Kingissepp
(20. August bis 25. August 1941)
Kriegsberichter Dr. König in der Soldatenzeitung "Front".

Anmerkung:
Der Kriegsberichter Dr. König berichtet in dem nachfolgenden Bericht über dieselben Kampfhandlungen, wie mein Bruder in dem danach folgenden Bericht.

Am 20. August als sich die Division, die die Straße bei Dubrovka geöffnet hatte, Kingissepp näherte, war das Regiment der Infanterie–Division, die Kingissepp vom Osten kommend genommen hatten, heftig von Norden angegriffen worden. Der Feind, der in den Wäldern im Norden saß, die unmittelbar bis an die ersten Häuser des Ortes heranreichen, versuchte mit starker Artillerieunterstützung bei Kingissepp durchzubrechen. Die Angriffe der Sowjets waren groß angelegt und hartnäckig und wurden von an Zahl den unsrigen stark überlegenen Einheiten vorgetragen. Kingissepp lag unter starkem Artilleriefeuer. Der Kommandeur der Division, die vom Westen kam, setzte sich an die Spitze eines Regiments und drang über die Kriegsbrücke des Regiments, das Kingissepp hielt, in den Ort ein. Das feindliche Regiment hatte sich im Laufe des 20. August bis auf den eigentlichen Ort zurückgezogen. Zähe hielt es sich gegen die immer wieder anbrandenden Angriffe der Sowjets. Der Regimentsgefechtsstand des Obersten lag in den vordersten Linien. Dorthin drang der General sofort vor und nahm die Verbindung mit dem Regiment auf. Nach einer Lagebesprechnung wurden die Regimenter der Division sofort eingesetzt. An weitere Vorstöße war zur Zeit nicht zu denken. Kingissepp mußte zunächst gehalten werden. Von dem Besitz des Großdorfes mitten in den Wäldern, die es von den Seiten umschließt, hing gewaltig viel ab. Starke motorisierte Kräfte und die Infanterie–Division, die Kingissepp genommen hatte, waren weiter nach Osten gezogen. Ein Durchbruch der Sowjets bei Kingissepp hätte die Einschließung der Kampfgruppe bedeutet. Sie mußte unter allen Umständen verhindert werden.

Alle Regimenter wurden zunächst zu einem Igel zusammengezogen.

An diesem und dem nächsten Tage zerschellte an diesem Igel die Angriffe der Bolschewisten. Sie wurden unter blutigen Verlusten abgewiesen.

Das erste Kampfziel des nächsten Tages war die Befreiung von Teilen der am weitesten nach Osten stehenden Division, die in den Kasernenanlagen ostwärts Kingissepp eingeschlossen worden waren. Das Regiment, das den Ort verteidigt und gehalten hatte, hatte bereits selbst Entsatz versucht. Seine Kräfte hatten aber nicht ausgereicht, die Eingeschlossenen zu befreien. Mitten im Walde ostwärts Kingissepp an der Rollbahn liegt ein großer Gebäudekomplex. Fremd und kalt liegen die steinernen Blöcke der Gebäude hinter den Stacheldrahzäunen. In dem Komplex hatte sich ein Teil des Trosses der Infanterie–Division, die nach Osten weitergezogen war, zur Nacht niedergelassen. Der Krieg im Osten hat den Inhalt vieler Begriffe gewandelt. Auch den Inhalt des Wortes "Front". Die Infanterie–Division, die sich unter stärkster Flankenbedrohung auf den wenigen Straßen durch die Wälder durchbissen, mußten jederzeit Angriffe auf ihre hintere Verbindung erwarten. Mehr als einmal mußte in diesem Feldzuge der Troß zu den Waffen greifen. Häufig genug entging er nur dank des energischen Widerstandes, den er leistete, der Vernichtung. Der Troß, der in den Kasernen lag, hatte nur schwache Verbindung zu dem Regiment seiner Division, die Kingissepp hielt und der Infanterie–Division, die inzwischen weitergezogen war. Als die Sowjets diese dünne Verbindung zerrissen hatten, war der Troß auf sich selbst gestellt. Er kämpfte Tage hindurch einen zähen, erbitterten Kampf. Er konnte nicht bestehen, die Übermacht erdrückte ihn, nur einem Teil gelang es, sich zu behaupten.

Der 20. August brachte die große Krise. Von allen Seiten wurde die Stellung angegriffen. Die Angriffe erreichten eine bisher nicht gekannte Wucht. Alle wurden abgewehrt. Mit blutigen Köpfen mußten sie Sowjets zurückweichen. Selbst die starke Panzerunterstützung, mit der sie ihre Angriffe vortrugen, hatte ihnen wenig genutzt. Um 3.00 Uhr nachmittags wurde zum Gegenangriff angetreten, der die Sowjets weit zurückwarf.

Die Angriffe auf Kingissepp ebbten langsam ab. So wie es die Lage erlaubte, trat die Infanterie–Division, die diesen Ort gehalten hatte, wieder an, um in Richtung Tikopis vorzustoßen. Am 23. August tritt ein Regiment von Tikopis auf Grafskaja Gora an. In Alexiewka wird stärkerer Feind festgestellt. Die Lage des Regiments ist ungünstig und noch am Abend muß das Regiment gegen den überlegenen Gegner antreten. Überraschend gelingt das Unternehmen. Noch vor Einbruch der Dunkelheit ist das Regiment in Alexiewka. Aber schon in den ersten Abendstunden greifen die Sowjets mit erdrückender Übermacht an. Die Kolosse überschwerer Panzer rollen an, durchbrechen immer wieder unsere Linie. Es kommt zu verzweifelten Nahkämpfen, um jede Hausecke, um jeden Quadratmeter wird mit Handgranaten und Bajonett gerungen. Durch die ganze Nacht dauern die Kämpfe zwischen den brennenden Häusern der Orte. Gegen die überschweren Panzer stehen aber dem Regiment zur Zeit keine geeigneten Waffen zur Verfügung. Das Regiment erkennt, daß es den Ort nicht halten kann. Der größte Teil des Ortes muß in den Morgenstunden geräumt werden. Der Südwestteil wird gehalten. Noch immer ist das Regiment allein auf sich gestellt, noch am 23. August ist kein Regiment der Division frei, um das Regiment, das nun schon 48 Stunden gegen einen überlegenen Gegner und eine erdrückende Übermacht sich wehrt, zu entlasten. Endlich, am 24. August, kann das Regiment entsetzt werden, das sich in Alexiewka, buchstäblich festgekrallt, gehalten hatte.

Aus dieser Stellung heraus tritt es mit den anderen Regimentern am 24. August wieder zum Angriff an nach Norden in Richtung Mally. Der Soltaabschnitt wird angegriffen. Die Ausgangsstellung, aus der die Regimenter stürmen, ist denkbar ungünstig. Nur ein Teil Alexiewkas ist in unserer Hand, die Linie fällt von dem Ort stark nach Süden ab. Von allen Seiten drücken die Sowjets, die vor allem den Ort zäh verteidigen. Es muß erst der Wald westlich gestürmt werden, um die bedrohte Flanke zu entlasten. Der Widerstand ist hart, das Regiment bricht ihn, überrennt dann Alexiewka, erreicht den Soltaabschnitt und dringt darüber hinaus bis Kerstowo vor. Wiederum müssen zahlreiche Bunker geknackt werden. Die Sowjets sind artilleristisch außerordentlich stark. Sie haben verschiedene Schiffseinheiten und schwere Küstenbatterien eingesetzt, die genau eingeschossen sind. Den ganzen Tag dauern die Luftangriffe der Ratas und Bomber an.

Das Ziel ist erreicht. Der Brückenkopf am Soltaabschnitt ist gebildet. Der linke Flügel stößt im Walde sogleich noch weiter vor bis Kinkeritzi und sichert sich dort igelartig. Er liegt mitten zwischen den Sowjets, die überall im Unterholz in Erdstellungen liegen und sich zäh verteidigen.

Nur wer das Gelände kennt, kann sich einen Begriff von den Leistungen der Männer machen, die sich buchstäblich von Kilometer zu Kilometer, durch Moor, Urwald, Bunkerstellungen, verzweifelt verteidigte Sowjet–Dörfer und wütend vorgetragenen Gegenangriffen der Bolschewisten bis hierher durchbissen. Nicht um hier rasten zu können. Schon am nächsten Tage sind sie wiederum im Angriff.