S. Winkle

Zur Geschichte der Trypanosomiasen

Die Nagana der Pferde und Rinder sowie die Schlafkrankheit der Menschen -


Meinem langjährigen Mitarbeiter Prof. Dr. med. Mohammed Refai (Kairo) und meinem einstigen schwarzafrikanischen Doktoranden Prof. Dr. med. Kwasi Osei (Accra, Ghana) zur Erinnerung an Gespräche über die Vergangenheit und die Infektionskrankheiten ihrer Heimatländer.

"Dünkt dir dein Feind nur so gering wie eine ,Huruje' (Tsetsefliege), so schätze ihn dennoch wie einen Elefanten ein, damit du keine unliebsame Überraschung erlebst!", lautet ein Sprichwort der Aschanti (1). Es beinhaltet nicht nur eine tiefe Lebensweisheit, sondern auch eine bittere epidemiologische Erfahrung, denn die Tsetsefliegen sind von der Südgrenze der Sahara bis zum Lande der Zulus auf südafrikanischem Gebiet über eine Fläche von fast 12 Millionen qkm verbreitet, d. h. über ein Gebiet, das zwanzigmal so groß wie Frankreich ist. Die Tsetsefliegen bilden als Überträger der menschlichen Schlafkrankheit und der tierischen Trypanosomiasen auch heute noch eines der wichtigsten human und veterinärmedizinischen Probleme Afrikas.


Rinderhirten mit Herde und Bogenschütze mit Hund (Sefarmassiv). Nachzeichnung einer der zahllosen prähistorischen Felsmalereien, die man im fast vegetationslosen, extrem wüstenhaften Tassili-Bergland in der mittleren Sahara gefunden hat.

Das Areal der Trypanosomiasen im schwarzen Erdteil reichte einst viel weiter nach Norden als heute. Es ist bekannt, daß die Nordküste Afrikas im Altertum eine üppige Flora aufwies. Selbst der nördliche Teil der Sahara (südlich des Atlasgebirges) war infolge einer reichen Vegetation in prähistorischer Zeit der Tummelplatz von Hirtenstämmen, die über ansehnliche Rinderherden verfügten, was man aus ihren in jüngster Zeit entdeckten archaischen Felsenbildern entnehmen kann (2). Der französische Gelehrte Abbé H. Breuil hat festgestellt, daß schon 4000 Jahre v. Chr. Wanderungen nomadisierender Stämme durch diese Gebiete der Sahara bis nach Südafrika stattgefunden haben (3). Die erwähnten Felsenbilder markieren genau den langen Wanderzug der "Kuhmenschen", wie sie von den bildscheuen Beduinen verächtlich genannt werden, denen als Moslems jede naturalistische Kunst ein Greuel ist (4).

Der Grund für diese archaische Völkerwanderung dürfte die beginnende Austrocknung der Sahara gewesen sein. Es ist bemerkenswert, daß jene Stämme nach Durchquerung des zentralafrikanischen Tsetse-Gürtels (5), entgegen ihrer früheren Gepflogenheit, in Südafrika keine Rinder mehr abbildeten, obwohl sie mit der gleichen Meisterschaft wie nördlich des Äquators andere Tiere, wie etwa Antilopen und Nashorne, an geschützten Felsenwänden mit ihren Farben verewigten (6). Aus dem Fehlen von prähistorischen Rinderzeichnungen in Südafrika könnte man schlußfolgern, daß die im Norden noch mitgeführten Rinderherden beim Durchqueren des zentralafrikanischen Tse-Tse-Gebietes der Nagana zum Opfer gefallen waren (7).


Die altagyptischen Sümpfe am Nilufer mit ihrem Papyrusdickicht
waren ideale Brutstätten für Fiebermücken und Stechfliegen.
Fragment einer Estrichmalerei aus Amarna.
18. Dynastie um 1370 v Chr. (Kairo Museum).

Aufgrund der in ägyptischen Gräbern vorgefundenen Malereien und Reliefs weiß man auch, daß die Flora und Fauna des Niltals im Alten Reich eine ganz andere war und der im heutigen Gebiet des Bahr el Ghazal im Sudan ähnelten (8). Papyrus, Lotos und Schilf bedeckten die Sümpfe; Krokodil, Nilpferd und Pythonschlange beherrschten das Land (9). Das Areal der Tsetsefliege dürfte damals bis in das Nildelta gereicht und dort den Hirten- und Tierzüchtern die gleichen Schwierigkeiten und Sorgen bereitet haben wie später den Fulbes im Nigerbogen und in der Umgebung des TschadSees. Man wunderte sich oft darüber, daß die Ägypter des Alten Reiches ihren Haustierbestand in so befremdlicher Weise zusammensetzten. Man sieht da Seite an Seite mit zahmen Rindern auch Büffel, Gazellen, Antilopen, Wildschafe, Steinböcke und sogar Hyänen. Alle Wildtiere, die man in der Wüste fing, band man an die Futterkrippe und führte sie später zur Schlachtbank. Man glaubte, die alten Ägypter hätten noch keine ausreichenden züchterischen Erfahrungen gehabt. In Wirklichkeit konnten sie eben nur solche Tiere in größerer Menge zähmen bzw. züchten, die gegenüber der Hagana-Infektion resistent waren (10).

Erst im Laufe des Mittleren Reiches, nachdem der Flußlauf korrigiert und somit die Nistmöglich-keiten der Tsetsefliege weitgehend eingeengt waren, hörten die Ägypter auf, Wüstentiere zu züchten. Der Einfluß der Tsetsefliege auf die Tierzucht im Niltal läßt sich im Laufe der Zeit am Wandel der ägyptischen Rindertypen deutlich erkennen. Die sakralen Merkmale des Apis-Stieres (schwarze Haut und weißer Stirnfleck), an denen man jahrtausendelang festhielt (11), beweisen, daß sich die Ägypter bereits zu Beginn der Ackerbaukultur im Nildelta nicht mehr auf eine Reinzucht des seuchenfesteren schwarzen Büffels (Bos primigenius) beschränkten, sondern schon damals Kreuzungen mit dem aus Asien stammenden hellhäutigen Zeburind vornahmen (12).


Rinderherde beim Überqueren einer Furt.
Kalksteinrelief, ursprünglich bemalt.
Sakkara: Grab des Ti, eines hohen Beamten aus der Zeit der 5. Dynastie (um 2650 v Chr.).

Keine Monographie könnte die Ergebnisse dieser durch Kreuzungsversuche abgesicherten Viehzucht deutlicher veranschaulichen als die Bilder vom schwarzen resistenten Apis der prähistorischen Epoche bis zu den Zeburindern des Neuen Reiches, die immer heller werden und nur noch von Zeit zu Zeit durch einige nußgroße schwarze Flecken die ehemalige Beimischung des Büffelblutes verraten. Je weiter nämlich (durch die fortschreitende Regulierung des Nils) die Gefahr der Tsetsefliege zurückgedrängt wurde, desto mehr konnte man es sich erlauben, das

Büffelblut zu eliminieren und stattdessen die viel leistungsfähigeren Zebus in Reinzucht nehmen.

Die Ägypter haben das Zebu durch Zucht umgebildet und verschiedene Rassen aus ihm gewonnen. Am verbreitetsten war die Langhornrasse, die in so vielen bildlichen Darstellungen wiederkehrt (13). Daneben treten auch kurzhörnige und selbst völlig hornlose Rassen nebeneinander auf. Der charakteristische Zebukopf dieser Rinder ist ganz unverkennbar. Der Umstand, daß der Höcker des Rückens häufig fehlt, beweist gar nichts gegen den Zebucharakter, denn noch in der Gegenwart besitzt Afrika sowohl langhörnige wie kurzhörnige Zebuformen, bei denen der Höcker entweder ganz fehlt oder nur sehr schwach ausgebildet ist.

Seit jeher frischten die Pharaone ihren Viehbestand durch Raubzüge gegen Nomadenstämme auf. Von den Libyern, Sudanesen und Asiaten forderten sie als Tributleistungen die Abgabe ihrer auf trockenem Boden gezüchteten mageren, aber kräftigen Tiere (ngau). In Anbetracht der Tsetseplage hatten die Ägypter immer Bedarf an Rindern als "Hilfskräfte" für ihre landwirtschaftlichen Arbeiten. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß im "Veterinärpapyrus Kahun (14), der aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. stammt, u.a. eine Rinderseuche ("uschau") beschrieben ist, die genau der Nagana entspricht. Der verstümmelte Text (15) lautet:

"57.Vorschrift, ein Rind zu beschauen, das an w'sw (uschau) im Winter leidet:
58. Wenn du ein Rind, das im Winter an w'sw leidet,
59. und es ist dgmj (benommen),
60. seine Augen sondern Flüssigkeit ab, so sollst du es
61. zur Ader lassen, wie das vorher genannte. Wenn du ein Rind vor dir hast
62. mit w'sw im Winter, in der Kälte,
63. und wenn sie (die Krankheit) vom Sommer herrührt,
64. wenn das Fell an seinen Schläfen struppig ist, seine Augen triefen, sein Magen stöhnt,
65. und wenn es nicht brüllt (oder: wenn sein Herz traurig ist?) . . .
66. . . . wrmj't . . . (ein Krankheitsstoff, der mit dem Harn ausgeschieden wird),
67. . . . . so sollst du alle seine Glieder mit . . . hhb (eine Salbe) einreiben . . .
68. wie man es bei s.kt. (einer Quetschung) tut. ".
69. .........


Letzter Abschnitt des beschädigten Veterinärpapyrus-Kahun über die Rinderseuche "uschau" (Nagana) aus dem 2. Jahrtausend v Chr.
Transkription aus den Petrie Papyri von F. L. Griffith, London 1898. Tafel LV, 2.
Übersetzung ins Deutsche oberhalb des Bildes

Das Manifestwerden der Krankheit im Winter ergab sich daraus, daß die Inkubationszeit der Nagana beim Rind von der im Sommer durch Tsetsestich erfolgten Infektion an über sechs Monate dauern kann. Von erstaunlicher Prägnanz ist auch die Symptomatologie: Benommensein (59 Bild/Text oben), Struppig werden des Felles, Triefen der Augen, Neigung zu Diarrhöen(64 Bild/Text oben), apathisches Verhalten (65 Bild/Text oben), Absonderung aus den öde matösen Genitalien (66 Bild/Text oben). Als Therapie galt scheinbar das Einreiben einer Salbe, wie das auch noch vor dem 1. Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika bei einigen Bantustämmen üblich war (16).

Vom Pferd, das erst um 1700 v.Chr. - mit Beginn der Hyksosherrschaft - über Palästina ins Niltal gelangte und deshalb auch im ägyptischen Tierkult keine Rolle mehr spielt, wird berichtet, daß es sich nur "sehr schwer akklimatisierte" (17). Da die kleinen asiatischen Kriegergruppen ihre überraschenden Erfolge vor allem durch die große Beweglichkeit ihres von Pferden gezogenen Streitwagens errangen und somit die damalige Kriegstechnik revolutionierten, mußten sich die Ägypter nach Vertreibung der Hyksos auf die neue Kampfweise so schnell wie möglich umstellen. Die vielen Mißerfolge, die man anfangs mit der Pferdezucht in Ägypten trotz erfahrener asiatischer Lehrmeister hatte, dürften eher auf die Infektion durch Tsetsefliegen als auf das ungünstige Klima zurückzuführen sein (18). Noch lange mußten daher Pferde aus Syrien eingeführt werden. Später gab es zwar im Neuen Reich in den grasreichen Randgebieten des Deltas (Pithom) auch schon große Gestüte; ihren Bestand mußte man jedoch ständig durch Tribute und Lieferungen asiatischer Fürsten auffrischen. Welche Bedeutung man dem Pferd beimaß, geht auch schon daraus hervor, daß die höchsten Beamten der Ramessidenzeit meist aus der Verwaltung der königlichen Marställe hervorgingen (19). Das Pferd, das sogar bei der Verfolgung der Juden anläßlich ihrer Durchquerung des Roten Meeres eine Rolle spielte, wird auch bei der großen Landplage, mit der Jahwe (Gott) die verschiedenen Haustiere der Agypter schlug, an erster Stelle genannt. Die Passage im "Exodus" mit Jahwes bzw. Moses Androhung (des Pharao) samt der danach verhängten Landplage lautet:

"Denn wenn du mein Volk nicht ziehen läßest, siehe, so lasse ich wider dich und deine Leute, wider dein Volk und deine Häuser Stechfliegen Ios, daß die Häuser der Agypter voll werden von Stechfliegen und sogar der Boden, auf dem sie stehen."

"An jenem Tag will ich mit dem Lande Gosen (20), wo mein Volk wohnt, eine Ausnahme machen, daß es dort keine Stechfliegen gibt, damit du erkennst, daß ich der Herr des Landes bin."

"Ich will eine Scheidewand setzen zwischen meinem Volk und deinem Volk. Morgen soll dieses Zeichen geschehen. "

"Und der Herr tat also und es kamen viele Stechfliegen ins Haus des Pharao, in die Häuser seiner Knechte, ja über ganz Agypten, und das Land litt schwer unter den Stechfliegen"
(2. Mose 8, 17-22).

Auffallend ist, daß fast alle in Zusammenhang mit einer späteren ägyptischen Plage aufgezählten Haustiere mehr oder weniger Nagana-anfällig sind:

"Siehe, so wird die Hand des Herrn sein über deinem Vieh auf dem Felde, über den Pferden, Eseln, Kamelen, Rindern, Schafen, mit einer sehr schweren Pestilenz"
(2. Mose 9, 3).

Die Stechfliegenplage in Ägypten muß außergewöhnlich gewesen sein (21), denn nur so ist es zu erklären, daß die Erinnerung daran auch nach dem Exodus (um 1500 v.Chr.) nicht erlosch und im Alten Testament wiederholt bei Androhung schwerer Strafen durch Jahwe (Gott), sogar anläßlich der Eroberung des gelobten Landes, stechende Insekten eine große Rolle spielten (22).

Die Geschichte der afrikanischen Schlafkrankheit im Mittelalter, über die es neben mündlich überlieferten Sagen auch schriftlich fixierte historische Mitteilungen gibt, ist eng verbunden mit dem "Bled-es-Sudan", dem "Land der Schwarzen", wie es die Araber nannten, das sich - wie ein Band von 5 000 Kilometer Länge - vom Atlantik bis zum Roten Meer quer über ganz Afrika erstreckte, im Norden an die Sahara, im Süden an die äquatorialen Urwälder grenzend (23).

Bereits am Untergang des ersten afrikanischen Negerreichs, das seit dem 7. Jahrhundert in den Savannen der Sahara zwischen Senegal und Niger existierte (24), scheint die Schlafkrankheit, laut Überlieferung, mitgewirkt zu haben (25). Dieses Reich "Wagadu" verdankte seine Entstehung den kriegerischen Stämmen der "Sarakole" oder "Soninke", die, vom Osten kommend, die Kenntnis der Eisenverhüttung und die Herstellung von eisernen Waffen mit sich brachten. So gründeten sie ihre Macht auf das Eisen und auf den Reichtum ihres Landes an Gold, wonach die nahe Atlantikküste benannt wird. Die Hauptstadt des Reiches hieß "Koumbi", der jeweilige Fürst "Ghana", d. h. "Herr des Krieges" (26). Mit dem Bekanntwerden der Goldfunde in Wagadu, zunächst am Oberlauf des Senegal, dann im Quellgebiet des Niger und noch später im Hinterland des heutigen Ghana, organisierten moslemische Kaufleute den Fernhandel, um den wachsenden Goldbedarf der islamischen Mittelmeergebiete zu sichern. So ließ der arabische Feldherr Mûsa ibn Naßair bereits Anfang des 8. Jahrhunderts in der Sahara zwischen Südmarokko und dem Adrar eine Reihe von Brunnen graben, die den Verkehr mit dem Negerreich erleichtern sollten (27). Die Araber haben zunächst der Stadt Koumbi den Namen Ghana gegeben, den sie bald danach auf das ganze Reich übertrugen (28). So wurde dieses Negerreich dank der Karawanenwege durch die Sahara, die in jenen Tagen noch nicht den heutigen Austrocknungsgrad erreicht hatte, zum wichtigsten Goldlieferanten Nordafrikas und damit indirekt auch Europas (29). Der Norden brauchte Gold, der Süden Salz, das südlich des heutigen Marokko in der Sahara gegraben wurde (30). Das Reich Ghana vermittelte beides und profitierte an beiden, obgleich die Araber für eine Kamellast von Tafelsalz 200-300 Miskâls (1 Miskâl = 1.1/2 Golddukaten) berechneten (31). Die hohen Preise begründeten sie damit, daß der Wüstenritt von Tegazza bis Ghana "durch Sandstürme, bei flirrender Hitze während des Tages und beißender Kälte in der Nacht . . . 50-60 Tage dauerte und mit ungeheuren Strapazen, Durst und Gefahren verbunden sei" (Ibn Obaid) (32). Infolge der spärlichen Weiden verendeten unterwegs oft 3/4 der Kamele und Pferde, und auch viele Händler und Kameltreiber wurden von fieberhaften Krankheiten heimgesucht, denen so mancher zum Opfer fiel (33). Dennoch kamen von Jahr zu Jahr immer mehr arabische Kaufleute nach Ghana, und auch immer mehr Einheimische, insbesondere in Tekrur, nahmen den Islam an (34). Im Jahre 1067 stieß ein marokkanisches Heer der Almoraviden (35) durch die Sahara vor und überfiel das Land. Es kam zu erbitterten Kämpfen. Im Laufe der Zeit eroberten die Almoraviden eine ghanesische Stadt nach der andern. 1054 fiel Audogast, das 15 Tagesmärsche nördlich der Hauptstadt lag, 1076 fiel auch Koumbi. Wer sich nicht zum Islam bekannte, wurde erbarmungslos niedergemacht.

Die kriegsbedingte Fluktuation einer durch Hunger geschwächten Bevölkerung und ihr zeitweiliges Ausweichen in unzugängliche Sumpf- und Urwaldgebiete schufen die Voraussetzungen für allerlei Infektionen. Warum das Kerngebiet von Wagadu, das einst ein fruchtbares Land war, in dem Hirse, Sorghum und Baumwolle wuchsen (36), von seiner Bevölkerung verlassen und fast zu einer Wüste wurde, läßt sich ohne Schwierigkeiten aus einer alten Sage erraten:

"Einst beteten die Sarakole eine regenspendende Schlangengottheit an: Wagadu-Bida. Sie lebte neben dem Königspalast in einem Hain, wurde mit Milch gefüttert und erhielt alljährlich das schönste Mädchen des Landes geopfert. Als dieses Los die Braut eines kühnen Jünglings, Amadu Sefedokote (Amadu des ‚Schweigsamen‘), treffen sollte, ergriff dieser sein Schwert und schlug der Riesenschlange das Haupt ab, das in hohem Bogen davonflog und erst in der Landschaft Bure, die seither reich an Gold ist, niederfiel. Das Haupt der Schlange wuchs aber sofort nach. So schlug Sefedokote nacheinander noch weitere sechs Köpfe ab, und wo diese hinfielen, da wurde das Land goldhaltig. Nach dem Verlust des siebenten Hauptes hauchte der Wagadu-Bida sein Leben aus. Nun aber suchte Trockenheit das Landheim, und dem Schlangenkadaver entstiegen Fliegen und Heuschrecken, die über Herden und Saatgetreide herfielen und alles vernichteten. Entsetzt flohen die Sarakole und zerstreuten sich überallhin. Seither sind sie Nomaden, ziehen von Land zu Land und denken voller Wehmut an das einstmals mächtige Wagadu-Reich." (37)


Das erste Negerreich Ghana bzw. Wagadu
um 1100 n. Chr.

Soweit die Legende, die nicht nur ein Gleichnis für die Vernichtung des heidnischen Schlangenkultes durch den totemfeindlichen Islam ist, sondern auch ein Reflex jener panischen Angst des Naturmenschen, der alles Unheil auf die Verletzung geheiligter Tabus zurückzuführen pflegt. Wenn man die Heuschrecken als das Sinnbild einer Hungersnot deutet, so lassen die Fliegen, denen die Herden zum Opfer fielen, an eine Insektenart denken, die schon damals zwischen dem Senegal und Niger nicht nur als Überträgerin der Nagana eine Rolle gespielt haben dürfte.

Die mit den Tsetsegebieten nur selten in Berührung kommenden Araber konnten es sich leisten, die Fliege in ihren Tierfabeln und Sprichwörtern kaum zu beachten oder sie sogar geringschätzig als dummdreisten, bramarbasierenden Gernegroß abzutun, was z. B. in einigen von Yakût wiedergegebenen Redensarten besonders deutlich zum Ausdruck kommt: ",Halte dich fest, ich fliege jetzt ab!', sagte die Fliege zum Elefanten." Oder: ",Nun haben wir eine ganz schöne Staubwolke aufgewirbelt', sagte die Fliege, die auf dem Ohr eines galoppierenden Kamels saß" (38). Im Gegensatz zu den Arabern gilt bei den meisten Negerstämmen die Fliege als ein äußerst kluges, ja sogar gefährliches Tier, das kaum zu überlisten ist. So berichtet z. B. eine Tierfabel der Aschanti, wie die Tiere den Mächtigsten unter sich zum König wählen wollten, wobei die einen für den Löwen, die anderen für den Eleanten waren. Nachdem sie sich nach langen Beratungen für den Letzteren entschlossen hatten, wurden sie plötzlich eines Besseren belehrt, da "Huruje" (eine Tsetsefliege) dem Elefanten in den Rüssel flog, ihn stach und dem mächtigen Tier damit eine solche Angst einjagte, daß es wie von allen Teufeln gehetzt davonlief und somit bewies, daß die Tsetsefliege noch mächtiger ist (39).

Unter den "Erzählungen aus 1001 Nacht", von denen Sertürner einst meinte, sie seien "im Haschischrausch erfunden" worden (40), befindet sich "Die Geschichte von der Messingstadt", die nicht nur deshalb von Interesse ist, weil sie (ebenso wie die vorher erzählten Reisen Sindbad des Seefahrers) vom kühnen Unternehmungsgeist arabischer Expeditionen zeugt, sondern auch deswegen, weil sie überraschende epidemiologische Einblicke in die afrikanische Vergangenheit gewährt. Emir Mûsa, der im Auftrag des Kalifen Abdel-Malik (685-705) an der Spitze einer großen Kamelkarawane aufbricht, um über eine endlose Sandwüste die sagenumwobene "Messingstadt" aufzufinden, ist nämlich keine Märchenfigur, sondern ebenso wie der Omayyadenkalif eine historische Persönlichkeit.

Es ist Mûsa ibn Naßair (640-716), jener arabische Feldherr, der - wie bereits erwähnt - Anfang des 8. Jahrhunderts nicht nur Nordafrika und Spanien erobert hatte, sondern auch zum ersten Mal über die alte Wüstenpiste der Sahara seine Fühler nach dem geheimnisumwobenen, von Mohren bevölkerten Goldland an der Westküste Afrikas ausstreckte und den gelegentlichen Tausch von Salz für Gold zu einer Dauereinrichtung machte. Auch wenn die "Geschichte von der Messingstadt" märchenhaft verbrämt ist, lassen gewisse Details von atembeklemmender Realität ahnen, daß man hier in den tödlichen Bereich einer mörderischen Epidemie eingedrungen sei. Dafür spricht bereits die einem Seuchenbericht gleichkommende Tafelinschrift in der ersten ausgestorbenen Stadt (41), auf die man nach einem langwierigen Zug durch die Wüste gestoßen war:

"O du, der d u an diese Stätte kommst, laß dich warnen durch das, was du erlebst von des Schicksals Wandelbarkeit! . . . Ich besaß einst viertausend braune Rosse und hatte Prinzessinnen zu Frauen . . . Ich Lebte mit frohem Herzen dahin, häufte Schätze an und glaubte, mein Glück würde ewig dauern. Aber ehe ich mich dessen versah, kam Der zu uns, der die Freuden verstummen läßt und die Freundesbande zerreißt, der die Häuser verödet und groß und klein, Säuglinge, Kinder und Mütter in das Nichts hin überträgt. Denn während wir noch wohlgemut und sicher in diesem Palaste waren, kam plötzlich das Gericht des Weltenherrn auf uns herabgefahren. Und nun starben von uns an jedem Tag zwei, bis eine große Schar von uns dahingeschwunden war.. . Da befahl ich meinen Leuten, sich in die langen Panzerhemden zu kleiden und sich mit den Schwertern zu gürten . . . Doch die Krieger sprachen: ,Wie sollen wir gegen den kämpfen, dem kein Kämmerling den Zutritt wehrt, der in die Tür eingeht, an der kein Türhüter steht?‘(42).


Eine der zahllosen Bronzeplatten mit Figuren im Hochrelief aus dem 15. Jahrhundert, die einst die Wände, Tore und Pfeiler des Königspalastes von Benin (Südnigerien) schmückten.
Thronender König mit Hofbeamten.
Museum für Völkerkunde, Hamburg.

Auf dem weiteren Wege durch die Wüste erreichte Emir Mûsa endlich die gesuchte Stadt, deren Paläste, ähnlich wie einst in Benin, überreich mit Kupfertafeln geschmückt sind, doch auch sie erscheint wie ausgestorben. Aus Vorsicht läßt Mûsa die Hälfte seiner Begleiter vor dem Stadttor zurück, doch was er mit seinen Gefährten beim Betreten der Stadt erblickte, verschlägt ihnen den Atem:

"Sie sahen Türhüter, Diener, Kammerherren und Hauptleute, die dort allesamt tot auf seidenen Pfühlen lagen. Als sie weitergingen in die Marktstraßen, kamen sie zu einem großen Marktplatz. Die Läden standen offen, die Waren hingen da, die Messinggeräte waren aufgereiht, und die Speicher waren voll von Waren aller Art. Sie sahen auch die Kaufleute, aber sie saßen tot in ihren Läden, ihre Haut war eingeschrumpft. Ähnlich war es am Seidenmarkt, im Basar der Edelsteine und Perlen, in der Straße der Geldwechsler, als auch im Basar der Spezereihändler... Und wie sie aus diesem Basar herauskamen fanden sie sich in der Nähe eines Schlosses. Sie traten ein: in den Hallen standen Bänke aus Elfenbein und auf ihnen lagen Männer, denen die Haut bis auf die Knochen eingeschrumpft war, und die ein Tor für Schlafende gehalten hätte. . ."(43).

Es ist ein Bild, wie es um die Jahrhundertwende nicht nur die Schlafkrankheitskommission in Uganda wiederholt zu sehen bekam, sondern wie es auch schon im 13. Jahrhundert der arabische Geograph Abu Abdallah Yaqût (1179-1229) auf seiner Reise in das "Land der Schwarzen" erlebt hatte ("M'dscham al-Buldan"). Er fand im "Goldlande" ("atTibr") unterirdisch wohnende Stämme (44) und in einem dieser unterirdischen Dörfer fast alle Bewohner, sogar auch ihre Hunde, bis auf die Knochen abgemagert und in Schlaf versunken, was ihn mit Entsetzen erfüllte und an die "Höhlenbewohner" ("Siebenschläfer") im Koran erinnerte, von denen es heißt:

"Du hättest sie, obgleich sie schliefen, für Wachende gehalten, und wir ließen sie auch oft sich von der einen Seite auf die andere umwenden. Und ihr Hund lag ausgestreckt mit seinen Vorderpfoten am Eingang der Höhle. Wenn du dich zufällig ihnen genähert hättest, so würdest du wahrlich voller Schrecken über ihren Anblick den Rücken gekehrt und die Flucht ergriffen haben" (18. Sure, Vers 19).

Zweifellos war man hier auf ein von Schlafkrankheit befallenes Dorf gestoßen, dessen gespenstischer Anblick Yaqût an die 18. Sure des Korans denken ließ, die "Al-Kahf" ("Höhle") heißt, weil in ihr von jenen legendären Höhlenbewohnern erzählt wird, die jahrhundertelang schliefen, und als sie erwachten, ihre Umwelt nicht mehr erkennen und begreifen konnten (45).


Gruppe von Schlafkranken im letzten Stadium der Krankheit. Originalaufnahme der deutschen Schlafkrankheits-Expedition 1906 unter Robert Koch auf den im Vktoriasee gelegenen Sese-Inseln (Uganda).

Der Untergang Ghanas zog 150 Jahre blutiger Wirren und erbitterter Stammeskämpfe nach sich. Dann aber unterwarf das Volk der "Mandingo" ("Mande") immer weitere Gebiete des ersten Negerimperiums. So kam es zur Bildung des Neuen Reiches "Mali" (oder "Melle"), das dann auch die einstige Schlüsselposition Ghanas im Trans-Sahara-Handel bezog, wobei es von Timbuktu aus nach Norden hin - über Taudeni und die Oase von Tuat - eine weitere Karawanenstraße erschloß, die in der Nähe des heute algerischen Tlemcen endete, während es nach Süden und Südosten hin den breiten, träge dahinfließenden Niger als natürlichen Handelsweg nutzte (46). Unter dem Sultan Kankan Mussa (1312-1332), auch "Mansa Mussa" genannt, erreichte Mali den Gipfel seiner Macht. Im Jahr 1324 unternahm Kankan Mussa eine der prunkvollsten Pilgerfahrten nach Mekka (47). Mit den allein in Kairo als Almosen und Geschenke verteilten Goldmengen stürzte er die gesamte Wirtschaft Ägyptens in Verwirrung (48). Bei der Rückkehr von Mekka brachte er viele Künstler und Gelehrte mit und verwandelte die reiche Handelsstadt Timbuktu, die auch heute noch euphemistisch "Königin der Wüste"(48a) heißt, "zu einer glanzvollen Residenz und zu einem Hort der Gerechtigkeit und Gelehrsamkeit". Diese Entwicklung konnte - abgesehen von einer Plünderung der Stadt durch die "Mossi" im Jahre 1333 - ein Jahrhundert lang ungestört fortdauern, so daß Mali mit Timbuktu zu einer Zeit, da das moslemische Nordafrika von nicht endenden Diadochenkämpfen erschüttert wurde und weitgehend der Anarchie anheimfiel, als eine Oase des Friedens und der Ordnung gelten konnte. (49)

Unter Kankan Mussas Nachfolger wurde in Timbuktu die berühmte Sankoré-Moschee erbaut, in der sich damals die erste Neger-Universität etablierte. Dort dozierte auch der schwarze Gelehrte Ahmed Baba, der vor seiner Hinrichtung nur das eine bedauerte, daß er in seinem Leben nicht so viel Bücher sammeln konnte wie seine älteren Freunde. Seine eigene Bücherei enthielt "nur" 1600 Bände (50). Diese intellektuelle Aktivität ging im "dunkelsten" Afrika vor sich! Damals entstand das arabische Sprichwort: "Salz kommt aus dem Norden, Gold aus dem Süden, aber Worte der Weisheit aus Timbuktu."(51)

Es ist bestimmt kein Zufall, daß aus dieser geistig so regen Zeit auch der erste genaue Bericht über die Schlafkrankheit stammt, und es ist besonders interessant, daß der Patient, von dem hier berichtet wird, ein Nachfolger und Enkel des


Das Negerreich Mali auf dem Höhepunkt seiner
Macht im 14. Jahrhundert


Der Negerfürst Kankan Mussa auf einer Landkarte, die Angelino Dulcert 1337 auf Mallorca angefertigt hatte. Mansa Mussa hält in der Rechten einen Klumpen Gold, den er einem verschleierten Kamelreiter (Tuareg) anbietet. Eine katalanische Landkarte aus dem Jahre 1413 läßt erkennen, wie die Karawanenwege von Timbuktu fächerförmig ausgehen und dabei nicht nur durch die Sahara zu den Tuaregs Richtung nordafrikanische Küste, sondern auch zu den Mandingos, den Sonrrhais und an die westafrikanische Küste führen. Letztere Wege durchquerten Gebiete, sie seit jeher mit Tsetsefliegen verseucht sind.

berühmten Kankan Mussa war. ln einem arabischen Geschichtswerk aus dem Jahre 1406, dessen Verfasser der "arabische Herodot" Ibn Chaldun (1332-1406) ist, berichtet dieser, daß ihm ein zuverlässiger Gewährsmann im Jahre 766/767 (nach unserer Zeitrechnung 1374-75) mitgeteilt hätte, der "Sultan Djata von Mali" sei an "illat elnom" (d. h. an Schlafkrankheit) gestorben. Die Stelle lautet wörtlich:

"Und es traf ihn die Schlafsucht; das ist eine Krankheit, welche die Bewohner dieser Gegend sehr häufig befällt, besonders ihre Oberhäupter. Den Kranken überkommt dabei die Bewußdosigkeit des Schlafes zu allen möglichen Tageszeiten, bis er überhaupt kaum mehr zur Besinnung erwacht und man ihn nur für kurze Augenblicke wachrütteln kann. Das Leiden schwächt ihn und führt schließlich zum Tode. Auch die Krankheit des Sultans quälte ihn (evtl.: warf ihn andauernd in Delirien) über 2 Jahre hinweg, und er starb im Jahre 775" (d. h. 775 nach der Hidschra = 1373 n.Chr.) (52).


Arabischer Text der ersten Beschreibung der afrikanischen
Schlafkrankheit des Menschen durch Ibn Chaldun um
1400.

Die Behauptung, daß besonders die Oberhäupter an Schlafkrankheit litten, erklärte schon Becker damit, "daß man nur von deren Tod und seinen Gründen sprach. Die Masse des geringen Volkes interessierte niemand"(53).

Fast zur gleichen Zeit wird in der Geschichte der "Mossi" ("Moschi") sogar von einer "Kunukungu"- (Schlafkrankheits)-Epidemie berichtet. Als Gründer dieses ehemaligen westsudanesischen Reiches innerhalb des Nigerbogens galt der legendäre Recke "Uidi Rogo", der nach dem deutschen Völkerkundler Leo Frobenius (1873-1938) um1290 herum "Naba" (Fürst) wurde, viele Kriege gegen die Nachbarvölker ("Mande", "Sonrrhai") führte, im 40. Jahr seiner Regierung den Niger überschritt und 1333 Timbuktu, die mächtige Handelsempore des Nordens, plünderte.

Bei seinem Tode setzte er seinen Enkel Djungulana als Naba ein (54). Dieser bekämpfte die Stämme im Westen des Reiches, die man "Ninisi" nannte. Als er "mit Pfeil und Bogen nicht weiter kam", verbündete er sich mit dem "Zaubervolk der Njonjossi". Nach der Überlieferung "verwandelten sich die Njonjossi in Wind und bliesen die Stadtmauern und alle Häuser der Ninisi um." Man sah damals viele Leute zusammengekauert und mager und ständig schlafbedürftig im Lande umherhocken. Wenn man die Leute aufweckte und fragte: "Was hast du denn?", so antworteten sie: "Das ist die ,Kunukungu', die haben die ,Njonjossi' auf ,Naba Djungulanas' Befehl auf uns herabgeblasen"(55).

Auch eine weitere Schlafkrankheitsepidemie, die sich etwa 200 Jahre später ereignet haben soll, wird nach Frobenius in der Mossi-Überlieferung erwähnt. Sie knüpft sich an die Geschichte des "Naba Langoegoma", der als Sohn des "Naba Kuda" und Enkel des "Naba Kudumje" in der

2. Hälfte des 16. Jahrhunderts geherrscht und nicht nur als großer Feldherr, sondern auch als mächtiger Zauberer ("Bumbande") gefürchtet war: "Wenn er eine Stadt angriff", so heißt es, "verwandelte er sich in aller Eile in einen gewaltigen Wirbelwind und brauste über die feindliche Stadt hin. Dann zerstörte er die Mauern und Häuser und machte alle Leute krank. Der eine hatte einen Beinbruch, der andere eine Bauchschwellung, der dritte ein Triefauge, der vierte die Schlafkrankheit . . ."(56). Es ist bemerkenswert, daß neben traumatischen Verletzungen (Beinbruch) und Hungerödemen (Bauchschwellung), die bei Belagerungen nicht selten vorkommen, als Kriegsseuche neben dem Augenleiden (Trachom?) auch die Schlafkrankheit erwähnt wird, und zwar abermals als Folge eines Zaubers. Auch während der mörderischen Epidemie in Uganda, der von 1898 bis 1906 über 200000 Menschen zum Opfer fielen, glaubten manche Stämme, daß die Schlafkrankheit die Folge eines "verzauberten Windes" gewesen sei. Ebenso stellten sich am Kongo manche Stämme den Dämon der Schlafkrankheit als "bösen Wind" vor, was einer primitiven pneumatischen Nosologie entspricht und gewisse Analogien mit der Miasmalehre aufweist, die die Malaria-Ätiologie bis in die jüngste Zeit beherrschte. In Wirklichkeit aber dürften die Kunukungu-Epidemien zur Zeit des Naba Langoegoma so entstanden sein, daß infolge der jahrelangen Feindseligkeit der Hackbaugürtel um die belagerten Städte nicht mehr mit der nötigen Intensität bearbeitet werden konnte, so daß der Busch und Urwald wieder näherrückte und die dort brütenden Glossinen nunmehr auch die menschlichen Siedlungen erreichten.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, welchen Einfluß die Anwesenheit der Tsetsefliege auf das Leben und Schicksal eines Volkes haben kann, ist die sog. Ostausbreitung der Fulbe (Fulani, Peul, Pullo) im nördlichen Teil Westafrikas (57). Sie sollen in prähistorischer Zeit mit ihren Herden durch die Sahara, die damals noch ein wasserreiches Gebiet war, nach Westen, in das Gebiet von Termes, gezogen sein, das später zum Großreich von Ghana gehörte. Vom 13. Jahrhundert an zwang sie die zunehmende Austrocknung der Sahara, südwestlich in das Savannengebiet auszuweichen, und so gelangten sie in die Gebiete von Futa-Toro, Futa-Dschalon und Ober-Gambia. Da die Rinderherden ihre wirtschaftliche Grundlage bildeten, wagten sie es nicht, ihren Wanderzug weiter in südlicher Richtung fortzusetzen, weil sie sonst in das Tsetsegebiet gelangt wären und ihre Tiere eingebüßt hätten. Sie bogen daher nach Osten ab und siedelten sich südlich der Sahara, jedoch oberhalb der nördlichen Grenze des Tsetsegürtels in Gegenden mit geeignetem Weideland an. So bildete sich jener aus zahlreichen Enklaven bestehende Siedlungsgürtel heraus, der sich von Senegambien über die Republik Obervolta bis zum Tschadsee erstreckt. Bei den einzelnen Enklaven, die innerhalb des Tsetsegebietes liegen, handelt es sich um Hochlandregionen, deren Weiden ebenfalls glossinenfrei sind, so daß dort keine Naganagefahr besteht.


Wanderung der Falbes nach Westafrika mit späterer Ostausbreitung, da sich beim Zug nach Süden der Tsetsegürtel auf die Zebuzucht inhibierend erwies. Bei den einzelnen Fulbe-Enklaven südlich dieser für die Rinder tödlichen Demarkationslinie handelt es sich um Hochlandregionen, deren Weiden frei von Tsetsefliegen sind.

Nach Ende des Mittelalters war Afrika mit Ausnahme seiner Nordküste für das christliche Europa eine terra incognita. Lediglich aus arabischen Quellen erfuhr man einiges über die in tropischen Regionen liegenden Negerreiche und dorthin führende Landwege. Sonst erhielten darüber noch die jüdischen Kartographen von Mallorca Angaben von ihren Glaubensgefährten, die auch in der Sahara Handelsgeschäfte betrieben. Auf diesem Wege gelangte vor allem nach Portugal die Kunde vom Goldland an der afrikanischen Westküste. Da man das Gold über die Araber sozusagen aus zweiter Hand erhielt, war der Wunsch, den kostspieligen arabischen Zwischenhandel auszuschalten, der Hauptansporn für die Portugiesen, immer weiter an der Westküste Afrikas südwärts zu segeln. Als Heinrich der Seefahrer 1460 starb, waren seine Kapitäne bis Sierra Leone vorgedrungen. Sobald die Portugiesen den Niger erreichten, lenkten sie den Pfefferhandel vom bisherigen Landwege der arabischen Händler ab und brachten den Pfeffer direkt nach Lissabon (58). 1471 drangen die Portugiesen bis zur Goldküste. Wegen der Goldfunde bezeichneten sie das Land "Minah", d. h. Mine, Bergwerk. Elf Jahre später (1482) errichteten sie hier das berühmte "Fort Sao Jorge des la Minah", das in der Geschichte des Sklavenhandels eine so berüchtigte Rolle als "Stapelplatz menschlicher Ware" spielen sollte. Die alten Bezeichnungen dieses Teils der westafrikanischen Küste, wie "Pfefferküste", "Elfenbeinküste", "Goldküste" und "Sklavenküste", lassen mit unverhohlenem Zynismus erkennen, was die Europäer dort ursprünglich gesucht und gefunden haben.

"Als die ersten europäischen Seefahrer des späten Mittelalters", schreibt Frobenius in seiner "Kulturgeschichte Afrikas", "in die Bucht von Guinea kamen und bei Weida das Land betraten, waren die Kapitäne sehr erstaunt. Sorgfältig angelegte Straßen, auf viele Meilen ohne Unterbrechung eingefaßt von angepflanzten Bäumen; Tagereisen weit nichts als mit prächtigen Feldern bedecktes Land, Menschen in prunkenden Gewändern aus selbstgewebten Stoffen. Eine bis ins kleinste durchgeführte Ordnung großer, wohlgegliederter Staaten, machtvolle Herrscher, üppige Industrien - Kultur bis in die Knochen . . .! Aus den Berichten der Seefahrer vom 15. bis 17. Jahrhundert geht ohne jeden Zweifel hervor, daß das vom Saharawüstengürtel gen Süden sich erstreckende Negerafrika damals noch in der vollen Schönheit harmonisch wohlgebildeter Kulturen blühte. Eine ,Blüte‘, die europäische Konquistadoren, soweit sie vorzudringen vermochten, zerstörten. Denn das neue Land Amerika brauchte Sklaven; Afrika bot Sklaven. Sklaven zu Hunderten, Tausenden, schiffladungsweise!" (59).

Der Sklavenhandel war eine Operation, die mit einem Schlag drei dringende Probleme der expandierenden Wirtschaft Europas und seiner Kolonien in der Neuen Welt zu lösen vermochte. Er versah die weißen Plantagen- und Grubenbesitzer Amerikas mit einem gleichmäßig fließenden Strom billiger Arbeitskräfte. Er brachte den abendländischen Metropolen tropische Güter in Hülle und Fülle ein, und er bescherte zugleich den europäischen Manufakturen neue Absatzmärkte für ihre Fabrikate. Die großen Unternehmer des Sklavenhandels, Schiffsreeder und Bankiers, ersannen zu diesem Zweck den berüchtigten atlantischen Dreieckshandel. Die Portugiesen und Spanier waren zwar die ersten Sklavenhändler, die Briten aber verliehen diesem gewinnbringenden, mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichneten Gewerbe den letzten Schliff. Englische Sklavenschiffe brachten wertlosen Ramsch: Glasperlen, minderwertige Textilien, ferner Rum und Feuerwaffen an die Küste von Westafrika. Das war die eine Seite des Dreiecks. An der Küste Afrikas tauschte man diese Waren gegen Negersklaven ein und brachte diese über den Atlantik. Das war die zweite Seite des Dreiecks. In Westindien und in den Südstaaten von Amerika verkaufte man die Neger an die dortigen Plantagenbesitzer. Mit dem Erlös handelte man vor allem Zucker und Baumwolle ein und brachte diese Rohstoffe nach England, wo sie zu Rum und Textilien verarbeitet wurden. Damit schloß sich das Dreieck. Doch nein, es schloß sich nicht, es wurde vielmehr zu einem wahren Teufelskreis, in welchem fortlaufend Rum und Textilien in Sklaven, Sklaven in Zucker und Baumwolle und schließlich Zucker und Baumwolle in Rum und Textilien verwandelt wurden, woran die an der Sklavenjagt beteiligten Häuptlinge an der Westküste Afrikas, die Zuckerrohr- und Baumwoll-Pflanzer in Übersee und die Fabrikanten, Reeder und Sklavenhändler im christlichen Abendland profitierten.

Als die "Entwicklungstechniker des Sklavenhandels" perfektionierten die Briten auch den Bau von Sklavenschiffen. Diese hatten 1,50 Meter hohe Laderäume, die horizontal durch provisorische Zwischendecks unterteilt waren. In diese Fächer, jeweils zu zweit aneinandergekettet, mußten die Gefangenen kriechen. Sie wurden buchstäblich wie Sardinen nebeneinander gepackt, konnten nicht auf dem Rücken liegen, geschweige denn in den Fächern, in die sie eingezwängt wurden, sich erheben. Nur ein paar Stunden am Tag durften sie paarweise angekettet an Deck gehen, sofern das Wetter es erlaubte. Wenn Seuchen ausbrachen oder die Luftlöcher wegen des Wetters geschlossen gehalten wurden, fand sich der Lebende mitunter an die inzwischen Verstorbenen gekettet. Mindestens 30 % der Sklaven überlebten die fünf bis acht Wochen dauernde Überfahrt nicht.

Werner Sombart zitiert in seiner "Geschichte des modernen Kapitalismus" die bekannteste und vielleicht glaubhafteste Statistik über den Sklavenhandel, die Buxton (60) aufgestellt hat. Demnach wurden jährlich aus Afrika durch den christlichen Sklavenhandel rd. 400 000, durch den mohammedanischen Sklavenhandel rund 100.000, insgesamt also jährlich 500.000 Neger verschleppt.

Man weiß nicht ganz genau, welche Anzahl an Menschenopfern der afrikanische Sklavenhandel gefordert hat. Die Gesamtzahl von Afrikanern, die vom 16. bis 19. Jahrhundert in Amerika verkauft wurden, schätzen verschiedene Historiker auf fünfzehn bis zwanzig Millionen; für Ch.de la Roncière sind zwanzig Millionen sogar das Minimum(61). Rechnet man noch die bei den Sklavenjagden und beim Gewaltmarsch zur Küste sowie bei der Überfahrt Umgekommenen hinzu, so dürfte die Zahl noch wesentlich höher liegen. Allein auf den Sklavenschiffen war die Sterblichkeit außergewöhnlich hoch. Stellte man während der Überfahrt eine Infektionskrankheit fest, so wurden die Kranken, um weitere Ansteckungen zu verhindern, einfach über Bord geworfen.

In seinem Gedicht "Das Sklavenschiff" schildert Heinrich Heine mit beißendem Hohn das schmutzige Geschäft mit dem "schwarzen Elfenbein", bei dem es zu einer grotesken Verquickung von Betrügerei, Profitgier und Scheinheiligkeit kam:

"Sechshundert Neger tauschte ich ein
Spottwohlfeil am Senegalflusse.
Das Fleisch ist hart, die Sehnen sind stramm
Wie Eisen vom besten Gusse.
Ich hab zum Tausche Branntwein,
Glasperlen und Stahlzeug gegeben;
Gewinne daran achthundert Prozent,
Bleibt mir die Hälfte am Leben.
Bleiben mir Neger dreihundert nur
Im Hafen von Rio Janeiro,
Zahlt dort mir hundert Dukaten per Stück
Das Haus Gonzales Perreiro . . .
Verschone ihr Leben um Christi will'n,
Der für uns alle gestorben!
Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück,
So ist mein Geschäft verdorben."

Perfekte Raumverteilung für den Transport von Negern.
Sklavenschiff "Brookes" nach den von Kapitän Perry in Liverpool vorgenommenen Vermessungen.
An "Stauraum" standen folgende Flächen zur Verfügung: Für einen Mannssklaven 182X41 cm,
für einen Weibssklaven 177X41 cm, für einen Jungen 152X36 cm, für ein Mädchen 137 X 30 cm.
Dieser Kupferstich wurde von den Abolitionisten (Gegner des Sklavenhandels) massenweise verschickt, z. B. allein nach Philadelphia 3700 Exemplare.
Allein aus Liverpool, das sein Aufblühen dem Sklavenhandel verdankte, und von dem es hieß, es sei "mit Negerschädeln gepflastert", gingen 1771 nicht weniger als 105 solcher Sklaventransporter nach Westafrika, um Neger einzukaufen; aus Bristol in demselben Jahr 25, aus London 58, aus anderen Häfen 5, also nahe an 200 Fahrzeuge, die mehr als 46 000 Schwarze an Bord nahmen, deren Wert mit englischen Fabrikaten bezahlt wurde.

An den "geschäftlichen Rückschlägen", die der "christliche Sklavenhandel" durch die hohen Verluste bei der Überquerung des Atlantik erlitt, waren verschiedene Infektionskrankheiten, darunter auch die afrikanische Schlafsucht, beteiligt, wofür auch die vielen Namen zeugen, mit denen dieses Leiden bezeichnet wurde, wie z. B. "Sleeping sickness of West Africa", "Sleeping sickness of the Congo", "Congo sickness", "Negro lethargy" oder "African Lethargy".

Es ist kein Wunder, daß sich der Reeder und Sklavenhändler steigende Unruhe bemächtigte und sie auf ihre Schiffsärzte eindrangen, der unheimlichen Krankheit, die ihnen so viele Verluste verursachte, auf den Grund zu gehen. Bereits 20 Jahre nach dem Utrechter Frieden erschien der erste medizinisch einwandfreie Bericht von der afrikanischen Schlafkrankheit. Er stammt von dem englischen Schiffsarzt John Atkins, der in seinem 1734 in London veröffentlichten Buch "Der Marinearzt" erwähnt, er habe 1721 an der Guinea-Küste, von wo die Briten ihre meisten Sklaven bezogen, oft bei den zum Kauf angebotenen Negern eine "sleeping distemper" beobachten können.

"Die beiden Negern häufig auftretende Schlafkrankheit", schreibt er, "kündigt sich durch zwei oder dreitägiges Aussetzendes Appetits an, der Schlaf ist tief, die Sinneswahrnehmungen und das körperliche Empfinden sind gering. Wenn man die Kranken schlägt, so bringen sie kaum die Energie auf, sich zu bewegen. Danach ist der Schmerz schnell vergessen und sie fallen in ihre Lethargie zurück. Aus ihrem Mund tropft fortgesetzt Speichel, sie atmen langsam. Junge Menschen sind gefährdeter als alte, und die allgemeine Voraussage ist der Tod"(62)

Abgesehen von der brutalen Handlungsweise, die nur nebenbei erwähnt und offenbar als selbstverständlich hingenommen wurde, fällt in diesem Bericht besonders auf, daß John Atkins nur das zweite, das sogenannte lethargische Stadium der Schlafkrankheit beschrieben hat, während er die vorhergehende, für die Reeder und Sklavenhändler weit wichtigere erste fieberhafte Phase mit der typischen Nackendrüsenschwellung, die eine frühzeitige Erkennung der Infektion noch vor dem Kaufabschluß ermöglicht hätte, nicht als Anfangsstadium erkannte, sondern vermutlich - wie so viele vor ihm - für Malaria, d. h. ein Leiden sui generis, hielt, das mit der Schlafkrankheit nichts zu tun hatte.

Das schmutzige Geschäft des Sklavenhandels, in das so viele Fürsten und Häuptlinge verflochten waren, bewirkte einen grundlegenden Wandel im Leben der afrikanischen Völker. Da jedes an der Küste auftauchende Sklavenschiff Menschenjagden von unvorstellbaren Grausamkeiten auslöste, versetzten Mißtrauen und Zwietracht zwischen den verschiedenen Stämmen die betroffenen Gebiete in einen permanenten Kriegszustand. Der sich unaufhaltsam vollziehende politische, wirtschaftliche und kulturelle Verfall führte zu einer völligen Anarchie, deren Folge es war, daß die Trypanosomiasen in einem erschreckenden Maße zunahmen.

Je größer und menschenreicher nämlich die Siedlungen (die sog. "Haufendörfer" der Eingeborenen) sind, desto seltener kommt es in ihnen zu Erkrankungen an Nagana und Schlafkrankheit. Dieses zunächst rätselhafte Phänomen findet seine einfache Erklärung darin, daß der Ackerlandgürtel um eine Siedlung umso breiter zu sein pflegt, je höher die Einwohnerzahl ist, denn man muß proportional mit dem Erschöpfen des alten Bodens durch Fällen von Bäumen, Entfernen von Wurzelstöcken und Niederbrennen von Büschen immer neues Wald- und Buschland urbar machen.

Durch das Abbrennen der zurückgebliebenen Wurzeln und Sträucher während der Trockenzeit erfolgt nicht nur eine Düngung des Neulandes durch Asche, sondern auch eine Vertreibung des Großwildes und eine Vernichtung der Glossinen. Da diese Insekten außer dem Blut des Großwildes vor allem den Schatten der Bäume und Sträucher für ihre Existenz benötigen, stellt ein 1-3 km breiter Kahlschlag für die Glossinen ein kaum überwindbares Hindernis dar. So pflegt die Erweiterung des Ackerlandgürtels um die Siedlungen unwillkürlich die Infektionen mit Trypanosomen zu vereiteln oder bis auf wenige Fälle einzudämmen (63).

Durch die Sklavenjagden wurden die Siedlungen gewöhnlich ihrer kräftigsten Männer beraubt. Der Mangel an Arbeitskräften bewirkte, daß die Rodungsarbeiten an Intensität nachließen oder völlig erloschen, was notgedrungenermaßen ein Näherrücken von Wald und Busch an die Siedlungen zur Folge hatte, womit auch der unbewußt errichtete künstliche Schutzdamm gegen die Tsetsefliege wegfiel. Die natürliche Folge davon waren gehäufte Erkrankungen unter den Dorfbewohnern und eine Dezimierung, mitunter sogar eine völlige Ausrottung der Haustiere und schließlich ein wirtschaftlicher Rückfall von nie dagewesenem Ausmaß. So kam es, daß Hegel noch vor etwa 150 Jahren die Auffassung vertrat, Schwarz-Afrika sei ein geschichtsloser Kontinent, der "keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen" habe (64).


Anmerkungen

(1)
S.R. Rattray: Ashanti. London 1926, S. 23
Aschanti: Negervolk der Akkau-Gruppe in Süd-Ghana, berühmt für Goldarbeit und Weberei. Das Gebiet ihres einstigen Königreiches bilden heute die Regionen Brong-Ahofo und Aschanti, mit der reichsten Goldmine des Landes.
Das AschantiSprichwort erinnert an die hintergründig-tiefsinnige Antwort auf eine Frage aus dem Talmud: "Warum wurde der Mensch am letzten Tage der Schöpfung erschaffen? Damit man ihm, wenn er von Hochmut gepackt wird, sagen kann: Die Mücke ging dir in der Schöpfung voraus." (Sanhedrin 38a)

(2)
H. Lhote: Die Felsbilder der Sahara. Entdeckung einer 8000jährigen Kultur. Würzburg; Wien 1963

(3)
H. Breuil: Prehist. Rock Art of Africa. London 1950, S. 9 ff.
Die fortschreitende Austrocknung der Sahara hatte später eine weitere Bevölkerungsbewegung zur Folge, die sog. Bantu-Wanderung. So kam es zur Ausbreitung der schwarzafrikanischen Bevölkerung von einem Ausgangspunkt im westlichen Afrika in das gesamte zentrale, östliche und südliche Afrika in der historisch kurzen Zeit von 200 bis 1500 nach unserer Zeitrechnung. Während im alten Westafrika eine Unzahl von sehr verschiedenen Sprachen nebeneinander existierte und damit bewies, daß sich die Völker Westafrikas sehr früh - über Tausende von Jahren - in relativer Isolation voneinander sprachlich auseinanderentwickelt haben, sind die Bantusprachen sehr eng miteinander verwandt und decken praktisch den gesamten afrikanischen Raum südlich der großen Regenwaldzone ab.

(4)
H. Breuil: Quatre Cents siècles d'art pariétal. Montignac 1952. - H. Breuil: The Influence of Classical Civilisation of the Cave Paintings of South Africa. In: Proceedings of the First Pan-African Congress an Prehistory 1947. Oxford 1952, S. 234-237.
Zu ihren Felsenbildern verwendeten die "Kuhmenschen" als Farbe vielfach Ocker, eine rotgelbe Tonerde, mit der sie - wie das an manchen Felsbildern noch zu erkennen ist - auch ihren eigenen Körper zu bemalen pflegten. Es ist anzunehmen, daß diese Bemalung, wie in jüngster Zeit noch bei den Buschmännern, nicht allein aus einem primitiven Schmuckbedürfnis erfolgte, sondern vor allem deshalb, weil man sich erfahrungsgemäß durch das Auftragen einer hellen Farbschicht besser gegen den Stich blutsaugender Insekten schützen kann. Es ist bekannt, daß die Tsetsefliege beim Stechen dunkelhäutige Lebewesen bevorzugt.

(5)
Tsetse-Gürtel: Region, in der die "Tsetse" genannte Stechfliege (Glossina morsitans) den Erreger der Viehseuche "N'gana" überträgt, die auch Tsetse Krankheit heißt. Das Wort "N'gana" stammt aus der Zulu-Sprache und bezieht sich auf das auffälligste Krankheitssymptom dieser Viehseuche, denn es bedeutet so viel wie "kraftlos", "hinfällig", aber auch "nutzlos".
Die Bezeichnung Tsetse soll eine Verballhornung von "nsi-nsi" sein, was in der Bantu-Sprache (Steck)-Fliege bedeutet (W. Zwick u. P. Knuth, "Trypanosomen der Tiere". In: Kolle, Kraus, Uhlenhuth: Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 3. Aufl. VII. Bd. Teil z. Jena 1930, S. 1311).
DerTerminus "N'gana" wurde von dem englischen Militärarzt David Bruce eingeführt, der 1894/95 im südafrikanischen Zululand die dort grassierende Tsetse-Krankheit der Rinder und Pferde erforschte und den nach ihm benannten Erreger (Trypanosoma brucei) entdeckte.

(6)
Da der prähistorische Hirte und Jäger von der magischen Wirkung eines Bildes überzeugt war, pflegte er nur die Tiere abzubilden, die ihn umgaben, die in seinem Leben eine Rolle spielten und die er durch das Abbild in seine Gewalt zu bringen versuchte. Übrigens werden Antilopen und Nashorne von der Tsetsefliege genauso gestochen wie Rinder und Pferde, sind aber im Gegensatz zu diesen resistent und stellen ein gefährliches Trypanosomen-Reservoir dar, ohne selbst zu erkranken.

(7)
Eine naive Tierfabel der Buschmänner, in der die Stechfliege als ein teuflisches Wesen geschildert wird, das den Menschen aus den paradiesischen Waldgebieten vertrieben hat, gewinnt von diesem Aspekt aus einentieferen Sinn. (A. Zimmermann: Fabeln und Spruchweisheiten der Buschmänner. Leipzig 1878, S. 9).
Aus den Geschichten des Herodot wissen wir, daß Pygmäen einst auch im Norden Afrikas lebten. Er berichtet von der Reise einiger junger Libyer, die die Wüste erforschen und besonders nach den Nilquellen suchen wollten, wobei sie "von kleinen Menschen, die kaum mittleren Wuchses waren, gefangen genommen und hinweggeführt wurden. Die Libyer konnten ihre Sprache nicht verstehen. Man führte sie durch ausgedehnte Sümpfe hindurch und brachte sie zu einer Stadt, wo alle Menschen von demselben kleinen Wuchs und schwarzhäufig waren. An der Stadtfloß ein großer Strom vorbei, in dem man Krokodile sah." (Herodot: Geschichte, 2. Buch 32-33).

(8)
Sir W. Garstin: Report upon the Basin of the Upper Nile. 1904, S. 98-99. - Heute noch gilt in Sudan ein Landstrich von etwa 80 000 Quadratmeilen, der sich südlich von Chartum über die Bahr el-Ghazal- und Äquatorial-Provinz erstreckt, als "fleischarme Provinz", da dort infolge der Verseuchung mit Milzbrand und Tsetsefliegen eint Rinderzucht nicht möglich ist.
Der römische Historiker Diodorus Siculus, der im 1. Jh. v.Chr. lebte, erwähnt in seiner Universalgeschichte die "Rhizophagen", deren Land er südlich von Ägypten in Richtung von Äthiopien an die Ufer des Flusses Asa (vermutlich ein Nebenfluß des Nils: Atbara) verlegt, und bemerkt: "Um die Zeit, wenn der Hundsstern (Sirius) mit der Sonne aufgeht, erscheinen hier ungeheure Schwärme von Fliegen, die weit größer sind als die gewöhnlichen. Die Menschen weichen ihnen aus und fliehen" (3. Buch, 23).

(9)
Jean Yoyotte: La Civilisation Egyptienne. Paris 1958, S. 33 ff.
Kennzeichnend für die epidemiologische Situation ist auch die Stelle aus einem alten Papyrus, wo sich von einem weit entlegenen Posten aus ein ägyptischer Beamter darüber beklagt, daß "die einzigen Lebewesen, die man an jenem gottverlassenen Ort antreffen könne, Wildhunde und Stechfliegen" seien.

(10)
F. v. Oefele: Krankheiten im alten Aegypten. Leipzig 1907, S. 43 ff.

(11)
Sobald ein Volk vom Nomadentum zum Ackerbau übergeht und den Stier als Zug- und Pflugtier nicht mehr entbehren kann, werden dem Rind überall göttliche Ehren zugesprochen. Das war in Ägypten genauso wie in Mesopotamicn oder Indien. In Memphis, der ältesten ägyptischen Residenz und dem Hauptkultort der Ptah, verehrte man den heiligen Apis-Stier, der als "Inkarnation des Ptah" und später des Osiris galt. Und da man die Himmelsgöttin Hathor zunächst in Kuhgestalt darstellte, wurde sogar das Firmament als der Bauch einer über der Welt stehenden Kuh gedacht.

(12)
Später, als bei den Rinderbastarden das Zebublut immer mehr überhand nahm, mußte man, um die sakralen Farben zu erhalten, auf Tempelgütern eigene Apiszuchten einrichten bzw. dieselben durch neues Büffetblut aus der Gegend südlich des ersten Kataraktes auffrischen. v. Oefele (wie Anm. 10) S. 49.

(13)
Schlanke, sehnige Rinder der Langhornrasse, die man in halbwilden Herden hielt, dienten zu königlichen Jagden und hießen Ngau. Noch heute verwendet man im Senegal als Bezeichnung für Rinder das Wort nag, in Guinea nige, bei den Mossi niga und bei den Fulbe nagge. Yoyotte (wie Anm. 9) S. 38.

(14)
Tierärztlicher Papyrus von Kahûn. Mit englischer Übersetzung veröffentlicht von EL. Griffith, The Petrie Papyri. Hieratic Papyri from Kahun arid Garab. London, 1898, Kahun LV, 2, S. 12-14.
v. Oefele: Nagana vor drei-viertausend Jahren. Dtsche. tierärztl. Wschr. 37 (1898) 333-334.
v. Oefele: Zur Erklärung des Veterinärpapyrus von Kahun. Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 37 (1899) 55-60.
Reinhard Froehner: Der Veterinärpapyrus von Kahun. Dtsche. tierärztl. Wschr. 44 (1934) 704-709.
H. v. Deines, H. Grapow, W. Westendorf: Übersetzungen der (altägyptischen) medizinischen Texte. Erläuterungen. Berlin 1958.

(15)
Die teilweise zerstörte Handschrift, die 1889 in der einstigen Arbeitersiedlung Kahun ausgegraben wurde, ist im Gegensatz zu den übrigen medizinischen Papyri in hieratischer Schrift mit den für religiöse Texte üblichen Kursivhieroglyphen rückläufig geschrieben.

(16)
v. Oefele (wie Anm. LO) S. 47.

Auch aus der Beschreibung einer weiteren Rinderkrankheit, der Dasselbeule ("Wurmnest"), im Veterinärpapyrus von Kahun (17-33) geht hervor, daß die alten Ägypter nicht nur den Kausalnexus zwischen der Dasselfliege (Rinderbremse) und der Dasselplage des Rindes kannten, sondern auch wußten, daß man durch Abdasseln (d. h. durch Aufschneiden bzw. Ausdrücken der walnuß- bis hühnereigroßen Dasselbeulen) und Beseitigung aller Dassellarven (vor dem Auftrieb auf die Weide) dem Übel entgegenwirken kann, weil sich die Dassellarven (Engerlinge) nur im Weideboden verpuppen, im Stall dagegen zugrundegehen müssen.

(17)
v. Oefele (wie Anm. 10) S. 51.
Die ägyptische Sprache hat sich zwar damals umschreibende Bezeichnungen für das Pferd ("Das Schöne") und den Wagen ("Das Gespann") geschaffen, aber gewöhnlich verwendete man dafür Wörter, die aus der kanaanäischen Sprache übernommen waren: "susim" für Pferd und "markabot" für Wagen.
Yoyotte (wie Anm. 9) S. 41.
v. Oefele: Das Pferd im Pharaonenland. Zeitschrift für Pferdekunde und Pferdezucht 17 (1900) Nr. 18.
Zippelius: Das Pferd im Pharaonenlande. Zeitschrift für Pferdekunde und Pferdezucht 17 (1900) Nr. 17 u. 18.

(18)
v. Oefele (wie Anm. 10) S. 51.

(19)
Ebenda (wie Anm. 10) S. 52.

(20)
Fruchtbare Landschaft im östlichen Unterägypten (vom tanitischen und pelusinischen Arm des Nils bewässert), wo sich die unter Jakob eingewanderten Juden angeblich so vermehrt hatten, daß sie unter Ramses 11. durch "Fronvögte" überwacht wurden.

(21)
Selbst Götter und Pharaonen, die auf Bildnissen und Skulpturen in der einen Hand den Hirtenkrummstab als Symbol ihrer Allmacht tragen, haben in der anderen Hand den Fliegenwedel, ein unbewußtes Eingeständnis ihrer Ohnmacht gegenüber den verhaßten Plagegeistern.

(22)
"Meinen Schrecken werde ich vor dir hersenden und alle Völker, zu denen du kommst, in Verwirrung bringen, so daß deine Feinde vor dir fliehen. Ich werde Hornissen ('Zirah') vor dir hersenden, damit sie die Hewiter, Kanaaniter und Hetiter vor dir vertreiben. Ich werde sie nicht in einem Jahr vor dir vertreiben, damit das Land nicht zur Wüste werde und nicht der wilden Tiere für dich zu viele werden. Ganz allmählich werde ich sie vor dir vertreiben bis du so zahlreich bist daß du das Land besetzen kannst. Und dein Gebiet soll reichen vom Schilfmeer bis zum Meere der Philister und von der Wüste bis zu dem (Euphrat) Strom" (2. Mose 23, 27-31).
Auch die apokalyptische Vision der Verwüstung einer blühenden Landschaft, wie sie Jesaja heraufbeschworen hatte, erinnert gespensterhaft an ein von Glossinen heimgesuchtes Gebiet (Jesaja 7, 17-24).

(23)
Ch.A. Julien: Histoire de l'Afrique noire. Paris 1940, S. 31.

(24)
Den Niger, den die Eingeborenen als den "Fluß der Flüsse" verehren, bezeichneten die Araber mit dem gleichen Namen, den sie auch ihrem anderen Schicksalsstrom, dem Nil, verliehen hatten: "bahr", was sowohl "Meer" als auch "Strom" bedeutet. Daher kann man auf alten Landkarten den Niger oft noch unter dem Namen Nil antreffen.

(25)
Julien (wie Anm. 23) S. 32.
Damals erstreckte sich die schwarze Bevölkerung fast bis zum Adrar, etwa 400 km nördlich des Nigerbogens. Entsprechend der nördlichen Grenze der Savannenzone, die damals fast 500 km nordöstlich von der heutigen verlief, erstreckte sich auch das Tsetseareal in ein Gebiet, das infolge der progressiven Austrocknung und Versteppung des westlichen Sudan heute zur Wüste geworden ist und somit für die Glossinen keine Lebensbedingungen mehr bietet.

(26)
Julien (wie Anm. 23) S. 32.
Sonst nannte man den Fürst von Wagadu auch noch Kaya Maghan, was soviel bedeutete wie "König des Goldes". Nach einem arabischen Text im Jahre 1067 von El Bekri redigiert, waren allein den Minen Ghanas gefundenen Goldklumpen Eigentum des Königs; nur der Goldstaub wurde den Goldwäschern überlassen. Dank seines Goldreichtums und des Gewinns aus dem Transsahara-Handel konnte der Fürst von Ghana ein umfangreiches Heer unterhalten, dessen Kern 40 000 Bogenschützen bildeten. Nicht nur die Fürsten von Tekrur, Manding und Sonrrhai waren ihm untertan, sondern sogar die Berber der Stadt Audoghast (El Bekri, Description de l‘Afrique septentrionale. Algier 1913).

(27)
Mûsa ibn Naßair hatte zwischen 704 und 709 Nordafrika bis an den Atlantischen Ozean erobert, 711 seinen Unterführer Tarik nach Spanien geschickt, ihn dann aber aus Neid in seinem Siegeslauf gehemmt, um selbst die Eroberung des Westgotenreiches zu beenden. Müsas plötzlicher Reichtum, den er nicht zuletzt dem Goldhandel mit dem westafrikanischen Negerstaat zu verdanken hatte, war schuld daran, daß er der Unterschlagung bezichtigt und 713 abberufen wurde.

(28)
Julien (wie Anm. 23) S. 32. - Yakût, ein arabischer Geograph des 12. Jahrhunderts, schrieb über Koumbi: "Ghana ist eine große Stadt an der südlichen Grenze des Maghrib (Nordafrikas) gelegen. Sie bildet den Treffpunkt der Händler, die von dort wieder in die Wüste eindringen, um in jene Gebiete zu gelangen, von wo der Goldstaub herkommt. Wenn Ghana nicht existierte, wären diese Gebiete nicht zu erreichen."

(29)
Julien (wie Anm. 23) S. 37.

(30)
"Salz ist die Seele der Wüste". Dieses Sprichwort kennzeichnet den Wert eines Rohstoffes, der für die Viehherden des Sudan-Gürtels am Südrand der Sahara seit dem Mittelalter unverzichtbar ist. Julien (wie Anm. 23) S. 33.

(31)
Im Süden herrschte oft Salznot. Wenn dort von jemandem gesagt wurde: "Er ißt zu jeder Mahlzeit Salz", so hieß das, er sei ungeheuer reich. Julien (wie Anm. 23) S. 33.

(32)
Julien (wie Anm. 23) S. 33.

(33)
Wenn man an den Bericht von Ibn Chaldun über das häufige Vorkommen von Schlafkrankheit im Bereich von Timbuktu und an die von Frobenius wiedergegebenen Mossi-Sagen über Schlafkrankheitsepidemien bei Belagerungen denkt, so drängt sich bei den erwähnten Verlusten an Reit- und Lasttieren als auch an Menschen im Rahmen des transsaharischen Handels unwillkürlich der Verdacht an Trypanosomen-Infektionen auf.

(34)
Im Jahre 1067 erwähnt El Bekri, der große Geograph aus Cordoba, daß es in der Stadt Ghana zwölf Moscheen gäbe, der König aber ein Heide sei und in einem Palast wohne, der "El Ghaba"
("der Wald", "das Gehölz") heiße, da er von einem Hain umgeben sei, in dem sich die Idole seines Irrglaubens und die Gräber seiner Ahnen befänden. Julien (wie Anm. 23) S. 34.

(35)
Almoraviden ist eine Verstümmelung des arabischen Wortes "Al Morabitin" (= Insassen eines Klosters). So nannten sich die Anhänger des im 11. Jh. unter den Berbern zwischen Senegal und Atlas missionierenden Glaubenseiferers Abdallah Ibn Yaßin (+1058). Nach der Zerstörung Ghanas legten die Almoraviden Fes und Marakesch an und eroberten, als sie vom Emir von Sevilla um Hilfe gerufen wurden, das maurische Spanien.

(36)
Die Ruinen der einstigen Hauptstadt von Ghana, Koumbi, liegen in einer heute völlig naharischen Gegend etwa 350 km nördlich von Bamako, der heutigen Hauptstadt Malis. Koumbi konnte im 12. Jh. eine Bevölkerung von 30 000 Menschen beherbergen. Diese Bevölkerungszahl ist vergleichbar mit der mittelalterlicher Städte in Europa, die ebenfalls auf Handel und Handwerk gegründet waren; so schätzt man die Zahl der Bewohner von Paris im Jahre 1220 auf 120 000. (J. Maquet und H. Ganslmayr: Afrika. Die schwarzen Zivilisationen. München 1970, S. 359).

(37)
A. V. Wangen: Sagen, Märchen und Spruchweisheiten aus Schwarzafrika. Leipzig 1919, S. 68. -Die Legende erinnert übrigens sowohl an die Theseus-Minotaurus-Sage als auch an den Kampf des Herakles mit der neunköpfigen Hydra und das Löwenabenteuer des Simson.

(38)
M. Hartmann: Sprichwörter und Redensarten der Araber. Breslau 1898, S. 47.

(39)
Rattray (wie Anm. 1) S. 23.

(40)
Krömeke: Friedrich Wilhelm Adam Sertürner. Leipzig 1927, S. 29.

(41)
Bei den in Zusammenhang mit den sagenumwobenen Kupferflaschen erwähnten "El Karkar" könnte es sich vielleicht um Gerger an der Goldküste Westafrikas handeln.

(42)
Die Erzählungen aus den tausendundein Nächten. Nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe aus dem Jahre 1830. Wiesbaden 1953. Bd. IV, S. 221-222.

(43)
Die Erzählungen (wie Anm. 42) S. 244-246.

(44)
H. Labouret: Histoire des Noires d‘Afrique. Paris 1953, S. 19. - Auch in der "Geschichte von der Messingstadt" wird von verängstigten schwarzen Höhlenbewohnern berichtet, auf die man während des Rückweges stößt, und die lebhaft an die Bambaras erinnern, die z. T. heute noch unter ähnlichen Bedingungen hausen.

(45)
Labouret (wie Anm. 44) S. 20. - Diese Legende, die heute dem gebildeten Moslem als Gleichnis für das tragische Schicksal von Menschen gilt die mit dem Gang der Welt nicht Schritt halten können, kommt in etwas abgewandelter Form auch am Senegal bei den Bambara vor; deren Vorfahren laut mythologischer Berichte einst in jenen unterirdischen Höhlendörfern lebten, die Yaqüt erwähnt und von denen auch heute noch vielerorts Überreste erhalten sind. Bemerkenswert an der Siebenschläferlegende der Bambara ist zunächst, daß die Höhlenbewohner durch den Zauber eines bösen Windes in Schlafversenkt wurden. Zu beachten ist dabei, daß in der Legende der Schlafzustand mit denselben Worten gekennzeichnet wird, den die Bambara am Senegal für die Bezeichnung der so gefürchteten Schlafkrankheit benutzten:
"Suna dimi" und "Suna bang".

(46)
Auch heute noch, wie im Mittelalter, ist der Niger durch seine Verkehrsfunktion die Lebensader Malis. Wenn Städte wie Djenné, Timbuktu und Gao im Mittelalter und Spätmittelalter zu bedeutenden Kultur- und Handelszentren mächtiger westafrikanischer Staaten erblühten, dann vor allem aufgrund des pulsierenden Verkehrs auf dem Strom. In den kunstvoll gezimmerten, schlanken Niger-Pirogen wurden Gold und Elfenbein nach Norden transportiert und für den Transsahara-Handel umgeschlagen, während in der Gegenrichtung Salz aus der Sahara, Spezereien und verschiedene Handelswaren aus Nordafrika bzw. Europa ihren Weg nach Süden nahmen.

(47)
Julien (wie Anm. 23) S. 35. - Er führte ein Heer von mehr als 500 Rittern und zahlreichen Sklaven mit sich, eine Herde von Kamelen und Ochsen und vierzig mit Gold beladene Maultiere. Der arabische Historiker Mahmud Kati berichtet, daß die Karawane von Gao am Niger über Agades und Bilma durch die Landschaft Borku südlich des Tibestigebirges, am Ennedigebirge entlang nach Omdurman am Nil zog. Heute liegt diese ganze Strecke in der Wüste und ist für Reiter nicht mehr benutzbar. Auch wäre es jetzt unmöglich, auf diesem Weg Maultiere und Ochsen die am Ende jeder Teilstrecke getränkt werden müssen, als Lasttiere mitzuführen. Es gibt dort weder Wasser noch Weide. Die Wüste ist in dem seit damals verstrichenen Zeitraum um mindestens 500 km nach Süden vorgestoßen.

(48)
Noch zwölf Jahre später berichtet EI Omari, daß das Gold nicht wieder auf seinen alten Kurs gestiegen sei und daß die Bevölkerung immer noch vom Ruhm Mansa Mussas sang. Der Ruf Malis verbreitete sich durch Kankan Mussas Pilgerfahrt weiterhin, und zahlreiche ägyptische Händler kamen in den folgenden Jahren in den westlichen Sudan. Auch auf europäischen Landkarten des 14. Jahrhunderts erschien der Name Mali - so fünf Jahre nach dem Tode Kankan Mussas, 1337 in der Mappa mundi des Angelino Dulcert von Mallorca -, und auf dem katalanischen Atlas Karls V. von Frankreich (1375). Dort ist ein auf einem Thron sitzender Fürst abgebildet, der ein Zepter und einen Goldklumpen in den Händen hält, mit der Beischrift: "Dieser Negerfürst wird.genannt Mussa Mali, Herr der Neger von Guinea".

(48a)
Julien (wie Anm. 23) S. 36. - Labouret (wie Anm. 44) S. 24. - Es wird angenommen, daß sich die Wüstenregion der Sahara fast jährlich um etwa einen Kilometer nach Süden ausbreitet. Daraus erklärt sich auch, daß z. B. Timbuktu, eine Stadt, die einst unmittelbar am Nigerbogen gelegen und von einer paradiesischen Gartenlandschaft umgeben, heute (zumal auch der Niger seinen Lauf geändert hat), in einer trostlosen Wüstenregion liegt. "Nichts als ein Haufen schlechtgebauter Lehmhütten; nach allen Richtungen hin eine endlose Fläche Flugsand . . . Eine unaussprechliche Traurigkeit in der Natur, Totenstille, keine einzige Vogelstimme . . ." notierte René Caillié (1799-1838), der als Beduine verkleidet unerkannt 1828 die geheimnisumwobene Stätte aufsuchte. ("Journal d'un voyage à Tomboctou et à Jenné")

(49)
Julien (wie Anm. 23) S. 38. - Labouret (wie Anm. 44) S. 25. - Das Malireich, das etwa den Umfang von Westeuropa erlangt hatte, dehnte sich vom Atlantik bis an die großen saharischen Salzlager im Norden hin und über Timbuktu nach Osten, am Ufer des Niger entlang bis nach Gao, das etwa 400 km südöstlich von Timbuktu liegt und damals Hauptstadt der Sonrrhai, eines "Fischervolkes am großen Strom", war. "In jeder Stadt und Oase regierten die Statthalter des Sultans, die das Rechtswesen pflegten, Steuern einzogen und zugleich auch mit bewaffneten Reiterscharen die Sicherheit der Straßen garantierten," schrieb Ibn Battuta (1304-1377), der 1352 bis Timbuktu gekommen war.

(50)
Julien (wie Anm. 23) S. 40. - "In Timbuktu", schrieb Leo Africanus, der Anfang des 16. Jahrhunderts den Sudan bereist hat, "gibt es viele Richter, Ärzte und Theologen, und gelehrte Bücher sind so begehrt, daß man mit dem Buchhandel dort einen größeren Reichtum anhäufen kann als mit dem Verkauf jeder anderen Ware . . . Der Reichtum eines Mannes wird nämlich nach der Zahl seiner Bücher eingeschätzt." Und der deutsche Afrikaforscher H. Barth (1821-65) berichtet von einem Thronanwärter im 16. Jh. (Mahmud Bankori), der "zu Gunsten eines ungestörten Studiums mit Hilfe der in Timbuktu angehäuften Bücherschätze auf Ruhm und Thron verzichtete."

(51)
Julien (wie Anm. 23) S. 41.

(52)
ed. De Slane 1, 297; Cairoer Ausgabe Bd. VI, 202' übersetzt in De Slane: Histoire des Berbères Il, 115; Ralfs Beiträge zur Geschichte und Geographie des Sudan, ZDMG. IX. 1855, S. 562, Anm. 19.

(53)
C.H. Becker: Ältester geschichtlicher Beleg für die afrikanische Schlafkrankheit. Der Islam 1. (1910) S. 197.

(54)
Die Staaten der Neger haben keine geschriebene Geschichte Es bestand aber, wie Frobenius berichtet, bis jüngst eine außerordentlich genaue Genealogie der Herrscher im Gedächtnis der Menschen. Daraus kann man die Gründung dieser Reiche im Mittelalter und auch den Erwerb bzw. Verlust einzelner Provinzen erkennen.

(55)
L. Frobenius: Dichten und Denken im Sudan. Jena 1925, S. 258-259.

(56)
Frobenius: Dichten und Denken im Sudan (wie Anm. 55) S. 265. - Auch Julien berichtet über eine ähnliche Belagerungsseuche: "Das Fürstentum Gao, welches zunächst ein Vasallenstaat des Großreiches Ghana und danach des Großreiches Mali war, wurde unter dem Sonrrhai-Fürsten Ali-Ber, der von 1465-1492 regierte, und auch ‚Ali der Große‘ genannt wird, zu einer westsudanesischen Großmacht: dem Königreich Sonrrhai oder Song(h)ai. Nachdem Ali-Ber die Länder am Mittellauf des Niger erobert und die Tuareg aus Timbuktu vertrieben hatte, gelang es ihm, die große Stadt Djenne, wie die Überlieferung berichtet, erst nach einer Belagerung von sieben Jahren und sieben Tagen einzunehmen, wobei ihm eine seuchenschwangere Wolke zu Hilfe kam, die sich über der Stadt niederließ und viele der Eingeschlossenen in einen tödlichen Schlaf versenkte." Julien (wie Anm. 23) S. 63.

(57)
Der Ursprung der Fulbe ist ungewiß. Vielleicht sind sie Abkömmlinge der vorgeschichtlichen Rinderzüchter, die vor etwa 8000 Jahren im Saharagebiet von Tassili, westlich von Ägypten, südlich von Benghasi, nicht nur zahllose Rinderzeichnungen auf den Felswänden hinterlassen hatten, sondern auch Malereien von Frauen, die mit ihrem nichtnegroiden Profil samt Kopfputz an die heutigen Fulbefrauen erinnern.

(58)
Das war der erste Schlag gegen das Gewürzmonopol Venedigs. Bis dahin brachten lange Reihen hintereinander trottender Kamele Kupfer und Salz aus dem Norden nach Timbuktu und holten von dort im Austausch Gold und Malagettapfeffer.

(59)
L. Frobenius: Kulturgeschichte Afrikas. Berlin/Darmstadt/Wien 1954, S. 13. - Die eigentliche Intensivierung des Sklavenhandels konnte aber erst erfolgen, nachdem es den europäischen Kolonialmächten gelungen war, einigt Fürsten von den an der südafrikanischen Küste liegenden Negerstaaten zur Kollaboration zu verleiten, indem sie bei ihnen zunächst das brennende Interesse an bestimmten prestigefördernden Waren, wie z. B. Musketen, kleineren Kanonen, Schießpulver etc. weckten, wofür diese dann bereit waren, den Teufelspakt mit den Europäern zu schließen.

(60)
Th. F. Buxton: The African Slave Trade and its Remedy. London 1845. Zitiert bei W. Sombart: Der moderne Kapitalismus. 6. Aufl. München/Leipzig 1924, Bd. 1, S. 702. - "Von den 400.000 Objekten des christlichen Sklavenhandels gingen 280.000 während des Transportes und des ersten Jahres der Sklaverei zugrunde, so daß nur 120.000 Sklaven schließlich zur Verfügung blieben." Zu den Opfern der Überfahrt gehörten zweifellos auch zahlreiche Schlafkranke.

(61)
Marquet u. Ganslmayr (wie Anm. 36) S. 378.

(62)
v. Oefele (wie Anm. 10) S. 63.
P. Manteufel und M. Taute "Trypanosen des Menschen" in Kolle, Kraus. Uhlenhut (wie Anm. 5) S. 1139.
Der englische Arzt Winterbottom beobachtete dann die gleiche Krankheit um 1800 ebenfalls an der afrikanischen Westküste und gab in einer 1803 erschienenen Arbeit eine unzweideutige Schilderung des Krankheitsbildes, in der er schon auf das "charakteristische Vorkommen von vergrößerten Nackendrüsen" hinweist und hinzufügt, daß dieses frühe Krankheitszeichen schon lange den arabischen Sklavenhändlern wohlbekannt war und sie vom Ankauf solcher Negersklaven abhielt.
Manteufel u. Taute (wie oben) S. 1139 u. 1140.

(63)
E. Martini: Wege der Seuchen. Stuttgart 1955, S. 101.
Auch die neueren epidemiologischen Erfahrungen lassen erkennen, daß in den unruhigen, von Bürgerkriegen zerrütteten westafrikanischen Staaten (Nigerien, Kongo, Angola) die Tsetsefliegen in immer neue Gebiete vordringen und dabei immer mehr Menschen und Haustiere infizieren konnten.

(64)
G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Einleitung. Geographische Grundlagen der Weltgeschichte (Afrika). Frankfurt/ Main 1970, S. 129.


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Erstmalig gedruckt erschienen in "Hamburger Ärzteblatt" Heft 42 Seite 312-323 .....
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