Zeitzeugen berichten

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Führer
Gestapo
Kirchenkampf
Katastrophe
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Der Kirchenkampf

Kaum hatten die Nazis die Macht ergriffen, da gingen sie auch daran, die Kirche gleichzuschalten. Die katholische Kirche schonten sie zunächst, gaben ihr sogar in einem Konkordat alle nur wünschenswerten Freiheiten, die allerdings nicht ernst gemeint waren. Aber die evangelische Kirche nötigten sie, unbeschadet der Konfessionen, wie es hieß, eine Reichskirche mit einem Reichsbischof an der Spitze zu bilden. Es entstand unter dem Beifall der Nazis eine immer stärker werdende Gruppe der "Deutschen Christen", teils unter einem gemäßigten Programm (Prof. Fezer), teils unter einem rabiaten antisemitischen (Hossenfelder).

Wir andern nannten uns "Evangelische Kirche". Nun trennten sich die besten Freunde, und ehemalige Gegensätze fanden sich in dieser oder jener Gruppe zusammen. Als plötzlich die Kirchenwahlen ausgeschrieben wurden, bei denen der Führer für die deutschen Christen eintrat, mußte ich meinen Urlaub in Bad Oberdorf im Allgäu unterbrechen, um in Eilbek einen guten Kirchenvorstand aus geeigneten Männern zu bilden. Ich habe diese Reise nach Hamburg nicht bereut, da sie mich vor kirchenfremden Elementen bewahrte.

Leider trat Senior D. Horn zurück und machte Landesbischof D. Schöffel Platz. Ich war nicht damit einverstanden, daß Heißsporne diesen Wechsel in der Kirchenleitung erzwangen. Ich sagte nach der entscheidenden Fraktionssitzung zu einigen Amtsbrüdern: "Ich unterscheide jetzt nicht mehr zwischen positiven und liberalen, sondern zwischen anständigen und unanständigen Pastoren in Hamburg." Schöffel hatte der Sitzung nicht beigewohnt. Er rief abends bei mir an, ob ich das in der Sitzung gesagt hätte und daß er zu den unanständigen gehöre? Ich stellte die Sache zurecht, die ihm falsch berichtet war, und fügte hinzu, daß er hoffentlich derselben Meinung sei. Er antwortete ausweichend. Offenbar war er damit einverstanden, daß man ihn an die Spitze der hamburgischen Kirche stellte. Ich meine, man soll in der Stunde der Gefahr den leitenden Mann der Kirche stärken, nicht stürzen.

Ob D. Schöffel bei allen Vorzügen, die man dem hochbegabten und verdienten Mann zubilligen muß, die Gabe der Kirchenleitung besaß, dürfte bezweifelt werden. Jedenfalls wurden seine begeisterten Anhänger am meisten enttäuscht. Bei seiner Einführung sprach er als echter Romantiker von seinem Bistum als dem Bistum Ansgars und stellte die gemeinsame Herkunft aus Franken deutlich in Parallele. Als ich von dieser Feier wenig erbaut nach Hause kam, sagte ich: "Das wahrste Wort hat der Senator gesagt in Vertretung des Reichsstatthalters, daß die neue Form unserer Kirche der Partei zu verdanken sei. Schöffel sorgte dann auch dafür, daß nicht Bodelschwingh, sondern Ludwig Müller Reichsbischof wurde. Er sagte uns in seinem Rechenschaftsbericht, daß dies dem Wunsche des Führers, entsprochen habe. Aus den neuen Kirchenvorständen wurde eine neue Synode gebildet, die zweimal zusammentrat und mit dem Horst-Wessel-Lied endete. Die Abgeordneten trugen meist SA-Uniform.

Es zeigte sich bald, wohin die Fahrt ging. Die Kirchenwahlen waren in ganz Deutschland unter unerhörtem Druck von oben durchgeführt worden, so daß die Gruppe "Evangelium und Kirche", wie sie sich mitten in der Wahlwoche umnennen mußte, nur in Bayern und Westfalen die Mehrheit errang. Fast überall traten die Deutschen Christen an die Spitze, und die biblisch und bekenntnistreu gerichteten Bischöfe und Pröbste mußten gehen. Die Pfarrer, die diesem Strom widerstrebten, taten sich als Pfarrernotbund zusammen unter Führung von Pfarrer Niemöller. In der Unterredung mit Hitler Januar 1934 versagten die Kirchenführer, weil sie nicht im Stande waren, einen geeigneten Reichsbischof anstelle des oberflächlichen Schwätzers Müller namhaft zu machen. Es begann jetzt die Zeit einer latenten  Kirchenverfolgung, in der die "zerstörten" Kirchen der Union mehr Märtyrer stellten als die "intakten" Kirchen Hannover, Bayern , Württemberg, Baden, deren Bischöfe man hatte stehen lassen. Es entstand zum Schutz der evangelischen Kirche gegen die dauernden übergriffe der Partei die "Bekennende Kirche" mit einer vorläufigen Kirchenleitung und einer starken religiösen Werbekraft, die sich in Evangelischen Wochen, Zeitschriften, Werbeblättern und Synoden auswirkte. Der Kirchenminister Kerrl war in Wahrheit ein Minister gegen die Kirche. Dies gesagt zu haben, brachte Niemöller ins Konzentrationslager. Da die D.C. immer mehr an Boden verloren, begünstigte die Partei die Deutsche Glaubensbewegung,, geführt von Prof. Bergmann und Hauer, und machte ihren ganzen Einfluß geltend, die Jugend zu entchristlichen und die Erwachsenen zum Kirchenaustritt zu nötigen. Ein Mann wie D. Schöffel mußte nicht nur als Kirchenminister und Staatsrat, sondern auch als Landesbischof nach kaum 3/4 Jahr zurücktreten, von seiner eigenen Synode im Stich gelassen. Ich gehörte zu der Abordnung des Notbundes, die ihn in letzter Stunde bat, trotz allem zu bleiben. Am 5. März 1934 übertrug die Synode seine Vollmachten auf Oberkirchenrat Franz Tügel, der nach D. Horns Abgang Hauptpastor von St. Jakobi geworden war.

Tügel regierte anfänglich mit seinem Freunde OKR Drechsler in der bei den D.C. beliebten schwachen Tonart. Das Führerprinzip und die Verquickung des Religiösen mit dem Politischen war hier die allein selig machende Methode. Nicht Überzeugen, sondern Zwang und Gewissensdruck sollte zum Erfolge führen. Dagegen erstand die Bekenntniskirche mit ihrem Bruderrat. Sie sprach Tügel das Vertrauen ab... Ich hatte anfänglich in meiner Gemeinde einen schweren Stand gehabt, weil einige Getreue und vor allem ein Teil der Jugend sich den D.C. zuwandten. Ich zitierte Luthers Wort: "Enthusiasmus ist der Teufel" und suchte vom A.T. her und aus meiner grundsätzlichen Ablehnung der Rassenlehre das Gefährliche und Verderbliche der neuen Bewegung festzustellen. Wir hatten regelmäßige Bekenntnisabende, und treue Mitarbeiter und Helferinnen standen mir zur Seite. Die Gottesdienste und Bibelstunden waren gut besucht. Die Bibelwochen im Juni und die Evangelisationswochen im Herbst klärten die Seelen und befestigten sie gegen den Irrtum. Ich konnte meinem alten Freund Tügel mehrfach ein freies, offenes Wort sagen und ihm helfen, wieder nüchtern zu werden. "Ich bin einmal ein Irrlehrer gewesen", sagte ich ihm, "als ich in Wilhelmshaven in der Elisabethkirche nach dem Fall von Douaumont mich hinreißen ließ, in der Predigt zu sagen: ‚Wir wissen, daß dies der Sieg ist.‘ Ich will es nicht zum zweiten Mal werden und, weil Hitler große Erfolge hat, ihn zu einem auserwählten Rüstzeug Gottes machen.“

Tügel suchte die B.K. ins Unrecht zu setzen, weil manche liberale Pastoren zu ihr gehörten. Ich erwiderte, daß der Teufel ein großer Verwandlungskünstler sei. Wenn er gestern bei den Liberalen gestanden habe, könne er heute bei den D.C. im Hinterhalt liegen. Ich wies T. auf seine Übergriffe hin und empfahl ihm, geistliche Dinge geistlich zu richten und auf alle Gewalt im Raum der Kirche zu verzichten. Als Drechsler mir einmal vorhielt, wie ich als Tügels alter Freund in der Bekenntniskirche sitzen  könnte, antwortete ich ihm: "Hier kann ich Tügel ja viel mehr nützen.."

In der Tat trat ich energisch für ihn ein, als der Bischof in seinem Adventsbrief 1935 an die Geistlichen in echt bischöflicher Weise sagte, daß er sich getäuscht habe und künftig in Fühlung mit Wurm, Marahrens und Meiser seine Kirche leiten wolle. Er bat um neues Vertrauen, das ihm auch von dem Notbund über Dr. Hermann Junge ausgesprochen wurde. Dies "zuwartende Vertrauen" wurde ihm von der anderen Hälfte der hamburgischen B.K., die sich in der "Lutherischen Kameradschaft" um den Landesbischof a.D. Schöffel sammelte, zwar versagt; aber auch diese Herren konnten sich dem Ruf zu gemeinsamer kirchlicher Arbeit, so oft er von Tügel ausging, auf die Dauer nicht entziehen. Daß ich der erste war, der den Weg zu Tügel fand, wurde von manchen als "Verrat" an der Bekenntnissache beurteilt, andere entschuldigten es mit meiner "persönlichen" Freundschaft zu Tügel, meinem einstigen treuen Mitarbeiter am "Evangelischen Hamburg". Aber ich glaube doch, das Richtige getan zu haben, was unserer Kirche diente und die Bekenntnisfreunde vor unheiligen Fanatismus bewahrte.

Als der Vertrauensmann Kerrls, D. Zöllner, nach Hamburg kam, um auch hier einen Kirchenausschuß ins Leben zu rufen, war ich auch als Mitglied mit vorgesehen, ohne daß mir, dem Feind aller Sitzungen, etwas daran lag.. Ich bewunderte den ehrwürdigen Mann und seine Menschenkenntnis, mit welcher liebevollen Zartheit er den leidenden Tügel behandelte, und wie treffend er Schöffel als eine "empfindsame Primadonna" beurteilte.

Die Spaltung der deutschen Bekenntniskirche durch die Betonung: Hie Luthertum - hie Reformierte - hie Union - habe ich bedauert, wenn ich auch mein persönliches Luthertum nie verleugnet habe. Daß die Kirche im 3. Reich in Ungnade fiel, weil sie sich der Gleichschaltung entzog, den Eingriff des Politischen in die innerkirchlichen Dinge abwehrte und der Rassenlehre in Bezug auf Bibel und Gemeinde widerstand, hat dem Ansehen der Kirche in der Welt nicht geschadet. Mochte man die B.K. als staatsfeindlich hinstellen - in Wahrheit hat sie vor den Abgründen gewarnt. und ihr Wächteramt geübt. Ich sagte zu meinem Freunde Münchmeyer: "Die Kirche unter dem Kreuz ist die wahre Kirche. Wer sie antastet und ihres Einflusses auf die Öffentlichkeit beraubt, schadet nicht der Kirche Jesu Christi, sondern dem Volke, dem sie mit Gottes Wort dienen will." Tügel hat alle diese Schäden klar gesehen. Er ist für seine Pastoren, für das Rauhe Haus, für alle Belange der Kirche tapfer eingetreten. Er hat in seinen ausgezeichneten Kriegsbriefen die Gemeinden und ihre Hirten gestärkt. Die Nachrufe für die verstorbenen Pastoren zeugten von tiefgreifendem, liebevollen Verständnis. Er war ein treuer Beter, der keinen in seiner Fürbitte ausließ, ein Seelsorger und Tröster, von dem kein Besucher unbeschenkt wegging. Das Leiden hatte ihn von Ehrgeiz und Geltungsdrang gereinigt, sein scharfes Urteil gemildert und ihn zu einem rechten pastor pastorum gemacht. Wie hat er es verstanden, nach den Terrorangriffen Juli 1943 seiner schwer heimgesuchten Stadt, zu der er aus der Erholung in Öynhausen zurückkehrte, nach Kräften zu dienen. Es war eine Beruhigung, auch in den späteren schweren  Heimsuchungen diesen Mann an der Spitze der Kirche zu wissen. Keiner kam zu ihm in Not und Bedrängnis, ohne daß der Bischof ihn nicht angehört und ihm geholfen hätte. Als Theologe vertrat er die "Theologie der Tatsachen" wider die "Theologie der Rhetorik". Dieser Prediger von Gottes Gnaden mußte in den letzten Jahren verstummen. Aber sein Freund Drechsler wurde sein Nachfolger auf der Kanzel von St. Jakobi, gern gehört wegen seiner schlichten, eindrucksvollen biblischen Predigten. Tügel setzte es durch, daß auch auf die erledigte Kanzel von St. Catharinen ein Bekenntnismann, lic.Herntrich, kam, der Leiter des Berliner Burckardthauses. Es war für ihn ein tiefer Schmerz, daß sämtliche Hauptkirchen und mehr als 25 Kirchen und Kapellen ein Opfer der unmenschlichen Terrorangriffe wurden. Wenn er nach der englischen Besetzung am 3. Mai 1945 im Amte blieb, so tat er es nur in der Verantwortung für seine Kirche, der er noch das herrliche "Wort zur Stunde" schenkte, das ich Pfingsten in vier Gottesdiensten verlesen habe. Unter Tügel wurde Hamburg die Zuflucht vieler aus Gründen des Glaubens und der Rasse angefochtener Pastoren. Ihm verdanken wir es, daß in den Gottesdiensten überall das, "Apostolische Glaubensbekenntnis" gesprochen wird. Sein segensreiches Wirken ist ein Beweis, daß Gott auch aus anfänglichem Unrecht den Seinen Heil erwecken kann. Möchten Tügels Nachfolger dieses Mannes würdig sein! (14.7.1945)


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