Stefan Winkle

Die Tollwut im Altertum



"Der Glaube von gestern ist oft der Aberglaube von heute, und die Erkenntnisse von heute sind nicht selten die Irrtümer von morgen." Montaignes skeptische Worte gelten auch für die Tollwut, deren Geschichte bis in die jüngste Zeit eine von abergläubischen Ansichten umrankte Kette von Irrtümern und mißverstandenen Erkenntnissen darstellt. Lange hatte man geglaubt (1), die Krankheitsbezeichnung "Lyssa" (____) gehöre etymologisch zu (____), der Wolf, und sei eine Reminiszenz aus archaischen Zeiten, als der Wolf in Hellas noch weitverbreitet war und sein gefürchteter Biß das grauenhafte Ubel bewirkte. Diese Annahme setzt jedoch Kenntnisse über epidemiologische Zusammenhänge voraus, die die Griechen der mythischen Zeit nicht haben konnten. Infolge der ungewöhnlich langen Inkubationszeit hatten sie zunächst nicht erkannt, daß es sich bei dieser grauenerregenden Krankheit um die unmittelbare Konsequenz einer längst erfolgten und meist vergessenen Verletzung durch einen Hund oder ein anderes Tier handelte.

Ursprünglich bezeichneten sie als Lyssa ganz allgemein Tobsuchtsanfälle, bei denen die Betroffenen "wie Wölfe heulten oder sich auch sonst wölfisch gebärdeten". Derartige Anfälle galten meist als "gottverhängte Strafen". Noch bei den griechischen Tragödiendichtern wurde die physische Plage der Lyssa in das psychische Leiden des Wahnsinns umgedeutet. Besonders

gefürchtet war Hekate, die man sich auch "hundsköpfig" oder als Hündin, umgeben von einer Meute wütender Doggen, vorgestellt hat. Sie galt als "Göttin nächtlicher Schrecknisse", die geißelschwingend mit ihrem wilden Heer umherzog und "jedermann, dem sie nachts oder in der Mittagsglut, vor allem an Kreuzwegen begegnete", mit Wahnsinn schlug.

Auch an Artemis, die Hekate später ersetzte, blieb so manches von den mythischen Beziehungen zu wütenden Hunden haften. So hieß es z. B. der Jüngling Aktaion, der auf der Jagd die Göttin beim Baden belauschte, sei von ihr zur Strafe in einen Hirsch verwandelt und dann von seinen eigenen Hunden, die Artetuis mitTollwut schlug, nicht mehr erkannt und zerrissen worden.

Vermutlich ist dieser Mythos nur die Ausschmückung einer wahren Begebenheit, bei der ein Jäger (2) von seinen eigenen tollwütig gewordenen Hunden angefallen und tödlich verletzt wurde. Bereits Pausanias bemerkte skeptisch:

"Ich glaube, die Hunde des Aktaion konnten auch ohne göttliche Einwirkung von der Lyssa befallen sein. Waren sie nun einmal tollwütig, so vermochten sie nicht mehr zu unterscheiden und hätten einen jeden zerfleischt, der ihnen in den Weg kam."                                                                                                                (Perihegese IX, 2, 3)
 
 


Abb. 1
Das Hundegestirn (Sirius) aus einer astrologischen Handschrift des 16. Jh.
(Preußische Staatsbibliothek, Cod. fol. 244).

Abgesehen vom göttlichen Groll glaubte man den Ursprung der Hundswut auch auf astrale Einflüsse zurückführen zu können. Der Frühaufgang des Hundegestirns Sirius (3) sollte nicht nur "fiebererregende Hitze" (Malaria), sondern bei den Hunden auch Tollwut verursachen, weshalb man diese hochsommerliche Zeitspanne gewöhnlich als "Hundstage" (dies caniculares) bezeichnete (4). In Argos war man daher auch der Meinung, daß der Sirius die Tollwut bei jenen Hunden bewirkt hätte, die nach der Sage Linos, den Sohn des Apollo, überfallen und zerrissen haben sollen (5). So berichtet Pausanias, der zwischen 160 und 180 n. Chr. in seinem antiken Baedeker "Perihegese" (wörtlich: "Rundführung") die religiösen und künstlerischen Merkwürdigkeiten der meisten Orte Griechenlands beschrieben hatte, daß man zu Argos in Erinnerung an diese Begebenheit alljährlich während der hochsommerlichen Hundstage ein Fest feierte, das "Kynophantis" ("Hundeschlag") hieß, wobei man, um den Tod des Linos zu rächen, frei herumlaufende, herrenlose Hunde totzuschlagen pflegte. Man war nämlich trotz einzelner Skeptiker bis in das vorige Jahrhundert hinein der Ansicht, daß Hunde, "wenn der Hundestern im heißen Hochsommer aufgeht", an Tollwut erkranken würden, weshalb man seit dem Altertum den Sirius meist als wütendbissige Dogge bzw. wolfsähnlichen Hund dargestellt hat. Auch in Rom pflegte man zur Verhütung der Tollwut alljährlich um die Zeit der Hundstage (6) und während der "Luperkalien" am 15. Februar Hundeopfer darzubringen. "Luperkus", der "Wolfsabwehrer", galt als identisch mit dem Hirtengott Faunus, der einst die Herden auf dem Palatin vor den Bissen der Wölfe und tollen Hunde behüten sollte (7).

Es ist auffallend, wie lange von den Griechen die Tollwut der Hunde und die des Menschen für zwei verschiedene Krankheiten, die miteinander nichts zu tun haben, gehalten wurde. Der im Mythos einem tollwütigen Hunde zum Opfer fallende Mensch erkrankte nicht am selben Leiden, er wurde einfach wie Linos oder Aktaion - zerrissen. Selbst die Hippokratiker waren sich des epidemiologischen Zusammenhanges noch nicht bewußt. So kommen in den "Epidemien" die Krankheitsbilder von je zwei miteinander befreundeten hydrophoben Patienten vor, bei denen es sich höchstwahrscheinlich um Lyssakranke handelte, die vielleicht von dem gleichen Tier infiziert wurden, ohne daß man dieses ätiologische Moment erkannt hätte. Bei einem der Patienten war die Wasserscheu so ausgeprägt, daß in ihm bereits das Flötenspiel, ohne daß ein Symposion (ein nach der Mahlzeit folgendes Trinkgelage) undenkbar war, die qualvolle Assoziation des Trinkens erweckte:


Abb.2
Tod des Aktaion mit angedeuteter Metamorphose.
Hinter dem angefallenen Jäger sind Teile eines Hirsches zu sehen.
Ausschnitt aus einem Vasenbild von der "Amphora des Eucharidesmalers" 5. Jh. v. Chr.
(Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe.)

"Nikanors Leiden. Wenn er nach einem Trank Verlangen hatte, bekam er Scheu vor der Flötenbläserin. Hörte er den Ton einer Flöte erklingen, so traten davor aus Furcht

Beschwerden auf. Nachts sei es kaum auszuhalten, sagte er, tagsüber dagegen scheue er sich beim Anhören (derselben) nicht."                                                                                                                (Epidemien, V, 81; VII, 88)

Der zweite Fall, der unmittelbar nach dem Leiden des Nikanors geschildert wird, ist die Geschichte eines Hydrophoben, den schon der Anblick eines Flusses oder Bächleins mit Angst erfüllte:

"Demokles, sein Gefährte, schien wahnsinnig und tollwütig zu sein. Er wäre weder an einem Flußufer entlang noch über eine (Fluß-) Brücke gegangen, noch hätte er die seichteste Stelle eines (Wasser-) Grabens passiert. Durch einen (trockenen) Graben an sich hindurchzugehen, dazu war er imstande."    (Epidemien, V, 82; VII, 87)

Obgleich die hippokratischen Krankengeschichten meist nur "Momentaufnahmen" sind und fast nie alle charakteristischen Symptome einer Krankheit widerspiegeln, so fällt doch auf, daß nur das Symptom der Wasserscheu, nicht aber die Ursache des Leidens, d. h. die vorhergehende Verletzung durch ein tollwütiges Tier, erwähnt wird. Offenbar hielten die Hippokratiker die Tollwut, wie Soranos behauptet, für eine spontan auftretende Nervenkrankheit. Auch ein Zeitgenosse und Freund des Hippokrates, der Philosoph Demokritos aus Abdera (460-360), soll nach Caelius Aurelianus die Wasserscheu für eine Nervenkrankheit und zwar als eine "Entzündung der Nerven" erklärt haben, die den schweren Krampfleiden, z. B. dem Tetanus, verwandt sei (8).

Aristoteles (384-322), dessen Vater Nikomachos selbst Arzt war, schließt in seiner "Naturgeschichte der Tiere" eine Übertragungsmöglichkeit der Hundswut auf den Menschen aus:

"Die Hunde leiden an Lyssa. Diese versetzt sie in einen Zustand der Raserei, und alle Lebewesen, die sie dann beißen, werden von der Wut ergriffen, mit Ausnahme des Menschen."                                (lib. VIII, cap. 22)

Danach scheint die Lyssa (abgesehen von der Lepra) die erste Infektionskrankheit gewesen zu sein, bei der man klar erkannt hatte, daß sie nicht durch Einatmung eines Miasmas, sondern durch Kontakt übertragen wird.

Die Erkenntnis, daß die Lyssa der Tiere und die Hydrophobie des Menschen epidemiologisch miteinander verbunden und "nur zwei verschiedene Seiten ein und derselben Münze darstellen" (Oreibasios), wurde allem Anschein nach erst mehr als 300 Jahre später von griechischen und römischen Ärzten gewonnen, die während ihrer Tätigkeit in den verseuchten Grenzgebieten des römischen Imperiums häufiger denn je zuvor Gelegenheit hatten, diese Krankheit zu beobachten.

Die erste ausführliche Abhandlung über die Tollwut soll zur Zeit des Kaisers Claudius (41-54 n. Chr.) entstanden sein. Es ist dies der 19. Brief aus einer fingierten Schriftensammlung, die unter dem Namen "Briefe des Hippokrates" bekannt wurde und zum Teil eine Korrespondenz mit Demokritos vorzutäuschen versucht (9):

"Die Lyssa bedroht alle Menschen und jede Tierart ... Sie wird vom "Volk" (wie es mit leiser Ironie heißt) wegen ihrer unklaren Ätiologie "für göttlich (heilig) gehalten". Aber: "Göttlich wird sie (die Tollwut) wohl nicht sein, denn sonst müßten doch die Sühneopfer bei den Betroffenen helfen ..."

Sodann versucht der rationalistisch denkende Anonymus die primäre Genese der Lyssa bei den

Tieren als das Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen Umwel und Disposition bestimmter Tiere zu deuten:

"Ich glaube, daß diese Krankheit nichts anderes ist als eine Folge der zu trocken gewordenen Atemluft, weshalb sie auch nicht bei allen Lebewesen spontan entsteht, sondern nur bei bestimmten Arten, bei Löwen, Wölfen, Hunden, Schakalen und sonstiqen Tieren, die sich durch übermäßige Trockenheit auszeichnen ... "

Nachdem nun empfängliche Tiere auf diese Weise primär erkrankt sind, können sie von sich aus "durch Bißverletzung" selbst weniger empfängliche Lebewesen, einschließlich des Menschen, auch sekundär anstecken. "Wenn nun der üble Stoff in den Körper eindringt, so wird das Gehirn, das ihn über die Blutadern anzieht und aufnimmt, geschädigt." Die langsame Penetration des Tollwutvirus, aus der sich die lande Inkubation ergibt, wird so veranschaulicht:

"Ähnlich wie bei einem Stapel trockener Wolle, neben den man nasse Wolle hinlegt, zuerst die Berührungsfläche durchfeuchtet wird und davon allmählich die anschließende Stelle, bis die Nässe in das Ganze eingedrungen ist, muß man auch beim (Tollwut-) Gift annehmen, daß es sich dem Gebissenen durch die Zähne mitteilt, eine Veränderung an der Bißstelle selbst und (auch) an den benachbarten Stellen hervorruft und durch diese dann schließlich ins Gehirn gelangt."

Erst wenn "das Gehirn, in dem die Funktion der Psyche liegt", geschädigt wird, kommt es zum Ausbruch der Lyssa. Als prophylaktische Maßnahme, die sofort nach der Verletzung durch ein tollwütiges Tier zu treffen sei, wird vorgeschlagen: "Man soll den frischen Biß ausbrennen und wenn möglich, einen Schröpfkopf darauf befestigen." Fast das gleiche hatte bereits Cornelius Celsus, Sekretär des Kaisers Tiberius, empfohlen, der sich als praktischer Römer in seinem Buch nur auf die "Behandlung" beschränkte. Ähnlich wie beim Schlangenbiß soll auch aus den durch Hundebiß verursachten Wunden das "Gift (lateinisch: "Virus") durch einen Schröpfkopf ausgesaugt" und möglichst "auch noch mit glühendem Eisen ausgebrannt" werden.

"Behandelt man eine solche Bißwunde nicht sogleich energisch, so entsteht die Wasserscheu." Ist die Hydrophobie, die erstmals von Celsus so genannt wird, bereits ausgebrochen, so empfiehlt er als "einziges Mittel": den Kranken "unvermutet in einen Teich, den er vorher nicht bemerkt hat, hineinzustoßen, und ihn, falls er nicht schwimmen kann, untergehen und Wasser schlucken zu lassen. Kann er aber schwimmen, so drücke man ihn bisweilen unter das Wasser, damit er auch wider seinen Willen genug davon schlucke; auf diese Weise wird zugleich der Durst und die Furcht vor dem Wasser behoben".

(De re medicina lib. V, cap. 27, 2) (10)



Abb. 3
Tod des Aktaion. Detail aus einer Metope vom Heraion (Tempel E) in Selinunt. 5. Jh. v. Chr.
(Heute Palermo, Museo archeologico).

Dieser barbarischen "Schocktherapie", die trotz ihrer Erfolglosigkeit bis ins 18. Jahrhundert Anwendung fand, soll man auch den greisen Tragödiendichter Euripides unterzogen haben, als er (406 v. Chr.) von wütenden mazedonischen Hofhunden verletzt wurde (11).

Galenos von Pergamon (ca. 131-201 n. Chr.), der eine zeitlang auch Marc Aurels Leibarzt war, hinterließ eine eindrucksvolle Beschreibung der Hundswut ("Kynolyssa"): (12)

"Hunde sind toll, wenn sie mit geröteten Augen, eingezogenem Schwanz, speicheltriefender Schnauze, heraushängender, gelblich gefärbter, trockener Zunge, heiserem Geheul und schwankendem Gang umherstreunen und dabei blindlings jedermann anfallen und beißen."        (Ad Pis. de Ther., cap. 16, pag. 277)

Auch die unterschiedliche Dauer der Inkubationszeit bei Mensch und Tier war Galenos nicht entgangen. Im Gegensatz zum schnellen Krankheitsausbruch beim Hund (2--4 Wochen) bewirke der schleichende Charakter des Tollwutgiftes beim Menschen "erst nach zwei, drei, vier und mehr Monaten den Tod. Ich selbst habe einen gekannt, der erst nach einem Jahr an Wasser scheu erkrankt und gestorben ist" (13).

Zur Verhütung der Tollwut beim Menschen empfahl Galenos das Ausschnei den der Wunde sofort nach dem Biß, die von Plinius erwähnten Volksmittel (Auflegen von Hundehaaren auf die Bißwunde usw.) (14) lehnte er als "nutzlos" ab.

Die Erkenntnis, daß die Übertragung der Lyssa nur durch den Biß tollwütiger Tiere erfolgt und die einzelnen Tollwuterkrankungen lediglich Kettenglieder zusammenhängender Kontaktinfektionen darstellen, kommt besonders klar in einer Schrift des Satirikers Lukianos (117-190) zum Ausdruck:

"Du weißt, daß diejenigen, die von tollen Hunden gebissen werden, nicht nur selbst an Wut erkranken, sondern sich diese Art der Wut auch durch den Biß der Verletzten fortpflanzt und so einer Menge anderer mitgeteilt werden kann."                                                                                                                                                (Negrinos) Der berühmteste Toxikologe der Antike war Mithridates VI. Eupator, der König von Pontos (124-63 n. Chr.). Um sich vor meuchlerischen Giftanschlägen zu schützen, behandelte er "pontische Enten" mit steigenden Dosen verschiedener Giftstoffe und stellte nachher aus ihrem Blut ein als Theriak bezeichnetes Gegengift her, welches er täglich einzunehmen pflegte (15).

Seine berühmteste Antidotmischung, die auch "Mithridatikon" genannt wurde und außer dem Entenblut angeblich noch weitere 53 Komponenten enthielt, galt als ein polyvalentes Gegengift, das "auch gegen den Biß von Schlangen und tollwütigen Hunden" schützen sollte (16). Quacksalber und Scharlatane priesen bis in die jüngste Zeit als Schutzmittel gegen Tollwut die ,;sagenhafte Latwerge Theriak oder Mithridaticum" an, der sie unter anderem nach dem Prinzip "similia similibus" (Gleiches mit Gleichem) auch die ausgerissenen Haare und die pulverisierte Leber tollwütiger Hunde beizumischen pflegten.

Da Wölfe zu den gefährlichsten Virusreservoiren der Tollwut gehören, hat die Vermehrung dieser Wildart, wie es vor allem während langer Kriegswirren und danach zu geschehen pflegt, fast stets auch einen bedenklichen Anstieg von Lyssa unter Haustieren und Menschen zur Folge (17). Lucius Apulejus (125-180), der in seinem burlesken Abenteuerroman "Der goldene Esel" wiederholt von der Tollwut spricht, verdanken wir einen recht eindrucksvollen Situationsbericht über die damalige Wolfsplage::

"Als wir", erzählt Lucius, (der durch einen Hexentrank in einen Esel verwandelte Held des Romans), "einen rauhen, bewaldeten Berg überstiegen hatten, warnten uns die Einwohner weiterzugehen. Es gäbe in der Gegend eine ungeheure Menge reißender Wölfe, die alles anfielen .... in die benachbarten Dörfer eindrängen und dabei weder Mensch noch Vieh schonten".                                                                    (Asinus aureus. Lib. VIII)

Was ein einziger lyssainfizierter Wolf oder Hund anzurichten vermag, wird erst deutlich, wenn man bedenkt, daß diese schnellen Tiere in einer Nacht Strecken von 50-70 Kilometern zurücklegen können:

"Zitternd wie Espenlaub, kam plötzlich ein Kerl in den Speisesaal gerannt. Eben sei durch die Hintertür ein toller Hund eingedrungen und habe in blinder Wut die Jagdhunde angefallen; danach sei er in die Ställe gelaufen und habe da alles gebissen, und als er endlich wieder herauskam, auch selbst die Menschen nicht verschont. Der Eselstreiber Myrtilos, der Koch Hephästion, der Kammerdiener Hypatius, der Arzt Appollonius und noch andere mehr, die ihn verjagen wollten, seien alle jämmerlich zugerichtet worden."

(Asinus aureus, Lib. IX)


Besonders in den unruhigen Zeiten der Völkerwanderung dürften Tollwuterkrankungen sehr häufig vorgekommen sein. Zur Ausbreitung der Seuche werden nicht nur die zahlreichen Hunde der umherziehenden Völkerstämme und Heerscharen, sondern auch die "herrenlos gewordenen Köter zerstörter Siedlungen", die Augustinus als eine "wahre Landplage" bezeichnete, viel beigetragen haben (18).

Da das grauenerregende Übel der Tollwut zu den unheilbaren Krankheiten gehört, gegenüber denen jegliche ärztliche Kunst versagt, ist es weiter nicht verwunderlich, daß die Betroffenen und Bedrohten in ihrer Verzweiflung und Angst bereit waren, jede auch noch so absurde therapeutische bzw. prophylaktische Maßnahme zu ergreifen. So erwähnt Plinius d. Ä. in seiner "Naturalls historia" z. B. als Ursache der Tollwut neben dem Einfluß des Hundegestirns auch ein Würmchen, das sich unter der Zunge der kranken Hunde befände. Zur Vorbeugung der Krankheit empfahl er bereits bei gesunden Tieren den "Tollwurm" auszuschneiden. Die Folge davon war, daß sog. "Wurmschneider" jahrhundertelang mit Unterstützung der Behörden an Hundezungen ein harmloses Schleimhautgebilde, vermiculus genannt, zur Verhütung der Tollwut entfernten.

Weltverbreitet war in der Antike auch die Meinung, man könne die Hunde durch Kupieren ihres Schwanzes vor der Tollwut schützen. Auf diesen einfältigen Aberglauben, den sowohl Plinius (19) als auch der römische Ackerbauschriftsteller Columella (20) allen Ernstes aufgezeichnet hatten, geht das auch heute noch übliche "Schwanzstutzen" der Hunde zurück.

Der Niedergang und Verfall der antiken Medizin in den letzten Jahrhunderten des römischen Imperiums offenbart sich nicht nur in der Überwucherung des wissenschaftlichen Gedankengutes durch abergläubische Anschauungen, sondern auch in der immer mehr zunehmenden Erlahmung des Erkenntnisdranges, der das Ende jeglichen Fortschritts bedeutet. So lehnte z. B. Augustinus (354-430), der die Bahn des Mondes zu beobachten nur deshalb erlauben wollte, weil man "sonst Ostern nicht richtig bestimmen könne", nicht nur jede weitere Beschäftigung mit der Astronomie ab, sondern hielt auch das Studium der Medizin für "völlig nutzlos". Für den "grausamen Fleiß der Ärzte, die im Fleische nach verborgenen Geheimnissen wühlen", hatte er nur Verachtung übrig, obwohl ihm die Angst vor dem besorgniserregenden Anwachsen der Tollwut, einer Folge der zerrütteten Staatsordnung, sehr gut bekannt war:

"So groß ist die Furcht ... vor der Tollwut (rabies), die von einem wütenden Hunde herrührt, daß auch ein anhängliches und befreundetes Tier von seinem Herrn bisweilen schlimmer und heftiger gefürchtet wird, als Löwen und Drachen, zumal es den tüchtig angepackten Menschen durch eine unheilbringende Ansteckung so tobend macht, daß er von Eltern, Frau und Kindern schlimmer als jede Bestie gefürchtet wird."

(De civitate Dei, vol. II, lib. XXII, cap. 22)

Abb.4
"Es drängt sich die Meute herzu und schlägt in den Körper die Zähne."
(Ovid, Metamorphosen, III. Buch, Aktaion 236)
Marmorgruppe eines von Hunden angefallenen Hirsches
(Herculaneum, Casa dei Cervi.)

Besonders kennzeichnend für die an fatalistische Indolenz grenzende Resignation der damaligen Intelligenz ist das fehlende Interesse der Ärzte an ätiologischen Fragen. In den Sätzen, mit denen der berühmte Arzt Theodorus Priscianus um die Wende des 4. und 5. Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Tollwut die Ursachenforschung bagatellisiert, offenbart sich in erschreckender Weise jener Wandel, der sich seit dem apokryphen Brief in wenigen Jahrhunderten gegenüber demselben Problem vollzogen hatte:

"Die einen" schreibt er, "führen die Hydrophobie auf den Biß toller Hunde, die anderen auf Schlangenbiß zurück. Für uns ist es aber müßig, die Ursachen genau zu untersuchen. Denn demjenigen, der von dieser schweren Krankheit ergriffen wird, bringt es keinen Nutzen, ihren Ursprung zu kennen".

(Euphorisch, ab. 11, ces. 8)

 


ANMERKUNGEN

(1)
Benno von Hagen, Lyssa, Jena (1940) p. 14.

(2)
Bereits der griechische Name für Jäger "kynegos" (= Hundeführer) läßt dessen Exposition über das gefährdete Begleittier (mit hohem Kontagionsindex) erkennen.

(3)
Nach der Sage soll Sirius einst der Hund des Ikaros gewesen (Ovid, Ars amatoria II, 16, 4) und nach dessen tödlichem Absturz als hellster Fixstern am Abendhimmel in das Sternbild des "Großen Hundes" versetzt worden sein. (Vergil, Georgica II, 380.)

(4)
Es handelt sich um die Zeit vom 23. Juli bis 23. August, während der die Sonne im Zeichen des Löwen steht. Noch 1804 versuchte Zinke die abergläubische Meinung zu widerlegen, daß die "zur Zeit der Dies caniculares geworfenen Hunde" sozusagen "prädestiniert" wären, "an Tollwut zu erkranken". (Neue Ansichten der Hundswut, Jena 1804.)

(5)
Durch die Sage von Linos wird noch mehr verständlich, warum auf Delos, der Insel des Appollonkultes, das Halten von Hunden streng verboten war. (Strabo, Geographica, X, 5.)

(6)
Plinius d. Ä: Naturalis historia, lib. II, cap. 107 und lib. VII, cap. 152.

(7)
Plutarch, Quaestiones consodalium.

(8)
Caelius Aurelianus, De morbis acutis et chronicis, lib. III, cap. 15.

(9)
Diels, H., Hippokratische Forschungen V. Eine neue Fassung des 19. Hippokratesbriefes. Hermes 53 (1918). p. 57.

(10)
Nach Pausanias gab es bei der Stadt Kynaitha in Arkadien eine Quelle, deren eiskaltes Wasser für diese Therapie besonders geeignet sein sollte, weswegen sie auch "Alyssos" ("Ohnewut") genannt wurde. (Heute noch heißt der Ort Kaláwryta = Schönbrunn). Nach der Sage seien hier schon die Töchter des Königs von Argolis, Proitos von der "Lyssa" befreit worden, mit der sie von Hera bestraft wurden. als sie diese in ihrem Tempel zu Tyrins durch übermütige Prahlereien beleidigt hatten.

(11)
Auli Gellii Noctes Atticae. Lib. XV, cap. 20.

(12)
Die Bezeichnung "Kynolyssa" prägte nach Cael. Aurelianus (De morbis acutis III, 9) Andreias von Karystos (um 210 v. Chr.), der zu den älteren Herophileern in Alexandrien gerechnet wird.

(13)
Galenus, De locis adfectis libri VI, 5.

(14)
"Gegen die Tollwut schützt nichts besser, als wenn man Haare des wütenden Hundes, von dem
man gebissen wurde, auf die Wunde legt." (Plinius d. Ä., Naturalls historia lib. XXVIII, cap. 4.)

(15)
Plinius d. A., Nat. hist., lib. XXIX, cap. B. Durch diese "Behandlung", in der manche bereits Ansätze einer antitoxischen Immunisierung erkannt haben wollen, soll er so "resistent" geworden sein, daß er sich nach seiner Niederlage durch Pompejus nicht mehr vergiften konnte und daher von seinen keltischen Leibwächtern erstechen ließ, um nicht seinen römischen Todfeinden lebend in die Hände zu fallen.

(16)
Galenus, De compositione medicamentorum, secundum locos libri X.

(17)
Allein in Preußen, wo man nach den Wirren der napoleonischen Kriege in einem Jahr (1819) über 1000 Wölfe erlegt hatte, starben von 1810-1819 an Lyssa 1053 Personen.

(18)
Auch bei dem entsetzlichen, mit Selbstzerfleischung einhergehenden Tobsuchtsanfall, dem nach Agathias im Jahre 554 der alemannische Heerführer Leutharis in Ceneta (südlich vom heutigen Belluno) zum Opfer fiel, hat es sich zweifellos um Tollwut gehandelt. (De bello goth., lib II.)

(19)
Nat. hist., lib. VIII, cap. 63

(20)
De re rustica, lib. VII, cap. 12.



Dieser Artikel erschien erstmalig als in  "Die Gelben Hefte" (Behring Werke) Heft 1/1971, XI. Jahrgang, Seiten 34 bis 44. Copyright by the author. Copyright dieser Internetausgabe: Collasius 2004
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