Zeitzeugen berichten

Einleitung
Führer
Gestapo
Kirchenkampf
Katastrophe
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Die Gestapo

Eine üble Begleiterscheinung des Dritten Reiches war die Geheime Staatspolizei. Ihre Aufgabe war, die Untertanen zu überwachen und, dem totalen Charakter des Nationalsozialismus entsprechend, bei der Stange zu halten. Jede freimütige Rede war verpönt. Das Denunziantentum blühte. Eine abweichende, eigene Meinung zu äußern, galt als Verbrechen. Berufung an eine höhere Instanz gab es nicht: Man wurde vorgeladen, verhört - teils freundlich, teils mit Drohungen - nach vier Wochen wieder geladen und mit einer inzwischen von Berlin eingelaufenen Weisung bekannt gemacht.

Wir Pastoren der Bekennenden Kirche standen bald auf der schwarzen Liste, und unsere Gemeinden zitterten oft bei den zu freimütigen Äußerungen ihrer Pastoren. Ich bat meine Kirchenvorsteher, nicht von mir zu sagen, wenn mir etwas zustieße: "Warum ist unser Pastor so unvorsichtig gewesen?" sondern dankbar zu sein, daß seine Posaune einen hellen Klang gegeben habe. Christ sein, heißt ein Kämpfer sein. Unser Amt ist ein Wächteramt, und wenn wir das Leiden für Christus auch nicht mutwillig provozieren sollen, so dürfen wir doch auch nicht stumme Hunde sein, die nicht bellen, wenn der Dieb einbricht. Das schönste Lob ist mir zuteil geworden, als kürzlich ein Ausgebombter in Elmshorn zu Pastor Horwitz gesagt hat: "Ein Pastor in Hamburg hat immer die Wahrheit gesagt und sich in seinen Predigten nicht gefürchtet." Und dann nannte er meinen Namen. Ich bin aber nicht der einzige  gewesen. Andere sind viel härter getroffen worden.

Das erste Mal kam der Gestapo-Beamte zu mir und nahm ein Protokoll auf, weil ich bei einem Gemeindeausflug in der Kirche zu Aumühle für die Judenmission gesammelt hatte. Es war der 10.Sonntag nach Trinitatis, der seit alters der Zerstörung Jerusalems gilt. Eine Äußerung in einer Predigt: "Wir Christen werden die Nationalsozialisten noch einmal trösten müssen," ist nicht angezeigt worden. Ebensowenig eine auf Dr. Goebbels, der gerade geredet hatte, bezogene Hinweisung auf das Danielwort: "Ein kleines Horn mit einem großen Maul, das große Dinge redet". Wohl aber wurde ich kurz nach der Doppelhochzeit unserer beiden ältesten Kinder (25.1.1937) ins Stadthaus zitiert und wegen einer Haustaufe verhört, die ich am ersten Weihnachtstage im Eilbeker Weg bei D. gehalten hatte. Dort hatte ich bei einer Tasse Kaffee mit dem Schwager des Taufvaters, der sich lebhaft für den Kirchenkampf interessierte, eine Unterhaltung. Alle hörten aufmerksam zu, als ich über die gefährliche Totalität der Partei, die Ähnlichkeit mit dem Bolschewismus und die Gefahr für die Kirche sprach, statt Gottes Wort zu verkündigen, unter die Regie des Propagandaministeriums zu geraten. Ich stellte also meine Äußerungen zurecht und glaubte, als ich nach Hause ging, die Sache sei erledigt. Aber am 1.Dezember erhielt ich die Vorladung vor das Sondergericht für den 7.Dezember im Strafjustizgebäude. Die Verhandlung dauerte 2 1/2 bis 3 Stunden. Dr. Niko Binder war mein Offizialverteidiger, Präsident a.D. Waldemar Schmidt und Landgerichtsdirektor Friedrich Schrader Leumundszeugen. Ich hatte die Genugtuung, daß die Zeugen des Gespräches mich keineswegs hereinreißen wollten, sondern sehr günstig aussagten. Es war ihnen offensichtlich peinlich, die Gastfreundschaft mißbraucht zu haben, und nur sehr gegen ihren Willen waren sie von der Gestapo gegen mich aufgestellt worden. Ich konnte ausführen, daß die Kirche an Gottes Wort gebunden ist und dem Staate niemals direkt, sondern nur indirekt dienen kann. Auf die Frage, warum ich Judenmission triebe, antwortete ich: "Weil Jesus Christus seinen Missionsbefehl noch nicht zurückgezogen hat." Der Staatsanwalt beantragte ein halbes Jahr Gefängnis; aber das Gericht sprach mich frei. Das letzte Wort des Vorsitzenden lautete: "aus Mangel an Beweisen." In der schriftlichen Formulierung, die ich später in die Hände bekam, fehlten diese Worte, die offenbar auf einen bei der Verhandlung anwesenden Gestapo-Beamten berechnet waren.

Im folgenden Jahre wurde ich wegen einer Konfirmationsrede angezeigt, weil ich vor der Verführung zur Untreue gewarnt und den Spruch gebraucht hatte: "Hebe dich weg von mir, Satan." Die Angeber hatten dies Wort wohl auf Hitler bezogen. Ich konnte zu meiner Rechtfertigung sagen, daß ich ja nicht als Parteiredner vor der Hitlerjugend, sondern als Pastor in der Kirche gesprochen hätte. Meine Aufgabe sei, die getaufte Jugend zu konfirmieren d.h. auf die Treue zu Christus zu verpflichten.

Ernster wurde die Sache nach der Beerdigung von Bernd Bleibaum (Dez.41) Er war mein früherer Konfirmand und drei Monate nach seiner Verwundung vor Narwa im Lazarett gestorben. Als langjähriger begeisterter Leiter unseres Schüler-Bibelkreises konnte er von mir in seiner entschiedenen christlichen Haltung hingestellt werden als Vorbild männlicher, christlicher Treue zu seinem Herrn im Gegensatz zu dem Abfall vom biblischen Glauben, der heute an der Tagesordnung sei. "Diese Glaubenstreue allein kann uns in der Heimat so gut wie an der Front, im Leben und Sterben helfen. Auch wir stehen an den Pforten der Ewigkeit, da unser halbes Eilbek kürzlich durch einen Luftangriff in Trümmer gelegt worden ist."

Die S.A.-Männer trugen den Kameraden zu Grabe und zeigten den Pastor an, weil er ihre heiligsten Gefühle verletzt und die Wirkung des letzten Angriffs maßlos übertrieben hatte. Vier Wochen nach dem Verhör wurde ich wieder vorgeladen und mir vom Dienststellenleiter eröffnet, daß ich wegen meiner wiederholten "staatsabträglichen" Äußerungen bei der nächsten Anzeige mit Landesverweisung bestraft werden würde. Diese Verfügung hatte ich zu unterschreiben. Herr Klopp, der mich verhört hatte, fragte mich noch freundlich, dies sei hoffentlich das letzte Mal gewesen, daß ich die Gestapo bemüht hätte. Ich drehte ihm wortlos den Rücken. Beim Verhör hatte ich ihm gesagt, es käme für jeden Menschen der Tag, an dem alle irdischen Stützen wankten und nur der lebendige Gott ihm Halt und Trost sein könnte. Davon wisse er nichts, hatte er mir geantwortet. Ich sagte: "Wenn dieser Tag kommt, denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe." Das war im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus an der Rothenbaumchaussee gegenüber dem Curiohaus. Ich hatte ihm noch auf einer Passah-Porzellanschale, die jetzt als Aschenbecher diente, die hebräische Inschrift .... übersetzt.

Gleich nach dem 2. Advent 1942 wurde ich wieder vorgeladen. Ich hatte im Gottesdienst um Feldadressen ehemaliger Konfirmanden gebeten, um ihnen einen Weihnachtsbrief zu schreiben, Der abhörende Beamte hatte verstanden, ich wollte ihnen ein Büchlein zu Weihnachten ins Feld schicken. Ich konnte mich rechtfertigen, daß ich von einem Brief gesprochen hätte und wohl wußte, daß wir nichts Gedrucktes schicken dürften. So konnte ich nach Hause gehen, ohne die bereits ins Auge gefaßte Abreise zu meinen Verwandten in Geslau zu verwirklichen.

Bei dem furchtbaren 3.Terrorangriff am 29. Juli 1943 wurde wirklich ganz Eilbek zerstört, und ich suchte mit meiner Frau meine Zuflucht zuerst bei unserer Tochter Ursula in Heiligendorf, dann am 16. September in Geslau bei Rothenburg o.T. Dort vertrat ich meinen Schwager, bis ich im Februar 44 nach Hamburg zurückkehrte. Am 3.Juni wurde ich wieder vorgeladen, wieder nach der Rothenbaumchaussee, um auf eine Anzeige von Geslau Rede und Antwort zu stehen. Ich hatte in drei Predigten gegen das dritte Reich gesündigt. Am 2. Advent hatte ich in einer Predigt über Luk.21, 25-36 die Juden das "auserwählte" Volk genannt und das Wort des Herrn zitiert: "Das Heil kommt von den Juden." Damit war ich dem Kampf des deutschen Volkes mit den Judentum in den Rücken gefallen. Am 1. Weihnachtstag hatte ich das, Bild in der Zeitung , auf dem zwei Feldgraue sich eine Zigarette anzünden (Überschrift: "das Weihnachtslicht"), kritisiert: "Und das soll Weihnachten sein?" Endlich am 2. nach Epiph. hatte ich über Röm. 12,7 - 16 gepredigt und das Wort: "Segnet, die euch verfolgen; segnet und fluchet nicht!" zum Anlaß genommen, mich gegen die Vergeltung zu äußern. Als ich auf diese Vorwürfe antwortete und zu dem Beamten sagte: "Lieber Freund", brüllte er mich an: "Ich bin nicht Ihr Freund!". Darauf meine Anrede: "Sehr geehrter Herr." Er sagte dann: "Weihnachten ist die Sonnenwende!" Darauf ich: "Nein,Weihnachten ist die Geburt des Erlösers." Nach einigen Wochen - es war der 4.Sept.1944 - erhielt ich den Bescheid, daß ich bis zum 4.Januar auf einem Sparkassenbuch 2500.- Mark einzuzahlen hätte, in 5 Raten. Das Buch werde gesperrt werden und in 3 Jahren mit Zinsen mir zur Verfügung stehen, wenn nichts wieder vorfiele. Sonst würde das Geld verfallen und ich in Sicherheitsverwahrung genommen werden. Ich war froh, so leichten Kaufs davonzukommen, hatte ich doch ein Predigtverbot gefürchtet. Es war mir klar, daß in 3 Jahren diese Herren längst abgewirtschaftet hätten. Aber man hatte in Berlin wohl diesen Ausweg gewählt, dem Pastor einen Maulkorb anzulegen. Damals vor dem Sondergericht hatte mein Verteidiger gesagt.: "Wenn Sie diesen Mann, der so lange in seiner Gemeinde steht, verurteilen, werden Sie dem Staat mehr schaden als nützen." Ich hatte keine Sorge, das Geld zusammenzubringen. Es gab genug Freunde, die mir halfen. Aber als ich im Civil-Justizgebäude der Gestapo meine Raten vorzuweisen hatte, sagte bei der vorletzten Rate der Beamte: "Nun sorgen Sie dafür, daß so etwas nicht wieder vorkommt!" Ich sagte: "Wieso? Ich habe nur biblisch gepredigt. Ich bin auf das Wort Gottes verpflichtet, und Gottes Wort bleibt.."

Am 4.Januar 1945 war ich zum letzten Male dort. Ich bin froh, daß der 3.Mai diesem Spuk ein Ende gemacht hat, und daß ich wieder frei sprechen kann. Welch eine Zumutung, durch eine Geldsumme einen evangelischen Pastor zum Schweigen bringen zu wollen! (9.7.1945)


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