Einsatz an der Jura am 24. Juni 1941
 

An einem Bach im hohen Tannenwald war der Rastraum unserer Kompanie. Herrliches Sonnenwetter ließ den nun beginnenden Krieg vergessen. Man pflegte sich, seine Sachen und die Pferde. Der Bach, der klares, kühles Wasser führte, gab einem Gelegenheit dazu. In Russenbunkern hatten wir die erste Nacht in Feindesland verbracht. Man sah den gewaltigen Unterschied zwischen unserer Heimat und diesem Ostgebiet Litauens. Man stelle Erwägungen an, wie lange der Feldzug wohl dauern würde und in welcher Form er sich uns gegenüber einmal verhalten wird. Aber schon hörte man die ersten Erfolgsnachrichten, Tauroggen sei gefallen.

Aber in aller Geschäftigkeit für Mann und Pferd, in alle Gedanken hinein kam der erste Einsatzbefehl gegen die Russen. Um 19.00 Uhr sollte der Angriff sein. Nun wollte sich jeder im verstärkten Maße der Ruhe widmen. Die Gesichter spiegelten die Stimmung wieder. Manche lächelten verlegen in der Freude des ersten Einsatzbefehles. Viele zeigten aber ein ernstes, besonnenes Gesicht. Jeder hatte eben seine Gedanken und Vorstellungen. Auch hatte jeder die viel besagte Angriffsstimmung, in der der eine noch einen Brief schreibt, der andere noch einmal seine Waffen nachsieht und der dritte in Besinnlichkeit ißt und anschließend seine Zigarette raucht.

13. Komp. IR 154 auf dem Vormarsch in der Jura

Nun sollte es losgehen! Auf der Straße trabte die Artillerie schon vorüber. "Erster Zug fertigmachen" wurde befohlen. Jeder griff nach seinen Sachen. Oberleutnant v. Kempski gab noch einige Anweisungen. Und nachdem man aufsaß, fädelte sich unser Zug ein in das Band der Kolonnen auf der Straße. In der Aufregung des ersten Einsatzes nach einem Jahr Erholungszeit gab das Bild der Vorwärtsbewegung auf den Wegen den Anschein eines Durcheinanders. In der glühenden Sonne, im unbarmherzigen Staube, bei dem sich einstellenden Durst hörte man die ersten Bomben detonieren. Fontänen, die plötzlich in den Himmel ragten, fielen in sich zusammen. Man erschrak, irgend ein anderer Knall beunruhigte die Landser zuzüglich. Aber in allen Vorbereitungen zum Gefecht, beim Wählen der Feuerstellung und der B–Stelle, beim studieren des Einsatzbefehls verließen die ersten Granaten krachend und heulend die Rohre der Batterie v. Couven. Nervös zuckte man unwillkürlich zusammen, saß einem der Tag von Beaumont (Belgien, 09. Juni 1940) doch noch in den Gliedern.

Nun kam der Moment für die Infanterie. Die MGs ratterten und das dritte Bataillon griff an. Das Bild war das gleiche wie bei einem Übungsangriff in Sissonne (Frankreich). Weit ausgeschwärmt liefen die Landser der untergehenden Sonne entgegen, die rotglühend dicht über dem Horizont stand und deren Licht der Moränenlandschaft ein rötliches, schönes Antlitz gab. Aus unserer Feuerstellung gingen einige Gruppen dem Feind entgegen, bis man aus rauhen Landserkehlen von vorne hörte: "Feuer vorverlegen!" Major Schwarting aber, der unvergeßliche, unvergleichliche Mann, strahle seine gewohnte Ruhe aus. Noch verhielt der Feind sich einigermaßen ruhig. Jetzt hatte unsere Infanterie die erste Anhöhe genommen, hinter der wir die Gruppen setzten. "Stellungswechsel nach vorwärts," befahl Leutnant Münstermann. Und beim Vorwärtsgehen wurde die Abwehr des Gegners aktiver. Die ersten Landser bissen ins Gras. Sowjetgranaten erfüllten ihre unheilvolle Mission. Das kurze, heftige Zischen der Infanteriegeschosse vernahm man deutlich. Drüben am feindlichen Wald sah man das Mündungsfeuer von Russengeschützen. Gottlob saßen prompt die Granaten der Batterie v. Couven in jenem feuerspeienden Raum. Die Sowjets schwiegen.

Inzwischen hatte die Sonne sich gesenkt, nur einige Leuchtkugeln und der große Waldbrand, entzündet durch deutsche Granaten, erhellten die Dämmerung. Melder liefen, die Befehle zum Sammeln und Durchkämmen zu überbringen. Major Schwarting hörte selbst den Funkspruch eines Spähtrupps ab: "Gegner zieht sich auf der Straße X–Y in Trab und Galopp zurück, – kommen – . Damit war das Gefecht für uns siegreich beendet.

Gefreiter. Wolf Dose in der Jura

Unsere Gegner trugen blaue Schirmmützen, vielleicht waren es Polizeitruppen. Auch ihre Verteidigung war nicht regulären Sowjettruppen entsprechend. Einige Versprengte beunruhigten aber noch die Nacht. Am nächsten Morgen ging der Vormarsch weiter.

Gefr. Wolf Dose, im November 1941



Deutsche Soldatengräber, Gefallene vom 17. 07. 1941


Deutsche Soldatengräber, Gefallene vom 17. 07. 1941