Zeitzeugen berichten

Vorwort
Gerhard F.Dose
Begleitbrief
Reinhold Wook
Post aus Chile
Zeitzeugen
ORG Top D

Begleitbrief
Reinhold Wook
Hamburg, den 22. Februar 1976
Lieber Gerfried,

endlich mache ich mein Versprechen wahr und sende Dir die Fotokopie des Originals und der
Maschinenabschrift des Briefes meiner Großmutter Clara Odendahl, geb. Dieck aus Chile vom Jahre
1883. Er ist an ihre 5 Geschwister in Deutschland gerichtet.

Der jüngere Bruder Leopold Dieck hat den Brief 80 Jahre lang aufbewahrt. Ich habe ich oft in Lübeck
besucht, wo er mit 98 Jahren 1967 starb. Vor seinem Tode schenkte er mir den Brief.

Er war es wert aufbewahrt zu werden, denn er zeugt von einer Reife, die bei einem 19-jährigen
Mädchen wahrhaft erstaunlich ist, besonders da sie mit ihrem 16. Lebensjahr Vollwaise war.

Die Familie Cansino aus dem Brief war wohl die reichste Familie Chiles. Vor der Revolution in Chile
ist die ganze Familie mit ihrem Millionen nach Paris ausgewandert. Der mit so viel Phantasie
beschriebene Park ist jetzt Nationaleigentum und in Chile sehr bekannt. Das haben mir verschiedene
Patienten aus Chile jetzt berichtet.

Die Erkrankung meiner Großmutter ist so großartig geschildert, dass man daraus die Diagnose
stellen kann: Große Blutung aus einem Geschwür am Magenausgang. Es hätte sie das Leben kosten
können.

Die im Brief erwähnte Frau Hauschild war die Haushälterin von (ihrem) Großvater Ed, der seit 1869
Witwer war. Sie hat dafür gesorgt, dass die 6 Dieck'schen Waisenkinder möglichst rasch aus dem
Hause in die Fremde geschickt wurden.

Offenbar hatte sich meine Großmutter als Dickkopf erwiesen, wie man aus den Selbstvorwürfen
entnehmen muß. Vielleicht war es nur die Trotzreaktion eines jungen Menschen gegen kränkende
Behandlung. Denn meine Großmutter war ihr Leben lang ein äußerst gerecht denkender Mensch und
die Wahrhaftigkeit in Person genau wie ihre Lieblingsschwester Alwine Jonas, geb. Dieck. Diese
Wahrhaftigkeit war wohl ein Erbteil ihrer Eltern, unseren gemeinsamen Urgroßeltern Dr. med. Gottlieb
Dieck (1833 – 1875) und Amalie Dieck, geb. Ed (1843 – 1879). Ihre Brief an meine Großmutter (1863 –
1927) , ihre älteste Tochter, waren ein Muster elterlicher Liebe und feinen Gefühls. Leider sind diese
Briefe beim Luftangriff auf Hamburg verbrannt.

Da ich 1915 geboren bin, habe ich alle Geschwister Dieck in ihrem Alter noch gut gekannt, nur Tante
Pauline von Lilien (1870 – 1911) nicht. Sie heiratete als Witwe Herrn Buck und ging mit ihm nach Haiti,
wo sie 1911 an der Malaria starb.

Nach dem Tode meiner Großmutter 1927 wurde Tante Alwine Jonas geb. Dieck (1864 – 1944) für
mich dasselbe wie eine Großmutter. Von 1924 – 1940 war ich jedes Jahr viele Wochen in der
Feuergräfenstraße 7 (in Mölln). Mit Augen und Ohren habe ich ihren Erzählungen von früheren Tagen
gelauscht. So bin ich zum wandelnden Familienlexikon geworden.

Natürlich besuchte ich auch in der Villa Fernsicht Deine Großmutter, die "Ahnfrau", wie Deine Mutter
sie immer nannte. Sogar Deinen Großvater Friedrich Stahl habe ich noch gesehen und ganz flüchtig
auch einmal Deinen Vater.

Während Leopold Dieck (1869 – 1967) mit seinen Essigfabriken sehr erfolgreich war, war’s der ältere
Bruder Otto (1867 – 1934) nicht. Er wurde als junger Marineoffizier wegen einer schweren
Nierenoperation von der Kriegsmarine zur Handelsmarine übergeben. Zweimal war er unglücklich
verheiratet und starb 1934 an Darmkrebs.

Die im Brief erwähnte Auguste Schwarmstedt geb. Ed war die ältere Schwester von unserer
Urgroßmutter Amalie Dieck und von Emma Papke geb. Ed und von Ida Boy-Ed geb. Ed.

Wie würde sich die Briefschreiberin freuen, dass ihr Brief nach fast 100 Jahren noch mit so lebhaften
Interesse gelesen wird!

Dir und Deiner Familie recht herzliche Grüße von Deinem Vetter Reinhold Wook. 


Von Links: Pauline von Lilien (1870 – 1911), Emma Josepha Stahl (1865 – 1946), Otto Dieck (1867 – 1934),
Alwine Jonas (1864 – 1944), Clara Odendahl (1863 – 1927), Leopold Dieck (1869 – 1967)
(Foto von 1882)

Die erste Seite des Briefes von Clara an die Geschwister


Vorwort
Gerhard F.Dose
Begleitbrief
Reinhold Wook
Post aus Chile
Zeitzeugen
ORG Top D