Zeitzeugen berichten

Vorwort
Gerhard F.Dose
Begleitbrief
Reinhold Wook
Post aus Chile
Zeitzeugen
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Brief aus Chile an die Geschwister
Clara Odendal geb. Dieck
Jahr: 1883

Meine liebe, liebe Alwine, Emma und Pauline, Leo und Otto,

wie lange, lange habt Ihr wohl schon auf Nachricht von mir gewartet, und wie lange hätte ich noch warten können, wenn ich nicht durch Zufall von meinem Vorsatz, Euch erst zu schreiben, wenn es mir sehr gut ginge, abgekommen wäre. Wenn ich nicht gut schreibe, so kommt es weil ich im Bett schreibe und es mir daher recht schwer wird. Doch nun der Reihe nach erzählt, was mir das Lebengebracht hat seit den Tagen, da ich meine Heimat verließ. Von Paris kann ich nicht viel erzählen, da ich nicht viel sah, denn Herr Möller hatte viele Geschäfte zu besorgen und konnte daher nicht viel mit mir ausgehen. Doch sah ich die Boulevards, die Grande Opera, den Arc de Triomphe, die Tuilerien, den Place Vendome, den Louvre und den großen Circus Hippodrom, die Notre Dame Kirche und noch mansche Hauptplätze von Paris.-

Am 22. Oktober schifften wir uns in Bordeaux ein und noch einmal flossen reichlich Tränen, als wir den europäischen Boden verließen. Einige Stunden später wurde ich seekrank und konnte nicht aufstehen bis Lissabon. Es ist ein recht unangenehmes Gefühl, seekrank zu sein, aber ich hatte keine Angst. Vor Lissabon hatten wir heftigen Sturm. Lissabon ist eine recht hübsche Stadt und es tat mir sehr wohl, einmal wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, Möllers benahmen sich in jeder Beziehung so häßlich gegen mich, dass die anderen Passagiere sich beim Kapitän darüber beklagten und darauf drangen, dass ich mich von Ihnen trennte. Besonders ein Herr Burmeister, ein Hamburger, (sein Töchterchen ist 11 Jahre und geht in die Klosterschule, Paulinchen) nahm sich meiner sehr an, ebenso alle anderen Passagiere. Herr Burmeister gleicht sehr Herrn Meyer in seinem Benehmen. Er sorgte wie ein Vater für mich, nahm mich stets mit an Land, so dass meine Reise dadurch sehr angenehm wurde. Ich sah St. Vincent, Montevideo, Rio de Janeiro, Buenos Aires,
Bahia und noch viele kleine Städte und Orte, in denen unser Schiff Anker warf. Beim Ausgang aus der Magellanstraße hatten wir wieder heftigen Sturm, so dass zwei Matrosen über Bord geworfen wurden und ein Mast brach. Alle Städte, von denen ich schrieb, sind sehr schön, denkt Euch wie in einem Märchen: Weiße, blaue, rote und gelbe Häuser, meistens alle ohne Stockwerk der Erdbeben wegen, fast alle in die Berge gebaut und dazwischen besonders in Rio die mächtigen Palmen und Orangenbäume. Es machte einen bezaubernden Eindruck auf mich. Im Hintergrund die Cordilleren mit ihren von ewigem Schnee bedeckten Spitzen und darüber der ewig blaue Himmel Süd-Amerikas! Ach war es schön! In Bahia kauften wir für ungefähr eine Mark nach unserem Geld einen Sack mit 300 Apfelsinen, denkt Euch!

In der Magellanstraße sahen wir einen Gletscher in hellstem Mondlicht. Ich habe nie in meinem Leben etwas gesehen, was einen so erhabenen, überwältigenden Eindruck auf mich machte. Unwillkürlich dachte jeder an seine fernen Lieben und es waren wohl wenige, die nicht in diesem Augenblick Tränen und Gedanken zurücksandten in ihre deutsche Heimat. Zweimal trafen wir Dampfer ganz nah, welche nach Europa gingen. Dann ein Tücherschwenken, einige Kanonenschüsse wurden als Gruß abgefeuert und auch dabei dachte erst recht jeder an Deutschland zurück und mancher stille Gruß wurde hinüber geschickt.-

Viel, viel könnte ich noch von der Reise erzählen, aber es würde zu weit führen. Auf dem Dampfer fühlte man sich noch heimisch, man kannte sich schließlich und war so ganz auf sich angewiesen, als ob man eine große Familie und der Kapitän der Vater sei. Doch als nun der letzte Hafen kam und es hieß "morgen sind wir in Valpareiso", da schlug wohl manches Herz schneller, einer in freudiger Erwartung, denn er kam heim, und der andere in banger Angst, denn er wußte ja noch nicht, was ihm dieses Land bringen würde. So ging es auch mir, als endlich unser Schiff mit geblähten Segeln und allen Fahnen in den Hafen von Valpareiso einlief und 12 Kanonenschüsse der harrenden Menge am Ufer und den vielen, welche schon stundenlang in Booten warteten, die Ankunft des Dampfers ankündigten. nun drückte man sich die Hände und wünschte sich Glück im neuen Land und dann ging jeder seinen eigenen Weg.-

Ich hatte mich entschlossen, mit einer Familie, welche ich an Bord kennen gelernt hatte, nach Santiago zu gehen, um dort von dem Hause Dr. Strohnert aus, in welches mich Herr Burmeister empfohlen hatte, mir eine Stelle zu suchen. So war ich nur wenige Stunden in Valpareiso. Dann ging es weiter, um noch an demselben Tage abends in Santiago anzulangen. Ich ging die erste Nacht mit der Familie, mit der ich gekommen war, ins Hotel. Es war ein junges Ehepaar, ein Herr und Frau Wiese.

Am nächsten Morgen ging ich getrosten Mutes zu Grohnerts und auch zu Umlauffs, den Verwandten von Frau Hauschildt. Grohnerts nahmen mich freundlich auf und stellten mir ihr Haus zur Verfügung, so dass ich am vierten Tag nach meiner Ankunft bei ihnen einzog. Bald hatte ich eine Stelle und zwar in einem der reichsten Häuser Chiles, welche ich jedoch erst am 1. Februar antreten konnte. Freundlich wurde mir angeboten, die Hälfte der Zeit bei Grohnerts und die andere Hälfte bei Umlauffs zuzubringen, was ich, da ich keine andere Wahl hatte, auch dankend annahm. Weihnachten verlebte ich bei Grohnerts, welche vier Kinder haben, recht zufrieden. Ich hatte Fr. Dr. eine kleine Handarbeit gemacht, und sie schenkte mir ein Kleid, einen Sonnenschirm und Handschuhe. War das nicht lieb! Zwar weinte ich sehr am Weihnachtsabend, denn ich fühlte mich doch recht verlassen. Aber sie trösteten mich und meinten, es würde schon alles gut gehen. Umlauffs nahmen sich meiner auch sehr an und bemühten sich in jeder Weise, mich zu erfreuen und zu erheitern. Santiago ist eine sehr schöne Stadt mit prachtvollen Kirchen und einem sehr, sehr schönen Theater ähnlich dem Frankfurter Opernhaus. Man kleidet sich hier sehr elegant und jedermann sieht sehr auf "Staat". die Leute sind meistens klein, haben schwarze Haare und braune Augen. Es gibt nur reiche und arme. Einen Mittelstand, wie bei uns, kennt man eigentlich nicht. Die Reichen leben alle in großen einstöckigen und daher sehr ausgedehnten Häusern. Jeder Haus hat im Inneren 1,2,3 bisweilen sogar 4 Höfe, welche meistens alle mit schönen Pflanzen und Bäumen bepflanzt sind. In diese Höfe münden mit Glastüren die verschiedenen Zimmer, meistens rund und von einer Art Säulenumgang umgeben und alle Zimmer sind auf diese Art sehr hell. 2, 3 und vierstöckige Häuser kennt man hier nicht der Hitze und der Erdbeben wegen. in jedem Haus werden mindestens 3 – 4 Dienstboten gehalten, in vielen aber auch 10 – 11. Die meisten Leute besitzen eine oder mehrere Equipagen, da man hier sehr wenig geht und das Halten eines Wagens hier nicht so kostspielig ist. Ein chilenisches
junges Mädchen der besseren Stände geht nicht alleine auf die Straße. Ausländer sind natürlich Ausnahmen. Ein sehr beliebte und auch bequeme Tracht, ist das manteau. Es eigentlich nur die Tracht, um in die Kirche zu gehen, denn die Chilenen sind sehr strenge Katholiken. Aber die meisten tragen es auch, um des Morgens Besorgungen zu machen. Es besteht aus einem einfachen großen Caschmirtuch, welches leicht um Kopf und Schultern geschlagen wird. Darunter werden lange weiße Jacken mit Stickerei getragen und meistens ein schwarzer Rock. Es ist sehr bequem und man spart manches mal seinen Hut damit. Auch ich habe mir ein manteau gekauft.-

Es wir hier fast nur Spanisch gesprochen, was in der ersten Zeit recht schlimm für mich war. Nun aber spreche ich es schon fast ganz richtig, denkt Euch! Es ist aber auch ungeheuer leicht.-

Man kann in Santiago alles kaufen, was man haben will, aber es ist alles sehr, sehr teuer. Früchte aller Arten gibt es in Massen: Äpfel, Birnen Erdbeeren, Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche, Ananas, Orangen, Bananen, Weintrauben und noch viele, viele andere. Sie sind billig, aber es ist ungesund, viel davon zu essen. Das Geld ist Pesar (soviel wie Taler), 20 Cent (soviel wie 30 Pfg.) 10 Cent und 5 Cent. Es gibt hier Pferdebahnen gerade wie bei uns und einen Botanischen Garten, die Quinta Normal genannt, wunderbar schön und einen großen, großen Stadtpark, in welchem die Wettrennen abgehalten werden. Ach, ich vergaß noch: in Montevideo sah ich zum ersten Mal einen Stierkampf, aber ich mochte es nicht sehen. Die Eingeborenen hatten großen Vergnügen daran und selbst die Damen klatschten Beifall, als endlich einer tot liegen blieb.-

In Rio sahen wir den Kaiser von Brasilien in einer 8-spännigen, fast aus Gold bestehenden Kutsche. Er ist ein alter Mann mit ganz grauem Haar. So, das ist alles, was ich von Santiago weiß. Nun von mir weiter. Also wie gesagt: Umlauffs nahmen sich meiner sehr an und so fuhr ich am 29. Januar von ihren Glückwünschen begleitet, getrost und mutig nach Lota, dem Sommersitz der Familie Cansino, ab und langte auch zwei Tage später glücklich dort an. Ich sollte als Erzieherin zu zwei Mädchen von 12 und 10 Jahren und hatte eigentlich ein Gefühl, als ob ich die Stelle nicht ausfüllen könnte. Aber zum Glück waren die Kinder so dumm, dass sie nicht den Namen des Landes und des Erdteils wußten, in welchem sie ihr Leben zubrachten. Ihren Namen wußten sie nicht zu schreiben, von Lesen und Rechnen keine Ahnung und so ging es ganz vortrefflich und ich wunderte mich über mich selbst. Die Mutter – einen Vater haben sie nicht mehr – kümmerte sich nie um die Kinder, denn
sie kennt nur Gesellschaften und Vergnügen wie die meisten reichen Chilenen. Die Kinder waren also bis dahin ganz den Dienstboten überlassen. Sie betreten nur die Räume ihrer Mutter, um in Gesellschaft präsentiert zu werden, denn sie sind recht hübsch und enorm reich. Da schmeichelt dann jeder ihnen, gibt ihnen Süßigkeiten und dann werden sie wieder entlassen. So ist es mit den Kindern in den meisten reichen Häusern Chiles. Es gibt junge Mädchen, die Tausende und Abertausende besitzen und doch nicht ihren Namen schreiben können. So auch die älteste Tochter dieses Hauses, welche 18 Jahre alt ist. Sie bringen ihr Leben mit Putzen, Gesellschaften und Auf-dem-Sofa-Liegen zu, pflegen den ganzen Tag Süßigkeiten zu naschen, täglich auszufahren u.s.w.

Lota selbst ist ein großes Steinkohlenbergwerk, welches der Familie Cansino gehört. Es bringt jährlich mehr als 1 Millionen Pesos Reingewinn. Es ist eine Kolonie für sich, liegt dicht am Meer und täglich werden mehr als 2000 Arbeiter über und unter der Erde darin beschäftigt. Lota liefert Kohle für ganz Chile, für jedes Schiff, das Chile verläßt und kommt, ja sogar für die meisten Küstenländer Südamerikas. Lota selbst ist schmutzig und unreinlich wie alle kleinen Städte und Orte Chiles und ist meistens nur von den Arbeitern der Werke mit ihren Familien und den übrigen Angestellten der Werke bewohnt.. Es liegt an einer sehr weiten Bucht des großen und stillen Ozeans. Etwa eine halbe Stunde davon liegt nun das Schloß und der Park der Familie Cansino, in Chile genannt "el paradiso de Chile". Ich übersetzt es in "die Zaubergärten von Chile". Es ist hier gebirgig, denn die Cordilleren sind ja auch hier und auf einer großen weit ins Meer laufenden sehr hohen Halbinsel liegt der Schloßpark und auf dem höchsten Punkt das reizende Schloß oder wie es hier heißt Hazienda, in
morgenländischer Art mit vielen Kuppeln, Türmen und Säulen gebaut und begrüßt schon stundenlang vorher die ankommenden Schiffe. Wie soll ich Euch den Park beschreiben? Ich kann es nicht. Prachtvolle schattige Wäldchen wechseln mit prachtvollen Blumenanlagen. Ein Bogengang aus Wein und Jasmin, Orchideen und Rosen folgt dem anderen bergauf, bergab. Dann plötzlich stürzt ein Wasserfall noch herab zwischen riesigen Farnkräutern aller Art, darüber eine Kettenbrücke, welche zu der anderen Hälfte des Parks führt. Dann reizende Pavillons, Aussichtstürme, unter hohen Cypressen-Bäumen Bänke, welche zur Ruhe einladen. Dann weiter
Grasplätze. auf denen Rehe, Hirsche und Lamas weiden, welche bei unseren Anblick erschreckt davon laufen. Dann einige Stufen hinab und Ihr befindet Euch in Grotten, die von Tropfstein zu sein scheinen, denn überall sind künstliche Springbrunnen und es ist sehr angenehm kühl. Treten Ihr dann hinaus, so steht Ihr inmitten einer prachtvollen Anlage von Blumenbeeten in allen Farben, einen Pavillon in Form eines chinesischen Tempels, das hundert und aberhundert Glöckchen im Winde lieblich klingeln. Dort fliegt ein Colibri. Er scheint an der Blume zu hängen. Dort wiegt sich ein buntfarbiger Papagei. Dort ist ein reizendes Taubenhaus und emsig fliegen die Tauben ein und aus. Ihr geht weiter: da ist ein See. Darüber hängt eine Trauerweide, ringsum lauter Fichten. Ihr meint, Ihr wäret mitten in einem deutschen Wald, wenn nicht die warme Luft und die vielen, vielen Goldfische und die Schwäne Euch in die Wirklichkeit versetzten. Dann ein dichter belaubter Bogengang, ganz
umschlungen von Orchideen und Glycinien, so dass es fast ganz dunkel ist und plötzlich öffnet er sich und vor Euch liegt das weite, weite Meer tief unten zu Euren Füßen ohne Grenzen bis dorthin, wo sich Himmel und Erde zu berühren scheinen. Oder Ihr seht vor Euch ein reizendes Schweizer Haus, in dem irgendeiner der Gärtner des Parks mit seiner Familie wohnt. Es gibt deren 10 im Park. Vor dem Haus ist ein großer See, dicht verborgen im Buschwerk. Hier schaukeln Boote und Canous. Während die Senora sich hier aufhält, ist eine Musik von Männern hier und gar mancher Fremde (denn jedem mit einem Dampfer Ankommenden ist unentgeltlich der Eintritt gestattet), welcher in dieser Zeit hierher kam und sah, wie sich die Boote unter den frohen Klängen der Musik angefüllt mit lauter fröhlichen Menschen (denn der Chilene liebt Gesellschaft hat möglichst immer Besuch) auf dem blanken Spiegel der Seeoberfläche schaukelten, blieb staunend stehen und wünschte einer von der Gesellschaft zu sein. Und nun gar erst in den prachtvollen Mondscheinnächten! Es ist wahrhaft zauberisch und alles, was Natur und Kunst nur Schönes schaffen konnte, ist hier vereint, um die
Menschen zu erfreuen. Täglich arbeiten mehr als 50 Arbeiter im Garten jahrein, jahraus und Tausende und Abertausende werden jährlich hineingesteckt.

Das Essen ist ausgezeichnet, täglich 8 – 9 Gänge. Das ist aber in vielen chilenischen Häusern so. Bei Tisch warten zwei Bedienstete auf. Das Klima ist sehr schön, Abends und Morgens jedoch sehr kalt und da ich es noch nicht gewöhnt war und auch jede Nacht 2 – 3 Mal aufstand, da die jüngste der kleinen Mädchen die unangenehme Angewohnheit hat, des Nachts aufzustehen und alle durch ihre Schreie aufzuwecken, so wurde ich sehr krank und bekam eine Art Lungenentzündung, von der ich mich aber rasch erholte und wieder aufstehen konnte. Damals schon sagte mir der Arzt, es käme von Überanstrengung, denn ich hatte jeden Tag 6 Stunden zu geben, wobei ich mich oft ärgerte, denn die Dummheit der Kinder ging ins Unendliche. Dann jede Nacht aufstehen, ungewohnte Kost und Klima, dies alles wirkte zusammen. Doch ich wollte nicht hören und da ich monatlich 80 Pesos verdiente und mich sonst nicht beklagen konnte, meine Stellung nicht aufgeben. Nun sind es bald drei Wochen, als ich eines Morgens, da ich aufstand, mich sehr elend fühlte. Auch war ich in letzter
Zeit sehr mager geworden. Dessen ungeachtet zog ich mich an und wankte noch, als ich ins Schulzimmer ging. Aber kaum dort angelangt, verlor ich das Bewußtsein, wurde schwindelig. Ich wollte rufen und schreien, aber ich konnte nicht. Dickes schwarzes Blut kam mir zum Munde heraus und man fand mich am Boden liegend gänzlich besinnungslos. 4 Tage lang wußte ich nichts von mir uns als ich endlich zur Besinnung kam, war ich sehr schwach. Aber mein erster Gedanke war, meine Stellung aufzugeben, denn ich sah wohl ein, dass ich mich auf diese Art ganz ruinieren würde. Nun liege ich schon drei Wochen still im Bett. Heute ist der zweite Tag, dass ich im Bett sitze. Doch nun werde ich mich schnell erholen. Ich schrieb sofort, nachdem ich meine Stellung aufgegeben, an Umlauffs und Grohnerts. Aber da zeigte sich die Strafe, wenn man in seinem Leben Unrecht getan hat. Frau Hauschild hat jedenfalls sehr unliebenswürdig und wenig gut über mich geschrieben, denn
sie antworteten mir, ich müßte für mich selbst sorgen, denn hier könnte man nicht so oft Stellen wechseln wie in Europa. Darum seit stets gut, meine lieben, lieben Geschwister, damit Euch niemand etwas Böses nachsagen kann, denn ich sehe, sogar bis über den Ocean hinüber folgt mir die Strafe und raubt mir die Freunde, welche ich mir hier erworben. Doch ich darf nicht klagen. Ich habe es selbst verschuldet und Frau Hauschild sprach ja nur von Wahrheit, obgleich nach dem Interesse, welches sie für uns zeigte, ich das nicht erwartet hatte. Nun nach Santiago oder Valpareiso hätte ich sowieso nicht gekonnt, da ich entschieden das Klima nicht vertrage, und so riet mir der Arzt und auch Herr Burmeister, den ich um Rat fragte, nach Valdivia, einer deutschen Stadt mit deutschem Klima im Süden Chiles zu gehen und dazu habe ich mich entschlossen. Wie schönes Geld hatte ich mir schon gespart, wenn ich nicht krank geworden wäre. Doch nun wandert alles an den Arzt und in
die Apotheke und das letzte brauche ich für meine Reise und meinen ersten Aufenthalt in Valdivia. Während ich nun so Tage und Wochen lang einsam im Bett lag, mußte ich viel, viel an Euch denken und manche Träne fiel auf mein Kissen und gar oftmals wünschte ich mir eine Seele, mit der ich Deutsch sprechen und einen Menschen, den ich lieb haben könnte. Doch ich habe selbst Schuld, wenigstens größten Teils, und heute fühle ich mich ordentlich wohl, dass ich schreiben darf und an Euch Scheiben kann. Habe ich doch Geschwister, die mich lieb haben und, wenn sie auch fern sind, so wird doch einmal der Tag kommen, an dem wir uns wiedersehen. Also Herz, mein Herz bin ich doch bald wieder gesund, dann mit frischem Mut von neuem hinaus. Es gibt ja überall gute Menschen und es hilft ja alles nichts. Es gilt den Kampf ums Dasein. Wenn ich nur gesund bleibe, dann geht alles. in einer Beziehung hatte Frau Hauschilds Brief doch etwas Gutes, denn schon
wollte ich mich wieder auf andere verlassen. Wer weiß, wie es dann geworden. So weiß ich doch, dass ich all meine Kraft zusammennehmen und mir selber helfen muß. Ich kann es und ich will es. Es soll ein Tag kommen und es kommt ein Tag, an dem Ihr alle sagen sollt, "wir haben eine ältere Schwester und sie ist gut." Ich habe nun niemanden, niemanden hier, nichts als Schulden, welche ich anfangs machen mußte, um mir einiges unbedingt Notwendige zu kaufen, wozu mein Geld von zu Hause nicht ausreichte. Da gab es zu kämpfen und zu arbeiten mit allen Kräften, ob es auch wahrlich nicht leicht ist. Ihr habt Gott sei Dank noch keine Ahnung, was es heißt, ganz, ganz allein auf sich angewiesen zu sein, und ich bitte von Herzen, dass ihr es nie kennen lernt. Für mich ist es etwas anderes. Jetzt fühle ich es. Ich muß mir alleine helfen. Solange ich auf andere vertrauen
konnte, ließ ich sie für mich denken und handeln. Aber mit dem Zwang wächst auch das Können und das Wollen und was ich bis dahin trotz aller Versprechungen, Ermahnungen und Strafen nicht konnte, nicht wollte, das muß ich jetzt und ich sehe zu meiner größten Verwunderung, dass es geht, und dass ich vielleicht doch nicht so schlimm bin oder wenigstens noch besser werden kann, als alle behaupteten. nun, abwarten! Ihr werdet ja sehen. Ich verspreche nie etwas mehr, denn wozu! Ihr glaubt mir’s, aber unsere Verwandten glauben es mir ja doch nicht. Also Beweise, Beweise. Wenn ich es ihnen durch die Tat zeige, dann müssen sie glauben, ob sie wollen oder nicht.

Nächste Woche geht ein Steamer nach Valdivia. Hoffentlich bin ich dann soweit gesund, dass ich reisen kann. Das ist dann wieder eine fremde Stadt, in der ich keine Menschenseele kenne. Es ist mir doch etwas bange, aber nicht verzagt durch dick und dünn. Es kommen auch wieder andere Zeiten. Man muß es nehmen, wie es ist und nicht, wie es sein könnte. Seht Ihr, ich hatte nun schon gedacht, ich könnte diesen Monat meine Schulden bezahlen. nun teilt sich der Doktor, Apotheker und Krankenwärter in den Raub und ich habe das Nachsehen. Doch getrost, es wird schon werden. Hätte ich nur eine einzige Seele hier, aber nein, ich bin dumm. Es ist besser so. Man muß nicht zurücksehen. Das macht traurig und da könnte ich ja wieder krank werden. Also vorwärts gesehen bis zu dem Tage, da ich mir ein Wiedersehen verdient habe. Dann ist es um so schöner. Zu Frau Hauschild sprecht nicht darüber, dass ich Euch schrieb, was sie über mich gesagt. Es würde zu nichts als Unzufriedenheit führen. zu ändern ist nichts mehr und es war ja meine Schuld, dass sie so
schreiben konnte, also still!

Wie geht es Euch noch allen? Winemaus hast Du eine Stelle und wo? Quäle Dich lieber in der Heimat bei den Verwandten ums trockene Brot als hier so fern und so allein. Glaub mir meine süße Dirn, es ist nicht leicht und man muß manches Bittere herunterschlucken, wenn ich hier erst längere Zeit bin und dann eine gute Stelle für Dich weiß und Geld genug, um Dich kommen zu lassen, dann glaub mir, es ist mein Herzenswunsch, aber einstweilen nein, nein. Und unsere Emma, was macht die denn? Eben lese ich ihren letzten Brief, armes Ding! Heimweh muß man nicht haben. Das dürfen wir nicht kennen, sonst lassen wir den Kopf hängen, und denk Dir mein Lieb‘, was sollte ich nur machen, wenn ich mich nicht immer wieder aufraffte. Ich habe auch Heimweh gehabt, Heimweh, das ich wünschte ich wäre tot, und ich konnte mit niemanden sprechen. Schreib nur recht oft an Wine. Das hilft. Und Tante Ida ist doch gewiß auch gut gegen Dich oder bist Du nicht mehr bei ihr? Grüße
sie nur recht herzlich von mir, auch Onkel Rolus und die Kinder, und sag‘ Tante Ida, wenn ihr an meinem Dank gelegen sei, so danke ich ihr von ganzem Herzen für alles, alles Gute, das sie Dir, mein Herz, tut. Und kommen Dir einmal trübe Gedanken, dann arbeite. Es scheint leicht. Aber es ist nicht so leicht, wenn man in trüber Stimmung ist. Dann hast Du keine Zeit zum Denken. Es ist ein gutes Mittel. Ich weiß es von mir selbst. Von unserem kleinsten Schwesterchen weiß ich aus eben dem Brief von Frau Hauschild, dass es ihr gut geht und das sie zu Weihnachten gute Zeugnisse gehabt. Du glaubst es wohl nicht, wie ich mich darüber gefreut! Auch, da ich sehe, wie schwer es mir wird, gut zu sein, so möchte ich gern, dass Ihr es mit leichterer Mühe werdet und Euch nicht erst den Kopf so einrennen müßt. Was hat denn der Weihnachtsmann gebracht, Paulinchen? Ich bin sehr neugierig und möchte es sehr gern wissen. Nun, Ihr werdet mir jetzt wohl bald alle einmal recht ausführlich schreiben und es ist der erste Freudentag für mich in Chile, wenn ich Eure Briefe bekomme. Ich kann Euch nicht allen einzeln schreiben, denn dann müßte ich alles so oft wiederholen und dies würde doch zu weit führen oder ich könnte alles nicht so ausführlich schreiben. Diesen Brief behält Alwine. Am liebsten ist mir, wenn Ihr meine Briefe aufbrennt, wenn Ihr sie alle gelesen.

Ist Leo auch recht fleißig? In welcher Klasse ist er denn eigentlich und ist er gesund und munter? Unser ältester Herr Bruder muß ja nun bald von seiner ersten Reise zurück sein. Schreibt mir doch, wo er sich befindet und wie ihm sein Beruf gefällt. Hoffentlich gut!

Wie geht es Großpapa? Wie geht es bei Schwormstädts? Da ist ja wohl ein Baby angekommen. Grüßt Tante, Onkel, Marta, Caesar, Paula und Felix alle recht, recht herzlich von mir und sagt Tante und Onkel, dass ich oft und gern an die Zeit zurückdenke, da ich bei ihnen war. Von Meyers hört wohl keiner von Euch allen etwas, ach nein. Nun ich bekomme sicher mit der nächsten Post einen Brief, denn ich habe ihnen schon verschiedentlich geschrieben. Frankiert Eure Briefe ja genügend, denn es ist nicht allein, dass es sehr teuer ist, Porto nachzuzahlen, sondern ungenügend frankierte Briefe werden einfach nicht expediert und ich würde sie dann nicht erhalten. Ich glaube, es kostet ein einfacher Brief 25 Pfennig, weiß es aber nicht genau. Ich schicke diesen Brief im Laufe der nächsten Woche ab, da ich ja meine Adresse in Valdivia noch nicht weiß. Hier ist es nun Winter, das heißt kein Schnee und Eis, aber ab und an tagelang ein Sturm und Regengüsse, als ob Erde und Himmel einstürzen wollten und das ganze Haus zusammenbräche, denn die Häuser hier sind alle sehr leicht gebaut. Auch ein Erdbeben habe ich hier schon miterlebt, aber nur ein sehr schwaches und ich hatte
fast gar keine Angst. Es ist nicht so schlimm.

Doch nun muß ich endlich schließen. Ich bin ganz steif und lahm und die Wärterin wollte mir schon lange die Tinte wegnehmen. Aber das Schreiben hat mir wohler getan, als das Sitzen geschadet. Aber nun weiß ich auch nichts mehr. Vier Stunden lang habe ich nun auch mit Euch geplaudert. Das ist doch gewiß lange und ich bin sicher, Ihr habt noch nie einen so langen Brief bekommen. Gern läge ich noch einige recht hübsche, getrocknete Blumen von hier bei. Es gibt wunderschöne, aber mein Brief wird wohl schon 50 Cent kosten und ich muß sehr, sehr sparsam sein. Also ein andern Mal. Wie befinden sich eigentlich Onkel Emil und Anni? Ach, und bald hatte ich es vergessen: wie geht es Tante Polly? Beantwortet mir ja alle Fragen.

Am Strand fanden wir hier viele, viele schöne Muscheln, die es bei uns nicht gibt und wie oft dachte ich, könnte ich sie doch Pauline schenken. Aber das Schicken geht nicht. Es ist für meine Verhältnisse ein zu teures Vergnügen. nun bekommen sie die Kinder von Grohnerts, welche sich gewiß auch freuen.

Ich adressiere den Brief an Alwine und zu Schwormstadts, da ich Eure Adressse nicht weiß. Doch er ist für Euch alle, meine lieben Geschwister, und einer muß ihn, nachdem er ihn gelesen, immer dem anderen schicken. Beim Schreiben habe ich mir Euch alle vorgestellt und von allen kann ich mir ein deutliches Bild machen, nur von Leo eigentlich nicht, denn ich sah ihn lange, ehe ich fortging, nicht.

Kommt einer von Euch nach Bergedorf und besucht die Gräber unserer Eltern, dann bringt auch von mir Grüße und betet an dieser heiligen Statt, dass sie Euch alle und auch Eure Schwester segnen wollen, damit wir alle, alle recht gut werden. Habt eure Verwandten lieb, aber verlaßt Euch nicht zu sehr auf sie, denn jeder hat eigene Kraft, auf die er vertrauen muß, und selbst die besten Verwandten können dieses Vertrauen nicht ersetzen. Darum frisch und unverzagt weiter. Es kommen schon einmal wieder fröhliche Zeiten. Das ist meine feste Hoffnung und daraufhin gehe ich von neuem hinaus in eine fremde Welt.

Schreibt Euch fleißig. Dann behaltet Ihr Euch um so mehr lieb und schreibt auch mir recht bald und recht ausführlich. Ich interessiere mich für alles, für jede Kleinigkeit und wir sind ja auf uns angewiesen, denn wer kann uns näher stehen als Schwester und Bruder. Doch nun addio! Nehmt, wenn Ihr schreibt recht dünnes Papier. Dann geht schon ein Briefbogen voll mehr auf’s Gewicht. Seht Ihr, ich werde hier sehr genau, aber weiß Gott, ich hab’s auch nötig. Glaubt nicht, dass einem hier die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, nein, ganz gewiß nicht!

Also nochmals lebt wohl, vergeßt mich nicht und behaltet mich lieb. Seid alle, alle viel tausendmal umarmt und geküßt und glaubt mir , dass ich in mancher trüben Stunde an Euch aus weiter, weiter Ferner denke.

Eure Euch so innig liebende ältere Schwester

Clara.

Lota, den 3. März 1883

Nun sind so viele Bogen voll geworden, dass ich wirklich selbst nicht dazwischen zurechtfinde und sie numerieren muß.

d.O.

Sucht auf der Landkarte Valdivia und denkt, da ist unsere Schwester. Adieu, meine lieben Geschwister!

d.O.

Nun bekomme ich eben mein Gehalt von Frau Cansino: 250 Pesos, ein schönes Geld, aber wäre es nur nicht so rund oder vielmehr so leicht, denn rund ist es nicht, da es hier außer Silbergeld nur Papiergeld gibt. Nun erhält 50 Pesos der Doktor, 30 Pesos der Wärter und die Apotheke, 30 Pesos kostet die Passage nach Valdivia. Dann muß ich mir einen Zahn plombieren lassen, auch 10 Pesos. Da seht Ihr: schwer verdient und nur zu leicht ausgegeben. im nächsten Brief weiter. Ich habe in zwei Tagen in Valdivia schon 4 Schülerinnen für Privatstunden, denkt Euch. Meine Adresse ist: Senor G. Rusch, Valdivia.


Vorwort
Gerhard F.Dose
Begleitbrief
Reinhold Wook
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