Kingissepp liegt hinter uns. Die Rollbahn von Kingissepp nach Nordosten ist dem Feuer feindlicher Artillerie und Fliegern ausgesetzt. Noch sind uns die Bilder Kingissepps in Erinnerung. Nun, da wir an der Rollbahn unseren Rastplatz haben und noch die Einschläge feindlicher Granaten und Bomben um uns hören, dringt zu uns die Kunde, Alterbaum sei gefallen. Ja, groß war die Lücke schon in unseren Reihen. Hatte der Pljussa–Übergang doch unsere Gesichter ernst gemacht. Und Kingissepp, der Galopp auf der Straße von Narwa nach Kingissepp und jetzt hier an der Straße haben auch nicht dazu beigetragen, unsere Stimmung froh und goldig zu machen. Sicher gibt es einige, die den Humor und die gute Laune nicht verlieren, aber man ist matschig, wie wir zu sagen belieben.
Am Sonnabend, dem 23. August, kommt der Befehl zu jenem Sonntag, der in unser aller Gedächtnis bleiben wird, ebenso wie der Sonntag von Beaumont (Belgien). Man nimmt den Befehl mit einer gewissen Gleichgültigkeit zur Kenntnis, meint, der Angriff kann so schlimm nicht werden. Die Gefechte am Peipussee, an der Narwa, der Nordigel und nicht zuletzt Kingissepp haben einen bereits bis zu einem bestimmten Grade abgebrüht.
Widerlich ist der Anmarsch zu unserer Bereitschaftsstellung. Alles drängt sich auf der Straße und den Wegen. Damit ist das uns so unangenehme Dichtbeisammensein da. Und als bei aufgehender Sonne in unserem Bereitschaftsraum angelangt sind, hämmert bereits die Artillerie auf die Sowjets ihr ruhiges, unregelmäßiges, zweistündiges Lied. Eben sind die zwei Stunden vorbei, als man das Brummen der JU 88 hört, die ihre Bombenschächte und Bordwaffen in 15 Minuten am Himmel kreisend entleeren. Mit viel Freude beobachten die Landser das Fallen der Bomben aus den Flugzeugen.
Wieder ist die Phase für die Infanterie gekommen. Durch dichtes Buschwerk hindurch, das für unsere Geschütze nicht gerade eine Rollbahn bedeutet, stehen wir vor einem Panzergraben vor Alexiejewka. Heckenschützen und das besagte Buschwerk lassen unser IG nicht zum Schuß kommen, aber man hat ja noch die MP und den Karabiner. Ein Sowjetpanzer am Ortseingang brennt. Unsere Sturmgeschütze, unserem Regiment erstmalig unterstellt, leisten ganze Arbeit. Schnell sind wir durch Alexiejewka hindurch. Sowjetische Flakgranaten detonieren am Nordausgang dieses Dorfes. Der Ort bietet dem Landser gewohnte Bilder: Tote Russen, brennende Häuser, Granat– und Bombentrichter, elende Baracken als Villen und Gehöfte für die Paradiesvögel in der Sowjetunion. Einige Verwundete kommen zurück und hier und da muß einem auch ein Holzkreuz gezimmert werden.
Unsere Artillerie nimmt jetzt schon Sapolje unter Feuer. Hinter den Russen her aber setzen bereits Landser und Sturmgeschütze. Unsere Infanteriegeschütze ziehen wir aus einer Feuerstellung in die andere. Wir können kaum folgen. Das Tempo ist auch schnell. Zügig dringen wir durch Sapolje, deren Katen und Hütten genauso brennen wie im vorher genommenen Dorf.
Und weiter geht der Angriff. Der Bahndamm vor Malli muß überschritten werden. Aber ehe in unsere Feuerstellung bei Sapolje ein Feuerkommando kommt, um den Gegner bei Malli zu beschießen, ist der Bahndamm überquert. Wir kommen mit den Geschützen nach und müssen in Malli die Solka überqueren, einen Bach, dessen Brücke von den Sowjets gesprengt ist. Im Mannschaftszug mit den Geschützen und Russenprotzen durch den knietiefen Matsch im Bach. Steine der gesprengten Brücke hindern auch noch. Und bei allem sitzen die Sowjets noch links der Straße, ihre Waffen auf uns gerichtet. Pak geht dagegen ist Stellung. An Nordausgang von Malli brennt ein Sowjetpanzer. Die verkohlte Leiche eines Rotarmisten hockt hinter dem Durchschußloch einer Sturmgeschützgranate. Auf einem großen Kornfeld aber schießen unsere Sturmgeschütze hinter den laufenden Russen her, die nach Norden fliehen.
Unter großen Eichen an einem Hof sammeln sich die Landser mit ihrem Gesicht nach Kerstowo gerichtet. Keiner ahnt, daß dieser Platz unter den rauschenden Eichen hier an der Straße einmal ein Friedhof werden soll, auf dem unser von uns allen geliebter Vorgesetzter, Leutnant Klein, ruhen wird. Keiner denkt beim Anblick jener steingemauerten Zwiebelturmkirche von Kerstowo, daß man später einmal ein großes Birkenkreuz sehen wird, das die schlichten Worte trägt: Sie fielen für Großdeutschland! Und um dieses große Kreuz sollen viele kleine stehen, umrandet von einem Gitter weißer Birkenstämme. Niemand weiß, daß in der Mitte dieser Weihestätte ein Kreuz mahnen wird: Major Schwarting! Aber noch scheint die Sonne denen, die einmal hier ruhen müssen, und die jetzt Atem suchen, um gleich wieder antreten zu können.
Karte aus der "Front" – Zeitung mit dem Frontbericht
Die Sturmgeschütze kommen wieder und nun wird Kerstowo genommen. Kein Schuß fällt. Unsere IGs folgen den vordersten Landsern. Vorbei geht an der Kirche, die auch dem einen oder anderen nicht in Vergessenheit geraten wird, vorbei an einer weißen Schule, an Häusern und Höfen dem Ortsausgang entgegen. In froher Stimmung sieht man Landser mit Hühnern am Koppel hängen. Manch Infanterist trägt außer seinem MG noch einen Zweig von Johannisbeeren und pflückt die labende Kost in seinen Mund, während er vorwärts stürmt.
Am Nordausgang von Kerstowo schießen wir aus offener Feuerstellung in den Wald, der links der Straße liegt und aus dem Infanteriegeschosse zu uns herüberpfeiffen. Selbst unser schwerer Zug schießt mit einem Geschütz von dort auf den Waldrand des Feindes. Die Sturmgeschütze feuern in besinnlichem Tempo in die Linie der Sowjets, dem nun einsetzenden Feuer überschwerer Granatwerfer von Zeit zu Zeit ausweichend.
In den Angriff gerät ein Stocken. Vier Dörfer sind nun schon in unserer Hand. Jeder Meter Boden muß erkämpft werden. Rechts und links, die Flügel unserer Division, IR 209 und 220, halten nicht das Tempo. Wir müssen verhalten. So will man aus der massierten Angriffsform die gestaffelte Verteidigung bilden. Und beim Durchführen dieses Planes setzt das Feuer der überschweren Granatwerfer auf die Landser in Kerstowo ein. Unser IG-Zug befindet sich gerade an der weißen Schule, als das kurze Sausen mit dem anschließenden mörderischen Bersten beginnt. Hier und da, überall ein Einschlag, dort wieder, schon hört man den durch alle Glieder gehende Schrei nach Sanitäter. Unbarmherzig wüten die Wurfgranaten weiter in den Reihen der Soldaten. KRIEG!
Draußen liegt ein Soldat. Sein Gehirn hängt aus dem Hinterkopf. Mit großen, klaren Augen blickt er uns an. Ein Sanitäter tritt zu ihm. Er soll verbunden werden. Aber er wehrt ab. Klar und laut sagt er: "Ich weiß doch, daß ich sterbe". Der Sanitäter will einen Einwand erheben. "Ich weiß doch, daß ich sterbe" hört der Sanitäter abermals. Und im Straßengraben hockt ein Landser. Ein Sanitäter verbindet ihn. Diesem Verwundeten riß ein Splitter den Unterkiefer fort. Grauenhaft ist der Gaumen mit dem Oberkiefer anzusehen. Stumm erträgt der Landser die Qualen. Schon strömen die Leichtverwundeten der besagten Zwiebelturmkirche zu. Auf der Straße humpelt Sieverding. Ihn traf ein Splitter am Bein. Am Wege steht weinend ein Obergefreiter, man sieht genauer hin; es ist Bick. Stumm weißt er in eine Scheune. Wir treten ein. Die Tränen kommen jetzt auch uns. Erschütternd ist das sich uns bietende Bild. Leutnant Klein ist tot. Mit ausgebreiteten Armen liegt er auf dem Rücken am Boden. Seine Brille sitzt auf der Stirn. Die großen, klaren Augen blicken gebrochen ins Leere. Hellrot ist das Blut, das ihm aus dem Schädel rinnt. Über ihn sind die Schindeln hinweggefegt. Eine Granate krepierte dort, soviel Unheil spendend. An der Tür der Scheune liegt ein Toter: Wilhelm Schröder. Zusammengekauert, vor den Granaten der Sowjets Schutz suchend, hat es ihn erwischt. Feldwebel Geissler, Unteroffizier Leimbach und noch viele andere sammeln sich in der Kirche, die wir vor einigen Stunden frohgelaunt passierten.
Wir suchen die Reste der Leute zusammen, nehmen die Geschütze und strömen rückwärts in unsere Feuerstellung dicht bei der Kirche. Die Gesichter zeigen den Ausdruck des Ernstes. Bei der Schule aber sieht man wieder Einschläge der Wurfgranaten. Das Schicksal bestimmt die Toten, die in Malli unter den Eichen ruhen sollen.
Gegen Abend ist der Befehl zu erneutem Angriff da. Noch vor Anbruch der Dunkelheit tritt die Infanterie an, Die Sturmgeschütze schießen, MGs hämmern, und unser schwerer Zug hält eifrig auf den Waldrand, der rechts der Straße liegt. Bis auf 100 m kommen die Infanteristen an den Wald. Nur die bekannten Granatwerfer streuen im Feld umher. Aber da setzt die Abwehr der russischen Infanterie ein. Laut und vernehmbar hört man in der nun eingetretenen Dämmerung die in der Lautstärke auf– und abschwellenden Maschinengewehre, deren Mündungsfeuer teilweise in den Bäumen des Waldes zu erkennen sind. Schwere Maschinengewehre jagen einige Gurte in die Richtung auf die Bäume, aber der Wald bleibt in russischer Hand. Die Landser, deren Angriffsstimmung durch die Tage des Kampfes auch nicht mehr die beste ist, bleiben im Straßengraben liegen. Plötzlich sieht man die vier violetten Streifen am nächtlichen Himmel, die Panzerwarnung bedeuten. Pak geht in Stellung. Und mitten in der Nacht kommt der Befehl zum Zurückziehen auf Kerstowo. Alles strömt auf der Straße in das Dorf. Die Sturmgeschütze nehmen den Wald unter Feuer und decken so den Rückzug. Und während wir mit kaputten Füßen, mit verstaubten Gesichtern, uns gegenseitig helfend zurückfluten, da vernimmt man das Brummen von Feindflugzeugen. Schon sieht man die Fäden ihrer Leuchtspurmunition auf Kerstowo wandern. Die Straße erhält einige Treffer ihrer Bordwaffen. In den Landserhaufen, der müde durch die Strapazen des Sonntags nach Süden tastet, kommt Bewegung. Die Ratas lassen die Krieger laufen, einige gehen gleichgültig weiter.
Jetzt kommen wir auch hinter des Rätsels Lösung, weshalb unser Zug mit den Geschützen nicht nachkam. Beim Folgen lief der Zug direkt in das Feuer sowjetischer Maschinengewehre. So waren deshalb Feldwebel Eberhardt und Unteroffizier Baumrich, die dem Zug voran gingen, jetzt schon in jener Zwiebelturmkirche von Kerstowo.
Die Nacht dient zur Neuaufstellung der Züge. Die letzen Leute des II. Zuges werden auf die übrigen verteilt. Leutnant Alsen übernimmt den I. Zug. Hesing und Brand–Sassen kommen zu uns. Den Rest der Nacht verbringen wir tiefschlafend in den mühsam gegrabenen Erdlöcher. Etwas Wodka beruhigt schnell die Nerven.
Und als die Sonne des 25sten August über den Horizont blickt, da ist schon der Befehl da, auf den man wartete: Angriff! Mit einer Selbstverständlichkeit nimmt man ihn zur Kenntnis. Die Artillerie setzt schon ihre Gruppen auf den Wald, der gestern Abend noch in russischer Hand war. Flieger erscheinen wieder, wie schon gestern. Wie immer nach Angriffsvorbereitungen geht jetzt die Infanterie vor. Aber der Wald rechts der Straße ist nun frei von Russen. Jetzt sitzen die Bolschewisten an der Straße und links davon im Wald und in den Kornfeldern. Die Artillerie setzt Abpraller über die Kornfelder, aber die Russen geben nicht nach, sie sind heute besonders zäh. An der Straße schießen selbst noch Russen, als deutsche Soldaten schon vorbei gestürmt sind. Es sind Marinesoldaten. Nur einige werden gefangen genommen, die Landser sind zu vergrellt.
Im direkten Beschuß schießen wir von der Straße mit unseren Geschützen nach links, wo man Russen laufen sieht, während vor uns Kikeritzi brennt.
Mit den Sturmgeschützen und der Infanterie kommen auch wir in das Flammenmeer von Kikeritzi. Kaum sind wir durch dieses Dorf, als der Ruf von Landser zu Landser ertönt: "Pak nach vorne". Auf Fahrrädern eilen Melder. Eine Aufregung durchgeht die Soldaten. Aber ehe noch die Pak einen Sowjetpanzer erledigt hat, arbeitet die Bedienung eines Sturmgeschützes mit Präzision. Ein Sowjetpanzer erhält nach dem anderen seine todbringende Granate, jedesmal rückt das Sturmgeschütz in die Richtung des nächsten Panzers vor. Die Landser werden wieder ruhig. Sie haben doch ihre Sturmgeschütze, was brauchen sie Pak? 15 Sowjetpanzer brennen.
Der Angriff aber geht weiter, über einen Panzergraben hinweg in den nächsten Tag hinein.