Die handschriftlichen Aufzeichnungen haben in den allgemeinen Unterlagen der Familie gelegen. Da ich feststellte, daß im Laufe der Zeit die Bleistiftschrift verblaßte, die Handschrift meines Bruders nicht von jedermann gelesen werden kann, habe ich mich nach Rücksprache mit meinem älteren Sohn entschlossen, die Aufzeichnungen zu übertragen.
Die Berichte hatte er im November 1941 zum Anlegen einer Kompaniegeschichte an der Front teilweise mit der Maschine geschrieben, so daß ich die Ortsnamen korrekt übertragen konnte. Für 2 ½ Berichte liegen also sowohl die handschriftlichen als auch die maschinengeschriebenen Exemplare vor. Beim Bericht für die Zeit vom 29. 08. bis 02. 09. 1941 hat er nur die ersten drei Seiten der handschriftlichen Aufzeichnung in Maschinenschrift übertragen. Somit ist es von da ab also möglich, daß sowohl Person– als auch Ortsnamen nicht richtig von mir übertragen worden sind. Diese habe ich mit (?) gekennzeichnet. Den Bericht beim Wasserturm konnte er aus seinem Tagebuch vom 29. September 1941 bis 03. Januar 1942 gut rekonstruieren, wie er selber schrieb.
Aus im Fotoalbum liegenden Zeitungsberichten der "Front"–Zeitung habe ich die Berichte "Um eine Straße" (von Narwa nach Kingissepp) und "Kingissepp" des Kriegsberichter Dr. König als Ergänzung der Berichte meines Bruders zur Vervollständigung übernommen.
Ferner habe ich die Karte von Kingissepp aus der Zeitung und aus dem Album diverse Bilder gescannt und entsprechend eingefügt. Bei den Bildern aus der Zeitung habe ich die Quelle jeweils vermerkt, bei den übrigen Bildern handelt es sich um Aufnahmen, die in dem Fotoalbum meines Bruders sind und überwiegend von ihm selber gemacht wurden. Es sind auf dem zweiten Bild vom Wasserturm deutlich die Einschüsse der russischen Panzer zu sehen. Es wurden auch Bilder eingefügt, die Situationen zeigen, die weder im Tagebuch noch in den Berichten aufgeführt wurden, wobei ich versucht habe, diese entsprechend der Chronologie zu plazieren.
Beim Kriegsausbruch am 01. September 1939 meldete sich mein Bruder, der als Schiffbaupraktikant bei der Lübecker–Maschinenbau–Gesellschaft sein studiumsvorbereitendes Praktikum absolvierte, kriegsfreiwillig zur Luftwaffe. Bei den fliegerärztlichen Untersuchungen stellte sich heraus, daß er wegen eines zu hohen Blutdruckes nicht fliegertauglich sei. Er ging daraufhin zu einer Infanterie–Geschütz–Einheit. Seine militärischen Einheiten waren lt. vorliegendem Wehrpaß folgende:
01. 12. 39 bis 19. 02. 40 Inf. Geschütz–Ers.–Komp
225, Hamburg–Wandsbek
20. 02. 40 bis 24. 05. 42 13. Komp. I. R. 154 in der
58. I D.
25. 05. 42 bis 12. 08. 42 2. Komp. Genesungs Batl. 58
13. 08. 42 bis 11. 10. 42 J.G.Ers. Komp. 58
12. 10. 42 bis 13. 12. 42 Schule IV für Offz. Anw.
der Inf., Beverloo/Belg.
14. 12. 42 bis 15. 03. 43 Gren. Gesch. Ausb. Komp. 58
16. 03. 42 bis 28. 05. 43 13. Komp. Gren. Reg. 209 in
der 58 G.D.
Er wurde während seiner Dienstzeit laut Wehrpaß
wie folgt befördert:
01. 06. 40 Gefreiter
01. 12. 41 Obergefreiter
01. 05. 42 Unteroffizier
01. 12. 42 Feldwebel
01. 12. 42 Leutnant (d.R.)
01. 05. 43 Oberleutnant (d.R.) beim Gren. Reg. 6 (Lübeck)
(posthum)
Als Auszeichnungen erhielt er am
28. 08. 41 E.K. II. Klasse
01. 11. 41 Inf. Sturmabzeichen in Silber
01. 08. 42 Ostmedaille (genannt Gefrierfleischorden)
Nach der Grundausbildung wurde er an den Westwall im Raum der Saarschleife, nach Merzig und Orscholz verlegt. Von dort zog er am 10. Mai 1940 mit seiner Einheit, der 13 Kompanie des IR 154 als Richtkreiser in den Frankreichfeldzug. In Beaumont, an der Belgisch–Französischen Grenze, wurde die Einheit fast aufgerieben, wobei die französische Artillerie auch Gasgranaten verschossen haben, die aber wirkungslos blieben. An Hand von ausgegrabenen Blindgängern stellte man fest, daß das Granaten von der Firma Krupp aus dem Jahr 1918 gewesen und als Reparationen ausgeliefert worden waren.
Das Ende des Frankreichfeldzuges erlebte er dann in Toul, wurde dann aber kurz darauf nach Vervier in Belgien verlegt. Im September 1940 kam er zum ersten Mal und am 23. November 1940, einem Sonnabend, kam er zum zweiten Mal und Ende März 1941 zum dritten Mal jeweils für 14 Tage auf Urlaub.
Im Frühjahr 1941, nach seinem letzten Urlaub, wurde seine Einheit nach Ostpreußen verlegt, von wo er dann ab 22. Juni 1941 den Feldzug gegen Rußland mit machte. Wie er im Juni 1942 mündlich berichtete, wurden die deutschen Soldaten im Baltikum wie die Befreier empfangen, auch rollten ihnen noch kurz hinter der Grenze Getreidezüge entgegen, die die Russen vertragsgemäß liefern sollten. Über die baltischen Länder und den Ilmensee kamen sie bis vor Leningrad und erlebten den Winter 1941/42 vor Leningrad bei großer Kälte. Der Extremwert soll –56° gewesen sein, so daß im Erdbunker das Wasser neben dem glühenden Kanonenofen gefroren war. Die Einheit hatte wegen des Frostes mehr Ausfälle, als durch Feindeinwirkungen.
Die Verpflegungslage war sowohl auf der deutschen als auch auf der russischen Seite sehr schlecht. So wurde auf deutscher Seite beobachtet, wie die russischen Soldaten bei ihren gefallenen Kameraden Fleisch aus dem Oberschenkel schnitten. Auf die Frage, wovon sie selber gelebt hätten, sagte er: "Wir hatten unsere Pferde".
Der nächste Urlaub war dann im Juni 1942, als er zur Offiziersschule sollte. Gleich in den ersten Tagen zu Hause bekam er Fieber und Schüttelfröste, so daß ihn der Standortarzt, Oberstabsarzt Dr. Harke in Mölln, sofort per Sanitätsauto nach Lübeck ins Lazarett bringen ließ. Dort stellte man dann nach einigen Tagen fest, daß er Malaria habe. Ich habe dort einen solchen Malariaanfall miterlebt, als ich ihn im Lazarett besuchte. (Ich machte in Lübeck mein Praktikum bei Dornier als Vorbereitung zum Studium für den Flugzeugbauingenieur). Er wurde von Lübeck ins Tropenkrankenhaus nach Hamburg verlegt. Er wurde aber wieder soweit geheilt, daß er zur Offiziersschule fuhr und auch als Leutnant zurück kam.
Im März 1943 ging er dann wieder auf eigenen Wunsch zurück in die alte Division, aber diesmal in des Nachbarregiment 209 als Zugführer in der 13. Kompanie, wo er dann an meinem 19. Geburtstag 1943 gegen 15.00 Uhr tödlich verwundet wurde. Kurz vorher hatte er noch eine Karte an mich geschrieben und mir mitgeteilt, daß er mit Leutnant Dr. Beese (später Rechtsanwalt und Notar in Mölln), dem Artilleriebeobachter, einen Flasche Cognac auf mein Wohl geleert und sie dann "erschossen" habe. Diese Karte erhielt ich in Südfrankreich, in Berre l’Etang, wo ich bei der Luftwaffen stationiert war, am Tage seiner Beerdigung am 06. Juni 1943, gleichzeitig mit dem Telegramm meiner Mutter, daß mein Bruder an meinem 19. Geburtstag den Heldentod gestorben ist.
Während meines Urlaubes kamen dann auch die Privatsachen
von ihm aus Rußland. Darunter befanden sich auch die nun folgenden
Berichte, das Tagebuch und die beiden Zeitungsausschnitte.
Laudenbach, am 14. November 1998
Gerhard Friedrich Dose