Stefan Winkle

Über das epidemieartige Auftreten von Nachahmungssyndromen

DIE TANZWUT ECHTE UND SCHEINBARE ENZEPHALITIDEN


Dr. Hanno Scherf in Freundschaft gewidmet.


Ein Pärchen aus der dionysischen Prozession. Aulosspiel und Kastagnettentanz
Griechische Schale
London. Britisches Museum.

Eine Medizin, die noch keine Differenzierung von Krankheiten kennt und infolgedessen die Benennung von Geistes und Nervenkrankheiten nach einzelnen auffallenden Symptomen, wie etwa Krampfanfall, tanzartige Zuckungen, Fallsucht etc. vornimmt, muß zwangsläufig bei einer historischen Rückschau retrospektive Diagnosen sehr erschweren, nicht selten sogar unmöglich machen. Was wir in solchen Fällen oft erfahren, sind wie bei dem platonischen Höhlengleichnis nur die Schatten der Wesenheiten, die keine Gewißheit ergeben, sondern nur Vermutungen zulassen.

Tanz, Dionysien, Bacchanal

Es ist nicht verwunderlich, daß unheimliche Nerven- und Geisteskrankheiten die Menschen seit jeher mit ehrwürdiger Scheu oder religiösem Schauer erfüllten. Da man aus dem unverständlichen Gestammel der oft bewußtseinsgetrübten Kranken übersinnliche Weisungen der Götter zu vernehmen glaubte, verehrte man die vom Wahn Befallenen oft als Heilige, Seher oder Propheten. Der griechische Name einer für heilig gehaltenen Krankheit Epilepsis kommt von epilambano=ergreifen, befallen, also nicht im Sinne des volkstümlichen "zu Boden stürzen", was bei uns zur Bezeichnung "Fallsucht" führte. Allem Anschein nach bezeichnete man einst als "heilige Krankheit" (lateinisch: morbus sacer) nicht nur die Epilepsie, sondern auch andere zerebrale Erkrankungen, zu denen auch die Gehirnentzündung gehörte, vor allem die hyperkinetische und postenzephalitische Form mit ihren tanzartigen Bewegungen und Zuckungen. Kam doch dem Tanz in der Antike noch eine ganz besondere Bedeutung zu, die Heine in seinem Atta Troll zwar ironisch, aber doch sehr treffend so definierte:

"Ja, der Tanz in alten Zeiten
war ein frommer Akt des Glaubens;
um den Altar drehte heilig
sich der priesterliche Reigen...
Also, vor der Bundeslade
Tanzte weiland König David;
Tanzen war ein Gottesdienst,
war ein Beten mit den Beinen!"
(VII. 19-26)

Auch in den griechischen Mysterien spielte derTanz eine besondere Rolle, vornehmlich bei den ekstatischen und weintrunkenen dionysischen Festen, die nachts beim blendenden Licht der Fackeln und sinnbetäubenden Klang von Doppelflöten und Tympanon gefeiertwurden. Nervenkrankheiten, die mit motorischer Unruhe verbunden sind, hatten seit jeher die Tendenz, in einer psychisch erregten Atmosphäre "ansteckend" zu wirken. "Eine Hysterie mit schweren motorischen Anfällen", schrieb der Psychiater E. Bleuler, "wird den epileptischen an die Seite gestellt und als Hystero-Epilepsie bezeichnet." Die nächtlichen religiösmystischen Feste des Dionysos bildeten das geeignete Milieu, in dem "die plötzlich einsetzenden epileptiformen Erregungen" einer einzelnen Hysterikerin bei den übrigen Gläubigen durch Massensuggestion den Nachahmungstrieb auslösen konnten.

Das geschah um so leichter, zumal der sehnlichste Wunsch der Mänaden der "Enthusiasmus" war, der Rausch der Vereinigung mit Gott. Das Wort "Enthusiasmus" bedeutet nämlich etymologisch, daß der Gott in den Anbetenden eingeht, so daß er glaubte, mit dem Gott eins zu werden. (1)

Bereits Euripides (486-406 v. Chr.), der seinen Lebensabend am makedonischen Königshof verbracht hat, schildert in seinem letzten Drama "Bacchantinnen" die antike Tanzwut des dionysischen Mysteriums als eine Art religiös-epidemischer Hysterie:

"Bald hebt sich das Land, wirbelnd im Tanz
Wenn Bromios den Reigen führt auf das Gebirg,
Wohin schwärmender Frauen Schaf
Vom Webstuhl und Gewebe floh,
Wahnsinnstrunken von Bakchos."
(114-118)

Und gleich danach preist der Mänadenchor die Lust am Zerreißen eines erjagten Tieres und am kultischen Verschlingen des rohen blutigen Fleisches. Da das Tier als Verkörperung der Gottheit galt, glaubte man, sich so mit ihr zu vereinen.

"Oh Lust für den, der im Bergwald in rasendem Laufe
stürzt hin auf den Grund,
Gehüllt ins heil'ge Hirschkalbfell, dürstend nach
Blut des getöteten Böckleins, nach rohem Genusse,
Eilend ins phrygische, lydische Bergland
Mit Bromios als Chorführer"
(135-140)

Wegen des Lärmes, den das Gefolge von Dionysos verübte, hieß er auch noch Bromios ("Lärmer") oder Bakchos ("Rufer"). Daher auch sein lateinischer Name Bacchus.

Auch die antiken Künstler bildeten die "Mänaden" oder "rasenden Bacchantinnen" mit Vorliebe in exaltierten Körperstellungen, die an hysterische oder enzephalitische Konvulsionen erinnern. Man sieht, wie sie mit wallenden Gewändern, die zum Teil den Körper entblößen, mit zurückgeworfenem Kopfe und fliegenden Haaren den Dolch oder den Thyrsosstab schwingen und sich zum wilden Klang von Doppelflöten oder Tympanon korybantisch bewegen. Oft halten sie dabei in einer Hand einen Teil des zerrissenen Opfertieres. (2)

In seinen "Bacchantinnen" kennzeichnet Euripides diesen Zustand als "eine Ansteckung, eine Feuersbrunst" (778). Natürlich handelt es sich dabei nicht um Übertragung eines Ansteckungsstoffes, sondern um eine Suggestivwirkung. Denn "unter den Massen", um mit Gustav le Bon zu sprechen, "übertragen sich Ideen, Gefühle, Erregungen und Glaubenslehren mit ebenso starker Ansteckungskraft wie Mikroben." (3)

Die antiken Tanzwutepidemien mit ihren wiederholten Gewalttätigkeiten führten die Griechen zur Überzeugung, daß die Doppelflöte, als Hauptinstrument des dionysischen Kultes, besonders dazu geeignet sei, die Seele aufzurütteln, ja sogar krankhafte Störungen des Bewußtseins zu erzeugen. Daraus erklärt sich auch der Widerwille, den der "apollinische" Plato gegenüber der dionysischen Doppelflöte empfand (Der Staat. 3. Buch, 411 a). Die Abneigung gegen das Orgiastische spiegelt sich auch in der Sage vom Wettstreit des lauteschlagenden Apollos mit dem flötenblasenden Marsyas, einem Priester der phrygischen Göttin Kybele. In dieser Sage wird der Wesensunterschied zweier Musikarten, des süßtönenden Saitenspiels und der schrillen Töne der Blasinstrumente, auf das anschaulichste verdeutlicht. Dieser Widerstreit zwischen Saitenklang und Schalmeiengetön offenbart sich anscheinend verstärkt im spannungsreichen Gegensatzpaar des Apollonischen und des Dionysischen, durch deren Zusammenwirken Nietzsche sich die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik vorstellte . (4)

In einem "Dialog" läßt Plato Sokrates erklären, daß die Zulassung einer neuen, verweichlichenden Tonart die Zukunft eines ganzen Staates gefährde und daß man keine Tonart verändern könne, ohne damit zugleich die Grundgesetze des bürgerlichen Gemeinwesens zu erschüttern. (5) Daher seien Gesänge, deren Rhythmik und Melodie Lüsternheit, frechen Übermut oder zügellose Leidenschaft ausdrücken, von den Gesetzgebern nicht zu dulden. Auch Aristoteles, der als Sohn des königlichen Leibarztes am makedonischen Fürstenhofe mehr als einmal Gelegenheit hatte, die korybantische Raserei der dionysischen Tanzwut mit anzusehen, warnte vor dem Gebrauch bestimmter Instrumente, besonders der Doppelflöte, als einem rein sinnlichen Reizmittel. Doch gerade dieses Instrument mit seinen Eigenschaften hielten die Priester der Kybele, die Korybanten, für heilsam. (6) Ebenso wie man die Wasserscheu bei der Tollwut durch plötzliches und gewaltsames Untertauchen in kaltes Wasser zu bekämpfen hoffte, wollte man bei der Tanzplage (dem sog. Korybantismus) durch bestimmte Klang- und Musikreize den krankhaften Affekt bis zum äußersten steigern und dann zur Entladung bringen. Da die Besessenen meist Flötenklänge zu hören glaubten, versuchte man ihre Halluzinationen mit wahrem Flötenspiel zu bestärken und so durch gewaltsame Entladung den Bann des Wahnsinns zu brechen. Man sprach dann von einer Läuterung, einer Katharsis. (7)

Die heilige Krankheit

Doch bereits zur Zeit Platos sank das Ansehen der habgierigen Priesterärzte bei den gebildeten Griechen so sehr, daß sie im Jahre 386 v. Chr. Aristophanes in seiner derbsarkastischen Komödie "Plutos" samt ihrer geheimnisumwitterten und lukrativen Inkubationskur verspottete. (Wer weiß schon heute noch, daß der Begriff Inkubation aus der griechischen Tempelmedizin stammt?)


Abb. 1:
Eine messerschwingende, rasende Mänade mit dem Hinterteil eines zerstückelten Zickleins in der linken Hand.
Römische Marmorkopie nach einem griechischen Original des 4. Ih. v. Chr. London, Britisches Museum.

Fast um die gleiche Zeit hat sich ein hippokratischer Arzt in seiner Schrift "Über die heilige Krankheit"
entschieden von der Tempelmedizin und deren Anschauung distanziert, wonach Krankheiten auf übernatürliche, göttliche Einwirkung zurückzuführen seien. Er erklärte:

"Nach meiner Ansicht ist diese Krankheit (d. h. die Epilepsie) in gar keiner Beziehung göttlicher oder heiliger als die anderen Krankheiten, sondern das Wesen ihrer Entstehung ist dasselbe wie bei den anderen Krankheiten..." (1 . Kapitel)

"Ich bin derAnsicht, daß die Menschen, die zuerst diese Krankheit für eine heilige ausgegeben haben, Leute gewesen sind, wie es solche auch heute gibt, nämlich Magier, Sühnepriester, Täuscher und Aufschneider, die nur so tun, als wären sie gottesfürchtig und als wüßten sie mehr. Diese haben aber das Göttliche nur als Deckmantel und Vorwand für ihre eigene Hilflosigkeit angegeben, dafür, daß sie mit nichts Hilfe bringen konnten, und so kamen sie, damit ihre Unkenntnis nicht offenkundig wurde, zu dem Glauben von dem heiligen Wesen dieser Krankheit."

"Durch Aufsuchen passender Gründe haben sie sich auch die Behandlung derselben gesichert, indem sie Sühneopfer brachten und Beschwörungsformeln sprachen und den Kranken verordneten, sie sollten sich der Bäder und zahlreicher für Kranke ungeeigneter Speisen enthalten... Ferner sollten sie nicht auf einem Ziegenfell liegen oder ein solches tragen. Sie sollten nicht die Füße übereinanderschlagen oder die Hände übereinanderlegen, denn das alles seien Hindernisse (für die Heilung). Sie sprechen noch von anderen Ursachen, damit, wenn der Betreffende gesund wird, das ihrem Ruhm diente und ihrer Geschicklichkeit zugeschrieben werde; wenn er dagegen stirbt, ihnen die Entschuldigung und Ausrede gesichert sei und sie einen Scheingrund dafür hätten, daß sie selbst in keiner Weise daran schuld sind, sondern die Götter..."
(2. Kapitel)

"Durch solche Redensarten und Kunststücke machen sie nun den Menschen weis, mehr als sie zu wissen, und täuschen sie, indem sie ihnen heilige Weihen und Entsühnungen vor Augen führen..." (3. Kapitel)

"Wenn ihm Schaum vor den Mund tritt und er mit den Füßen um sich schlägt, so meinen sie, Ares sei daran schuld. Wenn während der Nacht Schreckbilder, Furcht und Delirien auftreten und der Kranke vom Lager aufspringt, entsetzliche Dinge sieht und ins Freie flüchtet, so sagen sie: ,Hekate, stelle ihm nach.' Da bedienen sie sich der Sühnemittel und Beschwörungen und tun das Unheiligste und das Gottloseste nach meiner Ansicht, denn sie entsühnen den von der Krankheit Befallenen mit Blut, als wenn er einen Schandfleck an sich hätte, ein Frevler wäre oder irgendeine ruchlose Tat vollbracht hätte. Ich für meine Person glaube nun nicht, daß der Körper eines Menschen durch eine Gottheit verunreinigt wird, das vergänglichste Geschöpf von dem reinsten Wesen." (4. Kapitel)

Den natürlichen Grund der "Heiligen Krankheit" versuchte der hippokratische Arzt auf physiologische Vorbedingungen zurückzuführen (Kap. 3-13). Er glaubte, das Gehirn, das er allerdings noch für eine schleimbildende Drüse hielt, stünde mit dem übrigen Organismus durch zahlreiche Adern in Verbindung, durch die nicht nur das Blut, sondern auch die eingeatmete Luft strömen solle. Die Heilige Krankheit entstünde nun ganz im Sinne der Humorallehre dadurch, daß sich im Gehirn ein Übermaß an Schleim (Phlegma) bilde, der durch die Adern abfließe und, falls er nicht vom Blute absorbiert würde, die Zirkulation von Blut und Luft (Pneuma) hemmen oder stören könne:

"Wenn er, der Schleim, aus dem Gehirn durch die Adern hinabfließt, so verliert der Kranke die Besinnung, bekommt Erstickungsanfälle, es tritt Schaum vor den Mund, die Zähne sind zusammengebissen, die Hände verkrampft, die Augen verdreht, bei manchen geht auch Kot nach unten ab." (10. Kapitel) (8)

Durchdrungen von der Überzeugung, daß der Mensch ein Glied des Kosmos sei und infolgedessen die Umwelt den Gesundheitszustand des Menschen entscheidend beeinflußt, führen die Hippokratiker im 13. Kapitel die unheilvolle Bildung von Phlegma im Gehirn besonders auf die Einwirkung von Feuchtigkeit zurück, die von außen bei nasser Witterung in den Körper eindringe. Darum sei für diejenigen, die eine gewisse konstitutionelle Veranlagung für diese Krankheit in sich tragen (Phlegmatiker), der feuchte Südwind am gefährlichsten, zumal wenn er ohne Übergang nach nördlicher Windrichtung einsetze. Aber auch ein plötzlich aufkommender Nordwind könne dadurch, daß er das Gehirn zusammenziehe und das ungesunde Phlegma aus ihm ausscheide, den Abfluß bewirken. Überhaupt begünstige der schnelle Umschlag der Luftströmungen und Temperaturen den akuten Anfall.

Im 14. Kapitel kommt der Hippokratiker abermals auf den Einfluß des Südwindes auf die übermäßige Schleimbildung im Gehirn: "Derjenige, bei welchem die Krankheit von Kindheit an zugenommen hat und mit ihm aufgewachsen ist, leidet daran bei Windveränderungen und bekommt dann in der Regel Anfälle, und zwar zumeist bei Südwind. Er wird sie aber schwer wieder Ios; denn das Gehirn ist feuchter, als es von Natur sein sollte, und enthält einen Überfluß an Schleim..." (14. Kapitel)

Die französische Bezeichnung des Schnupfens als "rhume de cerveau" (Gehirnfluß) reflektiert noch die antike Vorstellung von dem Gehirn als schleimbildender Drüse.

Um den natürlichen Grund der "Heiligen Krankheit" begreifen zu können, tat der anatomielose hippokratische Arzt etwas für die damalige Zeit Ungewöhnliches: Er prüfte das Gehirn an "Drehkrankheit" (Scrapie?) eingegangener Schafe und stellte fest, daß es von Phlegma (Schleim) überflutet sei:

"Wenn du (solchen) den Schädel spaltest, so wirst du finden, daß das Gehirn feucht, von wässeriger Flüssigkeit erfüllt und übelriechend ist. Daran wird man gewiß erkennen, daß nicht die Gottheit den Körper befleckt, sondern die Krankheit." (14. Kapitel) (9)

Eine genaue Therapie der heiligen Krankheit gab der Verfasser nicht an. Er verwies nur auf das allgemeine humoralmedizinische Prinzip, daß man die Krankheitsursachen durch ihr Gegenteil beheben müsse, und schloß:

"Wer aber in den Menschen solche Veränderungen hervorzurufen weiß und imstande ist, durch richtige Diät den Menschen feucht und trocken und warm und kalt werden zu lassen, der kann wohl auch diese Krankheit ohne rituelle Reinigungen, Zaubermittel und sonstige Charlatanerie heilen, falls er den rechten Blick für die Anwendung der nützlichen Maßnahmen hat. (21. Kapitel) (10)

Phrenitis, Lethargus

Als unter den Ptolomäern Alexandria zum Zentrum der hellenistischen Kultur wurde, haben dort auch zwei bedeutende Anatomen, Herophilos und Erasistratos, viel zur Weiterentwicklung der Heilkunde beigetragen. Herophilos (um 300 v.Chr.), der nach Celsus "lebende Verbrecher" viviseziert haben soll, erkannte endgültig, daß das Gehirn das Zentralorgan des Nervensystems und die Nerven die Organe der Empfindung sind, Auch die Hirnhäute wurden zum erstenmal von ihm beschrieben.

Mit diesen neuen Erkenntnissen versuchte man sodann auch zwei Krankheitsbilder, Phrenitis und Lethargus in Einklang zu bringen, wie das besonders schön aus den Schriften des in Nordafrika wirkenden römischen Arztes Thodorus Priscianus (um 400 n. Chr.) zu ersehen ist."' Obwohl er sich von der Säftelehre noch nicht ganz befreit hatte, führte er die beiden neurologischen Krankheitsbilder, die viel Ähnlichkeit mit der choreatischen und lethargischen Form der akuten Enzephalitis aufweisen, auf die Spannung bzw. Erschlaffung der Hirnhaut zurück.


Abb. 2
Eine Mänade mit Tympanon in Begleitung eines aulosblasenden Satyren
sowie ein Satyr mit Pantherfell und Thyrosstab.
Neuattisches Relief, entstanden um 300 v. Chr.
(Museo Nazionale, Neapel).

Unter Phrenitis verstand er das Zusammentreffen von akutem Fieber mit heftiger Geistesverwirrung, Erregungszuständen, beständiger Schlaflosigkeit und dem eigenartigen Symptom des sog. Flockenlesens (Euphorista, 11,2 § 9). Da es sich um eine akut fieberhafte Erkrankung handelt, warnte er davor, im Anfangsstadium besondere Eingriffe (wie z. B. Aderlaß) vorzunehmen. Der Darm sollte durch ein leichtes Klistier entleert werden und die Diät vor jeglichen reizenden Stoffen bewahrt bleiben. (11,2 § 10). Zur Einschläferung schaukele man den Kranken in einem Schwebebett oder reibe ihm den Kopf mit narkotischen Mitteln, wie Mohn oder Lattichsaft, ein.

Im Gegensatz zum Erregungszustand der Phrenitis beherrscht Benommenheit das ebenfalls mit Fieber und Geistesverwirrung einhergehende Krankheitsbild des Lethargus. Priscianus, der diese Schlafsucht auf eine Erschlaffung der Hirnhaut zurückführte, erkannte zugleich, daß beide Leiden ineinander übergehen können, indem aus einer Phrenitis, wenn sie sich verschlimmert, ein Lethargus und aus diesem, wenn er sich bessert, eine Phrenitis entstehen könne (II 3 § 13). Seine Behandlung des Lethargus bezweckte vor allem eine Ableitung der verdorbenen Säfte vom Kopf durch Blutentziehung (Aderlaß an der Schläfe oder Blutegel) und durch eine erhöhte Schleimabsonderung mittels scharfer Niesmittel wie z. B. Pfeffer, Bibergeil, Silphion etc. (11,3 § 15).

Ein anderer römischer Arzt, Caelius Aurelianus, der im 5. Jh. in Numidien lebte, empfahl zur physischen Behandlung besondere Musik: phrygische Weisen bei Schlafsüchtigen, dorische und lydische bei Erregten. (12) Großen Wert legte er auf Bäder und kalte Abreibungen, während er vom Aderlaß und vom Aufenthalt im Dunkeln, zumindest bei "Phrenitis", nur wenig hielt.

Von verblüffender Nüchternheit sind auch noch die hygienischen Vorschriften des Arztes Archigenes, der zu Trajans Zeiten in Rom wirkte. Von seinen zum größten Teil verlorengegangenen Schriften blieb u. a. das Kapitel "Über die Behandlung der Phrenitis" erhalten.

"Das Zimmer des Kranken", heißt es dort, "soll geräumig, luftig und je nach der Jahreszeit gut temperiert sein. Die Wände haben glatt ohne Vorsprünge und ohne Malereien zu sein. Jede Unebenheit beschäftigt nämlich den Kranken, und Wandmalereien veranlassen leicht zu Halluzinationen. Ob das Zimmer hell oder dunkel sein soll, hat vom Zustand des Kranken abzuhängen. Als gutes Omen gilt, wenn das Licht beruhigend wirkt. Ruhe muß nicht nur im Zimmer, sondern im ganzen Hause herrschen, denn jeder Lärm stört das geschärfte Ohr des Kranken." (13)

Besessenheit und Exorzismus

In der Sturmflut der Völkerwanderung gingen die Erkenntnisse und Erfahrungen der antiken Medizin größtenteils für immer verloren. In den darauffolgenden Jahrhunderten des frühchristlichen Mittelalters lebten die leichtgläubigen Massen in ständiger Angst vor der Hölle. Die Strafen im Jenseits beherrschten die Phantasie des Volkes und ließen Bilder von Qualen entstehen, neben denen jeglicher irdischer Schmerz als harmlos erschien. Bei den in Stein gemeißelten apokalyptischen Angsttraumbildern an den Portalen romanischer und frühgotischer Kathedralen liegt über den grotesken Fabelwesen mit Hörnern, Klauen, Pferdehuf und Fischleib ein starker Abglanz vergangener und verfemter Heidenzeit. Unter dem Einfluß der Kirche waren die alten vorchristlichen Götter und mythologischen Zwittergestalten (Kentauren, Satyre und Sirenen) zu einem Heer von Teufeln, Kobolden, Werwölfen und Hexen herabgesunken. Insbesondere im düsteren nebligen Norden mit seinen langen Winternächten, in denen die einsamen Dörfer und Gehöfte oft inmitten ungerodeter Urwälder lagen, ließ die erregte Phantasie der Bauern Unholde und Gespenster umgehen. So schuf man sich eine Dämonenwelt, welche die ganze Schöpfung durchdrang und den Gläubigen überall bedrohlich umlauerte. (14)

In der Heilkunde jener Zeit, die vorwiegend von Mönchen geübt und gepflegt wurde, begann die "Versündigungsidee" als Krankheitsursache eine immer größere Rolle zu spielen, denn das Sündenbewußtsein des Priesters und Seelenarztes kann auf den theologischen Begriff der "Schuld" nicht verzichten. Es ist daher nicht verwunderlich, daß in jener primitiv-rustikalen Welt vor allem die unheimlichen Nerven- und Geisteskrankheiten mit der Dämonenangst in Beziehung gebracht und als eine Art Besessenheit gedeutet wurden. Besonders der Anblick eines, bis kurz vorher normalen, auf einmal bewußtlos zusammenbrechenden oder in Zuckungen verharrenden Menschen mußte zu dem Gedanken führen, hier seien dämonische Mächte in den Kranken eingedrungen, um ihn zu ihrem willenlosen Werkzeug zu machen. (15)

Wahrscheinlich wird man damals auch so manchen Enzephalitiker als "besessen" angesehen und sich vom Exorzismus Abhilfe versprochen haben. Im "Neuen Testament" wird von zahlreichen Teufelsaustreibungen durch Jesus berichtet. So soll er aus Maria von Magdala "sieben Dämonen" ausgetrieben haben (Luk. 8,2), im Lande der Gerasener (nach dem Berichte aller drei synoptischen Evangelien) aus einem Unglücklichen sogar eine "Legion" von bösen Geistern, die dann in eine Schweineherde gefahren und mit dieser in den See gerast sei. An diesen Berichten ist unschwer zu erkennen, daß es sich dabei zumeist um Irrsinn (Mk. 1,23 ff.), Epilepsie (Mk. 9,17 ff.) und sonstige Nervenkrankheiten handelte. Die Heilung versuchte man in der Regel durch Handauflegen, einem Ritual, von dem man sich gleichzeitig die Brechung der dämonischen Macht und die Mitteilung übernatürlicher Kräfte versprach. Die Kirche schuf daher den eigenen Weihegrad des "Exorzisten", dem die Macht verliehen sein sollte, "Besessene" zu "behandeln" und durch Beschwörungen von bösen Geistern zu befreien.(16)

Angesichts einer Einstellung, die jede Nerven- und Geisteskrankheit für eine Art Besessenheit hielt, darf es auch nicht wunder nehmen, daß in den Chroniken und Legenden des frühchristlichen Mittelalters enzephalitisartige Fälle als Krankheiten fast überhaupt nicht erwähnt werden. Einzig und allein erwähnt Paulos von Ägina im 7. Jahrhundert, zur Zeit des byzantinischen Kaisers Heraklios, eine Seuche, bei der es sich um epidemische Enzephalitis handeln könnte. Bei Haeser heißt es:

"Die Seuche nahm ihren Anfang in Italien, herrschte aber auch in anderen Gegenden des römischen Reiches gleichsam einer ansteckenden Pest. In manchen Fällen ging sie in Epilepsie über, in anderen hatte sie Lähmung der Extremitäten zur Folge, während die Sensibilität derselben erhalten blieb; in noch anderen Fällen verbanden sich beide Zustände miteinander." (17)

Mittelalter

Während in der Antike nerven- und geisteskranke Personen vielfach auch von den heidnischen Priestern zu Sehern oder Propheten erklärt wurden, aus denen die Gottheit sprechen sollte, und ihre Krankheit als heilig galt, war das im christlichen Mittelalter nur selten der Fall. Infolge des Alleinanspruches der Kirche hielt sich der Klerus für den einzigen Mittler zwischen Gott und Mensch. Der ekstatische Zustand Nervenund Geisteskranker wurde deshalb nicht mehr als eine "göttliche Inspiration", sondern als "teuflische Besessenheit" gedeutet. Bei der Beurteilung der Enzephalitis mit ihren oft veitstanzähnlichen Symptomen kam noch hinzu, daß die Kirche auch im Tanze eine Sünde erblickte. Hatte doch der Tanz im religiösen Kult des Heidentums eine so wichtige Rolle gespielt, daß die überschäumende Tanzlust der germanischen und keltischen Völker in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Bekehrung sogar während des Gottes dienstes - beim Singen von Kirchenliedern - immer wieder zum Ausbruch kam. (18) Schon der heilige Augustinus (354-430) verbot den Christen seines afrikanischen Sprengels Tänze bei Kulthandlungen. "Der Tanz", sagte er, "ist ein Kreis, dessen Mittel punkt der Teufel bildet ("Chorea est Circulus, cuius centrum est dia- bolus"), und jeder Sprung, der dabei gemacht wird, ist ein Schritt zum Teufel in die unterste Hölle." Ambrosius, Basilius, Ephraim Syrius und andere Kirchenväter waren der gleichen Ansicht. (19)

Jener asketische Geist, der über den frühmittelalterlichen Kirchenportalen Gott als strengen, strafenden Herrscher inmitten der Schreckensszenen des jüngsten Gerichtes erscheinen ließ, verbot deshalb wiederholt das Tanzen in Kirchen und auf Kirchhöfen unter Androhung der Exkommunikation (20) Da man sich über das Wesen von Nervenkrankheiten nicht im klaren war, hatte man damals auch für veitstanzähnliche Krampfzustände und epileptische Anfälle keinerlei Verständnis, um so weniger, wenn sie sich während des Gottesdienstes oder einer feierlichen Prozession ereigneten. Da solche Patienten von den Priestern in der Regel als "Besessene" bezeichnet und vielerorts verdammt wurden, blieb ihr Leiden im Kreis der Gläubigen ohne Widerhall und Nachahmung.

So berichtet eine alte Sage, daß im Jahre 1012 in der Christnacht auf dem Kirchhof von Kolbig (einem kleinen Ort in der Nähe von Bernburg im Anhaltischen) 18 Bauern zu tanzen anfingen und durch Lärmen und Schreien den Gottesdienst so störten, daß der Priester Ruprecht, als diese seine Ermahnungen nicht befolgten, den Fluch ausstieß, sie mögen ihr Leben lang so Weitertanzen. Sie verfielen darauf in einen dreitägigen tiefen Schlaf; vier von ihnen starben. Die übrigen aber verblieben zeitlebens mit einem Zittern an Kopf und Gliedern und mußten bettelnd als Sieche durch das Land ziehen. (21)


Abb 5
Tanzwütige in einem Reigen auf einem Kirchhofe.
Kupferstich aus Gottfrieds Historischer Chronik. Frankfurt, 1632.

Bei den "Tanzwütigen" von Kolbig handelte es sich wahrscheinlich um einige Enzephalitiskranke, deren veitstanzähnliche Schüttelkrämpfe durch die seelische Erregung der Mitternachtsmesse und durch die Kälte der eisigen Dezembernacht bis zum Paroxysmus gesteigert wurden. Der Chronist hat sodann den unheimlichen Zustand der Encephalitis lethargica und des postenzephalitischen Parkinsonismus in eine phantastische Legende eingewoben und die bemitleidenswerten Siechen im Sinne der mittelalterlichen Auffassung als fluchbeladene und von Gott gezeichnete Sünder dargestellt. (22)

Auffallend ist allerdings, daß solche veitstanzähnlichen Fälle vereinzelt blieben und keine weiteren Kreise zogen. Denn weder aus dieser Zeit um die Jahrtausendwende noch aus den vorausgegangenen Jahrhunderten des christlichen Mittelalters, die ebenfalls von der angstvollen Spannung und Erregung des zu erwartenden Weltendes erfüllt waren, wird über ein epidemisches Auftreten der Tanzwut berichtet.

Erst vom 13. Jahrhundert an begann dieses unheimliche Übel den Charakter einer Volksplage anzunehmen. So sollen nach einer alten Chronik im Jahre 1237 in Erfurt über hundert Kinder ohne Wissen ihrer Eltern die Stadt verlassen und tanzend und springend über den Steigerwald nach Arnstadt (etwa 15 km) gewandert sein. Hier angelangt, fielen sie erschöpft zu Boden, und einige von ihnen starben. Erst am anderen Tag erfuhren die Eltern von dem Vorgang und holten die Kinder auf Wagen zurück. Niemand konnte sagen, wer sie weggeführt hatte. Viele von ihnen sollen "nachher noch lange krank geblieben" sein und namentlich an "Zittern der Glieder gelitten" haben. (23) Bei der Auslösung dieser rätselhaften "Kinderfahrt" hat womöglich der ruhelose "Drangzustand" enzephalitiskranker Kinder eine Rolle gespielt. Das wird einem besonders dann klar, wenn man Pettes Darstellung der "postenzephalitischen psychischen Störungen im Kindesalter" liest:

"An sich wohlerzogene, früher leicht lenkbare Kinder gefallen sich in allerhand Unarten, wobei eine unnatürliche motorische Unruhe im Vordergrund steht, die häufig von einem Grimassieren, von einem ständigen Redefluß begleitet wird. Die innere Gespanntheit entlädt sich in einem Hin- und Herlaufen. Nicht selten sind mit der Unruhe extrapyramidale Bewegungsstörungen in Form athetoider und choreatischer Bewegungen vergesellschaftet. Eine Störung jagt förmlich die andere. Auf ein einmaliges Hin- und Herrennen kann plötzlich ein Purzelbaumschlagen folgen; ist das Kind bettlägerig, so kann es geschehen, daß es plötzlich in hohem Bogen aus dem Bett springt und sich in ein Nachbarbett legt..." (24)

Solche Verhaltensveränderungen mußten auf die mittelalterliche Menschheit einen besonderen Eindruck machen. Zweifellos waren bei der Erfurter "Tanzsucht" nicht alle Kinder wahrhaft erkrankt. Denn es ist eine besondere Tatsache, daß wenn sich in einer Schulklasse ein nervenkrankes Kind dieser Art befindet, auch die Mitschüler das Bestreben haben, die grotesken tanzartigen Bewegungen nachzuahmen. Derartige "Epidemien" können oft durch energischen Zuspruch des Lehrers oder Arztes im Handumdrehen "geheilt' werden. (25)

Gotische Mystik

Wiederholt wurde behauptet, daß die psychischen Epidemien des Mittelalters, der Geißlerwahn und die Tanzwut aus der Angst vor dem letzten Gericht entsprungen seien. Nun erreichte aber die apokalyptische Weltuntergangsstimmung um das Jahr 1000 ihren Höhepunkt, während die Tanzwut erst seit dem 13. Jahrhundert den Charakter einer Volksseuche anzunehmen begann. Der Grund hierfür ist also weder in der Weltangst noch in der Epidemiologie allein zu suchen, sondern vor allem in den gesellschaftlichen Umwälzungen, die sich inzwischen im europäischen Leben vollzogen hatten. Mit dem Aufblühen der Städte gerieten zum erstenmal Laien von sich aus in religiöse Bewegung. Sie begannen langsam geistig mündig zu werden und verlangten nach einem persönlichen Verhältnis zu Gott. Aus dieser Stimmung heraus erwuchs damals der Bettlerorden des Franziskus von Assisi (1181-1226) und die Bereitschaft für die Lehren eines Meister Eckehard (1260-1327).

Auch die Kunst jener Zeit, die Gotik - eine versteinerte Mystik-war durchdrungen von einem "religiösen Taumel", von einer Sehnsucht nach "Loslösung von der Erde". (26) In dem Maße, wie die kirchliche Kunst ihren mönchischen Charakter abstreifte und städtisch-bürgerlich wurde, verschwanden auch die apokalyptischen Darstellungen des jüngsten Tages, in denen Gott als strenger, strafender Richter erschien. Um so mehr traten dafür die neutestamentlichen Darstellungen in den Vordergrund, insbesondere die Szenen aus dem Leben und der Passion des Heilands. Das Gefühl, das hier vorherrschte, war nicht mehr die Angst vor einer fremden und überlegenen Gewalt, sondern die natürliche Verbundenheit aller Menschen mit einem Schicksal, das ihre eigenen Leiden und Hoffnungen an einem erhabenen Vorbild versinnbildlichte. Es ist interessant, daß Scheffler die gotische Welt die "des dionysischen Geistes" nennt.

Der gotische Mensch, der ein Bruder des Meisters Eckehard und des Franziskus von Assisi war, konnte auf Grund seiner mystisch-pantheistischen Weltschau auch im Tanz keine Sünde erblicken, wie dies noch der düstere Mönch von Kolbig tat. Denn mit Hilfe ekstatischerTänze konnte man sich in einen weit- und lebensentrückten Seelenzustand des "Außersichseins" emporschwingen, in dem sich das Ich auflöste und Beziehungen zur Unendlichkeit gewann. Auf diese Weise glaubte man, an einer Vereinigung mit dem göttlichen Sein ("unio mystica") teilhaftig werden zu können. Deshalb kam es in der Beurteilung des bisher als heidnisch und sündhaft verpönten Tanzes zu einer Wandlung, die sich besonders eindrucksvoll in der provenzalischen Ballade vom "Tänzer unserer lieben Frau" (,,Tombeur de Notre Dame") widerspiegelt: Ein Gaukler, der sich in ein Kloster zurückgezogen hatte, um dort seine Tage zu beenden, wollte der Mutter Gottes, da er im Gegensatz zu den übrigen gelehrten Mönchen von komplizierten Gebetsübungen nichts verstand, seine inbrünstige Verehrung insgeheim in der verschlossenen Kapelle durch tänzerische Sprünge und Purzelbäume kundtun. Als er wieder einmal nach einem solchen ekstatischen Tanz erschöpft vor dem Bilde der Himmelskönigin zusammenbrach und der herbeigerufene Abt, der mit den empörten Mönchen diese sonderbare Andacht durch das Schlüsselloch der Kapelle beobachtet hatte, ihn streng bestrafen wollte, neigte sich Maria lächelnd vom Altar hernieder und "fächelte dem armen Sünder mit ihrem himmelblauen Mantel liebevoll Kühlung zu". (27)

In den Augen des gotischen Menschen, der die Schönheit der Welt nicht mehr für ein Blendwerk des Teufels hielt, verlor auch der Tanz seinen sündhaften Charakter. Nicht Weltentsagung galt weiterhin als Ziel, sondern die mystische Versenkung in die göttliche Liebe. Die französische Ballade war von demselben Ethos durchdrungen wie die Ideenwelt des als Ketzer verschrieenen Dominikaners Meister Eckehard. Nach ihm kam es nicht auf "äußere Werke", auf kirchliche Frömmigkeitsübungen (Fasten, Beten, Wachen und Kasteien) an, sondern auf das "innere Werk", das Aufgehen der Seele in Gott. "Das Herz wird nicht rein von dem äußeren Gebet, sondern das Gebet wird rein von seinem Herzen." Das wahre Gebet aber sei wortlos. Somit verzichtete der Mystiker auf die Vermittlung der "alleinseligmachenden Kirche" und suchte den Weg zu Gott aus sich selbst zu finden. Für solche Schwärmer galt auch der bis zur Ekstase gesteigerteTanz als ein gottgefälliges Werk, als eine Art Gottesdienst . (28) Dieses Glaubens sind auch heute noch die "tanzenden Derwische" (die "Mewlewie") in der Türkei.

Als um die Mitte des 14. Jahrhunderts der SchwarzeTod seinen grauenvollen Triumphzug durch Europa hielt, da schien wieder einmal das Ende aller Dinge gekommen zu sein. Doch der Zeitgeist war ein anderer geworden als vor 350 Jahren. Während damals, um das Jahr 1000, das Bangen vor dem letzten Gericht die Macht der päpstlichen Hierarchie stärkte, herrschte zwar auch im 14. Jahrhundert ein Geist der Zerknirschung, aber die Anregung zu den Büßerprozessionen und Geißlerfahrten gaben nicht mehr die stolzen Bischöfe, sondern die Laien selbst.

Johannistanz / Veitstanz

In dieser gespannten euphorischen Atmosphäre, wo Energien aufgespeichert waren wie in einem Pulverfaß, das durch einen Funken zur Explosion gebracht werden konnte, vermochten nicht selten einzelne Kranke mit choreatischen Krämpfen eine psychische Tanzepidemie auszulösen. Denn es ist nur allzu wahr, was Myrza Schaffy sagt: "Man kann sich das Gehirn verrenken, wie man die Beine sich verrenkt." (Friedrich Bodenstedt)

"Anno 1374", heißt es in der Limburger Chronik, "Mitte des Sommers erhub sich ein wunderlich Ding auf Erden und sunderlich in Teutschen Landen, auf dem Rhein und auf der Mosel, also daß Leut anhuben zu danzen und zu rasen..." (29)

Männer, Frauen und Kinder verloren alle Beherrschung, faßten sich an den Händen und tanzten auf den öffentlichen Plätzen und in den Straßen so lange im Kreise herum, bis sie in Ekstase gerieten und in ihren Visionen den Himmel offen zu erblicken wähnten. Immer wieder konnte man sehen, wie viele von den Zuschauern, die bis dahin an Leib und Seele gesund waren, plötzlich wie von einem Dämon ergriffen, den Tänzern die Hand reichten und stundenlang mittanzten, bis sie mit Schaum vor dem Munde halb ohnmächtig oder tot zu Boden sanken. Infolge ihrer erregten Phantasie hatten manche den Eindruck, durch einen Strom von Blut waten zu müssen, und sind deshalb hoch gesprungen, um daraus zu entkommen..."

Zunächst hieß diese Volksplage "Johannistanz" (Chorea St. Johannis). Dies geschah Jedoch nicht etwa deshalb, weil Johannes der Täufer sein Haupt durch den verführerischen Tanz der Salome verloren hatte. Seit Jeher feiert man im Norden den Johannistag auf eine besondere Art, die ohne weiteres erkennen läßt, daß es sich hierbei um die christliche Verbrämung eines heidnischen Brauches handelt. Die Germanen übertrugen nämlich das ihnen vom heiligen Bonifatius verbotene Anzünden der Notfeuer ("Nodfyr") auf den St. Johannistag, und es hat sich bis in die Jüngste Zeit der Glaube erhalten, daß Menschen und Tiere, die durch die Flammen oder den Rauch des Johannisfeuers hindurchspringen, gegen Fieber und andere Krankheiten ein ganzes Jahr lang gefeit blieben.]` Die dämonenvertreibende Kraft dieser "Feuertaufe" sollte die Menschen vornehmlich vor der Tanzwut und die Tiere vor der Drehkrankheit bewahren. Wahrscheinlich glaubte man aber auch noch an eine heilende Wirkung. (31)

In der Kathedrale von Amiens, wo man das Haupt Johannes des Täufers zu verwahren glaubte, sollen angeblich zahlreiche Heilungen tanzwütiger und epileptischer Personen durch Vorzeigung der Reliquie stattgefunden haben. Neben Johannes dem Täufer tauchte aber bald ein weiterer Schutzpatron der Tanzwütigen auf, der den Ruhm des ersteren fast völlig in den Schatten stellte: St. Veit, ein christlicher Märtyrer.


Abb. 6
St. Veit am Veitsdom zu Prag.
Von dem berühmten Bildhauer und Baumeister Peter Parier (1333-1389), der auch die Karlsbrücke in Prag mit dem Altstädter Brückenturm erbaute.

Nach einer alten Legende soll im 14. Jahrhundert am Tage des St. Veit über eine Schar von Pilgern, die einen Besessenen zu einem wundertätigen Bild des Heiligen bringen sollte, die Tanzwut gekommen sein, weshalb man von dieser Zeit an das Übel nur noch mehr als "Veitstanz" ("Chorea sancti Viti") bezeichnete. (32) Eingedenk seines Märtyrertodes pflegten Maler und Bildhauer St. Veit in einem Kessel sitzend - mit einem Hahn in der Hand-darzustellen. Der Hahn wurde ihm nicht nur in Erinnerung an das antike Symbol des Heilgottes Asklepios beigegeben, (33) sondern auch deshalb, weil es üblich war, Veit auch gegen allzulanges Schlafen anzurufen. "Heiliger Veit, weck mich zur rechten Zeit!" lautet ein alter Spruch » (34)

Die auffallende Tatsache, daß St. Veit gleichzeitig als Helfer gegen die Tanzwut und Schlafsucht angefleht wurde, dürfte darauf zurückzuführen sein, daß schon damals bei manchen Patienten die enge Beziehung zwischen dem choreatischen und dem lethargischen Krankheitsbild auffiel. Im 14. und 15. Jahrhundert, in denen es wiederholt zu schweren Tanzwutepidemien kam, bemühte man sich überall fieberhaft, in den Besitz der "wundertätigen" Reliquien des heiligen Veit zu gelangen. So ließ z. B. im Jahre 1355 Kaiser Karl IV. den "heil'gen Leib" des Märtyrerknaben aus Parma nach Prag bringen und zu dessen Ehren dort den Veitsdom errichten. Auf diese Weise wurde St. Veit gleichzeitig auch zum Schutzpatron von Böhmen.

Bei postenzephalitischen Folgezuständen können von außen kommende Reize, insbesondere Tanzmusik, gelegentlich bewirken, daß die hölzern-steifen Patienten mit ihren maskenartig starren Gesichtern plötzlich in der Lage sind, ihre Hemmungen zu überwinden. (35) Diese "wunderbare Wirkung der Musik" dürfte den Kranken und ihren Mitmenschen schon sehr früh aufgefallen sein. Während wir heute nur noch im übertragenen Sinne von einem "Zauber der Musik" sprechen, glaubte man einst tatsächlich daran. In diesem Glauben führte man Kranke mit tanzartigen Krämpfen und Zuckungen unter Begleitung von Flötenbläsern und Dudelsackpfeifern zu den nächstliegenden St. Veit-Kapellen, um sie durch Musik und Tanz von ihrem grauenhaften Übel zu erlösen. So ließ z. B. der Straßburger Magistrat im Jahre 1518 alle von der Tanzwut befallenen Personen in einer feierlichen Prozession nach der St. Veit-Kapelle bei Zabem geleiten, (36) wo sie, wie dies (der 1536 in Straßburg geborene) Daniel Specklin in seiner handschriftlichen Chronik erzählt, "mit rothe schuh" um den Altar tanzen mußten. "An den Schuhen war unten und oben ein creutz mit dem chrisam (geweihtem, mit Balsam gemischtem Salböl) gemacht und mit weywasser besprengt in St. Veits namen, das halff ihn(en) vast allen. (37)

Springprozession / Epilepsie

Eine Reminiszenz an jene Zeiten ist die berühmte "Springprozession", die alljährlich am Pfingstdienstag zu Echternach in Luxemburg stattfindet. Sie stellt nicht nur ein Dankfest für das Aufhören einer Tanzwutepidemie dar, die im Jahre 1374 in dieser Gegend wütete, sondern auch eine Nachahmung des Veitstanzes zur Abwehr und Heilung desselben im Sinne des Analogiezaubers. Über zehntausend Gläubige, Gesunde, Leidende, Kranke und Angehörige von Siechen, Epileptikern und Postenzephalitikern u. a. kommen dann von weit und breit nach Echternach, um an dieser grotesken Wallfahrt zum Kloster des heiligen Willibrod teilnehmen zu können.


Abb. 7
Sankt Veit bei Zabern (frz. Saverne) im Unterelsaß
Einst Wallfahrtsstätte für "Tanzwütige", die man in der Hoffnung auf eine Heilung dahin brachte.

Nach Geschlechtern getrennt, setzt sich die Prozession in Reihen von vier bis sechs Personen, die sich an den Händen fassen oder durch Taschentücher miteinander verbinden, in Bewegung. Bei den Klängen einer von mehreren Musikkapellen gespielten monotonen Tanzweise ("Adam hatte sieben Söhne"), deren Grundmelodie an das Kinderlied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" erinnert, beginnen die Prozessionsteilnehmer sodann zu "springen", indem sie hüpfend fünf Schritte vorwärts und zwei rückwärts gehen. (38) Da bei dem großen Gedränge des öfteren eine Stockung eintritt, so müssen die Springbewegungen häufig auf der Stelle ausgeführt werden. Manche "Springer" drehen und krümmen sich dabei, verrenken die Glieder, schlagen mit den Armen wild um sich und machen so lange hohe Luftsprünge, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. Mitunter sieht man auch vereinzelte "Springer", die mit einem steinbeschwerten Korb auf dem Rücken, blaurot im Gesicht, keuchend


Abb. 8
Die Springprozession in Echternach.
Foto aus dem Jahre 1895 (erhalten von Geheimrat R. O. Neumann 1950).

und ächzend mithüpfen. Man hält ihr "Springen" für ein mühevolles Gebet, eine schwierige Bußübung. Viele Wallfahrer hat ein wegen Schüttellähmung oder Fallsucht gemachtes Gelübde hierher geführt. Sie springen eben nicht nur für sich, sondern auch für andere, für Angehörige oder Freunde. Wer zu alt oder zu krank war, bezahlte Echternacher Burschen, die "für 12 bis 20 Sous sprangen", häufig für mehrere Pilger und Pilgerinnen zugleich. Unter den zahllosen "Springern" befinden sich auch viele, die seit ihrer Kindheit mit einem postenzephalitischen oder epileptischen Leiden behaftet sind, die aber selbst am Arm ihrer Verwandten mitspringen wollen, und so kommt es nicht selten vor, daß der eine oder andere wieder einen Anfall erleidet oder in Ohnmacht fällt. Diese Prozes sion, in der man oft nur eine groteske Buß- und Sühneandacht sah, galt bei vielen Gläubigen noch vor etwa 80 Jahren als ein magischer Heil- und Abwehrtanz. Heute ist die Springprozession ein folkloristisches Spektakel.


Abb. 9
Jubelmelodie der Echternacher Springprozession, die von den Pilgern zu Ehren des heiligen Willibrod auf dem Wege zur Pfarrkirche zu Echternach gesungen wurde.

Der flämische Bauernmaler Pieter Brueghel (1525-1569) muß Augenzeuge solcher Szenen gewesen sein. Auf einer Handzeichnung aus dem Jahre 1564 schildert er eine Prozession mit fünf tanzsüchtigen Frauen, von denen jede von je zwei gesunden und handfesten Burschen unter der Begleitung eines Dudelsackpfeifers offenbar zu einer Kapelle des heiligen Veit oder Johannes geschleppt wird. Hondius hat später von der Brueghelschen Zeichnung zwei Stiche angefertigt, die sich ebenfalls in der Albertina in Wien befinden. Die korybantischen Bewegungen der Frauen, ihre durch Johlen geschwollenen Halsadern, das Schielen ihrer Augen, das Faltenlassen ihres Hauptes auf den Rücken und andere Einzelheiten sprechen mit Sicherheit dafür, daß es sich auf dem Bilde um Naturbeobachtungen handelt. Durch die schrillen Töne des Dudelsackes, der mit der Doppelflöte eng verwandt ist, sollte wohl die Tanzwut der Frauen noch mehr gesteigert werden, um auf diese Weise die Heilung zu beschleunigen. Berichtet doch ein Zeitgenosse Brueghels, der Freiburger Stadtarzt Schenk von Grafenberg (1530-1596), daß der Magistrat seiner Vaterstadt mehrere Musiker und Tänzer mietete, um durch das lärmende Spiel den Anfall der Kranken zu entfachen, die dann von gesunden und kräftigen Männern im wilden Tanze abwechselnd so lange herumgewirbelt wurden, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. (39) Auch Felix Plater (1536-1614) sah in seinen Knabenjahren, um etwa 1540, "noch zu Basel solch eine Kranke, mit welcher auf Anordnung der Obrigkeit zwei starke Männer, die rot gekleidet, mit weißer Feder auf dem Hute, ex officio einer nach dem anderen so lange tanzen mußten, bis sie endlich vor Entkräftigung umfiel. (40) Mit dem ununterbrochenen Drehen und Wirbeln hoffte man aus den für besessen gehaltenen Kranken den Dämon auszutreiben. (41) Erbrachte diese Prozedur keine Besserung, so galt als nächster Schritt der Exorzismus. Der "Besessene" wurde in die Kirche geschleppt, wo ein Priester durch feierliche Beschwörungen den Teufel aus ihm zu verjagen suchte, wie dies Rubens auf seinem berühmten Altarbilde so meisterhaft dargestellt hat.

Im Mittelalter sprachen die Ärzte von acht ansteckenden Krankheiten, wie es in einem an das "Regimen Sanitatis Salernitanum" sich anlehnenden "epidemiologischen Merkvers" (aus dem Jahre 1305) heißt:

"Febris acuta, phthisis, scabies, pedicon, sacer ignis, Anthrax, lippa, lepra nobis contagia praestat." Zu deutsch: akute Fieber (Pest, Typhus, Fleckfieber, Malaria), Schwindsucht, Krätze, Fallsucht, Erysipel bzw. Mutterkornbrand, Milzbrand, Trachom, Lepra sind uns als ansteckend bekannt. (42) Allem Anschein nach hat man allerlei von Krampfanfällen begleitete Nervenkrankheiten mit der als "pedicon" bezeichneten Epilepsie verwechselt, sonst hätte man sie nicht für ansteckend bzw. für epidemisch gehalten.

Auch Schenk von Grafenberg (1530-1598), Stadtrat in Freiburg i. Br., führte in seinen "Observationes" die Bezeichnung "Chorea St. Valentini" (Fallsucht) als Synonym für "Chorea St. Viti" an. Daraus wird offenbar, daß man zu jener Zeit die mit Krampfanfällen verbundenen Krankheiten, Epilepsie und Enzephalitis, des öfteren miteinander verwechselte. Wird doch eine Tanzwutepidemie, die nach Cullen (1712-1790) im Kloster zu Sternberg (1742) geherrscht hat, bald als "Saltus Viti", bald als "Epilepsis saltatoria", "Jactatio epileptica" oder "Morbus gesticulatorius" bezeichnet. Auf diese Verwechslung dürfte auch, wie eben erwähnt, die mittelalterliche Irrlehre von der kontagiösen Natur der Fallsucht zurückzuführen sein. So heißt es z. B. in dem Nürnberger Stiftungsbrief Matth. Landauers für das Zwölfbruderhaus hinter Allerheiligen vom 21. Januar 1510: "...Ob aber der Bruder einer mit dem aussatz (Lepra), den hinfallenden siechtagen (Epilepsie) oder der Krankheit der Frantzosen (Syphilis) begriffen wurd, der soll bey den andern Brüdern nit gelitten, sondern zu stunnd geurlaubt (entlassen, ausgewiesen) werden. (43)

Als nach der Reformation die Verehrung der Heiligen von den Protestanten als Abgötterei und Götzendienst verworfen wurde, versuchte Paracelsus (1493-1541) auch den Veitstanz dem Bereich der Wunder und Heiligen zu entziehen. In seiner Schrift "Über die Krankheiten, die die Vernunft rauben" heißt es: "Es gibt nur zwei Ursachen des Veitstanzes: eine natürliche infolge der ,lachenden Adern' und eine zufällige infolge der Einbildung." (44) Obwohl uns diese Hypothese der "lachenden Adern" auf Grund unserer heutigen anatomischen Kenntnisse etwas naiv erscheint, bedeutet sie gegenüber der damals herrschenden Anschauung, die den Veitstanz bestenfalls für eine Art Besessenheit hielt, zweifellos einen Fortschritt.

Reliquienwunderglaube

Der Wunderglaube hatte damals geradezu pathologische Formen angenommen. Überall wurden Reliquien oder Reliquiensplitter in Riesenmassen angepriesen und gekauft. Als dem Abt Marolles in der Kathedrale zu Amiens der Schädel Johannes des Täufers gezeigt wurde, küßte er ihn mit den Worten: "Gott sei gelobt, das ist der sechste, den zu küssen ich die Gnade habe!" Man glaubte, daß alles, was mit den Reliquien in Berührung käme, deren wundertätige, heilende Kraft in sich aufnehmen würde. Man tauchte daher die Reliquien in Wein und Wasser und ließ die Kranken diese Flüssigkeiten trinken. Man kratzte die Grabsteine der Heiligen ab und verarbeitete das so gewonnene Pulver zu Medikamenten. Zu demselben Zweck pulverisierte man auch den Docht von Wachskerzen, die an heiligen Orten gebrannt hatten. Das Spülwasser, mit dem man die Altäre der Heiligen säuberte, sollte eine hohe Wunderkraft haben. Das Öl aus den Ewigen Lampen benutze man als Einreibungsmittel.

Paracelsus war empört über den Klerus, der mit schamloser Geschäftstüchtigkeit die wundertätige Heilwirkung von Reliquien (oder wie es bei ihm heißt "der Leichname") verkündete. In seinem "Opus Paramirum" ereiferte er sich darüber:

"Im Folgenden will ich von den Leichnamen (Reliquien) sprechen, die von vielen für Heilige gehalten werden, weil sie einen derartigen Menschenzulauf bewirken und mit ihren Fähigkeiten die Kranken heilen sollen... Ich aber sage: Du darfst den Heiligen kein Gelübde und keine Geschenke machen, denn auch Christus wurde nicht bezahlt... Zu lebenden Ärzten soll man pilgern und nicht zu toten... Laß die Toten mit den Toten verkehren, du halte dich an die Lebenden...

Die Totengräber (d. h. die Priester) haben natürliche körperliche Wirkungen heilig genannt. An ihren Stiften und Klöstern sieht man gut, weshalb sie das getan haben. Sie haben vom Heiligen gepredigt und dabei nur den Leichnam (Reliquie) im Auge gehabt. Dazu hat sie der Satan gebracht, damit sie auf diese Weise ihren Besitz vermehren. So haben sie die Erkenntnis verhindert, daß nicht Heilige diese Werke tun, sondern die Natur... Wäre hier wirklich etwas Heiliges, so wäre es doch eine geringe Ehre, daß ein Heiliger so viele Lahme ungeheilt wieder ziehen ließe, die ihn doch so gläubig auf ihren müden elenden Beinen aufsuchten." (45)

Die Worte, mit denen sich Paracelsus gegen Wunderheilungen und den übernatürlichen Ursprung des Veitstanzes wendet, gemahnen an die hippokratische Schrift "Über die heilige Krankheit". "Nach unserer Meinung", so Paracelsus, "wird keine Krankheit von Heiligen erzeugt und soll deshalb auch nicht nach ihnen benannt werden. Viele machen eine große Theologie daraus und schreiben die Krankheiten mehr Gott als der Natur zu, doch das ist ein unnützes Geschwätz. Dieses Geschwätz mißfällt uns, da keine Wahrzeichen dahinter stecken, sondern nur Glaube. Wir wollen den Namen der Krankheit, der auf einen Heiligen zurückgeht, nicht ändern, doch sollte diese Krankheit eigentlich Chorea lasciva genannt werden..." (46) "Wir wollen die Schwätzer der falschen Worte nicht beachten, die sagen, die Krankheit käme von Gott, den sie gar nicht kennen. Diese Leute kennen nicht die Zeichen, an welchen Gott erkannt werden kann. Die Ursache der Chorea lasciva ist nur ein Glaube, der bei den Leuten wirkt, die sich einen solchen selbst eingebildet haben." (47)

Man muß bedenken, daß diese Worte zu einer Zeit niedergeschrieben wurden, als noch überall der Glaube an Hexen und Dämonen unerschüttert war und selbst ein Luther davon nicht frei blieb. Schrieb er doch 1532 an den Markgrafen Georg von Ansbach:

"Daß die Ärzte solche Dinge mit Arzneien lindern wollen, geschieht aus dem, daß sie nit wissen, was die Teufel für große Kraft und Macht haben. Über das ist kein Zweifel, daß Pestilenz, Franzosen (Lues), Fieber und ander schwer Krankheiten nichts anderes seien denn der Teufel Werke." (48)

Mag die Geschichte vom Tintenfaß, welches Luther auf der Wartburg nach dem Teufel geschleudert haben soll, erfunden sein, so ist sie doch sehr charakteristisch für jene Zeit. "Si non e vero, e bene trovato."

In den Jahrhunderten des Hexenwahns wurden besonders häufig nervenkranke Personen, darunter zweifellos auch Enzephalitiker, direkt und indirekt mit diesem Aberglauben in Beziehung gebracht und von den Inquisitoren der Folter und dem Flammentod überantwortet. (49) Hielt doch die abergläubische Bevölkerung die veitstanzähnlichen Zuckungen solcher bemitleidenswerter Menschen für die "Folgen eines Hexentanzes mit dem Teufel". (50)


Abb. 10
Zeichnung von Pieter Brueghel (1564) mit Frauen, die an der"Tanzwut" leiden und von ihren Begleitern gezügelt werden, auf einer Pilgerfahrt nach Meulebeke in Westflandern. An der Spitze des Zuges zwei Dudelsackpfeifer.

Derartige Beschuldigungen dürften zur Zeit der haßerfüllten Gegenreformation nichts Außergewöhnliches gewesen sein, konnte man doch auf dem Wege der Hexenverfolgung auch der Ketzerei energisch zu Leibe gehen. War doch die Verbrennung "die sicherste Art des Exorzismus". Selbst der berühmte Astronom Kepler vermochte seine als Hexe angeklagte und eingekerkerte Mutter nur mit größter Mühe vor dem Flammentod zu retten. (51)

Nachtschattengewächse, Hexensalbe, Hexenwahn

In den Hexenvernehmungen, die nicht selten an psychiatrische Krankengeschichten erinnern, ist oft von einer Salbe die Rede, mit welcher sich die Angeklagten vor der Fahrt auf den Blocksberg eingerieben haben sollen. Diese "Hexensalbe" wurde von kräuterkundigen Frauen aus dem Extrakt giftiger Nachtschattengewächse (Solanazeen) hergestellt, und man benutzte sie zu den verschiedensten Zwecken, z. B. gegen Schmerzen, Krämpfe, Unfruchtbarkeit, ferner als Aphrodisiaka, Verjüngungs- und Schönheitsmittel, ohne daß man über ihre gefährliche Wirkung genau Bescheid gewußt hätte. (52) Die Nachtschattengewächse, zu denen die Tollkirsche (Atropa Belladonna) (53), der Stechapfel (Datura Stramonium), die Alraune (Mandragora Autumnalis) und das Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) gehören, enthalten nämlich u.a. zwei auf das zentrale Nervensystem wirkende Alkaloide: Atropin und Skopolamin. Bereits die Aufnahme von einigen Milligramm Atropin verursacht Erregung, Unruhe, Zittern und ständiges Zittern der Glieder. Auch Zuckungen bis zu klonischen Krämpfen kommen vor. Die zentrale Erregung äußert sich anfänglich in Rededrang, Lach- oder Weinanfällen und grotesken Bewegungen, die mitunter eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Veitstanz haben. Dieser Erregungszustand, der sich manchmal bis zur Tobsucht und Raserei steigern kann, (54) ist gewöhnlich mit anhaltenden Sinnestäuschungen, mit Halluzinationen und Visionen verbunden. Der Betäubte hat dabei oft das Empfinden einer Verdoppelung der eigenen Persönlichkeit, die ihn seine eigenen Visionen als Zuschauer beurteilen läßt. (55) Hauptsächlich werden mit dieser Salbe die "heimlichen Theile" des Körpers, "mit denen man sündiget", eingerieben. Schon damals hatte man erkannt, daß die Salbe von den Schleimhäuten der Genitalien schneller resorbiert wird und dabei einen tiefen, ohnmachtähnlichen Schlaf sowie eine Reizung der Sexualoder auch der Hautnerven verursachen kann mit dem Gefühl, als ob dort Federn oder Haare hervorsprießen würden. Wegen dieser Empfindungen glaubte man sich mittels der "Hexensalbe" in Eulen, Wölfe, Schweine oder Ziegen zu verwandeln, durch die Lüfte zu fliegen und am Hexensabbat teilnehmen zu können? (56) Da man in früheren Zeiten Traum und Wirklichkeit oft verwechselte, wurden die phantastischen Visionen wirrer Träume als ungeheuerliche Erlebnisse weitererzählt, ausgeschmückt und übertrieben, bis sie den Charakter von Hexengeschichten annahmen, was den begeisterten, doch unvorsichtigen Konsumenten der "Hexensalben" oft zum Verhängnis wurde.

Die Erkenntnis, daß es sich bei den "Hexenritten" nicht um tatsächliche Vorgänge, sondern um Traumerscheinungen und Halluzinationen handelte, d. h. um die Wirkung von "Hexensalbe", wie sie von den Inquisitoren bezeichnet wurde, gewann auch in jenen Zeiten schon mancher einsichtige Beobachter. So stand Johannes Weyer, der Leibarzt des Herzogs von Jülich-Kleve, 1563 mit seinem Werk "De Praestiiis daemonum et incantationibus ac veneficiis" ("Von Teufelsgespenstern, Zauberern und Giftmischern") mutig und unerschrocken gegen den Hexenwahn auf, indem er behauptete, daß die Geständnisse der unglücklichen Frauen die Folge der Tortur oder das Produkt einer durch Krankheit ("Melancholie") oder giftige Pflanzenextrakte ("Hexensalben") verwirrten Phantasie wären. (57)

Eine ähnliche Meinung vertraten auch Andreas Laguna (58), der Leibarzt Karls V., und der Naturforscher Pierre Gassendi. Dieser traf einst einen Hirten, der ihm versicherte, eine Salbe zu besitzen, durch welche er am Hexensabbat teilnehmen könne. Es gelang Gassendi festzustellen, daß der Schäfer schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) sammelte, das er mit Fett und Öl zu einer Salbe verrieb. Ähnliches berichtet auch Garidel. (59) Ein Pfar rer, der von der Kanzel her die "Hexenfahrten" als Träume


Abb. 11:
Die Zubereitung der Hexensalbe während des Hexensabbats.
Lavierte Federzeichnung von dem wohl begabtesten Dürer-Schüler Hans Baldung Grien (um 1475-1545).
Staatliche Graphische Sammlung München.

zeichnete, wurde nach der Predigt von einem alten Weib angesprochen, die ihn vom Gegenteil überzeugen wollte. Er ging mit ihr und sah, wie sie sich mit einer Salbe einrieb und bald danach einschlief. Im Schlaf warf sie sich hin und her und fiel schließlich von ihrem Lager. Nach ihrem Erwachen glaubte sie, den Pfarrer von ihrer Hexenfahrt überzeugt zu haben.

Nach all dem ist es klar, daß so manche von den unglücklichen, als Hexe hingerichteten Frauen, die auch ohne peinliche Befragung durch die Folter behauptete, sie hätte mit dem Teufel verkehrt und sei durch die Lüfte geflogen, vorher als Analgeticum, Aphrodisiacum etc. das verhängnisvolle Salbenmittel benutzt haben wird, das von den Inquisitoren als "Hexensalbe" bezeichnet wurde. (60)

Es ist kaum bekannt, daß in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters, in denen auch die großen Veitstanzepidemien vorkamen, die Verwendung einiger Nachtschatten-gewächse im täglichen Leben gang und gäbe war. (61) So pflegte man damals vielerorts dem Bier Bilsenkrautsamen hinzuzufügen um auf diese Weise die Rauschwirkung zu erhöhen. Welche Bedeutung einst der Anbau des Bilsenkrautes in Europa als "Bierzusatz" haben mußte, geht nicht nur aus vielen Ortsnamen, wie Bilsengarten, Bilsensee, Bilsendorf u. a. in Deutschland, Bilsen in Holland, Pilsen in Böhmen hervor, sondern auch aus zahlreichen alten Verordnungen, in denen der Zusatz von Bilsensamen zwecks Bierverstärkung strengstens verboten wurde. So bestimmt eine Polizeiordnung aus Eichstätt in Mittelfranken vom Jahre 1507, daß die Brauer bei Strafe von fünf Gulden keine Bilsensamen und andere den Kopf tollmachende Stücke und Kräuter" ins Bier mi schen dürfen. Nach der bayrischen Land- und

Polizeiordnung von 1649 hieß es: "Wer Bilsenkraut oder Samen in das Bier tut, der soll wie auch der Verkäufer solcher Kräuter, nach Ungnaden gestraft werden."

Wie bekannt noch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges diese Wirkung des Bilsensa-mens war, beweist auch eine Stelle aus Grimmels- hausens Simplizissimus. Von einem Trinkgelage, bei dem der Wein in Strömen Floß, berichtet Simplizissimus: "Welcher aber ausdauren und am besten sauffen konnte, wußte sich dessen groß zu machen und dünkte sich kein geringer Kerl zu seyn; zuletzt dürmelten sie alle herum, als wenn sie Bilsensamen genossen hätten." (Buch I, Kap. 32) (62)

Man müßte sich wundern, wenn es bei der weitverbreiteten Verwendung von Solana- zeen den Kräutersammlern nicht alsbald aufgefallen wäre, daß ihre Tränke und Salben oft veitstanzähnliche Erscheinungen hervorrufen können. Es ist daher nicht ver- wunderlich, daß in einer Zeit, in der Ursache und Wirkung so oft verwechselt wurden, bald "Hexen" als Erzeuger des Veits- tanzes, bald Veitstanzkranke als Hexen beschuldigt wurden. Dadurch entstand ein gefährlicher Circulus vitiosus, aus dem es für so manchen Unglücklichen kein Herauskommen mehr gab. Es ist daher leicht möglich, daß die Volksmedizin nach dem alten Prinzip "Similia similibus curantur" ("Gleiches wird durch Gleiches geheilt") schon lange vor Paracelsus den Versuch ge- macht hat, mit Solanazeen den Veitstanz zu beeinflussen, was dann durch die gelegentliche Verschlimmerung der Symptome zu dem Gerücht geführt haben könnte, die Tanz- plage würde durch Hexensalben erzeugt. (63)

Von der Erkenntnis, daß die durch Nachtschattengewächse heraufbeschworenen Erregungszustände meist in einen schlafähnlichen Betäubungszustand mit Gefühllosig- keit übergehen können, bis zur Verwendung dieser Drogen als beruhigende und schmerzbetäubende Mittel war nur ein Schritt.


Abb. 12
Die sagenumwobene Bora (Alraune), ein staudiges Nachtschattengewächs, wurde als Heilmittel mit Gold aufgewogen. Ihre Entwurzelung galt als lebensgefährlich. Der Hund auf dem Miniaturbild der oberitalienischen Handschrift des 14. Jahrh. n. Chr. "Tacuinum sanitatis in medicina", der die gefährliche Entwurzelung erledigen soll, ist durch einen Strick mit der Alraune verbunden. Noch leckt er nichtsahnend das für ihn als Lockmittel bereitgestellt Wasser. Der Wurzelgräber, der um den ohrenbetäubenden, todbringenden Schrei der Mandragora beim Ausreißen weiß, wendet sich eiligst zur Flucht.

Von den Nachtschattengewächsen spielte in der Volksmedizin die Mandragora oder Alraune, "jene giftige Wurzel, die die Vernunft bewältigt", wie es in Shakespeares Macbeth (I, 3) heißt, seit jeher eine besondere Rolle. (64) Nach dem Volksglauben sollte sie nur unter dem Galgen wachsen. (65) Da die Wurzel der Alraune manchmal eine menschenähnliche Gestalt aufwies, bezeichnete man sie auch als "Galgenmännlein". (66)

Schon Struensee vermutete, daß es die geschäftstüchtigen Henker selbst waren, die den unheimlichen Nimbus dieser Pflanze durch allerlei Schauermärchen verstärkten. (67) Da es damals allgemein bekannt war, daß die Gehenkten mit Erektion und Ejakulation starben, zumal die "armen Sünder" gewöhnlich in einer kurzen Hose ("Bruch") gehenkt wurden, so daß dieses Phänomen auch nach außen ersichtlich war, bildete sich der Mythos, die Alraune, das "Galgenmännlein", wüchse aus dem Samen Gehenkter unter dem Galgen und könne nur unter ganz bestimmtem Zeremoniell ausgegraben werden. Auch glaubte man, die Mandragora würde beim Ausgraben so entsetzliche Jammerlaute ausstoßen, daß jedermann, der es hört, davon sterben müsse. (68)

"Um die Wurzel ohne Schaden an Leib und Seele zu erlangen", müsse man sich gleich "Odysseus" die Ohren mit Wachs oder Baumwolle zustopfen, drei Kreuze über der Stelle machen und dann die Erde ringsum abgraben, "bis die Wurzel nur noch an drei dünnen Fasern hängt". Die Zauberwurzel sollte sodann einem "schwarzen Hunde" an den Schwanz gebunden und dieser angetrieben oder mit einem Stück Brot fort gelockt werden, um auf diese Weise die Mandragora auszureißen. Man nahm an, daß der Hund bei dieser Prozedur dem "tödlichen Alraune-Schrei" (Shakespeare) zum Opfer fallen müsse. Den Handel mit den grauenumwitterten Alraunewurzeln betrieb meist der Henker. Er konnte die "Alräunchen", da sie sehr selten waren, besonders günstig verkaufen, und es ist kein Wunder, daß sie oft mit Gold aufgewogen wurden. (69)

Der erste gelehrte Arzt, der sich mit den Gedankengängen der Volksmedizin vertraut machte und auch den Veitstanz mit Nachtschattengewächsen zu behandeln versuchte, war Paracelsus (1493-1541), der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts jahrelang wie ein Landsknecht kreuz und quer durch die Länder Europas schweifte. Überall war Paracelsus bemüht, seine Kenntnisse und Erfahrungen zu bereichern, "nicht allein bei den Doktoren, sondern auch bei den Scherern, Badern, Henkern, Weibern, Schwarzkünstlern, bei den Alchemisten, in den Klöstern, bei Edlen und Unedlen, bei den Gescheiten und den Einfältigen". Dabei dürfte er auch die unheimliche Wirkung der Nachtschattengewächse näher kennengelernt haben und somit auf den Gedanken gekommen sein, mit deren Wirkung den Veitstanz zu heilen.

In seinem Buch "Über die Krankheiten, die die Vernunft rauben" finden wir zur Behandlung des Veitstanzes drei genaue Rezepte, welche unter anderem auch stets die zu den Nachtschattengewächsen gehörende Mandragora enthalten. Bekanntlich wurden nach dem Ersten Weltkrieg Auszüge aus den Wurzeln der Tollkirsche (Atropa Belladonna) zur Bekämpfung veitstanzähnlicher Erregungszustände bei Postenzephalitikern verwandt. Zugleich diente ein daraus gewonnenes Alkaloid (Skopolamin) bei aufgeregten Geisteskranken (entsprechend dosiert) als "chemische Zwangsjacke". Um so beeindruckender ist es, daß der von seiner Zeit maßverstandene medizinische Reformator vor mehr als 400 Jahren ähnliche therapeutische Maßnahmen empfohlen hatte, die jedoch dann in völlige Vergessenheit gerieten. Von seinen drei Mandragorahaltigen Mitteln für Veitstanzkranke sollten zwei innerlich "in gutem Wein oder gutem Wasser" genommen werden. Das Rezept des einen lautet:
 

Quintae essentiae Opij 3. j. 1 Drachme
Quintae essentiae Mandragorae gr.     vij. 7 Gran
Quintae essentiae Lolij 3. j. 1 Scrupel
Quintae essentiae Papveris 3. ij. 2 Drachmen
Quintae essentiae lusquiami 3. iij. 3 Drachmen
Aura potabilis 3. iiij. 4 Drachmen
Aquae cordis 3..vj. 6 Drachmen
(70)

Zweifellos sollte hier die Mandragora, deren Wurzel Hyoscyamin, Atropin und auch etwas Skopolamin enthält, vorwiegend als Beruhigungsmittel dienen. Heißt es doch in einer seiner Schriften: "Die ,separatio rerum naturalium' durch Chemia lehrt die Virtutes (Wirksamkeit) der Heilkräuter... Es gilt die Quinta essentia zu gewinnen aus Kräutern, aus Metallen, aus Lebendigem, die aus hundert Lot Stoff ein Lot Kraft macht. (71)

Wie weit Paracelsus mit dieser Therapie seiner Zeit voraus war, wird einem erst dann klar, wenn man weiß, welche unsinnigen Mittel von seinen "gelehrten" Zeitgenossen und ihren Nachfolgern in ähnlichen Fällen benutzt wurden. So rühmte z. B. der holländische Arzt und Philosoph Johann Baptist van Helmont (1577-1644) in seinem "Hortus medicinae" das "Totenkopfmoos" als wunderbares Mittel gegen Pest und Veitstanz. Ebenso wurde im Jahre 1681 von dem Salzburger Arzt Adami von Lebenwaldt in seinem "Sechsten Traktätl" ein "Mueß (Moos) so auff der Hirnschal des Totenschädel eines Gehenkten gewachsen war" als Heilmittel gegen Krämpfe angepriesen. Dieses "Mueß" sei deswegen so kräftig, "weil bei den Strangulierten die Lebensgeister (spiritus vitales) in die Hirnschalen schleichen und alldort verbleiben, biß ein Mueß darauf wachset, welches diese Lebensgeister an sich zieht".

Es besteht kein Zweifel darüber, daß dieses "Heilmittel des Grauens" ebenso wie die Verwendung des "Armsünderblutes" aus der "Galgen- und Schafottmedizin" in die Heilkunde jener Tage eingesickert waren. Denn am Galgen und am Schafott begegneten sich die "weiße" und die "schwarze Magie", da sämtliche Dinge dieser Art in beiden Richtungen Kurswert besaßen. (72) So glaubte man, das Blut von Enthaupteten könne "nicht nur bey Fallsucht, sondern auch bei Tanzwut und Krämpfen überhaupt, heilsam wirken". (73)

Neuzeit

Nach der Reformation löste in Deutschland und Holland die kleinbürgerlichnüchterne Sachlichkeit des Protestantismus die "heilige Ekstase" der Mystik ab und nahm damit auch dem Veitstanz seine einst massenbetörende Ausstrahlungskraft.

Wie sehr damals in Deutschland das Übel bereits im Abklingen begriffen war, ist auch aus einer Nachricht bei Phil. Camerarius aus dem Jahre 1606 zu ersehen, wonach damals bei Ravensburg in Schwaben auf einem nach dem heiligen Veit benannten Berge eine verlassene Kapelle gezeigt wurde, in der sich einst alljährlich eine große Schar von heilungssuchenden "Tänzern" zu versammeln pflegte. Da ihr "Zulauf aber aufhörte, ließ man die Kapelle verfallen".

Mit Recht nannte daher Camerarius den Veitstanz ein "Symptoma rarum et paucis visum". In der Öffentlichkeit der Städte erschienen nur noch von Zeit zu Zeit, meist an Festtagen oder zur Messezeit, vagabundierende, einzelne "Veitstänzer", um dort vorübergehend, durch das Vorführen ihres angeblichen Gebrechens "Bettelei zu betreiben". So berichtet z. B. Johann Schenck von Grafenberg (1530-1598) aus den Notizen seines Vaters, daß dieser einen etwa 12jährigen Knaben nach einer Pfeife tanzen und Almosen sammeln sah, wobei er eine Schrift vom Magistrat zeigte, in der beglaubigt war, daß er an Chorea S. Viti leide .(74)

Veitstanz, Tarantismus

Der beste Beweis, daß es sich beim Veitstanz oft um ein massenpsychologisches Phänomen handelte, ist der Tarantismus in Süditalien (Apulien). Dort bestand seit dem Altertum eine geradezu panische Angst vor dem Stich der im Mittelmeergebiet vorkommenden Wolfsspinne, der sog. Tarantel ("Tarantula"), deren Stich zwar schmerzhaft, aber nicht gefährlich ist. (75) Der von diesem an sich harmlosen Insekt Gestochene befürchtete, an der Tanzwut sterben zu müssen. Die Redensart "wie von der Tarantel gestochen", mit der man das wilde Herumhopsen eines Menschen zu kennzeichnen pflegt, ist eine Reminiszenz aus jener Zeit, in der ein von der Tarantel gestochener, verzweifelt herumspringender Mensch zum Kristallisationspunkt einer massenpsychologischen Tanzwut werden konnte, die man seit dem 13. Jahrhundert "Tarantismus" nannte. Denn immer mehr Umherstehende gesellten sich zu dem von der "Tarantula" Gestochenen und tanzten mit.


Abb. 13
"Music-Cur wider das Tarantel-Gifft"
Noten zur Tarantella aus Athanasius Kircher (1602-1680): "Neue Hall- und Thon-Kunst", Nördlingen 1684.
Daher auch der sehr schnelle neapolitanische Tarantella-Tanz im 3/8- oder 6/8Takt, der meist zum Tamburin getanzt wird.

Einer der größten Ärzte des Barock, Giorgio Baglivi, beschäftigte sich 1695 mit dem Problem des Tarantismus, dieser angeblich epidemischen Art von Tanzwut, in einer besonderen Schrift: "Morsus et eftectibus Tarantulae" ("Stich und Wirkung der Tarantel"). (76) Er berichtet darin auch vom Selbstversuch des neapolitanischen Arztes Bulifonius, der sich vor sechs Zeugen und einem öffentlichen Notar im August 1693 von zwei apulischenTaranteln in den linken Arm stechen ließ und danach - mit Ausnahme einer geringen Schwellung - keine üblen Folgen verspürte. Zu einem ähnlichen Ergebnis führte auch der Selbstversuch des königlichen Leibarztes Seras in Neapel.(77) Obwohl diese Versuche eindeutig für die Harmlosigkeit des Tarantelstiches sprachen, blieben sie auf den weiteren Verlauf des Tarantismus ohne Einfluß. Er kommt auch heute noch ab und zu an verschiedenen Orten in Apulien vor.

Gruppenpsychose

Im 18. Jahrhundert gab es in Holland und Norddeutschland nur noch in geschlossenen Anstalten (Waisenhäusern, Hospitälern und ähnlichen) vereinzelte veitstanzähnliche Gruppenpsychosen, die eindeutig durch den Nachahmungstrieb entstanden. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde eine solche Gruppenpsychose im Haarlerner Waisenhaus durch den Anfall eines kranken Mädchens ausgelöst. Boerhaave (1668-1736) "unterdrückte das Theater durch das bloße Hochhalten eines glühenden Brenneisens", mit dem er alle brennen müsse, bei denen das Zucken nicht aufhört. Tissot, der darüber berichtet, macht dazu die treffende Bemerkung: "Die Furcht vor den Verbrennungsschmerzen war größer als der Trieb der Nachahmung." Und dann folgten einige Sätze, die fast wie eine Vorwegnahme moderner massenpsychologischer Erkenntnisse anmuten: "Gegen eine Menge, die von einem Wahn ergriffen ist, wird mit Argumenten der Vernunft kaum etwas zu erreichen sein. Mag der einzelne - als isoliertes Individuum - noch so vernünftig sein, so verliert er doch unter dem Einfluß der Menge seinen persönlichen Willen und handelt unvernünftig. Sagte doch schon ein römischer Kaiser: ,Senatores boni viri, senatus bestia!' (Die Senatoren sind gute Leute, der Senat ist eine Bestie!)

Auch beim Karnevalstreiben hat man zur Zeit manchmal den Eindruck, als sei die Tanzwut ausgebrochen oder man hätte tanzende Mänaden vor sich. Nicht umsonst leitet sich der berühmte "Rosenmontag" etymologisch vom "rasenden" Montag ab. Die tollsten, geradezu "mänadischen" Auswüchse kann man auf Straßen und Plätzen rheinischer Städte erleben, wenn am Donnerstag vor Aschermittwoch "Weiberfastnacht" ist. (79)

Mikrobiologische Ära

1890 traten im Gefolge einer Grippepandemie in verschiedenen Ländern Europas massenhaft Erkrankungen auf, deren wichtigste Symptome Schlafsucht, Augenmuskelstörungen, Chorea, Singultus, Tremor und Paralysis agitans waren. In der deutschen Armee konstatierten Landgraf Leichtenstern u. a. "nach überstandener Influenza" wiederholt "epileptiforme Krämpfe" bei Soldaten, die "nie vorher daran gelitten hatten und auch nicht nervös belastet" waren. Bei anderen sah man Lähmungen, zum Teil sogar "kataleptische Zustände". Interessant ist der "Fall eines Musketiers", bei dem es "neben einer dauernden Schlafsucht" zu einer merkwürdigen Verlangsamung der automatischen Bewegungen kam.

"Auf Kommando geht Patient in flottem Marschschritt, es fehlt jedoch das entsprechende Mitschlenkern der Arme. Auf seinem Gesicht ein ausdrucksloses, gefrorenes Lächeln. Plötzlich bleibt er wieder stehen, nimmt eine starre Körperhaltung ein und droht bald nach vorn, bald nach rückwärts zu fallen. Simulation ist ausgeschlossen." (80) Ähnliche Beobachtungen wurden auch beim Garde-Corps gemacht. Retrospektiv können diese Fälle mit Sicherheit als Encephalitis lethargica gedeutet werden.

Encephalitis lethargica

Besonders beachtenswert ist noch die epidemische Ausbreitung der als "Nova" bezeichneten Encephalitis lethargica in Norditalien (im Mai 1890). Sie löste in der Bevölkerung einen panischen Schrecken aus, denn sie endete nach einer mehrtägigen Dauer - unter Delirien und komatösen Symptomen -fast immer tödlich. Die Ärzte sahen in ihr keine selbständige Krankheit, sondern eine "schwere nervöse Folgeerscheinung der Influenzen". Woher der Name "Nona" kam, ist ungeklärt. Manche leiteten ihn von dem italienischen "Nonna" (Großmutter) ab und brachten ihn mit einem Verhexungszustand in Beziehung. Ebstein vermutete dagegen, daß irgendein harmloser Schriftsetzer oder ein wenig sachverständiger Zeitungsreporter das "Koma" mit "Nona" verwechselt hätte, und schlug deshalb vor, "die im Gefolge der Grippe auftretenden komatösen Zustände schlechtweg als Grippekoma zu bezeichnen". (81)

Während des ersten Weltkrieges traten im Jahre 1916 in Frankreich bei Verdun vereinzelte Enzephalitisfälle auf (Cruchet). Sie stellten gewissermaßen den Auftakt zu der großen Pandemie dar, die sich in den darauffolgenden Jahren über den ganzen Erdball ausbreiten sollte. Im Winter 1916 erkrankten in Wien viele Personen an einem schweren Leiden, dessen klinisches Bild den österreichischen Ärzten bis dahin unbekannt war. Auch in die Wiener Psychiatrische Klinik, deren Chef Wagner lauregg war, wurden mehrere Patienten dieser Art eingeliefert. Zu den Ärzten der Klinik gehörte auch der in Triest geborene Constantin von Economo. Über die Krankheit, deren Erforschung er den größten Teil seines weiteren Lebens widmete, schrieb er folgendes: "Zur Zeit der Jahreswende 1916/17 lagen an der Wiener Psychiatrischen Klinik eine ganze Anzahl von Fällen, welche unter den verschiedensten Diagnosen, als Meningitis, akute multiple Sklerose, Amentia, Delirien u. a. m., eingeliefert wurden. Sie zeigten alle ein leicht grippöses Prodromalstadium mit leichten pharyngealen Erscheinungen und geringer Fiebersteigerung, worauf bald nervöse Symptome, zwar sehr verschiedener Art, einsetzten... Einige dieser Patienten waren mir besonders durch ihre eigentümliche, häufig mit Augenmuskelstörungen gepaarte Schlafsucht auffällig, und ich erinnerte mich gleich der sagenhaften Schlafkrankheit ,Nona', die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Norditalien grassierte und von der ich in meiner im damals noch österreichischen Küstenland verbrachten Jugend reden gehört hatte. Obschon keine eingehenderen wissenschaftlichen Berichte über diese im Volksgedächtnis verewigte Krankheit vorlagen, so lag der Zusammenhang für mich doch nahe." (82)


Abb. 14
Constantin von Economo, Neurologe und Psychiater, Wien, (1876-1931)

1918 veröffentlichte Economo seine erste Monographie über die neue Krankheit unter dem Titel "Encephalitis lethargica". Mit kurzen, klaren Strichen zeichnete er in dieser klassischen Schrift ein Bild, das - bezüglich der akuten Enzephalitisform - fast alles Wesentliche bereits enthielt. Der wichtige Symptomenkomplex der Encephalitis lethargica (Fieber, Schlafsucht und Hirnnervenlähmung) wird deshalb auch als Economosche Trias bezeichnet. Economo erkannte sofort richtig, daß der pathologische Prozeß, welchen er im Mittelhirn und in anderen Teilen des Hirnstammes anatomisch nachweisen konnte, den Charakter einer echten Enzephalitis trägt, und zwar den einer Gehirnentzündung, welche die graue Substanz bevorzugt.

Histologisch liegen die geweblichen Veränderungen hauptsächlich im Mittel- und Zwischenhirn und sind in der Substantia nigra besonders markant. Der krankhafte Prozeß erfährt im Gebiet der Okulomotoriuskerne oft eine weitere Betonung. Nach überstandener Erkrankung ist die Substantia nigra weitgehend depigmentiert, so daß es oft schwerfällt, dieses Kerngebiet bei der makroskopischen Gehirnsektion zu finden. Der Zellausfall in der Substantia nigra wird mit dem postenzephalitischen Parkinsonismus und auch mit den das Endstadium prägenden Akinesien in Zusammenhang gebracht.

In verschiedenen Romanen und Novellen aus der Zeit um die Jahrhundertwende herum werden wiederholt schüttelgelähmte Personen erwähnt, die in der Öffentlichkeit durch ihren merkwürdigen Gang oder ihre unbeholfenen Bewegungen auffallen, z. B. dadurch, daß sie mit ihrer zitternden Hand die Zigarette nicht anstecken oder im Restaurant den Löffel kaum zum Munde führen könnten. Auch Rainer Maria Rilke muß damals in Paris postenzephalitischen Parkinsonkranken begegnet sein, denn in seinen "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (1910) schildert er unter den vielen Kranken auch einen hüpfenden Choreatiker, der sich krampfhaft bemüht, seinen Anfall auf der Straße zu unterdrücken. Sehr eindrucksvoll ist dabei das charakteristische Symptom der Propulsion dargestellt: "Nun kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei Schritte und nun stand er. Stand. Die linke Hand löste sich leise vom Stock ab und hob sich so langsam empor, daß ich sie vor der Luft zittern sah; er schob den Hut ein wenig zurück und strich sich über die Stirne. Er wandte ein wenig den Kopf und sein Blick schwankte über Himmel, Häuser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab er nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er auffliegen wollte, und es brach aus ihm wie eine Naturkraft und bog ihn vor und riß ihn zurück und ließ ihn nicken und neigen und schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge."

Zu einer Zeit, als man Viren noch nicht kultivieren konnte, war der Tierversuch die einzige Möglichkeit für die Erforschung der betreffenden Viruskrankheit. Auch das Dunkel, das auf der Ätiologie der Poliomyelitis lagerte, schwand erst als 1908 Landsteiner und Popper die Übertragung auf Affen gelang.(83) Die ätiologische Erforschung der Encephalitis lethargica scheiterte daran, daß man für den Erregernachweis das geeignete Versuchstier nicht ermitteln konnte. 1925 erlosch die Encephalitis lethargica, ohne daß es gelungen wäre, ihren Erreger zu finden. Sie hinterließ Zehntausende von Krüppeln mit grauenhaften postenzephalitischen Schäden. Bei vielen Krüppeln dieser Epidemie erzielte in Bulgarien ein Kräutersammler (Iwan Rajew) mit Abkochungen von Belladonnawurzeln in Weißwein verblüffende Erfolge.

Es ist nicht verwunderlich, daß sich damals "für die wissenschaftliche Erforschung der ,Cura bulgara"' ausgerechnet die letzte italienische Königin einsetzte, hatte sie doch als montenegrinische Prinzessin von ihrer Heimat her noch eine besondere Vorliebe für Heilkräuter. Dabei wurde von italienischen Pharmakologen und Klinikern festgestellt, daß die aus bestimmten Teilen der Droge gewonnenen Extrakte wirksamer sind als hohe Dosen des isolierten Hauptalkaloides, des Atropins. Man vermutet, daß es zu einem Synergismus mehrerer günstig wirkender Faktoren der Belladonnawurzel kommt, zumal man im Weindekokt außer Atropin auch noch weitere ,Alkaloide (Hyoscyamin, Skopolamin, Belladonnin und Duboisin) feststellen konnte. (84)


Abb. 15
Fanatisierte Teilnehmer einer modernen Rock'n'Roll-Musik-Show in ekstatischer Bewegung.
Die motorische Massenekstase gipfelt oft in der Demolierung der Saaleinrichtung.

Die Zeit der Tanzwutepidemien ist vorbei, seit der Charakter der Tanzwut als entweder ernste Krankheit, gefährliche Vergiftung oder reine Hysterie bekannt und im allgemeinen Bewußtsein verankert ist. Die Gifte, die zu ihr führen, sind als Gifte erkannt und aus dem Alltagsleben verbannt. (85) Die Krankheiten sind seltener geworden und zum Teil behandelbar. Die Nachahmungswut der Menschen, im Grunde ungebrochen, findet heute in anderen, mehr zeitgemäßen Massenphänomenen Ausdruck.

Dennoch mag diese Periode, in der sich Krankheiten des Kopfes und der Seele, echte Epidemien mit religiöser Ekstase und scheinbaren Nachahmungsepidemien mischten, dokumentieren, wie lang der Weg von falschen Deutungen, Mißverständnissen und vor allem dem Weiterleben überkommener Irrtümer war, deren Bezweifeln als unstatthaft galt, bis es zu einer wirklich wissenschaftlichen Denkweise und damit zu einer analytischen Durchdringung so komplizierter Phänomene kam.


ANMERKUNGEN

(1)
Der Dionysoskult kam in der nachhomerischen Zeit aus Kleinasien nach Griechenland. Dionysos war ursprünglich eine phrygisch-thrakische im Winter sterbende und im Frühjahr wieder auferstehende Vegetationsgottheit, die den sterblichen Menschen ein Weiterleben nach dem Tode verhieß. Dionysos wurde zum Gott des Weines, denn der Wein führt zur Ekstase und Enthemmung, die die Verehrer des Dionysos im Kult erlebten. Der geheimnisvolle Kult, dessen Anhänger jedes Jahr zwei bis drei Tage tanzend mit lärmender Musik durch das Land zogen, behielt seinen ursprünglich orgiastischen Charakter am längsten in dem halbbarbarischen Makedonien, während er in den kultivierten griechischen Städten den Charakter einer karnevalistischen Volksbelustigung annahm. So zogen z. B. in Athen beim Dionysosfest tanzende Satyren und Mänaden singend und musizierend zum Dionysostempel am Südabhang der Akropolis. Die Phallusträger im Festzug überschütteten die Zuschauer am Wegrand mit beißendem Spott. Diese Improvisationen mögen den Geist der späteren Komödie vorweggenommen haben, die nach Aristoteles dem alten Phalluslied entstammt. Die ältere Komödie hat mit dem vielfach tierischen Kostüm auch den Phallus beibehalten und mit ihm die derben, zotigen Lieder der Chöre.

(2)
Pentheus, König von Theben, der ein Gegner des Dionysoskultes war, verkleidete sich als Mänade, um sich im Gebirge über dasTreiben der Frauen ein Bild machen zu können, wird aber von den rasenden Mänaden für einen jungen Löwen gehalten und getötet. Seine Mutter, Agaue, die von dem gleichen Wahn befallen ist, trennt das Haupt ihres Sohnes eigenhändig vom Rumpf. An der Spitze der tobenden Mänaden kehrt sie im Triumphzug nach Theben zurück, indem sie das blutige Haupt auf den Thyrsosstab schwingt. Erschüttert, doch beherzt und geduldig versucht ihr greiser Vater Kadmos, sie in der Schlußszene der Tragödie aus ihrem verhängnisvollen "Trance" zur Besinnung zu bringen, damit sie die grauenvolle Wirklichkeit endlich begreift, daß sie in ihrem Wahn mit den rasenden Mänaden nicht einen jungen Löwen, sondern ihren eigenen Sohn getötet und zerfleischt hat. Mit diesem erschütternden Dialog endet die letzte Tragödie des Euripides, die erst nach seinem Tode aufgeführt wurde.

(3)
Gustav le Bon, Die Psychologie der Massen. Stuttgart 1953, S. 84. - Der greise Dramendichter Euripides (486-406 v. Chr.) kam zwei Jahre vor seinem Tod auf Einladung des Königs Archelaos in das halbbarbarische Makedonien, wo er den Dionysoskult in seiner ursprünglichen grausamen und vielfach abstoßenden Form erlebte. Euripides, der als Aufklärer wegen seiner Kritik an der traditionellen Religiosität bereits von Aristophanes als Atheist bezeichnet wurde, versuchte nun in seinem Schwanengesang der Tragödie "Die Bakchen" (auch "Bacchantinnen" genannt) durch schonungsloseste Darstellung der verheerenden Wirkung des Massenwahns den Dionysoskult in seiner ganzen Unmenschlichkeit und Vernunftswidrigkeit bloßzustellen,

(4)
In Athen erfolgte damals tatsächlich die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. Denn die griechische Tragödie ist aus den Dionysos-Riten entstanden. Das griechische Wort "Tragödie" bedeutet "Bocksgesang". Denn am Anfang des Theaters stand der Chorgesang bocksbeiniger Satyren, die zum tanzenden Gefolge des Dionysos gehörten. Später erst löste sich aus dem Chor eine Solostimme, die ein Zwiegespräch mit dem Chor führte. Daraus entwickelte sich die dramatische Handlung. Aischylos fügte einen zweiten, Sophokles einen dritten Schauspieler hinzu. - Am Südabhang der Akropolis neben dem Heiligtum des Dionysos befinden sich im Halbkreis die steinernen Sitzreihen des Freilichttheaters für etwa 15000 Zuschauer. Hier wurden die Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides aufgeführt. In der Mitte der ersten Sitzreihe steht heute noch ein größerer thronartiger Marmorsitz, der einst dem Dionysospriester als Ehrenplatz diente. Denn in Athen wurde Dionysos der Gott des Theaters; ihm zu Ehren fanden an seinem Fest, den Dionysien, Aufführungen von Tragödien statt.

(5)
"Eine neue Art von Musik einzuführen", erklärt Sokrates, "muß man sich hüten, da hierbei das Ganze auf dem Spiele steht. Werden doch nirgends die Tonweisen verändert, ohne die wichtigsten staatlichen Gesetze in Mitleidenschaft zu ziehen, wie schon Damon sagte und wovon ich überzeugt bin." Plato (Der Staat) 4. Buch, 424 c.

(6)
"Die Überzeugung von der heilenden Kraft der Musik, besonders der Flötenmusik", schreibt Erwin Rohde, "scheint von den kathartischen Erfahrungen der Korybantenfeste ihren Ursprung genommen zu haben. An der Heilbarkeit der mania (Manie damals Wahnsinn) durch cantiones tibiarum zweifelten auch Ärzte nicht. (s. Caelius Aurelianus, De morbis acutis et chronicis. Lib. I. cap. 5)" - E. Rohde, Psyche, Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Tübingen 1893, S. 336)

(7)
Der religiös und therapeutisch belastete Begriff der Katharsis wurde durch den Arztsohn Aristoteles aus der Priestermedizin entlehnt, um mit ihm die läuternde Wirkung der Tragödie zu umschreiben, die ursprünglich ebenfalls ein Sühnevorgang, ein Akt der "Reinigung" und Wiederheiligung eines bis ins Mark entgöttlichten Lebens darstellte. Der Begriff der Katharsis spielt auch in modernen psychoanalytischen Heilverfahren eine große Rolle ("kathartische" Methode).

(8)
Außerdem führte man die Heilige Krankheit, wie auch andere Leiden, auf Vererbung zurück: "Sie entsteht aber so wie die übrigen Krankheiten, geschlechtsweise. Denn von einem Menschen schleimiger Constitution wird ein Mensch schleimiger Constitution gezeugt, ebenso von einem Menschen galliger Constitution ein Mensch galliger Constitution, von einem Schwindsüchtigen ein Schwindsüchtiger und von einem Milzleidenden ein Milzleidender." (Über die Heilige Krankheit, 5.Kapitel)

(9)
Bei Scrapie handelt es sich um eine Enzephalomalazie des Schafes, bedingt durch eine Slow-Virus-Infektion mit einer Inkubationszeit von mehreren Jahren. In jedem Fall ist doch der Scharfblick zu bewundern, mit dem der Hippokratiker die enge Verwandtschaft zwischen der menschlichen und tierischen Gehirnerkrankung vorausahnte.

(10)
Schon das gehäufte Auftreten dieser geheimnisvollen Krankheit in Zeiten plötzlicher Temperaturschwankungen spricht gegen Epilepsie, die doch nur vereinzelt vorkommt. Eher könnte man an infektiöse, virusbedingte oder an postinfektiöse Enzephalitis denken, wie sie nicht selten nach Pocken, Masern, Varizellen oder Mumps auftreten.

(11)
Th. Meyer-Steineg,Theodorus Priscianus und die römische Medizin. Jena 1909, S. 1613-173. - Der Krankheitsname Lethargos entstand aus den griechischen Worten Vergessen und untätig. Lethe hieß in der griechischen Göttersage auch ein Quell, aus dem die Seelen der Verstorbenen in der Unterwelt Vergessenheit tranken.

(12)
Caelius Aurelianus, De morbi acutis et chronicis. Lib. I. cap. 5. -Viel skeptischer beurteilte den psychotherapeutischen Effekt der Musik Soranos von Ephesos, der 200 Jahre vorher unter Trajan und Hadrian in Rom gelebt hat. "Wie einfältig sind doch jene Leute", schrieb er, "die da glauben, man könne die Wucht einer Krankheit durch Melodien und ein Lied (modulis et cantilena) austreiben!"

(13)
Georg Ilberg, Das neurologisch-psychiatrische Wissen und Können des Aretäus von Kappadokien. Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 1923.

(14)
Dieter Bern, Glauben und Aberglauben, Königsberg 1912. S. 14.

(15)
Auch bei den alten Römern spukte noch die Erinnerung an eine dämonische Genese der Nervenkrankheiten. Kam z. B. am Forum romanum ein epileptischer oder epileptiformer Anfall vor, so ließ man sofort die Comitien (Teile des Forums) schließen, anscheinend damit der Krankheitsdämon nicht weiter um sich greifen und noch mehr Opfer fordern könne. Daher hieß die Epilepsie nicht nur Morbus sacer, sondern auch Morbus comitialis.

(16)
Die Apologeten zweifelten nie daran, daß Nervenkrankheiten dämonischer Natur seien. So erklärte Origines (zu Matthäus 13/6) ausdrücklich: "Fallsucht ist nicht eine körperliche, sondern eine dämonische Krankheit." Eine ähnliche Ansicht vertrat auch Augustinus in seinem "Gottesstaat" (22,22).

(17)
Heinrich Haeser, Lehrbuch der Geschichte der Medizin. Dritte Bearbeitung. Jena 1882. Bd. 3, S. 749.

(18)
Auch die "Hexentänze auf dem Blocksberge" sind als ursprünglich religiöse Tänze der alten Sachsen und Thüringer anzusehen, welche später den alten Göttern zu Ehren sort insgeheim bei Nacht aufgeführt wurden. - An der "imaginären Regie des Hexensabbats" war aber vor allem die Erinnerung an das orgiastische Dionysosfest beteiligt, weobei die christliche Aversion gegen alles Heidnische den tanzumbrandeten Dionysos und sein Gefolge (die gehörnten bocksbeinigen Satyrn und die rasenden Mänaden) in Luzifer und teuflische Ziegenböcke mit den auf ihnen durch die Lüfte reitenden Hexen umdeutete. Auch der Hexenbesen scheint von dem mit Efeu und Weinlaub umwandenen Thyrusstab der Mänaden herzurühren.

(19)
F. Weege, Geschichte des Tanzes. Königsberg 1928. S. 21. -"DerTanz ist verflucht", heißt es in einem alten bretonischen Volkslied, "seit die Tochter der Herodias vor dem bösen König tanzte", der ihr zu Gefallen Johannes töten ließ. "Wenn du tanzen siehst", fügte der fromme Sänger hinzu, "so denke an das blutige Haupt des Täufers auf der Schüssel, und das höllische Gelüste wird deiner Seele nichts anhaben können!" (Albert Ozerwinski, Brevier der Tanzkunst. Leipzig ohne Angabe des Erscheinungsjahres.)

(20)
Weege (wie Anm. 19) S. 22. - Bereits die Päpste der Germanen-Christianisierung Gregor III. (731-741), Zacharias II. (741-752) und Stephan III. (752-757) erließen Dekrete gegen das Tanzen in den Kirchen. Die stereotype Wiederholung dieser Verbote beweisen, wie schwer sich heidnische Gepflogenheiten ausmerzen ließen.

(21)
J. Chr. Bockmann, H istoria des Fürstenthums Anhalt. Zerbst 1710. fol. Th. III. Buch 4, Cap. 4, § 1, S. 465.

Johann Schenk von Grafenberg: "Observationum medicarum Rariorum" etc. Francofurte 1665. Sp. 222. - In Heckers Monographie (J. C. Hecker, Die großen Volkskrankheiten des Mittelalters ("AeltereTanzplagen", Berlin 1865, S. 153) hat wohl der Setzer die zwei letzten Lettern der Jahreszahl irrtümlich verwechselt, wodurch es zu dem Datum 1021 kam, obgleich in der Schilderung des Freiburger Stadtarztes von Grafenberg das Jahr 1012 als das 10. Regierungsjahr Heinrichs II. (von 1002 bis 1024) genannt wird.

(22)
Fast zur selben Zeit, als die 18 Bauern von Kolbig von der Tanzwut ergriffen wurden, schilderte ein salernitanischer Arzt, Gariopontus (gest. 1056) eine Nervenkrankheit, bei der es sich höchstwahrscheinlich ebenfalls um Enzephalitis handelte. Die Kranken gebärdeten sich während ihrer plötzlichen Anfälle wie Besessene, sprangen mit ekstatischen Bewegungen umher und "hatten sie ein Schwert zur Hand, so verwundeten sie sich und andere, so daß man sie sorgfältig bewachen mußte". Sie litten an Visionen, hörten Stimmen und verschiedenartige Töne. Vernahmen sie in dieser Sinnestäuschung den Klang beliebter Instrumente, so begannen sie einen krampfhaften Tanz und hörten nicht eher damit auf, bis sie vor Erschöpfung umfielen. Das Volk hielt diese gefährlichen Irren für eine "Schar des Teufels". (Garioponti, Medici vetustissimi, de morborum causis, accidentibus et curationibus Libri VIII, Basil 1536. 8. L.I.c.11 p. 27).

(23)
J. Chr. Beckmann, Historia des Fürstenthums Anhalt. Zerbst 1710, fol. Th. III. Buch 4, § 3, S. 467. - Der schlesische Pfarrer Florian Daule in Fürstenberg erzählt in seinem "Tanzteuffel", der in das 1569 erschienene "Theatrum Diabolorum" aufgenommen wurde, eine ähnliche Begebenheit über dieTanzwut von fünf Kindern, die sich "Anno 1551 zu Reichenbach, zwo Meilwege von der Schweidenitz", zugetragen hatte.

(24)
Heinrich Pette, Die akut entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems. Leipzig 1942, S. 201-202.

(25)
Auch in Mädchenpensionaten, Nonnenklöstern und Krankensälen großer Frauenkliniken ist Ähnliches wiederholt beobachtet worden. Wie groß der Nachahmungstrieb labiler Personen ist, weiß heute so mancher Arzt.

(26)
"Unter der Gewalt der Glaubensinbrunst wurde selbst der Stein biegsam und verlor seine Schwere, er wurde entmaterialisiert. In ekstatischer Unruhe streben, klettern, wachsen und züngeln die Formen nach oben. Das Pathos der Vertikalakzentuierung setzte sich durch und bewirkte, wie durch eine überirdische Kraft, daß sich der ganze Bau in die Höhe reckt." (Karl Scheffler, Der Geist der Gotik, Leipzig 1921).

(27)
Max J. Wolff, Französische Dichtung des Mittelalters, Breslau 1908, S. 32-33.

(28)
Weege (wie Anm. 19) S. 25. - In seinen "Sieben Legenden" erzählt Gottfried Keller "nach der Aufzeichnung des heiligen Gregorius" eine alte Sage, bei der es sich um die mystische Verklärung eines krankhaften, möglicherweise postenzephalitischen Zustandes zu handeln scheint. Es ist dies das "Tanzlegendchen" von dem Mägdelein Musa, "welches der Mutter Gottes fleißig diente und nur von einer Leidenschaft bewegt war, nämlich von einer unbezwinglichen Tanzlust, dermaßen, daß wenn das Kind nicht betete, es unfehlbar tanzte". Selbst vor dem Altare "konnte es sich nicht enthalten, einige Figuren auszuführen und gewissermaßen der Jungfrau Maria ein niedliches Gebet vorzutanzen".

(29)
Auch in der Straßburger Chronik findet man eine entsprechende Stelle:

"Viel hundert fingen zu Straßburg an, zu tanzen und zu springen, Fraw und Mann, Am offenen Markt, Gassen und Straßen, Tag und Nacht ihrer viel nicht assen, Bis ihn' das Wüthen wieder gelag. St. Veits Tanz ward genannt die Plag." (Königshoven, die älteste teutsche sowohl allgemeine als insonderheit Elsässische und Straßburgische Chronik. Straßburg 1698, S. 1085).

(30)
Die sog. Notfeuer wurden zuerst im Jahre 742 erwähm in den Beschlüssen der Synode von Mainz, die unter dem Vorsitz von Bonifatius alle heidnischen Gebräuche (paganias) verbot: Totenopfer, Tieropfer, "sive illos sacrilegos, quos niedfyr vocant, sive omnes quaecumque sunt paganorum observationes" (Jacob Grimm, Deutsche Mythologie. 3. Ausg. 1854, S. 570).

(31)
Auch bei anderen europäischen Völkern spielt die Johannisnacht eine ähnliche Rolle. So sah ich noch als junger Medizinstudent vor etwa 70 Jahren in Südungarn, wie ein Epileptiker von zwei kräftigen Bauernburschen - ähnlich wie auf dem bekannten Brueghelbild - hüpfend und tanzend über das Johannisfeuer getragen wurde. Dabei sangen die Umstehenden folgendes Lied:
 

"Viráges szent Jänos Blumiger hl. Johannes,
Éjszakád vilägos Deine Nacht ist hell,
Ments meg nyavalyától! Rette uns vor Plagen,
Óvj meg vitustánctól! Schütz uns vor dem Veitstanz
Boszorkäny vagy Hexe oder Henker,
Hol a nagyfü-gyökér?" Wo ist die Großgras-Wurzel?

Bei der in der letzten Zeile erwähnten "Großgras-Wurzel" handelt es sich vermutlich um die Alraune, die Mandragorawurzel, die seit alters her in der Therapie des Veitstanzes eine besondere Rolle gespielt hat und nicht nur von alten Kräuterweibern, sondern auch vom Henker bezogen wurde. Als ich einige Teilnehmer dieses uralten Heilrituals nach dem Sinn der letzten zwei Zeilen des von ihnen gesungenen Liedes fragte, zuckten sie mit den Schultern. Das Lied muß schon sehr alt gewesen sein, denn ein alter Bauer sagte mir: "Schon mein Großvater hat es gekannt, und auch dem werden es wohl seine Vorfahren beigebracht haben."

(32)
Pierre Bouchet, Observationum medicarum et admirabilium. Paris 1624, S. 41. - Nach christlicher Legende war Veit ein frommer sizilianischer Knabe, der wegen seiner wundertätigen Kraft von Diokletian an seinen Hof gerufen wurde und dort dessen an Krämpfen und Besessenheit leidenden Sohn heilte. Als er sich jedoch weigerte, als Christ den heidnischen Göttern zu opfern, soll er auf Befehl des Kaisers in einem Kessel mit siedendem Öl grausam zu Tode gemartert worden sein. Wahrscheinlich flehten St. Veit schon seit dem frühchristlichen Mittelalter Kranke an, die an Krämpfen litten oder als "Besessene" galten.

(33)
In Böhmen wurden bis in das 19. Jahrhundert am Veitstage "schwarze Hühner gegen die ,Eclampsia infantum' geopfert". Auch bei den orthodoxen Juden spielte das Opferhuhn ("Sühnehuhn") zum Zwecke der Krankheitsabwehr und Krankheitsheilung eine ziemliche Rolle. (Isidor Scheftelowitz, Das stellvertretende Huhnopfer. Mit besonderer Berücksichtigung des jüdischen Volksglaubens. Giessen 1914).

(34)
Gustav Wustmann, Zur Geschichte sprichwörtlicher Redensarten. Leipzig 1895, S. 15.

(35)
Zur Illustrierung dieser Erscheinung führt Kürbitz einen Fall an, den er persönlich kennengelernt hatte: "Es handelt sich um einen chronischen Enzephalitiker Mitte der 20er Jahre, dem das Gehen außerordentlich beschwerlich war. Dieser hatte eine ausgesprochene Neigung zum Tanzen. Er schleppte sich, auf den Arm seiner Frau gestützt, jeden Sonntag in ein Ball-Lokal. Begann ein Tanz, so waren nur die ersten Schritte noch schwerfällig und unbeholfen, dann aber tanzte er flott, bis der IetzteTon der Musik verklungen war. Nach Aufhören des Reizes zeigte sich dann wieder die frühere Starre und Unbeholfenheit." (Kürbitz, Die Encephalitis epidemica und ihre forensische Bedeutung. Die medizinische Welt, 1. lg. 1927, S. 394).

(36)
Sankt Veit bei Zabern (frz. Saverne) im Unterelsaß, einst Wallfahrtsstätte für sog. "Tanzwütige", die man in der Hoffnung auf eine Heilung dahin brachte. - Auf Grund eingehender chronikalischer und archivalischer Studien gelang es Martin zu beweisen, daß die bekannte Straßburger Tanzwut nicht-wie es bei Hecker zu lesen ist-auf das Jahr 1418, sondern auf 1518 zu datieren ist. (Alfred Martin, Geschichte der Tanzkrankheit in Deutschland. Zeitschr. des Vereins für Volkskunde in Berlin, Heft 2, S. 113-134; Heft 3, S. 225-229).

J. v. Königshoven, Die älteste teutsche so wol allgemeine als insonderheit Elsässische und Straßburgische Chronike. Herausg. von Schiltern, Straßburg 1698, 4. Anm. 21 von Veitstanz, S. 1085 f.)

(37)
Nach Schwabach soll eine alte Sage über die dämonische Kraft der "roten Schuhe" ihre poetische Verklärung in dem gleichnamigen Andersen-Märchen gefunden haben. Bei der metaphysischen Deutung der roten Farbe dürften mehrere Momente eine Rolle gespielt haben. So war z. B. Dionysos rot gekleidet, rot färbte man seine Schnitzbilder, wie auch jene der Naturgottheiten (des Pan und der Satyrn), die später von den Christen in Teufel umgestaltet wurden. Nach einem alten Volksspruch verdient ein Ketzer einen "roten Rock", was den Sinn hatte, er sollte "verbrannt werden". (A. Schwabach, Der Veitstanz, Breslau 1879, S. 19).

(38)
J. Bern, Krier, Die Springprocession und die Wallfahrt zum Grabe des heiligen Willibrod in Echternach, Luxemburg 1871. -Wenn nach etwa anderthalbstündigem Springen die ersten Wallfahrer die zum Standbild des heiligen Willibrod hinaufführende neunundsechzigstufige Treppe erreichen, beginnt erst das große Schauspiel. Die Stufen müssen "hinaufgetanzt" werden, das heißt, jeder Teilnehmer muß, wenn irgend möglich, immer fünf Stufen hinauf und zwei wieder hinunterspringen.

(39)
Johannes Schenkii a Grafenberg observationum medicarum variarum libri VII. Frankefurt 1665.

(40)
Durch einen Schreibfehler des Basler Chronisten ]oh. Gross (Kurze Basler Chronik, Basel 1624, S. 241) wird dieser Vorfall in vielen Abhandlungen in das Jahr 1520 verlegt, obwohl Felix Plater erst 16 fahre später zur Welt kam.

(41)
Bei diesen Gepflogenheiten muß man unwillkürlich an eine Behandlungsmethode denken, die in den europäischen Irrenanstalten bis in das 19. Jahrhundert hinein angewandt wurde. Man pflegte dort erregte Geisteskranke in besonderen Apparaten ("Drehstuhl" oder "Drehrad") so lange herumzuwirbeln, bis Schwächezustände eintraten und es dadurch zu einer scheinbaren Beruhigung kam.

(42)
Die "salernitanischen Verse" finden sich in "Lilium medicinae" von Bernard Gordon, Venedig, 1496, Band 35. Vgl. dazu auch K. Sudhoff, Arch. Gesch. Med. 1913, 6, 454 f.

(43)
In dem "Gespräch der Götter ob der edlen und bürgerlichen Krankheit des podagram oder zipperlein" (1544) läßt Hans Sachs eine Reihe von Krankheiten Revue passieren, darunter nicht nur die damals neu eingeschleppte Syphilis ("Frantzosen") und den ebenfalls neu aufgetauchten "Englischen Schweiß" ("Schweißsucht"), sondern auch den bereits als "unsinnig" empfundenen Veitstanz.

"Frantzosensucht trat in den sal
vol schmier und pflaster überal.
Die Schweißsucht kam mit schlefrig augen,
Die fallend sucht trat ein mit schnawden
Mit schlimmen gang, schäumenden mund,
Auch mit verkerten augen und
Die Wutsucht that rasen und schnauffen
Mit ungestümb in den sal lauffen.
Sanct Veits-Tantz that auch nachhin tantzen,
Unsinnigkeit macht viel cramantzen..."

(44)
Theophrast Bombast von Hohenheym, Siebentes Buch der Medizin. Über die Krankheiten, die die Vernunft rauben. Erster Traktat. 3. Kapitel. Über den Veitstanz und ähnliche Krankheiten.

Aus zwei Ratsbeschlüssen, die im Straßburger Archiv aufbewahrt werden, ist zu ersehen, daß der Rat anläßlich der bereits erwähnten Veitstanzepidemie im Jahre 1518 den bischöflichen Vikar von Straßburg ersuchte, durch öffentliche Gebete das Übel abzuwenden. Der Vikar, für jene Zeit ein selten aufgeklärter Freigeist, antwortete jedoch fast im gleichen Sinne wie Paracelsus.

(45)
Paracelsus, II Opus Paramirum, 5. Buch: Über die unsichtbaren Krankheiten. - Der letzte Satz erinnert mit seiner ironischen Skepsis an eine alte griechische Anekdote. Als man Diagoras, um ihm die Macht der Gottheit zu beweisen, in einem Poseidon-Tempel die Votivtafeln geretteter Seeleute zeigte, sagte der ungläubige Philosoph: "Die im Sturme Umgekommenen haben keine Tafeln gestiftet, sonst wäre der Tempel noch voller."

(46)
Die Bezeichnung "Chorea lasciva" ("unzüchtiger Tanz") schlug Paracelsus vermutlich deshalb vor, weil die Massenpsychose der Veitstänze orgiastische Züge anzunehmen drohte. Obwohl man vielerorts mit drakonischer Strenge gegen falsche Veitstänzer vorging, die andere durch ihre gekünstelte Verzückung zur Nachahmung anregten -in Augsburg wurden 1381 zwei von ihnen verbrannt- führte die Tanzwut weiterhin zu sexuellen Ausschweifungen, so daß man beispielsweise "zu Köln" - wie es in der Limburger Chronik heißt "mehr denn hundert Frauen und Dienstmägde fand, die alle in der Dänzerei (Täntzerei) kindertragend wurden." Scharen verkommener Müßiggänger, welche die Gebärden und Zuckungen der Kranken vortrefflich nachzuahmen verstanden, zogen Unterhalt und Abenteuer suchend mit Pfeifen und Trommeln von Ort zu Ort. Neben den andächtigen Prozessionen, die in jener pestbedrohten Zeit eine Abwendung der Seuche zu erflehen suchten, nahm sich das Treiben dieser tanzenden und umschlungenen Horden wie ein Satyrspiel aus. "Bei mancher Kirmes ist St. Veit nicht nur der Tanzmeister gewesen", lautet ein altes Sprichwort, denn neun Monate später kam es bei so mancher Teilnehmerin zum Kindersegen.

(47)
Siebentes Buch der Medizin des Theophrastus Bombast von Hohenheim. Über die Krankheiten, die die Vernunft rauben. Erster Traktat, 3. Kapitel. - Über den St. Veitstanz und ähnliche Krankheiten.

(48)
Auch seine Kopfschmerzen bezog Luther auf den "Junker Satan, der seinen Mutwillen an mir übet durch Zauberei". (l. K. H. Moehsen, Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg. Berlin 1781, Bd. II, S. 506).

(49)
Soldan-Heppe-Bauer. Geschichte der Hexenprozesse. München 1912. - "Ich lese Soldans Geschichte der Hexenprozesse", notierte Hebbel 1847 in seinem Tagebuch. "Wohl den Tieren, daß sie keine Geschichte haben!." Und dann eine sarkastische Anspielung auf die Gleichberechtigung der Geschlechter: " Merkwürdig ist es, daß man wie von unreiner Vermischung der Weiber mit dem Teufel nicht auch von Verbindungen der Männer mit des Teufels Großmutter liest."

(50)
Als ich 1938 eine Malaria-Ambulanz in Dalmatien leitete, erfuhr ich von einer alten Frau, daß sie "nach dem (ersten Welt-)Kriege" anläßlich der schweren Grippe-Pandemie, die von der Bevölkerung als "kuga"(=Pest) bezeichnet wurde, erkrankte und "seither an eigenartigen Zuckungen" litt. Auf der Dorfstraße beschimpfte man sie als "vestica" (Hexe). Die Kinder bewarfen sie mit Steinen. Ein alter Mann sagte: "Früher hat man solche einfach verbrannt! Damit war man den Ärger Ios."

(51)
E. Müller, Johannes Kepler und sein Werk. Stuttgart 1931. (Müller berichtet ausführlich über den fünf Jahre währenden Prozeß gegen die "Hexe Katharina Keplerin".)

(52)
Louis Lewin, Die Gifte in der Weltgeschichte. Berlin 1920. Louis Lewin, Gifte und Vergiftungen. Berlin] 929. Hermann Thomas, Betäubungsmittel und Rauschgifte. Berlin/Wien 1929. - Heinrich Gebhardt, Grundriß der Pharmakologie und Toxikologie, München 1940. - F. Fühner, Medizinische Toxikologie, Leipzig 1943.

(53)
Der lateinische Name Atropa stammt von dem griechischen Namen Atropos. Damit bezeichneten die Griechen eine der drei Parzen, die unter dem hintergründigen Bilde des Spinnens eines jeden Menschen Lebensschicksal bestimmten. Klotho spann den Lebensfaden an. Lachesis zog ihn aus und Atropos ("die Unabwendbare") schnitt ihn ab. Auch der Genuß dieser Pflanze schneidet unabwendbar den Lebensfaden ab. So sollte der Name die Giftigkeit der Pflanze hervorheben. Die italienische Bezeichnung Belladonna (schöne Frau) tauchte zuerst im 16. Jahrhundert in Venedig auf. Den Beinamen erhielt dieTollkirsche, weil man aus dem Saft ihrer Beeren eine vielgebrauchte Salbe zu kosmetischen Zwecken bereitete.

(54)
Wegen dieser Wirkung wurde auch eines der Nachtschattengewächse als "Tollkirsche" bezeichnet.

(55)
Diese Eigenschaft des Bilsenkrautes war schon im Altertum bekannt. Die weissagenden pythischen Jungfrauen des Orakels zu Delphi sollen sich mit Hilfe dieses Krautes in einen erregten Zustand versetzt haben, in dem sie dann ihre visionären Äußerungen taten; da das delphische Orakel dem Apollo geheiligt war, nannte man die Droge "Herba Apollinaris" (Apollokraub .

(56)
Vielleicht verdankt auch das Bilsenkraut einer uralten Erkenntnis dieser Eigenschaft seinen griechischen Gattungsnamen Hyoskyamos, der aus "hys" (Genitiv hyos), das Schwein, und "cyamos", die Bohne, zusammengesetzt ist und wörtlich soviel wie Schweinsbohne bedeutet. Die Gefährten des Odysseus wurden bekanntlich durch die Zauberin Kirke in Schweine verwandelt, und zwar geschah dies dadurch, daß ihnen im vorgesetzten Mahle "betäubende Säfte" beigebracht wurden (Odyssee 10, 235 ff.). Auf ein solches Mittel bezieht sich auch das, was Virgil eine seiner Personen unter Anspielung auf die "Lykantropie", den antiken Werwolfglauben, sagen läßt:

"Diese Gewächse und Gifte, für mich im Pontus gesammelt
hat mir Möris geschenkt, im Pontus wachsen ja viele!
Oftmals sah ich, wie Möris, durch sie zum Wolfe geworden,
sich in den Wäldern verbarg, oft Geister aus Tiefen der Gräber rief
und anderswohin die gesäten Ernten verpflanzte."
(Virgil, Bucolica, Ecloga VIII, Vers 95).

Die nächtliche Verwandlungsszene eines Weibes in eine Eule durch Einreiben des nackten Körpers schilderte schon der Dichter Lucian in seinem "Goldenen Esel".

(57)
J. P. Frank, Medizinische Polizey, Bd. 4, Mannheim 1788, S. 599.-Trotzdem hielten die Hexenverbrennungen bis in das 18. Jahrhundert an, in dem sogar noch an der protestantischen Universität Rostock der Medizinprofessor Joel die Verbrennung des längst gestorbenen "Hexenmeisters" Paracelsus verlangte.

(58)
Andreas Laguna (1499-1560), Kommentar zum Dioscurides. "Das Besessensein an sich", schreibt er unter anderem, "ist ein Unglück und kein Verbrechen. Christus hat Besessene nicht Bestrah, sondern sie durch Austreibung des bösen Geistes geheilt."

(59)
Garidel, Histoire des plantes qui naissent aux environs d'Aix. 1719, p. 236; Porta Magia Naturalls. lib. Il. cap. 26. -Eine "Hexenszene" in selten großartiger Weise wird von Charles de Coster in seinem historischen Roman "Ulenspiegel" und von Dimitrij Mereschkowskij in seiner Leonardo-da-Vinci-Biographie geschildert.

(60)
Da kräuterkundige Frauen sehr häufig vor die Hexentribunale kamen, erfuhren die Henker und Folterknechte bei den "peinlichen Verhören" sehr bald das Geheimnis der Solanazeen-Wirkung, von der sie sodann bei ihrem Handwerk auch selbst reichlich Gebrauch machten! (Johann Peter Frank, System einer vollständigen medizinischen Polizey, IV., Mannheim 1788, S. 566). Konnten sie nämlich durch die Folter das gewünschte Geständnis nicht erzwingen, so reichten sie ihrem Opfer den solanazeenhaltigen "Hexentrank" oder die "Hexensuppe", um "das Schweigen zu brechen".

Infolge der zentralen Wirkung dieser Mittel fallen nämlich bei den Delinquenten alle Hemmungen weg. Sie werden redselig und gestehen alles, auch das, was sie vielleicht einmal insgeheim nur überlegt oder gewünscht, aber niemals ausgeführt hatten. Der Jesuit Martin Delrio (1551-1608), einer der schlimmsten Hexenverfolger, erzählt in seinem Buch "Inquisitiones magicae" (1599), daß ein westfälischer Edelmann, der zwanzigmal die Folter überstanden hatte, ohne zu gestehen, sofort bekannte, nachdem ihm vom Henker ein berauschendes Getränk eingeflößt worden war. Noch unlängst wurde in gewissen Staaten zu ähnlichen Zwecken den Angeklagten während der Untersuchungshaft die sog. ",Wahrheitsspritze" mit Skopolamin verabreicht.

(61)
H. Fühner, Solanazeen als Berauschungsmittel. Eine historisch-ethnologische Studie. Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 1928.

(62)
Nach Fühner war es im Baltikum und in einigen Teilen Rußlands noch Anfang des 20. Jahrhunderts üblich, bei geselligen Zusammenkünften einzelnen Personen insgeheim Stechapfelsamen oder ähnlich wirkende Drogen in das Getränk zu geben, um sich nachher über die Ausgelassenheit und die grotesken Bewegungen des Solanazeen-Berauschten ergötzen zu können. - (H. Fühner, Akopoliawurzel als Gift- und Heilmittel bei Litauern und Letten. Therapeut. Monatshefte 1919, Bd. 33, S. 221).

(63)
Pierre Bouchet, Observationum medicarum et admirabilium. Paris 1624, P. 37.

(64)
Kennzeichnend für die Bedeutung, die die Nachtschatten einst im alltäglichen Leben spielten, ist die Häufigkeit, mit der z.13. Shakespeare in seinen Werken diese Giftpflanzen, insbesondere die Alraune, erwähnt. Hier einige Beispiele:

"Hexensaft ... Schierling auch,
nachts gesucht nach echtem Brauch...
Eibenspahn, der abgesplisst,
wenn der Mond verfinstert ist."
Macbeth IV, 1 (XII, 242)

"Assen wir von jenem Tollkraut,
das den Verstand gefangen nimmt?"
Macbeth I, 3 (XII,190)

"Nicht Mohnsaft noch Mandragora verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf, den du noch gestern hattest."
Othello, III, 3 (XII, 88)

"Gib mir Mandragora zu trinken... daß ich die große Kluft der Zeit verschlafe!"
Antonius u. Cleopatra, I, 5 (X, 42)

"Du verwünschtes Alräunchen!"
Heinrich IV. B; I,2 (ll, 27)

"Der nannte ihn Alräunchen."
Heinrich IV. B; III,2 (III, 97)

"War' Fluchen tödlich wie Alraunen-Ächzen."
Heinrich IV. B; III,2 (II, 85)

(65)
Alfred Schlosser, Die Sage vom Galgenmännlein im Volksglauben und in der Literatur (Dissertation), Münster 1912.

(66)
Die Menschenähnlichkeit der Mandragorawurzel wurde meist künstlich erzeugt. Man nahm dabei die ganze lebende Pflanze aus dem Boden heraus, machte an der Wurzel die nötigen Einschnitte und Zusammenschnürungen, grub sie wieder ein und ließ sie längere Zeit weiterwachsen. Waren die verschiedenen Verletzungen wieder vernarbt, so wurde die Wurzel wieder ausgegraben. War sie erst ordentlich eingeschrumpft und getrocknet, so fiel es schwer, die künstlich eingerichteten Stellen als solche zu erkennen und nachzuweisen. Die wahren Alräunchen, so wurde erzählt, machen ihren Inhaber hieb-, stich- und kugelfest, sie dienten als Liebeszauber, sie machten unsichtbar, sie zeigten die Stellen an, wo unterirdische Schätze verborgen sind, sie nahmen die Krankheit dessen in sich auf, "der sie beständig trug".

(67)
Laut Johann Friedrich Struensee wurden die Alräunchen vom Henker selbst auf den Galgenberg gepflanzt, wo sie durch die abergläubische Angst, die diesen "Ort des Grauens" umwob, vor dem neugierigen Zutritt des Volkes geschützt blieben. Der junge Struensee hatte als Physikus viel Ärger mit dem Altonaer Scharfrichter Christian Witte, der zwar von Amts wegen berechtigt war, Arm- und Beinbruchkuren durchzuführen, sich nebenbei aber auch kurpfuscherisch betätigte und mit verschiedenen "Geheimmitteln" einen florierenden Handel betrieb. Stefan Winkle, Johann Friedrich Slruensee, Arzt, Aufklärer und Staatsmann. Stuttgart 1983, S. 507.

(68)
Den grauenhaften Schrei der Alraunewurzel kennt auch Shakespeare. In "Romeo und Julia" fürchtet Julia, sie konnte aus dem künstlichen Schlaf in den Schrecknissen des Grabgewölbes zu früh erwachen:

"Weh, weh, könnt es nicht leicht geschehen, daß ich, zu truh erwachend - und nun ekler Dunst, Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt, Das Sterbliche, dies hören, sinnlos macht, O, wach ich auf, werd' ich nicht rasend werden?"
III. I, 4 (281) - Demnach erzeugt der Alraunenschrei Wahnsinn.

(69)
Dies mag ein Brief beweisen, den ein Leipziger Bürger 1575 an seinen von Krampfanfällen gequälten Bruder in Riga schrieb: "Dir könnte nicht geholfen werden, du hättest denn ein Alruniken... So hab ich mich nu vor Deinetwegen ferner bemühet und bin ich zu den Leuten gegangen, welche solches haben, als bei unserm Scharfrichter und ich habe ihm dafür geben als nemlich 64 Tahler und des Budels (Büttels-Henkers)-Knecht ein Engelkleid (eine Münze) zu Drinkgeld. Solches soll dir nu, Lieber Bruder, aus Liebe und Treu geschenkt sejn." (Franz Heinemann, Die Henker und Scharfrichter als Volks- und Viehärzte seit Ausgang des Mittelalters. (Schweiz. Archiv f. Volkskunde, Bd. 4, S. 1) - Alfred Schlosser, Die Sage vom Galgenmännlein im Volksglauben und in der Literatur (Dissertation), Münster 1912.

(70)
Zur Entzifferung alter Rezepte ist die Kenntnis der einstigen Medizinalgewichte und Rezepturbezeichnungen erforderlich. In der Heilkunde waren seit altersher Gewichte üblich, die man von den Römern übernommen hatte und deren Einheit das Pfund (pondus, später libra) war. Hieraus entstanden folgende Medizinalgewichte:

Pfund:
Das Medicinalpfund (360 Gramm) oder Fibra medica (abgekürzt lb) enthielt 12 Unzen (unicai=1/12).

Unze:
Die Unze (30 Gramm) enthielt 8 Drachmen (drachma-griechische Silbermünze, wurde auch Quentchen genannt).

Drachme:
Die Drachme (3,75 Gramm) zählte 3 Scrupel (Scrupulum)

Scrupel:
Der Scrupel (1,25 Gramm) enthielt 20 Gran (granum-Korn, Kern, Beere).

Gran:
(gr. oder g.) Ein Gran (0,0625 Gramm) wurde im 18. Jahrh. ein Pfefferkorn schwer geschätzt, für 1/2 oder 1/4 Gran teilte oder vierteilte man es, wenn keine Gewichte zur Hand waren.

Die Mengenbezeichnung wurde hinter das Gewicht gesetzt und zwar in lateinischen Ziffern, die von 1 bis 3 bzw. 4 wie j geschrieben oder gedruckt wurden, so daß die einzelne oder letzte Ziffer j etwas länger war. 1 = j, 2 = ij, 3 = iij, 7 = vij usw. Die Hälfte wurde durch Hintenansetzen eines ß oder S bzw. SS (semis) gekennzeichnet.
(E. Flatow, Anleitung zum Entziffern alter Rezepte. Die Medizinische Welt, 1932, 6.Jg. 5).

(71)
Es erscheint auf den ersten Blick unbegreiflich, weshalb die von Paracelsus empfohlene Solanazeen-Therapie in der darauffolgenden Zeit nicht befolgt wurde. In Anbetracht der Tatsache, daß die Dosierung von Arzneimitteln in jener Zeit noch sehr ungenau war, ist es durchaus denkbar, daß man mit derartigen Mitteln oft das Gegenteil von dem Gewünschten erzielte. Es ging damit wie mit den Freikugeln - "sechse treffen - sieben äffen". Heißt es doch gerade bei Paracelsus: "Alle Dinge sind Gift und nichts ohne Gift, allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist... Ich scheide das, was nicht Arcanum ist, von dem, das Arcanum ist, und gebe den Arcano seine rechte Dosis." Die vielzitierte ParacelsusStelle stammt aus seinen berühmten Verteidigungsreden ("Defensiones°): Dort fragt er seine Gegner, ob sie wohl wüßten, was Gift sei und was nicht Gift sei.

(72)
Bei schädigendem Zauber sprach man von "schwarzer Magie".

(73)
Zitiert von Weissbach in seiner "Wahrhaffte und gründlich Cur aller dem menschlichen Leibe zustoßenden Krankheiten". Straßburg 1722. - In Krakau pflegte der Henker noch Anfang des 19. Jahrhunderts Menschenblut zu diesem Zwecke zu verkaufen, und Hans Christian Andersen schildert im 3. Kapitel seiner Autobiographie I"Märchen meines Lebens"), welche die Zeit von 1822-1828 umfaßt, eine Hinrichtung, bei der das Blut noch als Heilmittel angesehen wurde. "Ich sah dort", so Andersen, "einen armen Kranken, dessen abergläubische Eltern ihn, damit er von den Krämpfen geheilt werde, eine Schale voll des Blutes der Hingerichteten trinken ließen und darauf in wilder Flucht mit ihm davonlieten, bis er zu Boden sank."

(74)
1. Schenck. Obs. med. rar. Francof. 1600, p. 2 33

(75)
Die Angst vor der Tarantel reicht bis in die Antike zurück. So legt Xenophon in den Mernorabilien dein Sokrates die Worte in den Mund: "Weißt du denn nicht, daß gewisse Giftspinnen, welche nicht größer sind als ein halber Obolus, die Menschen durch Schmerzen quälen und von Sinnen bringen?"

(76)
Giorgio Baglivi, Opera omnia, Lugdun, 1710, 4. P. 599. Den unwiderstehlichen Drang der Tanzsüchtigen hat Nietzsche im "andern Tanzlied" des Zarathustra meisterhaft zum Ausdruck gebracht:

"Nach meinem Fuße, dem tanzlustigen,
warfst du einen Blick, einen lachenden,
fragenden, schmelzenden Schaukel-Blick.
Zweimal nur regtest du deine Klapper
mit kleinen Händen-da schaukelte schon
mein Fuß vor Tanzwut.
Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen
horchten, dich zu verstehen, trägt doch
der Tänzer sein Ohr - in seinen Zehen.
Zu dir sprang ich, da flohst du zurück
vor meinem Sprunge, und gegen mich züngelte
deines fliehenden, fliegenden Haares Zunge! ...
Ich tanze dir nach..."
(Also sprach Zarathustra, Dritter Teil. Das andre Tanzlied).

(77)
Wilhelm Christian Orphal, Musterung aller bisher mit Recht oder Unrecht für giftig gehaltenen Tiere Deutschlands. Leipzig 1807.

(78)
Simon André Tissot, Abhandlung über die Nerven und deren Krankheiten. Leipzig 1782, Bd. 4, S. 11).

(79)
Mündliche Mitteilung von Dr. Max Bense im Februar 1947, der damals Kurator der Friedrich Schiller Universität in Jena war und als Rheinländer es wohl wissen mußte.

(80)
A. Fleischer, Die Influenza, Epidemiologie, Symptomatologie und Therapie sowie ihre Complikationen und Nachkrankheiten.

(81)
Wilhelm Ebstein, Einige Bemerkungen über die sogenannte Nona. Berliner Klinische Wochenschrift 28 (1891).

(82)
Constantin von Economo, Die Encephalitis lethargica, ihre Nachkrankheiten und ihre Behandlung. Berlin und Wien. 1929.

(83)
Auch die ätiologische Erforschung der Grippe, der während der Pandemie 1918/19 schätzungsweise 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen, gelang erst, als man das Frettchen als geeignetes Versuchstier ausfindig machte, mit dessen Hilfe anläßlich der Influenza-Epidemie 1933 die Engländer Smith, Andrewes und Laidlaw als Erreger ein Virus nachwiesen.

(84)
Guiseppe Panegrossi, Über die neue Heilmethode der chronischen Enzephalitis mit Parkinson-Erscheinungen. Deutsche Med. Wochenschrift 1938, Nr.19.

(85)
Die modernen Nachfolger dieser Gifte, die psychostimulierenden Drogen unserer Jugend - etwa Haschisch, Amphetamin, Ecstasy, Kokain-führen zwar hin und wieder zu ähnlichen Zuckungen, aber im Zeitalter von Rock'n'Roll, Techno-Beat, Death Rock und Rave-Parties werden diese nicht unbedingt als krankhaft aufgefaßt. Ihre schädlichen Wirkungen, abgesehen von akuten Intoxikationen mit Herzversagen beim Kokain oder dem Wärmeschock beim Ecstasy, treten zum Teil erst verspätet auf und werden von einer gut organisierten Lobby des Drogenkonsums gegen alle vorliegende wissenschaftliche Dokumentation unbeirrbar bestritten.


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Hamburger Ärzteblatt" (Hefte 6-9/2000)
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