| Vorwort
Gerhard F.Dose |
Begleitbrief
Reinhold Wook |
Post aus Chile |
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endlich mache ich mein Versprechen wahr und sende Dir die Fotokopie
des Originals und der
Maschinenabschrift des Briefes meiner Großmutter Clara Odendahl,
geb. Dieck aus Chile vom Jahre
1883. Er ist an ihre 5 Geschwister in Deutschland gerichtet.
Der jüngere Bruder Leopold Dieck hat den Brief 80 Jahre lang aufbewahrt.
Ich habe ich oft in Lübeck
besucht, wo er mit 98 Jahren 1967 starb. Vor seinem Tode schenkte er
mir den Brief.
Er war es wert aufbewahrt zu werden, denn er zeugt von einer Reife,
die bei einem 19-jährigen
Mädchen wahrhaft erstaunlich ist, besonders da sie mit ihrem 16.
Lebensjahr Vollwaise war.
Die Familie Cansino aus dem Brief war wohl die reichste Familie Chiles.
Vor der Revolution in Chile
ist die ganze Familie mit ihrem Millionen nach Paris ausgewandert.
Der mit so viel Phantasie
beschriebene Park ist jetzt Nationaleigentum und in Chile sehr bekannt.
Das haben mir verschiedene
Patienten aus Chile jetzt berichtet.
Die Erkrankung meiner Großmutter ist so großartig geschildert,
dass man daraus die Diagnose
stellen kann: Große Blutung aus einem Geschwür am Magenausgang.
Es hätte sie das Leben kosten
können.
Die im Brief erwähnte Frau Hauschild war die Haushälterin
von (ihrem) Großvater Ed, der seit 1869
Witwer war. Sie hat dafür gesorgt, dass die 6 Dieck'schen Waisenkinder
möglichst rasch aus dem
Hause in die Fremde geschickt wurden.
Offenbar hatte sich meine Großmutter als Dickkopf erwiesen, wie
man aus den Selbstvorwürfen
entnehmen muß. Vielleicht war es nur die Trotzreaktion eines
jungen Menschen gegen kränkende
Behandlung. Denn meine Großmutter war ihr Leben lang ein äußerst
gerecht denkender Mensch und
die Wahrhaftigkeit in Person genau wie ihre Lieblingsschwester Alwine
Jonas, geb. Dieck. Diese
Wahrhaftigkeit war wohl ein Erbteil ihrer Eltern, unseren gemeinsamen
Urgroßeltern Dr. med. Gottlieb
Dieck (1833 1875) und Amalie Dieck, geb. Ed (1843 1879). Ihre Brief
an meine Großmutter (1863
1927) , ihre älteste Tochter, waren ein Muster elterlicher Liebe
und feinen Gefühls. Leider sind diese
Briefe beim Luftangriff auf Hamburg verbrannt.
Da ich 1915 geboren bin, habe ich alle Geschwister Dieck in ihrem Alter
noch gut gekannt, nur Tante
Pauline von Lilien (1870 1911) nicht. Sie heiratete als Witwe Herrn
Buck und ging mit ihm nach Haiti,
wo sie 1911 an der Malaria starb.
Nach dem Tode meiner Großmutter 1927 wurde Tante Alwine Jonas
geb. Dieck (1864 1944) für
mich dasselbe wie eine Großmutter. Von 1924 1940 war ich jedes
Jahr viele Wochen in der
Feuergräfenstraße 7 (in Mölln). Mit Augen und Ohren
habe ich ihren Erzählungen von früheren Tagen
gelauscht. So bin ich zum wandelnden Familienlexikon geworden.
Natürlich besuchte ich auch in der Villa Fernsicht Deine Großmutter,
die "Ahnfrau", wie Deine Mutter
sie immer nannte. Sogar Deinen Großvater Friedrich Stahl habe
ich noch gesehen und ganz flüchtig
auch einmal Deinen Vater.
Während Leopold Dieck (1869 1967) mit seinen Essigfabriken sehr
erfolgreich war, wars der ältere
Bruder Otto (1867 1934) nicht. Er wurde als junger Marineoffizier
wegen einer schweren
Nierenoperation von der Kriegsmarine zur Handelsmarine übergeben.
Zweimal war er unglücklich
verheiratet und starb 1934 an Darmkrebs.
Die im Brief erwähnte Auguste Schwarmstedt geb. Ed war die ältere
Schwester von unserer
Urgroßmutter Amalie Dieck und von Emma Papke geb. Ed und von
Ida Boy-Ed geb. Ed.
Wie würde sich die Briefschreiberin freuen, dass ihr Brief nach
fast 100 Jahren noch mit so lebhaften
Interesse gelesen wird!
Dir und Deiner Familie recht herzliche Grüße von Deinem Vetter Reinhold Wook.
Von Links: Pauline von Lilien (1870 1911), Emma Josepha Stahl (1865
1946), Otto Dieck (1867 1934),
Alwine Jonas (1864 1944), Clara Odendahl (1863 1927), Leopold Dieck
(1869 1967)
(Foto von 1882)
Die erste Seite des Briefes von Clara an die Geschwister
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