Gefecht zur Öffnung der Straße Narwa–Kingissepp
(14. August bis 19. August 1941)
Kriegsberichter Dr. König in der Soldatenzeitung
"Front".
Eine deutsche Division (58. ID) hatte in Eilmärschen ostwärts des Peipussees, die von schweren und außerordentlich erfolgreichen Gefechten unterbrochen waren, den Zusammenfluß von Narwa und Pljussa, 7 km vor der Stadt Narwa erreicht. Damit hatten sie die Basis für einen Angriff gegen die Lugastellung und zur Öffnung der Straße nach Kingissepp erkämpft. Durch viele Wochen kam ihr nun die schwere Aufgabe zu, den riesigen Raum zwischen dem Ausfluß der Narwa aus dem Peipussee bis vor Narwa und die Ufer der Pljussa auf der anderen Seite bis in die Höhen von Gostizy zu halten. Die Front erfuhr später durch den Alleingang eines Regiments (IR 209), das sich durch die Moore und Sümpfe bis Kingissepp durchschlug noch eine Verlängerung von vielen Kilometern, so daß sie eine Zeit lang 100 Kilometer maß.
Keiner, der an diesen Kämpfen um die Erhaltung und Erweiterung dieser Stellung teilgenommen, wird sie vergessen.
Zwischen den beiden Flüssen breitet sich nördlich von Niso ein ödes, riesiges Moor. Die Straße, die von Gdow nach Narwa führt folgt im allgemeinen dem Flußlaufe der Pljussa, die zwischen ihren steilen, sandigen Ufern in zahlreichen Windungen nach Norden fließt. Unmittelbar vor dem Zusammenfluß der beiden Flüsse überschreitet die Straße auf einer Brücke die Pljussa. Die Brücke war von den Rotarmisten gesprengt worden. Gegenüber hatten sie –wie sich später herausstellte– ein Bunkersystem errichtet, das festungsartigen Charakter hatte. Das bewaldete Gelände nördlich dieses Brückenkopfes überhöht bedeutend das Gelände diesseits, das in unseren Händen war. Das Gelände diesseits bot außer niedrigem Strauchwerk und buschigem Wald, der am Rande der Straße längs des Moores wuchert, keinerlei Deckung gegen Sicht. Ein Eingraben war überhaupt unmöglich. Nur am Rande des Straßendammes konnten sich die Infanteristen und Panzerjäger, die dort wochenlang aushielten, flache Löcher einkratzen. Wenige Meter neben der Straße begann das Moor, lauerte der Tod des Versinkens in dem trügerischen Gräsergewirr. Die Artilleriebeobachtung stand vor fast unlösbaren Problemen. Um so günstigere Beobachtungsmöglichkeiten hatte der Feind. Wochenlang lag diese eine (deutsche) Stellung, die unter den vielen an der langen Fronte der Division wegen ihrer Bedeutung und ihrer Ungunst besonders hervorgehoben wird, unter schweren Beschuß aller Kaliber. Schwere Küstengeschütze lösten leichte Kaliber ab, die nächste halbe Stunde brachte Rataangriffe, die Nächste regelmäßig Bombenangriffe. Vielleicht schlimmer aber als diese Feuerüberfälle und Luftangriffe war die Tag und Nacht andauernde Mückenplage. Billionen von Mücken schwirrten stets über den Lachen des Moores, und jeder Sonnentag brütete neue aus. Die Männer aber, die diesen Brückenkopf durch mehr als drei Wochen hielten, harrten aus. Die Köpfe mit Tüchern eingebunden, kauerten sie in ihren Löchern, bartstoppelig, durstend, abgemagert von den Anstrengen eines 1000–Kilometermarsches und zahlloser Waldgefechte, hielten aus bis der Sturmtag kam. Der Angriff, der die Stellung der Roten jenseits der Pljussa aufbrach und den Weg zur großen Rollbahn nach Kingissepp der Division öffnete.
Der Angriff der Division auf den Brückenkopf erfolgte am 14. August (1941). Auf schmalsten Raum mußte angegriffen werden. Der Sumpf erlaubte nach keiner Richtung hin eine Verbreiterung der Front. Die Divisionsgeschichte erzählt: "In überraschendem Angriff gelang es, die stark befestigte Stellung der Roten am anderen Ufer zu nehmen und zu durchbrechen, trotz stärkerem Artilleriebeschuß und großer Verluste."
Hinter diesem sachlichen Worten verbirgt sich bescheiden der heldenhafte Einsatz des Regiments (IR 154). Der tiefe und breite Fluß mußte mit Floßsäcken überschritten werden, im unmittelbaren Feuerbereich der roten Bunker. Die rote Artillerie war haargenau auf den schmalen Streifen eingeschossen. Die Brücke, die die Pioniere in einem Sperrfeuer, das Weltkriegsausmaß annahm, bauten, wurden immer von neuem zerschossen. Alle schweren Waffen mußten in dem vom Gegner restlos eingesehenen Gelände in Fähren über den Fluß gebracht werden. Stunde im Stunde dauerte das schwere Ringen auf engsten Raume. Die roten Truppen, die auf der anderen Seite saßen, kämpften verbissen und stur. Die eigene Artillerie hatte aus den schon o. erwähnten Gründen, eine außerordentlich schwierige Beobachtung. Und doch gelang der Durchbruch. Am frühen Nachmittag waren die Vororte Narwas erreicht. Verstärkung aus anderen Regimentern waren nachgezogen. Die Hölle lag hinter den Männern. Sie hofften auf einige Stunden Ruhe, sie atmeten auf. Da brach plötzlich von der nur schwach gesicherten Flanke her der Gegenangriff der Roten aus den Wäldern. Das war am 14. August nachmittags. Bis zum 18. August dauerten die Angriffe der Roten auf unseren Brückenkopf, Drei Tage lang, drei mal 24 Stunden. Sie arbeiteten sich manch-mal so nahe heran, daß man deutlich ihre Gesichter erkennen konnte. Doch der Brückenkopf, in den man die herausgezogenen Regimenter Zug um Zug eingesetzt hatte, hielt. Die erschöpften Männer hatten begriffen, worum es hier ging. Sie hatten zu lange vor Narwa gelegen, um nicht in dieser Zeit die Bedeutung dieser Stadt erfaßt zu haben. Die rollenden Gegenangriffe der Roten wurden immer wieder abgeschlagen. Auch bei zahlenmäßiger Unterlegenheit, trotz der Ungunst des Geländes und des Klimas.

An der estnisch-sowjetischen Grenze vor den Befestigungen auf der Straße Foto: "Front"–Zeitung, Dr. König
War das Nehmen der Stellung eine schweres Stück Soldatenarbeit gewesen, das Halten wurde noch schwerer. Wurde eigentlich um das erbärmliche Stück Sumpfwiese und Wald gerungen? Nein, nicht um diesen durchbluteten Streifen ging es. Sondern um den Durchbruch zur Straße von Narwa nach Kingissepp. Am 18. August war das Ziel erreicht. Die Division konnte den Einheiten, die von Estland her den Westteil Narwas genommen hatten und einen Brückenkopf am Ostufer des Stromes unterhalb Iwangorod gebildet hatten, die eine Kriegsbrücke gebaut und begonnen hatten, den Strom zu überschreiten, die Hände reichen. Sie machte nun, da sie ja jetzt die Rückenfreiheit besaß, rechtsum und verfolgten die auf der Straße von Narwa nach Kingissepp zurückgehenden Roten, die Reste der zerschmetterten Division.
Während dieser Tage hatte ein Regiment (IR 154) im Alleingang den Weg nach Kingissepp erzwungen. Zur Flankensicherung ostwärts der Division eingesetzt, völlig auf sich selbst gestellt in den riesigen Mooren, die fast weglos zwischen Lugo und Piota sich dehnen, hatte es seinen Alleingang hart und zielsicher begonnen. Kingissepp war gegen Süden durch einen mehrfachen Bunkerring, mit schweren Betonbunkern geschützt, zwischen denen sich dicke Minenfelder tückisch verbargen. Beide Flanken des Regiments, das seinen ganzen Troß mit durch diese Ödlande führen mußte, waren die ganze Zeit bedroht. Dennoch gelang das Unternehmen. An die 200 Bunker wurden von diesem Regiment an diesen entscheidenden Kampftagen "aufgeknackt", ungezählte Minen ausgegraben und aufgelesen. Der Westteil Kingissepp wurde genommen und das Regiment trat nun gegen Westen von Kingissepp nach Narwa an. Die Roten, die die Stellungen bei Dubrovka hielten, waren von der Division in die Zange genommen.

Straße von Narwa nach Kingissepp. "An dieser oder
ähnlichen Stelle fand jener Galopp statt, den ich im Tagebuch erwähnte"
hat mein Bruder auf das Bild geschrieben. Foto: "Front" – Zeitung, Dr.
König
Die Rollbahn nach Leningrad beginnt hinter Iwangorod, der einst mächtigsten slavischen Ringburg des Ostens. Schnurgerade läuft sie nach Osten, an den sauberen Einzelhöfen der Esten vorbei, die, damals verlassen und von den zurückflutenden Roten geplündert, traurig dalagen. Manches Gehöft war sinnloser Brandlust und einem wilden Zerstörungsrausch zum Opfer gefallen, erschossenes Vieh lag auf den Koppeln, die Bewohner waren in die Moore geflohen. An der estnisch–sowjetischen Grenze stand ein riesiger hölzerner Wachturm. Das bekannte Grenzzeichen, das überall an den Grenzen der Sowjetunion, von den angrenzenden Staaten und der Union errichtet worden waren. Diese Türme hatten einmal als MG–Wachtürme ihre Aufgaben in der an provozierten Grenzüberfällen so reichen Geschichte der Sowjetgrenzen. Aber wenn er nicht dort gestanden hätte, hätten die anrückenden Deutschen erkannt, daß sie wieder das Gebiet der alten Sowjetunion erreicht hatten. Die Verlotterung und das Elend beginnen weniger Meter hinter der Grenze. Die Armut der ausgeplünderten Bevölkerung und das Ergebnis ihrer Fronarbeit, zu der sie ein wahnsinniges System zwang: die schweren Bunker. Sie hatte die Division aufzubrechen. Eines der bewährten Regimenter wurden eingesetzt und ihm zur Unterstützung schwere Flak zugeteilt.
Die Stoßtrupps kamen in dem völlig verfilzten Unterholz des Waldes nur schlecht vor. Sie und die Kompanien, die in den Straßengräben lagen und die Bedienung der Flak, die frei auf der Straße stehen mußte, hatten ständig schwer unter dem Granatwerferfeuer der Roten zu leiden. Aber immer wieder sprangen die Männer der Flak an ihr Geschütz. Ohne das Feuer, das ihnen manchmal von allen Seiten entgegen schlug, zu achten, richteten sie ihr Geschütz auf die Schießscharten ein und erledigten einen Bunker nach dem anderen.
Am 19. August war die schwere Kampfphase, die Öffnung der Straße von Narwa nach Kingissepp abgeschlossen. Die Stellung bei Dubrovka war durchstoßen, die Roten links und rechts der Rollbahn im Zurückfluten. Zu hunderten lagen ihre Leichen an den Straßen und in den Wäldern.