Zeitzeugen berichten

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Führer
Gestapo
Kirchenkampf
Katastrophe
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Die Katastrophe

Im Laufe des letzten Krieges mehrten sich von Jahr zu Jahr die Alarme, die uns nötigten, in den Keller zu gehen. Sowohl der Keller des Konfirmandensaales (das Jungmädchenheim) als auch die Räume unter dem Altarraum der Kirche (das Jungmännerheim) wurden mit großen Kosten als Luftschutzraum und Gasschleuse hergerichtet. Herr Geller, unser -unvergeßlicher- Kirchendiener, war Luftschutzwart und führte eine Wache aus freiwilligen Kräften. Wasserfässer und Feuerspritzen standen zur Verfügung.

Die Zeitungen brachten Berichte und Bilder von den englischen Städten, die von der deutschen Luftwaffe heimgesucht wurden zur Vergeltung für die Angriffe., die englisch - amerikanische "Luftgangster" auf deutsche Krankenhäuser, Kirchen und Wohnviertel verübten. Wir hörten im Radio den Führer, der seine Feinde schrecklich bedrohte, als ob er der Herr der Lüfte wäre, und sogar davon sprach, daß er die englischen Städte "ausradieren" würde. Das beruhigte alle, die auf ihn schworen, während ich mit Sorgen daran dachte, was wohl erst aus uns würde, wenn dann die Luftüberlegenheit auf der andern Seite wäre. Churchill hatte ja gesagt, daß 1942 der Krieg erst anfinge.

Am 15.September 1941 hatten wir in Eilbek den ersten schweren Angriff. Eine Luftmine fiel in die Wielandstraße und zerstörte viele Häuser. Ich war in jener Nacht mit meiner Frau bei unserer ältesten Tochter in Duisburg. Als wir zurückkamen, erzählten uns Lisel und Fräulein Lottchen, welche Schrecken sie unten im Keller unseres Hauses ausgestanden hatten. Damals wurde Frau Bell obdachlos. Sie lag lange mit ihrem verwundeten Arm im Krankenhaus. Ihr Schwiegersohn hatte sie und seine Tochter Anneliese aus den Trümmern ausgegraben. Sie haben eine Zeitlang bei uns gewohnt, bis sie in Barmbek eine hübsche neue Wohnung bekamen.

Der nächste schwere Angriff auf Eilbek erfolgte in der Nacht auf den 1.12.41. Ein Teil der Kantstraße, Fichte- und Maxstraße wurde zerstört. Man zählte 40 Tote und 600 Obdachlose. Ich sprach bei der Beerdigung von Bernd Bleibaum unter dem Eindruck dieses schrecklichen Angriffs von "halb Eilbek", das zerstört sei, was mir von den Nazis schwer verdacht wurde. Wie durfte man die Siegesstimmung dämpfen?! Es wurden doch überall große Bunkerhäuser gebaut: in der Papenstraße, Tonistraße, Schellingstraße, Eilbeker Weg, Börnestraße. Dazu der Turm am Hasselbrookbahnhof und der Röhrenbunker am Bahnhof Friedrichsberg. Da saß man sicher wie in Abrahams Schoß.

Wir hatten nun eine Zeitlang Ruhe, wenn es auch nicht an Alarm fehlte. Aber ans 26. und 28. Juli 1942 richteten wieder zwei schwere Angriffe in Eilbek großen Schaden an. Andere Stadtteile hatten noch mehr zu leiden. Die Jerulalemskirche in Eimsbüttel brannte aus. Immerhin verflog der Optimismus, unser harmloser Vorort müsse verschont bleiben, weil er wirklich keine kriegswichtigen Anlagen und Betriebe enthielt. Wir machten uns keine Sorgen und stellten alles in Gottes Hand.

Als ich am Sonntag 10. Januar 1943 kurz vor dem Gottesdienst den Brief meines Sohnes Jochen vom Ilmensee erhielt, daß unser Peter gefallen sei, hatten wir das Schwerste erfahren, was uns überhaupt treffen konnte. Wir erfuhren sehr viel Teilnahme, wie wir am 25.Oktober 2 bei seiner Ordination viel Mitfreude erlebt hatten. Am 14.Februar hielt ihm sein Patenonkel Hugo Hahn aus Stuttgart den Gedächtnisgottesdienst.

Es kamen trübe Nachrichten aus dem Rheinland. Wir lasen todernste Briefe aus Köln, Düsseldorf, Essen und Wuppertal. Ganze Städte waren zu Grunde gegangen. Wie schwer war Lübeck schon 1942 in der Nacht auf den Palmsonntag heimgesucht worden! Wo blieb die deutsche Gegenwirkung und Abwehr?

Man munkelte, daß auch Hamburg das Schwerste bevorstehe. Ich konnte es mir nicht denken. Hamburg war nach meiner Meinung eine "gute englische" Stadt. Jedes Kind lernte ja englisch in der Schule. Den Gruß "Heil Hitler" hörte man selten auf der Straße. Ich sagte oft, wenn wir an der großen Schule im Eilbektal vorübergingen: "Wie lange wird die Inschrift 'Adolf-Hitler-Schule' noch hier stehen?"

Inzwischen hatten Freys in Duisburg ihre Wohnung eingebüßt, und Gesa erzählte erschüttert von dem Besuch bei ihrer Schwester Ilsabe, wie traurig es in der schönen Stadt jetzt aussehe. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Hamburg dasselbe Schicksal haben könnte. Wir hatten ja noch unser schönes Pfarrhaus, in dem wir seit Sept. 1911 wohnten, und unser liebes "Anathot" in Farmsen, einen eigenen Garten mit einem Holzhäuschen, September 1935 angelegt, wo wir unsere freien Nachmittage verlebten und alle Sorgen vergaßen.

Pfingsten 1943 (13.u.14.Juni) kam mit einer großen Freude. Wir feierten die Taufe der kleinen Gesa Rahe und die Verlobung unserer Gesa mit meinem früheren Vikar Dr. Georg Jungheinrich. Die ganze Familie war beisammen. Wir vergaßen den Krieg und freuten uns an Gottes Güte. Am 5.Juli trafen Ursula und Ilsabe sich mit ihren Kindern im Pfarrhaus zu Heiligendorf, das Ursula seit zwei Jahren nicht mehr betreten hatte. Sie war dem Anschlag ihres Nazilehrers und Kreisleiters G, entgangen und meine Kirchenbuchführerin geworden. Jetzt hatte Heinz Rahe mit dem nüchternen Blick des Ostfront-Urlaubers durchgesetzt, daß sie in ihr Heim zurückkehrte. Das war ein großes Glück für uns, weil wir bald alle bei ihr unsere Zuflucht finden sollten.

Allgemein ging in Hamburg die Rede, daß Ende Juli mit einem furchtbaren Angriff zu rechnen sei. Ob sie das in den Sternen gelesen haben oder an den Juliangriff des vergangenen Jahres dachten, weiß ich nicht. Wir erfreuten uns mehr als sonst in diesem besonders schönen Monat an unserm Anathot. Walter Frey hatte uns zur Pflicht gemacht, bei Alarm in das  Jungmädchenheim zu gehen weil der darüber liegende Konfirmandensaal eine Betondecke hatte. Dort standen Luftschutz-Betten, und es war für Tücher, Wasser und Luftschutz-Apotheke gesorgt.

Am Sonntag 25.7. sollte ein Festgottesdienst des Martin-Luther-Bundes in unserer Kirche sein. Pastor Hasselmann aus Essen hatte die Festpredigt übernommen und war unser Hausgast. Seine Frau wohnte bei Verwandten neben der Michaeliskirche.

Marianne Frey war nach der Taufe der kleinen Gesa bei uns zurückgeblieben. Oben im Dachstübchen hauste schon seit Monaten Herr Blohm aus Eilbektal 52 (vor ihm schon 1.1/2 Jahre das Ehepaar Stahl aus der Kantstr.41). Wir hatten Herrn Blohm und seine Frau aufgenommen, und er wollte nun nach ihrem Tode wieder heiraten und in seine neu hergestellte Wohnung ziehen. Beide Ehepaare waren ausgebombt.

Wir waren schon zur Ruhe gegangen und eingeschlafen. Da weckten uns die Sirenen. Wir zogen uns eilends an und stiegen in den Keller. Blohms gingen unter die Kirche. Der Angriff war sehr stark u. dauerte etwa 1 1/2 Stunden. Unheimlich war das Lärmen der Motoren über uns, das Sausen der Bomben und die unheimlichen Einschläge. Wir beteten laut, sagten Verse, Psalmen und Katechismusworte auf, schmiegten uns aneinander und spürten an der Ruhe des Herzens, daß der Herr uns nahe war.

Als der Angriff vorüber war, gingen wir nach draußen. Unsere nächste Umgebung war nicht beschädigt. Aber in der Ferne sah man Feuerschein, und der ganze Himmel war rot. Der Sturmwind tobte. Menschen füllten die Straßen. Die Wasserleitung versagte. In der Schule nebenan war die Aufnahme- Verpflegungsstelle für die Obdachlosen. Meine Frau ging mit Fräulein Lottchen die Eilenau zum Löschen. Ich setzte mich mit Pastor Hasselmann in die gemütliche Ecke meines Amtszimmers. Er war ja aus Essen dergleichen gewohnt. Ich war dankbar, daß wir wieder verschont geblieben waren. Endlich gingen wir zur Ruhe.

Um 6 Uhr morgens klingelte es heftig. Die Polizei verlangte, daß die Kirche für Obdachlose und zum Unterstellen von Sachen geöffnet werde. Ich sah ein, daß wir in der Kirche keinen Gottesdienst halten könnten. Dauernd kamen Gemeindeglieder und berichteten, daß im Eilbeker Weg und in anderen Teilen Eilbeks die Häuser brannten, von andern Stadtteilen zu schweigen. Unter diesen Umständen hatten wir nur eine kurze Nachtruhe.

Am folgenden Tage wurde es überhaupt nicht hell. Der Rauch der Feuersbrunst verdunkelte völlig die Julisonne. Der Gottesdienst fand in meinem Studierzimmer statt. Pastor Hasselmann hielt uns eine ergreifende Andacht. Manche kamen zur Kirche und erfuhren gar nicht, wo der Gottesdienst sei. Abends ging ich mit meiner Frau durch den Eilbeker Weg. Wir konnten an den Häusern von Frau Heiber u. Fräulein Prall nicht durchkommen. Es war abgesperrt. Diese treuen Menschen lagen tot unter den Trümmern. Wir gingen durch die Otto- und Maistraße zur Wandsbeker-Chaussee, wo viel zerstört war, und gelangten über die Ritterstraße an die Friedenskirche. Der Dachstuhl war ausgebrannt. Von Pastor Wehrmann erfuhren wir, daß der Organist Claudius sich sehr verdient gemacht hatte, den Turm zu retten.

Am Montag schien wieder die helle Sonne. Aber nun erfuhr man auch, daß ein Drittel unseres Vorortes zerstört war. Schreckensnachrichten kamen aus Eimsbüttel, aus Altona, St.Georg, dem Hammerbrook. Ich besuchte das Gemeindehaus an der Friedensstraße und ließ mir von den Schwestern erzählen, was sie durchgemacht hatten. Die SHD-Männer waren eine gute Hilfstruppe gewesen. Aber wie traurig sah es gerade in dieser Gegend aus! Im Eilbektal füllte sich der Konfirmandensaal mit Menschen, die von meiner Frau und Fräulein Lottchen mit Kaffee und Suppe verpflegt wurden, weil die Schule dem gewaltigen Andrang nicht gewachsen war. Stühle wurden in den Vordergarten und auf die Straße gestellt. Da saßen nun die traurigen Menschen, die außer ihren Luftschutzkoffern nichts gerettet hatten, und warteten auf die großen Autos, die sie aufs Land befördern sollten. Ich ging in meiner schwarzen Samtjoppe mit der langen Pfeife durch die Reihen, sprach mit allen und erkundigte mich nach ihrem Erleben. Es waren viele Fremde, aber auch manche treue Gemeindeglieder darunter.

So ging es auch an den folgenden Tagen. Unser Pfarrhaus war eine Herberge, zur Heimat geworden. In allen Betten schliefen Heimatlose: Lenchen Dammann mit ihrer Mutter, Herr und Frau von Damm, Martha Krull und ihre Mutter, Frau Falke, Grete Rose und ihr Vater, Frau Gerber und manche anderen. Der Strom der Besucher riß nicht ab. Man stellte die Koffer bei uns ein, Bilder und Andenken wurden von Abreisenden hinterlegt. Sogar zwei Vogelbauer hatten wir zu beherbergen. Wie sich die Kirche mit Möbeln, Koffern und Körben füllte, so hielt man auch das Pastorat für unantastbar. Meine Frau kam in diesen Tagen nicht zur Ruhe. Sie wetteiferte mit Lottchen am Herde mit Kochen, und Hunderte von Leuten bekamen ihr Essen und Trinken, von früh bis spät.

Reinhold Kerner besuchte uns mit seinem ältesten Sohn am Montag Abend. Jochen kam mit Ilse am Dienstag. Er hatte aus seinem Lazarett Urlaub bekommen und es war uns ein großer Trost, daß seine Familie in Rothenburgsort (St.Thomas) nicht allein war. Wir erwarteten ja alle einen neuen Angriff. Meine Schwester Clara (Wandsb.Ch.) kam zu uns, denn ihre Hausgemeinschaft wollte nicht mehr im Hause bleiben, weil doch kein Wasser zum Löschen da war. Sie wollten in einen der großen Bunker am Eilbeker Weg gehen.

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mußten wir wieder den Keller aufsuchen und dieselben Schrecken wie in der Sonntagsnacht durchmachen, nur daß diesmal die Gefahr noch näher zu sein schien. Wir seufzten, wenn immer neue Wellen von feindlichen Bombern gehört wurden, die ziemlich dicht über uns schweben mußten.

Als der Angriff vorbei war, überzeugten wir uns, daß unser Haus noch intakt war, ebenso die Kirche. Die Funken auf dem Dach des Konfirmandensaals gossen wir aus. Das Dach der Sakristei konnten wir mit der Feuerspritze löschen. Von Herrn Geller war in dieser wie in der ersten Nacht nichts zu sehen. Er half irgendwo, vielleicht bei seiner Schwester. Aber Herr Cornehl vertrat ihn mit Eifer. Es brannte gegenüber in der Lortzingstraße 1. Das Eckhaus der Friedrichsbergerstr., in das Herr Blohm ziehen wollte, stand in hellen Flammen. Bald kamen Linkes rauchgeschwärzt aus der Kiebitzstraße, Brandts und Schätzles aus der von Essenstraße, Nymphis und Fräulein Casper aus der Auenstraße: sie hatten alles verloren. Nimphys weinten um ihren Sohn, der in Timmendorf beim Baden ertrunken war und dessen kleiner Sarg auf dem Tonndorfer Friedhof stand, ohne daß er ins Grab gesenkt werden konnte. Der Vater hat es dann später selbst getan. Ich saß auf dem Vorplatz die halbe Nacht und nahm mich mit meiner Frau dieses Elendsstromes an. Justinus Kerner kam auch und fragte, ob seine Eltern und Geschwister bei uns schlafen könnten. Auch ihr Haus in Wandsbek war ein Raub des Feuers geworden.

Draußen heulte der Feuersturm und entwurzelte die Bäume, eine Folge des unheimlichen, teuflischen Phosphors. Gerüchte kamen, daß ganz Hamm und Rothenburgsort, Hohenfelde und Uhlenhorst ein Flammenmeer sei. Es war einfach furchtbar, und wir fanden in der Nacht nur wenig Schlaf. Am Mittwoch war wieder tiefe Nacht auf den Straßen obwohl draußen vor der Stadt die helle Julisonne vom Himmel brannte. Wieviele Obdachlose haben weit draußen im Freien gelegen! Es brannte wieder ein Drittel von Eilbek nieder, auch das Gemeindehaus und das alte Pastorat der Friedenskirche. Pastor Remé war auf Sylt bei seiner Tochter.

Der Andrang im Konfirmandensaal war noch größer als sonst. Meine Frau konnte gar nicht an ihre eigenen Sachen denken. Dazu löste ein Besuch den andern ab. Groß war unsere Sorge um Jochen und seine Familie. Georg Jungheinrich war tapfer über rauchende Trümmer bis zu seinem Pfarrhaus neben der Thomaskirche durchgedrungen. Alles zertrümmert und in Rauch gehüllt. Er tröstete uns, daß die Familie gewiß gerettet sei. Ich glaubte es nicht, und wir trugen in uns den Schmerz, daß unsere Kinder nicht mehr am Leben seien, hatte doch gerade das dicht bebaute Rothenburgsort, ebenso wie Hammerbrook, die meisten Toten.

Barmbeck war noch ziemlich intakt, auch das Eilbektal. Als Pastor Wilhelmi mich Donnerstag besuchte, konnte ich ihm, der eben aus St. Peter zurückgekehrt war und der gern jemand aufnehmen wollte, Pastor Ladendorf empfehlen, dessen Wohnung in der Sievekingsallee zerstört war. Manchen gab ich den dringenden Rat, schleunigst abzureisen. Fuhren doch dauernd die großen Sammelwagen vor unserm Hause ab. Marianne trennte sich weinend von uns, als wir sie Meißners und Maria Geller mitgaben. Herr und Frau Mahn befolgten meinen Rat leider nicht, Eisenbergs aus Lottchens Gemeinde taten es zu ihrem Heil. Ich lieh ihnen sogar ein Rad, das jemand bei uns untergestellt hatte. Ich wäre selbst am liebsten weggefahren, hatte aber als Kapitän auf meinem Schiff auszuharren.

Ilsabé war Donnerstag gekommen. Sie hatte es in Heiligendorf nicht mehr ausgehalten, als sie im Radio die Schreckensnachrichten hörte. Eine abenteuerliche Fahrt lag hinter ihr. Ich war zuerst erschrocken, als ich sie sah. Ich hätte sie lieber in Sicherheit gewußt; aber sie hat, durch ihre Erfahrungen in Duisburg gewitzigt, uns wertvolle Dienste getan.

In der Nacht auf Freitag entlud sich das Ungewitter über uns, schrecklicher als je zuvor. Diesmal merkten wir, daß unsere bisher verschonte Ecke gemeint war. Schlag auf Schlag folgten die entsetzlichen Entladungen in unmittelbarer Nähe. Die Fenster klirrten, und oft dachten wir, daß unser letztes Stündlein gekommen sei. Wir fünf saßen dicht zusammen in dem großen Raum bei der brennenden Kerze. Einer Eingebung folgend, hatte ich aus Peters, Gesas und meinem Zimmer die wertvollsten Bücher und Bilder nach unten gebracht; Ilsabe hatte mir dabei assistiert. Auch die Wäsche aus unserm Waschtisch hatte ich in einem Koffer gesichert. Meine Frau hatte ja nur für andere gesorgt. Wir stärkten uns in der Hölle, die über uns entfesselt war, wie in den vergangenen Nächten durch laut gebetete Kernworte und erlebten die wunderbare Kraft des Wortes Gottes und die spürbare Nähe des Herrn und seiner heiligen Engel, so daß wir uns unter seinen Flügeln geborgen wußten.

Wie dankbar waren wir, als der Angriff aufhörte und Haus, und Kirche noch stand! Aber unser stiller Raum füllte sich bald mit Leuten aus dem gegenüberliegenden brennenden Etagenhause, die es in ihrem Keller nicht mehr aushalten konnten. Herr Geller wirkte allein über uns und rettete noch allerlei. Niemand stand ihm zur Seite. Herr Cornehl war unten bei uns. Dauernd stürzten die Balken über unseren Köpfen nieder. Würde die Decke halten? Als wir um 1/2 9 den heiß gewordenen Raum, in dem man nicht mehr atmen konnte, verließen, stand das Dach schon in Flammen und an den Fenstern und Türen züngelte die schreckliche Phosphorglut.

Wir gingen um die Kirche herum über die Brücke in die Lortzingstraße, sahen den völlig ausgepumpten Kanal, die brennende Schule und lagerten uns in den Anlagen am Krankenhaus-Friedrichsberg. Ilsabe ging noch wiederholt zurück, um manches zu retten. Ich selbst suchte auch noch einmal den Keller auf, fand meinen alten schwarzen Velourhut und kehrte zu den Meinen zurück. Der Blockwagen war schon hochbeladen mit Koffern und Sachen. Um 1/2 11 brachen wir auf.

Die Losung hieß "Anathot!" Von da sollte es zum Rahlstedter Bahnhof gehen. Wir wollten über Lübeck den Zug nach Lüneburg bekommen, der uns nach Ülzen, Lehrte, Braunschweig, Neindorf bringen sollte. Denn unser Ziel war Heiligendorf. Wir verließen die brennende Stadt, dankten Gott für unsere Rettung .-- Die größte Freude stand uns ja bevor; als wir am Sonnabend Nachmittag in Heiligendorf unsern Jochen und die Seinen wohlbehalten antrafen. Die Engel Gottes hatten uns behütet und gnädig geleitet. "Vergiß nicht, was Er dir Gutes getan hat!"


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