Koporje (Der Weg von Höhe 92,6 bis Koporje)
Vom 29. August bis 02. September 1941

In freudiger Stimmung verlassen wir die Höhe 92,6 bei Kotly. Die 95. Division hat uns abgelöst. Endlich ist die langersehnte Ablösung da, auf die wir schon seit Narwa warten. Nun gibt es nur noch eins: Schnell heraus aus dem Schlamassel. Und welche Vorstellungen machen wir uns: Endlich einmal Ruhe, sich ordentlich waschen können, seine Sachen auf Schwung bringen. Sicherlich, das würde einem gut tun nach den Tagen des Kampfes.

An der Straßenkreuzung Kotly – Mally – Koporje – Westen sammelt sich die Kompanie. Man bestaunt den vom III. Zug vernichteten Russenpanzer, der viele Einschläge von Pak, I.G. und Panzerbüchsen zeigt. Oberleutnant von Kempski führt die Kompanie an Artilleriestellung vorbei in einen Rastraum. Gerade will man sich häuslich einrichten, man ist ja hinten, als ein neuer Einsatzbefehl da ist. Zerschlagen sind alle Hoffnungen, die nicht einmal zwei Stunden bestanden.

Es gilt einen Brückenkopf zu sichern. Des öfteren haben die Russen hier schon angegriffen, heute am 29. August. Aber ihre Explosivgeschosse und Granatwerfer können die Landser nicht erschüttern. Ein deutsches Flakgeschütz hat einen Volltreffer erhalten, es steht direkt auf der Straße. Mit unseren Infanterie–Geschützen legen wir ein Störungsfeuer in diesen Dschungel. Beobachtet kann man nicht schießen.

Das Wetter ist seit Höhe 92,6 recht unfreundlich. Regen hat unsere Kleider und Zeltplanen durch-näßt. Und nachts ist es kühl. Nie ist es uns recht. Entweder brennt die Sonne vom Himmel aber der Regen macht’s ungemütlich. Aber das nasse, kalte Wetter ist wesentlich unangenehmer als der staubige, heiße Sonnenschein.

Der Abend sieht uns auf der Straße, die nach Koporje führt, einem Dorf, das wir in der Nacht erreichen. Die Landser schlafen in den Häusern, die von den Zivilisten geräumt sind. Und zwischen den Johannisbeerbüschen und den Gurkenbeeten wählen die Landser, ob sie lieber schwarze oder rote Johannisbeeren essen sollen. Allein der Regen hält die Krieger nicht zurück, sich den Magen mit roter Grütze zu füllen. Und als der Regen etwas nachläßt ziehen wir weiter. IR 220 liegt vorne. Aber sowjetische Artillerie deckt auch die rückwärtigen deutschen Linien ein. Verwundete kommen zurück, alle haben ihren Verwundetenschein am Rock oder Hals. Tote deutsche Soldaten, Granattrichter, sowjetische Gefangene und das Grollen der Geschütze vor uns, neben uns, lassen die dicke Luft erkennen.

Das Bataillon zieht weit auseinander gezogen im Straßengraben vorwärts. Unsere Geschütze folgen hinter ihm. Granatwerferkarren schieben sich hier und dort ein. Links will Artillerie in Stellung gehen. Aber da hört man Abschüsse. Jetzt ist eine leichte Feldhaubitze gerade in Feuerstellung gefahren. Die Fahrer sitzen noch auf. Da ducken sich die Soldaten auf den Pferden, und man sieht den Einschlag einer schweren Sowjetgranate direkt in der Feuerstellung. Qualm des Geschosses verhüllt das nun entstandene Bild.

Rechts der Straße liegen jetzt auch Einschläge. Überall zieht Rauch fort. Bei jedem Bersten einer Granate liegen die Krieger flach. Aber immer wieder hört man das Heranpfeiffen weiterer Granaten. Die Landser beginnen zu laufen, sie wollen durch das Feuer durch in das nächste Dorf. Russische Ratsch–Bumm–Geschütze lassen hier und da ihre Granaten krepieren, deren Kommen man nicht hört. Und durch die Fontänen der Granaten, durch die vom Himmel fallenden Brandgeschosse hindurch laufen die Infanteristen. Wie auf ein Kommando legen sie sich hin, wenn wieder die Luft erzittert durch die Tätigkeit eines feindlichen Geschützes. Wieder ein Einschlag. Die Erde bebt. Rechts von uns steht die Säule von Dreck und Qualm einer Granate, zweihundert Meter entfernt. Ein Schrei, wir eilen zu dem Verwundeten, es ist Unteroffizier Kässler. Aber er rafft sich auf und läuft weiter bis wir zwischen Häusern und unter B–Wagen der Sturmgeschütze Deckung suchen. Müllerstedt, unser alter Sanitätsmann, hat viel Arbeit gefunden. Zwischen Pferden, denen die Därme aus den Bäuchen hängen, verbindet er. Das Blut einiger Pferde, vermengt mit dem Regenwasser, breitet sich über einen Weg des Dorfes. Unerbittlich rollen aber die schweren Koffer der Sowjets in diesen Ort. Man sieht Gefallene liegen.

Und weiter ziehen wir. Die linke Flügelsicherung ist unser Auftrag. Wir stellen unsere Geschütze hin, sichernd an einer Dorfstraße und gehen in Deckung. Aber die kampfgewohnten Landser ruhen nicht. Während ein Protzkraftwagen der 14. Kompanie brennt, dessen Munition krachend auseinander geht, suchen die Landser nach Hühnern und sonstigen Beutesachen. Einige haben Bienenkörbe entdeckt. Ein Oberfeldwebel schleppt mit einem quiekenden Ferkel umher und verlangt ein Messer. Andere schnüffeln nach vergrabenen Schätzen, die die Zivilisten retten wollten. Schon lodern ein paar Feuer, die Landser wollen schmausen, als der Russe seine Geschütze wieder Sprechen läßt. Erst einige Verluste müssen zeigen, daß das Hühnerbraten mit Blut bezahlt werden muß.

Unser Zug hat keinen Unteroffizier mehr, deshalb kommt Unteroffizier Kleinecke vom schweren Zug zu uns, um den Stellungs–Unteroffiziersposten zu übernehmen. Unsere Fahrer bringen uns Verpflegung, es gibt Bonbons und Keks, da freuen wir uns.

Und wieder geht es weiter, weiter Koporje entgegen. Vor uns erstreckt sich ein Tal; Bäume, Buschwerk, Gartenland und eine brennende Mühle liegen in ihm. Von rechts nach links schlängelt sich ein Bach durch die Senkung, dessen Wasser einmal die Mühle speiste. Die Brücke der Straße über den Bach ist gesprengt. Das Bataillon, dem wir unterstellt sind, soll diesen Brückenkopf sichern. An der Mühle, dessen Fundament noch steht, gehen wir in Stellung. Wie schon so oft, in diesem Gelände können wir uns nur auf Störungsfeuer einrichten. Wer will auch in diesem Gestrüpp von Baum– und Buschwerk beobachtet schießen können? Kaum stehen unsere Spritzen, als einige schon Kartoffeln aus der Erde kriegen. Neuhoff, unser Dauerorganisator, macht einen Spähtrupp und kommt mit einem Schinken zurück. Auf Grund seiner Kochkenntnisse und seiner aufopfernden Zähigkeit bekommen wir am Abend Pellkartoffeln mit gebratenem Schinken. Gerade das tut einem gut. Kommt das Essen unserer Feldküche doch immer recht unregelmäßig, oft bleibt es auch ganz aus und manchmal ist es nicht so reichlich, wie man es gern hätte. Dann aber springt Neuhoff ein, immer hat er etwas zu knabbern oder zu braten.

Gegen Abend schießt der Russe wieder. Seine Granaten sitzen genau an der Brücke, und während wir uns das Essen gut schmecken lassen, hören wir, Leutnant Alsen und Brand–Sassen seien verwundet. Nur kurze Zeit waren sie bei uns im I. Zug.

An nächsten Morgen führt uns unser neuer, alter Zugführer, Leutnant Münstermann, in den neuen Angriff hinein. Wir müssen an einer Höhe vorbei, die von den Sowjets unter Feuer genommen wird. Es gilt mehrere Dörfer zwischen der Rollbahn und der Bahnlinie zu nehmen. Aber hier haben wir Glück. Der Gegner bietet keinen nennenswerten Widerstand. Unsere Geschütze ziehen wir wieder aus einer Feuerstellung in die andere, immer bereit, auftretenden Feind sofort zu bekämpfen. Aber wir brauchen nicht zu schießen, unsere Infanterie kommt gut und ohne Verluste voran.

Eine große Schlucht mit einem Bach macht uns noch zu schaffen. Dann kommt noch ein Panzergraben, den wir überqueren müssen. Im Dorf sucht alles gleich wieder nach Johannisbeeren, Gur-ken und Hühnern. In einem geheizten Haus verbringen wir ruhig die Nacht.

Der nächste Tag bringt wieder den Befehl zum Angriff. In ruhigem, besinnlichen Tempo dringen wir von Dorf zu Dorf. Einige Ratsch–Bumm–Granaten verirren sich im Gelände. So kommen wir bis dicht vor Koporje, wo wir uns in einem Dorf häuslich einnisten.

Und während die meisten für ihr leibliches Wohl sorgen, beobachten die Posten den Feind. Nördlich von uns sieht man den finnischen Meerbusen, auf dessen Wasser brennende Schiffe schwim-men. Von dieser Höhe haben wir einen herrlichen Überblick über das tiefer liegende Land bis zur Küste. Man sieht einen Angriff deutscher Flieger auf die Küstenstraße. Viel Rauch und Qualm bestätigen, daß die Bomben keine Blindgänger waren. Zu unseren Füßen sieht man die Linie der Bahn. Sie fährt durch die großen Nadelwälder und einige Lichtungen von Kotly über Kransnaja Gorka und Peterhof nach Leningrad. Plötzlich werden die Posten aufmerksam. Hinter dem Bahndamm ziehen sich Russen zurück in Richtung Leningrad. Das ist für uns ein gefundenes Fressen. Fast alle Munition muß dran glauben, den bataillonsstarken Sowjethaufen anzusprechen. Einige schwere Maschinengewehre stimmen mit ein in unsere Kriegsmusika. Die Russen kommen durcheinander, leider verhüllt der Rauch unserer Granaten die genaue Beobachtung. Aber das macht unseren IG–Leuten einmal richtig Spaß. Die Verschlüsse klappten immer nur. Leise schlitterten unsere Granaten zum Bahndamm, Wirkung erzielend.

Der späte Nachmittag dient ganz der Magen – und Körperpflege. Ein "preußischer Offizier" (Ltn. Münstermann) gräbt bei Regen, den Stahlhelm auf dem Kopf, nach Kartoffeln, während andere die Hühner bereiten. Aber auch die Nacht, nach guter Hühnersuppe, verläuft wie im tiefen Frieden.

Jedoch der 2. September meldet sich unfreundlich an. Russische Ratsch–Bumm Batterien schießen Schrapnells und gewöhnlich Granaten. Man zieht es deshalb vor, die Häuser nicht zu verlassen! So unangenehm der Morgen aber ist, so behaglicher ist der Vormittag. Unser Neuhoff steht am Herd und löst das Problem der Sättigung mit Pfannkuchen für unseren Zug. Auf Tellern serviert er das Mahl, mit Kirsch– oder Johannisbeerkompott erweitert.

Am Mittag platzen einige Granaten direkt in das Pfannkuchenessen hinein. Unsere Russenprotze erhält zum dritten Male Treffer durch Granatsplitter. Fünf unserer Granaten, die wir im Garten gestapelt hatten, sind unbrauchbar. Ein Granatsplitter hat eine Infanterie–Granate durchschlagen. Wir studieren eifrig deren Konstruktion. Am Nachmittag widmen wir uns nun den Angehörigen, Briefe wurden gelesen und geschrieben. Jeder weiß etwas anderes zu schreiben. Einer blickt auf den finnischen Meerbusen und ist beeindruckt von der Herrlichkeit des Naturbildes. Er versucht dies seiner Mutter, 2500 km entfernt, zu schildern. Ein anderer schildert seiner Frau von den schönen Pfannkuchen, die ihm wie von seiner Frau gebacken schmecken. So hat er ja allen Grund, ihr dieses zu berichten. Der dritte denkt zurück an den 30. August und läßt den Tag in sich im Brief widerspiegeln. Auch ist einer, der auf Urlaub hofft, und seiner Frau Lieder vom Frieden singt.

Der Abend bringt die Ablösung wieder wie vor Kotly. Besser gesagt: Die Lösung vom Feind hier, um dort wieder mit ihm Fühlung aufzunehmen. In der Nacht zieht das Bataillon über ein Feld, das Regiment sammelt. Russenflieger summen am Himmel. Und jetzt schweben die Striche ihrer Leuchtspurmunition nur langsam tiefer. Die Landser suchen Deckung auf dem Feld. Der Russe schießt zu kurz. Das Gebrumm bleibt hinter uns. Und vor den Mond schieben sich Wolken, es wird dunkler. Zeltbahnen schützen die Landser gegen die Kälte, zum ersten Male friert es. Das Regiment aber tritt erneut an, Gegen die Sowjets.