits 1763 setzte er sich mit messerscharfer Ironie in seinem pseudotheologischen Traktat "Über die Seelenwanderung" für verfolgte Minderheiten (Juden und Indianer) ein: "Ich esse niemals Hummer, ohne mir dabey die Qual vorzustellen, in welcher sie ihr Leben geendigt haben. Aber sobald ich denke,daß es wahrscheinlicherweise Spanier in Mexico oder Inquisitoren zu Goa gewesen sind, esse ich sie ohne Beängstigung meines Gewissens. Ich vergnüge mich vielmehr dabey, indem ich mir vorstelle, daß ich den Seelen so vieler Millionen geschlachteter Indianer und armer verbrannter Juden ein angenehmes Opfer bringe" (Struensee, Die Seelenwanderung. Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen, Hamburg 1763, Stück I, S. 30).

(68)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 194. - 1770 empfahl Basedow in seinem "Methodenbuch für Väter und Mütter der Familien und Völker" aus pädagogischem Kalkül ("um den moralischen Belehrungen Nachdruck zu verleihen") jenen Weg einzuschlagen, den er einst mit Struensee im Hiobshospital eruiert hatte: "Ungefähr im fünfzehnten Jahr", so verlangte er, "sollte ein Knabe nach einer gewissen Vorbereitung mit seinen Eltern oder Aufsehern etlichemale ein Lazarett besuchen, wo die Hurer und Ehebrecher durch häßliche und höchst schmerzliche Krankheiten für ihre ehemals gering geachteten Sünden büßen."

(69)
Besonders anstößig fand man die "schlüpfrige Eintheilung der Pflanzen" in "bedecktsamige" (Angiospermen) und "nacktsamige" (Gymnospermen), deren Samenknospen nackt, d. h. nicht wie bei den bedecktsamigen Pflanzen in einem Fruchtknoten eingeschlossen sind. "Ein so unkeusches S-stem", schrieb ein Petersburger Botaniker 1774, "dürfe der studierenden Jugend nicht mitgeteilt werden".

(70)
Mederer war es übrigens auch, dem seine Freiburger Studenten eine Katzenmusik darbrachten und ihn verprügeln wollten, als er 1774 für die Vereinigung der Chirurgie mit der Medizin eintrat, weil sie darin eine "Herabwürdigung der Heilkunst" sahen (Paul Diepgen, Medizin und Kultur, Stuttgart 1938, S. 199).

(71)
Schian (wie Anm. 56), S. 43. - Fast mit den gleichen Worten verbot 1826 Papst Leo XII. den Gebrauch des Kondoms. Und was wir heute - in Anbetracht der AIDS-Gefahr und der Überbevölkerung in der hungernden Dritten Welt bezüglich der Ablehnung dieses infektions- und empfängnisverhütenden Mittels ex cathedra Petri zu hören bekommen, ist von einer erschreckenden Gedankenlosigkeit und wirkt wie ein "seuchenhistorisches Déjä-vu°-Erlebnis aus finsterster Vergangenheit.

(72)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 182-183.

(73)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 184.

(74)
Schleswig Holsteinisches Landesarchiv Abt. 112, Nr. 553, fol. 54-59.

(75)
Von den Blattern (wie Anm. 16), S. 188.

(76)
Joukowsky, St. Petersburger Zeitschrift 1872, Bd. 1, S. 73.

(77)
Wiener Medizinische Wochenschrift, 4. Juli 1868.

(78)
E. Paschen, Die animale Vaccine im" Handbuch der Pockenbekämpfung und Impfung°, hrsg. von O. Lentz und H. A. Gins. Berlin 1927, S. 364.

(79)
Altonaer Stadtarchiv, Abt. 36, KI B I 13 fol. I f. (verbrannt am 25. Juli 1943). - P. Th. Hoffmann, Struensee als Altonaer Stadtphysikus. Amtsblatt der Stadt Altona, 6. Jg. 1926, Nr. 14.

(80)
Winkle, Struensee (wie Anm. 4), S. 47-54.

(81)
Winkle, Struensee und die Publizistik, Hamburg 1982, S. 123-155.

(82)
Struensee, Gedanken eines Arztes von der Entvölkerung eines Landes. Monatsschrift zum Nutzen und Vergnügen. Hamburg, Juli 1763, Stück 1, S. 24.

(83)
Struensee, Von der Geburtshülfe, von den Schwangeren und den Säuglingen. Gemeinnütziges Magazin 1760, Stück 1, S. 28.

(84)
Struensee, Von der Lustseuche und was dagegen zu thuen sey, Gemeinnütziges Magazin 1761, Stück III, S. 95.

(85)
Ich habe oft an Struensee denken müssen, wenn ich diese Worte des "Unwetters aller Werte" las: "Man muß rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte ... Man muß nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängnis wird ... Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen niemand heute den Mut hat; den Mut zum Verbotenen ... neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm gebliebene Wahrheiten ... (Friedrich Nietzsche, Umwertung aller Werte. Aus dem Vorwort).

(86)
Näheres über die Schizophrenie des jungen Monarchen in meiner Monographie "Struensee, die Geisteskrankheiten und König Christians Leiden" im Hebbel-Jahrbuch 1980. Heide 1980, S. 97-175, sowie in verschiedenen Kapiteln meines Struensee-Buches (wie Anm. 4) von S. 87 bis S. 632.

(87)
Die Humanisierung der psychiatrischen Praxis scheint den jungen Physikus bereits in Altona interessiert zu haben, denn in einem seiner Lieblingsbücher, dem Gulliver-Band, hat er u.a. sogar eine Stelle angestrichen, die sich als Arbeitstherapie für Geisteskranke deuten läßt. Es handelt sich um die groteske Szene, da anläßlich Gullivers letzter Reise auf der Insel der Houyhnhnms (der klugen und edlen Pferde), wo die menschlichen Wesen, die Yahoos, als abstoßende, obszöne, affenartige Bestien geschildert werden, ein vornehmer Houyhnhnm Gulliver zu erklären versucht, wie man gegen eine Abartigkeit dieser verächtlichen Rasse vorgehen könne: "Bisweilen überfällt einen Yahoo eine absonderliche Laune; er verkriecht sich in einem Winkel, kauert sich zusammen, heult, stöhnt und jagt alle fort, die sich ihm nähern, obwohl er jung und wohlgenährt ist und ihm nichts abgeht an Speise und Trank ... Das einzige Mittel, womit diesem Übel abgeholfen werden konnte, war dies: man ließ ihn harte körperliche Arbeit verrichten. Alsdann kam er jedesmal unfehlbar wieder zur Besinnung. - Ich, (d. h. der Mensch Gulliver) schwieg aus Parteilichkeit für mein eigenes Geschlecht. Doch konnte ich hier deutlich die wirklichen Hintergründe des Spleens erkennen, der nur die im Luxus lebenden Müßiggänger befällt. Würden diese zu derselben Kur gezwungen, so möchte ich mich für ihre Heilung verbürgen." (Jonathan Swift, Gullivers Travels. London 1726, 4. Teil (A Voyage to the Houyhnhnms), Kap. 7. Struensees Randbemerkung dazu lautete: "Gemüthskranke sollen unter Aufsicht zur Arbeit angeleitet werden, um sie von ihrem Leiden abzulenken."

(88)
In "Wilhelm Meisters Wanderjahren" schildert Goethe, wie die Handspinnereien in den Bergtälern vom Eindringen der Maschine bedroht wurden. An einer Stelle heißt es dort: "Das überhandnehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen" (3. Buch, 13. Kap.). Ähnliches dürfte auch Struensee empfunden haben, als er an der Peripherie von Manchester die krebsartig wuchernden Slums der Fabrikarbeiter und in den Betrieben selbst das Überhandnehmen der Frauen- und Kinderarbeit als Folge der zunehmenden Mechanisierung und Verelendung zu sehen bekam.

(89)
Leopold Mozart, der sich 1764 mit seinen beiden Kindern auf eine Konzertreise nach England begeben hatte, berichtete einem Freund, daß es in London 8659 Branntweinschänken gebe (Fred Hamel, Mozart. Berlin 1932, s. 19).

(90)
Jeder zehnte Einwohner von London lebte damals in irgendeiner Form als Dirne, Kellner, Zuhälter oder Wirt von der Prostitution, die geradezu industrielle Formen angenommen hatte. Die Macht des Sexualtriebes war stärker als alle Vernunft und Angst vor der Syphilis. Allein in England soll es damals etwa 5 Millionen Syphilitiker gegeben haben.

(90a)
Laut der neuesten Zahlen der WHO gibt es weltweit 10-12 Mio. HIV-Infizierte. Das Bundesgesundheitsamt schätzte unlängst die Zahl der Betroffenen bei uns auf 100000. Es handelt sich um eine folgenschwere Unterlassung, daß man jahrelang nicht den Mut hatte, auf eine tödliche Infektion, die überwiegend durch Geschlechtsverkehr übertragen wird, die entsprechenden Bestimmungen unseres Seuchengesetzes anzuwenden. Doch leider denken die meisten Politiker nicht an die nachfolgenden Generationen, sondern nur in Vierjahres-Dimensionen. Daher handeln sie stets im Sinne eines pervertierten kategorischen Imperativs, der da lautet: "Handle in jedem Augenblick so, daß wenigstens der Schein Deiner Handlungen Dich die nächste Wahl gewinnen läßt."

(91)
Die Charakteristik, die Shakespeare den Dänenprinz über sein Volk sprechen ließ, lautet: "Der schwindköpf'ge Zecher macht verrufen bei andern Völkern uns in Ost und West; man heißt uns Säufer, hängt an unsre Namen ein schmutzig Beiwort; und fürwahr, es nimmt von unsern Taten, noch so groß verrichtet, den Kern und Ausbund unsers Wertes weg" (Hamlet, 1. Aufzug, 4. Szene).

(92)
Dem Durst der Dänen ging sogar Christians Schwager, der Landgraf Karl von Hessen, in seinen Memoiren mit einer erschütternden Schilderung auf den Grund, ohne allerdings die geschäftstüchtigen Hintermänner zu erwähnen. "Die seeländischen Bauern", berichtet er, "hatten kleine Pferde, denen im Winter fast nur Kräuter und Wurzeln als Futter dienten, kleine Karren, mit denen sie ein wenig Korn zum Markt nach Kopenhagen fuhren . . . Sie kamen auf den Markt, verkauften, liefen ins Wirtshaus, um sich zu berauschen fuhren betrunken und mit verhängtem Zügel ab, hielten aber pünktlich bei jeder Kneipe, mit denen die Landstraße alle Viertelstunden weit besäet war, um nicht aus dem einzig glückseligen Zustand, den sie kannten, herauszukommen" (Denkwürdigkeiten des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. Kassel 1866).

(93)
Schon 1761 hatte Struensee geschrieben: "Das Vorurtheil, die Lustseuche mit Verachtung zu behandeln, statt Hülfe - und zwar ohne Geld - anzubieten, führet dazu, daß die Angesteckten durch Verheimlichung ihre Krankheit verschleppen und somit nur noch mehr Unheil anrichten. Daher sollte man in Gebäuden, die nicht unbedingt benöthiget werden, Hospitäler für Lustsieche einrichten" (Von der Lustseuche !wie Anm. 45], S. 192).

(94)
"Die Lustsiechen umsonst zu behandeln", polterte Pastor Münter von der Kanzel, "hieße der Immoralität Thür und Thor zu öffnen!" Unter dem Hinweis, daß die Portugiesen ihre Dirnen und Lustsiechen nach Brasilien verbannen, schlug er im Spätherbst 1771 vor, man möge die beiden Kirchen, die "zu einem Sündenpfuhl entweiht" wurden, räumen und die "verseuchte Canaille" endlich "nach Westindien (damals dänische Kolonie) verfrachten" (J. P. Harms, Die Prostitution in Hafenstädten. Hamburg 1885, S. 45).

(95)
Winkle (wie Anm. 81), S. 88 ff.). - Auch für die von Struensee erlassene Pressefreiheit gilt jene bittere Erkenntnis, die Lichtenberg später so definierte: "Was die wahre Freiheit am deutlichsten charakterisiert, ist der Mißbrauch derselben" (Sudelbuch-Notiz, Heft L, 402).

(96)
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Einleitung zu "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte". - H. H. Glockners Jubiläumsausgabe 1927, 11. Bd., S. 59. - Schon Goethe hat sich über die Weisheit: "Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden" tüchtig geärgert und spöttisch erklärt, daß dieses immer nur die Schuld des Kammerdieners wäre, "der über das Allzumenschliche seines Herrn, das er täglich aus der Froschperspektive sieht, größenblind geworden" ist. "Vom ganzen Achilles sieht er nur die Ferse." (P. Wiegler, Goethe in Briefen und Gesprächen. Leipzig 1929, S. 59).

(97)
Als die Königin am 2. Juli 1771 eine Tochter zur Welt brachte, munkelte man, der Vater sei Struensee. Es war Prinzessin Luise Augusta, die Urgroßmutter der letzten deutschen Kaiserin. Sie wurde in Kopenhagen allgemein "Prinzessin Struensee" genannt. "Ich habe nie etwas müßiger gefunden", schreibt der einstige Reichskanzler Bülow, "als solche recherche de la paternité. Nicht nur, weil ein solches Herumschnüffeln widerwärtig ist, sondern auch, weil wir vor Gott alle gleich sind. Das war übrigens auch die Ansicht des Kaisers, der mir einmal eine hübsche Äußerung seiner Tante, der Prinzessin Henriette von Schleswig-Holstein-Sonderburg -Augusten-burg erzählte ... Als sie einmal wegen ihrer angeblichen Abstammung von Struensee gehänselt wurde, erwiderte sie: ,Ich will lieber von einem gescheuten Arzt abstammen als von einem vertrottelten König: Kaiser Wilhelm IL fand diese Antwort ausgezeichnet." (Bernhard Fürst von Bülow. Denkwürdigkeiten. Berlin 1923, Bd. 1, S. 67).

(98)
Trotz Warnung seiner Freunde wollte sich Struensee auch in der großen Politik der für das Privatleben gültigen Ethik bedienen und blieb somit auf verhängnisvoll unpolitische Weise tolerant gegenüber der Intoleranz. "Denn zwischen dem Leben, wie es ist und wie es sein sollte", erklärte schon Machiavelli, "besteht ein gewaltiger Unterschied. Wer daher das, was man tut, mit dem verwechselt, was man tun sollte, wird eher seinen Untergang als seine Erhaltung bewirken. Ein Mensch, der immer nur das Gute tun will, muß zugrunde gehen unter so vielen, die nicht gut sind" (Niccolo Machiavelli, Il Principe, 15. Kap).

(99)
H. Hansen, Kabinetsstyrelsen i Danmark 1768/72. 3 Bände. 1916-1923.

(100)
B. Croce, Leonardo filosofo. Milano 1919, S. 19.

(101)
Als Folge des Eindringens deutscher, vor allem holsteinischer Adliger in die höheren Hof- und Regierungsstellen begann man den Begriff adlig" mit deutsch und "bürgerlich" mit dänisch gleichzusetzen. Und so wuchs im Laufe der Zeit in bürgerlichen Kreisen Dänemarks ein unterschwelliges Ressentiment gegen alles Deutsche, weil man deutsch gewissermaßen als die Sprache einer fremden Herrenkaste betrachtete.

(102)
Bei der Hetzkampagne gegen Struensee mußte ich immer an eine Bemerkung Lichtenbergs von zeitloser Aktualität denken: "Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden."

(103)
Schon damals konnte man von jener verhängnisvollen Entwicklung etwas ahnen, die anderthalb Jahrhunderte später bei uns mit bestürzender Präzision begann und deren Wegrichtung der hellsichtige Grillparzer so vorausgesagt hat: "Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität".

(104)
A. Bäumler, Hegel. Leipzig 1927, S. 39. - So ist z. B. die kometenhafte Laufbahn eines Napoleon nur dann verständlich, wenn man weiß, daß durch die Ideale der Französischen Revolution und ihre Ausstrahlung auf das französische Bürgertum und Heer j jedem Grenadier bei geeigneter Tapferkeit und geistiger Fähigkeit ermöglicht wurde, von dem Marschallstab, den er - nach Napoleons Worten - in seinem Tornister trug, Gebrauch zu machen. Einige Jahrzehnte vorher, als die höhere Offizierslaufbahn noch ein ausschließliches Privileg des Adels war, hätten dem körperlich unscheinbaren Korsen weder seine persönliche Kühnheit noch seine glänzenden strategischen Fähigkeiten viel geholfen. Als Napoleon nach einem Siegeslauf sondergleichen mit seinen Armeen in zwei gesellschaftlich rückständige Imperien (Spanien und Rußland) eindrang, wo es noch kein aufgeklärtes, selbstbewußtes Bürgertum gab, "war es, als sei er in ein Vakuum gestoßen: die Ideen der Französischen Revolution, anderswo begierig aufgegriffen, blieben hier ohne Resonanz" (Alexander Herzen, Russische Zustände. Leipzig 1854, S. 41).


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Erschienen im Hamburger Ärzteblatt 5/91 1. Mai (45. Jahrgang)
Kontakt über ePost: Winkle@Collasius.de
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