ST. WINKLE

YeIlow Jack


"Zum zweiten Mal durchkreuzte eine Seuche meine Pläne", sagte Napoleon und meinte damit das Gelbfieber, das er "im Gegensatz zur Pest nur vom Hörensagen her kannte."(1) Hatte er doch 1802 General Leclerc, den Gatten seiner Schwester Pauline, mit 25000 Mann nach Santo Domingo (Haiti) gesandt, "um den Aufstand der Negersklaven (unter Toussaint l'Ouvertur auf der ,Zuckerinsel', die seit mehr als 100 Jahren zu Frankreich gehörte) niederzuschlagen." Nach glänzenden Anfangserfolgen wurde jedoch das Invasionsheer von einer vernichtenden Epidemie getroffen.

Zu den 22 000 Opfern dieser Gelbfieberepidemie gehörte auch Bonapartes Schwager Leclerc.(2)"Von den großen Losungen unserer Revolution" scherzten die betroffenen Sansculotten mit grimmigem Humor, "scheint sich nun wenigstens eine zu erfüllen: die Égalité. Bald werden wir alle die gleiche gelbe Uniform tragen."(3)

Da auch die auf Martinique und Guadeloupe gelandeten französischen Einheiten von der Seuche fast aufgerieben wurden, konnte das Häuflein Überlebender auch von dort keine Hilfe mehr erwarten und mußte Haiti endgültig aufgeben. Das Gelbfieber hatte hier entscheidend in den Gang der Geschichte eingegriffen. Beabsichtigte doch Napoleon die Insel als Sprungbrett für weitere Eroberungskriege in Amerika zu benutzen, wobei dem im Golf von Mexiko gelegenen Louisiana, das einst mit Kanada zusammen "Neufrankreich" bildete, eine besondere strategische Bedeutung zukommen sollte. Durch das Scheitern der Intervention auf Haiti entglitt ihm jedoch der entscheidendste Stützpunkt. Kurz entschlossen verkaufte er den Vereinigten Staaten, deren Gunst er im Kampf gegen England dringend benötigte, für 15 Millionen Dollar den Rest des französischen Kolonialreiches: Louisiana. Damit schied Frankreich 1803 endgültig als Kolonialmacht auf dem amerikanischen Kontinent aus. (4)

Das Gelbfieber, "das die englischen Seeleute ,Yellow Jack' nannten und mehr als den Gott-sei-bei-uns fürchteten", hatte weitgehend auch Alexander von Humboldts denkwürdigen Aufenthalt in Südamerika und Mexiko (1799-1804) "bedingt und beeinflußt". Bereits 1799 während seiner von La Coruña nach Havanna beabsichtigten Überfahrt mit der spanischen Fregatte "Pizarro" kam es im Zwischendeck zu einigen Gelbfieberfällen, weshalb die Passagiere aus Angst vor einer "epidemischen Ausbreitung . . . beschlossen, das Fahrzeug am nächsten Landungsplatz (d. h. in Cumana an der Küste von Venezuela) zu verlassen und die Ankunft eines anderen Postschiffes zu erwarten ... Statt einige Wochen verweilten wir ein ganzes Jahr in Terra Firma (d. h. am südamerikanischen Festland). Ohne die Seuche an Bord des Pizarro wären wir nie an den Orinoco, an den Cassiquiare und an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am Rio Negro gekommen." (5) So hatte Humboldt ausreichend Muße und Gelegenheit, das Gelbfieber zu studieren. Ganz richtig zweifelte er schon damals sowohl die rein miasmatische als auch die kontagionistische Übertragungsart des Gelbfiebers an: "Je mehr ich über diesen Gegenstand nachdenke", schrieb er, "desto räthselhafter erscheint mir alles, was auf die gasförmigen Effluvien (Ausdünstungen) Bezug hat, die man auf so unbestimmte Weise ,Ansteckungskeime' nennt, von denen man sagt, daß sie sich in verdorbener Luft entwickeln, durch die Kälte zerstört werden, sich durch Kleider verschleppen und an den Häuserwänden haften sollen."

Gegen die "mechanische Verschleppung eines Contagions" schien zu sprechen, daß "Kranke, welche weiter ins Land hinein, namentlich an kühlere, höhere Orte geschafft werden . . . die Bewohner dieser Orte nicht anstecken . . . Nimmt die Temperatur bedeutend ab, so hört die Seuche am Orte, wo sie ausgebrochen, gewöhnlich auf. Mit Eintritt der heißen Jahreszeit fängt sie wieder an, obgleich seit mehreren Monaten im Hafen kein Kranker gewesen und kein Schiff eingelaufen ist." Er hatte erkannt, daß sich weder mit der miasmatischen noch mit der kontagionistischen Theorie die geoepidemio-logische Begrenzung des Gelbfiebers erklären läßt: "Wie das schwarze Erbrechen am Abhange der mexikanischen Gebirge auf dem Wege nach Xalapa beim Encaro (in 928 m Meereshöhe), wo mit den Eichen ein kühles, köstliches Klima beginnt, eine unübersteigbare Grenze findet, so geht das gelbe Fieber nicht leicht über den Bergkamm zwischen Guayra und dem Thale von Caracas hinüber." Diese Erscheinung wie auch die Tatsache, daß "die Nordwinde, welche kalte Luft von Canada her in den mexikanischen Meerbusen führen, periodisch dem gelben Fieber und schwarzen Erbrechen in Havanna und in Veracruz ein Ende machen"(6) ließen sich eher mit der Biologie eines Oberträgers, der kühles Klima nicht verträgt, in Einklang bringen. Besondere Bedeutung hat Humboldt dabei den Stechmücken beigemessen: "Fast durch tägliche Erfahrungen bestätigt sich der Umstand, daß am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, überall, wo die Luft sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur Aufnahme der Miasmen steigert." (7) In seiner Beschreibung einer südamerikanischen Culexart kann man leicht den sog. "Culex fasciatus" mit den "gestreiften Beinen" (fasciatus = gestreift) erkennen: "Bruststück und Füße sind blau, geringelt, mit metallisch glänzenden Flecken und daher schillernd. Man wird fast immer nur von Weibchen gestochen." (8)

Humboldts Beobachtungen und Vermutungen blieben unbeachtet und gerieten bald völlig in Vergessenheit. Man hatte nicht erkannt, daß sie auch die Voraussetzung für die Verwirklichung des "alten Conquistadorentraumes"(9) in sich bargen, den ebenfalls Humboldt wieder aufgegriffen und mit Emphase vertreten hatte: "die Durchstechung der fieberschwangeren Landenge von Panama." Wie sehr er seine Zeitgenossen mit diesem "Kanalprojekt" zu begeistern verstand, geht auch aus jenem "visionären Gespräch" (Ortega y Gasset) hervor, das Goethe am 21. Februar 1827 mit Eckermann "voller Bewunderung über Humboldt" geführt hatte:

"Gelänge ein Durchstich der Art, daß man mit Schiffen von jeder Größe durch solchen Kanal aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean fahren könnte, so würden daraus für die ganze Menschheit unberechenbare Resultate hervorgehen. Wundern sollte es mich aber, wenn die Vereinigten Staaten es sich entgehen ließen, ein solches Werk in ihre Hände zu bekommen. Es ist vorauszusehen, daß dieser jugendliche Staat bei seiner entscheidenden Tendenz nach Westen in dreißig bis vierzig Jahren auch die großen Landstrecken jenseits der Felsengebirge in Besitz genommen und bevölkert haben wird. Es ist ferner vorauszusehen, daß an dieser ganzen Küste des Stillen Ozeans, wo die Natur bereits die geräumigsten und sichersten Häfen gebildet hat, nach und nach sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden zur Vermittlung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten. In solchem Falle wäre es aber nicht bloß wünschenswert, sondern fast notwendig, daß sowohl Handels- als Kriegsschiffe zwischen der nordamerikani-schen westlichen und östlichen Küste eine raschere Verbindung unterhielten, als es bisher durch die langweilige, widerwärtige und kostspielige Fahrt um das Cap-Horn möglich gewesen."

Bereits 1829 ließ Simon Bolivar auf Humboldts Anregung hin Vermessungen auf der Landenge von Panama vornehmen. Dabei starben zahlreiche Ingenieure und Arbeiter, insgesamt "mehr als die Hälfte des Vermessungstrupps, an Fiebre amarilla und vomito prieto", (beides spanische Bezeichnungen für Gelbfieber), worüber auch in Cottas "Allgemeiner Zeitung", die man in Weimar "regelmäßig gelesen" hat, wiederholt berichtet wurde. In einem dieser Berichte hieß es: "Aus dem traurigen Schicksal der (Vermessungs-) Ingenieure und ihrer ,Landabstecker' in dem Sumpfgebiet, das sich am Culebragebirge hinzieht, kann geschlossen werden, welche Menschenopfer erst der Bau eines Kanals durch diesen faulen Pfuhl, der alles verpestet, fordern wird!" (10 )

Unter dem Eindruck dieser Berichte hat Goethe im Schlußakt des "Faust", den er erst im April 1831 beendete, nicht nur das Kanalprojekt zur letzten Erfüllung der faustischen Sehnsucht werden lassen, sondern auch jene Schwierigkeiten, die sich aus der Realisierung dieses Planes ergeben mußten, vorausgesagt:

Tags umsonst die Knechte lärmten,
Hack' und Schaufel, Schlag um Schlag,
Wo die Flämmchen nächtig schwärmten,
Stand ein Damm den andern Tag.
Menschenopfer mußten bluten,
Nachts erscholl des Jammers Qual
Meerab flossen Feuergluten,
Morgens war es ein Kanal
(Faust II. 11123-11130)

Abb.1
Aëdes aegypti (Stegomyia fasciata)
Überträger des Gelbfiebers
(nach einer kolorierten Zeichnung von Geheimrat Prof. R. O. Neumann 1904)

Im greisen Faust, einem vor "Sorge" erblindeten, kühnen Ingenieur, um den herum bereits "die schlotternden Lemuren sein Grab schaufeln", während er aus dem Spatengeklirr noch auf die Verlängerung des Kanals zu schließen glaubt, scheint in unheimlicher Weise (vor dem Hintergrund einer "fieberschwangeren" Sumpflandschaft) das tragische Unterfangen des greisen Lesseps vorgezeichnet zu sein:

FAUST:

Aufseher!


MEPHISTOPHELES:

Hier!
FAUST:
Wie es auch möglich sei,
Arbeiter schaffe Meng' auf Menge,
Ermuntere durch Genuß und Strenge,Bezahle, locke, presse bei!
Mit jedem Tag will ich Nachricht  haben,
Wie sich verlängt der unternommene Graben.
MEPHISTOPHELES:
Man spricht, wie man mir Nachricht  gab,
(halblaut): Von keinem Graben, doch vom Grab.
FAUST:
Ein Sumpf zieht am Gebirge hin,
Verpestet alles schon Errungene;
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,
Das Letzte wär' das  Höchsterrungene.....
Zum Augenblicke dürft' ich  sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
(Faust, II. Teil, V. Akt 11552-11582)

Abb.2
Kopf eines Gelbfieber-Patienten
(nach einer kolorierten Zeichnung von Geheimrat Prof. R. O. Neumann 1904)

Schon zehn Jahre nach der Eröffnung des Suezkanals und nur acht Jahre nach dem Frieden von Versailles entschloß man sich in Paris zur Gründung der "Compagnie universelle du Canal interocéanique de Panama", unter dem Vorsitz von Ferdinand Lesseps. Man tat es, obwohl man sich noch lebhaft an die schweren Verluste erinnerte, die das Gelbfieber unter den französischen Landstreitkräften (des Marschall Bazain) und den Seeleuten auf den Kriegs schiffen "Masséna" und "Normandie" während der Intervention in Mexiko (1862-67) verursacht hatte, in deren Verlauf "Napoleons Schachfigur" (der unglückliche Maximilian) zum Kaiser von Mexiko proklamiert (1864) und später füsiliert (1867) worden war. (11) Als der 76jährige Lesseps 1881 zum erstenmal die Landenge von Panama betrat, warnte ihn ein alteingesessener Franzose: "Wenn Sie wirklich den Kanal bauen wollen, dann wird es hier nicht genügend Bäume geben, um Grabkreuze für Ihre Arbeiter daraus zu schnitzen." Man erinnerte ihn auch an das Schicksal der chinesischen Einwanderer, die man 1853-55 zum Bau der 80 Kilometer langen Eisenbahnlinie über den Isthmus vor allem deshalb einsetzte, weil man glaubte, sie seien gegen Gelbfieber immun, und von denen dann so viele dem heimtückischen Fieber zum Opfer fielen, daß es später hieß, "unter jeder Schwelle der Panamabahn sei ein Kuli begraben".

Abb. 3
Friedhof von Colon mit 56000 Arbeitern,
die beim Bau des Panamakanals an Malaria und Gelbfieber starben
(zeitgenössische Darstellung)

Doch der Erbauer des Suezkanals ließ sich nicht abschrecken. Noch im gleichen Jahre wurde mit den Arbeiten begonnen. Schon 1888 sollte der schleusenlose Spiegelkanal fertiggestellt sein. Er mußte durch Urwälder, Sümpfe und die Gebirgskette der Kordilleren vorangetrieben werden. Da man aber von der Mückenübertragung nichts wußte oder auch nichts wissen wollte, halfen die "auf Sauberkeit gerichteten Vorsichtsmaßnahmen" nichts; täglich starben 20 bis 40 Arbeiter. An den Stellen des entstehenden Kanals wuchs ein endloser Friedhof. Lesseps schien mit Blindheit geschlagen.

Im Laufe von sieben Jahren starben über 50000 Menschen, darunter etwa 20000 Europäer an Fieber. (12) Die meisten Opfer waren Neger. Man hatte die Kosten auf 843 Millionen Francs veranschlagt, doch schon 1888 waren 1400 Millionen ausgegeben und dabei noch kaum ein Drittel der Arbeiten vollendet. Im darauffolgenden Jahr mußte die Gesellschaft unter der ungeheuren Schuldenlast den Bankrott erklären. Man hatte anderthalb Milliarden Nationalvermögen verschleudert und Hunderttausende von Kleinsparern ruiniert. Die innenpolitische Folge dieses Bankrotts war der Panamaskandal, der die Bestechung von über 500 Parlamentariern aufdeckte und den greisen Lesseps samt dem berühmten Ingenieur Eiffel ins Gefängnis brachte.

Abb.4
Die Verantwortlichen des Panamakanals´
(zeitgenössische Darstellung)
(von links): Lesseps, Eiffel, Cottu, Fontane.

Bei jenem Mann, dessen seuchenprophylaktische Ratschläge die Herren von der Panamagesellschaft "mit höhnischem Lächeln abtaten" und ihn obendrein für einen "perseverierenden Irren" bezeichneten, handelte es sich um keinen anderen als den kubanischen Augenarzt Carlos Finlay. Als Sohn einer Französin hatte er seine Jugend in Frankreich verbracht und verfolgte die Bemühungen der Franzosen um den Kanalbau mit warmer Anteilnahme. Er war 1881, zur gleichen Zeit, als Lesseps den Bau des Panamakanals in Angriff nahm, auf Grund langjähriger epidemiologischer Beobachtungen und Studien zur Überzeugung gelangt, daß sich die geographische Verbreitung des Gelbfiebers weitgehend mit dem Vorkommen einer Stechmückenart deckt: der sog. "Stegomya fasciata" (gestreift), auch "Culex fasciatus" oder "Aëdes aegypti" genannt. Hieraus zog er den logischen Schluß, daß die Übertragung des Gelbfiebers durch den Stich der Aëdesmücke von kranken auf gesunde Menschen erfolge, und man deshalb vor allem die Mücken und ihre Brut bekämpfen und vernichten müsse. Seine "Moskitotheorie", die er am 14. August 1881 vor der Akademie der Wissenschaften in Havanna vortrug und auch noch im gleichen Jahr veröffentlichte (13), erregte zunächst nur Spott und Gelächter. "Die Mücken", entgegnete man ihm ironisch, "haben mit dem Gelbfieber ebensoviel zu tun wie die Frösche mit dem Wetter." 1886 berichtete Finlay im ,American Journal of Medical Sciences" über die künstliche Infektion von sechs Personen "nach dem Stich von Stegomyen, die vorher an Gelbfieberkranken gesaugt hatten". Auch diese Veröffentlichung blieb in der "Sturm- und Drangzeit der Bakteriologie" unbeachtet.(14) Weitere 14 Jahre vergingen und viele Tausende starben an Gelbfieber, ehe es Finlay gelang, die Welt von der Richtigkeit seiner Theorie zu überzeugen.

Abb. 5
Der Culebra-Durchstich beim Bau des Panamakanals
(zeitgenössischer Holzschnitt)

Als es 1898 auf Kuba zu einem Aufstand gegen die spanische Herrschaft kam und die Vereinigten Staaten mit überlegenen Land- und Seestreitkräften zugunsten der Aufständischen eingriffen und die Insel besetzten, artete der "Blitzkrieg" (als "das große Picknick und der Mondscheinspaziergang von General Miles" verniedlicht) in eine verheerende Gelbfieberepidemie aus. Da der "Feldzug des Säuberns und Räucherns", mit dem der amerikanische Sanitätschef Gorgas das "Pestloch Havanna" sanieren wollte, nichts half, schickte die amerikanische Regierung eine Kommission unter Major Reed nach Kuba, der noch der Bakteriologe Carroll, der Entomologe Lazear und der Pathologe Agramonte angehörten. Da inzwischen der Engländer Ross in Indien nachgewiesen hatte, daß die Malaria durch Stechmücken übertragen wird, lächelten die Kommissionsmitglieder nicht mehr über Finlays Moskitotheorie, sondern entschlossen sich zu einem heroischen Selbstversuch, in dessen Verlauf Lazear einem akuten Gelbfieberanfall erlag, während Reed und Carroll die Infektion zwar überstanden, aber in den nächsten Jahren an den Folgen starben. Als durch weitere Versuche an Freiwilligen die Richtigkeit der Moskitotheorie unwiderleglich bewiesen wurde, begann Gorgas mit einer systematischen Vernichtung der Gelbfiebermücken und ihrer Brut, wobei seine Desinfektionsgruppe, die von der verärgerten Bevölkerung als "Moskitobrigaden" bezeichnet wurden, nicht einmal vor den Weihwasserbecken zurückscheuten. Im Frühjahr 1901 war Havanna, das seit Jahrhunderten als endemischer Gelbfieberherd galt und noch im Vorjahre 35000 Tote zu beklagen hatte, durch die Mückenbekämpfung endgültig gelbfieberfrei.

Was Goethe vor mehr als 70 Jahren vorausgesagt hatte, war eingetreten. Mit dem Erwerb der Philippinen, der Samoainseln und von Hawaii während dieses Krieges waren die Vereinigten Staaten gegen den Willen Englands und Japans in die "östliche Machtsphäre" eingedrungen. "Nicht nur aus wirtschaftspolitischen, sondern vor allem aus strategischen Gründen entschloß sich Theodore Roosevelt 1903 den Bau des Panamakanals wieder aufzunehmen und so schnell wie möglich zu beenden." Bereits 1904 wurde mit den Arbeiten begonnen und Gorgas als Sanitätschef in die Kanalzone beordert, wo er "den gleichen Feldzug gegen die Moskitos, wie einst in Havanna" vornehmen wollte. Der Gouverneur der Kanalzone, General Davis, der "das Gelbfieber für eine Schmutzkrankheit und die Moskitosucherei für einen Unsinn" hielt, versuchte über den Kriegsminister die Abberufung des "verrückten Moskitobrigadiers" zu erwirken. Um aus dem Dilemma herauszukommen, konsultierte Roosevelt seinen Jugendfreund, den bekannten New Yorker Arzt Dr. Alexander Lambert. Seine Antwort war für den weiteren Bau des Kanals entscheidend: "Du kannst nach der alten Methode den Schmutz und die Gerüche beseitigen und Deine Leute weiter an Malaria und Gelbfieber sterben lassen, wie zur Zeit der Franzosenherrschaft. Oder Du wirst die Moskitobrut vernichten und hast dann ein gesundes Personal, mit dem Du den Kanal bauen kannst. Wählst Du die alte Methode, so wirst Du bankrott machen wie einst die Franzosen."(15)


Anmerkungen

(1)
Dle ,schöne Kreolin' (gemeint Ist Napoleons Frau Josephine) hat als Tochter des königlichen Hafenkapitäns Joseph Taschen de la Pagerie auf ihrer Geburtsinsel (Martinique) des öfteren erlebt, wie aus Frankreich kommende Truppeneinheiten kurz nach ihrer Landung vom Gelbfieber ergriffen und dezimiert wurden." (J. Degouges, Josephine de Beauharnais, S. 18. Paris [1847].)

(2)
(Victor Bally, Du typhus d'Amérique, au fièvre Jaune. Paris 1814.1 Ahnlich war es vorher auch den Engländern ergangen, als sie sofort nach Ausbruch des Negeraufstandes (1793) - die verworrene Situation ausnutzend - die Insel an sich reißen wollten. Sie verloren allein durch Gelbfieber über 6000 Soldaten, darunter 132 Offiziere. Als sie 1798 den Invasionsversuch wiederholten, büßten sie am Gelbfieber noch mehr Menschen ein und gaben dann endgültig auf. (Alexander Moreau de Jonnes, Monographie historique et médicale de la fièvre jaune des Antilles. Paris 1820.)

(3)
Nach François Henry glaubte man daß sich Napoleon mit dieser Expedition gleichzeitig der unsicheren, republikanisch gesinnten Truppen zu entledigen versuchte. Nach und nach schickte er damals nach Haiti, Martinique und Guadeloupe 40000 Mann, "von denen nur einige Tausend die Heimat wiedergesehen haben".

(4)
Frankreich verblieben neben den Antilleninseln Guadeloupe und Martinique nur noch Cayenne an der Ostküste Südamerikas mit der davorgelagerten (als Strafkolonie) berüchtigten Teufelsinsel, die alle wegen des Gelbfiebers bis Anfang dieses Jahrhunderts im Rufe eines "mörderischen Klimas" standen.

(5)
Alexander von Humboldt: "Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents" (R. i. d. A.), Bd. I S. 195-196. Stuttgart (159).

Ähnlich war es auch mit Humboldts Aufenthalt in Mexiko. Als er nämlich am 22. März 1803 aus Südamerika kommend auf der Fregatte "Atlante" im Hafen Acapulco

eintraf, "war die Schiffahrt wegen der Gelbfieberepidemie eingestellt", weshalb er dort zurück bleiben mußte und sich bis März 1804 dem Studium des Landes widmete.

Das mehrbändige Reisewerk enthält vor allem in den Kapiteln 11 (Bd. II) und 20 (Bd. III) eine Fülle von epidemiologischen bzw. entomologischen Beobachtungen und Überlegungen, die erst 80 bis 100 Jahre später bestätigt bzw. ergänzt wurden.

(6)
R. I. d. Ä., Bd. II, S. 111-115.

(7)
R. i. d. A., Bd. III I S. 213

(8)
R. i. d. Ä., Bd. III, S. 203; das 20. Kapitel des III. Bandes, in dem Humboldt die gefährliche Erforschung des Orinoco schildert, ist fast völlig der "Mückenplage" gewidmet, der "plaga de Ios moscos", wie sie die dort stationierten Mönche nannten, die nicht müde wurden, darüber zu klagen, daß es "mehr Mücken als Luft" (mas moscas que ayre) gäbe. "Am Orinoco, dessen Ufer höchst ungesund sind", heißt es an einer Stelle, "schreiben die Kranken all ihre Leiden den Moskitos zu." (R. i. d. A., Bd. III, S. 212.)

(9)
"Wenn eine Wasserstraße nach Ostindien nicht vorhanden ist", erklärte Cortez bereits 1523, "dann muß man sie eben schaffen!"

(10)
Zitiert nach G. Witkowskl, Goethe und die Technik, S. 28-29. Leipzig (1926).

(11)
A. Laveran, Traité des maladies et épidémies des armées. Paris (1875).

(12)
Man lernte damals am Isthmus zwei Krankheitsperioden zu unterscheiden. In der nassen Jahreszeit, die vom März bis Dezember dauerte, starben die Menschen an Gelbfieber. Dann folgte die trockene Jahreszeit, in der die Menschen an perniziöser Malaria zugrunde gingen.

(13)
EI mosquito, hypoteticamente considerado como agente de transmission de la fiebre amarilla. An de la Real Academia de ciencias med . . . de la Habana, vol. 18, S. 147-69 (1881). Er hatte auch das Bilgewasser im Doppelboden der Holzschiffe als gefährliche Brutstätte de Aëdes aegypti und die eigentliche Quelle der gefürchteten Schiffsepidemien erkannt.

(14)
Oslers berühmtes Lehrbuch "Principles and Practice of Medicine", das sechs Jahre später erschien, erwähnt einige Keime, die als mutmaßliche Erreger des Gelbfiebers beschrieben wurden, schweigt sich aber über Finlay und die Moskitolehre aus.

(15)
Marie D. Gorgas und Burton J. Hendrick: William Crawford Gorgas, his life and his work. New York (1924).


Copyright by the author - Alle Rechte beim Autor
Erstmalig gedruckt erschienen in "Die Gelben Hefte" Heft 1/1972, XII. Jahrgang, Seiten 24-33
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