Die Sonne des 28. September lachte am Himmel, der blau und wolkenlos über uns steht. Die Kühle des Morgens verjagt ganz die letzte Müdigkeit, die vom Schlafen her noch in den Gliedern steckt. Da schöpft man tief Atem, um so richtig das Wetter und die sich bietende Herrlichkeit zu genießen. So blickt man um sich und sieht das Bild, das sich seit dem 18. September schon in vielen Variationen zeigt.
In einer großen Ebene, die sich süd– und südostwärts von Urisk (?) erstreckt, durch Sümpfe, Kusseln und einen Bach unterbrochen, führt ein Weg zu einen zaunumstandenen Bauwerk. Mehrere grün angestrichene Häuser und ein Turm ragen aus der Fläche. Hohe Holzmasten verraten etwas von Elektrizität, von Radio. Aber alle Enträtselungskünste lassen diese Gruppe von Gebäuden, einen Turm und Schuppen nicht definieren. Der Turm dieses Werks diente einmal zur Wasserversorgung. Jetzt ist er unsere B–Stelle. Etwa einhundert Schritte entfernt ist unsere Feuerstellung, aus der wir schon manche Granate dem Feinde sandten. Die Bedienungen in Bunkern und einem Schuppen, in dem Radioapparate gestapelt waren. Die Pferde, zwei Panjepferde, Backenstief und Krapüll (?) sind im Stall. Jeden Abend müssen sie raus, Munition und Verpflegung holen.
Vom Turm aus haben wir eine herrliche Aussicht. Wir überblicken nicht nur das Vorgelände, in dem manch Russe, seine Zeltbahn umgehängt, umherläuft, sondern haben auch einen Einblick in die Stadt vor uns. Hinter dem Handtuchwäldchen erheben sich die Türme der Kathedralen und Zwiebelturmkirchen. Die goldene Nadel überragt alle Gebäude des alten St. Petersburg. Weiter rechts steht ein riesiges Bauwerk sowjetischer Baukunst. Ein Sowjetpalast. Und weitere Komplexe sollen Zeugnis ablegen von dem Aufbauwillen der Bolschewisten, den Ausländern zur Schau. Gewaltig stehen die Giganten von Leningrad neben den Flugzeughallen, die sich weiter rechts hinziehen. Und ganz links erstrecken sich die Dockanlagen des "Fenstern nach Europa", man sieht Krane und leider auch qualmende Essen.
Der Wasserturm kurz nach der Einnahme
Aber die ruhige Zeit ist nun vorbei. Zehn Tage haben wir hier wie im Frieden gelebt. Kein Schuß fiel in unser Werk, nur die Essenholer und Melder mußten unterwegs sich manchmal hinlegen. Und als der Abend das Licht des Tages verdunkelt, da hört man erstmalig die neue russische Waffe: Die Raketenbatterien (später die Stalinorgel). Viele Abschüsse zugleich und hintereinander und dann 30 bis 60 Einschläge in einem Fort an einer Stelle. Dies ist der Beginn einer neuen Phase in der Zeit im Werk.
Die Nacht zum 29. September ist nicht die ruhigste. Nachts, gegen 2,00 Uhr weckt uns das Geplänkel von Gewehren und MGs. Der Melder kommt und bringt den Befehl: Erhöhte Gefechtsbereitschaft! Aber bald tritt wieder Ruhe ein, nur die russische Artillerie läßt den Himmel hin und wieder erhellen. Im Morgennebel, nach erneutem feindlichen Artilleriefeuer setzt das Geknatter russischer Infanterie wieder ein. Der Nebel nimmt uns jede Sicht. Störungs– oder Sperrfeuer schießen können wir nicht, jede Kompanie hat noch Spähtrupps draußen. Bald ist die Sicht besser und wir erkennen vor Urials (?) acht feindliche, schwere Panzer. Jetzt lassen wir unsere Geschütze sprechen. Die Granaten sitzen genau in den Schwärmen der Sowjetschützen. Das Feuer ist immerhin so wirksam, daß die Bolschewisten von uns ablassen und sich mit den Regimentern 209 und 220 befassen. Leider können wir nicht den gesamten Feindangriff überblicken, aber vor dem Bahndamm kommt der Russe nicht voran. Eifrig schießen die grünen Motorungeheuer. 11 Paktreffer können einem Panzerkoloss aber nicht erschüttern. Eifrig schießen die 21 cm–Mörser auf die Panzer, so daß sogar uns die Splitter erreichen. Die Panzer schießen und schießen. Immer wieder blitzt aus ihren Türmen, aber die russische Infanterie kommt nicht voran, dank der Awehr von IR 220, Artillerie und nicht zuletzt unseres Zuges. An die 200 Granaten sind aus unserem Munitionsbestand verschwunden.
Und ab heute ist es unsicher geworden in unserem Werk. Einige 7,5 cm Geschütze haben hinter dem Handtuchwäldchen ihre Rohre auf uns gerichtet. So sieht man jetzt nur noch laufende Landser. Vorbei ist das Bild, daß einer, einen Roman in der Hand, draußen in der Sonne sitzt und sich die frische Luft in die Lunge zieht. Vorbei ist der ruhige Schritt der Landser, nur mit Feldmütze bewaffnet, Essen zu holen. Ja, jetzt kann man nicht einmal mehr in Ruhe seien menschlichen Bedürfnissen nachgehen; das ist bei der unregelmäßigen Verdauung sehr peinlich. Aber trotz allem ist die Laune gut, sogar ausgezeichnet.
Am Morgen des 30. Septembers erkennen wir bei den uns allen zum Begriff gewordenen abgebrannten Häusern schanzende Russen. Unser kriegerisches Wirken auf diese Russen müssen wir bezahlen. Sofort meldet sich die 7,5 cm–Konkurrenz von der anderen Seite und landet eine Salve genau oben in unseren Turm. Oben passiert wie durch ein Wunder nichts, unten aber hat es unseren lieben Müllerstedt getroffen. Als alterfahrener Sanitätsmann läßt er sich es nicht nehmen, selber den Stiefel aufzuschneiden und sich zu verbinden.
Jetzt ist es so geworden, daß keiner mehr Verlangen nach irgendwelcher Lektüre hat. Der Russe sorgt zur Genüge für Abwechslungen. Am Abend besuchen drei russische Panzer unser Werk und dessen Umgebung. Ein 32–Tonner fährt hinter unserer 3. Kompanie umher. In der Dunkelheit kann er aber nichts anrichten. Infanterie der Sowjets sind nicht bei ihm. Die Verwundeten, die der Panzer machte, sehen allerdings gräßlich aus; der Arzt sagt, so etwas hat er noch nicht gesehen!
Der 1. Oktober bringt ständig russische Infanterieangriffe, die aber von unseren abgebrühten Landsern spielend abgewehrt werden. Die Landser machen sich aus ihren leichten MG schwere und das auf einfache Art und Weise. Einer schießt und der andere hebt vorne die Gabel und schwenkt immer nur von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Da vergeht den Russen schon das Herauskommen.
Unser Wasser zum Waschen und Kartoffelkochen nehmen wir immer aus den Granattrichtern und Pfützen, die hier rund um unseren Turm liegen. Da erklärt es sich, daß einmal auch deren Wasser-inhalt verbraucht ist. So sind wir ganz "froh" darüber, als am Morgen des 2. Oktobers einige Koffer in unser Werk fallen und riesige Wasserlöcher rissen. Der Turm büßt einige Fensterscheiben ein und wackelte ganz erheblich.
Dieses ist aber nur der Anfang von einem recht interessanten Tag. Russische Panzer und Artillerie sorgen dafür, daß wir uns nicht groß machen. Wieder rollen die Panzer vor und den Weg bahnend für die Sowjetschützen. Aber sie rechnen nicht mit den deutschen Pionieren, die in der vergangenen Nacht Minen legten. Stolz rollt der erste Koloß auf unsere Stellung zu, da erfolgt eine helle Stichflamme, ein Knall und die folgenden Panzer schalten den Rückwärtsgang ein. Jetzt, da der erste Panzer brennt, haben sie den Mut verloren. Wütend schießen sie wie wild in die Prärie.
Nun kennen wir aber die russischen Theaterstücke schon. Der Morgen des 3. Oktobers ist erfüllt von den Granaten der Sowjets. "Alarm" wird befohlen. Überläufer erzählen uns, daß ein Russenbataillon den Auftrag hat, uns aus dem Werk zu treiben, und da ist es kein Wunder, daß man von uns etwas will. Wir haben darüber nun auch noch ein Wort zu sagen, ob wir hier heraus wollen oder nicht. Da sagen unsere MGs und Gewehre, unsere Artillerie und unser Zug es den Russen ganz genau, was wir dazu meinen. Er muß aber wütend klein bei geben.
Am 4. Oktober nach vielen Abenteuern und Verteidigungsmaßnahmen, nach Ausfällen und interessanten Erlebnissen kann das I. Bataillon die stolze Bilanz ziehen, drei Offiziere und 118 Mannschaften in dieser Stellung gefangen genommen zu haben. Das ist eine kampfkräftige Kompanie!
Die Nacht zum 5. Oktober kann uns trotz "Alarm" und "erhöhte Gefechtsbereitschaft", sogar "höchste Gefechtsbereitsschaft" nicht aus der Ruhe bringen. Der Russe kann uns einmal gern haben. Böse Zungen sagen sogar etwas von der "allerhöchsten Gefechtsbereitschaft". Aber der Tag will nicht, daß wir einmal frische Luft schnappen. Immer und immer wieder beehrt uns ein Panzer außer der gewohnten Artillerie. Dazu kleckern einige Granatwerfer in unser Werk, das nun schon anders aussieht, als wir am 18. September hier einzogen.
Am 6. Oktober versuchen drei Russenbataillone uns aus unserem Werk zu werfen. Bis dicht an den Bretterzaun kommen die Sowjets. Die Handgranatenzugsperre und unser MG Posten alarmieren uns sofort. Automatisch und gewohntermaßen wickelt sich die Abwehr ab. So einige Abpraller von uns stehen über den Kusseln, den Russen nicht zum Vergnügen.
Und bis zum 11. Oktober ist es immer wieder der gleiche Film. Der Russe knallt mit Artillerie, Panzern, Granatwerfern und sogar Feuerspuckern, die wir schon vom 30. August her kennen. Aber dieser Beschuß hat seine Spuren hinterlassen. So manche Granattrichter ist hinzugekommen. Der Zaun ist nicht nur von den Landsern zu Brennzwecken abgebrochen worden, sondern einige Granaten haben sich auch an ihm verirrt. So gingen zwei in unmittelbare Nähe unserer Anstalt für menschliche Bedürfnisse. Gottlob war keiner darauf, als zwei Panjepferde von den gleichen Granaten ihr Leben ließen. Auch unsere Panjepferde liegen jetzt tot in dem Radioschuppen. Die anderen beiden sind nach hinten gekommen.
Unser lieber Turm hat sich auch leicht verändert. Oben ist der Einschlag der "Müllerstedtgranate" zu sehen, tiefer sieht man die vielen Treffer der Panzergranaten, die die Steine nach innen leicht eindrückten. Und um den Turm sind die Trichter der großen Sachen vom 2. Oktober. Im Hause des Bataillons hat ein Koffer ein Loch in einer 90 cm starken Mauer gerissen. Steine und anderer Schutt liegen verstreut umher. Große Löcher und Risse haben sich an den anderen Gebäuden eingestellt, alles dank der eisernen Sowjetgrüße. Oft sieht man auch in diesen Tagen eine Trage getragen von vier Mann. Und auf der Trage liegt einer, verwundet. Aber in allen Stunden des Ernstes ist immer die Ruhe und gute Laune vorhanden. Oft trägt etwas Alkohol viel zur Stimmung bei, und das ist in den meisten Fällen zur positiven Seite.
Der Wasserturm nach Beschuß mit schweren Geschützen und von Panzern
Gerade in dieser Stellung am Turm lernen wir die Russen so richtig kennen. Interessant sind die Erlebnisse mit den Gefangenen und Überläufern. So kam es vor, daß Wachtmeisters Kohns Abteilung schoß durch Anweisung eines russischen Unterleutnants. Gottlob sagen die Russen auch immer vor einem Angriff Bescheid. Ein paar Überläufer berichten uns ständig über die Stärke, die Angriffsabsichten und die Wirkung der deutschen Abwehr. So bekamen wir sehr bald heraus, daß beim Russen einfach tolle Zustände herrschen. Es ist eben nach Dichters Wort: Ein jedes Volk trägt Siegel nach dem Rang.
Und als wir am 13. Oktober die Stellung einem Zug von
IR 220 überlassen, da ziehen wir zum Troß. Unrasiert, schmutzig,
die Mäntel und Hosen lehmig zieht der Haufen auf der Rollbahn nach
Krasnoje Selo. Das Bild ist eben: Abgelöst. Keiner von uns aber, wird
je diese Stellung am Turm, am Elektrizitätswerk vergessen.
Anmerkungen:
Zu dem vorstehenden Bericht gibt es noch zusätzliche
tageweise Aufzeichnungen, die am 29. September 1941 beginnen und am 03.
Januar 1942 enden. Die Schrift, auf russischem und vergilbten Papier, ist
sehr schlecht geworden, trotzdem versuche ich, die Übertragungen.
Bezüglich der Orts– und Familiennamen gilt auch das im Vorwort genannte.
Diese Aufzeichnungen finden Sie in den nächsten Kapiteln.